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2
SWR2 Tandem - Manuskriptdienst
Kinder reisen aus
Autor:
Sarah Krüger
Redaktion:
Jens Jarisch (rbb)
Redaktion:
Karin Hutzler (swr)
Regie:
Antje Vowinckel (rbb)
Sendung:
Montag, 15.12.14 um 19.20 Uhr in SWR2
__________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
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1
MANUSKRIPT
Kinder reisen aus
Feature von Sarah Krüger
Produktion: 14.-17.10. T5
Besetzung
Sprecherin 1
Überschrift Stasi-Akten, Katrin Jaehne
Sprecher 2
Stasi-Akten, Oliver Brod
Kind Sarah
6 Jahre, Senta Weismann
Kind Julia
9 Jahre, Eda Elicekli
Kind Felicitas
4-5 Jahre, Naema Faika
2
Sprecher 1
Sprecher 2
Ministerium für Staatssicherheit. Aktennotiz
Hannelore Krüger hat am 13.3.84 in der Abteilung Inneres/Mitte einen
Antrag auf Aberkennung der DDR-Staatsbürgerschaft gestellt und um
Ausreise nach Westberlin nachgesucht. Es wurde zugesichert, dass ihr
Antrag bearbeitet wird, und sie in vier bis sechs Wochen Bescheid erhalten
wird.
Sarah OT 1b
Also, meine Mutter hat nicht zu mir gesagt, „Sarah, wir reisen bald in den
Westen aus“. Ich denke mal, dass ich wußte, es gibt den Westen und den
Osten, so , und dass wir nicht rüberdurften und dasss halt anstand, dass wir
umziehen
Ansage
Kinder reisen aus. Feature von Sarah Krüger
Sprecher 1
Volkspolizei – Inspektion Mitte. Ermittlungsbericht zum Ersuchen eines
Antrages auf Übersiedlung nach Berlin-West.
Sprecher 2
Berlin, den 03.04. 1984 .
In der Habersaathstr. 24 bewohnt die Krüger in der ersten Etage eine
2-Zimmer-Neubau-Wohnung. Diese ist nur dürftig eingerichtet und
hinterlässt einen schmuddeligen Eindruck.
Kind Sarah
Mein Zimmer ist immer aufgeräumt. Ich räume gern auf.
3
Sprecher 2
Der Hausmeister teilte mit, dass die K r ü g e r oft Personen empfängt, die
vermutlich sich ebenfalls als „Pazifisten“ bezeichnen (ungepflegte
Kleidung, lange Haare usw.). Zu ruhestörendem Lärm ist es bis jetzt noch
nicht gekommen. Die Überprüfung der Unterlagen ergibt weiterhin, dass
die K r ü g e r im Jahre 1981 ihren staatsbürgerlichen Pflichten nicht
nachkam. Gründe dazu sind nicht bekannt. In der gesellschaftlichen Arbeit
beteiligt sich die K r ü g e r weder im Wohnhaus noch im Wohngebiet. Zu
den anderen Mietern im Wohnhaus hat sie keinen Kontakt. Durch den
Hausmeister wird die K r ü g e r als eine Person bezeichnet, die nicht ganz
richtig läuft und nicht normal ist, - „hat kaputte Ansichten“. Der
Kindesvater - S c h u s t e r, Sebastian- hält sich öfters- nach Auskunft des
Hausmeisters- in der Wohnung zu Besuch auf. Der Kontakt zu dem Kind S a
r a h .....
Kind Sarah
Sprecher 2
OT 2 Julia
Das bin ich.
…kann nicht eingeschätzt werden.
Die ersten Jahre, ich glaube die waren so recht, recht normal, also so
Kleinstadt Halle, normal Kleinfamilie, zu dritt, mein Vater arbeitete damals
in den Leuna-Werken, hatte so ‘nen Schichtdienst, seitdem ich denken kann
und meine Mutter hat als Lehrerin gearbeitet, damals Russisch und Deutsch.
