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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Feature
Timbuktu Blues
Eine Stadt kämpft für ihre Kultur und gegen die Islamisten
Von Bettina Rühl
Sendung: Mittwoch, 17. Dezember 2014
Redaktion: Wolfram Wessels
Regie: Günter Maurer
Produktion: SWR 2014
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede
weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des
Urhebers bzw. des SWR.
Service:
SWR2 Feature können Sie auch als Live-Stream hören im SWR2 Webradio unter
www.swr2.de oder als Podcast nachhören: http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/feature.xml
Mitschnitte aller Sendungen der Redaktion SWR2 Feature sind auf CD erhältlich beim SWR
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01 Atmo Gassen kleine Kinder und Fußball
Erzählerin:
Eine Straße in Bamako, der malischen Hauptstadt. Das Wohnviertel ist einfach, die
Straßen sind nicht asphaltiert. Die Häuser unscheinbar. Nichts weist darauf hin, dass
hier einer der größten Kulturschätze Afrikas versteckt ist.
01 O Ton Abdel Kader Haidara
Très, très dangereux, partout, au nord ainsi que au sud, partout.
Übersetzer 1:
Es war sehr, sehr gefährlich. Im Norden ebenso, wie hier im Süden.
Erzählerin:
Hühner und Ziegen laufen herum, suchen im Müll auf den Straßen nach Futter. Ein
paar kleine Jungen spielen Fußball, ihr Ball ist aus Plastik und hat offenbar ein Loch,
sie müssen ihn alle paar Minuten wieder aufblasen. Alles ist vom Staub bedeckt, den
der Wind aus der nahen Sahara herbeiträgt.
03 Atmo Aufschließen, Atmo und Gespräch Führung durch Institut Baba
Erzählerin:
Von dort, aus Timbuktu am Rande der Sahara, kommt auch der Kulturschatz, der
jetzt in einem der mehrstöckigen Häuser aufbewahrt wird. Radikale Islamisten hätten
ihn fast vernichtet. Aber die Bewohner von Timbuktu waren schneller, sie haben den
Schatz gerade noch hierher gerettet. Sechzehn Mausoleen dagegen konnten nicht
geschützt werden, die Islamisten haben sie zerstört. Sie beschädigten außerdem die
Sidi Yahya-Moschee aus dem 15. Jahrhundert. Obwohl Mausoleen und Moschee zu
den Kulturdenkmälern zählen, denen Timbuktu den Rang einer UN-WeltkulturerbeStätte verdankt. Die Gefahr für das wertvolle Kulturerbe von Timbuktu ist nicht
vorüber. Auch die Menschen sind noch nicht in Sicherheit.
04 Atmo Lied Akia Mouloud Koulibaly
Ansage:
Timbuktu Blues
Eine Stadt in Mali kämpft für ihre Kultur und gegen die Islamisten.
Feature von Bettina Rühl.
Lied Akia Mouloud Koulibaly
05 Atmo Begrüßung, Haidaras Stimme zu hören
Tür zu einem der Büros geht leicht quietschend auf, ist aber nicht genau als solches
zu erkennen. / Abdel Kader Haidara, Begrüßung
02 O Ton Abdel Kader Haidara
Ca doit être un manuscrit du 18ieme siècle // le manuscrit qui est devant nous, tu as
vue que c est endommagé par des termites, tu as vue? Ce sont des traces des
termites. Il y a d’autres manuscrits qui ne sont pas endommagé.
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Übersetzer 1:
Dieses Manuskript muss aus dem 18. Jahrhundert stammen. Termiten haben es
stark zerfressen. Wir haben aber auch Handschriften, die nicht beschädigt sind.
06 Atmo für den Hintergrund
Erzählerin:
Abdel Kader Haidara hat ein rundliches Gesicht mit vollen Wangen, er ist ein
freundlicher und immer verbindlicher Mann. Haidara ist Archivar und wirkt so gar
nicht wie ein Hasardeur, aber der Eindruck von Gemütlichkeit täuscht:
03 O Ton Abdel Kader Haidara
Du début jusqu’à la fin, tout est dangereux.
Übersetzer 1:
Vom ersten bis zum letzten Moment war die Aktion gefährlich.
Erzählerin:
Haidara hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, um rund 285.000 historische
Handschriften vor der Zerstörung durch die Islamisten zu retten. Er brachte sie
heimlich aus der Wüstenstadt Timbuktu in die malische Hauptstadt Bamako, 1000
Kilometer entfernt. Damit begann er schon im Mai 2012, wenige Wochen nach dem
Einmarsch der Islamisten.
04 O Ton Abdel Kader Haidara
Il y a que des tirs, il y a que des violences. Mais avec tout ça, nous, on a pris notre
décision qu’il faut faire ça, on a fait ça. On a jamais eu peur, mais c’était dangereux
quand même.
Übersetzer 1:
Überall wurde geschossen, Gewalt war allgegenwärtig. Trotzdem waren wir davon
überzeugt, dass wir die Manuskripte retten müssen. Und das haben wir gemacht.
Erzählerin:
Acht Monate lang, zwischen Mai und Mitte Januar 2013, schmuggelten Haidara und
seine Helfer Metallkisten voller Manuskripte aus Timbuktu heraus.
05 O Ton Abdel Kader Haidara
On a jamais eu peur, mais c’était dangereux quand même.
Übersetzer 1:
Ich hatte keine Angst. Dabei war es wirklich sehr gefährlich.
Erzählerin:
Bei ihrer Aktion wurden sie von Islamisten mit vorgehaltener Waffe kontrolliert und
von Armeehubschraubern beschossen. Sie flohen auf Eseln, in Geländefahrzeugen
oder in einfachen Booten über den Niger-Fluss. Als die al-Qaida-nahen Kämpfer die
Bibliothek von Timbuktu im Januar 2013 dann tatsächlich in Brand setzen wollten,
fanden sie dort nur 4.000 Manuskripte. Weitere 11.000 blieben unentdeckt, die
meisten hatten Haidara und seine Helfer längst abtransportiert.
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06 O Ton Abdel Kader Haidara
C’est quelque chose qui est dangereux à l’époque parce que il y a l’insécurité, c’est
quelque chose qui est très dangereux parce que à l’époque, // il y a les guerres, donc
c’était dangereux, sinon je n’ai jamais fait ça contre quelqu’un. J’ai fait ça, en réalité
pour sauver notre patrimoine. Parce que moi, je … ce patrimoine, c’est pas pour moi,
c’est pas pour quelqu’un, mais c’était patrimoine humanité, c’est ce qui m’a donné
beaucoup de courage de faire tout pour sauver ce patrimoine.
Übersetzer 1:
Im Norden von Mali wurde gekämpft, und ich wollte unser kulturelles Erbe aus den
Wirren des Krieges retten. Dabei ging es mir nicht um meinen Besitz, obwohl ich
etliche Handschriften besitze. Aber die Handschriften von Timbuktu sind ein Erbe der
Menschheit. Dieses Bewusstsein hat mir den Mut gegeben, den ich brauchte, um
unser aller Erbe zu retten.
07 Atmo Musik Toumani Diabaté CD Djelika, Track 1: Djelika
Erzählerin:
Die Manuskripte von Timbuktu haben einen unschätzbaren historischen Wert: Sie
enthalten die Ergebnisse von hunderten Jahren islamischer Forschung. Die
Gelehrten kamen schon im Mittelalter nach Timbuktu, aus dem übrigen Afrika, aus
der arabischen Welt und aus Europa. Grundlage der Gelehrsamkeit war der
materielle Reichtum der Oase. In der Nähe des Niger-Flusses gelegen, war der Ort
zur Schnittstelle des Handels zwischen dem tropischen und dem mediterranen Afrika
geworden. Getauscht wurden Gold und Sklaven aus dem Süden gegen Salz aus
dem Norden. Das wertvollste aber, so hieß es damals, sei den Oasenbewohnern die
Weisheit gewesen. Handschriften würden in Timbuktu mit Gold aufgewogen. Der Ruf
der Stadt reichte bis nach Europa, dort munkelte man im 14. Jahrhundert von
goldgepflasterten Straßen in der Wüste und märchenhaftem Reichtum. Aber war das
nicht alles bloß Legende? Timbuktu stand in Europa fortan für einen fernen Traum,
einen unerreichbaren Ort.
08 Atmo Schritte
07 O Ton Abdel Kader Haidara
Dans la bibliothèque Mamma Haidara, il y a 45 000 manuscrits actuellement dans
cette bibliothèque. Bon, c’est une famille intellectuelle qui est là depuis très
longtemps, depuis plusieurs siècles donc de génération en génération, il y a eu
toujours des intellectuels qui … des écrivains, des poètes, des … des commerçants,
des magistrats qui … travaillent sur le manuscrit, qui ont écrit beaucoup. donc, c’est
pour cela que dans cette famille, il y a beaucoup de manuscrits.
