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Das Manuskript zur Sendung - Ndr

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Kulturforum
Redaktion: Joachim Dicks
Wenn der Kopf zur Ruhe findet
Vom Arbeiten zwischen Monotonie und Meditation
Feature von Margarete Groschupf
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------Sendung: Dienstag, 23.12.2014, 20.05 – 21.00 Uhr
Produktion: DLF 2014
Mitwirkende:
Ruth Schiefenbusch
Louis Friedemann Thiele
Technische Realisation:
Hendrik Manook und Jutta Stein
Regie:
Uta Reitz
Zur Verfügung gestellt vom NDR. Dieses Manuskript
ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für private
Zwecke des Empfängers benutzt werden. Jede andere
Verwendung (z.B. Mitteilung, Vortrag oder Aufführung
in der Öffentlichkeit, Vervielfältigung, Bearbeitung,
Übersetzung) ist nur mit Zustimmung des Autors
zulässig. Die Verwendung für Rundfunkzwecke bedarf
der Genehmigung des NDR.
Atmo
Take 1:
O-Ton Bettina Kaper-Franke:
Wir haben Wildvögel hier, dann finde ich den Sonnenaufgang morgens auch sehr schön, und wir
haben sehr nette Leute hier. Ich habe noch keinen gehabt, der irgendwie pöbelig ist, wo man auch mal
ein bisschen schnackt, wenn man Zeit hat. So wie jetzt mit Ihnen. Auch die Hamburger, die rüber
kommen, finden das gigantisch, alleine hier rüber zu fahren.
Atmo
Sprecherin:
Bettina Kaper-Franke, Jahrgang 1967, arbeitete früher in der Automobilbranche, spritzte Farbe auf
Karosserien; seit 5 Jahren steht sie glücklich am Steuer der „Else“. Sie ist Fährfrau auf der Stöhr,
einem Nebenfluss der Elbe.
Atmo:
Take 2:
O-Ton Bettina Kaper-Franke:
Wie Sie sehen, haben wir jetzt Stauwasser, und zwar merkt man das an der Fähre, sie schlankt jetzt
rüber, weil an der Kante läuft das Wasser schon auf, und in der Mitte ist das noch am Ablaufen, d.h.
jetzt gehe ich vom Gas, lass den ein bisschen kommen und dann ziehe ich sie mit einem Druck, indem
ich Gas gebe, wieder rüber. Atmo! Jetzt lassen wir die Rampe runter. Atmo! Müssen wir entriegeln
und machen die Pforten auf. Dabei ist für uns immer wichtig, dass wir das Längsseil stramm machen,
indem ich ein bisschen Gas gebe. Wenn Sie jetzt beobachten, zieht sich das stramm, falls mal was
Schweres kommt. Wenn jetzt ein LKW z.B. von 25 t ankommen würde, der hat ja Gewicht, und wenn
ich das so lose habe, hat er die Chance, mich ein Stück zurück zu drücken. Bei uns ist das schon mal
passiert bei der alten Else. Ein LKW mit Steinen, weg war er! Der Fahrer ist rausgekommen.
Sprecher:
Wenn der Kopf zur Ruhe findet
Vom Arbeiten zwischen Monotonie und Meditation
Ein Feature von Margarete Groschupf
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Atmo:
Take 3:
O-Ton Owen McCann:
I lived in a small rural community on the west coast of Ireland, there is about 60 people living there. I
suppose they do live in a bubble. It is a small rural area, for every person there is about 300 sheep,
there is a lot more animal than people. It is a very quiet, a very relaxing place to live, it is in front of
the sea. The attitudes they have have not changed the last 300 years, you know. They live in a kind of
different time level. I suppose it is the direct opposite of living in the city of Berlin. Everything in the
city is kind of time-fragmented, you have to be here, every ten minutes of my life I have to be
somewhere else. And it is not like that. You can spend more time with people and you can spend more
time on any given subject, because there is really nothing else to do, you know. (Ende wieder
hochziehen)
Sprecher Übersetzung: Overvoice
Ich habe in einem kleinen Ort an der Westküste von Irland gelebt, da wohnen ungefähr 60 Menschen
wie in einer Blase. Es ist eine ländliche Gegend, auf jeden Menschen kommen ungefähr 300 Schafe,
viel mehr Tiere als Menschen. Ein sehr ruhiger, entspannender Ort zum Leben, direkt am Meer.
Die Einstellungen der Leute haben sich in den letzten paarhundert Jahren nicht geändert. Sie leben in
einer anderen Zeitzone. Das ist absolut das Gegenteil vom Leben in Berlin. Alles in der Stadt ist Zeitfragmentiert, alle 10 Minuten soll ich woanders sein – und das ist da nicht so. Du kannst mehr Zeit mit
Leuten verbringen, du kannst dich auf alles in Ruhe einlassen, weil es sonst einfach nichts zu tun gibt.
Sprecherin:
Wenn Owen McCann, Jahrgang 1983, gerade wieder aus Irland zurückgekommen ist, fühlt sich das
laute Berlin, in dem er seit vier Jahren lebt, immer wieder sehr fremd an. Er ist Photograph, fängt
Stillleben ein.
Take 4:
O-Ton Owen McCann:
Well, I lived in Buenos Aires from 2006 for 3 years, big city, 15 million people, and I came back to
Dublin in 2008, it was the beginning of the economic crises, so I just went to the village out of
necessity, because my parents have a house there. As I got there in the beginning it was a bit of a
culture shock because where I lived was at the bottom of a hill and you have these little houses on the
top of the hill and they see everything that you are doing. You go to the shop in the morning and they
say, oh, you left the light on all night! (lacht) And that to me was a bit kind of intrusive, you know.
But there was no mal intense, and it took me a long time to get used to that.
Sprecher Übersetzung, Overvoice
Ich war ab 2006 drei Jahre in Buenos Aires, Riesenstadt, 15 Millionen Leute, und dann kam ich 2008
nach Dublin. Das war am Anfang der Wirtschaftskrise. Ich bin dann aus schierer Not in dieses Dorf
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gezogen, weil meine Eltern da ein Haus haben. Anfangs war es schon ein Kulturschock. Das Haus
liegt am Fuße eines Berges, oben auf der Kuppe viele kleine Häuser, und die Leute können einfach
alles sehen, was du tust. Morgens ging ich einkaufen und bekam zu hören, oh, du hast ja die ganze
Nacht das Licht brennen gelassen! Das fand ich schon zudringlich. Aber es steckte keine böse Absicht
dahinter, - ich brauchte lange, bis ich mich daran gewöhnt hatte.
Sprecherin:
Verena Köster, Jahrgang 1965, begann mit 25 Jahren eine Ausbildung zur Hutmacherin.
Take 5:
O-Ton Verena Köster:
Ich bin eigentlich zu allen Hutmachern in der Stadt, habe gesagt, darf ich mal gucken, wie es geht? Die
haben mir auf Deutsch gesagt, einen Vogel gezeigt und gesagt, nee, wir lassen uns doch nicht unser
jahrhundertelang erworbenes Wissen von so einem Schnäpfchen hier klauen. Und dann habe ich in
Friedrichshagen eine Meisterin gefunden, die hat gesagt, ich würde Sie ausbilden, und das passte dann
auch. Also, ich habe zwei Jahre noch einmal eine richtige Lehre zur Modistin gemacht.
Ich habe eigentlich erst das Handwerk lieben gelernt, als ich aus der Lehre raus war und als ich selber
ziemlich experimentelle Projekte, Aufträge bekommen habe.
Take 6:
O-Ton Owen McCann:
Yeah, when I got there in the beginning, the rhythm of life and the pace I thought it's quite boring. I
didn't know what to do with my time, and I got used to it. I found it, after living there for one year,
I found it very difficult to readapt to the kind of city life in Dublin or even in Berlin. Because I would
wake up in the morning and would take my time with my breakfast, I could walk, go to the sea, I
would bump into someone and when you meet someone there is not timefragmented, you can take as
long as you like to talk to them, 30 minutes or an hour.
