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Leseprobe 10 - Michael Schreckenberg

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Leseprobe aus dem noch unlektorierten
Rohmanskript des Romans
Nomaden
von
Michael Schreckenberg
Der Roman erscheint im Frühjahr 2015
im
JUHRVerlag
Cover von Stefan Heilemann
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Leseprobe 10
21. Dezember 2014
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10
Ich ging zur Humboldtstraße um meine Motorradschlüssel zu holen. Tatsächlich lag das Jackett
immer noch da, wo ich es hatte fallen lassen. Sollte der spärliche Wind es bewegt haben, dann
nicht merklich. Ich kramte in der Innentasche, fand den Schlüssel und ging zurück zum Bunker.
Erst im letzten Moment viel mir ein, dass dieser Plan einen Fehler hatte. Wenn ich wirklich diskret
und heimlich nach Quettingen fahren wollte, war es eine schlechte Idee, mit einem Motorrad durch
diese stille Welt zu röhren. Ich gab der Harley also einen freundlichen Klaps um ihr zu versichern,
dass ich sie nicht vergessen hatte. Dann schwang ich mich auf mein Fahrrad.
Die weiße Kirche an der Quettinger Straße wäre selbst dann leicht zu finden gewesen, wenn ich
sie nicht von früher gekannt hätte. Um unbemerkt zu bleiben näherte ich mich nicht über die
Durchgangsstraße, an der die Kirche lag, sondern durch die Gärten der Häuser in den
angrenzenden Nebenstraßen. Ich kletterte über eine Hecke in den Garagenhof eines
Mehrfamilienhauses schräg gegenüber der Kirche. Mehrere Fenster im Erdgeschoss waren
gekippt. Ich gelangte in eine Wohnungen, in der ich mich umschaute, bemüht, zu finden was ich
suchte und dabei nicht zu viele Details wahrzunehmen. Ich wollte keinen genauen Eindruck ihrer
ehemaligen Bewohner bekommen, Müllers in Leichlingen hatten mir gereicht. Ich fand den
Werkzeugkasten unter der Garderobe im Flur - an der eine Jeansjacke, zwei leichte Jackets und
ein Sommermäntelchen mit Blumenmuster in Kindergröße hingen. Ganz schaffte ich das doch
nicht, mit den Details. Ich bemühte mich, wenig darüber nachzudenken und begab mich in den
zweiten Stock, von hier aus erhoffte ich mir einen besseren Überblick. Mit Hilfe eines Hammers
und zweier Schraubendreher ließ sich gleich die erste Wohnungstür leicht öffnen.
Auf dem Balkon duckte ich mich und spähte dann vorsichtig über den Rand der Brüstung. Da
waren tatsächlich Menschen vor dem Eingang der Kirche. Für einen Moment fiel mir das Atmen
schwer, der Anblick war zu überwältigend nach all der Leere. Ich fing Lautfetzen auf, zu leise und
entfernt um zu verstehen, worüber sie sprachen. Meine Vorsicht war unbegründet, die da drüben
waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt um mich zu bemerken. Im Aufrichten zog ich mich in
die Dunkelheit der Balkontür zurück. Von dort aus schaute ich mir die Szene an und versuchte, sie
zu verstehen. Sie erschien mir fast unwirklicher als alles, was ich seit Samstagmorgen erlebt hatte.
Sie waren zu neunt. Ich erkannte Jan und David, die in der Tür der leuchtend weißen Kirche
lehnten. Matthias, den ich zuletzt gesehen hatte, als er, einen Müllsack hinter sich her schleifend,
die Überbleibsel der Party einsammelte, saß mit zwei Frauen und einem weiteren Mann auf dem
Boden vor dem Gebäude. Ich suchte nach deren Namen... Daniela, erinnerte ich mich. Und Eva.
Der Name des Mannes wollte mir nicht einfallen, aber ich hatte ihn mit Eva auf der Party gesehen.