Übersetzer 1:
Meine Familie hat eine Bibliothek mit 45.000 Manuskripten. Seit Jahrhunderten sind
wir eine Familie von Intellektuellen, Generation um Generation brachte Schriftsteller,
Dichter, Händler oder Richter hervor. Sie arbeiteten mit den Manuskripten, die sie
vorfanden, und schrieben selbst sehr viel. Deshalb haben wir jetzt eine so
umfangreiche Bibliothek.
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Erzählerin:
Schon als Jugendlicher ging Haidara ganz selbstverständlich mit diesem Wissen um.
Wenn er lesen wollte, griff er zu einem der historischen Manuskripte in arabischer
Schrift. Trotz dieses alltäglichen Umgangs vergaß Haidara nie, dass er etwas
Besonderes in den Händen hielt:
08 O Ton Abdel Kader Haidara
Moi, je connais un peu la valeur du papier depuis que j’étais très très jeune, peut-être
à l’âge de 7 ans, 8 ans comme ça. Parce que je me rappelle bien mon père, il, même
si il voit un papier ramassé, il nous dit de prendre ça, on ne savait pas c’est quoi,
mais un jour, il y a un frère qui lui a demandé pourquoi. Il dit que ça c’est la valeur du
papier et que le papier a une grande valeur. Il dit que tout ce qui se passe dans le
monde, c’est à travers le papier. Même si on parle d’économie, on parle de l’argent,
c’est à travers le papier, si on parle des connaissances, c’est à travers le papier.
Donc, on a compris ça depuis très longtemps, que ce que le papier est un grand
valeur, pas du papier seulement. En même temps, dans notre famille, depuis qu’on
est … très jeune, on a des manuscrits dans les autres maisons, partout là où tu
rentres, il y a des manuscrits et notre père même, il était un grand professeur, il a
beaucoup de … d’étudiants qui viennent d’un peu partout. Toujours, il lisait les
manuscrits. Il utilisait les manuscrits, donc on connait les manuscrits, et la valeur
comme ça.
Erzählerin:
Schon unbedrucktes Papier sei seinem Vater sehr wertvoll gewesen, sagt Haidara.
Als Junge habe er in den Gassen von Timbuktu jeden Schnipsel aufheben müssen.
Ohne Papier, sagte der Vater dann erklärend, bleibe das Wissen der Welt immer
flüchtig. Man könne Papier deshalb gar nicht hoch genug achten. Haidaras Vater war
Gelehrter, er unterrichtete seine Studenten zu Hause. Haidaras Elternhaus war voller
Handschriften, und ständig wurden weitere eingetauscht oder handschriftlich kopiert.
Als Haidara lesen konnte, natürlich auch die arabische Schrift, erschloss sich ihm in
seinem Elternhaus eine Welt des islamischen Wissens.
09 O Ton Abdel Kader Haidara
Moi, le manuscrit qui parle des droits de l’Homme, le manuscrit qui parle de bonne
gouvernance, le manuscrit qui parle de résolutions de conflits, le manuscrit qui parle
de culture de la paix, le manuscrit qui parle de tolérance, le manuscrit qui parle de …
de jurisprudence, le manuscrit qui parle d’astronomie. Tous ces domaines-là,
vraiment, m’intéressent beaucoup.
Übersetzer 1:
Die Manuskripte, in denen es um Menschenrechte und gute Regierungsführung geht,
sind mir die wertvollsten. Andere behandeln die Lösung von Konflikten und die Kultur
des Friedens. Außerdem geht es um Toleranz, Rechtsprechung und Astronomie –
alle diese Themenbereiche interessieren mich sehr.
Erzählerin:
Besonders gerne las Haidara in einem Ratgeber über gute Regierungsführung aus
dem 15. Jahrhundert. Der Regent solle immer aufrichtig sein, heißt es da, und dem
Wohlergehen der Bevölkerung dienen. Außerdem dürfe er Macht und Familieninteressen nicht miteinander verquicken. Heute würde man das „good governance“
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nennen. Zu Haidaras Favoriten gehört außerdem ein Manuskript aus dem 17.
Jahrhundert, in dem es um die Bekämpfung von Korruption und Machtmissbrauch
geht. Derzeit sind diese Schätze seinem Zugriff entzogen, in Metallkisten vor
Islamisten und Dieben versteckt, bedroht von der Zerstörung durch Feuchtigkeit und
Termiten.
04 Atmo Lied Akia Mouloud Koulibaly
Erzählerin:
An eine Rückkehr nach Timbuktu ist vorerst gar nicht zu denken: die Stadt wird zwar
inzwischen von französischen Militärs und Soldaten der Vereinten Nationen
kontrolliert, aber die al-Qaida-nahen Kämpfer warten nicht weit davon entfernt auf
eine zweite Chance. Trotzdem mache ich mich auf den Weg. Ich will wissen, was die
islamistische Bedrohung aus der Stadt und ihren Bewohnern gemacht hat. Was ist
aus dem legendären Geist von Timbuktu geworden? Konnten die Islamisten ihn
zerstören?
10 Atmo Rollfeld
11 Atmo Aufschließen, Atmo und Gespräch
25 Aufschließen Haupthaus
Erzählerin:
Die Hitze staut sich in der verwaisten Bibliothek von Timbuktu, dem staatlichen
Ahmed Baba Institut. Abdoulaye Cissé wacht über das fast leere Gebäude, er ist der
stellvertretende Direktor des staatlichen Archivs. Cissé ist nicht einmal während der
islamistischen Besatzung im Jahr 2012 geflohen. Irgendjemand musste die
Handschriften schließlich schützen. Dabei war Cissé als Angestellter der malischen
Regierung besonders gefährdet, in den Augen der Islamisten ein Repräsentant des
verhassten weltlichen Staates.
10 O Ton Abdoulaye Cissé
C’est moi qui est parti chez eux. Pour leur dire que voilà, nous sommes d’un service
qui conserve un truc de l’Islam. Il faut nous aider à conserver ca. Pour que ca ne soit
pas vandalisé. Pc les groupes armées, quand ils sont venues a Tombouctou, ils
rentrent dans tous ce qui est symbole de l’état, ils cassent, ils prennent ce qu’ils
veulent, et après, ils laissent ca au bardot de la ville pour tout détruire.
Übersetzer 2:
Ich bin zu ihnen gegangen und habe gesagt: „Wir bewahren islamische Schätze. Ihr
müsst uns helfen, sie zu schützen, sonst werden Plünderer und Diebe alles
vernichten.“ Wir mussten einfach etwas unternehmen. Denn als die bewaffneten
Gruppen in Timbuktu einmarschierten, zerstörten sie die Symbole des Staates und
die staatlichen Einrichtungen. Sie haben alles zerschlagen und mitgenommen, was
ihnen gefiel. Den Rest überließen sie Plünderern.
Atmo aus Rundgang als Zäsur
Mischen mit Musik, als Zäsur zwischen Tönen und treibendem Faktor?
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11 O Ton Abdoulaye Cissé
Pour éviter cela, nous nous somme parties à eux pour eux dire de nous conserver le
service, et ils ont accepté. Et c est ainsi qu ils sont meme venues occupé le lieu. et si
aujourd’hui toutes ces vitres, toutes ces tables et chaises et tout ca est la, pc ils sont
venues conserver ca. Sinon, même les bardots de la ville allaient tout emporter.
Übersetzer 2:
Das durfte der Bibliothek nicht widerfahren. Nur die Islamisten konnten das
verhindern, die staatlichen Sicherheitskräfte waren ja weg. Die Islamisten willigten
ein, die Bibliothek zu schützen. Sie schickten sogar Wachen. Nur so ist zu erklären,
dass alle Fensterscheiben noch ganz sind, die Tische und Stühle noch da.
Andernfalls hätten Plünderer alles weggetragen.
Erzählerin:
Aber Cissé und Haidara trauten dieser Zusage nicht.
12 O Ton Abdoulaye Cissé / 07 Atmo und Gespräch Führung Ahmed Baba
La peur est venue quand nous avons après qu'ils ont passé par Mama Abdelkader
Haidara. Demander ses manuscrits. Pourquoi? Pc ils disent que Abdelkader travaille
avec des américains. 18 pour eux, c est des mécréants, donc tout ca, ce qu’il fait
avec eux, ils cherchent ces manuscrits pour les récupérer. Donc c est la que nous
avons pris peur. On s est dit que puisqu'ils sont la, il y a certains manuscrits qui sont
la, peut être ils vont faire ce qu’ils veulent. 19 pc nous aussi, nous avons aussi des
partenaires, américain, européen et un peu partout. Et ils savent tout ca. Donc a ce
moment on s est dit que pour tout ca qui est la, peut être que nous n avons plus
récupéré quelque chose la dedans.