How you perceive time becomes very, very different. As I said before, a minute or an hour, that is not
so much different.
Sprecher Übersetzung, Overvoice:
Anfangs kam mir der Lebensrhythmus, diese Ruhe ziemlich langweilig vor. Ich wusste nichts mit
meiner Zeit anzufangen. Und ich habe mich daran gewöhnt. Nach einem Jahr fand ich es dann schwer,
mich wieder an das Leben in Dublin oder gar in Berlin zu gewöhnen. Morgens bin ich aufgewacht,
habe mir mit meinem Frühstück Zeit gelassen, bin spazieren gegangen, zum Meer gelaufen, manchmal
habe ich jemanden zufällig getroffen. Dann redet man eine halbe Stunde oder eine Stunde – eine
Minute oder eine Stunde machen da gar nicht so einen Unterschied.
Atmo: Schiffsgeräusche, Möwen, Quietschen
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Take 7:
O-Ton Bettina Kaper-Franke:
Dieser Job ist auch nicht eintönig. Er ist immer anders, z.B. morgens ist das Wetter anders, dann haben
wir hier auf- und ablaufendes Wasser, d.h. Anlegen und Ablegen ist immer wieder etwas Anderes, und
deswegen kommt es bei mir auch nicht vor, dass ich irgendwie mal Langeweile habe. Früh bei dem
Wetter müsste ich eigentlich auch noch ein bisschen putzen, von der Fähre die Rampen sauber
machen, die jetzt ein bisschen verdreckt sind.
Aber wenn's regnet, gut, dann ist das auch schön. Ich bin immer gut drauf! Ich bin ein Landmensch,
und da wird sich auch nichts ändern.
Atmo hochziehen
Take 8:
O-Ton Christian Reuner:
Wenn man nach Glashütte kommt, kann man schon denken, die Zeit ist hier stehengeblieben, das ist
auf jeden Fall so, dadurch, dass hier alle Häuser noch originalgetreu wie vor 300 Jahren restauriert
worden sind, und die Kunsthandwerker versuchen alle noch so wie früher... Ist ja nicht mehr so, dass
wir hier uns mit Tauschgeschäfte erhalten können, wir leben von den Touristen, und da müssen wir
uns schon ein bisschen anpassen. Das sind so Sachen wie Parkscheinautomat und EC-Kartengerät,
sowas geht heute nicht mehr ohne. Da muss eine Kräuterhexe, die nur antike Produkte hat, leider auch
ein Kartenlesegerät haben. Das ist aber, denke ich mal, nicht mehr anders möglich hier. Das gehört
schon dazu.
Sprecherin:
Christian Reuner, Jahrgang 1983, ist Koch von Beruf. Er betreibt mit seiner Familie den Gasthof
Reuner in Glashütte bei Baruth im brandenburgischen Teltow-Fläming.
Take 9:
O-Ton Owen McCann:
If you need to go shopping you need to go to the next village which is 11 kilometers, I didn't have a car
and sometimes it was too windy, so I couldn't use my bicycle, I used to walk 11 kilometers there, get
my shopping and walk back. And that would take me an hour and a half there, three hours, but it
wasn't a big deal, to spend a section of your day going shopping. You are not in a rush to do anything.
You can also do it tomorrow. So it is not a problem to dedicate an afternoon to go shopping. You are
in the middle of a mountain, it is healthy. It is what people used to do, I suppose the older people. They
said that they used to go to school 11 km, 11km there, 11km back.
Sprecher Übersetzung, Overvoice:
Wenn man einkaufen gehen will, muss man zum nächsten Dorf laufen, 11km weg, und ich hatte kein
Auto, manchmal war es zu windig, da konnte ich nicht Rad fahren, dann bin ich eben die 11 km zu
Fuß gegangen, habe meine Einkäufe geschnappt und bin wieder zurück. Das hat eineinhalb Stunden
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für den Hinweg bedeutet, drei Stunden insgesamt, aber es machte nichts, den halben Tag mit
Einkaufen-gehen zu verbringen Du bist nicht in Eile irgendwas zu tun, also kannst du es auch morgen
tun. Deswegen kann man ruhig einen Nachmittag dem Einkaufen widmen. Du bist mitten in den
Bergen, es ist gesund. Das haben die Leute auch früher getan, auf jeden Fall die älteren Leute, sie
erzählen, dass sie 11km zur Schule gegangen sind, 11km hin, 11km zurück.
Engl. O-Ton hochziehen!
Take 10:
O-Ton Verena Köster
In letzter Zeit möchte ich gar nichts hören, es gab Zeiten, da habe ich viele Hörspiele gehört, relativ
stille oder meditative Musik, aber in letzter Zeit genieße ich es wirklich, mich dem so einfach
hinzugeben. Da brauche ich gar nichts drum herum. Im Gegenteil, ich habe eine Tätigkeit, mit meinen
Händen zu tun, wenn die neu ist, dann braucht die auch meine volle Aufmerksamkeit. Wenn ich z.B.
einen Hut mit Perlen besticke, das ist ja für mich das höchste Glück, weil es ist so eine Monotonie, die
mich aber wirklich in meinem Inneren in einen tief friedlichen Zustand versetzt, den ich sonst in
meinem Alltag gar nicht so habe. Ich erinnere mich manchmal daran, aus dem Osten kommend, dass
wir früher sogar noch die Socken gestopft haben, das ist so was Ähnliches. Da machst du eben eine
Reihe hoch, eine Reihe runter, eine Reihe hoch, und irgendwann wieder das Gitter auf der anderen
Seite hoch und runter, herrlich!
Wenn ich mich mit keinem Gedanken beschäftige, was ich erledigen muss, was nicht so ist, was hätte
sein können, was man noch tun möchte, bin ich einfach im Sein, um das mal so zu sagen, und ich bin
in mir, also wirklich in einem tiefen Kontakt mit mir und fühle mich einfach zu Hause und das genieße
ich. Und das ist einfach auch ein Glücksmoment, den man in unserer schnellen Zeit überhaupt nicht
mehr hat.
Take 11:
O-Ton Owen McCann:
I would go to this town and do my shopping or they had internet in the library and I would go
sometimes and see what was happening in the world. But the more removed you become from it the
more you feel that these events don't affect you, and they don't affect you! You know, what is
happening in the Middle East or what is happening with Edward Snowden or any of this stuff, that
doesn't seem to make any difference. And the more I became disconnected from those events, the less I
would feel the need to even use the internet. And most people who lived there all their lives they don't
care what is happening in the world. They really don't care. What's important to them is what the sea,
what the ocean is like, the tide, is the sheep okay or the owner.
Sprecher Übersetzung, Overvoice:
Ich bin in diese Stadt gelaufen, habe meine Einkäufe erledigt oder bin in die Bibliothek gegangen,
habe da im Internet geguckt, was in der Welt los ist. Aber je weiter die Welt von dir abrückt, desto
mehr kriegst du das Gefühl, dass diese Ereignisse dich nicht betreffen, und so ist es wirklich! Was im
Nahen Osten los ist, oder wie es mit Edward Snowden weitergeht und diese Sachen, das scheint dann
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keinen Unterschied mehr zu machen. Je länger ich von diesen Geschehen abgeschnitten war, desto
weniger hatte ich noch das Bedürfnis, überhaupt ins Internet zu gehen. Die meisten Menschen, die ihr
ganzes Leben dort in dem kleinen irischen Dorf verbringen, kümmern sich nicht darum, was in der
Welt passiert. Sie fühlen sich davon überhaupt nicht betroffen! Ihnen ist das Meer wichtig, der
Tidenhub, geht es den Schafen gut und deren Besitzer...
Take 12a:
O-Ton Claus Dalsgaard:
Also, ich mag gerne mit Pflanzen arbeiten, aber das ist echt mehr Bürokratie und hin- und herjagen,
dem Geld hinterher und all so was, das nervt. Also, das Kreative, das kommt wirklich erst, wenn du da
ganz ruhig stehen kannst und Stecklinge machen oder irgendwas einziehen kannst. Das ist schön.