OT 3 Julia
Ich bin Julia Glasewald, geboren wurde ich in Halle. Heute bin ich
Schauspielerin und arbeite am Theater in Marburg.
4
OT 4 Julia
Bei uns zu Hause lief das Fernsehen, die Nachrichten und es muss auch die
aktuelle Kamera gewesen sein. Auf jeden Fall gab es so ein paar Bilder vom
Vorjahr, die zeigten in Berlin Erich Honecker, der auf irgend ‘ner Tribüne
stand und so ein kleines Mädchen mit blonden Locken wurde also von ihm
so auf den Arm genommen und beide strahlten in die Kamera und winkten
so in die große Menge. Auf jeden Fall hab ich gesagt:
Kind Julia
Oah, ich will da auch mal hin, nach Berlin, da auf den Arm.
OT 4 Julia
Und mein Vater muss sich glaub ich sehr erschrocken haben und hat mir
auch erklärt, dass Honecker Waffen verkauft an andere Länder und ganz
unmenschliche Politik macht.
Sprecher 1
Volkspolizei – Inspektion Mitte. Ermittlungsbericht zum Ersuchen eines
Antrages auf Übersiedlung nach Berlin-West.
Sprecher 2
Berlin, den 03.04.1984.
Durch den Bereich Kader wurde mitgeteilt, dass bereits ein Gespräch mit
der K r ü g e r geführt wurde. In diesem Gespräch teilte sie mit, dass sie
„überzeugte Pazifistin“ sei, und es nicht verstehen kann, dass schon im
Kindergarten die Soldaten verherrlicht werden. In der Schule soll das noch
„schlimmer sein“. Angeblich hat sie über diesen Entschluss, der DDR den
Rücken zu kehren, über zwei Jahre schon nachgedacht. In Westberlin kann
sie sich freier entfalten und dort solle es „nicht so sein“.
5
OT 5 Felicitas Was ich erlebt habe und woran ich mich auch noch erinnere, ist halt der
Kindergarten. Also ich hab mich da überhaupt nicht wohl gefühlt. Ich
erinner mich noch, dass wir bestimmte Sachen essen mussten, obwohl wir
die gar nicht wollten, weil Spinat war ja nun eins der typischen Gerichte, die
Kinder nicht mögen (lacht). Ja, und du wurdest halt gezwungen, wenn du
dich geweigert hast, den Spinat zu essen, dann mussten alle drunter leiden,
weil dann alle sitzen bleiben mussten.
Kind Felic.
Beim Mittagsschlaf paßt die Erzieherin auf, ob wir schlafen. Sie ist dick
und hat eine grün-braunen Kittelschürze . Sie guckt auf unsere Augen. Es ist
schwierig, die Augen zu zu lassen, wenn man munter ist. Aber wenn ich die
Augen lange genug zu mache, schlafe ich ein.
OT 5aFelic.
Und es gibt so ein, es gibt ein Foto, das ist eigentlich Wahnsinn, wenn man
sich’s anguckt, das ist ähm, das war Fasching (lacht) und du hast da das
Foto mit den ganzen Kindern, alle um die drei, vier Jahre alt, alle sind
verkleidet, und sind, ja weiß ich nicht, als Hexe oder Rotkäppchen
oder…Also ja, eigentlich ist es ja was total Tolles. Und alle Kinder gucken
total traurig. Und ernst. Aber nicht nur ernst und n bisschen, du kannst ja
ernst gucken und ein bisschen lachen oder irgendwie, aber alle Kinder
gucken traurig. Und das Bild, das hab ich immer noch in meinem Kopf. Für
mich ist das irgendwie so ne Zusammenfassung von der DDR.
OT 7 Felicitas Also mein Name ist Felicitas Rost, geboren bin ich 1979 in Jena. Heute
arbeite ich als Psychologin (in London.)
