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-:HSTCQE=UXV\ZX: - OECD Online Bookshop

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OECD INSIGHTS
OECD INSIGHTS
OECD INSIGHTS
Wie Wissen
unser Leben
bestimmt
Im Internet abrufbar unter : www.oecd.org/insights
ISBN 978-92-64-03175-3
01 2007 10 5 P
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-:HSTCQE=UXV\ZX:
HUMANKAPITAL
Wie Wissen unser Leben bestimmt
HUMANKAPITAL
Welche Auswirkungen haben
Bildung und Lernen auf
unsere Gesellschaften und
Volkswirtschaften? Wie lassen
sich Ungleichheiten in der Bildung
beseitigen? Und wie können wir gewährleisten,
dass jeder Einzelne in allen Lebensphasen die
Art von Lernmöglichkeit erhält, die ihm den
größtmöglichen Nutzen bringt und durch die er
sein Humankapital voll entfalten kann?
Dieser Bericht nutzt die einzigartigen Ressourcen
der OECD, um einige dieser grundlegenden
Fragen zu beantworten. Gestützt auf
Forschungs- und Analysearbeiten aus den 30
OECD-Mitgliedstaaten wird die zunehmende
Bedeutung des Humankapitals für den Einzelnen
und für die Gesellschaft bei der Bewältigung des
sozialen und wirtschaftlichen Wandels erläutert.
Ferner wird untersucht, inwiefern es den Ländern
gelingt oder auch nicht gelingt, die Menschen
Zeit ihres Lebens durch die Bereitstellung
von Aus- und Weiterbildungsangeboten zu
unterstützen.
BRIAN KEELEY
Humankapital
BRIAN KEELEY
OECD INSIGHTS
Humankapital
Wie Wissen unser Leben bestimmt
ORGANISATION FÜR WIRTSCHAFTLICHE
ZUSAMMENARBEIT UND ENTWICKLUNG
Die OECD ist ein in seiner Art einzigartiges Forum, in dem die Regierungen von
30 demokratischen Staaten gemeinsam daran arbeiten, den globalisierungsbedingten
Herausforderungen im Wirtschafts-, Sozial- und Umweltbereich zu begegnen. Die OECD
steht auch in vorderster Linie bei den Bemühungen um ein besseres Verständnis der neuen
Entwicklungen und der dadurch ausgelösten Befürchtungen. Sie hilft den Regierungen
dabei, diesen neuen Gegebenheiten Rechnung zu tragen, indem sie Untersuchungen
zu Themen wie Corporate Governance, Informationswirtschaft oder Probleme der
Bevölkerungsalterung durchführt. Die Organisation bietet den Regierungen einen Rahmen,
der es ihnen ermöglicht, ihre Politikerfahrungen auszutauschen, nach Lösungsansätzen für
gemeinsame Probleme zu suchen, empfehlenswerte Praktiken aufzuzeigen und auf eine
Koordinierung nationaler und internationaler Politiken hinzuarbeiten.
Die OECD-Mitgliedstaaten sind: Australien, Belgien, Dänemark, Deutschland,
Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Island, Italien, Japan, Kanada, Korea,
Luxemburg, Mexiko, Neuseeland, die Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal,
Schweden, Schweiz, die Slowakische Republik, Spanien, die Tschechische Republik,
Türkei, Ungarn, das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten. Die Kommission der
Europäischen Gemeinschaften nimmt an den Arbeiten der OECD teil.
Über die OECD-Veröffentlichungen finden die Arbeiten der Organisation weite
Verbreitung. Letztere erstrecken sich insbesondere auf Erstellung und Analyse statistischer
Daten und Untersuchungen über wirtschaftliche, soziale und umweltpolitische Themen
sowie die von den Mitgliedstaaten vereinbarten Übereinkommen, Leitlinien und Standards.
Das vorliegende Dokument wird unter der Verantwortung des Generalsekretärs der OECD veröffentlicht. Die darin zum Ausdruck gebrachten
Meinungen und Argumente spiegeln nicht zwangsläufig die offizielle
Einstellung der Organisation oder der Regierungen ihrer Mitgliedstaaten wider.
Originalfassungen veröffentlicht unter dem Titel:
Human Capital
Le capital humain
Korrigenda zu OECD-Veröffentlichungen sind verfügbar unter: www.oecd.org/editions/corrigenda.
© OECD 2007
Die OECD gestattet das Kopieren, Herunterladen und Abdrucken von OECD-Inhalten für den eigenen Gebrauch sowie das Einfügen
von Auszügen aus OECD-Veröffentlichungen, -Datenbanken und -Multimediaprodukten in eigene Dokumente, Präsentationen,
Blogs, Websites und Lehrmaterialen, vorausgesetzt die OECD wird in geeigneter Weise als Quelle und Urheberrechtsinhaber
genannt. Sämtliche Anfragen bezüglich Verwendung für öffentliche oder kommerzielle Zwecke bzw. Übersetzungsrechte sind
zu richten an: rights@oecd.org. Die Genehmigung zur Kopie von Teilen dieser Publikation für den öffentlichen oder
kommerziellen Gebrauch ist direkt einzuholen beim Copyright Clearance Center (CCC) unter info@copyright.com oder beim
Centre français d'exploitation du droit de copie (CFC) unter contact@cfcopies.com.
Vorwort
Wirtschaftlicher Erfolg hängt entscheidend vom Humankapital ab
– den Kenntnissen, Qualifikationen, Kompetenzen und Merkmalen,
die es Menschen ermöglichen, ihr persönliches und soziales
Wohlergehen wie auch das ihres Landes zu steigern.
Die Bildung spielt beim Aufbau von Humankapital eine
Schlüsselrolle. Personen mit höherem Bildungsniveau beziehen in der
Regel höhere Einkommen – und diese Erträge schlagen sich auch in
einem stärkeren Wirtschaftswachstum nieder. Die Auswirkungen des
Humankapitals gehen aber über wirtschaftliche Aspekte hinaus.
Mit einer Anhebung des Humankapitals gehen ein besserer
Gesundheitszustand, ein stärkeres zivilgesellschaftliches Engagement
und günstigere Beschäftigungsaussichten einher. Und Humankapital
wird in den kommenden Jahren mit Sicherheit weiter an Bedeutung
gewinnen, da die Globalisierung zunehmend technologische
Kompetenzen und Anpassung verlangt.
Zu vielen Menschen wird heute leider nicht die Möglichkeit
geboten, ihre Fähigkeiten voll zu entwickeln. Selbst in den
Industrieländern schließt ein Fünftel der Jugendlichen die
Sekundarschule nicht ab, was ihre späteren Beschäftigungsaussichten
erheblich beeinträchtigt. Dieser schulische Misserfolg konzentriert
sich häufig auf bestimmte Bevölkerungsgruppen und führt zu deren
wirtschaftlicher und sozialer Marginalisierung.
Auf Grund seiner Bedeutung für die wirtschaftliche und soziale
Entwicklung, ist das Humankapital seit langem ein prioritäres Thema
für die OECD, wie die zahlreichen Arbeiten der Organisation zu
Bildungsfragen belegen, mit denen sie vor allem zu analysieren
sucht, wie die Lehr- und Lernmethoden im Unterricht verbessert
werden können, und den Regierungen ihrer Mitgliedsländer hilft, bei
3
OECD Insights: Humankapital
der Gestaltung ihrer Bildungssysteme von den Erfolgen und
Misserfolgen anderer Länder zu lernen. Am bekanntesten ist
vielleicht die OECD-Schulleistungsstudie PISA, die die
Kompetenzen 15-jähriger Schülerinnen und Schüler in mehr als
40 Ländern in der ganzen Welt misst. Die OECD behandelt aber auch
Themen wie zukunftsorientierte Bildung, Kinderbetreuung,
Erziehung, lebenslanges Lernen und Tertiärbildung.
Die OECD befasst sich ferner mit Gesundheitsfragen und
untersucht, wie dieser Sektor funktioniert und in welcher Weise er
die besten Leistungen für unsere Gesellschaften erbringen kann.
Über die Forschungsarbeiten und -ergebnisse der OECD wird
häufig in Zeitungen, im Fernsehen und in anderen Medien
berichtet. Seit einiger Zeit sind wir aber der Meinung, dass wir
unsere Analysen und Forschungsarbeiten einem breiteren
Publikum zugänglich machen sollten. Deshalb haben wir diese
neue Publikationsreihe OECD Insights gestartet.
Unser Ziel ist es, eine sachlich fundierte Debatte über einige der
großen Fragen in Gang zu bringen, die unsere Gesellschaften und
Volkswirtschaften heute berühren. All zu oft werden solche Debatten
sehr hitzig geführt, ohne Klarheit zu bringen. Um zu einem wirklich
konstruktiven Dialog zu gelangen, müssen wir über den Austausch
von Meinungen – so vehement wir sie auch vertreten mögen –
hinausgehen und unseren Blick auf Fakten und Zahlen richten.
Angesichts unserer langjährigen Forschungs- und Analysearbeiten
glauben wir, dass wenige Organisationen besser positioniert sind als
die OECD, um über diese Realitäten zu berichten.
Wir hoffen, dass diese neue Publikationsreihe dem Leser die
Informationen und Aufschlüsse liefert, die er zum Verständnis der
Veränderungen und Herausforderungen benötigt, die unsere
Volkswirtschaften, Gesellschaften und letztlich unser Leben in
Zukunft prägen werden.
Angel Gurría
OECD-Generalsekretär
4
.
Dank
Der Autor dankt den nachstehenden Personen für ihre Beratung
und Unterstützung:
Willem Adema, Andrea Bassanini, Gary S. Becker, John Bennett,
Annabel Boissonnade, Nick Bray, Tracey Burns, Alejandro
Camacho, Rory Clarke, Margot Cohen, Martine Durand, Juliet
Evans, Vincent Gallart, Tom Healy, Herwig Immervoll, Sue KendallBilicki, Kaisu Kärkkäinen, Mosahid Khan, Vladimir Lopez-Bassols,
Kate Lancaster, Janet Looney, Angus Maddison, John Martin,
Marco Mira d'Ercole, George Papadopolous, Vikrant Roberts,
Jean-Jacques Salomon, Tom Schuller, Raymond Torres, Spencer
Wilson, Gregory Wurzburg.
Anmerkung zur Währung
Sofern nicht anders angegeben, sind die Währungsangaben in
US-Dollar.
Dieser Bericht enthält ...
StatLinks2
Ein Service für OECD-Veröffentlichungen, der es
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Suchen Sie die StatLinks rechts unter den in diesem Bericht wiedergegebenen Tabellen oder
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den jeweiligen Link, beginnend mit http://dx.doi.org, in den Internetbrowser einzugeben.
Wenn Sie die elektronische PDF-Version online lesen, dann brauchen Sie nur den Link anzuklicken. Sie finden StatLinks in weiteren OECD-Publikationen.
5
.
INHALTSVERZEICHNIS
1. Investitionen in den Wandel
Zur Einleitung…
Vor welchen Herausforderungen stehen unsere Gesellschaften?
Wie reagieren unsere Gesellschaften?
Worum es in diesem Buch geht…
8
10
12
16
19
2. Der Wert des Menschen
Zur Einleitung…
Worin besteht der sich derzeit vollziehende Wandel
der Weltwirtschaft?
Was ist Humankapital?
Welches sind die Herausforderungen für das Lernen?
22
24
25
30
40
3. Erste Schritte
Zur Einleitung…
Vor welchen Herausforderungen stehen Kinder und Familien?
Wie kann der Staat Kindern und Familien helfen?
Welchen Nutzen bringt den Kindern die Vorschulbildung?
44
46
47
55
60
4. Schulbeginn
Zur Einleitung…
Lernen die Schülerinnen und Schüler, was sie brauchen?
Wie können wir die Bildung verbessern?
Wie kann die Reichweite der Bildung erhöht werden?
68
70
71
76
85
5. Für das Leben lernen
Zur Einleitung…
Wer braucht Weiterbildung?
Welche Hindernisse bestehen für die Weiterbildung?
Wie lassen sich Hindernisse beim Zugang zu Lernmöglichkeiten
abbauen?
90
92
93
98
100
6. Der breitere Rahmen
Zur Einleitung…
Ist Humankapital mehr als nur Bildung?
Was ist Sozialkapital?
Sind Human- und Sozialkapital miteinander verknüpft?
110
112
113
120
124
7. Messgrößen und Maßnahmen
Zur Einleitung…
Wie lassen sich Human- und Sozialkapital messen?
Lässt sich alles messen, worauf es ankommt?
Anstelle einer Schlussfolgerung
132
134
135
139
143
Weitere statistische Daten
149
Literaturverzeichnis
158
7
1
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Investitionen
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in den
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Wandel
OECD Insights: Humankapital
Zur Einleitung…
Der Pariser Vorort Villiers-le-Bel bietet an diesem kalten
Winternachmittag kein einladendes Bild. Anonyme Wohnblocks
reihen sich aneinander. An der Straßenecke ein Discountladen
– verlassen und leer. Jugendliche lungern in Gruppen am
Gemeindezentrum rum.
Erst vor wenigen Monaten hatten Jugendliche wie sie in den
Straßen Pariser Vororte randaliert. Bei den nächtlichen Krawallen,
die damals die Titelseiten der Zeitungen in aller Welt beherrschten,
waren Tausende von Autos in Flammen aufgegangen. In Frankreich
taten manche diese Ausschreitungen als sinnlose Gewaltakte ab.
Andere interpretierten sie als Wutschrei von Einwanderergruppen
gegen ihre jahrzehntelange wirtschaftliche und gesellschaftliche
Ausgrenzung.
Nichts als eine verblassende Erinnerung sind die Ausschreitungen
von damals an diesem trüben Nachmittag am Gemeindezentrum, wo
die Jugendlichen in dick gefütterten Jacken herumhängen und
Rapmusik hören. Im ersten Stock sitzen vier arbeitslose Frauen aus
dem Ort mit einem Arbeitsberater zusammen. Einige der Frauen sind
in Frankreich geboren, andere eingewandert, jede von ihnen hat
einen anderen ethnischen Hintergrund. Sie erörtern, was alles in den
Lebenslauf gehört und wie sie sich im Vorstellungsgespräch mit
einem potenziellen Arbeitgeber verhalten müssen, und dann diskutieren sie – manchmal recht hitzig – die Probleme, auf die sie bei der
Jobsuche stoßen.
Einige Frauen meinen, dass die Arbeitgeber sie nicht gern einstellen,
weil ihr Wohnort an eine einzige Bahnstrecke angebunden ist und sie
durch Zugverspätungen oder Streiks nicht zur Arbeit erscheinen könnten. Andere gehen eher davon aus, dass die Gründe tiefer sitzen und
ihren Ursprung in Vorurteilen und Diskriminierung haben. Aber alle
sind sich darin einig, dass mangelnde Bildung die Jobsuche wesentlich
behindern kann.
Linda, die in Frankreich in einer traditionell eingestellten nordafrikanischen Familie aufgewachsen ist, bedauert, dass sie die
Schule abbrechen musste. „Ich war eine Musterschülerin“, erklärt
sie, aber dann habe sie ihr Vater noch vor dem Abschluss von der
10
1. Investitionen in den Wandel
Schule genommen. „Er war der Ansicht, dass Frauen nicht arbeiten
sollten und stattdessen bis zu ihrer Heirat zu Hause zu bleiben
haben. Gemäß unserer Erziehung, unserer Kultur und unserer
Religion hat eine Frau die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind.“
Linda wurde verheiratet, noch bevor sie zwanzig war, aber die
Ehe ging auseinander, so dass sie ihre Kinder allein erziehen muss.
Das war für ihre Familie Anlass, ihre Ansichten zu überdenken.
„Letztlich hat mein Vater meine Scheidung akzeptiert. Nun versteht
er meine Situation und hat seine Sichtweise geändert. Inzwischen
drängt er mich sogar, mir eine Arbeit zu suchen.“ Aber „ohne
Lebenslauf, ohne Berufserfahrung, ohne Ausbildung“ ist das alles
andere als einfach. Nun hat sie sich an das französische Arbeitsamt
gewandt und hofft, dass man ihr dort einen Ausbildungsplatz
vermitteln kann. Aber sie weiß, dass es nicht leicht sein wird. „Eine
Garantie gibt es natürlich nicht“, räumt sie ein.
Den Frauen ist klar, dass sie einen Abschluss brauchen, um voranzukommen, eine bessere Arbeit zu finden und mehr zu verdienen. Diese Erkenntnis ist nicht gerade revolutionär. Weltweit reden
Eltern aller Gesellschaftsschichten auf ihre Sprösslinge ein, viel zu
lernen und gute Noten zu bekommen, in der Hoffnung, dass sich all
diese Anstrengungen eines Tages auszahlen.
Hinter diesem Ratschlag steht ein interessantes Konzept: In den
Jahren, in denen wir das Bildungssystem durchlaufen, wird eine Art
Kapital gebildet, das langfristige Erträge abwerfen kann, ähnlich den
Formen von Kapital, die uns geläufiger sind, wie Bankguthaben oder
Grundstücke. Diese Idee, der die politischen Entscheidungsträger
inzwischen einen hohen Stellenwert einräumen, kommt nicht mehr
nur im Bildungswesen zum Tragen. Auch eine gute Gesundheit ist als
eine Art Kapital zu betrachten, mit dem der Einzelne Erträge in Form
eines höheren Lebensarbeitseinkommens erzielen kann.
Selbst die Beziehungen und gemeinsamen Werte von Gesellschaften
können durchaus als eine Art von Kapital betrachtet werden, das es
den Menschen erleichtert, zusammenzuarbeiten und wirtschaftliche
Erfolge zu erzielen. Das Fehlen dieser Art von Kapital erklärt sicher
einige der Probleme, mit denen Orte wie Villiers-le-Bel konfrontiert
sind.
In diesem Buch geht es um eben diese Formen des Kapitals.
11
OECD Insights: Humankapital
X In Kapitel 1 werden zunächst einige wichtige weltweite Trends
– demografischer Wandel, Globalisierung und der Aufstieg der
Wissenswirtschaft – kurz umrissen, die das verstärkte Interesse an
diesen Konzepten des Kapitals begründen. Anschließend wird
betrachtet, wie sich diese Trends im täglichen Leben der Menschen
widerspiegeln und welche Herausforderungen sie mit sich bringen.