Übersetzer 2:
Wir kriegten richtig Angst als wir hörten, dass die Islamisten zu Abdel Kader Haidara
nach Hause gekommen waren und die Herausgabe der Familienbibliothek verlangt
hatten. Sie sagten, Haidara kooperiere mit den US-Amerikanern. In ihren Augen sind
das Ungläubige. Und wir bekommen für das staatliche Institut auch Geld aus dem
Ausland, unter anderem von US-amerikanischen und europäischen Partnern. Von
diesem Moment an fürchteten wir, dass wir alles verlieren.
13 O Ton Abdoulaye Cissé
Dès lors, nous avons commencé à faire sortir ce qui est de l autre coté. Pc l autre
coté, c est un ancien bâtiment, qui n a pas attiré leur attention. Donc ils n étaient pas
là-bas, et c est là-bas que nous avons l essentiel. // et il se trouvait que c est
Abdelkader Mama Haidara qui a déjà éparpillé ses manuscrits dans des familles. Ils
n ont rien trouvé dans sa bibliothèque. // Donc, nous avons poursuivi comment il a
fait. Pour aussi procéder de même chose chez nous.
Übersetzer 2:
Wir fingen an, die Handschriften aus dem alten Institut heimlich wegzuschaffen. Auf
das alte Gebäude waren die Islamisten nämlich noch nicht aufmerksam geworden,
dabei hatten wir dort unsere wichtigsten Schätze. Als sie zu Haidara nach Hause
gekommen waren, stellten sie fest, dass er seine Bibliothek längst weggeschafft
hatte. Von da an haben wir auch damit angefangen.
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Erzählerin:
Zum Glück versuchten die Islamisten erst spät, die verbliebenen Manuskripte
tatsächlich zu verbrennen.
14 O Ton Abdoulaye Cissé
Pc si ils voulaient tout détruire, ils allaient le faire depuis qui ils sont rentrés ici. Ils ont
fait 10 mois ici, c est à la fin, précisément le 23 janvier, et le 25 janvier, ils sont sortis.
// Donc nous, on met ca sur le compte de leur défait, tout simplement.
Übersetzer 2:
Hätten sie die Bibliothek wirklich zerstören wollen, hätten sie damit doch direkt nach
ihrem Einmarsch anfangen können. Sie hielten Timbuktu schließlich zehn Monate
lang besetzt. Aber erst am 23. Januar legten sie Feuer in der Bibliothek, und am 25.
Januar mussten sie fliehen.
Erzählerin:
Der Grund: Im Januar 2013 griff die französische Armee auf Seiten der malischen
Regierung in die Kämpfe ein, um den drohenden Vormarsch der Islamisten auf die
Hauptstadt Bamako zu verhindern. Die französische Luftwaffe bombardierte
Stellungen der Islamisten im Norden des Landes. Auch in der Nähe von Timbuktu.
Die al-Qaida-nahen Kämpfer erkannten ihre Niederlage und versuchten, vor ihrer
Flucht noch so viel wie möglich zu zerstören. Sie setzten die Telefonzentrale in
Brand, zogen dann zum Elektrizitätswerk. Die Einwohner von Timbuktu stellten sich
den bewaffneten Kämpfern entgegen. „Lasst unsere Stadt nicht im Dunkeln
versinken“, flehten sie, verhandelten mit den Islamisten. Die liessen daraufhin von
diesen Plänen ab, wandten sich der Bibliothek zu. Und fanden dort fast keine
Handschriften mehr.
12 Atmo von Rundgang, Gespräch Ahmed Baba, Tor geht auf, Schritte.
Erzählerin:
Die Räume im Ahmed-Baba- Institut sind hoch und schlicht, ein modernes Gebäude
aus Lehm. Ein Geschenk Südafrikas an Mali, das an materiellen Gütern ungleich
ärmer ist, als die Wirtschaftsmacht im Süden des Kontinents. Das neue Archiv und
Forschungsinstitut wurde 2009 im Zentrum Timbuktus eingeweiht. Aber der Umzug
der Handschriften aus dem alten in das neue Institut zog sich hin. Als TuaregMilizionäre und bewaffnete Islamisten Ende März 2012 in Timbuktu einmarschieren,
haben die Archivare erst 15.000 Handschriften aus dem alten und unscheinbaren
Gebäude in den neuen Prachtbau geschafft.
13 Atmo im Archiv, Atmo und Gespräch
on va aller là-bas ou se trouvent les manuscrits. … Schritte, Schlüssel....Treppe....
wir kommen an Wächtern vorbei, sitzen in einer Ecke im Hof, kochen Tee, Musik,
Schlüssel,
Erzählerin:
Das Archiv, die Werkstätten und Forschungsräume befindet sich in einem eigenen
Gebäude, abgetrennt von Gästezimmern und Verwaltungstrakt.
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14 Atmo Aufschließen
Erzählerin:
Wir stehen vor einer weiteren Eisentür.
15 O Ton Abdoulaye Cissé
Vous voyez cette porte à, quand ils étaient ici, ils ont tout arraché. (Hatten Sie
herausgebrochen, schwere Eisentür, Verankerung aus dem Beton ) nous avons
repris ca. Ils avaient arraché la porte, lautes Schlüsselklappern, pour accéder aux
manuscrits.
Übersetzer 2:
Sehen Sie diese Tür? Die Islamisten haben sie herausgebrochen, um an die
Manuskripte zu kommen. Wir haben die Tür inzwischen repariert.
Atmo weiter (Schritte im Haupthaus)
16 O Ton Abdoulaye Cissé
Vous voyez, ca c’est la salle d'exposition. Ou nous avons exposé quelque
manuscrits.
Übersetzer 2:
Hier haben wir ein paar Manuskripte ausgestellt.
Erzählerin:
In den erleuchteten Vitrinen liegen vergilbte, rissige Blätter. Die Ränder ausgefranst,
von Insekten zerfressen. Mit arabischen Schriftzeichen eng beschrieben, an den
Rändern dicht gedrängte Kommentare. Sie stammen von Timbuktus Gelehrten und
Studenten, sind Jahrhunderte alt.
17 O Ton Abdoulaye Cissé
Mais quand ils avaient défoncé la porte, il se trouvait que tout ca, c’était vide. Nous n’
avaient rien exposé là-dedans. On était en phase de déménagement, de quitter l
ancien pour venir ici, quand le problème a éclaté. … nous n avons pas beaucoup
amené ici. Ce qu’on a ici, ce sont des nouvelles acquisitions des manuscrits qu’ on
venait d accueillir. On les a amené. Et il y a une partie sur laquelle les restaurateur
sont en train de travailler, sur lesquelles ils confectionnent les boites. Donc sur ce
qu’ils confectionnent les boites, c est ce que les Islamistes ont trouvé entre leurs
mains au niveau de l’atelier. Sinon il y a une salle ici où se trouvent a peu prés
11.000 manuscrits qui était fermé. Vous allez voire la salle.
Übersetzer 2:
Die Islamisten standen in einem leeren Raum, nachdem sie die Eisentür
aufgebrochen hatten. Wir waren ja noch mitten im Umzug, hier im Neubau waren nur
unsere Neuanschaffungen. In den Restaurierungswerkstätten fanden die Islamisten
ein paar Handschriften, die gerade bearbeitet wurden. Die setzten sie in Brand. Aber
die gesicherten Archivräume, in denen wir etwa 11.000 Handschriften haben,
entdeckten sie nicht.
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18 O Ton Abdoulaye Cissé
Quand on voit ca, ca nous fait tellement mal – on ne sait même pas comment décrire
le mal et la tristesse qu’on a. pc ca c est le plus grand mal qu’on nous a fait. Pc ils
connaissent la valeur scientifique et culturelle de ces documents.
Übersetzer 2:
Als wir später die verbrannten Reste fanden, traf uns das tief. Mir fehlen die Worte,
um den Schmerz und die Trauer darum beschreiben zu können. Härter hatten sie
uns nicht treffen können, und das wussten sie. Sie kannten den unschätzbaren Wert
dieser Handschriften.
15 Atmo Abdoulaye Cissé
32 on va ouvrir.... 33 …..
Erzählerin:
Einige der verkohlten Fetzen liegen jetzt in der Vitrine.