Ruhe, das ist tatsächlich bei diesen langweiligen Arbeiten, wenn da Zeit ist und du ein Beet wiegen
kannst, das ist eine Freude, dich hinzusetzen und Quäken rauszuholen, also Quäken rausholen und sich
freuen, dass es weg ist. Da kann tatsächlich eine innere Ruhe aufkommen.
Da entstehen halt auch Gedanken, wie man hier irgendwie weiterkommen kann.
Sprecherin:
Der Däne Claus Dalsgaard, Jahrgang 1963, lebt seit 1981 im nördlichen Schleswig-Holstein. Er ist wie
sein Vater gelernter Gärtner.
Take 12b:
Ich kann mich auch den ganzen Tag hinstellen und Fenster malen, ja, meine alten Fenster hier
renovieren, da kann ich mich richtig drin vertiefen und aufgehen.
Und das ist auch schwer übertragbar einem anderen, weil nicht jeder kann da Freude dran finden
Unkraut zu jäten.
Take 13:
O-Ton Christian Reuner:
Wir machen das jetzt immer so, dass wir gleich eine ganze Gulaschkanone voll Suppe kochen. Unser
Renner ist diese Wildsoljanka. Da kommt Reh und Hirsch mit rein, das Wildschwein hat ja bei uns
Überhang. Alles verraten wir natürlich nicht, aber der Grund von der guten Soljanka ist die Brühe.
Und da muss man sich schon bisschen Zeit für nehmen. Da werden die Knochen ordentlich abgekocht,
das dauert dann 7-8-9 Stunden, bis das alles schön abgekocht ist, dann muss das abgebrüht werden,
von den Knochen getrennt werden, und aus den Resten muss dann eine richtige kräftige Wildbrühe
gekocht werden. Zwischen 12 und 24 Stunden sollte die schon leicht köcheln. Wir feuern ja nur mit
Holz, muss man dabei bleiben. Diese Brühen kochen wir jetzt alte Waschkessel, alte Fleischer haben
ja sowas noch, große holzbefeuerte Kessel. Das machen wir auch selber. Das muss man natürlich auch
ranholen, ja. Also da steckt schon ein bisschen Arbeit drin. Dafür sparen wir dann wieder die
Stromkosten. Wir machen das nur, wie es ursprünglich immer gemacht wurde.
Take 14:
O-Ton Verena Köster:
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Ich mache den Filz vorher nass und heiß, dann bekommt er eine Elastizität. Wenn ich die spüre, dass
die in dem ganzen Filz vorhanden ist, ziehe ich den über die Form und dann wird die Form fixiert und
abgebunden, so dass sie gehalten wird. Durch das Trocknen behält es die Form. Dann wird das
abgenommen und meistens beschnitten, nochmal aufgebügelt, gedämpft. Und dann wird ein Hutband
angebracht. Innen das Ripsband, das Kopfweitenband, außen ist es dann immer dieses Schmuckband.
Und dann kommt es ganz drauf an, was es ist: ein Herrenhut, Damenhut, da kann man dann noch
irgendetwas anbringen, was mit Federn oder Blütenschmuck oder was anderes.
Ich mache den Filz nicht selber, kaufe richtig Hutmacherfilz ein. Das sind Stumpen, die dafür
produziert werden. Also, ich experimentier‘ gerne und probier‘ gerne aus. Und dann entsteht um mich
herum ein großes Chaos, alles wird rausgeschmissen und verschiedene Materialien
zusammengebracht.
Manchmal kommt gar nichts bei rum, aber manchmal entsteht auch tatsächlich mal was ganz schönes
Neues. Und das ist meistens auch so, wenn ich Ruhe und Zeit habe, keinen Druck habe, und auch nicht
irgendwas machen will, sondern einfach Lust habe zu spielen, kommen zu lassen, ein bisschen zu
verbinden mit dem Material, wo will was hin, dann entsteht dabei auch durchaus so eine Form, wo ich
so denke, das ist schön, das hat was.
Take 15:
O-Ton Claus Dalsgaard:
Ja, es ist einfach klasse, sich mit die Hände zu beschäftigen und ein Werk irgendwie zu Ende führen
und sagen, so jetzt habe ich zwei Meter geschafft, das ist sauber, das ist so, wie ich das haben will, in
einem Tempo, das ich auch vertreten kann. Nicht großartig denken - du musst schon gucken, was du
da rauspulst. Wenn du so ein Sämlingsbeet hast, dann können die Sämlinge, die du erhalten willst,
schon aussehen wie Unkraut. Das musst du schon wissen, das ist schon so, da kann man sich auch dran
freuen, dass du das sehen kannst, andere Leute können das nicht sehen... (lacht). Zeit zu haben und ein
Stück Arbeit zu Ende zu führen, ohne Druck, dass es einfach sauber ist hinterher, wie man sich das
vorstellt, das ist schön. Das ist Ruhe.
Take 16:
O-Ton Christian Reuner:
Ganz so einfach wie früher ist das nicht, dass jeder seinen Wald hatte und selber geschnitten hat, wir
kriegen vom Förster die stehenden Bäume verkauft, die werden von uns selbst gefällt und müssen
dann 2-3 Jahre lagern, dass das Holz trocken wird, und dann können wir es erst zum Heizen nehmen.
Jetzt für den Kessel ist es nicht so anspruchsvoll, da können wir nehmen, was wir wollen. Aber wir
brauchen ja sehr viel Holz zum Räuchern, da muss man schon ein bisschen aufpassen, was für Holz
man nimmt, dass dann der Geschmack auch passt. Denn die Würste werden auch alle auf richtigem
Holz gegrillt. Das müsste dann schon mindestens drei Jahre trocknen. Holzkohle wird man bei uns
nicht sehen, wir nehmen dann richtig Erlenholz. Das Holz, das wir dieses Jahr machen, nehmen wir
erst in vier Jahren.
Take 17:
O-Ton Claus Dalgaard:
Gartenarbeit ist nicht langweilig. Gartenarbeit ist langsam, das dauert ja lange, bis irgendwas passiert.
Bis man sieht, ob man einen Baum richtig geschnitten hat, das dauert ja ein Jahr oder zwei, und die
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Geduld muss man einfach aufbringen. Nein, langweilig ist das niemals! Du musst halt die Geduld
haben, dass du teilweise nur eine halbe Stunde was machen kannst am Tag, weil das sich entwickeln
muss. (…)
Wenn man was gesät hat oder wenn man was ausgepflanzt hat, muss man auch die Geduld haben, dass
es groß wird! Also, der Trend geht ja doch dahin heutzutage, wir verkaufen viele große Pflanzen, weil
die Leute nicht die Geduld haben, dass es wächst. Das ist schon ganz spannend, weil wir können die
kleinen Töpfe, die eigentlich sinnvoll sind und günstig sind, wo man wirklich Fläche mit machen
kann, die können wir nicht verkaufen. Was sagen die immer? Die Pflanzen sind nicht gut, und die sind
klein und … Wenn man die pflanzt, die entwickeln sich richtig, richtig schnell!
Aber dafür verkaufen wir halt große, nicht so viele, aber da kriegen wir mehr Geld dafür, weil das
einfach teure Pflanzen sind. Und die Zeit die haben sie nicht, und die muss man tatsächlich aufbringen.
Dann kann so ein Garten auch langweilig wirken, aber das explodiert dann auf einmal.
Atmo Boot
Take 18:
O-Ton Bettina Kaper-Franke:
Die wollen wieder rüber, sind vorhin schon mit mir gefahren. Dann starten wir sie mal wieder. Hallo!