Abschließend werden die Arbeiten vorgestellt, mit denen die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(OECD) die Auswirkungen der globalen Veränderungen untersucht
und analysiert, und Möglichkeiten aufgezeigt, wie Gesellschaft und
Regierungen auf diese Veränderungen reagieren können.
Vor welchen Herausforderungen stehen unsere
Gesellschaften?
W
enn Sie diese Zeilen lesen, gibt es das japanische Dorf Ogama
vielleicht schon nicht mehr. Aus Besorgnis über die große Entfernung zu medizinischen Einrichtungen und Einrichtungen des täglichen Bedarfs wie Geschäften hat die alternde und zahlenmäßig
schrumpfende Dorfbevölkerung beschlossen, ihr Land an ein
Recycling-Unternehmen zu verkaufen. Beim Umzug in eine größere
Stadt werden die Dorfbewohner die Knochen ihrer Vorfahren und
ihren Dorfschrein mitnehmen.
Dass Ogama von der Landkarte verschwindet, ist z.T. auf den
Rückgang der Agrarwirtschaft in Japan zurückzuführen. Andererseits
liegt die Ursache aber auch in einem schwerwiegenderen Problem,
mit dem Japan und andere Industrieländer konfrontiert sind: Die
Bevölkerungen altern. Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Wir leben
länger und wir haben weniger Kinder. In den kommenden Jahren
wird dieser Trend in den Industrieländern fühlbare Auswirkungen
zeigen. Hier nur einige Zahlen:
h Zur Jahrtausendwende waren im OECD-Raum rd. 15% der
Bevölkerung älter als 65 Jahre; 2030 wird ihr Anteil bereits 25%
betragen.
12
1. Investitionen in den Wandel
h In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm die Bevölkerung im
Erwerbsalter um 76% zu; in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts
wird sie Projektionen zufolge nur noch um 4% steigen.
h Die Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur werden sich auf
das Wachstumspotenzial der Länder auswirken: In Europa dürfte
die potenzielle Jahreswachstumsrate derzeit bei 2,3% liegen;
2050 wird sie voraussichtlich nur noch 0,5% betragen.
Infolge dieser Entwicklungen wird das Wohlergehen der älteren
Generation bald von einer abnehmenden Zahl Erwerbstätiger abhängen. Daher werden voraussichtlich mehr von uns länger als bis zum
derzeitigen Rentenalter arbeiten müssen, da einfach keine jungen
Leute da sind, die die Arbeit erledigen. (In Japan ebenso wie in
einigen anderen Ländern ist die gesamte Bevölkerungszahl – nicht
nur die Zahl der Erwerbstätigen – rückläufig.)
„… Die Bevölkerungsalterung ist sowohl eine Herausforderung
als auch eine Chance. Sie wird die öffentlichen Ausgaben stärker
belasten und gleichzeitig das Wirtschaftswachstum dämpfen.
Aber sie wird uns allen auch die großartige Gelegenheit bieten,
mehr erfüllte Jahre im Beruf und im Ruhestand zu verbringen.“
Live Longer, Work Longer
Um länger arbeiten zu können, sind wir gezwungen, uns während
des gesamten Arbeitslebens ständig weiterzubilden, da sich die
Anforderungen der Arbeitswelt weiterentwickeln und sich das
Tempo des Wandels beschleunigt. Dieser Entwicklung liegen zwei
Hauptfaktoren zu Grunde – zum einen die voranschreitende Globalisierung und zum anderen die sich zunehmend durchsetzende
Wissenswirtschaft.
Globalisierung
Bei der Globalisierung handelt es sich um ein komplexes und kontroverses Phänomen, das eine breite Palette sozialer, politischer, kultureller und wirtschaftlicher Trends umfasst, sich im Kern aber so auf
den Punkt bringen lässt: Ländergrenzen haben nicht mehr dieselbe
Bedeutung wie bisher. Die Globalisierung macht sich in allen Bereichen bemerkbar – von der weltweit rasend schnellen Verbreitung von
Technologien bis zur zunehmenden Tendenz unter Studenten und
Wissenschaftlern, im Ausland zu studieren und zu arbeiten.
13
OECD Insights: Humankapital
Aus wirtschaftlicher Sicht bedeutet die Globalisierung, dass nationale Volkswirtschaften zunehmend miteinander verflochten und in
die Weltwirtschaft eingebunden sind. Zahlreiche internationale
Transaktionen haben die Handels- und Investitionstätigkeit zwischen
Ländern liberalisiert; für multinationale Unternehmen ist es ganz
normal, die Produktion in alle Welt zu verlagern, und der Waren- und
Dienstleistungsverkehr erfolgt mühelos über Ländergrenzen hinweg.
Die Verfechter der Globalisierung führen an, dass sie Wirtschaftswachstum bewirkt und die Handelsmöglichkeiten enorm ausgeweitet
hat. Allerdings hat die Globalisierung in gewisser Weise auch dazu
geführt, dass in Industrieländern das Verarbeitende Gewerbe sowie
geringqualifizierte Tätigkeiten und manche qualifizierten Arbeitsplätze zunehmend durch Länder wie China und Indien unter Druck
geraten, wo das Lohnniveau deutlich niedriger ist.
Anstieg der Importe
ANSTIEG DER IMPORTE
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Anteil der Waren- und Dienstleistungsimporte zur Deckung der Inlandsnachfrage Die Globalisierung geht
mit einem zunehmenden
internationalen Handel
1995
2004
einher, wobei die Öffnung
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der Grenzen für Importe
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dabei eine Rolle.
23
8 11
Ausgewählte OECD-Länder
Quelle: Die OECD in Zahlen und Fakten 2006.
14
Daten zu allen 30 OECD-Ländern sind
über den StatLink (siehe unten) abrufbar
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/425066253568
1. Investitionen in den Wandel
Wissenswirtschaft
Druck geht auch vom Aufkommen der sogenannten Wissenswirtschaft aus. In den Industrieländern gewinnt der Wert von Wissen und
Informationen in all ihren Formen mehr denn je an Bedeutung, wobei
dieser Trend durch den immer breiteren Einsatz von leistungsfähiger
Informationstechnologie zusätzlich verstärkt wird. Folglich steigt der
Wert der Geistes- gegenüber der Muskelarbeit, und die Einkommensschere zwischen hoch- und geringqualifizierten Arbeitskräften geht
weiter auseinander.
Dieser Unterschied nimmt seinen Anfang häufig bereits in der
frühen Kindheit. Selbst in Industrieländern ist eine gute Ausbildung
bei Kindern aus wirtschaftlich schlechter gestellten Familien weniger wahrscheinlich als bei Kindern aus wohlhabenderen Familien,
wodurch es für erstere dann auch im Erwachsenenalter viel schwerer
ist, mit den anderen mitzuhalten.
Instrumente für die Wissenswirtschaft
INSTRUMENTE FÜR DIE WISSENSWIRTSCHAFT
Investitionen in Forschung und Entwicklung,
Tertiärbildung und Software, in Prozent des BIP
1995
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3.9
5.0
3.5 3.7
Ausgewählte OECD-Länder
Quelle: Die OECD in Zahlen und Fakten 2006.
Investitionen in FuE,
Tertiärbildung und
Software weisen ein
beachtliches Ertragspotenzial auf.
Derartige
Investitionen
nehmen in den USA
und Japan schneller
zu als in den
meisten europäischen
Ländern.
Daten zu weiteren OECD-Ländern
sind über den StatLink (siehe unten)
abrufbar
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/554030183064
15
OECD Insights: Humankapital
Armut bedeutet nicht nur Geldmangel; Armut bedeutet vor allem
einen Mangel an Ressourcen wie Bildung, Gesundheit und nützlichen sozialen Kontakten, die eine Basis für wirtschaftlichen Erfolg
sind. Die Auswirkungen bleiben nicht auf Einzelpersonen
beschränkt. In zahlreichen OECD-Ländern wächst die Besorgnis über
die Entstehung gesellschaftlicher Randgruppen – Gemeinschaften
also, die mangels Verbindung zur Masse der Gesellschaft und auf
Grund eines relativ niedrigen Bildungsniveaus nicht in der Lage
sind, umfassend an der globalisierten Wissenswirtschaft teilzunehmen. Es besteht weitgehendes Einvernehmen darüber, dass diese
Ausgrenzung die Ursache für die Unruhen in den Pariser
Vororten 2005 war. Und Frankreich ist bei Weitem nicht das einzige
Land, in dem bestimmte Bevölkerungsgruppen von der Masse der
Gesellschaft ausgegrenzt sind. Viele Industrieländer suchen nach
Lösungen, um den sozialen Zusammenhalt zu gewährleisten, die
durch eine steigende Zahl von Randgruppen geprägt sind.
„Eine wachsende Zweiteilung zwischen der Elite und dem Rest
der Bevölkerung stellt den sozialen Zusammenhalt innerhalb
vieler Gesellschaften in Frage – einen Zusammenhalt, der das
Fundament stabiler Gesellschaften war und weiterhin ist.“
Jørgen Ørstrøm Møller in
Die kreative Gesellschaft des 21. Jahrhunderts
Wie reagieren unsere Gesellschaften?
Ökonomische Trends wie Globalisierung und Wissenswirtschaft
erwecken den Eindruck großflächiger, langsam ziehender Wettersysteme hoch oben in der Atmosphäre, die sich außerhalb unserer
Reichweite befinden. Sicherlich kann heute kein einzelnes Land
allein mehr die Form der weltwirtschaftlichen Entwicklung bestimmen, wenngleich natürlich einige mehr Einfluss haben als andere.
Was die Gesellschaften und Regierungen jedoch tun können – ja tun
müssen –, ist, auf die sich verändernden wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Gegebenheiten in einer Weise zu reagieren, die
die Interessen ihrer Bevölkerung am besten vertritt.
16
1. Investitionen in den Wandel
Politische Entscheidungen können die Entwicklung einer
Volkswirtschaft und das Leben ihrer Bevölkerung wesentlich beeinflussen. Um diesen Vorgang zu veranschaulichen, stellen wir uns
ein Kind namens Felix vor, das in einem typischen OECD-Land
aufwächst…
Jahre des Wirtschaftswachstums haben ausreichende Ressourcen
geschaffen, um angemessene Krankenhäuser zu bauen, so dass Felix
gute Chancen hat, gesund zur Welt zu kommen und die ersten
Lebenswochen zu überstehen. In vielen Regionen der Welt ist das
gar nicht so selbstverständlich: Nach Angaben der Hilfsorganisation
Save the Children sterben von den jährlich etwa 60 Millionen
Neugeborenen rd. 4 Millionen innerhalb des ersten Monats. Rund
99% dieser Todesfälle ereignen sich in Entwicklungsländern.
„Auch wenn Wirtschaftswachstum nicht das einzige Politikziel
darstellt, so schafft es dennoch die finanziellen Voraussetzungen
für die Überwindung von sozialer Ausgrenzung, Armut und
gesundheitlichen Beeinträchtigungen.“
Vom Wohlergehen der Nationen
Bereits wenige Monate nach Felix‘ Geburt stehen seine Eltern vor
dem ersten Problem. Seine Mutter muss sich entscheiden, ob sie
wieder arbeiten gehen will oder nicht. Einerseits befürchtet sie, dass
ihr Sohn in der Obhut eines Babysitters einen Entwicklungsrückstand
riskiert, andererseits würde sich ihre Erwerbstätigkeit positiv auf das
Familienbudget und ihre langfristigen Berufsaussichten auswirken.
Wie ihre Entscheidung letztlich ausfällt, wird in erheblichem Maße
von der staatlichen Politik abhängen. In einigen OECD-Ländern sind
die Regierungen bereit, Mütter zu unterstützen, damit sie zu Hause
bleiben können; in anderen wird der Schwerpunkt hingegen auf den
Abbau der Familienarmut gelegt, und die Mütter werden daher ermutigt, wieder arbeiten zu gehen. Somit ist Felix – schon Jahre, bevor er
überhaupt wahlberechtigt ist – bereits sozialen Trends und staatlichen Politiken ausgesetzt, die sein Leben grundlegend beeinflussen.
17
OECD Insights: Humankapital
Dieser Einfluss setzt sich auch beim nächsten großen Meilenstein
in seinem Leben – nämlich der Schule – fort. Die Bildungssysteme
weisen in ihrer Wirksamkeit große Unterschiede auf, und die Faktoren, die auf sie einwirken, können so fest in der Gesellschaft verankert sein, dass die Schwachstellen der Schulen gar nicht mehr
auffallen. So haben in einigen Schulsystemen Kinder aus ärmeren
Verhältnissen Schwierigkeiten, gute Ergebnisse zu erzielen, während in anderen der soziale Hintergrund dagegen weniger ins
Gewicht fällt. Durch den internationalen Leistungsvergleich von
Schulsystemen werden diese Unterschiede u.U. eher sichtbar, und
die Länder können entsprechend darauf reagieren.
Falls Felix aus einer weniger begüterten Familie stammt, wird er es
über seine gesamte Schulzeit hinweg wahrscheinlich recht schwer
haben, sein Potenzial zu entwickeln. Er wird möglicherweise versuchen, die Schule so bald wie möglich zu verlassen und eine Arbeit zu
finden, wobei seine Optionen auf Grund mangelnder Kompetenzen
und Ausbildung ziemlich begrenzt sein werden, zumal Arbeitsplätze
in der Produktion weiterhin in weniger entwickelte Länder verlagert
werden.
Angenommen, Felix findet eine Arbeit und hätte die Möglichkeit,
an einer Erwachsenenbildung teilzunehmen, aber sein Arbeitgeber
hat kein Interesse daran, Geld für die Schulung eines leicht zu
ersetzenden Arbeitnehmers mit niedrigem Ausbildungsniveau auszugeben. Dann kann Felix nur darauf hoffen, dass der Staat die
Kosten für seine Erwachsenenbildung übernimmt. Wenn nicht,
dann besteht das Risiko, dass er bei seinen Versuchen, jemals ein
akzeptables Einkommen zu verdienen, immer weiter ins Hintertreffen gerät.
„In der Wissensgesellschaft ist der Zugang zu Möglichkeiten der
Aneignung benötigter Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen
für sozialen Fortschritt und Wirtschaftswachstum unerlässlich.“
Co-financing Lifelong Learning
18
1. Investitionen in den Wandel
Worum es in diesem Buch geht…
Was können Staat und Gesellschaft für jemanden wie Felix im
Laufe seines Lebens tun, damit er sein Potenzial entfalten kann?
Diese Art von Fragen gehört zu denen, auf die die OECD jeden Tag
Antworten sucht. Die Organisation vereint 30 der weltweit führenden Marktdemokratien; sie erstellt Analysen und liefert Einblicke
zu wichtigen politischen Themen, die das Leben der Menschen
unmittelbar beeinflussen. Das vorliegende Buch basiert auf diesen
Arbeiten, um einen Eindruck davon zu vermitteln, inwiefern das
Konzept des Humankapitals als Lösungsansatz für wichtige wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen dienen kann.
Verständlicherweise kann eine Veröffentlichung dieses Umfangs
lediglich eine kurze Einführung in die Hauptthemen und die umfassende Forschungs- und Analysetätigkeit der OECD liefern. Um einen
Eindruck von dieser Arbeit zu vermitteln, enthält das Buch auch
Abbildungen und Diagramme aus einer Reihe von OECDVeröffentlichungen sowie direkte Zitate aus ihren Texten. In einem
Abschnitt am Ende jedes Kapitels werden OECD-Veröffentlichungen
zur weiterführenden Lektüre vorgeschlagen.
Was ist in dem Buch enthalten?
In Kapitel 2 wird erklärt, worum es bei dem Begriff Humankapital
geht, und es wird untersucht, warum Wissen und Informationstechnologien für das Wirtschaftswachstum weltweit immer mehr an
Bedeutung gewinnen.
In Kapitel 3 wird untersucht, warum die ersten Lebensjahre so
wichtig sind und wie die Familienpolitik wesentlichen Einfluss
darauf nehmen kann, wie die Kinder betreut werden.
In Kapitel 4 werden die Schuljahre und die Faktoren untersucht,
durch die einige Bildungssysteme effizienter funktionieren als
andere.
19
OECD Insights: Humankapital
In Kapitel 5 geht es um das Lernen außerhalb der formalen Bildung: Da sich die Volkswirtschaften wandeln und die Menschen
länger arbeiten, wird die ständige Fort- und Weiterbildung immer
mehr an Bedeutung gewinnen.
In Kapitel 6 wird eine breitere Palette von Elementen erörtert, die
für den Erwerb des Lebensunterhalts wichtig sind, wie eine gute
Gesundheit. Ferner werden die Zusammenhänge zwischen sozialen
Beziehungen und Bildung untersucht.
Abschließend zeigt Kapitel 7 Möglichkeiten auf, wie bestimmte
Größen, so z.B. die Bildungsniveaus einer Gesellschaft, gemessen
werden können, und es werden einige Schlussfolgerungen gezogen.
20
1. Investitionen in den Wandel
Was ist die OECD?
Die Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist
ein Forum, in dem 30 Marktdemokratien
gemeinsam daran arbeiten, in der
zunehmend globalisierten Welt Herausforderungen in den Bereichen Wirtschaft,
Gesellschaft und Governance zu begegnen.
Auf diese 30 Volkswirtschaften entfallen
insgesamt 75% des Welthandels.
Die OECD geht auf den Marshallplan zurück,
mit dessen Hilfe Europa nach dem Zweiten
Weltkrieg wieder aufgebaut wurde. Das Ziel
war es damals, ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu fördern, Arbeitsplätze
zu schaffen und den Lebensstandard der
Bevölkerung anzuheben. An diesen
Hauptzielen hält die OECD auch heute
unverändert fest. Die Organisation setzt sich
für die Förderung eines soliden Wirtschaftswachstums in ihren Mitgliedstaaten ebenso
wie in den Entwicklungsländern sowie für die
Entwicklung eines diskriminierungsfreien
Welthandels ein. Mit diesen Zielen vor
Augen hat die OECD einen engen Kontakt zu
zahlreichen aufstrebenden Volkswirtschaften in aller Welt aufgebaut.