19 O Ton Abdoulaye Cissé
On ne peut pas sauver ca. On les garde seulement pour le temoinage de l histoire.
Sinon, ca ne peut pas se sauver.
Übersetzer 2:
Sie sind nicht mehr zu retten. Wir bewahren sie als historisches Zeugnis.
20 O Ton Abdoulaye Cissé
Après évaluation, on a vue que ce qu’on a perdu, ce sont 4203 manuscrits
précisément. // effectivement c est beaucoup moins, pc lorsqu’ on a vue le centre,
nous on se disait – pc on connait le nombre qu’ on a ici, on a peu près 15.000
manuscrits ici.
Übersetzer 2:
Wir haben genau 4203 Manuskripte verloren. Das ist sehr viel weniger, als man hätte
befürchten können.
Erzählerin:
Cissé holt einen Pappschuber aus einer der Vitrinen.
21 O Ton Abdoulaye Cissé
… ce sont ces boites-la qu’on fabrique pour la conservation physique des
manuscrits.
Erzählerin:
Solche Pappschuber sind Teil des Kampfes um die Manuskripte von Timbuktu. Die
Boxen aus säurefreier Pappe sollen den Verfall zumindest stoppen. Denn die
Manuskripte werden nicht nur von den Islamisten bedroht, sondern auch von
Feuchtigkeit und Insekten. In der Werkstatt des Archivs bekommt jedes Manuskript
einen solchen Schuber angepasst – bei rund 300.000 Handschriften eine Arbeit von
Jahrzehnten. Sie wurde mit dem Einmarsch der Islamisten jäh unterbrochen.
25 Aufschließen Haupthaus
10
11
22 O Ton Abdoulaye Cisse
ils ont laisse des habilles, ils ont laisse des chaussures, ils ont aussi laisse certains
documents. Certains documents que la force Serval a récupéré ici. Et qui ont permis
de découvrir beaucoup de choses sur eux. // … leur mode d intervention, leur
organisation, leur hiérarchie, leurs directives qui ont été donné par leurs hiérarchie.
Tous ca ils ont découvert dans des documents qu’ils ont trouvés ici. // … ils ont
trouvé des drogues, ils ont trouvé des munitions, ils ont trouvé des mines. Qui ne
sont pas piégé, forte heureusement, et des grenades et beaucoup de trucs de guerre
qu’ils ont découvert ici. Qu’ils ont abandonné.
Übersetzer 2:
Wir haben hier noch ihre Kleidung gefunden, ihre Schuhe und einige Dokumente.
Das französische Militär hat die Unterlagen mitgenommen. Diese Dokumente
lieferten viele neue Erkenntnisse über die Organisationsstruktur der islamistischen
Miliz: Wie sie organisiert sind, wer die Befehlshaber sind. Außerdem haben wir
Drogen gefunden, Munition, Anti-Personen-Minen und Granaten.
23 O Ton Abdoulaye Cisse
Vraiment, c est tout a fait un truc paradoxale pour nous, c est paradoxe, pc état
islamiste, ils parlent de l islam, mais dans une patrimoine qui conserve l islam, nous
trouvons quand même que c est paradoxale de venir et de déposer la dedans des
ronds des munitions, des mines anti-personnel et tout ca. Et des drogues encore. Ce
sont des gens qui se disent de l islam et qui prennent de la drogue. C est vraiment
pour nous un truc qui est complètent contradictoire.
Übersetzer 2:
Sie reden die ganze Zeit vom Islam, und dann hausen sie in einer Kulturstätte
inmitten islamischen Erbes. Machen sich zwischen den Manuskripten breit, mit ihren
Patronengürteln, ihren Anti-Personen-Minen und Drogen.
Erzählerin:
Die Drogen, vor allem Kokain, sind nicht nur für den eigenen Gebrauch: Die alQaida-nahen Gruppen in der Sahara finanzieren sich unter anderem durch den
Schmuggel von Kokain. Und durch das Erpressen von Lösegeldern.
17 Atmo Führung
54 wieder Schritte, 55 schließt zu
24 O Ton Abdoulaye Cissé
Tombouctou quand même est effectivement une ville extraordinaire, une ville
ancienne, qui était célèbre, surtout par le fait qu’elle attiré beaucoup d'intellectuels.
Sa force c est que c est une ville cosmopolite. Où il y a beaucoup d ethnies qui se
sont brassés ici. …et tout le brassage c était dit c est à le rencontre entre l Afrique
noir et l Afrique blanche. Donc c est un point de rencontre, ou il y a des échanges
commerciaux et tout ca, et c est ca qui apportait aussi les échanges culturels. Et c
est ce qui a fait sa célébrité.
11
12
Übersetzer 2:
Timbuktu ist trotz allem eine außergewöhnliche Stadt geblieben. Eine historische
Stadt, die immer schon sehr viele Intellektuelle angezogen hat. Ihre Stärke war
immer ihr kosmopolitisches Wesen. Timbuktu ist eine Schnittstelle zwischen dem
Afrika südlich der Sahara und Nordafrika, deshalb leben hier die unterschiedlichsten
Ethnien. Der Austausch von Waren hat auch zu kulturellem Austausch geführt,
deshalb ist Timbuktu seit Jahrhunderten ein Ort der Begegnung. Genau das hat die
Stadt berühmt gemacht.
25 O Ton Abdoulaye Cissé
c est une ville ou il y a cette amour de prochain, il y a ce pacifisme qui est dans cette
ville, ou les gens apprennent la sagesse et la paix. // Donc c est vraiment une ville
qui a cette particularité, donc c est pourquoi on l appelle „la ville mystérieuse“.
Übersetzer 2:
Hier liebt man seinen Nächsten noch. Timbuktu ist geprägt von Friedfertigkeit. Die
Menschen streben nach Weisheit und Frieden. Wegen dieser Werte nennt man sie
„die geheimnisvolle Stadt“.
Erzählerin:
Die Stadt, die Cissé schildert, klingt wie ein Traumbild – in Zeiten, in denen militante
islamistische Gruppen wie Boko Haram und Islamischer Staat das Bild des Islam in
der Welt dominieren, scheint sie ein Hort des friedliebenden Islam. Ich will wissen, ob
er Recht hat, und mache mich auf, das Geheimnis von Timbuktu zu suchen.
18 Atmo Gasse Timbuktu mit Ziege
Erzählerin:
Timbuktu, 55.000 Einwohner, wirkt wie aus der Zeit gefallen. Lehmbauten und enge
Gassen, nur in den Randbezirken steht hier und da ein Haus aus Beton. Das Licht
ereignislos, die Sonne oft verhangen vom Sand der Sahara. Esel sind ein übliches
Verkehrsmittel, in den schmalen Gassen ergänzt durch Mopeds. Autos können
vielerorts nicht passieren. Schilder warnen vor Munitionsresten, Sprengfallen, Minen
– den Hinterlassenschaften der islamistischen Gruppen.
19 Atmo Gasse Timbuktu morgens mit Vögeln
20 Atmo Hausarbeiten Hof Fatmatu
Erzählerin:
Der Innenhof einer Großfamilie. Mehrere Frauen und Mädchen bereiten gemeinsam
die nächste Mahlzeit vor, mahlen Gewürze und Getreide. Der Hof ist von niedrigen
Lehmbauten eingefasst. Die Familien wohnen in einfachen Zimmern. Der Patriarch
liegt auf einer Matte im Zentrum des Hofes. Von Kissen gestützt, liest er im Koran. Er
heißt Aboubacar Aljoumat und ist Marabout, ein islamischer Geistlicher. Ich habe
vom Schicksal seiner Tochter Fatmata gehört. Die ist bei einer Nachbarin, wird aber
geholt. Ein zartes Gesicht, lange Wimpern, große Augen. Eine Schönheit, 15 Jahre
alt.
26 O Ton Fatmata
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13
Erzählerin (indirekte Übersetzung):
Sie habe eine Tochter, anderthalb Jahre alt. Ihre Tochter läuft gerade irgendwo auf
dem Hof herum, zwischen Großeltern, Cousinen und Tanten. Fatmata wollte nicht
Mutter werden, sie wollte auch nicht heiraten. Islamisten von der Miliz Ansar Dine
haben sie gezwungen – sie und etliche weitere Frauen von Timbuktu.
27 O Ton Fatmata
Übersetzerin:
Sie haben das gemacht, wie sie es immer machen: Sie patrouillierten am späten
Nachmittag durch die Stadt, ich war mit Freundinnen unterwegs. Sie sahen mich und
folgten mir nach Hause. Sie sind einfach in unseren Hof eingedrungen und haben
mich von meinem Vater als Frau gefordert.
