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Die Pfarrkirche von Altlichtenwarth - FÖMat A - ResearchGate

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FUNDBERICHTE AUS ÖSTERREICH
MATERIALHEFTE
HERAUSGEGEBEN VOM BUNDESDENKMALAMT
REIHE A, SONDERHEFT 21
Sigel: FÖMat A, Sonderheft 21, 2014
WIEN 2014
F R A N Z SA U ER
Die Pfarrkirche von
A lt l i c h t e n wa rt h
Archäologische und bauhistorische Untersuchungen
Mit Beiträgen von Richard Edl, Karl Grossschmidt, Barbara Rendl,
Andreas Rohatsch, Andrea Straub und Michael Urban
D i e Ba uges t ei n e d er Pfa r r k irch e
A lt li c h t en wart h
Bei den Baugesteinen der Pfarrkirche
können zwei unterschiedliche Gesteinstypen beobachtet werden. Hauptsächlich
wurde ein brauner, poröser oolithischer
(aus rundlichen Kalkgebilden bestehender)
Kalksandstein aus dem aufgelassenen
Steinbruch am Galgenberg nördlich von
Hauskirchen verwendet; daneben sind
Quadersteine aus einem fast weißen,
grobkörnigen Algenkalk (Leithakalk) zu
beobachten, die aus einem historischen
Steinbruch in der Umgebung des Steinberges stammen. Bei beiden Gesteins­
arten handelt es sich um charakteristische
Gesteine aus den Randbereichen des
Wiener Beckens, dessen detaillierte Erforschung in dieser Region besonders Karl
Friedl zu verdanken ist.
Das Wiener Becken begann sich im
Karpatium vor rund 17 Millionen Jahren,
bedingt durch Gebirgsbildungsprozesse
und die damit verbundene Zerrung der
Erdkruste, entlang von Beckenrand­
störungen zwischen Alpen und Karpaten
über eine Länge von rund 200 km und
eine Breite von rund 50 km abzusenken.
Einhergehend mit dieser Absenkung, die
eine Gliederung des Ablagerungsraumes
in Rand-, Schwellen- und Muldenzonen
bewirkte, erfolgte die Meeresüberflutung
durch die sogenannte Paratethys. In den
hochenergetischen Flachwasserbereichen
entstanden überwiegend Grobkornsedi­
mente wie die Leithakalke, Brekzien,
Konglomerate und Sandsteine, während
im ruhigen Tiefwasserbereich Feinkornsedimente wie zum Beispiel der Tegel zur
Ablagerung gelangten.
Die Ursachen für die bevorzugte Nutzung der Gesteine des Wiener Beckens für
das Bauwesen sind auf die geologischen
Entstehungsbedingungen und die daraus
resultierenden gesteinsphysikalischen
Eigenschaften zurückzuführen. Aufgrund
ihres im Vergleich zu anderen ostalpinen
Gesteinen jungen Alters wurden diese
Gesteinsformationen keiner wesentlichen
mechanischen Beanspruchung durch
gebirgsbildende Vorgänge unterzogen,
sodass zunächst eine recht weitständige
Klüftung ausgebildet ist, welche die Gewinnung von rissfreien großformatigen
Blöcken gestattet. Zusätzlich erfolgte
die Ablagerung dieser Kalksteine häufig
unter der Ausbildung von mehreren
Dezimetern dicken Schichtpaketen, die
einerseits den Abbau selbst und andererseits die Herstellung von Quadersteinen,
deren Höhe quasi von der Natur festgelegt wurde, wesentlich erleichterte.51
Im Badenium, einer regionalen
geologischen Stufe im Miozän 52 vor
rund 16 bis 12,7 Millionen Jahren,
wurden in den Randbereichen und
Schwellenzonen des Wiener Beckens
marine Algenkalke, Algenschuttkalke
und Kalksandsteine abgelagert, die
aufgrund ihrer charakteristischen
Ausbildung im Leithagebirge als »Leitha­
kalke« bezeichnet werden. Das Gebiet
des Steinberges im Weinviertel stellte
eine derartige Hochzone im marinen,
subtropisch warmen Flachwasserbereich
dar, sodass günstige Bedingungen für das
Wachstum von kalkskelettbildenden Kalk­
rotalgen der Familie der Corallinaceen
(»Lithotamnien«), den hauptsächlichen
73
Steinbruch, geschliffene
Platte, mikroskopische Auf­
nahmen im Auflicht und
Durchlicht des oolithischen
Kalksandsteines von Hauskirchen; die Dünnschliff­
aufnahme (Mitte) mit
gekreuzten Polarisatoren
zeigt die hohe Porosität
(schwarze Bereiche) und
den charakteristischen,
konzentrischschaligen,
fischrogenähnlichen
Aufbau der Komponenten
(Ooide); im Kern dieser
Ooide finden sich entweder
Schalen von Organismen
oder Quarzbruchstücke (Q).