Die OECD stellt vor allem umfassendes
Zahlenmaterial zur Verfügung. Damit gehört
sie zu den weltweit wichtigsten Quellen für
vergleichbare Daten zu einer breiten
Themenpalette, die von Wirtschaftsindikatoren bis zu Bildung und Gesundheit
reicht. Diese Daten spielen für die
Mitgliedsländer beim Vergleich ihrer
Erfahrungen mit Politikmaßnahmen eine
Schlüsselrolle. Darüber hinaus erstellt die
OECD Leitlinien, Empfehlungen und Modelle
für die internationale Zusammenarbeit
in Bereichen wie Besteuerung sowie zu
technischen Fragen, die für den Fortschritt
der Länder in einer globalisierten Wirtschaft
von grundlegender Bedeutung sind.
www.oecd.org.
OECD-Mitgliedsländer
21
2
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Der
Wert
EFT
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des
.FOTDIFO
Menschen
*OEFSHMPCBMFOXJTTFOTCBTJFSUFO8JSUTDIBGULPNNUEFO,PNQFUFO[FO
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OECD Insights: Humankapital
Zur Einleitung…
Wir sind in Indien, wo für Vikrant Roberts ein neuer Arbeitstag
bei SAP, einem internationalen Software-Unternehmen mit einer
Niederlassung in Bangalore beginnt. Nach Aussage des 28-jährigen
Software-Ingenieurs ist Bangalore Indiens Hochtechnologiezentrum, eine Stadt, die sich zusehends verändert. „Bangalore war früher so etwas wie eine typische Kleinstadt. Man konnte schöne
ausgedehnte Spaziergänge unternehmen, es war ruhig. Inzwischen
ist die Stadt zusehends überbevölkert, und der Verkehr ist ein einziges Chaos.“
Es gehört zu Vikrants Berufsalltag, telefonisch mit Kunden in
Deutschland, im Vereinigten Königreich oder in den Vereinigten
Staaten zu arbeiten. Zuweilen genügt schon ein einziges Telefongespräch, es kann aber auch ein aktiveres Eingreifen erforderlich sein.
„Um ein Problem im System des Kunden zu beheben, brauche ich
nur seine Zustimmung, mich dort einzuloggen“, erklärt er. Entfernungen spielen keine Rolle, ob sich der Server des Kunden nun in
New York befindet oder in Neu Delhi, ist für Vikrant belanglos.
Bangalore ist Sitz einer unaufhörlich wachsenden Zahl internationaler und indischer Software- und InformationstechnologieUnternehmen, die junge gebildete Inder wie Vikrant beschäftigen.
Manchen Prognosen zufolge soll Bangalore in ein paar Jahren sogar
den Platz des kalifornischen Silicon Valley einnehmen. Vikrant ist
da vorsichtiger: „Indien hat da noch einiges aufzuholen“, sagt er.
Ob er in dieser Hinsicht Recht hat oder nicht, sei dahingestellt,
doch besteht kein Zweifel daran, dass die Wirtschaft Indiens und
anderer Entwicklungsländer rasch expandiert und diese Länder das
Potenzial besitzen, die Weltwirtschaft von Grund auf neu zu gestalten. Einer bekannten Prognose der US-amerikanischen Brokerfirma
Goldman Sachs zufolge werden Brasilien, Russland, Indien und
China – die „BRIC-Länder“ – im Jahr 2050 mit den Vereinigten Staaten und Japan zu den sechs größten Volkswirtschaften der Welt
gehören. Ob diese Prognose stimmt, wird sich erst im Laufe der Zeit
zeigen. Nicht zu leugnen ist jedoch, dass sich die Weltwirtschaft
verändert, wie dies immer schon der Fall war und auch künftig sein
wird.
24
2. Der Wert des Menschen
X Eine der wichtigsten Tendenzen dieser jüngsten Phase des
Wandels der Weltwirtschaft ist der Aufstieg der wissensbasierten
Wirtschaft, und dieses Thema bildet den ersten Schwerpunkt des
vorliegenden Kapitels. Anschließend wird untersucht, wie infolge
des wirtschaftlichen Wandels der Gedanke aufkam, in den Menschen zu investieren, und dann schließlich die Frage gestellt, welche Implikationen dies in Bezug auf die Bildung sowie die Art und
Weise hat, wie die Menschen ihr ganzes Leben lang lernen.
Worin besteht der sich derzeit vollziehende
Wandel der Weltwirtschaft?
F
rüher einmal war wirtschaftliche Leistungsstärke im Wesentlichen von ganz konkreten materiellen Gütern abhängig: ein besserer
Pflug, ein schnelleres Spinnrad, ein stärkerer Traktor. Die konkrete
Form, die diese Güter hatten, spielte effektiv eine wichtige Rolle,
d.h. ein Pflug war zum Pflügen da, ein Spinnrad zum Spinnen, und
das war alles.
Heutzutage kommt Wachstum in erster Linie nicht durch materielle Gegenstände, sondern durch etwas relativ Immaterielles
zustande, nämlich durch Informationen. Und dabei spielt es kaum
eine Rolle, welche Form diese Informationen haben, d.h. ob sie sich
auf einer Festplatte oder einem iPod befinden oder ob sie per Satellit
übertragen werden. Immer bestehen sie nur aus Einsen und Nullen.
Neue Technologien „verändern die Wirtschaftstätigkeit,
wie Dampfmaschine, Eisenbahn und Elektrizität in der
Vergangenheit.“
The New Economy: Beyond the Hype
Ebenso war der Standort eines Produktionsfaktors – sei es Manchester, Detroit oder Yokohama – einmal ausschlaggebend für den
Erfolg. Eine Fabrik musste am richtigen Ort stehen, der durch
Schiffe oder Schienenfahrzeuge erreichbar war und in der Nähe von
Naturressourcen wie z.B. Kohle lag. Der Standort verliert heute
immer mehr an Bedeutung. Soweit Menschen da sind, die die
25
OECD Insights: Humankapital
Informationen nutzen können, und die Verbindungen gut sind,
spielt es kaum eine Rolle, ob sich diese Menschen in Boston, Beijing
oder Bangalore befinden.
Doch übertreiben wir nicht, denn natürlich ist die Industrie, wie
immer schon, noch auf Rohstoffe wie Eisen, Baumwolle und Öl
angewiesen. Und ein Bauer muss auch heute noch Saatgut ausbringen. Industrie und Landwirtschaft werden noch lange nicht verschwinden, denn angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und
des Entstehens einer neuen Mittelschicht in China und Indien
nimmt die Nachfrage nach den Erzeugnissen dieser Sektoren eher
zu, als dass sie sich verringert.
Auch Informationen sind an sich nichts Neues. Schon zu der Zeit,
als noch die Dinosaurier auf der Erde lebten, benutzten Insekten wie
die Bienen raffinierte Tänze, um Informationen über die Orte auszutauschen, an denen sich nektarreiche Pflanzen befanden. In prähistorischer Zeit kommunizierten unsere Vorfahren durch Schreie und
Gesten – tauschten also Informationen aus –, um Tiere zu jagen, die
größer und schneller waren als jeder Mensch. Und lange bevor es den
Siliziumchip gab, entstanden durch den Verkauf von Informationen
Alles über IT
ALLES ÜBER IT Exporte von Produkten
der Informationstechnologie (IT) aus den
Hauptfertigungsregionen
1995
2004 Mrd. US-Dollar
ina
Ch
A
*
US
180
15
149
Ja
139
124
73
n
pa
EU
124
103
19
* Die 15 EU-Mitgliedsländer im Jahr 2004
Quelle: OECD ITS Database.
26
China hat die Vereinigten
Staaten überholt und ist
nunmehr der weltweit
größte Exporteur von
IT-Produkten (Computer,
Router usw.), was zum
Entstehen der neuen
wissensbasierten
Wirtschaft beiträgt.
2. Der Wert des Menschen
Vermögen: 1865 wurde von John Julius Reuter die Nachricht der
Ermordung Präsident Lincolns verbreitet, wodurch seine neugegründete Nachrichtenagentur für jeden ein Begriff wurde.
Worin sich die Informationen heute unterscheiden, ist ihre
schiere Menge, ihre Allgegenwärtigkeit und die Geschwindigkeit,
mit der sie übermittelt und verarbeitet werden können. Schnelle
Verbesserungen der Rechenleistung von Computern und der Kommunikationstechnologien, wie das Internet, machen den Umgang
mit Daten und deren Verarbeitung ständig billiger. Das Mooresche
Gesetz, dem zufolge sich die Anzahl der Transistoren auf einem
Siliziumchip (und damit die Rechnerleistung) alle 18-24 Monate
verdoppelt, hat sich im Wesentlichen seit nunmehr über 40 Jahren
bewahrheitet. Das bedeutet, dass Computer heute immer schneller
werden und immer mehr Informationen enthalten können. Auch
die Übertragungsgeschwindigkeiten im Internet haben sich seit der
Zeit, wo es noch ganz normal war, 1-2 Minuten zu warten, bis sich
eine aufgerufene Seite ganz allmählich auf dem Bildschirm aufgebaut hatte, rapide erhöht.
„Der Wert von Wissen … ist unaufhörlich gestiegen. Wissen
unterscheidet sich ganz wesentlich von anderen Formen des
Kapitals. Je mehr von ihm vorhanden ist, desto leichter und
kostengünstiger lässt es sich erweitern, wodurch wiederum
besonders lukrative Erträge entstehen.“
David Bloom,
Die kreative Gesellschaft des 21. Jahrhunderts
Ein weiterer Unterschied ist, dass auf Informationen basierende
Aktivitäten für die Volkswirtschaften wie auch für die einzelnen
Unternehmen eine immer wichtigere Rolle spielen. Verbesserungen
der Informationstechnologien machen sich heute in allen Bereichen
der Wirtschaftstätigkeit bemerkbar, vom Lagerbestandsmanagement
bis hin zur Absatzbeobachtung. Die allgemeine Verbreitung der Informationstechnologie spiegelt sich in den Unternehmensbilanzen
wider. Manchen Schätzungen zufolge entfällt auf die traditionellen
Aktiva – vor allem die materiellen Produktionsfaktoren eines Unternehmens, die sich im Falle der Insolvenz veräußern lassen – heute
nur noch ein Fünftel des Werts der amerikanischen Unternehmen.
Der Rest verteilt sich überwiegend auf immaterielle Werte wie
Wissen und Informationen.
27
OECD Insights: Humankapital
Die wissensbasierte Wirtschaft verändert nicht nur die bereits
existierenden Wirtschaftsaktivitäten, sie lässt auch neue entstehen.
Man denke nur an Textalarm-SMS an Mobiltelefone oder Suchmaschinen wie Google, ein Unternehmen, dessen Umsatz in nur
vier Jahren um das 17-Fache gestiegen ist (auf 1,5 Mrd. US-$ im
Jahr 2005). Und dann gibt es auch eher obskure neue Geschäftsaktivitäten: In China verbringen als „Goldfarmer“ bezeichnete junge Leute
ihre Zeit mit Videospielen, um virtuelle Goldstücke zu gewinnen, die
Spieler normalerweise benutzen, um andere virtuelle Objekte wie
Waffen und Festungen zu „kaufen“. Die „Goldfarmer“ behalten dieses virtuelle Gold indessen nicht für sich, sondern verkaufen es für
richtiges Geld an Spieler im Westen, die selbst weniger Ausdauer
haben und sich den Erfolg in den Videospielen auf diese Weise
„erkaufen“.
All diese Aktivitäten sind mit dem Verkauf oder Austausch von
Wissen und Informationen verbunden, wofür es leistungsstarker
Computer und Anschlüsse bedarf. Noch wichtiger sind jedoch
Menschen, die über die entsprechenden Qualifikationen und
Kenntnisse verfügen und dafür sorgen, dass hierdurch Wirtschaftswachstum entsteht.
Wer tut was?
WER TUT WAS?
Prozentsatz der Beschäftigten in den Sektoren
Dienstleistungen, Industrie und Landwirtschaft im
OECD-Raum
1994
2004
Dienstleistungen
%
63
Industrie
Land-,
Fischerei- und
Forstwirtschaft
69
28
25
9
6
Zahlen gerundet
Quelle: OECD in Figures.
28
Die OECD-Länder
erleben derzeit eine
Verlagerung von
Arbeitsplätzen aus
traditionellen Wirtschaftssektoren wie
dem Verarbeitenden
Gewerbe hin zu
Branchen, die keine
materiellen Produkte
herstellen, wie viele
Dienstleistungsbereiche
und die wissensbasierte
Wirtschaft.
Daten zu allen 30 OECD-Ländern
sind über den StatLink (siehe
unten) abrufbar
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/808800743257
2. Der Wert des Menschen
Die Elemente des Wachstums
Warum wächst eine Volkswirtschaft? Diese Frage haben sich viele
wahrscheinlich noch nie gestellt, denn wir haben zwar alle schon
wiederkehrende Phasen der Rezession oder der Konjunkturabschwächung erlebt, doch gibt es in den Industrieländern kaum
jemanden, der eine Zeit gekannt hat, in der die Wirtschaft langfristig
nicht gewachsen ist. Auf unser eigenes Leben bezogen bedeutet
dies, dass die meisten unter uns heute mehr verdienen als zuvor
unsere Eltern und dass wir davon ausgehen, dass unsere Kinder
einmal mehr verdienen werden als wir. So hat es zuweilen den
Anschein, als sei Wirtschaftswachstum unaufhaltsam, wenn auch
etwas rätselhaft.
Dennoch gibt es keine Gesetzmäßigkeit, der zufolge eine Volkswirtschaft zwangsläufig wächst. Es kann ein Stillstand eintreten, oder gar
eine Kontraktion, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern kann. In
jüngster Zeit war das Wachstumstempo von Land zu Land und von
einem Jahrzehnt zum anderen sehr unterschiedlich. In einem Zeitraum
von etwa dreißig Jahren nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat Westeuropa den wirtschaftlichen Abstand zu den Vereinigten Staaten nahezu
völlig aufgeholt. Dieser Prozess kam Anfang der 1980er Jahre zum
Stillstand, als Europa begann, wieder hinter die Vereinigten Staaten
zurückzufallen. Heutzutage wächst die chinesische Wirtschaft mit
rasanter Geschwindigkeit um etwa 8% pro Jahr. Es bestehen jedoch
enorme Unterschiede zwischen dem Wirtschaftswachstum der modernen dynamischen Großstädte an der Küste und dem der staubigen
entlegenen Städte im Westen Chinas.
Wie kommt das? Warum wachsen einige Volkswirtschaften schneller als andere? Dies ist eine Kernfrage der Wirtschaftswissenschaft,
und der Wirtschaftswissenschaft kommt daher im modernen Leben
eine zentrale Rolle zu. Wollen nicht die meisten unter uns, dass sich
der Wohlstand unserer Länder und somit auch der eigene Wohlstand
erhöht, sei es nun auf Grund der menschlichen Gier nach materiellen
Gütern oder unseres Strebens nach einer besseren Welt, mit guten
Schulen und Krankenhäusern für alle.
29
OECD Insights: Humankapital
Was ist Humankapital?
Um zu verstehen, warum Volkswirtschaften wachsen, muss
zunächst einmal die Frage beantwortet werden, wie Wirtschaftstätigkeit überhaupt zustande kommt. Viele Ökonomen waren seit jeher der
Auffassung, dass hierzu „vier Produktionsfaktoren“ erforderlich sind.
Der erste ist der Boden, was auf der Hand liegt, denn wo sollte ohne
ihn Ackerbau betrieben oder das Fundament für den Bau einer Fabrikanlage oder eines landwirtschaftlichen Betriebs gelegt werden. Die
Notwendigkeit des zweiten Produktionsfaktors – Arbeit bzw. Arbeitskräfte – ist ebenfalls offenkundig. An dritter Stelle kommt das Kapital,
das sind die Aktiva, im Allgemeinen in Form von Geld, das nötig ist,
um eine Fabrikanlage zu errichten und sie mit Maschinen auszustatten. Der vierte Faktor ist das, was der Wirtschaftswissenschaftler John
Maynard Keynes mit dem Begriff „animal spirits“ bezeichnete, mit
anderen Worten, die unternehmerische Initiative, die aus einem Stück
unfruchtbaren Bodens eine Fabrik entstehen lässt.
Doch zurück zum zweiten Produktionsfaktor, der Arbeit. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wurden Arbeitskräfte von den Ökonomen ursprünglich als eine einzige Masse betrachtet, da es ihrer
Auffassung zufolge relativ unwichtig war, über welche Kenntnisse
und Fähigkeiten sie verfügten, wenn sie nur bereit und in der Lage
waren, eine körperliche Arbeit zu verrichten. Ein Ökonom, der
anders hierüber dachte, war im 18. Jahrhundert der Schotte Adam
Smith. Er war davon überzeugt, dass die Wirtschaftstätigkeit nicht
durch die kollektive Masse der Arbeiter zustande kommt, sondern
durch „die erworbenen und nutzbaren Fähigkeiten aller Einwohner
oder Mitglieder der Gesellschaft“. Um diese Kompetenzen und
Fähigkeiten zu erwerben, fügte Smith hinzu, habe der Einzelne zwar
einen Preis zu zahlen, doch sei dieser einmal gezahlt, bildeten sie
„sozusagen ein in seiner Person fest angelegtes realisiertes Kapital“.
Smiths Schriften haben auf die Welt, in der wir heute leben, noch
immer Einfluss. (Sein Plädoyer für den freien Handel macht ihn zum
Buhmann der Globalisierungsgegner. Die Ironie des Schicksals wollte
indessen, dass der ansehnliche Lebensunterhalt, den er verdiente,
ausgerechnet aus den Zolleinnahmen des britischen Schatzamts
stammte.) Bis sich die von ihm vertretene Auffassung durchsetzen
konnte, dass die individuellen Fähigkeiten der Arbeiter eine Art
30
2. Der Wert des Menschen
Wachstumspfad
WACHSTUMSPFAD
Jahresdurchschnittliches BIP-Wachstum in den OECD-Ländern
und anderen Volkswirtschaften
Schweiz
Japan
Italien
Deutschland
Portugal
Belgien
Frankreich
Tschech. Republik
Österreich
Dänemark
Schweden
Niederlande
Südafrika
OECD insgesamt
Brasilien
Finnland
Ungarn
Ver. Königreich
Mexiko
Spanien
Griechenland
Island
Kanada
Norwegen
Ver. Staaten
Neuseeland
Russ. Föderation
Türkei
Australien
Slowak. Republik
Polen
Luxemburg
Korea
Indien
Irland
China
OECD-Land
Nicht-OECD-Land
1991-2004
1.1
1.1
1.4
1.4
1.9
2.0
2.0
2.1
2.1
2.2
2.2
2.3
2.4
2.5
2.6
2.7
2.8
2.8
2.8
2.9
2.9
3.0
3.2
3.2
3.3
3.5
3.6
3.8
3.8
4.2
4.3
4.4
5.4
6.2
7.0
9.8
2%
4%
6%
8%
10 %
Seit Mitte der 1990er Jahre weichen die Wachstumsraten im OECD-Raum
voneinander ab, wobei die Vereinigten Staaten an den meisten anderen
Mitgliedsländern vorbeigezogen sind. Natürlich gab es auch Ausnahmen, wie
beispielsweise Korea und vor allem Irland. Aber selbst diese Länder wurden von
China übertroffen, das allerdings von einem wesentlich niedrigeren wirtschaftlichen
Niveau ausgeht. Ob es China gelingen wird, sein stürmisches Wachstum in den
kommenden Jahren aufrechtzuhalten, bleibt abzuwarten, es steht jedoch außer
Zweifel, dass Länder wie China, Indien und die Russische Föderation der
Weltwirtschaft eine neue Prägung geben.
