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der stein - Residenztheater

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DER
STEIN
MAR
STALL
2
DER S T EIN
1935 übernehmen Witha und ihr
Mann Wolfgang das Haus einer
jüdischen Familie in Dresden und legen
damit das Fundament für ihr neues Leben.
Doch das erhoffte Glück löst sich nicht
ein. Zunächst zerstört ein über die Mauer
geworfener Stein nur eine Scheibe.
zerstören Bomben die gesamte
Stadt. Witha, ihre Tochter
Heidrun und das Haus überstehen den Krieg.
beschließt Witha einen
Neuanfang und vergräbt den
Stein, der einst über die Mauer flog und
mittlerweile zum Symbol des Widerstands in
ihrer Familie geworden ist, zusammen mit
weiteren Erinnerungsstücken im Garten und
flieht mit Heidrun in den Westen.
zieht es die hochschwangere
Heidrun mit Witha zurück,
vorerst nur für einen Besuch, um nach alten
Erinnerungen, dem Stein und der Wahrheit
zu suchen. Sie treffen dort auf die kleine
Stefanie, die zusammen mit ihrem Großvater
und zwei weiteren Familien das Haus bewohnt, versprechen ihr Westschokolade und
buddeln den Stein aus. Nach dem Mauerfall müssen Stefanie, ihr Großvater und die
weiteren Mieter das Haus verlassen und
an Withas Familie übergeben.
kehren Witha, Heidrun und
deren Tochter Hannah zurück.
Sie haben sich mittlerweile durch die Jahre
gelogen, das Erlebte neu erfunden und eine
1945 1953 ZUM STÜCK
1978 1993 eigene deutsche Familienlegende über den
angeblich heldenhaften Großvater und die
Rettung einer jüdischen Familie zur Zeit
des NS-Regimes gesponnen. Während sie
ihre Erinnerungen entweder tief im Garten
verscharren oder umdeuten, taucht ihre
Vor- und Nachmieterin Stefanie auf, gräbt
ihre eigene deutsch-deutsche Familienlegende aus und stellt die Frage nach dem
wahren Eigentümer des Hauses.
In nicht chronologisch angeordneten Szenen
werden passende und passend gemachte
Bruchstücke aus unterschiedlichen Zeiten
der deutschen Geschichte zu einem Familiengedächtnis geformt und die Frage nach
Besitz, Recht und Moral gestellt. Die einzelnen Figuren verbinden Fragmente individueller Erinnerungen mit einem kollektiven
Gedächtnis zu einer stabilen Vergangenheit.
So entsteht die fingierte Chronik eines
Hauses, einer Familie und eines gesamten
Landes. Marius von Mayenburg hat ein
raffiniertes Stück geschrieben: Szenen aus
unterschiedlichen Zeitebenen werden
verschachtelt und Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft direkt aufeinander bezogen.
So reicht man Tassen durch die Jahrzehnte,
Kleider werden von den unterschiedlichen
Generationen getragen, Erinnerungsstücke
wechseln die Familien und Gedächtnisse
und ein Haus wird zum Identitätsstifter und
Objekt der Begierde aller Handelnden.
RESIDENZTHEATER SPIELZEIT 2014 / 2015
AUFFÜHRUNGSRECHTE henschel SCHAUSPIEL TEXTNACHWEISE Bode, Sabine: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stuttgart 2004. - Bode, Sabine: Kriegsenkel.
Die Erben der vergessenen Generation. Stuttgart 2009. - Hacker, Michael; Maiwald, Stephanie; Staemmler, Johannes; Enders, Judith; Lettrari, Adriana; Pietzcker, Hagen; Schober, Henrik; Mandy
Schulze: Dritte Generation Ost. Wer wir sind, was wir wollen. Berlin 2012. - Moesle, Marianne: Falsches Erbe. In: Süddeutsche Zeitung Magazin (2014); Nr 46. - Rodenberger, Axel: Der Tod von
Dresden. Bericht vom Sterben einer Stadt in Augenzeugenberichten. Frankfurt am Main 1995. - Welzer, Harald: Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung. München 2008 Welzer, Harald; Moller, Sabine; Tschuggnall, Karoline: „Opa war kein Nazi“ Nationalismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt am Main 2002.