28 O Ton Fatmata Atmo vom Hof, statt ihrer Stimme
Erzählerin (indirekte Übersetzung):
Ihr Vater habe die Herausgabe seiner Tochter verweigert, weil sie viel zu jung sei,
damals 13 Jahre alt. Die Islamisten seien ein paar Tage lang wiedergekommen,
jeden Tag hätten sie dasselbe gefordert. Am Ende hätten sie ihren Vater mit der
Waffe bedroht.
29 O Ton Fatmatas Vater
Übersetzer 3:
Sie haben mich fast umgebracht. Als ich sah, dass sie selbst davor nicht
zurückschrecken, habe ich nachgegeben. Ich stand ja mit leeren Händen da, gegen
die Bewaffneten war ich machtlos.
30 O Ton Fatmata
Übersetzerin:
Als sie meinen Vater mit der Waffe bedrohten und er zustimmte, fügte ich mich auch.
Ich hatte keine andere Wahl.
31 O Ton Fatmatas Vater
Übersetzer 3:
In meinen Augen haben diese Leute nicht dieselbe Religion wie wir. Sie sagen von
sich selbst, sie seien Muslime. Wir bezeichnen uns auch als Muslime. Unsere
Religion ist gleichbedeutend mit Toleranz. Sie dagegen sind überhaupt nicht tolerant.
Sie quälen die Bevölkerung, mischen sich in alles ein. Nein wirklich, die Islamisten
und wir teilen nicht dieselbe Religion.
32 O Ton Fatmata
Übersetzerin:
Ich hatte die ganze Zeit große Angst. Ich hätte nie gedacht, dass sie Frauen aus den
Familien der religiösen Führer von Timbuktu zur Heirat zwingen würden. Weil sie
noch nicht einmal davor zurückschreckten, schien mir alles möglich.
33 O Ton Fatmatas Vater
Übersetzer 3:
Bis zum Einmarsch der Islamisten war ich Iman von einer unserer Moscheen.
Nachdem sie Timbuktu besetzt hatten, gab ich dieses Amt auf und zog ich mich
zurück. Ich wollte keine Konfrontation, ich strebe nach Frieden.
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34 O Ton Fatmata
Übersetzerin:
Der Islamist, den ich heiraten musste, brachte mich in ihr Camp. Er hat mich nicht
misshandelt, aber ich musste die ganze Zeit im Haus bleiben. Wochenlang durfte ich
nicht raus. Ich hatte nichts zu tun. Mein Mann kümmerte sich um alles, er kochte
sogar. Ich saß untätig herum und war eingeschlossen, wie eine Gefangene.
35 O Ton Fatmatas Vater
Übersetzer 3:
Vom Anbeginn der Zeit bis heute gibt es in Timbuktu nur eine einzige Religion:
Toleranz und die Solidarität mit deinem Nächsten. Diese Religion ist Teil unserer
Kultur. Wohin ein Bewohner von Timbuktu auch geht, seine Kultur nimmt er mit und
entwickelt sie weiter. Wir können und wollen nicht von unserer Kultur lassen.
36 O Ton Fatmata
Übersetzerin:
Unser Haus war voller Waffen. Bis dahin hatte ich noch nie Waffen gesehen,
natürlich hatte ich Angst.
Erzählerin:
Fatmata redet leise. Es ist erstaunlich, dass sie überhaupt über ihre Erlebnisse
spricht. Zwischendurch schaut sie immer wieder zu Boden, ihre Finger sind rastlos,
sie spielt mit einer Gebetskette. Dabei erzählt sie von dem ständigen Streit mit ihrem
so genannten Ehemann.
37 O Ton Fatmata
Übersetzerin:
Er war mit meinem Verhalten nicht einverstanden. Wenn er mich etwas fragte, gab
ich keine Antwort. Ich habe nie mit ihm gesprochen. Er tobte, weil ich mich ihm nie
völlig unterwarf. Nach vier Monaten hatte er genug und brachte mich zurück.
Erzählerin:
Da war Fatmata schon schwanger. Ihr Vater nahm sie mit offenen Armen auf.
38 O Ton Fatmatas Vater
Übersetzer 3:
Ich würde es nie über mich bringen, meine Tochter zu verstoßen. Was immer
passiert, sie ist und bleibt meine Tochter, und ich muss sie so akzeptieren, wie sie
ist. Was ihr widerfahren ist, war ja in Wahrheit keine Ehe, und sie hat das von Anfang
an nicht gewollt. Sie hat sich zu weigern versucht. Sollte ich jetzt mein Kind
zurückweisen, nachdem es seine Freiheit wiederbekommen hat und zu uns
zurückkommen durfte?
Erzählerin:
Seine Antwort erstaunt mich. Ich habe oft mit Christen und Muslimen gesprochen,
die das ganz anders sehen. Die ihre Töchter und Frauen zurückweisen, nachdem sie
vergewaltigt worden sind. Schwer verletzt und traumatisiert, verlieren sie auch noch
ihren Ehemann, ihre Familie.
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39 O Ton Fatmatas Vater
Übersetzer 3:
Was Sie da schildern, gibt es bei uns nicht. Man kann seine Tochter oder seinen
Sohn nicht verstoßen, egal, was passiert. Und doch erst recht nicht nach einer
erzwungenen Ehe. Ich habe es schließlich nicht geschafft, mein Kind vor den
Bewaffneten zu schützen. Es hat mich mit großem Glück erfüllt, dass meine Tochter
gesund und wohlbehalten zurückkam. Und meine Enkelin ist in meinen Augen ein
Geschenk Gottes, trotz der Umstände ihrer Geburt.
Erzählerin:
Fatmatas Vater wirkt gebrechlich, er spricht mit heiserer Stimme. Auf die Frage nach
seinem Alter kramt er nach seinem Personalausweis, er trägt ihn in einem
Lederbeutel um den Hals. Der Geistliche sagt, er vergesse sein Alter sonst ständig.
Auf der abgenutzten Karte steht als Geburtsjahr 1961. Aboubacar Aljoumat ist also
gerade mal 53 Jahre alt, aber er wirkt wie Ende 70. Was ihn jetzt, nach der Befreiung
Timbuktus noch quäle, sei die ständige Furcht vor der Rückkehr der Islamisten. Sie
sind nicht weit von Timbuktu entfernt.
40 O Ton Fatmata
Übersetzerin:
Seit ich heiraten musste, bin ich anders als früher. Mich schmerzt der Gedanke
daran. Ich schäme mich. Ich versuche, die Scham zu überwinden, aber ich schaffe
das nicht. Dabei guckt die Bevölkerung von Timbuktu gar nicht auf mich herab. Seit
das passiert ist, bin ich nicht mehr glücklich. Das Leben ist bei uns sowieso schon
hart, und ich war auch noch die Frau von einem Islamisten.
Erzählerin:
Fatmata geht auf die höhere Schule, Madrassa genannt. Dort werden neben
Französisch, Mathematik und Naturwissenschaften auch Arabisch und Islamische
Wissenschaften gelehrt. Niemand stößt sich an der ledigen Mutter und an dem
Kleinkind in der Klasse.
41 O Ton Fatmata
Übersetzerin:
Ich liebe meine Tochter, schließlich habe ich sie in die Welt gesetzt. Aber ich bin fast
damit überfordert, für sie zu sorgen. Ich gehe ja noch zur Schule, und jeden Morgen
frage ich mich, was ich jetzt mit meiner Tochter machen soll. Sie ist noch zu jung, um
sie in der Familie zu lassen. Außerdem habe ich häufig kaum genug für sie zu essen,
meine Familie ist arm.
21 Atmo Koranschule
22 Atmo Kalligraph, Schreiben
23 Atmo Moschee: Gebetsruf. Atmo Wasser, Gespräche: Zwei Männer waschen
sich, ehe sie auch in die Moschee gehen
24 Atmo Hof
Erzählerin:
Eine Frau wäscht mit Waschbrett und Zuber, andere Frauen mahlen Getreide.
Ziegen und Hühner laufen herum, quer über den Hof trocknet Wäsche auf einer
Leine.
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25 Atmo Hof
Begrüßung
42 O Ton
Je me présente, mon nom, c’est LLK, Ladio Ladji Kabako, pour les intimes.
Erzählerin:
Hier wohnt Ladio Ladji, 29 Jahre alt, Rapper. Er kommt auf Krücken in sein Zimmer,
er hatte einen Unfall mit dem Moped. Ladio Ladji streckt sich auf den Matratzen aus,
die auf dem Boden liegen.