Daten im Excel-Format sind über den StatLink (siehe unten) abrufbar
Quelle: Die OECD in Zahlen und Fakten 2006.
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/511708367123
31
OECD Insights: Humankapital
Kapital darstellten – d.h. einen Produktionsfaktor, der wie ein Spinnrad oder eine Getreidemühle, einen Ertrag erbringen konnte –, sollte
jedoch noch viel Zeit vergehen. Obwohl seine Theorie Anfang des 20.
Jahrhunderts mehrmals wieder auflebte, begannen die Ökonomen
erst in den 1960er Jahren, Konzepte dieser Art systematisch in ihre
Arbeiten aufzunehmen.
Wie ist Wachstum zu erklären?
Der Grund hierfür war die Tatsache, dass sie nach einer Antwort auf
die eingangs gestellte Frage suchten: Warum wächst eine Volkswirtschaft? Von Smith beeinflusste klassische Wirtschaftswissenschaftler
waren der Auffassung, die Antwort hierauf sei die „unsichtbare
Hand“. Smith zufolge benutzen aus Eigeninteresse handelnde Akteure
an einem freien Markt Produktionsfaktoren sowie Güter und Dienstleistungen auf eine Art und Weise, die für jeden den größtmöglichen
Ertrag erbringt. Auf eine Volkswirtschaft bezogen, wirkt das Bestreben
all dieser Individuen zusammengenommen wie eine unsichtbare
Hand, die die wirtschaftlichen Ressourcen ihrer produktivsten
Verwendung zuführt.
Moderne Ökonomen, wie Robert Solow in den 1950er Jahren,
lieferten mit ihren „Wirtschaftsmodellen“ zum Thema Wachstum
weiter ausgearbeitete, wenn auch weniger Aufsehen erregende
Ansätze, um die Beziehungen zwischen den einzelnen Wachstumsfaktoren – z.B. zwischen Arbeit und materiellem Kapital – zu erklären. Den Auswirkungen, die ein unterschiedliches Bildungsniveau
oder die Qualität des Produktionsfaktors Arbeit auf das Wirtschaftswachstum haben, trugen diese Modelle anfangs kaum Rechnung.
Dies änderte sich jedoch mit der Zeit, und seit Anfang der 1960er
Jahre hat sich in einer entscheidenden Frage der Wachstumstheorie
eine einheitliche Auffassung durchgesetzt, nämlich dass dem Faktor Mensch – d.h. seinen Fähigkeiten, seinem Wissen und seinen
Kompetenzen – oder mit einem Wort dem Humankapital in Bezug
auf das Wirtschaftswachstum eine hohe Bedeutung zukommt.
Wie viele andere einflussreiche Konzepte ist auch der Begriff des
Humankapitals nicht allein einem bestimmten Urheber zuzuschreiben. Einer der ersten Vertreter dieser Theorie war jedoch der amerikanische Ökonom Theodore Schultz. In einem 1961 erschienenen
Papier stellte er fest, „Wirtschaftswissenschaftler wissen seit langem, dass beim Entstehen des Reichtums der Nationen Menschen
32
2. Der Wert des Menschen
eine wichtige Rolle spielen“. Niemand konnte dies bestreiten,
schließlich haben die Ökonomen Arbeit schon immer den Faktoren
zugerechnet, die zum Entstehen der gesamtwirtschaftlichen Produktion beitragen.
Was Wirtschaftswissenschaftler weniger bereitwillig anerkennen
wollten, war Schultz zufolge die Tatsache, dass Menschen ganz
bewusst in sich selbst investieren, um ihren eigenen individuellen
ökonomischen Ertrag zu erhöhen. Jemand, der Medizin studiert, tut
dies nicht nur, um Menschen zu heilen, sondern auch, weil ein Arzt
mehr verdient als ein Straßenfeger, und wenn eine Managerin oder
ein Manager an einer Schulung teilnimmt, bei der sie/er sich mit
einem neuen Lagerverwaltungssystem vertraut macht, tut sie/er
dies nicht nur, um ihre/seine Kenntnisse auf den neuesten Stand zu
bringen, sondern zugleich auch, um befördert zu werden und eine
Gehaltserhöhung zu bekommen.
Humankapital bedeutet nach der OECD-Definition Wissen,
Qualifikationen, Kompetenzen und sonstige Eigenschaften, die dem
Einzelnen eigen sind und es ihm ermöglichen, persönliches, soziales und
wirtschaftliches Wohlergehen zu erzeugen.
Diese Beispiele sind zwar nicht von Schultz, dafür aber das Konzept,
das ihnen zu Grunde liegt und dem zufolge namentlich die Mittel, die
Menschen in sich selbst investieren – in den meisten Fällen indem sie
ihr Bildungsniveau verbessern –, eine wirkliche Steigerung ihres
persönlichen Einkommens und Wohlergehens bringen. Darüber hinaus kann Schultz zufolge in einem Wirtschaftssystem eine Beziehung
zwischen der Qualität des Humankapitals – Bildungsniveau, Gesundheitsstandards – und dem Wachstum bestehen. Die Aussage von Smith
und anderen Ökonomen war im Wesentlichen folgende: Ohne eine gut
ausgebildete Erwerbsbevölkerung kann eine moderne Volkswirtschaft
nicht wachsen.
33
OECD Insights: Humankapital
Anhebung des Bildungsniveaus
Das Humankapital – die Qualität der Erwerbsbevölkerung – ist
nur einer der für das Wirtschaftswachstum ausschlaggebenden
Faktoren. Zwischen Ländern mit in etwa gleichem Bildungsniveau
der Erwerbsbevölkerung können zuweilen große Unterschiede in
Bezug auf das Wachstumstempo bestehen. Weitere mögliche Einflussfaktoren sind beispielsweise die Demografie (insbesondere die
Relation jüngere/ältere Menschen in der Bevölkerung), die technologische Innovation, der Öffnungsgrad gegenüber dem Außenhandel sowie der Zustand der politischen und rechtlichen Systeme.
Das Humankapital hat indessen für das Wirtschaftswachstum
durchaus eine hohe Bedeutung, was sich bis ins 19. Jahrhundert
bzw. bis zum Aufkommen der Massenbildung zurückverfolgen
lässt. Wie die meisten Beziehungen ist auch diese nicht unmittelbar
zu erkennen. Vielmehr spielt hier seit jeher eine Art von Effekt
„kommunizierender Röhren“ eine Rolle: Durch Bildung entsteht
eine Erwerbsbevölkerung, die in der Lage ist, komplexere und besser bezahlte Tätigkeiten auszuüben. Zugleich stellt das Vorhandensein dieser Tätigkeiten für die Schülerinnen und Schüler insofern
einen Anreiz dar, den Schulbesuch länger fortzusetzen, als sie am
Ende eine Beschäftigung ausüben werden, die sie für die längere
Schulzeit, in der sie kein Geld verdienten, entschädigt.
„Gehen von der Bildung Impulse auf das Wachstum aus oder
schafft das Wachstum Anreize für den Einzelnen, mehr
Bildung zu „konsumieren“? In der Praxis dürfte der kausale
Zusammenhang in beide Richtungen gehen.“
Bildung auf einen Blick 2005
34
2. Der Wert des Menschen
STANDPUNKT
Gary Becker
Das Konzept des Humankapitals ist seit seinen
Anfängen umstritten. Theodore Schultz, der in
diesem Bereich Pionierarbeit leistete, erkannte
diese Tatsache Anfang der 1960er Jahre mit
folgenden Worten an: „Unsere Wertvorstellungen und Überzeugungen hindern uns daran,
Menschen als Investitionsgüter zu betrachten,
es sei denn, es handelt sich um Sklaven, und
das Sklaventum stößt bei uns auf Abscheu.“
Auch fast 50 Jahre später wird das Humankapitalkonzept noch nicht allerorts mit
Sympathie aufgenommen. Erstens, so meinen
Kritiker, bedeute die Gleichstellung von Bildung
und Gesundheit mit einer Form von „Kapital“,
dass sich die Wirtschaftswissenschaft
unaufgefordert mit Fragen befasst, die ihres
Erachtens sozialer Art sind. Und zweitens stellt
sich die Frage des Kausalzusammenhangs:
Erhöht eine Ausweitung der Bildung den
Wohlstand der Gesellschaft oder führt eine
Erhöhung des Wohlstands der Gesellschaft zu
einer Ausweitung der Bildung? Zudem fragt sich
angesichts von Phänomenen wie „Diplomitis“,
ob Arbeitgeber nicht in gewissem Maße mehr
zahlen, weil der Betreffende „gute Zeugnisse“
hat, wie z.B. ein Hochschuldiplom, als auf Grund
der Tatsache, dass er über einzigartige
Kenntnisse verfügt, die die Produktivität des
Unternehmens verbessern können.
Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen,
führten wir ein Gespräch mit Professor Gary S.
Becker, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften (1992) und Verfasser von
Human Capital, eines 1964 veröffentlichten
bahnbrechenden Werks.
Was kommt an erster Stelle, das
Wirtschaftswachstum oder die Anhebung
des Bildungsniveaus?
Diese Frage ist zwar nicht neu, aber
interessant. Sie kann unter verschiedenen
Gesichtspunkten untersucht werden. Es können
mehrere Fälle betrachtet werden, in denen es
zu einer auf Veränderungen der Bildungspolitik
beruhenden Anhebung des Bildungsniveaus
kam, um dann zu prüfen, wie sich dies
anschließend auf das Wirtschaftswachstum
auswirkte. Ich bin ganz und gar davon
überzeugt, dass zwischen Verbesserungen des
Bildungsniveaus – des Humankapitals – und dem
Wirtschaftswachstum ein enger Kausalzusammenhang besteht. Es gibt aber auch
Effekte in umgekehrter Richtung, d.h. solche,
bei denen Wirtschaftswachstum zur Anhebung
des Bildungsniveaus führt.
Werden durch das Humankapitalkonzept nicht
Menschen mit Maschinen gleichgesetzt?
Der Mensch wird hierdurch keineswegs
degradiert; das Konzept ist für alle Aspekte
verwendbar, nicht nur was den Effekt auf den
Arbeitsverdienst betrifft, sondern auch den auf
die Gesundheit, die Familiengründung usw. Es
war jedoch selbst unter Wirtschaftswissenschaftlern äußerst umstritten. Ich glaube
aber, dass sich in den meisten Ländern heute
kein Politiker mehr zur Wahl stellen kann, ohne
die dem Humankapital zukommende wichtige
Bedeutung für das ganze Land anzusprechen
oder über dieses Thema zu diskutieren.
Und wie verhält es sich mit der sogenannten
„Diplomitis“?
Ja, dieses Phänomen gibt schon seit langem
Anlass zu Kritik … aber bei näherem Hinsehen
ist festzustellen, dass, wenn man vom Arbeitsverdienst des Einzelnen auf die gesamtwirtschaftliche Ebene übergeht, kein nennenswerter Effekt auf das BIP vorhanden ist. Ich
glaube zwar nicht, dass so etwas wie
„Diplomitis“ völlig inexistent ist, doch ist es nicht
der Hauptgrund für die höheren
Bildungserträge.
Jemand, dessen Eltern ein gutes Bildungsniveau haben, wird mit größerer Wahrscheinlichkeit ein höheres Bildungsniveau
erreichen, als jemand, der aus einer armen
Familie stammt. Spielt dies eine wichtige
Rolle?
Ich glaube, dass dies zutrifft und dass eine
wichtige Aufgabe der Sozialpolitik darin
bestehen sollte, Kindern mit weniger
begütertem und gebildetem Hintergrund, wenn
sie die entsprechenden Fähigkeiten besitzen, die
Chance zu geben, ihr Bildungsniveau zu
verbessern. Dieses Problem ist nicht so leicht
zu lösen, denn es wurzelt zum Teil in der
Familienstruktur, aber ich glaube, wir müssen
zumindest versuchen, den Schülerinnen und
Schülern, denen dies zugute kommen kann,
[möglichst früh] eine qualitativ bessere
Schulbildung zu geben, so dass sie, wenn sie die
entsprechenden Fähigkeiten aufweisen, ihren
Schulbesuch fortsetzen können, um die
Sekundarschule abzuschließen und auch eine
Hochschulbildung zu absolvieren.
Müssen die Regierungen die
Bildungsausgaben erhöhen?
Ja, aber zugleich müssen die Mittel auch
besser verwendet werden. Ich bin ein
überzeugter Anhänger von Bildungsgutscheinen
und Wettbewerb im Bildungsbereich. Es fragt
sich, ob die ausgegebenen Mittel zweckmäßig
und kosteneffizient genutzt werden, und meines
Erachtens stellt sich wirklich die Frage, ob es
nicht möglich ist, die Effizienz zu steigern, so
dass dann letzten Endes mit weniger Mitteln ein
besseres Resultat erzielt wird.
35
OECD Insights: Humankapital
Ebenso tendieren Länder mit hohem Bildungsniveau dazu, ihren
Wohlstand zu erhöhen, so dass mehr Geld vorhanden ist, das für die
Steigerung des Bildungsniveaus ausgegeben werden kann. Das
klingt vielleicht wie die Geschichte von der Henne und dem Ei,
wahrscheinlich aber nur auf den ersten Blick. Historische Befunde
über Länder wie Deutschland und die Vereinigten Staaten zeigen,
dass die gegen Ende des 19. Jahrhunderts beginnende Massenbildung den Zeiten kräftigen gesamtwirtschaftlichen Wachstums voranging. (Ironischerweise gehörte das Ziel einer Ankurbelung der
Wirtschaftstätigkeit wohl kaum zu den vielfältigen Gründen, die
ursprünglich die Ausweitung der Massenbildung motivierten.) In
jüngerer Zeit wiesen alle „Tigervolkswirtschaften“ Asiens – u.a.
Singapur und Korea – vor Beginn ihres enormen Wirtschaftswachstums in den 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre ein relativ
hohes Grundqualifikationsniveau auf.
So wachstumsfördernd das Vorhandensein eines gut ausgebildeten Arbeitskräfteangebots für eine Volkswirtschaft ist, so wachstumshemmend kann das Fehlen dieses Faktors sein. Trotz einer
Bevölkerung von rd. 1 Milliarde Menschen leidet Indien nach dem
Urteil von Managern des Informationstechnologiesektors unter
einem Mangel an gut qualifizierten Schul- und Hochschulabsolventen. Ein nationaler Arbeitgeberverband geht davon aus, dass der
Branche, die in Indien gegenwärtig rd. 350 000 Personen beschäftigt, bis zum Jahr 2009 206 000 Arbeitskräfte fehlen werden. Der
Mangel an entsprechend qualifiziertem Personal hemmt das Wachstum und treibt die Gehälter der vorhandenen Kräfte in die Höhe.
Insgesamt ist das Bildungsniveau der Bevölkerung in Indien
wesentlich niedriger als in China. Nur 61% der erwachsenen Inder
können lesen; in China liegt der Anteil der UNESCO zufolge bei
über 90%. Diese Kluft ist einer mehrerer Faktoren, die gewöhnlich
als Gründe für das schnellere Wachstumstempo der chinesischen
Wirtschaft seit Anfang der 1990er Jahre genannt werden.
36
2. Der Wert des Menschen
Bildungserträge
Welche ökonomischen Erträge lassen sich aus Humankapital
gewinnen? Diese Frage kann aus zweierlei Perspektiven betrachtet
werden – der des Individuums und der der gesamten Volkswirtschaft eines Landes.
Was den Einzelnen betrifft, so sind die ökonomischen Erträge des
Humankapitals – wie z.B. ein höheres Einkommen – zunächst einmal
den Kosten gegenüberzustellen, die beim Erwerb dieses Kapitals
verursacht wurden. Diese Kosten umfassen die während der Ausbildungszeit entgangenen Einnahmen sowie die durch die Bildung
selbst anfallenden Kosten, wie Schul- und Hochschulgebühren usw.
In vielen Ländern sind diese nicht gerade gering, und die Familien
müssen mitunter große Opfer bringen, um jungen Menschen den
Besuch einer Hochschule zu ermöglichen, während Hochschulabsolventen noch Jahre nach der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit ihr
Studiendarlehen abzahlen.
„In allen Ländern verdienen Absolventen des Tertiärbereichs
deutlich mehr als Absolventen des Sekundarbereichs II und
postsekundärer nichttertiärer Bildungsgänge.“
Bildung auf einen Blick 2006
Schulbesuch
SCHULBESUCH
Anstieg der durchschnittlichen Bildungsjahre je
Erwachsenen in USA, Frankreich, den
Niederlanden und Japan
1913
1950
1973
1992
18.0
16.0
14.6
11.7
9.6
11.3
7.9
7.0
USA
14.9
13.3
12.1
10.3
8.1
9.1
5.4
Frankreich
Japan
6.4
Die Zahl der Schüler/
Studierenden ist seit
dem 19. Jahrhundert
in vielen Ländern
gestiegen. Nach
UNESCO-Schätzungen
gab es 1900 weltweit
500 000 Hochschulstudenten.
Hundert Jahre später
betrug die Zahl rd.
100 Millionen.
Niederlande
Ausgewählte OECD-Länder
Quelle: Monitoring the World Economy 1820-1992.
37
OECD Insights: Humankapital
In der Regel zahlen sich all diese Investitionen letzten Endes aus.