REDAKTION Christina Hommel GESTALTUNG Herburg Weiland FOTOS Matthias Horn
INTENDANT Martin Kušej GESCHÄFTSFÜHRENDER DIREKTOR Holger von Berg CHEFDRAMATURG Sebastian Huber TECHNISCHER DIREKTOR Thomas Bautenbacher
KOSTÜMDIREKTORIN Elisabeth Rauner KÜNSTLERISCHER DIREKTOR Roland Spohr Chefdisponentin Regina Maier PRESSE- U. ÖFFENTLICHKEITSARBEIT Sabine Rüter
TECHNIK Matthias Neubauer + Gerrit Jurda WERKSTÄTTEN Michael Brousek AUSSTATTUNG Bärbel Kober + Maximilian Lindner BELEUCHTUNG / VIDEO Tobias Löffler TON Michael Gottfried
REQUISITE Dirk Meisterjahn PRODUKTIONSLEITUNG KOSTÜM Enke Burghardt DAMENSCHNEIDEREI Gabriele Behne + Petra Noack HERRENSCHNEIDEREI Carsten Zeitler + Aaron Schilling
MASKE Andreas Mouth GARDEROBE Cornelia Faltenbacher SCHREINEREI Stefan Baumgartner SCHLOSSEREI Ferdinand Kout MALERSAAL Katja Markel TAPEZIERWERKSTATT Peter Sowada
HYDRAULIK Karl Daiberl GALERIE Christian Unger TRANSPORT Harald Pfähler BÜHNENREINIGUNG Adriana Elia
3
MI T
Nora Buzalka
Juliane Köhler
Hedi Kriegeskotte
Katrin Röver
Lukas Turtur
Witha 1935 + Witha 1945+
Heidrun 1953 + Hannah 1993
Witha 1953 + Heidrun 1978 +
Heidrun 1993
Witha 1978 +
Witha 1993
Mieze 1935 + Stefanie 1978 +
Stefanie 1993
Wolfgang 1935 +
Wolfgang 1945
DER
STEIN
von MARIUS VON MAYENBURG
Regie Bühne Kostüme Licht Dramaturgie SARANTOS ZERVOULAKOS
PREMIERE
THEA HOFFMANN-AXTHELM
18. Dez 2014
CHRISTIAN KIEHL
Marstall
GEORGIJ BELAGA
Vorstellungsdauer ca. 1 Std. 45 Min.
CHRISTINA HOMMEL
Keine Pause
REGIEASSISTENZ Maria Weise
BÜHNENBILDASSISTENZ Swetlana Klee
KOSTÜMASSISTENZ Eva Bienert
REGIEPRAKTIKUM Christian Lindlein
KOSTÜMPRAKTIKUM Stephanie Zimmer
INSPIZIENZ Johanna Scriba
SOUFFLAGE Annabelle Wittmann
BÜHNENMEISTER Klaus Kreitmayr +
Alexander Al-Akkam
BELEUCHTUNGSMEISTER Uwe Grünewald
STELLWERK Johannes Frank + Oliver Gnaiger
TON Jan Faßbender
REQUISITE Barbara Hecht + Anna Wiesler
MASKE Sarah Stangler + Sarah Weidt
GARDEROBE Sabine Berger + Marina Getmann
1993
Die Mauer ist aber doch ein Teil von uns. Da gibt es ein paar verblasste Erinnerungen an die ersten
Pioniernachmittage. Einige von uns haben, blind vertrauend auf die Eltern und Lehrer, an Jahrestagen
Nelken getragen. Andere fühlten die Lähmung, als der elterliche Ausreiseantrag abgelehnt wurde. Scham
und Stolz, Vorher und Nachher liegen dicht beieinander. Aber das ist es nicht allein. Die Mauer ist
niedergerissen worden, doch wir fühlen sie bis heute in unseren Familien. Sie trennt inzwischen Eltern von
Kindern, sie bestimmt, wie wir uns erinnern und woran. Sie umschließt heute die mentalen Zufluchtsorte.