(…)
Mann: Ich find die super, abenteuerlich super, spannend. Es war Zufall, es bot sich einfach so an und
es sah aus, als ob man die benutzen müsste und da zahlt man die 2€ doch gerne für 2 Personen. Sieht
man ja nicht mehr so häufig, die Art und Weise, die Stöhr zu überqueren, von daher ist das gut, sowas
unterstützt man einfach gerne. Ja, es ist so fremd, es ist noch so weg von diesem Hightech-Leben, noch
so analog! (lacht).
Atmo!
Take 19:
O-Ton Christian Reuner:
Dann betreiben wir die Backöfen, weil wir noch richtig nach alter Tradition backen,
d.h. abends den Chamotte-Ofen mit Reisig anheizen, der wird dann so erhitzt, dass wir das nicht
mitten in der Nacht, aber schon beizeiten nachlegen müssen.
Frühs wird er ausgeschleudert, und dann backen wir auf den heißen Steinen unser Brot. Das machen
wir jetzt über den Sommer täglich.
Wir haben jetzt z.B. auf dem Nachbargrundstück die ältere Dame, hat hier früher mal gekellnert, die ist
jetzt 98, die kriegt noch immer ihr Mittagessen, dass sie uns noch ein paar Jahre erhalten bleibt. Denke
mal, das wird auch klappen, die Vormieterin ist 114 geworden, und von ihr haben wir auch Rezepte
gekriegt. Die haben noch alte Rezeptbücher, die geben die natürlich nicht her, aber wir haben da was
abschreiben dürfen.
Take 20a:
O-Ton Minka Zimmermann:
Dass ich alt bin? Nee, das Gefühl habe ich gar nicht! Ich komme mir gar nicht alt vor. Wirklich 99,
wirklich? Muss ich direkt fragen. Nein, dann bin ich ja schrecklich alt! Das habe ich nie gedacht, dass
ich so alt bin. Ach, manchmal fühle ich mich ganz jung, ich weiss auch nicht. So neugierig auch
immer. Irgendwie ist man doch immer wieder neugierig und da passiert etwas, das ist doch irgendwie
nicht festgelegt. Das hat auch mit Alter nichts zu tun.
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Sprecherin:
1914 wurde die Weberin Minka Zimmermann geboren. Ihre surrealistischen Flechtfiguren wurden
international ausgestellt. 1994 erhielt sie den Norddeutschen Kunsthandwerk-Preis im Schloss Gottorf.
Take 20b:
Dieses Bewegt-Sein, das Bewegt-Sein, dass die Natur – wie soll ich sagen, jetzt ist sie wieder ganz
ruhig. Trotzdem bin ich so froh. Ich könnte stundenlang die Bäume angucken. Wie sie sich gegenseitig
bewegen und so...
Wenn ich denke, ich hätte keinen Garten, wo ich was finden und rausgucken kann, wäre ich fast
unglücklich. Ich nehme alles, wie es ist. Ich lasse alles kommen, sagen wir mal, wie alles so ist.
Hauptsache, ich sitze hier und kann mich freuen. Ob die Sonne scheint oder nicht, ich sitze hier und
gucke in meinen Garten.
Take 21:
O-Ton Verena Köster:
Ich habe ein Bild, was sich mir so unglaublich tief verinnerlicht hat. Und zwar durch Reisen an die
Ostsee, über kleine Dörfer. Wir kennen die Bilder alle durch Zeitungen und Fotos – ich habe sie dann
wirklich gesehen, die alten Leute, die auf einer Bank vor ihren Häusern sitzen. Recht einfach, die Frau
in ihrer Schürze, der Mann in seiner lodderigen Arbeitskluft, recht einfach, die sitzen. Nichts sagen,
nichts tun, nur schauen. Und man könnte ja sagen, das sieht so ein bisschen debil und doof aus. Aber
für mich ist das so ein Symbol für Gelassenheit und einfach Sein.
Und einfach dieses Innehalten ist so wahnsinnig regenerierend. Genau. Du füllst die Batterien wieder
auf durch die Wahrnehmung von Wind oder Sonne oder einfach dem Beobachten, was um dich herum
ist. Also nicht diese Zielgerichtetheit.
Take 22:
O-Ton Claus Dalgaard:
Also zu Hause, da sind meine Eltern. Wir hatten viele Sämlinge, also ganz kleine Pflanzen, draußen
auf dem Acker. Zu dem Zeitpunkt hat man nicht so viel Chemie drauf geschmissen, das war nicht ganz
so entwickelt. Die sind abends rausgegangen 3-4 Stunden, da lagen sie dann da auf den Knien und
haben Unkraut gejätet. Das war echt, das war ruhig! Die waren schon ausgeglichen, das waren sie. Da
war kein Streit, da war superruhig immer. Muss man doch sagen. Weit oben, mitten von Dänemark.
Nordjütland, sandiger Boden.
Take 23:
O-Ton Verena Köster:
Im Moment bin ich in meinem Business mehr im Vertrieb unterwegs und weniger in der UnikatAnfertigung (…) Und manchmal nehme ich mir einen Hut, um einfach wieder runter zu kommen,(…)
es ist so ein bisschen, weißt du, wie beim Ein- und Ausatmen. Es kommt und es geht und es braucht
gar kein Nachdenken, es ist einfach auch eine Befriedigung. Und, was ganz wichtig ist, du siehst, es
passiert irgendetwas, es füllt sich etwas oder nimmt Gestalt oder Form an, und das ist auch zutiefst
befriedigend, finde ich. Wieder eine Perle! Wieder ein Stückchen mehr auf meinem Grundmaterial,
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was da Schönheit oder Gestalt gewinnt. Es hat gar nicht so einen hohen Anspruch, es ist einfach, das
Denken tritt zurück.
Take 24:
O-Ton Minka Zimmermann:
Ich habe ja nichts vor, was ich dann und dann tun muss. Ich habe nichts vor, was man machen soll
oder tun oder nicht tun soll. Ich lebe so hin und freue mich! Lacht. (…) Und die Natur brauche ich
ganz dringend. Das ist nicht im Zimmer möglich.
Außerdem in meinen Händen, habe ich so das Gefühl, ich möchte schon wieder was flechten. Ich mag
so gerne, wenn man Fäden in der Hand hält und wenn die sich zusammentun, dann entsteht was
Anderes, das ist schon auch eine Wunderwerk-Sache. Dies Kreative vom Flechten.
Wenn ich Fäden sehe, muss ich gleich Figuren daraus machen. Dann denke ich immer, für
Weihnachten will ich ganz große Figuren machen, die will ich überall hinstellen. Material habe ich
auch noch, ja.
Dann bin ich immer an einem Platz vorbei gegangen, wo so Abfälle liegen, habe immer mir so Fäden
mitgenommen, hinter mir hergezogen, und ich weiß nicht, was die Leute gedacht haben, das wäre mir
ganz egal gewesen. Überall finde ich Material, woraus man was machen kann.
Atmo Stadtgeräusche, Markt
Sprecherin:
Als es für sie als Frau rechtlich möglich wurde, bewarb sich Kerstin Viola, Jahrgang 1968, um einen
Job als Straßenfegerin. Seit 5 Jahren ist die gelernte Schlosserin aus Berlin nun in diesem Beruf tätig.
Take 28:
O-Ton Kerstin Viola:
Es ist ja meine Stadt auch, steht man ja dahinter. Da fängt man erst mal mit dem Besen an und fegt
dann die Straßen und die Kanten. Manche machen das ihr Leben lang, also 30, 40 Jahre ist ja nicht
ungewöhnlich. Wenn man dafür geeignet ist, macht man das sehr gerne, ist eine sehr schöne Arbeit.
Sehr gleichmäßig nicht wirklich, aber man tut was da draußen, und man sieht auch sofort den Erfolg,
wie Fenster putzen.
Und man hat Kontakt mit den Menschen und die bedanken sich, und man erlebt seine Stadt auch noch
mal detaillierter. Ich tue es ja immer noch. Für mich selber – ich mache das auch sehr, sehr gerne, ich
mache es mit ganzem Herzen, mit vollem Einsatz, ich mache das sehr gerne. Ich bin gerne auf der
Straße und fege da rum.