Die beiden waren ein Paar. Welches dauerhafte Paar hatte unsere Stufe denn hervorgebracht? Ich
grübelte etwas, dann hatte ich ihn: Lars. Er hieß Lars. Doch Lars und Eva waren nicht das einzige
Pärchen dort unten. Esther hatte sich im Schatten der Kirche an die Wand gesetzt. Halb saß, halb
lag der Zeichner neben ihr, den Kopf in ihrem Schoß. Sie streichelte sein Haar, hin und wieder
küssten die beiden sich. Nach einer Weile richtete er sich auf und beteiligte sich am Gespräch der
anderen. Da hatte jemand ganz offensichtlich Glück im Unglück gehabt. Esther trug eine geblümte
Sommerhose unter einem schlichten weißen T-Shirt, ihr rotes Haar leuchtete trotz des
Schattens ... Ich hörte mich seufzen und musste darüber grinsen. Als ob es nicht reichte, dass ich
zu jeder Gelegenheit Lynn hinterher jammern musste. Esther und ich, das war nun wirklich Alte
Geschichte.
Neben Esther und dem Zeichner saß Susi. Sie war zu Schulzeiten Esthers beste Freundin
gewesen. Susi sah so aus wie ich mich fühlte. Sie saß wie hingetropft an die Wand der Kirche
gelehnt. Sie bewegte sich fast nicht, abgesehen von ihren Händen, die auf ihren Knien ruhten und
hektisch ein überaus kompliziertes Fingerspiel veranstalteten. Hin und wieder schreckte Susi aus
ihrer Lethargie und bewegte ruckartig den Kopf in Richtung eines der Anderen, wahrscheinlich
wenn jemand sie ansprach. Manchmal schüttelte sie danach den Kopf oder nickte, manchmal
sagte sie auch etwas. Bei all dem unterbrach sie nur ein einziges Mal ihr endloses Fingerspiel - sie
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zog ein Smartphone aus der Tasche, starrte es an, sagte etwas und steckte es wieder ein. Und
wieder begannen die Finger zu zappeln. Esther legte den Arm um sie.
Auch Daniela schien verwirrt, sie saß die meiste Zeit völlig regungslos in ihrer Vierergruppe und
starrte den Boden an. Wenn alle Neun - oder zumindest die Meisten - so offensichtlich geschockt
gewesen wären wie Susi und Daniela, apathisch, manisch, wie auch immer, ich glaube, ich wäre
hinüber gegangen und hätte mich einfach dazu gesetzt. Was mich davon abhielt und zutiefst
verstörte war das Verhalten der anderen sieben. Sie parlierten, diskutierten und waren offenbar
bester Laune. Zunächst spielte sich das Gespräch hauptsächlich zwischen Matthias, Eva und Lars
ab, während Esther und ihr Lover herumschmusten und David und Jan einen eigenen Dialog
führten, so leise, dass ich nicht einmal ein Flüstern hören konnte. Dann schalteten Jan und David
sich in die Diskussion ein, der Zeichner und Esther folgten. Es war eine längere und teils lautere
Aussprache, und sie drehte sich wohl um die Frage, was nun zu tun war. Ich schnappte nur
einzelne Worte auf - „Prioritäten“, „Bayer-Werk“, „Medizin“, „Bauern“ und so weiter - aber es war
klar, in welche Richtung es ging. Niemand schien sich dafür zu interessieren, was passiert war,
nichts von dem, was ich hörte, drehte sich um die Frage, wohin all die anderen Menschen
verschwunden waren. Da unten herrschte ein, nach allem was ich verstand, atemberaubender
Pragmatismus. Zuviel für mich. Als sie schließlich nach und nach in kleinen Gruppen auseinander
gingen - wahrscheinlich nicht, ohne sich für einen späteren Zeitpunkt wieder verabredet zu haben,
blieb ich, betäubt von Staunen und Schrecken, auf meinem Balkon zurück. Sie hatten mich die
ganze Zeit über nicht bemerkt, niemand hatte nach oben geschaut.
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Seele and Geist
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