v. l. Juliane Köhler, Hedi Kriegeskotte
1978
Es war für ihn nicht schwer zu erkennen, dass seine Mutter Zeit ihres
Lebens durch ihre Kriegserlebnisse verbittert war. Ohne Zweifel war sie
ein Opfer, das mit sonderbaren Verhaltensweisen und Pillen die innere
Balance zu halten versuchte. Er weiß, dass Opfer nur in Ausnahmefällen
die besseren Menschen sind, häufig sind sie nicht einmal gut für ihre
Mitmenschen. Vermutlich ließen sie die seelischen Verletzungen innerlich
nie zur Ruhe kommen. Sie kannte das Gefühl von Geborgenheit nicht und
konnte es deshalb auch nicht ihren Kindern vermitteln.
v. l. Katrin Röver, Nora Buzalka
Die Großmutter war ja auch,
ich glaube, sie war auch in
der NSDAP. Und solche
Sachen überhaupt zu verstehen, wo einem das immer
in der Schule anders beigebracht wird. Da wird ja
gesagt, das waren alles die
Bösen. […]
Und die Widerständler
sozusagen waren die, die vor
allem die Kommunisten
waren, waren die Guten, die
jetzt ja auch regieren
irgendwo, oder wo, dessen
Erbe jetzt, deren Erbe jetzt
weitergeführt wird. Und
das andere waren Mitläufer
und so weiter oder auch
Mörder und so weiter.
Und wenn man dann weiß,
dass der eigene Großvater
mit in der Wehrmacht war
oder auch in der NSDAP,
dann ist es natürlich
irgendwo ein Widerspruch.
Die Probleme zwischen meiner
Elterngeneration und uns Kindern
beruhten meiner Meinung nach auf
folgendem Konflikt: Es ist die
Schieflage, in einer sogenannten
Wohlstandsgesellschaft aufzuwachsen, in der man ständig gesagt
bekommt, dass man nicht klagen
darf, weil man es doch so gut habe,
und subtil die unverdauten Mangelerscheinungen der Großeltern und
Kriegskindergeneration aufgebürdet
bekommt, die so gar nicht in eine
„heile Welt“ passen.
1935
Ich habe Fotos von meinen Eltern, von 1945, da
sieht man, wie verhungert sie waren, erzählt
Marianne. Meine Mutter war zu schwach, sie kippte
dauernd um, und mein Vater, der aus dem
Gefangenenlager kam, fiel mindestens einmal am
Tag in Ohnmacht, in der Kirche oder sonstwo. Und
es war für mich schwierig, diesen ungewöhnlich
großen Mann wieder aufzurichten.Man dachte nur
ans Essen, an nichts andres dachte man. Nachts
haben wir von Brot geträumt. Man hatte wirklich
Wahnvorstellungen von Brot.
Ich bin überzeugt davon: Vor allem meine Mutter trug in sich
die große Angst, sie könne zu kurz kommen. Sie versuchte,
diese Angst mit materiellen Anschaffungen zu
kompensieren. Für Kunstgegenstände, Porzellan und andere
„wertvolle“ Dinge wurde überproportional viel Geld
ausgegeben, während ich schon früh lernen musste, mit
wenig auszukommen.
ERINNERUNGSBRUCHSTÜCKE AUS 80 JAHREN DEUTSCH-DEUTSCHER GESCHICHTE
Man muss es eben so sehen, wie
es war; Wir haben jahrelang
im Keller gesessen. Dort durfte
man nur sitzen, an Schlafen
war nicht zu denken. Also waren
wir morgens übernächtigt.
Immer mal wieder war von
ihren feinen Möbeln die
Rede. Lederstühle, Stühle
mit Geflecht, ein schönes
Sofa, feucht geworden und
schimmlig, Silberlöffel mit
Initialen, Tischwäsche –
lauter hochwertige Sachen,
die nicht zu unserer Familie
passten. Wir waren einfache
Leute mit Besteck aus Alu.
Ich habe mir Mariechens
Sachen angeschaut, aber
nicht nachgefragt, weil das
nicht üblich war. Und wenn
man doch Fragen stellte und
keine richtigen Antworten
bekam, dann vergaß man
schnell wieder. Das ist von
Juden, bei denen sie
gearbeitet hat, hieß es mal.
Dann wieder: Nein, nein,
das stimmt nicht, das ist von
den Großeltern.
v. l. Nora Buzalka, Juliane Köhler
Dann kam der Krieg. Und meine einschneidenden Erlebnisse waren, also
auch das, das, das Verschwinden von ´ner jüdischen Familie, die dann 1939
sozusagen im letzten Moment, die mit meinen Eltern befreundet waren, im
letzten Moment ins Ausland gingen. Und auch mit Hilfe von meinen Eltern.