6
Sprecher 1
Ministerium für Staatssicherheit, Abteilung XX/3, Bericht
Sprecher 2
Berlin, den 4.6.84 IM „Schneider“ berichtet folgendes:
Der IM ist in seinen Gesprächen vorrangig in der Richtung aufgetreten, ihr
die Überzeugung zu vermitteln, dass die K. ohne Schaden den Antrag
zurücknehmen kann. Für den IM war bisher nicht erkennbar, dass ein
Umdenkungsprozess eingeleitet worden wäre. Selbst der Appell an ihre
Verantwortung als Mutter hat bisher nicht gewirkt: der IM hat ihr an Hand
eigener Erfahrungen gezeigt, wie alleinstehende Mütter in der BRD und in
anderen Nicht-Sozialistisches-Wirtschaftsgebiet-Staaten Probleme haben,
und die Beschaffung eines Krippenplatzes keineswegs die soziale
Diskriminierung abbaut. Die Möglichkeit des Abgleitens des Kindes in
späterer Zeit (Rauschgift, keine Lehrstellen und ähnliches) wurde ebenfalls
erwähnt. Eine Erfolgsaussicht sieht der IM unmittelbar nicht, hält jedoch
bei längerfristigen Auseinandersetzungen einen solchen Erfolg für nicht
ausgeschlossen, insbesondere wenn der negative Einfluss im Freizeitbereich
verringert werden könnte.
Kind Sarah
Mama sitzt am Tisch mit anderen Erwachsenen. Sie spielen Karten. Ihr
kleiner Finger steht komisch ab. Der ist gebrochen, sagt sie.
Sprecher 2
Die K. gehört offenbar seit Jahren einem Kreis von Personen an, die durch
ihre Lebens- und Verhaltensweisen bei den „ordentlichen“ Kollegen“ nicht
auf Sympathien stoßen. Der IM empfindet dieses Verhalten (er nennt es
„emanzenhaft“) direkt als abstoßend, den Hochschulkadern geht es ähnlich,
die verheirateten Schwestern nehmen sie nicht ganz ernst.
7
Früher ist sie Wandern gegangen (Elbsandstein-Gebirge), dort haben sie
nach eigenen Angaben einfach in Höhlen übernachtet und ähnliches. Jetzt
fahren sie mit dem Fahrrad und hatten bereits wiederholt
Auseinandersetzungen mit den Staatsorganen (Auflösung von Gruppen,
Ordnungsstrafverfahren). Die Nachfragen im Gespräch ergaben dann auch
die Bestätigung, dass sie keineswegs unschuldig waren. In einem Fall haben
sie Unrat im Wald gesammelt (was der IM voll unterstützte) und wollten das
dann auf dem Alex ausstellen (der IM wies darauf hin, dass diese
Ausstellung doch bestimmt mit Kommentaren versehen werden sollte, die
am Wesen der Sache vorbeigehen und dass man das dann keineswegs
gutheißen könnte). Der IM schätzt ein, dass die Gespräche wichtig sind,
jedoch viel Zeit und Kraft erfordern.
OT 8 Sarah
Sie war Krankenschwester in der Charité und da wurde dann halt gesagt,
„Ihre Position ist so wichtig, da gibt es keinen Ersatz. Sie müssen hier
weiter arbeiten. Sie hat viele Ausreiseanträge gestellt. Und der Herr am
Schalter hat den Antrag entgegen genommen und den sofort zerrissen. Und
meine Mutter, schlau wie sie war, hatte gleich den zweiten Antrag schon
hinten in der Hosentasche und hat den auf den Tisch gelegt, und immer
wieder einen gestellt. Aber die wurden nicht bewilligt.
OT 8 Sarah
Ich weiß, dass meine Mutter mir mal erzählt hat, sie kam mal in den
Kindergarten, um mich abzuholen, und dass ich dann zu ihr gesagt hab,
„Mama, ich will nicht in den Westen, die schießen da“.