Steinbruch auf dem
nördlich von Hauskirchen
gelegenen Galgenberg.
gesteinsbildenden Organismen der Leitha­
kalke, gegeben waren. Diese Kalksteine
wurden am Steinberg in mehreren heute
stillgelegten, dicht bewachsenen und nach
Schweickhardt 53 nicht sehr bedeutenden
Steinbrüchen abgebaut und zur Errichtung verschiedener Bauwerke verwendet.
Auch die in der Bausubstanz der Pfarr­
kirche von Altlichtenwarth vorkommenden Leithakalkquader stammen entweder
aus den am Steinberg gelegenen alten
Steinbrüchen oder aus dem Eselbach­
graben südlich von Prinzendorf.
Im Oberen Sarmatium, vor rund 11,6
bis 12 Millionen Jahren, wurden in den
Randbereichen und Schwellen des Wiener
Beckens poröse und meist fossilreiche
Kalksandsteine, Mollusken-Lumachellen
und Oolithe abgelagert, die der litho­
logisch (sedimentgesteinskundlich)
sehr vielfältigen Skalica-Formation
zugerechnet werden.54 Die Muschel- und
74
Schneckenkalke wurden im Wiener Raum
»Atzgersdorfer Stein« genannt und
stellten wichtige Baugesteinsvorkommen
für die mittelalterlichen Bauwerke
Wiens dar. Oolithe dieser Formation
finden sich nicht nur am Galgenberg
von Hauskirchen, sondern beispielsweise
auch bei Wolfsthal und am Westrand
des Wiener Beckens in den ehemaligen
Steinbrüchen von Hietzing und Atzgers­
dorf. Oolithe 55 stellen aufgrund ihrer
besonderen Ent­stehungsbedingungen
wichtige Leitgesteine des Wiener Beckens
dar, mit denen auch paläoklimatologische
Aussagen zum Ablagerungsmilieu ge­
tro≈en werden können.56 Heute werden
vergleichbare Oolithe vorwiegend unter
marinen, (kalk)übersättigten, warmen
und bewegten Flachwasserbedingungen
(Wassertiefe 0 m bis 5 m), wie zum
Beispiel im Arabischen Golf (Abu Dhabi)
oder auf den Bahamas, gebildet.57
In Bauphase 1 errichtete
Südwand des Saales
(Ansicht vom Dachboden
des Seiten­schiffes).
Geologisches Profil und
Querschnitt durch eine der
Höhlen im Eselbachgraben,
rund 1,5 km südlich von
Prinzendorf (nach MAYER
u. a. 1989); geschliffene
Platte und Detailaufnahme
eines Leithakalkes aus
diesem Steinbruch, welche
die charakteristische
Zusammensetzung dieses
Algenkalkes widerspiegelt.
Lage der Steinbrüche im
Umfeld von Altlichtenwarth
(nach Google earth).
75
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