Um durch Bildung in den Genuss wirtschaftlicher Vorteile zu
kommen, ist es effektiv nicht einmal notwendig, ein Hochschulstudium zu absolvieren. So dürfte beispielsweise jemand, der die
Sekundarstufe II abschließt (und die Schule normalerweise im Alter
von 18 Jahren verlässt), mit größerer Wahrscheinlichkeit einen Arbeitsplatz finden als jemand, der nur die Sekundarstufe I absolviert hat
(und im Alter von 15 oder 16 Jahren von der Schule abgeht). Natürlich
erzielen Absolventen des tertiären Bereichs noch höhere Erwerbsquoten als diejenigen, die nur einen Abschluss der Sekundarstufe II haben.
Und auch was das Einkommen betrifft, gilt für den ganzen OECDRaum die Regel: Je höher das Bildungsniveau, desto besser steht
sich der Betreffende in wirtschaftlicher Hinsicht. In Norwegen z.B.
verdienen Hochschulabsolventen 26% mehr als Personen, die nur
die Sekundarstufe II abgeschlossen haben; in Ungarn beträgt dieser
Unterschied 117%.
Wer ist arbeitslos?
WER IST ARBEITSLOS?
Prozentsatz der Arbeitslosen im
OECD-Raum nach Bildungsniveau
Altersgruppe 25-64 Jahre, 2004
Ohne SekundarstufeII-Abschluss
10.4
6.2
%
3.9
Sekundarstufe-II-Abschluss*
Tertiärabschluss
* Einschließlich postsekundärer berufsorientierter Bildungsgänge
Quelle: Bildung auf einen Blick 2006.
38
Das Arbeitslosigkeitsrisiko
verringert sich, manchmal
dramatisch, mit
zunehmendem Bildungsniveau. In der
Tschechischen Republik
sind 23% der Personen
ohne Sekundarschulabschluss arbeitslos,
während es unter
Tertiärabsolventen
lediglich 2% sind.
Daten zu allen 30 OECD-Ländern sind
über den StatLink (siehe unten) abrufbar
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/015830764831
2. Der Wert des Menschen
Was stellen diese höheren Einkommen dar? Mit einem Wort: Produktivität. Im richtigen Leben kann das Wort Produktivität mitunter
beinahe ein Werturteil beinhalten. Wird z.B. von einem Kollegen
behauptet, er sei weniger produktiv als ein anderer, so ist das mitunter nur eine höfliche Art zu sagen, dass er nicht gut genug arbeitet. Von Ökonomen wird der Begriff „Produktivität“ ganz anders
verwendet.
Etwas vereinfacht ausgedrückt, ist Produktivität der ökonomische
Wert dessen, was eine Arbeitskraft (oder eine Parzelle Boden oder
irgendeine andere Art von Kapital) produziert. Von einer Produktivitätssteigerung gehen zudem im Allgemeinen Impulse auf das Wirtschaftswachstum aus, womit wir bereits zu der Frage kommen, welche
Vorteile eine Verbesserung des Humankapitals auf gesamtwirtschaftlicher Ebene hat. Obwohl die Ökonomen seit langem davon ausgehen,
dass zwischen Bildung und Wirtschaftswachstum tatsächlich eine
Beziehung besteht, ist das Ausmaß dieses Effekts nicht ohne weiteres
zu ermitteln. Humankapital ist letztlich nur einer – wenn auch ein
wichtiger – von mehreren das Wachstum beeinflussenden Faktoren.
Einvernehmen scheint jedoch mittlerweile darüber zu bestehen, dass
die Beziehung zwischen Humankapital und Wirtschaftswachstum
Einkommensvorteil
EINKOMMENSVORTEIL
Sekundarstufe-I-Abschluss
Sekundarstufe-II-Abschluss
Tertiärabschluss
Verdienst über 40
dem Zweifachen
des Median- 30
einkommens
20
10
%
Ungarn
Quelle: Bildung auf einen Blick 2006.
Korea
Schweden
Ungarn 2004, Korea und Schweden 2003
Das Einkommen von Tertiärabsolventen
im Vergleich zu dem von Personen mit
niedrigerem Bildungsniveau
Tertiärabsolventen haben
ein überdurchschnittliches
Einkommen. Desgleichen
verdienen Personen mit
einem Abschluss der
Sekundarstufe II (sie
verlassen die Schule
normalerweise im Alter
von etwa 18 Jahren)
mehr als Personen, die
früher abgehen.
Daten zu weiteren OECD-Ländern sind
über den StatLink (siehe unten) abrufbar
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/815010258467
39
OECD Insights: Humankapital
tatsächlich existiert und signifikant ist. Dies wurde durch einige
Zahlen der OECD bestätigt, aus denen ersichtlich ist, dass eine
Verlängerung der von der Bevölkerung durchschnittlich für Bildung
aufgewendeten Zeit um ein Jahr langfristig einen Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion je Einwohner um 4-6% bewirkt.
Weiter reichende Vorteile
Das Wirtschaftswachstum ist nur ein Aspekt im Zusammenhang
mit dem Humankapital. Bildung hat auch auf der Ebene des Einzelnen positive Effekte, denn mit dem Bildungsniveau nimmt auch die
Wahrscheinlichkeit zu, ehrenamtlich tätig zu werden, wie z.B. in
Frauengruppen und Schulpflegschaften. Auch der Gesundheitszustand ist mit höherer Wahrscheinlichkeit besser, da Personen mit
höherem Bildungsniveau weniger rauchen (bei einem zusätzlichen
Schuljahr raucht eine Frau im Durchschnitt täglich 1,1 Zigaretten
weniger) und mehr Sport treiben (je zusätzliches Schuljahr
17 Minuten pro Woche mehr).
„Der nicht ökonomische Lernertrag in Form einer Verbesserung
des persönlichen Wohlergehens und stärkeren sozialen
Zusammenhalts wird von vielen Experten als genauso wichtig
empfunden wie die Auswirkungen des Lernens auf Arbeitseinkommen und Wirtschaftswachstum.“
Vom Wohlergehen der Nationen
Ein guter Gesundheitszustand kann an sich als Teil des Humankapitals betrachtet werden, wenn auch der Mensch selbstverständlich
nicht immer in seine Gesundheit investieren kann wie er in Bildung
investiert.
Welches sind die Herausforderungen
für das Lernen?
In den OECD-Ländern wie andernorts expandiert die Bildung
unaufhaltsam, und dies schon länger, als die meisten unter uns
leben. In vielen, wenn nicht in den meisten OECD-Ländern, gibt es
seit mindestens hundert Jahren eine allen Bürgern zugängliche
Grundschulbildung. Die Anfänge der Sekundarschulbildung für die
40
2. Der Wert des Menschen
Masse der Bevölkerung liegen 50 Jahre zurück, und der Zugang zur
Hochschulbildung hat seit den 1970er und 1980er Jahren in vielen
OECD-Ländern ganz erheblich zugenommen.
Diese Expansion hat mehrere Gründe. Wirtschaftlich gesehen
bestand die dringende Notwendigkeit, für das Vorhandensein einer
zunehmend qualifizierten Erwerbsbevölkerung zu sorgen, die den
Erfordernissen der Unternehmen gerecht wird. Auf sozialer Ebene
haben sich durch die strukturellen Veränderungen in den Volkswirtschaften der OECD-Länder im Verarbeitenden Gewerbe und im Handel die Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Menschen verringert.
Die Bildung bot gewissermaßen einen Weg, um dafür zu sorgen, dass
junge Menschen nicht auf der Straße stehen. Um es weniger zynisch
auszudrücken: Seit der Antike wurden von den Gesellschaften die
umfassendere Rolle der Bildung und ihre Vorteile erkannt. Bildung
lehrt den Einzelnen, sich im Kontext der Gesellschaft zurechtzufinden, in der er lebt, sie kann aber auch eine Öffnung gegenüber neuen
Denkweisen herbeiführen. Wie der Dichter W.B. Yeats es ausdrückte,
„heißt Erziehen nicht, einen leeren Eimer zu füllen, sondern ein
Feuer zu entfachen.“
„In den zweihundert Jahren seit der ersten industriellen
Revolution mussten die Systeme des Sekundarbereichs II
mehreren Veränderungen auf der Ebene der Gesellschaft und
der Volkswirtschaften angepasst werden.“
Completing the Foundation for Lifelong Learning
Welches auch immer die Gründe für die Ausweitung der Massenbildung waren, so entfällt in den OECD-Ländern mit 6,3% des
OECD-weiten BIP ein hoher Anteil auf Bildungsausgaben, wobei es
indessen zwischen den einzelnen Ländern erhebliche Unterschiede
gibt. Island gibt für Bildung fast 8% seines BIP aus, gegenüber nur
etwas mehr als 3,5% in der Türkei. Auch innerhalb der Länder
bestehen große Unterschiede, was die Höhe der Mittel betrifft, die
für ein Kind auf seinem Bildungsweg vom Sandkasten im Kindergarten bis zum Hörsaal in der Hochschule ausgegeben werden.
Durchschnittlich werden in den OECD-Ländern jährlich 5 055 US-$
für die Bildung eines Grundschülers ausgegeben, 6 939 US-$ für
einen Sekundarschüler und 12 208 US-$ für einen Studierenden im
Tertiärbereich, aber auch hier bestehen zwischen den Ländern ganz
erhebliche Unterschiede.
41
OECD Insights: Humankapital
Die Größenordnung, die die Bildungsausgaben moderner Gesellschaften erreicht haben, führt unweigerlich zu heftigen Debatten über
die Frage, welchen Zweck Bildung erfüllen sollte, mit welchen
Mitteln sie zu finanzieren ist und wem sie zugute kommen sollte.
Dies ist verständlich und auch notwendig, denn Form und Inhalt der
vermittelten Bildung prägt jeden von uns individuell, und somit
auch die Gesellschaft, in der wir alle leben. Bildung gibt Anstöße zu
Veränderungen und reagiert selbst wiederum auf soziale, wirtschaftliche und kulturelle Veränderungen. Entscheidungen, die wir heute
treffen, werden in den nächsten Jahrzehnten Auswirkungen auf
unser Leben und das unserer Kinder haben.
Diese Entscheidungen werden insbesondere für junge Menschen
aus sozial schwächeren Familien von zentraler Bedeutung sein.
Angesichts steigender Bildungserträge müssen wir uns die Frage
stellen, wie Fürsorge und Bildung alle Kinder mit den Ressourcen
versorgen können, die sie brauchen, um ihre Kompetenzen und
Fähigkeiten ausschöpfen zu können. Gesellschaften, die bei der
Bewältigung dieser Herausforderung versagen, werden unter zunehmender Polarisierung leiden und bestimmte Bevölkerungsgruppen
von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorteilen der
Globalisierung und der wissensbasierten Wirtschaft ausschließen.
Wie nicht anders zu erwarten, kommt der Bildung im Rahmen der
OECD-Tätigkeit daher eine zentrale Rolle zu. In den folgenden drei
Kapiteln dieser Veröffentlichung werden viele der wichtigsten Fragen in Bezug auf Wissenserwerb und Bildung behandelt, z.B. die
Frage, wie Kindern ein optimaler Start ins Leben ermöglicht werden
kann und wie sich die Effekte von Armut reduzieren lassen. Es wird
auch eine Reihe von Lösungsansätzen untersucht, an denen insbesondere die politischen Entscheidungsträger interessiert sind.
42
2. Der Wert des Menschen
Weitere OECD-Studien zu diesem Thema
h Die Quellen wirtschaftlichen Wachstums in den
OECD-Ländern (2003)
Die in den 1990er Jahren
und auch noch zu Beginn
dieses Jahrzehnts beobachteten Wachstumsmuster
haben die früheren
Theorien auf den Kopf
gestellt. Während des
größten Teils der
Nachkriegszeit wurde in
den ärmeren OECD-Ländern
ein stärkeres Wirtschaftswachstum verzeichnet als
in den reicheren Ländern.
In den 1990er Jahren
wurde diese scheinbare
Gesetzmäßigkeit dann aber
durchbrochen. Namentlich
die Vereinigten Staaten
konnten ihren Vorsprung ab
Mitte der 1990er Jahre
weiter vergrößern. Wo
liegen die Ursachen für die
großen Wachstumsunterschiede innerhalb der
OECD? Bis zu welchem
Grad sind sie auf neue
Technologien und FuE
zurückzuführen? Wie
wichtig sind Aus- und
Weiterbildung? Welchen
Einfluss haben Arbeitslosigkeit, Arbeitsmarktflexibilität und Produktmarktwettbewerb? Die
Veröffentlichung gibt einen
umfassenden Überblick
über diese Fragen und
liefert neue Erkenntnisse
über die Antriebskräfte des
Wirtschaftswachstums in
den OECD-Ländern. Sie
stützt sich auf eine frühere
Veröffentlichung des OECD
Growth Project, The New
Economy: Beyond
the Hype (2001).
h Die kreative Gesellschaft
des 21. Jahrhunderts
(2000)
Wie kann die zunehmende
soziale Differenzierung dazu
genutzt werden, zu einer
kreativeren Gesellschaft zu
gelangen? Drei fundamen-
tale Antriebskräfte
bestimmen die Grundlagen
der Gesellschaft von
morgen: zunehmende
soziale Diversität,
tiefgreifende Umwälzungen
der Wirtschaftsstrukturen
und rasche Globalisierung.
Wird das Zusammenspiel
dieser Kräfte für eine
positive gesellschaftliche
Entwicklung sorgen oder
liegt eine düstere Zukunft
vor uns? Wird mehr
Diversität – eine an sich
positive Entwicklung –
weltweit und innerhalb der
Länder zu größerer
Ungleichheit führen? Wird
der Zugang zu neuem
Wissen und neuen
Technologien die Kluft
vertiefen oder verringern?
Mit welchen Maßnahmen
kann sichergestellt werden,
dass die zunehmende
Differenzierung innerhalb
und zwischen Gesellschaften die Kreativität
fördert, und nicht etwa
wachsende Spannungen
entstehen lässt? Die
kreative Gesellschaft des
21. Jahrhunderts setzt
sich mit unserer sich
schnell wandelnden Welt
auseinander und untersucht die Politikansätze, die
erforderlich sein werden,
um den Übergang zu einem
langfristig tragfähigen
gesellschaftlichen
Fundament zu erleichtern.
h Die Weltwirtschaft – Eine
Millenniumsperspektive,
Angus Maddison (2001)
Angus Maddison bietet
einen umfassenden
Überblick über das
Weltwirtschaftswachstum
seit dem Jahr 1 000. In
diesem Zeitraum wuchs die
Bevölkerung um das
22-Fache, das Pro-Kopf-BIP
um das 13-Fache und das
Welt-BIP nahezu um das
300-Fache. Das größte
Wachstum wiesen die
heute reichen Länder auf (in
Westeuropa, Nordamerika,
Australasien sowie Japan).
Die Kluft zwischen der
führenden Volkswirtschaft
der Welt – Vereinigte
Staaten – und den ärmsten
Ländern – in Afrika –
beträgt mittlerweile 20:1.
Im Jahr 1 000 waren die
reichen Länder von heute
ärmer als Asien und Afrika.
Die Weltwirtschaft – Eine
Millenniumsperspektive
dient mehreren Zwecken.
So wird erstmals der
Versuch unternommen, die
wirtschaftliche Entwicklung
der einzelnen Nationen
innerhalb einer sehr langen
Zeitspanne quantitativ
darzustellen. Zum anderen
wird aufgezeigt, welche
Kräfte für den Erfolg der
reichen Länder
verantwortlich waren und
welche Faktoren in anderen
Regionen ähnliche
Fortschritte verhindert
haben, so dass diese
zurückblieben. Und
schließlich werden die
Interaktionen zwischen den
reichen Ländern und dem
Rest der Welt genauer
unter die Lupe genommen,
um zu evaluieren, inwieweit
hierbei Ausbeutung mit im
Spiel war.
Verwiesen wird in diesem
Kapitel auch auf die
Publikationen:
h Bildung auf einen Blick
– OECD-Indikatoren
Ausgabe 2006.
h Vom Wohlergehen der
Nationen – Die Rolle von
Human- und Sozialkapital
(2001).
h Completing the
Foundation for Lifelong
Learning: An OECD Survey
of Upper Secondary
Schools (2004).
43
3
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Schritte
OECD Insights: Humankapital
Zur Einleitung…
Die Näherin im mexikanischen Dorf San Nicolás de los Ranchos
hat eine Veränderung in ihrem Handel festgestellt. Noch bis vor
kurzem verbrachte Beatriz Tlatenco Sandre einen großen Teil ihrer
Zeit damit, Totenhemden für Kinder anzufertigen. „Ich kleidete
verstorbene Kinder mit dem Gewand des von ihren Eltern ausgewählten Heiligen ein“, erzählte sie einem Reporter. Nach einer
mexikanischen Tradition schützt dies die Kinder im Leben nach
dem Tod.
Heute kleidet Beatriz noch immer Kinder ein, aber die meisten
sind am Leben und gesund. Ihr zufolge ist dies größtenteils darauf
zurückzuführen, dass das Dorf in den Genuss eines spezifischen
staatlichen Hilfsprogramms, Oportunidades, kommt, in dessen
Rahmen sehr arme Familien finanzielle Zuwendungen erhalten.
Die Familien bekommen nicht viel, aber es ist genug, um das
Leben der Kinder zu verändern. Positiv wirkt sich dabei auch aus,
dass die Geldleistungen an strenge Bedingungen geknüpft sind.
Zum Beispiel ist Beatriz verpflichtet, ihre Kinder regelmäßig
ärztlich untersuchen zu lassen, und sie muss jeden Monat einem
Gesundheitsvortrag beiwohnen. „Wir müssen an den Gesprächsrunden teilnehmen“, erklärt sie, „sonst erhalten wir einen Verweis“.
Und solange sie ihre Kinder zur Schule schickt, bekommt sie außerdem Zuwendungen für Bildungsausgaben.
Dass der Schwerpunkt bei Programmen wie Oportunidades auf
Bildung und Gesundheit der Kinder liegt, hat einen einfachen
Grund: Die ersten Lebensjahre sind für die menschliche Entwicklung entscheidend, in ihnen wird das Fundament für unsere Fähigkeit zum Ausbau unseres Humankapitals gelegt. Diese Erkenntnis
ist so augenfällig, dass sie kaum der Erwähnung wert scheint. Und
doch führen Behinderungen und Armut dazu, dass viele Kinder in
aller Welt diese lebenswichtigen Grundlagen nie erwerben.
