close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Herunterladen - MDR

EinbettenHerunterladen
Sozialconcierge in Halle-Neustadt | Manuskript
Sozialconcierge in Halle-Neustadt
Bericht: Julia Cruschwitz
Silke Hoffmann: Nicht weinen. Nicht weinen. Du gehst jetzt rein, passt auf den Pascal auf
und wir sehen uns morgen wieder.
Ein schwerer Abschied für Lena und Pascal. Nach zwei Stunden mit Mama müssen sie zurück
ins Kinderheim. Ihre Mutter ist momentan in einer Klinik, hat nur nachmittags Ausgang.
Silke Hoffmann: Kuck, wir haben so viel jetzt geschafft. Da schaffen wir den Rest auch
noch, ja. Ok?
Lena: Kommst du bitte mit?
Silke Hoffmann: Nein, ich muss zurück.
Sozialarbeiterin Saskia Hoyas betreut die alleinerziehende Mutter. Silke Hoffmann war
überfordert mit ihren insgesamt vier Kindern, dazu kamen psychische Probleme. Vor zwei
Monaten war die Wohnung so verwahrlost, dass sie zustimmte, die Kleinen vorübergehend
in ein Heim zu geben. Heute: erste Wohnungsbegehung mit Saskia Hoyas.
Hoffmann: Also hier bin ich noch nicht ganz fertig.
Die Kinder kommen zu Weihnachten das erste Mal wieder nach Hause. Sie freuen sich schon
sehr darauf. Doch so, wie es jetzt hier aussieht, ist Saskia Hoyas noch nicht zufrieden.
Saskia Hoyas: Es geht ja hier um die Kinder, die zu Weihnachten hier sind. Und die von
dieser Problematik jetzt auch an negativen Schwingungen in der Erinnerung jetzt möglichst
frei gehalten werden sollen.
Silke Hoffmann: Auf jeden Fall.
Saskia Hoyas: Dass es auch für die Kinder Weihnachten ist. Klar, da muss schon noch
einiges geändert werden.
Hoffmann: Das mach ich jetzt im Laufe der Woche, wenn ich Freiraum habe ein bisschen.
Was nicht so aussieht.
Silke Hoffmann ist stationär in der Psychiatrie untergebracht, hat nur vier Stunden Ausgang
täglich. Immerhin hat sie es geschafft, die vier Kinderzimmer her zu richten. Die sahen vor
zwei Monaten noch ganz anders aus.
Saskia Hoyas: Die Wohnung war damals wie das Gesicht ihrer Seele. Da habe ich gedacht:
Oh Gott Chaos!! Aber es sortiert sich jetzt immer mehr.
Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für den privaten Gebrauch des Empfängers
verwendet werden. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Urheberberechtigten ist unzulässig.
1
Sozialconcierge in Halle-Neustadt | Manuskript
In ein paar Tagen wird sich Saskia Hoyas die Wohnung noch einmal anschauen. Sie will sicher
gehen, dass dann wirklich alles in Ordnung ist. Sie ist die sogenannte Sozialconcierge von
Halle-Neustadt. Das heißt, anders als beispielsweise ein Jugendamtsmitarbeiter ist sie
ständig vor Ort im Viertel. Sie kennt die Familien häufig schon seit Jahren und kommt nicht
nur zu festgelegten Terminen.
Saskia Hoyas: Ich kann zu den Familien unverhofft kommen. Wenn ich jetzt angemeldet
zum Hausbesuch komme, dann ist meistens alles ganz schick. Und wenn ich jetzt einfach
mal so, weil ich gerade da bin und denke, ach, ich habe jetzt noch Zeit, jetzt kuckst du
gleich mal noch vorbei, das kann ich. Und das klappt auch. Also das Vertrauen ist auch da.
Selbst wenn es nicht so schicki-micki ist oder mal ein bisschen was rumliegt. Es ist ein
Unterschied, wenn es schon.
Halle-Neustadt. Hier wohnen über 44.000 Menschen. Jeder fünfte lebt von Hartz IV oder
Sozialhilfe. Die Zahl der Familien, die Hilfe vom Jugendamt bekommen, ist in Halle insgesamt
um 45 Prozent angestiegen in den letzten 7 Jahren.
Saskia Hoyas: Hallo!
Saskia Hoyas kann hier kaum einen Meter gehen, ohne alte Bekannte zu treffen.
Saskia Hoyas: Hallo Thomas! Na? Ich habe dein Kind nicht vergessen, das machen wir noch.
Du kommst nächste Woche?
Thomas: Muss, muss.
Der Hartz-IV-Empfänger zieht seinen dreijährigen Sohn alleine groß.
Saskia Hoyas: Mach’s gut, Thomas!
Entwickelt hat das Konzept „Sozialconcierge“ der Internationale Bund in Halle, ein großer
Sozialverein. Die Idee: unbürokratische, spontane Familienhilfe vor Ort.