Take 27:
O-Ton Minka Zimmermann:
Das ist eine Grundeinstellung von mir: langsam kann man viel mehr genießen, kann man viel mehr
behalten später, ich mag keine Schnelligkeit. Da wirke ich vielleicht oft langweilig, aber für mich war
das richtig. Dass ich eine lange Leitung habe, wurde ich immer aufgezogen von meinen älteren
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Schwestern, die dachten, ich bin ganz dumm. (…)
Auf eine Frage, wenn man schnell antwortet, kann man nicht so viel in diese Antwort stecken, aber
wenn man langsam ist, dann kann man noch viel mehr die Frage beantworten. Und ich wundere mich
selber, was ich alles noch denke. Wenn mich jemand fragt, muss ich nicht nur eine Sache beantworten,
sondern dann gleich mehrere Sachen, die alles einfallen, mehrere Ebenen, liegen mehrere Dinge
gleichzeitig auch noch da. Verwirren einen vielleicht bisschen.
Ja, ich glaube, das war immer schon ein bisschen da, unbewusst. Das sind so Sachen(…) Ich fühle,
als wenn ich mich gar nicht verändert hätte, als wenn ich immer so gewesen wäre. Bei mir ist alles
ziemlich klar. Deswegen ist man ja auch ruhig. Wenn ich verwirrt wäre, wäre ich unruhig.
Atmo: Stadtgeräusche, Markt
Sprecherin:
Saskia Albertson strickt, nicht nur, aber auch. Sie ist außerdem Übersetzerin und
Literaturwissenschaftlerin. Geboren wurde sie 1962. Samstags bietet sie auf dem Markt Hausschuhe,
Mützen und Schals an.
Take 29
O-Ton Saskia Albertson:
Nur stricken alleine ist mir zu langweilig, aber nur Fernsehen gucken oder nur Radio hören ist mir
auch zu langweilig, und deshalb verbinde ich immer beides. Es entspannt, auf jeden Fall! Es
unterstützt die andere Tätigkeit. Und damit hat es angefangen, weil es mir einfach zu langweilig war,
vor dem Fernseher zu sitzen und einen Film anzugucken, und dann liegen die Hände quasi im Schoß.
Aber das war auch eine Situation, wo du sagst, der Beruf, von dem kannst du nicht leben, was für
Potenzial hast du noch? Da bin ich eben auf das Stricken gekommen, dass man das durchaus auch
heutzutage ein bisschen ökonomisch ausbeuten kann.
Ich glaube schon, dass die motorische Tätigkeit auch die Gehirntätigkeit beeinflusst, auf jeden Fall.
Das kann man jetzt natürlich nicht festmachen, vielleicht gibt es da Untersuchungen. Ich glaube, dass
du schon anders denkst, weil deine Hände beschäftigt sind, du denkst vielleicht freier, nicht so gezielt,
weil du machst ja im Grunde schon was Sinnvolles. Wenn du jetzt nur im Sessel sitzen würdest und
denken, dann kann ich mir vorstellen, dass du dich dann eher verrennst.
Take 30:
O-Ton Verena Köster:
Der letzte herausfordernde Auftrag war einen Bräutigam zu behüten, der so was Schickes noch nie
getragen hat, aber wirklich eine Sehnsucht hatte, für diesen großen Tag richtig aus dem Vollen zu
schöpfen. Er hatte eine Idee, eine Vorlage, er wusste überhaupt nicht, ob ich das umsetzen kann, und
am Ende war er oberglücklich, hat auch sehr viel positive Resonanz von seinen Gästen bekommen.
Das war dann auch ein Glücksmoment für mich, jemanden gut behütet zu haben. Behütet, behutet,
bedacht!
Take 31 VERFREMDEN
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O-Ton Saskia Albertson:
Es ist ein Automatismus dabei. Wenn man so viele Mützen und Schals gestrickt hat wie ich sowieso.
Wenn ich natürlich versuche, ein Problem zu lösen, dann stricke ich schon mal in die falsche Reihe,
vergesse ich abzunehmen oder so. Aber dass aufgrund der manuellen Tätigkeit das Gehirn andere
Bahnen angeht, das glaube ich schon. Und umgekehrt, wenn ich zu streng denke, dann sind die Hände
auch erst mal auf sich gestellt. Muster stricken, das mache ich nicht, weil das erfordert zu viel
Aufmerksamkeit.
Klar, es ist ein angenehmes Material, sonst würde ich das ja nicht machen. Dann könntest du auch
nicht den ganzen Tag so viele Stunden damit verbringen, wenn das jetzt etwas wäre, was stachlig wäre
oder unangenehm oder kratzig...
Da mir das noch nie passiert ist, ein Krampf im Finger, ich habe mir das Material ja auch gewählt!
Es ist einfach die Kreativität, dass du etwas zustande bringst, vom Faden bis zum Endprodukt und
dazwischen sind zwei Nadeln und zwei Paar Hände und ein manchmal abwesendes Gehirn. Ob das
jetzt mir adäquat ist? Ich glaube schon, weil ich könnte mir nicht vorstellen, z.B. Töpferin zu sein, den
ganzen Tag die Hände in Masse zu haben, das stelle ich mir grauenhaft vor. Ich schwimme auch nicht
gerne, ich finde das alles viel zu nass. Und da ist die Wolle schon so was Weiches und Sympathisches,
Freundliches.
Atmo: Markt, Gemüseangebote....
Take 32:
O-Ton Claus Dalsgaard:
Letztes Jahr war doof, weil das solange kalt war. Das war teuer und du kannst nicht so gut lüften. Bei 10° draußen da kannst du nicht die Scheiben runterrollern, die Tomaten innendrin, die gehen drauf. Da
kriegt man allerdings auch ein Gefühl für. Das erste Mal, wenn du so die Tomaten verheizt hast, dann
weißt du, dass du das nicht darfst.
(…)
Jetzt packen wir die nett ein und dann geht das auch. Das ist Hammer-anstrengend, wenn das alles
friert. Das ist gegen die Natur zu leben, wenn das alles friert. Die Erde ist morgens gefroren und das ist
richtig doof. Und du musst trotzdem weiter, weiter, weiter...
Das ist ja okay, das ist ja, damit wir alle was zu essen kriegen im Sommer. Wann fangen wir an? Die
ersten Salate sind im Mai fertig bei die Bauern. Wir haben nicht die Räumlichkeiten, das wird nie so
isoliert, das ist ein bisschen unser Problem auch, wenn das so doll friert. Dann friert das ein.
Atmo Maschinengeräusche
Take 33:
O-Ton Bettina Kaper-Franke:
Sollten wir richtig Eisgang haben, das schafft die Fähre nicht, durchzubrechen. Von daher ist dann
auch erst mal Schluss. Dann legen wir sie zur Seite, d.h. zwischen den zwei Schiffen bei den Galgen,
da kommt sie dann meistens ran. Sobald das Eis weg ist, wir hatten nur eine Woche letztes Jahr, und
dann konnten wir gleich weiter fahren. Und dann hören Sie die Leute nur: Oh, schön, die Fähre fährt
wieder!
Schlechte Zeit heißt weniger los, es ist kalt, wir müssen die Rollen enteisen
(…) und abends kann ich ab 5, halb 6 mit Wasser gar nichts mehr machen. Dann trinke ich hier
meinen Tee, fahre die Kunden rüber, manchmal sitze ich auch auf der Treppe, genieße das, die
Geräusche, die man hier rundherum hört. Träumen direkt nicht, ich muss ja doch immer aufpassen, ist
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da jemand oder nicht? Gerade im Dunkeln! Fahrradfahrer, da beobachte ich mehr die eine Seite,
kommt da ein Licht an oder nicht, ich kann ihn definitiv nicht sehen, wenn er sein Licht aus hat. Das
heißt, so richtig abschalten können Sie hier nie.