Also sie konnten ganz regulär ausreisen.
Ich wusste damals schon,
dass die Kristallschale
aus jüdischem Besitz
stammt. Ich wusste nur
nicht, wie sie in meine
Familie gelangt war.
5
DER S T EIN
DER S T EIN
v. l. Juliane Köhler, Katrin Röver,
Nora Buzalka, Hedi Kriegeskotte
ERINNERUNGSBRUCHSTÜCKE AUS 80 JAHREN DEUTSCH-DEUTSCHER GESCHICHTE
4
Mit dem Ende der DDR brachen
alle bisher gültigen Orientierungen
zusammen. Auf einmal war nicht
nur das Begrenzende, sondern
auch das Schützende der Mauer
weg. Und mit ihr ein Land, das
nicht viele geliebt, aber in dem
sich fast alle eingerichtet hatten.
Egal, wie man zu diesem System
stand, auf einmal musste jeder
sein eigenes Schicksal in die Hand
nehmen. Von einem Tag auf den
anderen mussten unsere Eltern
Probleme lösen, die sie nicht
kannten. Sie mussten aufholen und
sich zurechtfinden in einem
System, das anders war, als sie es
sich erträumt hatten. So konnte
ein lapidarer Brief von einem
Anwalt oder einer Versicherung
existenzielle Ängste verursachen,
weil niemand wusste, was er
eigentlich bedeutete. Plötzlich
zählten die Lebensentwürfe
unserer Eltern nichts mehr.
Plötzlich schien das, was sie gelebt
hatten, falsch. Plötzlich waren
unsere Eltern schwach.
1978
Meine Mutter gehört der „Deckergeneration“ an, wie ich sie
nenne. Das sind die Jahrgänge, die später die Nazis und vor
allem ihre Mitläufer gedeckt haben, nachdem die Nazis sie
vorher herangezüchtet hatten. Meine Mutter war 15 Jahre alt
bei Kriegsende. Als mein Bruder und ich in der Schule immer
wieder die NS-Zeit durchnahmen, war das natürlich auch
Thema mit unserer Mutter. Wir haben darüber viel gestritten.
Ich sagte: „Es gab in Deutschland Widerstandsgruppen. Man
hätte sich also auch anders verhalten können als Vater oder
Deine Eltern.“ Sie hielt dagegen: „Die konnten nicht aus
ihrer Haut raus. Wir müssen gnädig und vorsichtig mit ihnen
umgehen.“ Sie war die Gnädige. Ich war die Gnadenlose.
v. l. Juliane Köhler, Nora Buzalka
1953
1978
Sie war eine gute Schülerin.
Hausaufgaben machten ihr
keine Probleme. Doch eines
Tages sollte Sandra einen
Aufsatz über ihre bisherige
Kindheit schreiben und da
wollte ihr partout nichts
einfallen. In ihrem Kopf war
nur Nebel. Als ihr Vater von
ihren Schwierigkeiten erfuhr,
sagte er: „Das ist doch ganz
einfach. Du schreibst: >Ich
habe eine ganz liebe Familie
und wir wohnen in einem
schönen Vorort, und alles ist
sehr sicher und gut.<“ Das
Mädchen folgte seinem Rat
und damit war die
Hausaufgabe erledigt.
v. l. Nora Buzalka, Lukas Turtur
Die meisten Angehörigen der Kriegskindergeneration sind nach wie vor davon überzeugt,
sie haben uns die beste und schönste Kindheit
geschenkt und weigern sich, einzugestehen,
dass man die Schatten auf der eigenen Seele
nicht mit Geld betäuben oder mit
Desinfektionsmitteln wegscheuern kann.
Sie lauschte. Ein Brausen
drang an ihr Ohr. Es schwoll
an. Das Dröhnen Hunderter,
ja Tausender von Flugzeugmotoren wurde hörbar.
Die Uhr der Frauenkirche
zeigte 22.09 Uhr. Die Hölle
brach los. Die Erde
schwankte. Bomben
explodierten, löschten das
Geräusch der Motoren aus.
Die Feuerwalze kam näher,
immer näher. Man hörte das
Sausen der Bomben
zwischen Explosionen.