8
Kind Sarah
Die schießen da…
OT 8 Sarah
Ok, die Erzieherinnen wissen davon und erzählen mir solche Sachen, um
mir Angst zu machen, damit ich sie dann wiederum beeinflusse. Dass man
halt krankgeschrieben werden muss, war dann die Idee, dass sie sich den
Finger brechen läßt. Und dann hat sie halt mit Freunden Karten gespielt
und Schnaps getrunken einen Abend lang, bis dann ein Freund den Hammer
geholt hat und ihr damit auf den kleinen Finger gehauen hat und der war
dann gebrochen. Aber die Ausreise wurde durch diese Aktion immernoch
nicht bewilligt.
OT 9 Julia
Im April 1989 ist mein Vater von einem West-Berlin-Besuch nicht in die
DDR, zu meiner Mutter und mir, zurückgekehrt.
Kind Julia
Berlin-West, den 14.4.89
Liebe Sigrun und liebe Julia!
Für meine Entscheidung, hier zu bleiben, kann ich mich bei euch nicht
entschuldigen, obwohl es mir sehr Leid tut. Als ich drei Tage hier war, hätte
ich umkehren können. Die Gründe hierzubleiben, hätte ich dann aber nur
um so deutlicher jeden Tag sehen und fühlen müssen. Ich wollte nicht von
euch weg. Ich wollte von dort weg.
OT 12 Julia
Also nach seiner Flucht und mit Stellen des Ausreiseantrages hat sich viel
verändert, sowohl das Verhalten der Lehrer als auch der Mitschüler. Ich
wurde Ausgeschlossen aus sozialen Veranstaltungen, die so das
Rahmenprogramm zur Schule gebildet haben.
9
Also ich durfte nicht mehr zu den
Pioniernachmittagen, ich durfte
nicht mehr zum Fahnenapell, ich durfte bei Sportveranstaltungen nicht mehr
teilnehmen.
Kind Julia
Berlin-West, den 19.4.89
Liebe Julia,
Ich weiß, dass ich Dich sehr enttäuscht haben muss. Ich möchte mich bei
Dir deshalb entschuldigen. Ich war und bin auch jetzt noch der Meinung,
dass Eltern unbedingt zu ihren Kindern halten sollen. Eltern sind
verantwortlich für Ihre Kinder. Es muss Dir jetzt so vorkommen, als ob ich
nur „klugrede“ aber ganz anders handele. Es ist nicht so – glaube mir. Als
ich das Angebot bekam, bei Gera Arbeit und Wohnung zu bekommen, hatte
ich noch mal geringe Hoffnung. Die Informationen, die ich dort bekam,
waren aber so, dass ich das Angebot nicht annehmen konnte. Mutti würde
sich dort in der Schule wieder sehr anstrengen müssen. Dann müsste ich das
geplante Haus bauen. Wir würden mindestens sieben Jahre lang immer
wenig Geld haben. Mutti und ich, wir würden sicherlich viel streiten. Mutti
würde der Hausbau zu lange dauern. Mit großer Wahrscheinlichkeit würden
wir uns scheiden lassen. Mutti würde Dich behalten. Ich würde alles
verlieren. Erst danach, wenn es zu spät wäre, würde jeder erkennen, wie
sehr er den anderen braucht.
Ich habe alle Möglichkeiten geprüft – so glaube ich. Ich muss hier Arbeit
bekommen und sparen. Dann besteht die sicherste Möglichkeit, dass wir für
immer zusammen bleiben.
10
OT 13a Felic
Also, also meine Eltern, die sind dann in die sozusagen Friedensbewegung
in Jena mit eingestiegen oder haben da angefangen, die waren halt sehr
involviert, vor allem meine Mutter, die ähm, die irgendwie die
Friedensbewegung oder die ähm „Schwerter zu Pflugscharen“, dass sie das
mitbegründet hat.