Take 34:
O-Ton Kerstin Viola:
Es hat ja auch alles Vor- und Nachteile. Irgendwann weißt du, wo du da gelandet bist vom Niveau her,
also jetzt nicht, dass ich ein besonderes Niveau habe, das ist so ein bisschen: Du bist geistig gesund in
einer verrückten Welt. So kann man das, glaube ich, nennen. Und dann denkst du, was machst du
jetzt? Und wenn du darauf eingehst, bist du verloren. Das ist so viel Dummheit oder Unsinn, natürlich
kannst du über bestimmte Sachen auch mal lachen, aber wenn du zum 25. Mal die Geschichte hörst,
weil du jetzt schon ein paar Jahre dabei bist, also, ich glaube, ich halte irgendwann den Mund, weil ich
kann ja auch gut mit mir sein!
Atmo: Marktgeräusche
Take 36 VERFREMDEN:
O-Ton Saskia Albertson:
Jedes Wochenende hast du Markt, und wenn es wirklich kalt ist und du verkaufst gut, dann bist du
unter der Woche schon im Stress, dass es am Wochenende auf dem Markt dann gut aussieht. Dann
kannst du nicht einfach sagen, ich lasse dem jetzt seinen Raum, wenn du jetzt fünf Schals da hast oder
sechs macht eigentlich nicht so viel aus, ich gehe dann früher ins Bett, mache dann nicht bis 12 durch,
- aber das liegt einfach an der Organisation, dass ich halt alleine bin. So kann ich dann das Stricken
auch nicht als puren Selbstzweck zur Entspannung oder als pure Yogaübung sehen.
Ich probier auch manchmal gerne Dinge aus, und da muss ich mir schon sagen, nee also, das lässt du
jetzt mal, in der Zeit kannst du 3,4 Mützen stricken, die du verkaufen kannst. Ehe du was
rumprobierst, was dir Spaß macht, wo du dann hinterher sagen musst, das funktioniert nicht, lass mal.
Also insofern, der kreative Aspekt und die Produktion, das wäre natürlich schön, wenn das getrennt
wäre, ich würde aber immer weiter stricken wollen.
Atmo hochziehen
Take 37:
O-Ton Owen McCann:
In the 1600s basically the Irish rebells and the old Kings of Ireland were fighting against the British
and they were winning! And Alexander Comah was sent over by Queen Elizabeth, I think, to pacify
the Irish, basically he sent everybody to this area. He said, either you die or you go there. So basically
it was considered kind of a hellish land. It is very difficult to live there and it is very windy, very wet,
the nights are very short, and it is very difficult to earn a living there. Not a lot grows there, you live of
the sea basically. Well, they have a clip on the shoulder, absolutely.
The men particularly, there is not a lot of eye contact, they are very talkative, they would be shy to
approach a stranger. When I moved there, because I am from Dublin, it was a big event for them, the
fact that someone new had come to the town, they all kind of wanted a piece of me. And when I
walked in there the first day, they were just seizing me up. There are certain things you would discuss
like sex, they are quite catholic. I have a daughter and she is not baptized - they see that living between
heaven and hell. Beside my house, there is a hill and there is a unmarked grave for all the babies that
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are dead who weren't baptized.
There would be a big device between the attitude of people living in cities in Ireland and people living
in rural areas. As much as they like to talk, it is kind of surreal, they can talk about situations with the
dog, or about going down to the sea to collect muffles! They can talk about this their whole entire life,
just this! But certain topics are quite tabu, I'm sure.
Sprecher Übersetzung, Overvoice:
Im 17. Jahrhundert haben die irischen Rebellen und Könige gegen die Engländer gekämpft und
tatsächlich gewonnen! Queen Elizabeth I hat dann Alexander Comah hingeschickt, die Iren zu
beruhigen, er hat einfach alle in diese Gegend geschickt nach dem Motto, entweder du stirbst oder du
gehst da hin. Dieser Landstrich wurde so ungefähr als Hölle betrachtet. Es ist sehr schwer, dort zu
leben, sehr windig, sehr nass, die Nächte sind kurz, man kriegt seinen Lebensunterhalt kaum
zusammen. Da wächst nicht viel, du lebst eigentlich vom Meer. Die Leute hier tragen einen Fluch auf
der Schulter, absolut.
Besonders die Männer sind schüchtern mit Fremden, da gibt es nicht viel Blickkontakt, obwohl sie
ohne Ende reden. Als ich dahin zog, war es ein großes Ding für sie, weil ich aus Dublin bin, die
Tatsache, dass jemand Neues hingezogen ist, alle wollten ein Stück von mir abhaben. Als ich zum
ersten Mal in die Kneipe kam, haben sie mich richtig abgeschätzt.
Da gibt es Themen, die sie niemals besprechen, z.B. Sex. Sie sind sehr katholisch. Meine Tochter
wurde nicht getauft – das betrachten manche als Leben im Fegefeuer. Neben meinem Haus ist ein
Hügel mit einem unmarkierten Sammelgrab für ungetaufte Kinder.
Es gibt einen Riesenunterschied in Irland zwischen der städtischen und der ländlichen Bevölkerung in
ihrer Einstellung! Das ist richtig surreal – so gerne sie auch reden, sie können über Sachen wie den
Hund, das Meer oder Muscheln suchen das ganze Leben lang reden – und andere Dinge sind total tabu.
Engl. O-Ton hochziehen!
Take 38:
O-Ton Claus Daalsgaard:
Wir stehen ja in diesem alten Haus hier, und dann läufst du um irgendwas rum, und willst das
eigentlich die ganze Zeit bauen oder reparieren und dann häufig, bei diesen ganz blöden Arbeiten,
dann stehst du, überlegst, was machen wir jetzt?
Und dann ist es so einfach zu machen, dann hast du das genau überlegt, und dann gehst du da einfach
bei, und dann bist du innerhalb von Null, Komma, nix fertig mit etwas, wo du jahrelang drum herum
gelaufen bist. Eigentlich bist du von der verkehrten Seite rangegangen, und wenn du Zeit dazu hast, dir
zu überlegen, wie man das anders machen kann, das kommt tatsächlich häufig bei diesen, naja, blöden
Arbeiten heraus. Wir gehen so ein bisschen nach dem vorhandenen Nagelsprinzip. Wir nehmen, was
wir haben und dann bauen wir irgendwas da raus. Dafür braucht man manchmal echt ein bisschen
Phantasie. Und Zeit ist ansonsten nicht da, und wenn du da stehst, und irgendwas topfst oder Körner
einlegst, dann kommt das häufiger.
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Take 40:
O-Ton Minka Zimmermann:
Man kann einfach so Wolkenstücke beobachten, was die jetzt so machen alles. Und dann gibt es auch
eine andere Beleuchtung, weil die Wolken durch die Sonne auch eine ganz andere Stimmung immer
wieder bringen. Die bewegen sich direkt, die kommen auf einen zu –(…) Weil ich vielleicht so
langsam bin, ist das alles für mich Bewegung!
Atmo: S-Bahn kommt und fährt ab
Take 41a:
O-Ton Birgit Luczus:
Ich wollte schon immer Eisenbahner werden. Habe mich selber beworben bei der Bahn, und habe
gesagt, ich möchte auch auf Stellwerk arbeiten. Das habe ich 29 Jahre gemacht. Und dann kam die
Gesundheit, die hat mir einen Streich gespielt, und jetzt mache ich ja schon 5 Jahre Kundenbetreuer
auf dem Bahnsteig. Macht mir aber auch sehr viel Spaß.
Sprecherin:
Birgit Luczus, Jahrgang 1962, hat bei der Bahn ihren Traumjob gefunden.
Take 41b:
Ich gehe immer durchs Leben voller Elan. Ich gucke immer mal dahin, wenn es jemandem nicht gut
geht.