Wenn ich die Generation meiner Eltern anschaue, sehe ich über
ihrem Kopf immer eine Sprechblase hängen, in der mit fetter Schrift
steht: ICH! ICH! ICH! Ich sehe eine maßlose und infantile IchBezogenheit, die Verständnis und Offenheit für andere Menschen,
andere Generationen, andere Lebensmodelle und völlig neue
Lebensbedingungen blockiert. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass
es immer nur um sie geht: um ihre materielle Absicherung, ihren
Urlaub, ihr Glück und ihr Leid. Dabei haben sie gar nicht gemerkt, wie
sie die Grenzen anderer missachten. Das Bedürfnis nach materieller
Absicherung ist für diese Generation so groß, dass sie panisch und
wie im Rausch alle finanziellen Möglichkeiten, die es in diesem Staat
zu holen gibt, an sich rafft und nicht imstande ist, zu sehen, dass sie
dadurch ihren Nachkommen ein Land hinterlässt, in dem man sein
Leben weitaus bescheidener gestalten muss, um zurecht zu kommen.
1935
Du weißt gar nicht, wie gut du es hast.
Du weißt gar nicht, wie schlimm das
damals alles war - auch die Ankunft in
Westdeutschland, wo uns keiner
haben wollte ...
Und kaum dass die Less-Familie nach Berlin geflüchtet
war, ist Großmutters Stieffamilie – ihr Vater hatte
neu geheiratet – in diese Wohnung eingezogen.
Mehr als seltsam. Allein die Vorstellung: Hinein in
das gelebte Leben einer anderen Familie. Vielleicht
hat Großmutters Familie auf dem Gasherd gekocht,
auf dem Helen in der Pogromnacht ihren ersten
Blumenkohl gekocht hatte.
Katrin Röver
Und dann nach 45, als das alles zusammenbrach,
dann fing man an nachzudenken, was eigentlich
wirklich war, und da wurde ja dann eben auch genug
aufgedeckt. Und das ist klar, also da hat man sich
gesagt, warum hat man da nicht bewusster gelebt?
Aber ich glaube, das ist immer so. Gucken Sie mal,
wir haben dann bei Honecker gelebt und dann haben
wir geglaubt, was Honecker gesagt hat und haben
das für richtig gehalten. Ich bin eigentlich erst heute
kritisch geworden.
Als mir in meiner Jugend deutlich
wurde, was für eine ungeheure
Negativität und Zerstörungswut
von den Menschen in
Deutschland ausgegangen war,
wurde es in meiner Seele eisig,
obwohl ich das Wesentliche noch
gar nicht erkennen konnte: Wir
haben als Jugendliche, ohne es
zu ahnen, denen, die dieses
nationalsozialistische
Terrorsystem erschufen
und / oder an ihm zerbrachen,
tagtäglich in die Augen gesehen!
Wir haben mit ihnen in einer
Gemeinschaft gelebt: mit den
Menschen, die Krieg, rohe
Gewalt, Deportationen von
geliebten Freunden, Verwandten
und Nachbarn, Hass und Angst,
verbrannte Leichen, Massenmord
und Bombennächte miterlebt
haben und auch selber aktiv
daran beteiligt waren, weil sie
Teil des Systems waren. Als ich
diese unbegreiflich bleiernen
Gefühle mit mir herumschleppte,
war die Kriegsgeneration in
Deutschland gerade mal ins
rüstige Rentenalter gekommen.