13 b Felicitas
Aber mein Vater wurde verhaftet, ja ein Auto hielt halt an, zack, rein ins
Auto,...
auch Kind Felicitas zack rein ins Auto und Kapuze drüber
....irgendwie ähm na Kapuze rüber und dann sind sie ja ziemlich viel umher
gefahren, damit die nicht wissen, damit man kein Gefühl bekommt, wo man
jetzt ist.
OT 13 c
Ich glaube in der Zeit, dass viel sich in dem, sozusagen in dem zu Hause
meiner Eltern abgespielt hat oder dass die sich da getroffen haben oder dass
das so ein bisschen so ne zentrale Rolle war, nicht Rolle, ne zentrale
Anlaufstelle war und dann, wo halt irgendwie, ja, wo sich Leute getroffen
haben und ausgetauscht haben und äh ja debattiert haben.
OT 13 d
Danach haben sie mich zum Verhör gerufen.
OT 13 e
Ja, und ich musste, meine Mutter musste sozusagen mich, musste mich da
irgendwie zur Behörde bringen und dann aber den Raum verlassen. Also
dann war ich halt mit irgendner Frau, wurde ich interviewt oder verhört.
Aber irgendwie wollten Se halt was rausfinden.
11
Oder ob ich was weiß.
Aber selbst wie alt war ich…chronologisch ich kann mich nicht mehr so
erinnern, war ich vielleicht so um die drei Jahre alt.
OT 13f Felic.
Ich weiß nicht genau, wann sie den Ausreiseantrag gestellt hatten. Aber als
dann mein Vater verhaftet wurde und ähm da wurde der danach halt
genehmigt. Und da wurde dann halt eben gesagt, ja der Antrag wurde ähm
ist angenommen worden und sie können das Land verlassen, bzw. sie haben
24 Stunden. Ja, dann mussten wir halt, mussten wir halt rüber.
OT 13 g
Ich denke, dass die beide auf irgend’ne Art in der Zeit wollten sie nicht
mehr ausreisen… sie mussten ausreisen, sie wollten nicht in den Westen.
OT 13h Felic.
Ich weiß es nicht genau, also es wär interessant, mal wirklich zu fragen,
vielleicht ist das auch alles gar nicht so klar. Also dass das irgendwie ein
ambivalentes Gefühl war; auf der einen Seite vielleicht ein besseres Leben
im Westen, mehr Freiheit und nen anderes Leben, dass es irgendwie die
Fantasie gab aber auf der anderen Seite waren sie halt auch sehr involviert
in ihrem Leben also, vor allem politisch, dass sie sehr engagiert waren, sie
waren ja irgendwie Teil, einer Gruppe, dieser Friedensbewegung, was
irgendwie sozusagen ihnen auch Halt gegeben hat auch vielleicht nen Sinn,
nen Sinn gegeben hat.
Sprecher 1
Ministerium für Staatssicherheit
12
Sprecher 2
Berlin, den 11.10.1984
Frau K. stellt den Antrag auf Wohnsitzänderung im Zusammenhang mit
einem Antrag auf Eheschließung. Es liegen keine Versagungsgründe vor.
Frau K. kennt den Partner seit einem knappen halben Jahr. Er besucht sie
regelmäßig. Bei einer Zustimmung werden keine Sicherheitsinteressen der
DDR verletzt. Sie selbst bzw. ihre Verwandten sind keine Geheimnisträger.
Kind Sarah
Mama heiratet einen fremden Mann aus dem Westen, der heißt Jochen und
hat einen großen, schwarzen Schnurrbart.