X Wie kann die Gesellschaft gewährleisten, dass Kindern diese
Grundlagen vermittelt werden? In diesem Kapitel geht es um die
ersten Lebensjahre und darum, wie in ihnen ein Fundament für die
weitere Entwicklung gelegt werden kann. Zunächst werden einige
46
3. Erste Schritte
Probleme erörtert, denen sich Kinder und ihre Familien heutzutage
gegenübersehen, wobei es insbesondere um die Notwendigkeit geht
sicherzustellen, dass Kinder aus Familien, in denen beide Elternteile arbeiten, gut betreut werden. Dann wird untersucht, welche
Rolle staatliche Maßnahmen in diesem Bereich heute spielen und
schließlich welchen Nutzen Kinder aus einer gut geplanten
Vorschulerziehung ziehen können.
Vor welchen Herausforderungen stehen Kinder
und Familien?
S
chon lange bevor Kinder zur Schule gehen, beginnen sie ihr
Humankapital zu entwickeln. Wie alle Eltern wissen, sind Kleinstund Kleinkinder ständig am Lernen, z.B. indem sie Fertigkeiten wie
Laufen und Sprechen erwerben und die Fähigkeit ausbilden, mit
anderen zu kommunizieren. Zudem entwickeln sie, was weniger
sichtbar ist, wichtige Erkenntnisse über sich selbst sowie ihre
Beziehungen zu ihrer Umwelt und Eigenschaften wie Selbstvertrauen, die für den Rest ihres Lebens wichtig sein werden.
Sofern sie nicht an schweren Krankheiten oder Behinderungen
leiden, durchlaufen alle Kinder diese Stadien, jedoch nicht immer
in derselben Art und Weise. Externe Faktoren, wie z.B. Armut,
können großen Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes ausüben.
Dies ist insofern besorgniserregend, als Kinderarmut in großen
Teilen der Industrieländer zunimmt.
Kinder sind im OECD-Raum die gesellschaftliche Gruppe mit
dem höchsten Armutsrisiko. Zu Beginn dieses Jahrzehnts fielen in
den OECD-Ländern rd. 12% der Kinder unter die Armutsgrenze,
was einen leichten Anstieg gegenüber den 1990er Jahren darstellt.
Zwischen den einzelnen Ländern bestehen jedoch beträchtliche
Unterschiede. In den nordischen Ländern gilt nur 1 von 25 Kindern
als arm, in den Vereinigten Staaten, Mexiko und der Türkei mehr als
jedes fünfte.
47
OECD Insights: Humankapital
Frühe Armut wirkt sich auf das ganze Leben der Kinder aus und
schränkt immer wieder ihre Kapazität zur Entwicklung der eigenen
Talente und Fähigkeiten ein. Kinder aus armen Familien erlangen
mit geringerer Wahrscheinlichkeit einen Sekundarschulabschluss,
und ihre Chancen, ein Hochschulstudium zu absolvieren, sind
noch niedriger. In Frankreich müssen z.B. mehr als drei von fünf
Jugendlichen aus den ärmsten 20% der Familien mindestens ein
Schuljahr wiederholen; unter den wohlhabendsten 20% der Familien ist dies für weniger als eins von fünf Kindern der Fall.
„Gelingt es also nicht, das Problem drohender Armut
abzuwenden, mit dem Millionen von Familien und insbesondere
deren Kinder konfrontiert sind, so wäre dies nicht nur aus
sozialen Erwägungen verwerflich, sondern würde auch unsere
Kapazität zur Wahrung eines nachhaltigen Wachstums in den
kommenden Jahren beeinträchtigen.“
Extending Opportunities
In Kinder investieren
Investitionen in die Gesundheit und den Lernprozess der Kinder
– d.h. ihr Humankapital – bringen aus vielen Gründen lebenslangen
Nutzen. Zum einen verfügen Kinder in ihren ersten Lebensjahren
Eine Investition für das Leben
EINE INVESTITION FÜR DAS LEBEN Laut Nobelpreisträger James
Rendite einer Investition in Humankapital
in verschiedenen Lebensabschnitten
Vorschulprogramme
Schulbildung
Opportunitätskosten
der Finanzierung
r
Berufsausbildung
Vorschule
0
Quelle: Starting Strong II.
48
Schule
Nach Schulabschluss
Alter
Heckman können mit
Investitionen im Vorschulalter
höhere Erträge erzielt werden
als in allen anderen
Lebensabschnitten. Warum?
Erstens, weil wir umso länger
in den Genuss der Erträge
dieser Investition kommen, je
früher wir im Leben lernen.
Zweitens, weil das frühkindliche
Lernen das lebenslange Lernen
erleichtert, was unser
Humankapital und folglich
unser Einkommen erhöht.
3. Erste Schritte
über außergewöhnliche Lernfähigkeiten. Im Alter von zwei Jahren
z.B. haben die meisten Kinder bereits die Grundelemente einer
Sprache erworben. Jeder, der im Erwachsenenalter schon einmal
versucht hat, eine Sprache zu lernen, weiß, was für eine bemerkenswerte Leistung das ist. Kleinkinder haben zudem das Potenzial,
wichtige soziale Kompetenzen und Lernfähigkeiten zu entwickeln,
die ihnen für den Rest ihres Lebens erhalten bleiben.
Investitionen in die frühe Kindheit können auch in wirtschaftlicher Hinsicht sinnvoll sein. Nobelpreisträger James Heckman vertritt
die Auffassung, dass Investitionen in das Lernen während der frühen
Kindheit höhere Erträge bringen als zu jedem anderen Zeitpunkt im
Leben. Darüber hinaus sind soziale Nutzeffekte festzustellen. Eine
amerikanische Studie zeigte, dass durch spezifische Unterstützung
für Kinder unter fünf Jahren aus sozial schwachen Familien ein
Rückgang der Bewährungsquoten und Kriminalitätsraten im Alter
von 15 Jahren um bis zu 70% erzielt werden konnte.
Trotz dieser Nutzeffekte geben die Regierungen nicht immer so viel
für frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung (FBBE) aus, wie
sie sollten. Es besteht aber kein Zweifel daran, dass sie sich
zunehmend mit der Kinderbetreuung befassen – was nicht nur die
eigentliche Betreuung, sondern auch die frühkindliche Bildung und
Erziehung beinhaltet –, da dies heute ein sehr wichtiges Anliegen für
die Gesellschaft insgesamt ist. Warum? Großenteils deshalb, weil
immer mehr Frauen einer Erwerbstätigkeit nachgehen, womit sich für
die Gesellschaft die Frage stellt: Wer kümmert sich um die Kinder?
„Die frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung verlagert
sich vom privaten in den öffentlichen Bereich, wobei den
komplementären Aufgaben der Familien und der FBBEEinrichtungen besondere Aufmerksamkeit gilt…“
Starting Strong I
49
OECD Insights: Humankapital
Erwerbstätige Mütter
In vielen Ländern spielen Frauen seit den 1960er Jahren eine
immer wichtigere Rolle in der Erwerbsbevölkerung. Während der
letzten zehn Jahre hat sich dieser Trend weiter fortgesetzt, und in
einigen OECD-Ländern sind die Frauen stark in die Berufswelt vorgedrungen. In Spanien z.B. war 1994 weniger als ein Drittel der
Frauen erwerbstätig; 2004 waren es knapp unter 50%.
Die Impulse für diesen Wandel gingen anfangs großenteils von
den Frauen selbst aus, die oftmals beträchtlichen Widerstand überwinden mussten, um eine Vollzeitbeschäftigung aufnehmen zu
können. Heutzutage werden die Frauen in vielen Ländern von den
Regierungen aktiv dazu ermutigt, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Zum einen handelt es
sich um einen Versuch, Gleichstellung zwischen Männern und
Frauen zu gewährleisten. Zum anderen kann die Beschäftigung von
Frauen, was weniger offensichtlich ist, dazu beitragen, eine breitere
Palette sozialer und wirtschaftlicher Probleme zu lösen. Nehmen
wir z.B. die Kinderarmut.
Erwerbstätige Frauen
ERWERBSTÄTIGE FRAUEN
Prozentsatz der beschäftigten Frauen
im erwerbsfähigen Alter
1994
CD
OE
56
% 53
ins
mt
sa
ge
2004
d
an
Isl
en
li
tra
us
A
75
n
pa
Ja
nie
n
a
Sp
79
56
63
57 57
49
32
Ausgewählte OECD-Länder
Quelle: Die OECD in Zahlen und Fakten 2006.
50
Immer mehr Frauen
gehen einer
Beschäftigung nach,
insgesamt arbeiten
jedoch nach wie vor
weitaus weniger Frauen
als Männer. Im
OECD-Raum sind rd.
56% der Frauen
gegenüber 75% der
Männer erwerbstätig.
Daten zu allen 30 OECD-Ländern sind
über den StatLink (siehe unten) abrufbar
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/180707813562
3. Erste Schritte
Kinder und Armut
Für Kinder aus Familien, in denen nur ein Elternteil arbeitet, ist
die Armutswahrscheinlichkeit nahezu dreimal so hoch wie für
Kinder aus Familien, in denen beide Elternteile erwerbstätig sind,
und in erwerbslosen Alleinerzieherfamilien ist das Problem sogar
noch gravierender. Das ist ein Grund dafür, warum einige Regierungen – vor allem in englischsprachigen Ländern – großes Gewicht auf
die Förderung der Erwerbsbeteiligung von Eltern und insbesondere
Alleinerziehenden legen.
Steigt die Beschäftigungsquote der Mütter in einem Land um
12%, sinkt die Armutsquote der Kinder im Durchschnitt um 10%
(wenngleich hier erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen
Ländern bestehen). Die Teilhabe an Erwerbsarbeit sorgt zudem für
ein größeres Zugehörigkeitsgefühl zur Gesellschaft, was den Familien sozialen Nutzen bringen kann. Desgleichen kann durch die
Verringerung der Armut während der ersten Lebensjahre der Kinder
die Entwicklung ihres Humankapitals während ihres ganzen
Lebens gefördert werden.
„Erwerbsarbeit gibt dem Einzelnen nicht nur finanzielle
Sicherheit, sondern auch ein Gefühl der Identität, der
Zugehörigkeit und der Selbstachtung.“
Extending Opportunites
Natürlich kann Erwerbsarbeit nicht alle Probleme lösen, mit denen
sich Familien auf der untersten Stufe der sozialen Leiter konfrontiert
sehen. Einige Länder, wie die Vereinigten Staaten, weisen recht hohe
Kinderarmutsquoten auf – mehr als 20% –, obwohl viele Alleinerziehende eine Beschäftigung haben. Dafür gibt es eine Reihe von
Gründen, einer der wichtigsten ist aber, dass die meisten Alleinerziehenden Frauen sind, und Frauen finden mit größerer Wahrscheinlichkeit als Männer nur Teilzeit- oder Schichtarbeitsplätze. Diese Art
von Beschäftigung ist oft schlecht bezahlt und bietet u.U. zu wenig
Anreize, z.B. in Form von Altersversorgung oder Krankenversicherung, um sie auf Dauer attraktiv zu machen.
Um Menschen in Niedriglohnjobs zu helfen, verpflichten viele
Länder die Arbeitgeber dazu, einen Mindestlohn zu zahlen (Mindestlohnbezieher erhalten oft auch staatliche Beihilfen). Allerdings
kommt es häufig zu Kontroversen darüber, wie hoch – bzw. wie
51
OECD Insights: Humankapital
niedrig – der Mindestlohn sein sollte. Ist der Mindestlohn zu hoch,
besteht die Gefahr, dass die Arbeitgeber behaupten, keine andere
Wahl zu haben, als weniger Arbeitnehmer zu beschäftigen; ist er zu
niedrig, sehen die Gewerkschaften darin möglicherweise eine
Ausbeutung der Arbeitnehmer. Daher ist es wesentlich, dass die
Regierungen hier das richtige Gleichgewicht finden, wenn sich
mehr Alleinerziehende am Erwerbsleben beteiligen sollen.
Ausweitung der Erwerbsbeteiligung
Es gibt noch einen anderen Faktor, der die Regierungen dazu
bewegt, die Erwerbsbeteiligung der Frauen zu fördern: die demografische Entwicklung. Paradoxerweise verzeichnen einige Länder,
obwohl sich die Weltbevölkerung seit Anfang der 1960er Jahren
verdoppelt hat, einen realen Rückgang ihrer Bevölkerung bzw.
sehen einem solchen Rückgang entgegen.
In den meisten Industrieländern bekommen die Frauen heutzutage weniger Kinder. Zur Sicherung des Bevölkerungsbestands
eines Landes sollten die Frauen im Durchschnitt rd. 2,1 Kinder zur
Welt bringen. Seit den 1970er Jahren sind die Geburtenziffern in
vielen Industrieländern jedoch unter diese sogenannte Bestandserhaltungsquote gesunken. In Deutschland, Italien, Korea und
Baby Blues
BABY BLUES
Die Geburtenziffern sind in großen Teilen
des OECD-Raums zurückgegangen
Bestandserhaltungsquote: 2,1 Kinder.
(Zur Sicherung des Bevölkerungsbestands
sollten die Frauen im Durchschnitt 2,1 Kinder
zur Welt bringen)
Kinderzahl je Frau
2.3
Vereinigte Staaten
1.9
OECD
1.7
Japan
1.5
1980
1985
1990
Quelle: Gesellschaft auf einen Blick 2005.
52
Da die Frauen weniger
Kinder bekommen, wird
es in Zukunft weniger
Menschen im
erwerbsfähigen Alter
geben, um z.B. Renten
und Sozialleistungen zu
finanzieren.
1995
2000
Daten zu weiteren OECD-Ländern sind
über den StatLink (siehe unten) abrufbar
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/426518142513
3. Erste Schritte
Österreich z.B. werden durchschnittlich nur 1,3 Kinder je Frau
geboren. (In Australien veranlassten die niedrigen Geburtenziffern
des Landes den damaligen Finanzminister gar dazu, die Bürger
aufzufordern, „ein Kind für den Vater, eins für die Mutter und eins
für das Land zu bekommen“.)
Während die Geburtenziffern sinken, steigt die Lebenserwartung,
vor allem dank medizinischer Fortschritte. Dadurch verändert sich in
vielen Ländern das Gleichgewicht zwischen „Jung und Alt“, manchmal sogar recht drastisch. Was tun? Die Lösung besteht u.a. darin, die
Erwerbsbeteiligung der Frauen zu erhöhen. In der Tat war die
Entscheidung immer zahlreicherer Frauen, eine Beschäftigung aufzunehmen, in den letzten Jahrzehnten ein wichtiger Faktor für den
Anstieg der Erwerbsbeteiligung im OECD-Raum. Dieser Trend könnte
noch eine ganze Zeit lang anhalten: In den OECD-Ländern sind etwa
drei von vier Männern im erwerbsfähigen Alter (15-64 Jahre) beschäftigt, gegenüber knapp über zwei von vier Frauen.
„Die stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen war in den
letzten Jahrzehnten … eine wichtige Komponente bei der
Ausweitung des Arbeitsangebots.“
OECD-Beschäftigungsausblick 2006
Bei der Erhöhung der Erwerbsbeteiligung der Frauen steht die
Gesellschaft vor der Herausforderung, Lösungen zu finden, die es
Frauen ermöglichen, berufliche und familiäre Pflichten miteinander zu vereinbaren. Auf den ersten Blick scheinen diese beiden
Anforderungen im Widerspruch zu stehen, dem muss aber nicht so
sein. Sind geeignete Kinderbetreuungssysteme vorgesehen, dürften
sich die Frauen eher in der Lage fühlen, Kinder zu erziehen und
einem Beruf nachzugehen. Dies lässt sich anhand zweier Beispiele
illustrieren: In Schweden haben – unabhängig von ihrem Bildungsabschluss – zwischen rd. 15% und 20% der Frauen im Alter von
40 Jahren keine Kinder. In der Schweiz, wo Kinderbetreuungsmaßnahmen weniger entwickelt sind als in Schweden, sind rd. 40% der
Frauen mit Universitätsabschluss kinderlos, was vermutlich darauf
zurückzuführen ist, dass sich Karriere und Familienleben nur
schwer unter einen Hut bringen lassen.
53
OECD Insights: Humankapital
Schwierige Entscheidungen
Wie dem auch sei, stellen Erwerbsarbeit und Kindererziehung in
vielen Teilen der Welt zweifelsohne eine echte Doppelbelastung
dar. Zudem besteht selbst nach den Fortschritten der letzten Jahrzehnte kein Zweifel daran, dass familiäre Pflichten die Karriere der
Mutter immer noch stärker beeinträchtigen als die des Vaters, da die
Frauen nach wie vor die Hauptlast der Kindererziehung tragen.
Einer in Europa durchgeführten Studie zufolge sind die Männer
laut eigener Aussage im Durchschnitt lediglich in 10% der Familien
für die Kinderbetreuung verantwortlich (ihre Partnerinnen beziffern diesen Anteil nur auf 5%).
Es ist daher nicht überraschend, dass viele Frauen sich dafür entscheiden, zu Hause zu bleiben oder nur einer Teilzeitbeschäftigung
nachzugehen – und in einigen Ländern werden sie sogar effektiv
dazu ermutigt. Das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben kann indessen schwerwiegende Folgen für die Karriere einer Frau haben.
Studien zeigen, dass eine Abwesenheit vom Arbeitsmarkt bereits ab
etwa 6 Monaten den Karriereaussichten der Mutter schadet. In der
Tat beeinträchtigt schon das Vorhandensein eines Kindes das
Einkommen der Mutter: Laut einer für das Vereinigte Königreich
durchgeführten Untersuchung liegt der Stundenlohn der Frauen
bei 91% des entsprechenden Satzes der Männer. Wenn sie Mütter
werden, sinkt diese Zahl auf 67%. Selbst wenn ihre Kinder aus dem
Haus sind, kommen sie nicht über einen Durchschnittsverdienst
von 72% des Niveaus der Männer hinaus.
Wenn Frauen aber arbeiten müssen oder die Beeinträchtigung
ihrer Karriere durch die Mutterschaft reduzieren wollen, haben sie
keine andere Wahl, als ihre Kinder in eine Kindertageseinrichtung
zu geben. Auch hier sind schwierige Entscheidungen zu treffen.