43 O Ton LLK
C’est-à-dire Ladio Ladji, mon nom c’est Ladji, on m’appelle comme ça Alhadji Omar,
mais dans le bac, dans le mouvement, je me suis surnommé LLK. // Le mouvement
de rapologie. // Le rapologique, le hip-hop, tu vois. Bon, LLK, c’est Ladio Ladji, mais
le Kabako-là, ça veut dire le miracle.
Übersetzer 4:
In der Hip-Hop Szene nennt man mich LLK. Das K steht für Kabako, Wunder.
Erzählerin:
LLK hat sich den Schädel kahl rasiert, trägt einen feinen Oberlippenbart, ein
schwarzes Muscle-Shirt und eine weite, knielange Shorts.
44 O Ton LLK
Non, c’est plus que ça. En fait, on ne peut pas compter tous les groupes, parce que
chaque jour, il y a des nouveaux groupes qui se, qui naissent, tu vois?
Erzählerin: (indirekt übersetzen):
Jeden Tag entstünden neue Hip-Hop-Gruppen in Timbuktu, man könne sie gar nicht
mehr zählen. Er selbst habe schon zwei Alben veröffentlicht, das dritte sei in Arbeit.
26 Atmo Video Clip
45 O Ton LLK
Je lutte pour les traditions.
Übersetzer 4:
Ich kämpfe für unsere Tradition.
46 O Ton LLK
Le 1er, c’est Queida Quei, // Queida Quei, ça veut dire: Le propriétaire de la ville.
Voilà, quelqu’un qui maîtrise la ville, on l’appelle Queida Quei, tu sais, il y a des
enfants, depuis leur enfance, ils marchaient trop, ils trainent trop, donc on les
appelait Hé, les Queida Quei, lui, c’est un Queida Quei, quelqu’un qui connaissait
bien la ville, on l’appelle Queida Quei, donc, c’est, c’est ça le titre de mon 1 er album.
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Übersetzer 4:
Mein erstes Album heißt Queida Quei. Das bedeutet der Herr oder Besitzer der
Stadt. Man sagt das zum Beispiel zu Kindern, die viel auf der Straße herumhängen.
Die jeden Winkel kennen.
Erzählerin:
LLK raucht, spricht auch auf der Straße mit Frauen, rappt. Nichts davon tolerierten
die al-Qaida-nahen Islamisten, während sie Timbuktu besetzt hielten. Die Strafen
waren drakonisch: Menschen wurden öffentlich ausgepeitscht, Dieben die Hand
abgehackt. LLK wurde mehrmals mit einer brennenden Zigarette erwischt. Oder
angehalten, weil er auf seinem Handy Musik hörte. LLK gehorchte nicht, suchte den
Machtkampf mit Worten. Ein Mal wurde der Milizionäre so wütend, dass er seine
Waffe entsicherte. Ein Schuss löste sich, traf den Milizionär in den Fuß. LLK nutzte
den Moment, raste mit seinem Moped um die nächste Ecke.
47 O Ton LLK
Peur? Moi, si j’avais peur, je n’allais pas rester. Je n’ai peur que d’une chose, moi, je
n’ai peur que de Dieu, c’est tout. J’avais pas peur. Mais, ce qui me dérange quand
même, ça, c’est le bruit des armes, parce qu’il y avait eu des moments où j’ai essayé
de me concentrer, j’y arrivais pas. On dirait que mon cerveau est barbouillé … //
C’était un calvaire, j’ai vécu ça avec … // Einschub: Trop, tout le, toujours des tirs.
Surtout quand l’avion-là passe, il tire seulement (Imite les tirs). La nuit, il tire. Des
fois, tu sais même pas pourquoi il tire. Moi, quand même c’est tout ce qui me
dérange, je n’aime pas du tout le bruit-là. Tu vois. Einschub Ende // j’ai même tourné
le clip. Ils étaient là, on a pu tourner un clip.
Übersetzer 4:
Angst? Wenn ich Angst gehabt hätte, wäre ich nicht in Timbuktu geblieben. Ich
fürchte Gott. Aber was mich unglaublich gestört hat, war der ständige Lärm der
Waffen. Ich konnte mich überhaupt nicht mehr konzentrieren. Ständig wurde
geschossen, auch nachts. Oft wusste man gar nicht, warum sie schon wieder
schießen. Sie zielten auch auf Flugzeuge, die vorbeiflogen. Es war die Hölle. Aber
ich habe es trotz ihrer Strafen geschafft, einen Video-Clip zu drehen.
26 Atmo Clip
48 O Ton LLK
Bon, en fait, on a peur qu’ils nous surprennent. Mais le clip a été quelque chose pour
nous, quelque chose de souvenir, il y avait le grand frère de mon manager, Ablo, on
s’assoit, on se causait, il me dit: Pourquoi on n’essaie pas de tourner un clip? J’ai dit
mais oui. Ila pris son appareil numérique et il a commencé à filmer. On a pris des
gens au quartier pour nous surveiller la zone. On fait notre clip, mais si’ils nous
surprennent seulement, on fait comme si on s’amusait. Jusqu’à ce qu’on a pu faire
tout notre clip, vous voyez?
Übersetzer 4:
Dabei hatten wir natürlich Angst, dass sie uns erwischen. Wir wollten das Video aber
unbedingt machen, als Erinnerung. Die Idee dazu hatte der ältere Bruder meines
Managers. Wir saßen zusammen, quatschten, und er sagte: Warum versuchen wir
nicht, einen Clip zu drehen? Er hat eine kleine digitale Kamera, und wir haben sofort
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angefangen. Ein paar Leute aus dem Viertel standen für uns Schmiere. Wenn die
Islamisten kamen, haben wir so getan, als würden wir nur herumalbern.
26 Atmo Clip
Erzählerin:
In dem Clip sind die Straßen von Timbuktu verwaist. Die meisten Einwohner sind
geflohen, die anderen verbarrikadieren sich zu Hause. In diesen leeren, sandigen
Gassen also rappt LLK. Auf den Dächern der Häuser. Im Wrack eines Busses. In
einer Szene: eine rappende Frau: enge Jeans, Trägershirt, und den Kopf nicht
bedeckt. Dabei peitschen die Islamisten Frauen schon öffentlich aus, wenn sie
keinen Schleier tragen.
49 O Ton LLK
On parle pas de l’occupation, c’était juste un clip qui a été tourné sur mon 1er album
Queida Qeui, comme il y a des gens qui sont venus maintenant occuper la ville et en
tant que Queida Quei, en tant que propriétaire de la ville, faut montrer que la ville
t’appartient aussi, faut tourner des clips, tu vois. Et j’ai tourné mon clip pendant que
eux, ils cherchent. Je l’envoie en Bluetooth jusqu’à Bamako, il y a des gens qui nous
ont vu là-bas. // Sur des portables comme ça, sur Bluetooth, et ça part quoi. Il y a
même des gens qui m’ont dit, qui ont vu mon clip jusqu’en Mauritanie, que c’est làbas qu’ils ont su que je tournais un clip.
Übersetzer 4:
Ich rappe nicht über die Islamisten. Es ist einfach ein Video-Clip zu meinem Rap
Queida Quei. Wenn Leute in diese Stadt einmarschieren und sich als Herren der
Straße aufspielen, während wir immer behauptet haben, dass wir die Herren der
Straße sind – dann müssen wir reagieren. Wir müssen zeigen, dass Timbuktu immer
noch uns gehört. Während wir drehten, suchten sie in den Straßen nach Leuten, die
gegen ihre Regeln verstießen. Nachdem er fertig war, habe ich den Clip mit
Bluetooth über mein Handy verbreitet. Auf diese Weise ist er bis nach Bamako und
sogar nach Mauretanien gekommen.
26 Atmo Clip
50 O Ton LLK
Voilà, des fois, on est très fort, pas dans… physiquement, mais des forts, on voulait
montrer qu’on est fort et on voulait montrer aux gens qui ont fui aussi, qu’on est là et
aussi de leur donner le clip en tant que souvenir. Et même lorsque le clip a été sorti,
il y a des gens qui nous appellent de Bamako, de Sevaré, partout, Hé, on est en train
de voir la ville – eh!! les gens sont contents, tu vois quoi.
Übersetzer 4:
Manchmal sind wir sehr stark, wenn auch nicht physisch. Das wollten wir den
Islamisten demonstrieren. Und denen, die aus Timbuktu geflohen waren, wollten wir
zeigen: Wir sind noch da. Der Clip sollte sie an ihre Heimat erinnern. Viele haben uns
angerufen, aus Bamako, aus Sevaré – von überall her. Aufgeregt, außer sich: Hey,
wir sehen die Gassen von Timbuktu! Die Leute haben sich unglaublich gefreut.