7
DER S T EIN
1993
ERINNERUNGSBRUCHSTÜCKE AUS 80 JAHREN DEUTSCH-DEUTSCHER GESCHICHTE
DER S T EIN
v. o. Katrin Röver, Lukas Turtur, Nora Buzalka, Juliane Köhler
ERINNERUNGSBRUCHSTÜCKE AUS 80 JAHREN DEUTSCH-DEUTSCHER GESCHICHTE
6
VON HARALD WELZER
8
DA S KO MMUNIK AT IVE GEDÄCH T NIS DER FAMIL IE
Das „Familiengedächtnis“ stellt kein umgrenztes
und abrufbares Inventar von Geschichten dar,
sondern besteht in der kommunikativen Vergegenwärtigung von Episoden, die in Beziehung zu
den Familienmitgliedern stehen und über die sie
gemeinsam sprechen. Solche Vergegenwärtigungen
der Vergangenheit finden in der Regel beiläufig
und absichtslos statt — Familien halten keine Geschichtsstunden ab, sondern thematisieren
Vergangenes zu unterschiedlichsten Anlässen. Die
Praxis konversationellen Erinnerns ist in Familien
etwas völlig Selbstverständliches — sie bedarf
keines Vorsatzes, keiner der Sprecher muß dabei
eine Absicht verfolgen, sie hat kein festgelegtes
Ziel, es braucht nichts „ausdiskutiert“ zu werden,
das Thema kann beliebig gewechselt oder abgebrochen werden.Weiter ist wichtig, daß das
jeweilige Erlebnis nicht vom damaligen Akteur ins
Gespräch gebracht werden muß — ganz im
Gegenteil kommt es häufig vor, daß ein anderer die
jeweilige Geschichte anspricht. Beim „falschen
Erinnern“ an die Erinnerungen anderer handelt es
sich nicht um ein Problem des unaufmerksamen
Zuhörens, sondern um das Ergebnis eines „effort
of meaning“. Kinder und Enkel machen sich ihren
ganz eigenen Reim auf die Geschichten, die sie von
ihren Eltern und Großeltern gehört haben, sie
interpretieren diese nicht nur auf ihre Weise,
sondern oft gestalten sie diese völlig neu, ergänzen
oder entstellen sie. Geschichten in der Familie
werden gerade deswegen erzählt, weil jeder sie
schon kennt: Denn die kommunikative Vergegenwärtigung von Vergangenem in der Familie ist kein
bloßer Vorgang der Weitergabe von Erlebnissen
und Ereignissen, sondern immer auch eine gemeinsame Praxis, die die Familie als eine Gruppe definiert, die eine besondere Geschichte hat, an der
die einzelnen Mitglieder teilhaben und die sich
nicht zu verändern scheint. Familien zelebrieren im
„conversational remembering“, im gemeinsamen
Sprechen über Vergangenes, ihre Geschichte als
Interaktionsgemeinschaft, und dabei geht es um
die Bestätigung der sozialen Identität der
Wir-Gruppe. Das Familiengedächtnis hat eine
synthetisierende Funktion, die die Kohärenz und
Identität der intimen Erinnerungsgemeinschaft
Familie gerade dadurch sicherstellt, daß alle
Beteiligten von der Fiktion ausgehen, sie würden
über dasselbe sprechen und sich an dasselbe
erinnern. So ein geheimer Fiktionsvertag liegt
übrigens auch anderen, weniger dauerhaften und
intimen Erinnerungsgemeinschaften zugrunde —
für Familienmitglieder ist aber die prinzipielle
Anforderung kennzeichnend, Kohärenz sichern,
Identität bewahren und Loyalitätsverpflichtungen
nachkommen zu müssen, und das Medium par
excellence für die Erfüllung dieser Anforderung sind
gemeinsame kommunikative Akte des Erinnerns.
[…] Dabei müssen die kommunizierten Geschichten
keineswegs vollständig, konsistent und linear sein
— sie bestehen im Gegenteil häufig eher aus
ziemlich widersprüchlichen Fragmenten und bieten
gerade deshalb Anknüpfungspunkte für unterstützende, unterbrechende und korrigierende Kommentare und Ergänzungen. Und ebensowenig, wie das
Gros der in der Familie kursierenden Geschichten
aus geschlossenen Narrativen besteht, existiert
auch keine Familiengeschichte „aus einem Stück“.
Sie ist eine kunstvolle Montage, zu der im Laufe
der Jahre immer etwas hinzugefügt und aus der etwas
anderes entfernt wird. Das Familiengedächtnis
basiert nicht auf der Einheitlichkeit des Inventars
seiner Geschichten, sondern auf der Einheitlichkeit
und Wiederholung der Praxis des Erinnerns sowie auf
der Fiktion einer kanonisierten Familiengeschichte.
Ihre synthetisierende Funktion wird immer aufs neue
realisiert, allerdings nur so lange, wie es gutgeht:
Denn bekanntlich funktionieren Familien keineswegs
immer als Kommunikations- und Erinnerungsgemeinschaften, und häufig zerbrechen sie ja auch, mit der
Folge, daß die Vergegenwärtigung einer gemeinsam
geteilten Vergangenheit unmöglich wird.
MAR
STALL
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Kategorie
Seele and Geist
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