Dies ist zwar Gegenstand zahlreicher Kontroversen, viele Experten
sind jedoch der Ansicht, dass Kinder vermutlich erst ab einem Alter
von etwa zwei Jahren aus der Tagesbetreuung Nutzen ziehen.
So stehen die Familien vor einem wirklichen Dilemma, und die
Entscheidungen, die sie treffen, können sich sowohl direkt – indem
sie bestimmen, wer sich um das Kind kümmert – als auch indirekt
– indem sie das Familieneinkommen erhöhen oder verringern – auf
das Leben der Kinder auswirken. Solche Entscheidungen werden
aber nicht isoliert gefällt, vielmehr werden sie in modernen Gesellschaften oft stark von staatlichen Maßnahmen beeinflusst.
54
3. Erste Schritte
Wie kann der Staat Kindern und Familien helfen?
Der Staat greift in unterschiedlicher Weise – direkt und indirekt –
in das Leben der Familien ein, z.B. durch Steuersysteme, Transferleistungen, Erziehungsurlaub, Programme für sozial besonders
schwache Familien, staatliche Beihilfen für die Tagesbetreuung
usw. Die verschiedenen Optionen können tiefgreifende Auswirkungen auf Kinder im Vorschulalter haben, weil damit beeinflusst wird,
ob sie zu Hause von einem Elternteil, bei einem Verwandten bzw.
einer Tagesmutter oder in einer Kindertagesstätte betreut werden.
Arbeiten gehen oder zu Hause bleiben
Auch wenn sie einem ganz anderen Lebensbereich anzugehören
scheinen, spielen Steuer- und Transfersysteme eine wichtige Rolle
bei der Art, wie Kinder betreut werden. Es ist nicht immer einfach,
den Einfluss solcher Systeme zu erfassen; wie schon Albert Einstein
gesagt haben soll: „Am schwersten auf der Welt zu verstehen ist die
Einkommensteuer“. Je nach dem Land, in dem sie leben, werden
verheiratete oder zusammenlebende Paare bei der Steuer gemeinsam oder getrennt veranlagt, erhalten sie, wenn sie Kindertageseinrichtungen in Anspruch nehmen, Steuerermäßigungen oder nicht
und erhöht sich ihre Steuerschuld mit steigendem Einkommen sehr
rasch oder sehr langsam.
Die möglichen Kombinationen sind nahezu unzählig und sie können großen Einfluss darauf ausüben, ob Eltern und insbesondere
Mütter einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Zum Beispiel werden
Ehegatten in einigen Steuersystemen gemeinsam veranlagt, was den
Effekt haben kann, dass der Zweitverdiener – d.h. derjenige, der
weniger verdient – in eine höhere Steuerklasse eingestuft wird. Die
zusätzlichen Steuern, die der Zweitverdiener bezahlen muss,
schmälern sein Einkommen und können so zu einem Negativanreiz
für die Erwerbstätigkeit werden.
„Die derzeitigen Steuer- und Transfersysteme halten Mütter
davon ab, sich am Erwerbsleben zu beteiligen oder wieder in
den Arbeitsmarkt einzusteigen – und dies muss sich ändern.“
Extending Opportunities
Staatliche Beihilfen können ähnliche Effekte haben. Finanziell
schlechter gestellten Familien können auf Grund des zusätzlichen
Einkommens des Zweitverdieners bestimmte Leistungen wie
55
OECD Insights: Humankapital
Kindergeld oder Steuerfreibeträge entgehen, so dass sie einen Nettoverlust erleiden, vor allem wenn sie die Kinderbetreuungskosten
einrechnen. Auch hier schafft das Steuer- und Transfersystem
Anreize für den Zweitverdiener, nicht zu arbeiten, und dies kann
langfristige Auswirkungen sowohl auf die Form der Kinderbetreuung als auch das Familieneinkommen haben.
Deckung der Grundbedürfnisse
Staatliche Beihilfen können sogar einen noch größeren Einfluss auf
das Leben von Kindern haben. Wie wir bereits gesehen haben, erhalten
in Mexiko etwa 5 Millionen Familien – rund ein Viertel der Bevölkerung – hauptsächlich in ländlichen Regionen im Rahmen des gezielt
auf diese Bevölkerungsgruppe ausgerichteten Programms Oportunidades kleine monatliche Zuwendungen. Deren Auszahlung ist jedoch an
bestimmte Bedingungen geknüpft, namentlich dass die Kinder zur
Schule gehen und sich regelmäßig ärztlich untersuchen lassen.
Das Programm ist auch im Hinblick auf andere Aspekte innovativ.
Die finanziellen Zuwendungen werden normalerweise an die Mütter
gezahlt, da angenommen wird, dass sie das Geld eher für die Grundbedürfnisse der Kinder ausgeben als die Väter. Außerdem bekommen die
Familien geringfügig höhere Zuwendungen für Mädchen als für Jungen, eine Strategie, mit der der Tendenz traditioneller Gemeinschaften
zur Geringschätzung der Mädchen entgegengewirkt werden soll.
Das Programm ist auch Kritik ausgesetzt. Laut einer mexikanischen
Zeitung soll es in einigen Bundesstaaten vorgekommen sein, dass
Familien die im Rahmen des Programms verteilte Babynahrung an ihre
Schweine verfüttert haben, weil ihre Kinder sie nicht essen wollten.
Dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass mit dem Programm Fortschritte
erzielt werden. Eine Studie zeigte, dass die Schulbesuchsquote der
Mädchen in den teilnehmenden Familien um 20% (und der Jungen
um 10%) gestiegen ist, während die Krankheitsfälle unter Kindern im
Alter von ein bis fünf Jahren um 12% zurückgegangen sind. Die Idee,
Geldleistungen an Bedingungen zu knüpfen, setzt sich durch, und
andere südamerikanische Länder, wie Peru und Brasilien, haben
ähnliche Programme eingeführt.
Durch Oportunidades „stieg die Schulbesuchsquote im
Sekundarbereich um nahezu 20% für Mädchen und 10% für
Jungen…“
Extending Opportunities
56
3. Erste Schritte
Die OECD und … die aktive Sozialpolitik
Sozialpolitik wird gelegentlich als
Sicherheitsnetz für Menschen mit
Problemen betrachtet. Dies veranlasste
einige Kritiker dazu, der Sozialpolitik
vorzuwerfen, dass sie die Menschen aus der
Verantwortung entlässt und von der
wirtschaftlichen Realität abschirmt. Trotz
solcher Angriffe würde sich fast niemand für
eine vollständige Abschaffung der
Sozialleistungen aussprechen, vor allem
nicht für die schwächsten Mitglieder der
Gesellschaft, z.B. Kinder. Angesichts des
Rückgangs der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter suchen die Regierungen jedoch
zunehmend nach Möglichkeiten, die
Sozialpolitik zu reformieren.
In den letzten Jahren hat sich die OECD für
eine aktive Sozialpolitik eingesetzt. Das Ziel
ist dabei nicht nur, Menschen mit Problemen
zu helfen, sondern in Menschen zu
investieren und damit der Entstehung von
Problemen vorzugreifen (indem z.B.
geeignete Steuer- und Kinderbetreuungssysteme geschaffen werden, die es Müttern
erleichtern, einer Erwerbstätigkeit
nachzugehen und so das Familieneinkommen zu erhöhen).
Immer mehr Regierungen übernehmen
solche Ansätze. Im Jahr 2005 erklärten die
OECD-Sozialminister: „Die Sozialpolitik muss
proaktiv sein und vor allem auf Investitionen
in die individuellen Fähigkeiten der Menschen
und die Realisierung ihres jeweiligen
Potenzials setzen, statt lediglich gegen
Existenzrisiken abzusichern“.
Die aktive Sozialpolitik wird jedoch ebenfalls
kritisiert. Ihr wird mitunter vorgeworfen,
dass sie von Regierungen, die ihr
Engagement im Wohlfahrtsbereich
reduzieren wollen, als Vorwand benutzt wird,
um den Bürgern mehr Verantwortung
aufzubürden. Früher, so wird argumentiert,
konnten sich die Bürger darauf verlassen, im
Fall von Arbeitslosigkeit oder im Alter durch
staatliche Leistungen abgesichert zu sein;
heute würden sie zunehmend dazu
angehalten, selbst vorzusorgen, indem sie
ihr Humankapital entwickeln oder in private
Rentenfonds investieren.
Manche Beobachter führen zudem an, dass
die aktive Sozialpolitik einer Situation
gleichkommt, in der die Sozialpolitik
marktwirtschaftlichen Prinzipien
unterworfen wird. Die traditionelle
Sozialpolitik gründet sich in der Regel auf
eine Umverteilung der Einkommen von Reich
nach Arm mit dem unmittelbaren Ziel, eine
gerechtere Gesellschaft zu schaffen.
Im Gegensatz dazu kann die aktive
Sozialpolitik – mit ihrer Ausrichtung auf die
frühkindliche Entwicklung – als Versuch
gesehen werden, die Menschen mit den
nötigen Kapazitäten auszustatten, um in der
Zukunft wettbewerbsfähig zu sein. Kritiker
wenden hier ein, dass die Schaffung einer
solchen wettbewerbsorientierten
Gesellschaft nur dann gerecht ist, wenn
wirklich alle die gleichen Ausgangschancen
haben. In vielen Ländern ist dies auf Grund
der großen Einkommenskluft allerdings nicht
immer der Fall.
57
OECD Insights: Humankapital
In gewissem Sinne sind solche stark zielgerichteten Programme
ein Kompromiss zwischen der Höhe der Steuern, die die Regierungen für soziale Belange erheben können, und dem Ausmaß der
Probleme, die sie damit lösen wollen. Schweden kann sich z.B. des
wohl weltweit umfassendsten Kinderbetreuungssystems brüsten.
Die Kindertageseinrichtungen werden stark bezuschusst, und es
gibt immer freie Plätze, die Kosten für medizinische Versorgung
ebenso wie für Bildung sind niedrig, und die Eltern können mit der
Gewissheit, dass sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können,
bis zu 18 Monate Erziehungsurlaub nehmen. Das hört sich perfekt
an, abgesehen von einem kleinen Detail: den Steuern. Die Summe
der vom Staat erhobenen Steuern und Abgaben (mit denen nicht
nur die Kinderbetreuung, sondern auch ein breites Spektrum anderer Programme finanziert wird) entspricht etwas mehr als der Hälfte
des landesweiten BIP.
Demgegenüber beläuft sich das Steueraufkommen in Mexiko
– einem ärmeren Land als Schweden, in dem mehr Kinder in Armut
leben als in allen anderen OECD-Ländern – auf knapp unter ein
Fünftel des BIP. Auch wenn Mexiko gut beraten wäre, seine Steuereinnahmen zu erhöhen, um seine Sozialausgaben ausweiten zu
können, würden wenige Politiker das Risiko eingehen, den Wählern
eine so hohe Steuerlast wie in den nordischen Ländern aufzubürden, nicht einmal unter dem Versprechen, eine universelle Versorgung einzuführen.
Auszeit für die Eltern
Der Staat kann mehr für Kinder und ihre Familien tun, als nur Geld
zu verteilen. Nehmen wir z.B. den Erziehungsurlaub, dessen
Ursprung auf die 1870er Jahre und den ersten deutschen Kanzler Otto
von Bismarck zurückgeht. Um der Anziehungskraft des Sozialismus
entgegenzuwirken, führte dieser eine Reihe Gesundheits- und Sozialversicherungsmaßnahmen für Arbeiter ein, darunter auch eine
dreiwöchige Pause für Mütter nach der Entbindung. Heute dauert der
Mutterschaftsurlaub im Allgemeinen viel länger – bis zu drei Jahre in
Finnland, Frankreich und Deutschland –, obwohl die Mütter normalerweise nur während der ersten drei Monate einen vollen oder fast
vollen Gehaltsausgleich erhalten. Danach reduzieren sich die Leistungen im Allgemeinen oder werden ganz gestrichen, aber gewöhnlich steht den Müttern das Recht zu, an ihren alten Arbeitsplatz
zurückzukehren.
58
3. Erste Schritte
Vaterschaftsurlaub ist dagegen viel weniger verbreitet und häufig
unbezahlt. Selbst in Ländern, in denen Vaterschaftsurlaub existiert,
nehmen die Väter ihn nur selten voll in Anspruch, aus Angst, Einkommensverluste zu erleiden und bei ihren Arbeitgebern den Eindruck zu erwecken, dass sie sich weniger in ihre Arbeit investieren.
Einige Länder, wie Island, bieten gut bezahlten Vaterschaftsurlaub
und sogar geteilten Erziehungsurlaub, den sich das Paar entsprechend seinen Bedürfnissen aufteilen kann.
Der vom Staat bezahlte Erziehungsurlaub kann den Eltern dabei
helfen, einen Teil der „Betreuungslücke“ zu überbrücken. Darüber
hinaus können die Eltern aber auch in den Genuss familienfreundlicher Maßnahmen in den Unternehmen kommen, wie Teilzeitbeschäftigung, mit der Dauer des Schuljahres übereinstimmende
Arbeitsverträge und die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten,
vor allem wenn das Kind krank ist. Die Regierungen verpflichten
die Unternehmen indessen nur ungern zur Einführung solcher Maßnahmen. In einer globalisierten Wirtschaft können die Unternehmen solche Auflagen als eine unfaire Last betrachten, wenn sie
nicht auch für die Wettbewerber im Ausland gelten. Das Gleiche gilt
für die Teilzeitbeschäftigung, in der die Gewerkschaften eine Bedrohung für die Vollzeitbeschäftigung sehen können.
Einige Unternehmen berichten, dass eine flexible Arbeitsorganisation Personalfluktuationen, Fehlzeiten sowie Einstellungs- und
Schulungskosten verringert. Dennoch bleibt es sehr schwierig, den
reellen Einfluss solcher Maßnahmen auf die Unternehmensrentabilität zu messen und so ein starkes Geschäftsargument für sie zu liefern. Infolgedessen variiert das Angebot flexibler Arbeitsformen
erheblich zwischen den einzelnen Ländern: In Österreich und Italien geben mehr als zwei von drei Frauen an, dass in ihrem Unternehmen flexible Arbeitsformen angeboten werden, in Irland und
dem Vereinigten Königreich nur zwei von fünf Frauen.
59
OECD Insights: Humankapital
Welchen Nutzen bringt den Kindern
die Vorschulbildung?
Die Betreuung von Kindern im Vorschulalter wird gelegentlich
wie eine Sicherheitsübung behandelt. Solange ein Kind nicht sein
Frühstück im Sandkasten erbricht, im Planschbecken ertrinkt oder
den Kindergarten in Brand setzt, wird der Tag oft schon als Erfolg
gewertet. Sollte es dabei noch etwas lernen – umso besser.
„Dienste für Kinder unter drei Jahren wurden häufig als
Ergänzung zu Arbeitsmarktpolitiken gesehen, so dass bei der
Unterbringung von Kleinst- und Kleinkindern wenig auf die
Förderung ihrer Entwicklung geachtet wurde.“
Starting Strong II
Tatsache ist, dass wir vermutlich höhere Erwartungen in das
setzen sollten, was Vorschulkinder erreichen können. Kinder verfügen in ihren ersten Lebensjahren über außergewöhnliche Lernfähigkeiten, die durch wohldurchdachte Betreuungs-, Erziehungs- und
Bildungsangebote gefördert werden können. Für Kinder mit
Migrationshintergrund, die möglicherweise Sprachschwierigkeiten
haben oder einem hohen Armutsrisiko ausgesetzt sind, kann dies
von besonders großem Nutzen sein. Leider wird das Potenzial von
Vorschulkindern nicht immer voll ausgeschöpft.
60
3. Erste Schritte
STANDPUNKT
David Shipler
In diesem gekürzten Auszug aus dem Buch
„The Working Poor: Invisible in America“
berichtet der Autor David Shipler über die
Probleme von Caroline Payne, einer
amerikanischen erwerbstätigen Mutter, und
Amber, ihrer behinderten Tochter. Caroline
hat eine Beschäftigung in einer Fabrik der
Firma Tampax gefunden, wo sie gelegentlich
auch nachts arbeiten und Amber alleine zu
Hause lassen muss…
Wenn Caroline in der Fabrik die Maschinen
bedient, die die Tamponschachteln in
Kartons verpacken, macht sie sich
fortwährend Sorgen um Amber, und das mit
gutem Grund.
Mit 14 Jahren kann Amber kaum lesen und
schreiben, nur mit Mühe die Zeit an Uhren
mit Zeigern ablesen und nicht beurteilen, ob
10 $ ausreichen, um etwas für 4 $ zu
kaufen. Aber sie kann Flöte spielen, wenn
ihre Mutter für jede Note den
entsprechenden Buchstaben auf das
Notenblatt schreibt.
Amber nimmt in einer Tanzschule an
Gymnastikkursen teil, für die ihre Mutter
bezahlt, indem sie einmal pro Woche den
Saal der Schule reinigt. Da Amber auch
unter Epilepsie leidet, rieten die Ärzte der
Mutter sie auf Grund des Risikos von
Anfällen nicht über längere Zeit alleine zu
lassen. Die logistische Herausforderung, bei
laufend wechselnden Schichtarbeitszeiten
die Betreuung von Amber zu organisieren,
geht jedoch über Carolines Kräfte, so dass
sie in ständiger Unruhe lebt.
Eines Tages erzählt Amber zufällig ihrem
Lehrer, wie unheimlich ihr sei, wenn sie im
Dunkeln alleine zu Hause ist. Der Lehrer ist
beunruhigt und droht damit, Caroline wegen
Vernachlässigung beim Jugendamt
anzuzeigen.
„Sie kann nicht für sich selbst sorgen“, sagt
Donald R. Hart, der Schulleiter der
Claremont Middle School. „Wir sind
rechtlich dazu verpflichtet, den Fall dem
Jugendamt zu melden, wenn die
Vernachlässigung nicht aufhört“. Er bringt
diese Frage im Kreis seines „Wrap-aroundTeams“, seines Beratungsteams, zur
Sprache, das sich aus einem Schulpsychologen, einem Vertreter des
Sozialamts, einem Jugendsozialarbeiter und
einem Orientierungsberater zusammensetzt. „Ich fragte sie, welche Betreuungsdienste für Amber zur Verfügung stehen,
während ihre Mutter arbeitet“, berichtet er,
„und die Antwort war: keine“.
Aus Angst, dem Jugendamt gemeldet zu
werden, hört Caroline auf zu arbeiten und
ruft etliche Stellen an, um Betreuung für
Amber zu finden, was aber zu keinem
Ergebnis führt.