27 Atmo Gasse Timbuktu
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28 Atmo Restaurant Mohamed
29 Atmo Musik Adrar
Erzählerin:
Ein Innenhof zwischen hohen Mauern aus Lehm. Auf einer Bastmatte sitzen drei
Männer im Sand. Hager sind sie, vor allem der älteste, er ist Ende 50 und spielt die
Gitarre. Flexi, der Sänger, ist kaum halb so alt wie er. Ein dritter begleitet sie mit der
Djembé, der traditionellen westafrikanischen Trommel.
Erzählerin:
Ich wollte gerne noch einige weitere Rapper treffen, mein Dolmetscher machte mich
deshalb mit Flexi und seinen Freunden bekannt. Nun bin ich erstaunt über ihre
Musik.
51 O Ton Flexi
Je fais du folklore, je fais du rap. // C’est-à-dire, quand on dit un rap ici au nord du
Mali, on ne peut pas aussi dire que 100% faire du rap, // j’aimerais toujours rester au
sein de, de mon culture, au sein de ce que j’ai trouvé, mes parents, au sein de ce je
trouvais ce que la population fait, au sein de ce que je trouvais que la population
aussi aime. Puisque Tombouctou aujourd’hui et Tombouctou fait partie … du
patrimoine mondial, et aujourd’hui, on peut dire, moi, je représente Tombouctou en
tant que rappeur, et donc, je dois faire ressortir, revivre les cultures de Tombouctou.
12:05 Je suis fier de ça, puisque la culture tombouctien est vraiment riche en valeurs.
Übersetzer 5:
Was wir hier im Norden von Mali Rap nennen, ist nie 100 Prozent Rap. Ich will
meiner Kultur, der Kultur meiner Vorfahren, immer verbunden bleiben. Selbst als
Rapper repräsentiere ich Timbuktu. Deshalb ist es meine Pflicht, unsere Kultur
lebendig zu halten. Ich tue das mit Stolz.
Erzählerin:
Während der Besatzung durch die Islamisten flohen die Musiker der Gruppe „Adrar“
nicht. Sie schlossen sich in dem kleinen Lehmhaus ein, verriegelten Türen und
Fensterläden und probten. Flexi, 25 Jahre alt, trägt T-Shirt und Jeans, der
Hosenboden hängt tief. Bei Konzerten sehe man ihn nie anders, als in einem
traditionellen Gewand, dem „Grand Boubou“: einem Gewand aus vielen Lagen, die
glänzende Baumwolle ist oft noch gewachst. Dazu trägt er Lederschuhe –
Kunsthandwerk aus Timbuktu. Seine Konzerte kündigt er auf Facebook an. Ständig
knüpft er an seinem virtuellen Netz.
30 Atmo aus der einem Haus in der Stadt, Stimmen, Klänge von der Gasse
Erzählerin:
So stolz Flexi auch auf seine Heimatstadt ist, Timbuktu ist heute arm.
Hilfsorganisationen sind allgegenwärtig. Mali ist eines der ärmsten Länder der Erde,
und der Norden ist seine ärmste Region. Karawanenhandel und Viehzucht, früher
Quelle des Reichtums, sind Geschichte: Die Waren werden heute mit Geländewagen
oder LKW transportiert, und die großen Herden der Nomaden verendeten in
mehreren Dürren. Der Tourismus kam mit dem Erstarken der islamistischen Milizen
zum Erliegen. Die Bewohner von Timbuktu sind arm, vor allem junge Leute haben
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keine Arbeit. Auch Flexi verdient kein Geld, nur hin und wieder wird er für eine
Hochzeit engagiert.
52 O Ton Flexi
Je suis fier de cela, parce que si quelqu’un vient chez toi, chez nous, ici, on dit,
Laisse ton enfant et prends l’enfant d’autrui. La signification de Laisse ton enfant et
prends l’enfant d’autrui, c’est que un étranger quand il vient chez nous ici, il a tout …
Il trouve l’accueil chaleureux, il trouve le bonheur, il trouve des bonnes causeries, il
trouve des amis, donc, il repart avec quelque chose. C’est pour cela on dit: laisse ton
enfant et garde l’enfant d’autrui. Et ça, j’en suis fier de cela. Vous voyez bien, je suis
très fier de cela aujourd’hui.
Übersetzer 5:
Ich bin trotzdem stolz darauf, aus Timbuktu zu kommen. Bei uns heißt es: Wenn ein
Fremder zu Dir kommt, kümmere Dich nicht länger um Dein eigenes Kind, sondern
um das Kind Deines Besuchers. Gastfreundschaft ist bei uns also ein großer Wert.
Wer in unsere Stadt kommt, wird warmherzig aufgenommen, er findet Glück und
gute Gespräche, kann Freundschaften schließen. Er geht reicher von hier fort, als er
gekommen ist.
53 O Ton Flexi
Malgré la pauvreté de la ville, on va se débrouiller, si tu es un homme, il faut savoir
débrouiller pour savoir chercher. La pauvreté ne tue pas ou bien? Je crois, la
pauvreté ne tue pas, il faut, un homme, il faut travailler, tant que tu travailles, un jour,
tu seras récompensé de quelque chose quoi, oui.
Übersetzer 5:
Man muss sich durchschlagen. Als Mensch muss man arbeiten, und wenn man sich
Mühe gibt, wird man eines Tages auf die eine oder andere Weise entschädigt.
Erzählerin:
Jedes Jahr versuchen zehntausende junge Afrikaner, Europa zu erreichen.
Tausende scheitern, ertrinken im Mittelmeer. Flexi hört davon. Europa ist für ihn
keine Versuchung.
54 O Ton Flexi
Les valeurs culturelles que nous, on a aujourd’hui, on a des, des grandes mosquées,
on a des grands hommes, on a des grandes lieux, on a aussi des, des grands
manuscrits qui se trouvent ici à Tombouctou.
Übersetzer 5:
Wir haben so viele kulturelle Werte. Wir haben große Moscheen. Und große
Menschen. Vor allem haben wir unsere Manuskripte.
31 Atmo Musik Adrar
32 Atmo Markt Timbuktu
Erzählerin:
Die Armut ist auch ein Thema auf dem Markt und in den Gassen. Immerhin sind die
meisten Flüchtlinge nach der Vertreibung der Islamisten zurück, darunter auch die
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Händler: Viele von ihnen sind Mauren oder Tuareg, die als Komplizen der
islamistischen Gruppen galten: Deren Mitglieder kamen zum Teil aus dem
benachbarten Mauretanien und Algerien, aber auch Bewohner von Timbuktu
schlossen sich an. Sie lockte nicht zuletzt das Geld, das die Milizen bezahlten: rund
100 Dollar Monatslohn. Nur diejenigen, die wirklich Verbrechen begingen, seien noch
auf der Flucht, sagen die Leute. Aber obwohl der Markt belebt wirkt, laufen die
Geschäfte nicht gut: die Touristen bleiben weg, die Bevölkerung hat kein Geld. Der
Norden von Mali ist noch ärmer, als vor dem Beginn der jüngsten Krise.
33 Atmo Warten auf den Imam
Erzählerin:
Der Raum ist mit dicken Teppichen ausgelegt, an der Wand tickt eine Uhr, daneben
hängt ein Bild von Mekka. Im Vorraum hantiert eine Frau mit Geschirr. Der Imam der
Großen Moschee hat sich ohne zu Zögern auf das Gespräch mit der Weißen
eingelassen. Ben Essayouly ist ein kleiner Mann mit schlohweißem Haar, er hat oft
Schalk in den Augen. Die Große Moschee ist 600 Jahre alt, wer hier der Vorbeter ist,
hat religiöses Gewicht.
55 O Ton Imam
Bon, pendant le temps de l’occupation, ça a été un peu dur parce qu’on était soumis
à des exigences qu’on ne connaissait pas dans le temps. Cela a un peu traumatisé
les gens, c’est vrai. Mais, bon, // on m’a beaucoup respecté pendant le temps de
l’occupation. Je l’avoue. Il y avait beaucoup de choses mais moi, en tout cas, en tant
qu’Imam, j’étais vraiment respecté.
Übersetzer 6:
Die Zeit der Besatzung war hart, weil wir Forderungen unterworfen wurden, die uns
bis dahin fremd waren. Viele Menschen sind davon traumatisiert. Mich haben sie
immerhin respektiert, das muss ich zugeben.
Erzählerin:
Ben Essayouly und die anderen Geistlichen hatten das Unheil lange kommen
gesehen. Schon 2005 habe er die Behörden alarmiert, dass in Timbuktu die ersten
Koranschulen aus dem Boden schießen würden - von saudischem Geld finanziert!.