OT 16 Sarah
Meine Mutter war hartnäckig. Und dann schlussendlich hat jemand ihr von
der Stasi geraten, ob sie nicht einen Freund im Westen hat und den heiraten
könnte. In den Akten steht, die lieben sich, das ist keine Scheinehe, aber
eigentlich kam der Tipp – meine Mutter hat das auch erst gar nicht kapiert,
was die meint, ein Freund im Westen? Was soll das? Das war eine Idee von
denen. Genau. Und dann gab es halt einen Bekannten von ‚nem Bekannten
der halt aus dem Westen kam, aus Hessen, und der war öfter mal in
Ostberlin zu Besuch. Er wurde am Bahnhof von meiner Mutter abgeholt
und wußte gar nicht wie ihm geschah, als ihm diese junge Frau begegnete,
und meinte „ Na ja, wir heiraten ja dann bald.“ Und er wußte davon noch
gar nichts.
Kind Sarah
Im Notaufnahmelager gibt es eine Kantine. Dort lernt Mama so Männer
kennen. Die sitzen bei uns mit am Tisch. Ich habe Angst vor den Männern,
weil sie sehr traurig sind.
13
Mama erklärt mir, dass die Männer in der DDR im Gefängnis waren, nicht
weil sie was Böses gemacht haben, sondern wegen der Politik.
Kind Julia
Berlin, den 28.05.1989
Liebe Julia,
Ich danke Dir für Deinen Brief. Die „Mutschekäpchen“ auf Deinem
Briefpapier erinnerten mich an unseren vergangenen Ostsee-Urlaub. Und
gleich denke ich daran, dass wir bald wieder gemeinsam Urlaub machen
können. Florida in den USA wird erst einmal zu teuer für uns sein. 1400
DM für 14 Tage und 1 Person. Urlaub an den Stränden von Griechenland,
Türkei und Spanien sind aber sehr preiswert.
OT 16a Julia Es gab die Bitte meiner Eltern oder die Warnung, die ausgesprochene
Warnung, nicht mehr alles zu erzählen… und auch über die Telefonate und
die Briefe, und nicht mehr darüber zu sprechen, was bei uns zu Hause
stattfindet.
OT 16b Julia Es gab ähm, wir können sagen Verhöre, aber so haben wir es damals nicht
genannt. Aber es waren Verhöre, in denen auch gedroht wurde oder die
Möglichkeit in den Raum gestellt wurde, dass es sein kann natürlich, dass ich
ihr weggenommen werde und äh ich glaube, das war so die größte Angst, die
meine Mutter hatte und ich glaube das damit auch gespielt wurde.
14
OT 17 Julia
Es gibt als Zeichen auch dieser Verbindung mit meiner Mutter, würd ich gern
ein was erzählen, es gab, als mein Vater dann im Westen war, so ein
Geheimzeichen, was wir hatten und was eigentlich auch bildhaft stand für
unsere sehr enge und manchmal auch vielleicht sogar zu enge, aber das war
eben zu der Zeit auch unter den belastenden Umständen glaub ich wichtig, dass
es das gab und wir haben uns die Hände gereicht und es gab so ein
Geheimzeichen, wir haben so zweimal unsere Hände gedrückt und der Code
hieß, alles wird gut, wir schaffen das.
auch Kind Julia
OT 17b Julia
Alles wird gut, wir schaffen das.
Ich glaub, meiner Mutter ist erst richtig klar geworden, in was für nem
System sie lebt, als sie das so am eigenen Leib erfahren hat und am eigenen
Leib im wahrsten Sinne des Wortes also, an was ich mich erinnere ist, dass
meine Mutter dem offiziellen Stellen des Ausreiseantrages wahnsinnig dünn
geworden ist, also sie hat total abgenommen.
OT Julia 17c
Für mich war das, wenn ich mich jetzt rückerinnere, eine Atmosphäre von
Gewalt da, dadurch dass die Mutter irgendwie immer gekotzt hat, wenn sie
was gegessen hat und so gestresst war, dass irgendwie sie […] jetzt bei der
Ausreise war sie 47 Kilo schwer.
Kind Julia
Berlin, den 8. 5. 89
Liebe Julia,
Gestern sprachen wir beide miteinander. Ich wußte gar nicht mehr, wie
Deine Stimme klingt.