Ich habe auch ein Straßenmädchen, eine Punkerin, mit die treffe ich mir regelmäßig. Dann trinken wir
einen Kaffee, die hat zwei hübsche Hunde, weil ich ja nun auch eine Hundemama bin, und da haben
wir uns so vereinbart, einmal in der Woche treffen wir uns immer, ne. Da rufe ich sie an, und dann
kommt sie mir besuchen dann. Die erzählt mir viel von ihrem Leben. Die hat eine Wohnung, aber lebt
auf der Straße mehr. Im Sommer tut sie mehr auf der Platte leben. Also, das nennt man in Berlin
Platte, indem sie dann draußen schlafen und so. Da erzählt sie mir ihre Stories dann auch, da kriegt
man alles mit. Die leben ja ein bisschen anders als wir. (lacht).
Atmo hochziehen
Take 42 VERFREMDEN:
O-Ton Saskia Albertson:
Ich koche nicht so gerne. Beim Stricken musst du auch vieles beachten - wenn du ein schlechtes
Gericht kochst, dann musst du es aufessen, dann hast du mehr Nachteile davon. Wenn du was Falsches
strickst, ribbelst es halt wieder auf und versuchst von vorne. (…) Ich habe immer versucht, nach
Rezept zu kochen und dann war ich immer enttäuscht: es sieht weder so aus wie im Kochbuch, noch
schmeckt es vielversprechend, und jetzt koche ich lieber ohne Kochbuch und es geht auch besser.
Take 43:
O-Ton Kerstin Viola:
Man ist auch unsichtbar für die Leute. Man selber ist fixiert auf „da unten“ - ich sehe natürlich immer
alles im Verkehr, die Radfahrer, die Leute, keine Frage, aber man ist fixiert auf da unten, wie sieht es
da aus, was liegt da rum, man hat den Gesamtüberblick, und für die Leute ist man eigentlich nicht
existent. Ähnlich wie Polizei, Kommunal oder so, man ist nicht wirklich da. Ich denke mal, man
könnte irgendwas fegen und nebenan machen sie irgendeinen Special Deal oder so. Selbst Leute, die
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einen kennen, die erkennen dich nicht, weil die nehmen diesen Straßenfeger gar nicht wahr, das ist
sehr interessant. (…) Macht auch Spaß. Ist auch witzig. Oder Leute, die dich in orange kennen oder in
deiner Farbe, und dann gehst du da mal privat hin oder bist da sowieso und dann kieken sie: Wir
kennen uns irgendwoher... „Ja, ich komme sonst immer soundso“ Du bist nicht personifiziert.
Take 44
O-Ton Saskia Albertson:
Ein Buch übersetzen ist im Ansatz ein kreativer Prozess, aber verschafft keine Befriedigung. Beim
Übersetzen gehorchst du einem höheren Herrn, und das ist der Autor. Und der gibt dir vor, was du im
Prinzip zu tun hast. Und du musst das umsetzen ins Deutsche. Natürlich hast du eine Befriedigung,
wenn du Probleme löst, und ich mache das auch z.T. sehr gerne, je schwieriger das ist, desto
herausfordernder ist es für dich, desto mehr dein eigenes Sprachvermögen gefordert ist, desto lieber
mache ich das auch. Es gibt welche, die übersetzen Krimis oder schlechte Literatur zur
Existenzsicherung, das macht aber überhaupt keinen Spaß.
Wenn du einen Roman von 500 Seiten hast, dann bist du am Ende einfach nur froh, wenn du dann
zuklappen kannst, das Manuskript abgeben kannst, du bist es los. Es zieht von dir sehr viel ab. Du
fühlst dich hinterher, so geht es mir jedenfalls, ziemlich ausgelaugt, deswegen mache ich das nicht
immer sehr gerne. Im Prinzip brauche ich die Würdigung von außen nicht so sehr, manchmal ärgert es
dich halt schon, wenn die Übersetzer ganz am Ende genannt werden. Es ist natürlich alles relativ,
wenn man Schals und Mützen und Handschuhe strickt, trotzdem macht es Spaß! Du hast eine
Aufgabe, und wenn du das richtig machst, dann verschafft dir das Befriedigung. Du machst etwas, und
du machst das 100%ig, dass du in den Spiegel gucken kannst und sagen kannst, ich habe das gegeben,
was ich wollte. Und es ist egal, ob du Mützen strickst oder eine Brücke baust oder ein Buch schreibst
oder Brötchen bäckst. Wurscht, ganz egal.
Take 45:
O-Ton Kerstin Viola:
Morgen ist ja wieder neuer Dreck. Oder übermorgen. Du findest ja immer irgendwas. Ist ja auch
anders: Du hast das Laub, du hast den Wind da, du hast die Blüte, du hast ja verschiedene Sachen.
Manchmal hast du nur Staub, manchmal hast du nur Blüte, manchmal hast du nur Granulat, Schnee,
alles Mögliche. Das ändert sich ja auch immer. Ich könnte überall sein. Wenn du jetzt ein
kommunikativer Typ bist, ist es in der Innenstadt schon besser. Du hast ja eine viel größere Erfüllung,
wenn du siehst, was du tust, als wenn du nichts siehst, weil da auch eigentlich nichts ist. Aber die
Leute bezahlen dafür Geld, deswegen tust du das, also das ist ja dann langweilig, da kommt dann
vielleicht niemand vorbei. Hat aber auch was, also wenn du da alleine an der Stadtgrenze da rum, ist
auch schön. Da kommen sie aus ihren Einfamilienhäusern, bringen dir Kaffee, schnacken mit dir.
Atmo: S-Bahn Gast: ich ärgere mich jedes Mal da drüber...
Take 46:
O-Ton Birgit Luczus:
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Man erlebt immer irgendwat, da kann man nicht sagen, dass der eintönig ist, der Job. Ich bin so'n
Muttertyp, genauso ist es. (lacht). Na klar, haben wir Seminare besucht und alles, aber das ist eben so
mein Naturtalent, ich kann das einfach, das geht mir von der Hand, von links.
Und wenn Störung ist so richtig, wenn der Bahnsteig voll ist, das mag ich am liebsten, dann wird man
richtig so gefordert. Dafür bin ich ja da, um den Reisenden Auskunft zu geben und zu helfen, das bin
ich ja gewöhnt, das liegt mir mehr, als wenn ich dann nur warte, bis die Zeit rum geht.
Das war so gewesen, da war ich hier im Wannsee gewesen, hatte Dienst gehabt, und auf einmal kam
ein Lokführer an und brachte uns einen verletzten Hund. Und ich sage, lasst den mal auf meine Arbeit,
ich kümmere mich darum.
Und dann habe ich gesehen, der hat ein Halsband um, und Telefon-Nummer, habe ich den Besitzer
angerufen, und dann kam er auch gleich. Ausgebüchst im Grunewald, hat sich dann verzogen in die
Gleise. Und der Lokführer hat angehalten, hat mit seiner Transportleitung gesprochen, und der hat ihn
dann bei uns abgegeben gehabt. Der Hund hat alles gut überlebt.
Atmo: Da müssen Sie jetzt mit der S1 nach Rathaus Steglitz, da haben Sie so einen Plan und viel Spaß
in Berlin!
Take 48:
O-Ton Owen McCann:
I know people who have been to Dublin twice in their lives! And they didn't like it. Dublin is 300 km.
3 1/2 hours, they are happy where they are. It is very difficult for a lot of people to understand how
could these people live here and do so little, to the outside world. That's what it is, but to them it isn't.
They know how to fill their time, they know how to discuss. May be it is because it is so desolate and
there are so little people there that they learn to deal with this kind of situation. Learn to be creative
with language for instance. May be it is a survival instinct to get by in the way they get by. You know
what I mean. It is realistic, it is what they have to do to get by. I suppose there is a calmness and a
stillness that comes by as the repetitive nature of living there because I have heard the same story a
hundred times. Irish are great talkers anyway. They can just talk forever. It's an Irish thing, it is what
we do when you rest.