Deren Extremismus ist den Muslimen von Timbuktu fremd. Der Staat im fernen
Bamako reagierte nicht auf die Warnung.
56 O Ton Imam
De tous les temps, de tous les temps, les gens de Tombouctou ont eu une éducation
séculaire. De tous les temps, les savants de Tombouctou ont toujours cohabité avec
les autres religions. D’une manière générale, les religions monothéistes, on appelle
ces gens-là, les gens du livre, on doit les respecter. On doit pas les offenser, on doit
pas nous permettre de prendre leurs biens ou de saccager leurs lieux, c’est interdit. //
Donc, la tolérance religieuse, c’est quelque chose, parce que d’une manière
générale, vous adorez tous le même Dieu mais peut-être de manière différente.
Übersetzer 6:
Seit Anbeginn der Zeit war Timbuktu säkular, wir alle wurden so erzogen. Die
Gelehrten von Timbuktu haben immer mit den Anhängern der anderen Religionen
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zusammen gelebt. Wir respektieren alle monotheistischen Religionen. Immer schon
wurde gelehrt, dass man andere Religionen als den Islam nicht beleidigen und ihre
heiligen Stätten nicht zerstören darf. Wir glauben schließlich alle an den Einen Gott,
jeder auf seine Weise.
Erzählerin:
Als die Hasspredigten lauter wurden, taten die Imame von Timbuktu das einzige, was
in ihrer Macht stand: Sie untersagten den privaten Radiosendern die Verbreitung des
extremistischen Islam. Trotzdem lockten die radikalen Gruppen immer mehr junge
Leute an. Die islamistischen Milizen verdienen in der Sahara Millionen durch den
Schmuggel von Kokain auch nach Europa. Und durch die Erpressung von Lösegeld.
57 O Ton Imam
C’est … on est vraiment dépassé par ce qui est en train de se faire, on est dépassé.
Übersetzer 6:
Wir sind von den Entwicklungen völlig überfordert.
Erzählerin:
In einer Region voller Armut sind die al-Qaida-nahen Kämpfer reich. Sie zahlen ihre
Anhänger gut. Die Gefahr ist groß, dass sie dadurch auf Dauer den wahren
Reichtum Timbuktus zerstören: Friedfertigkeit, Toleranz und das Streben nach
Wissen. Dieser Schatz hat die erste Welle der islamistischen Gewalt noch
weitgehend unbeschadet überstanden. Aber kann das von Dauer sein?
58 O Ton Imam
Bon, nous-mêmes, on est dépassé, on ne peut, vraiment, je suis très, très, très
dépassé et à l’endroit de ces gens, vraiment, je ne sais que dire. Très honnêtement,
vraiment, je suis dépassé.
Übersetzer 6:
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Um ehrlich zu sein: Ich bin wirklich überfordert.
59 O Ton Imam
… nous avons des inquiétudes en ce moment, parce que en fait, ce problème qui est
en train de se développer de nos jours, tout ça, c’est dû au chômage des jeunes,
c’est dû au chômage. Les gens, quand ils n’ont rien à faire, ils savent que d’un côté
si ils volent, ils peuvent facilement se faire la poche et devenir des milliardaires. //
Donc, ça va être vraiment, c’est dramatique et c’est … il y a vraiment à craindre.
Übersetzer 6:
Wir sind hier alle sehr beunruhigt. Denn das Problem wird immer größer. Das liegt
vor allem an der Arbeitslosigkeit der jungen Leute. Sie haben nichts zu tun. Und sie
wissen, dass sie reich werden können, wenn sie sich diesen Gruppen anschließen.
Die Situation ist dramatisch. Wir befürchten das Schlimmste.
34 Atmo Digitalisierung im Übergangsarchiv Bamako/ Klicken, Kamera löst aus
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Erzählerin:
Zurück in dem Übergangsarchiv in Bamako, 1000 Kilometer weiter südlich. Wir
stehen in einem verdunkelten Raum, hier werden die Manuskripte digitalisiert. Seite
für Seite wird mit digitalen Kameras abfotografiert. An mehreren Tischen arbeiten
Männer und Frauen parallel.
60 O Ton Abdel Kader Haidara
Ca c est travail de la vie. Des vies. Pc nous, on est en train de faire ce qu’on peut
faire. // pc on a trouvé déjà ce qui était devant nous. C est eux qui ont sauvé ces
manuscrits. C est eux qui ont écrit ces manuscrits, c est eux qui ont conservé ces
manuscrits jusqu’ a aujourd’hui. C est notre rôle, nous aussi, de continuer à sauver
ce patrimoine pour la future. C est ce qu’on est en train de faire. On va faire tous ce
qu’on peut faire. Les gens qui vont venir, ils vont continuer. C est ca notre objective.
Übersetzer 1:
Das ist Arbeit für ein ganzes Leben. Nein, für mehrere Generationen.
Erzählerin:
Abdel Kader Haidara, Initiator der Rettungsaktion.
61 O Ton Abdel Kader Haidara
Pc nous, on est en train de faire ce qu’on peut faire. // pc on a trouvé déjà ce qui était
devant nous. C est eux qui ont sauvé ces manuscrits. C est eux qui ont écrit ces
manuscrits, c est eux qui ont conservé ces manuscrits jusqu’ a aujourd’hui. C est
notre rôle, nous aussi, de continuer à sauver ce patrimoine pour la future. C est ce
qu’on est en train de faire. On va faire tous ce qu’on peut faire. Les gens qui vont
venir, ils vont continuer. C est ca notre objective.
Übersetzer 1:
Wir tun, was wir tun können. Wir haben diese Aufgabe von unseren Vorfahren
übernommen. Wir machen dort weiter, wo sie aufgehört haben. Und uns werden
unsere Nachfahren ablösen.
Erzählerin:
Die meisten Blätter der Manuskripte lassen ein paar Krümel Papier auf den
schwarzen Unterlagen zurück, die auf den Tischen liegen. So fragil sind sie. Jeder
Krümel ist eine Mahnung: Eile tut Not, sonst zerfallen die wertvollen Manuskripte zu
Staub. Möglichst schnell müssen die Handschriften aus den Metallkisten geborgen
werden, in denen sie die Flucht aus Timbuktu überstanden, und in denen
zehntausende immer noch versteckt sind. In den Kisten drücken die oberen auf die
unteren, beschleunigen deren Verfall.
35 Atmo Digitalisierung im Übergangsarchiv Bamako / Bürste
Erzählerin:
In der Werkstatt werden die Krümel auf den schwarzen Unterlagen sorgfältig aus den
filzigen Haaren gelesen, oder mit einer Bürste weggefegt. Dann wird das nächste
Blatt aufgelegt. Die langwierigen Arbeiten werden auch mit Mitteln aus Deutschland
finanziert, das Auswärtige Amt und die Gerda-Henkel-Stiftung geben großzügig Geld.
Nach der Konservierung werden die Handschriften erforscht. Der größte Teil des
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Schatzes von Timbuktu ist für die heutige Wissenschaft noch gar nicht geborgen.
Wann die Handschriften in die alte Oasenstadt zurückkehren können, ist offen.
62 O Ton Abdel Kader Haidara
Bon, vous savez que ce qu’on vivait aujourd’hui à Tombouctou, c’est comme ce
qu’on est en train de vivre à Bagdad, qui est plus vieux que Tombouctou, c’est
comme à Damas, à Al Basra, à Kaboul, à Mogadiscio, un peu partout dans le monde
aujourd’hui, tu sais que ça ne va pas, il y a des guerres, il y a des …. Ce
phénomène. On ne sait pas comment ça va finir. On ne sait pas quand ça va finir,
mais … nous, notre rôle, c’est de jouer notre devoir, c’est ce qu’on est en train de
faire. Tant que nous, on peut faire quelque chose. On peut sauver quelque chose, on
peut faciliter à sauver quelque chose important comme le patrimoine, on va le faire.
Übersetzer 1:
Was wir heute in Timbuktu erleben ist dasselbe, was die Menschen in Bagdad,
erleiden, und Bagdad ist noch älter als Timbuktu. Die Situation ist auch in Basra,
Kabul und Mogadischu nicht anders, überall ist Krieg. Eine unhaltbare Situation. Ich
habe keine Ahnung, wie und wann das aufhören wird. Wir müssen unsere Rolle
ausfüllen. Jeder einzelne kann etwas tun. Wir können etwas von unserem Erbe
retten. Wir können dabei helfen, einen Teil des Menschheitserbes zu retten. Und das
werden wir tun.
Atmo 4, Lied Akia Mouloud,
Absage
24
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Seele and Geist
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