15
Manchmal wünsche ich mir richtig, daß Du mit mir stänkerst. Wenn Du es
eines Tages wieder mit mir machst, mußt Du mich erinnern, daß ich es mir
wünschte. Ich werde dann nämlich sicherlich wieder etwas meckern.
OT 18a Julia
An dem Morgen bevor er gefahren ist hat er mich gefragt, was ich denn
machen würde, es gab so ‘nen Bekannten, der hieß Rainer, der in den
Westen abgehauen ist, und mein Vater hat mich an dem Morgen gefragt,
was würdest du denn machen wenn ich so was machen würde wie der
Rainer? Und da hab ich gesagt:
auch Kind Julia Ich würd dir ‘nen Arschtritt geben!
OT 18b Julia
Es ist aber tatsächlich so, als wir uns das erste Mal wieder gesehen haben,
habe ich und durfte ich meinem weinenden Vater in den Arsch treten.
Kind Sarah
In West-Berlin wohnen Mama und ich in einer kleinen Wohnung mit einem
Zimmer. An meinem sechsten Geburtstag geht Mama mit mir
zum Obstladen an der Ecke. Die Verkäuferin tut ganz viele Weintrauben in
einen Korb und Bananen und Orangen. Dann bindet sie ein Geschenkband
um den Griff von dem Korb. Das ist das tollste Geburtstagsgeschenk!
OT 19 Julia
Wir haben dann ein Jahr zu viert in ‘ner anderthalb Zimmer Wohnung mit
meiner Großmutter gewohnt, was ich auch teilweise als ganz unangenehm
in Erinnerung hab. Die erste richtige Wohnung, die eigene kam dann, ich
glaube, ein Jahr später erst.
16
OT 21 Felicitas Also meine Mutter war sehr traumatisiert als sie rüber kam. Und ähm hat
auch nicht gesprochen. Also ich denke, sie war sehr traumatisiert.
Ähm und ich denke, ich hab da ne Rolle übernommen, dass ich dann, ja,
mich um meine Mutter gekümmert hab oder beziehungsweise so als Gefühl,
mein Gefühl ist, dass ich mir Sorgen um meine Mutter gemacht hab. Und
dass es um meine Mutter ging.
Und ich frag mich halt manchmal, wo waren wir, ich seh mich da nicht
drinnen, ich weiß auch so wenig, wo waren wir Kinder als sie da interviewt
wurden oder nach Bonn mussten.
Kind Sarah Mein Papa wohnt in Ost-Berlin, Mama und ich in West-Berlin. Meine Mama
darf nicht mehr rüber, aber ich. Am Wochenende fahre ich mit ihr zum
Grenzübergang. Ich muss dann allein über die Grenze gehen. Mein Papa wartet
auf der anderen Seite.
OT 25 Sarah Und ich bin dann auch relativ oft den besuchen gefahren. Und ich mußte dann
immer Grenzübergang Invalidenstraße alleine rübergehen. Und diese Strecke
kam mir immer sehr lang vor, da gab es diese Containerhäuschen, da war
der Zoll drin, da wurde ich dann immer durchsucht. Und einmal hatte ich aus
Versehen meinen Sesamstrassencomic mitgenommen und wurde dann von drei
Männern vom Zoll durchsucht, und die haben das Comic gefunden und wollten
das nicht in der DDR haben, als Westpropaganda, um dann nach einer ganzen
Weile zu sagen, ok wir stecken das jetzt wieder zurück in ihren Rucksack und
sie darf jetzt rüber. Und ich erinner mich, dass ich da ganz still vor denen stand
und irgendwie dachte: „Was ist denn jetzt das Problem?“
17
Kind Sarah Im Osten ist alles viel kleiner. Ich sage das zu Papa. Er glaubt mir nicht
und fragt: „Was ist denn so klein?“. Ich zeige auf die Äpfel und sage: „Na guck
den Apfel an, bei uns im Westen sind die sooo groß!“ Er findet das lustig. Aber
im Westen ist einfach alles viel, viel größer.