Saskia Hoyas: „Ich erfahre schon viel von den Situationen, die gerade da sind, von
Befindlichkeiten. Und da kann ich mir schon ein Bild machen, wann ich die Fragen stelle,
die wichtig sind. Also da bilde ich mir schon eine Meinung dazu. Jetzt muss ich aber erst
mal ganz schnell hinterher… Hallo Geburtstagskind! Wie alt bist du heute geworden?
Pauline: Acht!
Saskia Hoyas: Acht Jahre! Und hat dir Mama und Papa schon was geschenkt?
Pauline: Nein.
Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für den privaten Gebrauch des Empfängers
verwendet werden. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Urheberberechtigten ist unzulässig.
2
Sozialconcierge in Halle-Neustadt | Manuskript
Saskia Hoyas: Was!? Darf ich mitkommen?
Pauline: Ja.
Saskia Hoyas: Ah, das ist schön.
Neun Familien betreut Saskia Hoyas in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, kooperiert
auch eng mit anderen Behörden. Ihre Arbeit soll präventiv wirken. Sie geht in die Familien,
bevor möglicherweise etwas passiert, etwa wegen Überforderung. Zum Geburtstag gab es
für Pauline von ihren Eltern doch noch Geschenke.
Saskia Hoyas: Na Kevin, das ist aber interessant, wieso leuchtet die Frau da drin?
Kevin ist geistig behindert und das dritte Kind von Familie Heinemann. Beide Eltern sind
arbeitslos, es fehlt an Bildung. Da ist Hilfe besonders wichtig.
Antje Heinemann: Wenn jetzt wie Halle-Pass und sowas zu beantragen ist, weil ich ja nicht
richtig lesen und schreiben kann. Und da hilft sie mir dabei.
In einer Wohnung direkt im Viertel hat die Socialconcierge ihre Anlaufstelle. Hier treffen sich
die Familien zum Basteln, Kochen und Reden. Gemeinschaft, die viele sonst nicht hätten.
Ehrenamtliche organisieren Freizeitaktivitäten, direkt im Wohngebiet und kostenlos.
Mittwochs ist Musikclub. Hier treffen wir auch Lena und Pascal wieder.
Paul Groß: So komm, dann stellt ihr euch auf euren Platz, da, wo ihr hingehört. Na,
machen wir den Stuhl weg.
Die Kinder von Silke Hoffmann vom Anfang. Eine der wenigen gemeinsamen Stunden für die
Familie. Lena und Pascal haben nach zwei Liedern keine Lust mehr zum Singen, wollen lieber
die kurze gemeinsame Zeit mit ihrer Mutter verbringen. Seit über zwei Monaten leben die
beiden nun schon in einer Wohngruppe, ihre kleineren Geschwister in einer anderen
Einrichtung. Sie sind erst 1 und 2 Jahre alt.
Silke Hoffmann: Die beiden Großen sehe ich jetzt zweimal in der Woche, die beiden
Kleinen dreimal in der Woche. Es ist nicht einfach. Aber besser ist es erst, wenn sie wieder
bei mir sind.
Nach der Probe kommt unweigerlich der schwere Moment des Abschieds. Die Kinder
müssen zurück. Sie bleiben so lange in der Wohngruppe wie die Therapie ihrer Mutter
dauert, mindestens noch ein halbes Jahr. Für alle eine harte Zeit.
Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für den privaten Gebrauch des Empfängers
verwendet werden. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Urheberberechtigten ist unzulässig.
3
Sozialconcierge in Halle-Neustadt | Manuskript
Silke Hoffmann: Ich komme morgen wieder. Komm, ist gut. Das schaffst du schon.
Lena: Hierbleiben!
Silke Hoffmann: Ich überleg mir was fürs Wochenende, ok?
Lena: Hierbleiben!
Silke Hoffmann: Prinzessin, ist gut, komm.
Mindestens zweimal in der Woche müssen sie diesen Abschied bewältigen. Und meistens ist
es so dramatisch. Die Mutter muss lernen, damit umzugehen. Auch dafür ist Saskia Hoyas da.
Gesprächstermin am nächsten Tag.
Saskia Hoyas: Das bereden wir zum Beispiel, wenn ich dann auch erlebe, dass die Kinder
dann an Mama hängen und sie umarmen und umklammern und nicht loslassen wollen, das
ist ja was ganz natürliches. Aber die Kinder müssen auch die Sicherheit kriegen, ich bin
dann und dann wieder da. Also diese regelmäßigen Kontakte, so dass diese
Trennungsängste dann auch weniger werden.
Silke Hoffmann: Es fällt zwar nicht leicht, aber ich schaff das schon.
Jetzt freut sich Silke Hoffmann erst mal auf Weihnachten zu Hause mit ihren Kindern. Doch
noch ist offen, wann die Kleinen dauerhaft zu ihr zurückkehren können.
Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für den privaten Gebrauch des Empfängers
verwendet werden. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Urheberberechtigten ist unzulässig.
4
Document
Kategorie
Bildung
Seitenansichten
23
Dateigröße
117 KB
Tags
1/--Seiten
melden