Sprecher Übersetzung, Overvoice:
Ich kenne Leute, die sind in ihrem Leben zwei Mal in Dublin gewesen! Und es hat ihnen da nicht
gefallen. Dublin ist 300 km weg, 3 ½ Std., die sind glücklich, wo sie sind. Für viele Leute in der
Außenwelt ist es sehr schwer zu verstehen, wie diese Menschen da leben und so wenig tun. Für sie
selbst aber ist das nicht so. Sie können ihre Zeit schon füllen, sie verstehen gut zu diskutieren.
Vielleicht ist das so, weil es da so desolat ist, weil es so wenig Menschen gibt, dass sie gelernt haben
mit dieser Situation fertig zu werden. Gelernt haben mit Sprache kreativ umzugehen, zum Beispiel.
Vielleicht ist das ihr Überlebensinstinkt (…)
Iren sind sowieso große Redner. Die können einfach ewig brabbeln. Das ist eine irische Eigenart, das
tun wir einfach, wenn wir mal Pause machen.
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Take 49
O-Ton Saskia Albertson:
Ich habe ja so auch meine Promotion geschrieben mit dem Stricken, und ich bin davon überzeugt, dass
sich das gegenseitig beeinflusst. Es geht um den Ansatz, um den kreativen Ansatz. Und der, glaube
ich, der lässt sich übertragen. Es klingt ganz banal, das ist auch nicht esoterisch, sondern der Mensch
ist eine Einheit und seine motorischen Fähigkeiten, die beeinflussen das Gehirn, die sind auch ganz
extrem.
Es ist noch nicht so lange her, ich habe jetzt abgeschlossen, ich habe das relativ lange gemacht, die
Promotion geschrieben. Ich habe mir natürlich auch viel Zeit gelassen außerhalb des universitären
Betriebs. Das Ergebnis ist etwas, was die akademische Welt dann auch nicht akzeptiert in der Form,
wie es war. Da würde der kreative Ansatz dann schon fast als Schimpfwort gelten. Du verbindest zwei
Systeme miteinander, und das dankt dir keiner außer dir selbst.
Sie ist akzeptiert, aber mit Vorbehalten, ich muss sie jetzt publizieren und dann ist alles gut, dann habe
ich den Grad.
Take 50:
O-Ton Verena Köster:
Die ersten Kappen habe ich sogar auf die Köpfe der Kunden direkt gezogen, d.h. ich habe den Filz
warm gelassen, weil ich wollte denen so eine Direktabformung von ihrer Kopfform anbieten, das
haben auch viele genutzt, aber habe nachher angefangen, die auch seriell zu produzieren. Seriell heißt,
ich habe eine Form bauen lassen und die Kappen dann über die Form gezogen, bis das so eine Menge
erreicht hat, dass ich gemerkt habe, das schaffe ich jetzt nicht mehr, und das hat aber das Potenzial,
dass es in einer größeren Auflage auf den Markt kommen sollte. Hat dann auch paar prominente
Pusher gehabt, Yoko Ono hat die gekauft. Ich hatte meine Kappen damals in einem Laden in der
Fasanenstraße. Dort hat sie eingekauft, ganz einfach, hat die Kappe gesehen und die mitgenommen.
Das waren dann immer so für mich die Energiespritzen, wo ich verstanden habe, ja, mach da weiter,
das hat Potenzial.
Und dann gehe ich halt noch mal in so eine ganz andere Richtung von dem handwerklichen Selbsttun
weg in das Vertreiben. So anders das ist, so aufregend und spannend ist auch das.
Musik: John Lennon – You may say I'm a dreamer, but I'm not the only one...
Take 51:
O-Ton Owen McCann:
You just mentioned James Joyce, and the book that he did, his most famous work was Ulysses, and
Ulysses was masses of volume written by one day in Dublin, so he just spent pages just describing the
cracks in the wall, the edge of the beach, the inside of a bar, whatever. Just one day walking around in
Dublin. I suppose the way they live their lives in this area is not so dissimilar for the gift that he had
for being descriptive. I suppose they live their lives is not that dissimilar to that. I am not saying they
are all scholars, but I think they seem to inherit certain qualities. May be that is an Irish thing, that
capacity to get lost in something very simple and take the time with it and discuss it, you know.
Sprecher Übersetzung, Overvoice:
Eben hast du James Joyce erwähnt und das Buch, das er geschaffen hat, sein berühmtestes Werk war
Ulysses. Ein riesiges Volumen über einen Tag in Dublin, er hat einfach Seiten damit gefüllt, die Risse
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in der Wand zu beschreiben, die Küste am Strand, das Innere einer Bar oder was auch immer. Einfach
einen Tag in Dublin herumgegangen. Ich denke, wie die Leute ihr Leben in dieser Gegend verbringen,
ist nicht so verschieden von seinem Beschreibungstalent, sich einfach Zeit zu nehmen. Sie sind nun
nicht alle so gebildet, aber sie haben doch bestimmte Qualitäten gemeinsam. Vielleicht ist das eine
irische Besonderheit, diese Fähigkeit, sich in etwas sehr Einfachem zu verlieren, sich damit Zeit zu
nehmen und es zu erörtern.
(O-Ton-Ende hochziehen)
Take 53:
O-Ton Verena Köster:
Es ist einfach ein Kulturauftrag. Es gibt wirklich wenig Leute, die den Hut so selbstverständlich
tragen, dass man nicht mehr über das Drumherum reden tut, sondern über die Facetten, über die
Formen, über die Möglichkeiten, womit kann man spielen. Das ist natürlich immer ein Glücksmoment,
wenn mir solche Menschen begegnen, die wirklich Ahnung haben, wo man sogar ein bisschen
fachsimpeln kann.
Atmo: Marktgeräusche
Take 54:
O-Ton Minka Zimmermann:
anderer O-Ton-Inhalt
Take 55:
O-Ton Claus Dalsgaard:
Meine Frau möchte immer mit mir spazieren gehen, um zu entspannen, aber mir bringt das tatsächlich
mehr, Stecklinge zu schneiden, das ist Entspannung! So ist das. (lacht) Das habe ich natürlich auch
später festgestellt, nun gehen wir auch spazieren.
Take 56:
O-Ton Bettina Kaper-Franke:
Wenn dann noch so ein Nebelschleier ankommt, Sie sehen das von der Kurve aus, wie das so langsam
hier rüber kommt, das ist einmalig. Und ratzfatz haben Sie es direkt hier vorne. Dann dauert es keine
halbe Stunde, Stunde, wenn die Sonne dann aufgeht, dann merken Sie, ganz schnell ist der Nebel
wieder weg. Und das fasziniert mich immer wieder, das ist schon eine tolle Sache, doch. Also, ich
möchte den Job auch nicht tauschen mit irgendwas anderem.
Atmo
Fahrgast: Lüttes Interview hier, wat kann ich Sie vertellen? (lacht)
Er ist mit dem Trecker schon rübergefahren, ich bin hier mit dem Kleinen auf andere Seite, da habe ich
leider Plattfuß, und der fährt mich nicht nach Hüs hin, dann geht er gleich weiter. Ist doch herrlich hier
mit der Fähre, ist doch schön. Ich war ein bisschen außer Gefecht, aber nun geiht wieder weiter. Ja gut,
ich muss, hol di! Atmo.
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Sprecherin:
Das war:
„Wenn der Kopf zur Ruhe findet – Vom Arbeiten zwischen Monotonie und Meditation“
Von Margarete Groschupf
Mit: Claus Dalsgaard, Gärtner; Verena Köster, Modistin; Saskia Albertson, Strickerin; Owen
McCann, Fotograf; Minka Zimmermann, Weberin; Charlotte Herrmann, Garderobiere; Bettina KaperFranke, Fährfrau; Kerstin Viola, Straßenfegerin; Birgit Luczus, Fahrgastbetreuerin; Christian Reuner,
Koch.
Es sprachen: Ruth Schiefenbusch und Louis Friedemann Thiele
Ton & Technik: Hendrik Manook und Jutta Stein
Regie: Uta Reitz
Redaktion: Klaus Pilger
Produktion: Deutschlandfunk 2014
ENDE
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Seele and Geist
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