OT 26 Felic. Also wir durften ja als Kinder z. B. auch rüber in die DDR. Wir ham’
halt die Sommerferien und die Osterferien, mein Bruder und ich, immer
in Jena und Kahla verbracht. Und ähm hatten dadurch einfach den
Kontakt zu den Großeltern.
OT 27 Felic. Man geht über die Oberbaumbrücke, das war unser Übergang und ich
weiß ganz genau, an dem anderen Ende ist meine Oma und ich freu
mich total. Auf der anderen Seite stehen da die Soldaten an den
Übergängen, mit diesen Waffen und das ist total, diese Brücke ist so
ewig lang (lacht) und ich mit meinem Koffer und mit meinem Bruder
an der Hand geh über diese Brücke und hab tierisch Angst.
OT 27 bFelic Das isso ‚ne Art Doppelleben war das für mich, das halt das Leben
bei den Großeltern und dann wieder in Berlin, wo es dann ja, wo irgendwie so
der Alltag, Kindergarten, Alltag, Schule, ähm wo aber die Freunde oder die
Leute in der Schule, die haben aber mit dem anderen oder mit dem Osten
überhaupt nichts zu tun und auch wenn ich was davon erzählt hab, die Leute
konnten halt damit nichts anfangen oder.
Kind Sarah Dreimal bin ich mit Mama umgezogen. Jetzt wohnen wir in Neukölln.
Ich habe endlich wieder mein eigenes Zimmer.
18
Ich komme in die
Schule gleich um die Ecke. In meiner Klasse sind Kinder
aus der
Türkei, aus Russland, Polen, Italien, Pakistan,
Jugoslawien und Griechenland.
OT 28 Julia Ich glaub, das war den meisten total…, Ossi, ja ist doch deutsch, ist
doch eh deutsch, so, also ich glaub, das ist so ein bisschen wie unter
gegangen in Kreuzberg am Anfang.
OT 29 Felic. Ich war total, ich war das Ossi-Kind (lacht). Das Ossi-Kind, das keine
Klamotten hat. Ich hab immer irgendwie Pullover von meiner Lehrerin
erhalten und fand das so peinlich. Wahrscheinlich wollte sie natürlich
helfen, ich weiß nicht, ob sie die selber gestrickt hat oder irgendwie
keine Ahnung… wir hatten einfach kein Geld.
OT 31 Felic. Ich bin, ich musste halt viel mit der U-Bahn alleine fahren… Ich hatte
dann so ne Tasche um, wo drauf stand „Ich bin Felicitas Rost, ich
wohne da und da“, falls irgendwas ist, dass se, ja…
OT 32 Felic. Ich war auch ein sehr trauriges Kind. Hab mich auch sehr allein gefühlt.
OT 33 Julia Ich erinnere mich als Jugendliche ne große Wut gehabt zu haben auf
meine Eltern
19
OT 34 Felic. und ich denke, dass ich das so irgendwie jetzt versuche, die kleinen einzelnen
Puzzleteile irgendwie zu finden und irgendwie zu gucken, wer bin ich jetzt und
was hat die DDR-Geschichte meiner Eltern, aber auch die DDR selber für
einen Einfluss auf meine Persönlichkeit gehabt.
Absage
Kinder reisen aus. Feature von Sarah Krüger
Mit: Sarah Krüger, Julia Glasewald und Felicitas Rost
sowie: Oliver Brod, Eda Elicekli, Senta Weismann und Eleni
Faika
Ton:
Wencke Decker und Bodo Pasternak
Regie:
Antje Vowinckel
Redaktion:
Jens Jarisch
Eine Produktion des Rundfunk Berlin-Brandenburg mit dem Südwestrundfunk 2014
20
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