„Ich versuche mein Bestes und komme
trotzdem nicht über die Runden“, sagt sie.
„Jetzt habe ich keine Arbeit mehr und muss
Sozialhilfe beantragen. Da tut man alles, um
auf die Beine zu kommen, und wird doch
immer wieder zurückgeworfen. Wenn ich
nicht arbeite, ist das auch Vernachlässigung:
Dann kann ich mein Kind nicht mehr
ernähren und ihm keine Kleider mehr
kaufen.“
Das vielleicht Erstaunlichste und
Beunruhigendste an dieser komplizierten
Geschichte ist, dass keiner an die
offensichtlichste Lösung gedacht hatte:
Wenn es die Fabrik Caroline ermöglicht
hätte, nur tagsüber zu arbeiten, hätte sich
das Problem von alleine gelöst.
Caroline hatte einen ihrer Vorgesetzten
darum gebeten und war abgewiesen
worden. Aber sonst war niemand – weder
der Schulleiter noch der Arzt noch die
unzähligen Behörden, die sie kontaktiert
hatte –, keiner, dessen Beruf es ist, anderen
zu helfen, auf die Idee gekommen, den
Fabrikleiter, den Vorarbeiter oder
irgendjemand anders in einer führenden
Position anzurufen, um sich für Caroline
einzusetzen.
© 2004 David Shipler
61
OECD Insights: Humankapital
Privater und öffentlicher Sektor
In den OECD-Ländern verbringen Kinder heutzutage normalerweise bis zu zwei Jahre im Kindergarten oder in Kindertagesstätten,
bevor sie in die Grundschule kommen. Je nachdem wo sie leben,
können sie bis zu über acht Stunden oder gerade einmal zwei bis
drei Stunden pro Tag in einer Kinderbetreuungseinrichtung verbringen. Da die Kindergarten- und Kindertagesstättenzeiten oftmals
nicht mit den Arbeitszeiten der Eltern übereinstimmen, stellt dies
für viele Familien ein Problem dar. So können die Eltern u.U. nur
Teilzeit arbeiten oder müssen die Kinder nach (und teilweise auch
schon vor) dem Kindergarten zu einer Tagesmutter.
Die Nachfrage nach professioneller Kinderbetreuung steigt rasch,
da immer mehr Mütter in den Arbeitsmarkt eintreten. In vieler
Hinsicht dürfte der private Sektor besser in der Lage sein als der
Staat, dieser Nachfrage schnell nachzukommen. Die Zunahme der
Quantität geht indessen nicht immer mit einem Anstieg der Qualität
Wo fliesst das Geld hin?
WO FLIESST DAS GELD HIN?
Jährliche Gesamtausgaben je Schüler und
Studierenden in verschiedenen
Bildungsbereichen im OECD-Raum
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12 208
Die Länder geben
nicht immer viel für
die Vorschulbildung
aus, was bedeuten
kann, dass Chancen
der frühkindlichen
Entwicklung
ungenutzt bleiben.
6 936
4 959
5 055
Angaben in US-$, 2003
Quelle: Bildung auf einen Blick 2006.
62
*Ohne FuE-Ausgaben
Daten zu allen 30 OECD-Ländern
sind über den StatLink
(siehe unten) abrufbar
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/717773424252
3. Erste Schritte
einher. In vielen Ländern haben die Erwachsenen, die Kleinkinder
und insbesondere Kinder unter drei Jahren betreuen, keine entsprechende Berufsausbildung und sind schlecht bezahlt, was zu hoher
Personalfluktuation führt. Und die Kindertageseinrichtungen
müssen sich manchmal nicht einmal registrieren lassen oder eine
Zulassung beantragen. Gelegentlich ist die einzige Auflage, die
ihnen aus Gesundheits- und Sicherheitsgründen gemacht wird,
nicht mehr als eine bestimmte Zahl von Kindern aufzunehmen.
Wenn der private Sektor zur Deckung der Nachfrage beitragen
kann, ist es Aufgabe des öffentlichen Sektors – des Staats –, die
Qualität der Kinderbetreuung zu gewährleisten. Doch obwohl die
Länder ihre Ausgaben für Vorschulkinder erhöht haben, manchmal
in recht beträchtlichem Umfang, investieren viele Länder insgesamt
wahrscheinlich immer noch nicht genügend Zeit, Geld und Mühe
in die Einführung und Durchsetzung von Qualitätsnormen.
„Trotz steigender Investitionen in Familien und Kleinkinder
existieren noch immer signifikante Engpässe, insbesondere bei
Diensten für Kinder unter drei Jahren.“
Starting Strong II
Die großen Disparitäten bei den Ausgaben für Kinderbetreuung
führen zu erheblichen Unterschieden beim Zugang zu Betreuungsdiensten. Viele europäische Länder befürworten z.B. das Konzept
des „universellen Zugangs“ – was mit anderen Worten bedeutet,
dass alle Kinder einen Mindestanspruch auf Betreuung und
Bildung ab dem Alter von drei Jahren oder früher (in Finnland ab
der Geburt) haben. In anderen Ländern beginnt die kostenfreie Bildung erst im Alter von fünf Jahren, und kostenlose Vorschulbildung
existiert manchmal nur für Kinder mit spezifischen Bedürfnissen,
z.B. solche mit Migrationshintergrund, aus sozial schwachen Familien oder mit Lernschwierigkeiten.
Die Frage des Zugangs ruft heftige Emotionen hervor. Die Verfechter eines durch den Staat finanzierten universellen Zugangs sind
der Ansicht, dass jedes Kind, unabhängig von seinem sozialen
Hintergrund, ein Recht auf Vorschulbildung haben sollte. Laut den
Gegnern dieses Konzepts kann von Steuerzahlern mit niedrigerem
63
OECD Insights: Humankapital
Einkommen jedoch nicht verlangt werden, dass sie die Kinderbetreuung der Mittelklasse subventionieren, die selbst dafür aufkommen kann, und sollten staatliche Gelder dorthin fließen, wo sie am
dringendsten benötigt werden. Je mehr die Nachfrage nach Kinderbetreuung wächst, umso hitziger dürfte diese Debatte werden.
Betreuung und Lernen
Was verstehen wir unter „Betreuung“, „Bildung“ und „Lernen“?
Bei Kindern im Vorschulalter ist es eigentlich gar nicht so wichtig,
hier zu unterscheiden. Kleinst- und Kleinkinder lernen ständig,
selbst wenn es so aussieht, als würden sie nur „betreut“. Wenn der
Vater sein Kind z.B. das Fläschchen halten lässt, gibt er ihm zu
essen („Betreuung“) und hilft ihm zugleich, seine Selbstständigkeit
zu entwickeln („Lernen“).
„In den meisten Ländern wurden die Maßnahmen für
,Betreuung‘ und ,Bildung‘ separat entwickelt, wobei unterschiedliche Systeme für Governance, Finanzierung und
Personalausbildung eingerichtet wurden …“
Starting Strong I
Leider tendierten viele Länder lange Zeit dazu, die Vorschulphase
entweder dem Betreuungs- oder dem Bildungsbereich zuzuordnen
und übertrugen die entsprechenden Zuständigkeiten somit entweder
dem Gesundheits- oder dem Bildungsministerium. Dieser Ansatz,
der inzwischen weniger üblich ist, kann dazu führen, dass Chancen
ungenutzt bleiben. Wird das Augenmerk ausschließlich auf die
Betreuung gerichtet, können die Lernbedürfnisse der Kinder zu kurz
kommen; wird das Lernen zu stark betont, werden etwaige Entwicklungs- und Gesundheitsprobleme der Kinder, insbesondere solcher
aus benachteiligten Verhältnissen, möglicherweise übersehen.
64
3. Erste Schritte
Verschiedene Ansätze
Auch für das Lernen in der Vorschulzeit gibt es verschiedene
Ansätze. Der in Frankreich und englischsprachigen Ländern übliche Ansatz ist auf die „Schulfähigkeit“ ausgerichtet. Dabei liegt der
Schwerpunkt auf der Entwicklung von Kenntnissen und Fertigkeiten, die den Kindern später in der Schule nützlich sein werden.
Bei einem zweiten Konzept, das in mitteleuropäischen und nordischen Ländern weit verbreitet ist, werden die ersten Lebensjahre
nicht nur als Vorbereitung auf die Schule, sondern auf das Leben
insgesamt angesehen. Die Kinder werden dazu ermutigt, miteinander zu spielen und zu kommunizieren, und werden häufig zu
Gruppenarbeiten angeleitet, damit sie ihre sozialen Fähigkeiten
entwickeln können. Bei diesem Ansatz werden die Vorschuljahre
als ein Zeitraum betrachtet, der für sich genommen wichtig ist.
Zur Illustration der Unterschiede zwischen diesen beiden Ansätzen sei ein Beispiel angeführt: In den nordischen Ländern verbringen die Kinder häufig mehrere Stunden pro Tag im Freien, das als
genauso wertvoller Ort für das Lernen erachtet wird wie die Räume
innen. In Frankreich und den englischsprachigen Ländern verbringen die Kinder ihre Pause zwar draußen, aber gelernt wird drinnen.
Das Konzept der „Schulfähigkeit“ kann auf Eltern und Lehrkräfte
sehr attraktiv wirken. Es beinhaltet gewissermaßen das Versprechen, dass die Kinder bereits mit einem Vorsprung im Lesen und
Schreiben in die Grundschule kommen. Dabei ist allerdings nicht
klar, ob dieser Ansatz wirklich optimal auf die Lernprozesse kleiner
Kinder zugeschnitten ist, zumal die Kinder im lockereren nordischen Modell keine Nachteile zu erleiden scheinen.
In Finnland kommen die Kinder erst im Alter von etwa sieben Jahren in die Grundschule. Die vorangehenden Jahre verbringen sie in
Kindertageseinrichtungen, die mit Lehrern, ausgebildeten Pflegeassistenten und Erziehern besetzt sind, und wo die Zeit, die für die
Entwicklung formaler Lernkompetenzen aufgewandt wird, auf ein
Mindestmaß beschränkt ist. Dennoch gehören die finnischen Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 Jahren zu denjenigen, die bei
Lesekompetenz- und Mathematiktests weltweit am besten abschneiden. Finnischen Kindern kommt außerdem die Tatsache zugute, dass
65
OECD Insights: Humankapital
der Weg von der Vorschule in die Schule genau vorgezeichnet ist und
viel darüber nachgedacht wird, wie ein reibungsloser Übergang von
einem Bildungsbereich in den nächsten gewährleistet werden kann.
In der Tat würde sich eine etwas bessere Koordination zwischen
sämtlichen Bereichen der Vorschulpolitik in vielen OECD-Ländern
vorteilhaft auswirken. Dies bedeutet u.a., dass sowohl über Kinderbetreuung als auch über Lernbedürfnisse nachgedacht und gleichzeitig die Kontinuität zwischen den Vorschul- und den Schuljahren
sichergestellt werden muss. Natürlich kostet das alles Geld. In
Anbetracht der damit verbundenen Bildungsvorteile und sozialen
Nutzeffekte sollten sich die Länder jedoch fragen, ob solche Ausgaben nicht zu den besten langfristigen Investitionen gehören, die sie
überhaupt tätigen können.
66
3. Erste Schritte
Weitere OECD-Studien zu diesem Thema
h Babies and Bosses
– Reconciling Work and
Family Life
(Publikationsreihe)
– Volume 1: Australia,
Denmark and the
Netherlands (2002).
– Volume 2: Austria,
Ireland and Japan (2003).
– Volume 3: New Zealand,
Portugal and Switzerland
(2004).
– Volume 4: Canada,
Finland, Sweden and the
United Kingdom (2005).
Arbeit und Familienleben
miteinander zu vereinbaren,
ist eine Herausforderung.
Manch einer hätte gerne
eine größere Familie,
fürchtet aber, dass sein
Einkommen dazu nicht
ausreicht. Andere sind mit
der Größe ihrer Familie
zufrieden, würden aber
gerne mehr bzw. weniger
arbeiten oder flexiblere
Arbeitszeiten haben. Für
den Einzelnen ebenso wie
die Familie, für das
Wirtschaftswachstum und
die soziale Entwicklung ist
es wesentlich, hier das
richtige Gleichgewicht zu
finden. Die Reihe Babies
and Bosses untersucht, wie
ein breites Spektrum von
Maßnahmen – das von
Steuern über Sozialleistungen bis hin zu Kinderbetreuung reicht – darüber
entscheidet, ob Erwerbstätigkeit und Kindererziehung miteinander
verbunden werden können,
und liefert Ansätze für
Reformen.
h Extending Opportunities:
How Active Social Policy
Can Benefit Us All (2005)
Sozialpolitik wird häufig als
Last für die Gesellschaft
diskreditiert, ein gut
konzipierter sozialer Schutz
kann aber für eine nachhaltige soziale Entwicklung
ein entscheidendes
Kriterium sein. Um dem
gerecht zu werden, muss
jedoch der Schwerpunkt
der Sozialpolitik von der
Absicherung des Einzelnen
gegen eine kleine Zahl
genau definierter Risiken
auf eine „aktive Sozialpolitik“
verlagert werden, bei der in
die Fähigkeiten der
Menschen investiert wird,
um deren Potenzial in
jedem Lebensabschnitt
möglichst optimal zu
nutzen. Extending
Opportunities bietet eine
umfassende Beurteilung
sozialer Fragen in den
OECD-Ländern, wie
Armutsniveaus,
geschlechtsspezifische
Unterschiede bei
Beschäftigungsquoten und
Arbeitsentgelten, Sozialleistungen, Behinderung
sowie Probleme älterer
Menschen. Die Publikation
untersucht zudem die
Möglichkeiten, die sich
einer aktiven Sozialpolitik in
diesen Bereichen bieten.
h Starting Strong II: Early
Childhood Education and
Care (2006)
Die wirtschaftliche
Entwicklung und der rasche
soziale Wandel haben die
Familienstrukturen und die
Formen der Kinderbetreuung erheblich
verändert. Dieser Bericht
über frühkindliche
Betreuung, Bildung und
Erziehung (FBBE) in
20 OECD-Ländern
beschreibt die sozialen,
wirtschaftlichen,
konzeptuellen und
forschungsrelevanten
Faktoren, die die FBBEPolitik beeinflussen. Dazu
gehören die Ausweitung der
Erwerbsbeteiligung von
Frauen, die Vereinbarung
beruflicher und familiärer
Pflichten in einer für Frauen
gerechteren Weise, die
Bewältigung demografischer Herausforderungen
und insbesondere die
Lösung von Fragen in
Zusammenhang mit
Zugang, Qualität,
Diversität, Kinderarmut und
Bildungsnachteilen. Wie die
einzelnen Länder solche
Fragen angehen, wird
durch ihre Sozial- und
Wirtschaftstradition, ihr
Familienbild und ihre
Einstellung zu Kleinkindern
wie auch durch
Forschungsergebnisse über
die Nutzeffekte
hochwertiger FBBE-Dienste
beeinflusst. Starting Strong
II untersucht, wie die
Teilnehmerländer auf die
Fragen geantwortet haben,
die in der vorherigen
Ausgabe von Starting
Strong (2001) aufgeworfen
wurden. Darüber hinaus
werden neue
Politikinitiativen untersucht,
Politikbereiche identifiziert,
denen die Regierungen
besondere Aufmerksamkeit
schenken müssen, und die
FBBE-Systeme in den
einzelnen
Teilnehmerländern kurz
vorgestellt.
Verwiesen wird in diesem
Kapitel auch auf die
Publikation:
h OECD-Beschäftigungsausblick – Ausgabe 2006:
Mehr Arbeitsplätze, höhere
Einkommen.
67
4
%JFGPSNBMF#JMEVOHJTUGàSEJF&OUXJDLMVOHEFT)VNBOLBQJUBMTWPO
FOUTDIFJEFOEFS#FEFVUVOH%JF4DIVMTZTUFNFGVOLUJPOJFSFOBCFSOJDIU
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Schulbeginn
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OECD Insights: Humankapital
Zur Einleitung…
Wenn man die Schule Les-Compagnons-de-Cartier in Quebec
besucht und den PROTIC-Klassenraum betritt, könnte man fälschlicherweise den Eindruck gewinnen, sich effektiv in einer Nachrichtenredaktion zu befinden. Auf jedem Tisch steht ein offener Laptop,
die Schülerinnen und Schüler dürfen hin- und hergehen und
miteinander über die Projekte reden, an denen sie gerade arbeiten.
Der Lehrer steht nicht vor der Klasse, sondern bewegt sich zwischen
den Schülern, die einzeln oder in Gruppen arbeiten, er überprüft
ihre Arbeit, stellt Fragen und gibt Feedback.
Mit diesem spezifischen Programm sollen die Schülerinnen und
Schüler die Verantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen.
Dabei sollen sie in Gruppen arbeiten, innerhalb gewisser Grenzen
selbst ihre Lernziele formulieren und sich für Nachforschungen
und Kommunikation der Informationstechnologie bedienen. Für
die Lehrer bedeutet dies eine große Umstellung: „… Man muss sich
damit abfinden, nicht mehr die Kontrolle über alles zu haben, was
sich in der Klasse abspielt“, sagt einer von ihnen. „Wir sind nicht
mehr die alleinige Wissensquelle“.
Dies hat wahrscheinlich wenig mit der Art von Schule zu tun, die
die meisten von uns besucht haben. Oder anders gesagt, die Schulen
verändern sich. Selbst wenn wir immer noch das Bild des traditionellen Frontalunterrichts vor Augen haben, ist doch festzustellen, dass
sich die Bildungsvermittlung unter dem Einfluss des sozialen und
wirtschaftlichen Wandels weiterentwickelt: Latein wird durch
Spanisch oder Chinesisch ersetzt, Euklid weicht der modernen
Mathematik und Informatik. Heute, wo der ökonomische Wert der
Bildung – eine Schlüsselkomponente des Humankapitals – steigt,
erfinden sich die Schulen noch einmal neu, was aber leider häufig
nicht so effizient und rasch geschieht, wie es notwendig wäre.
X Das vorliegende Kapitel befasst sich mit der Frage, wie gut die
Schulen junge Menschen bei der Entwicklung ihres Humankapitals
unterstützen. Dabei wird zunächst untersucht, welche Qualifikationen
und Fertigkeiten junge Menschen erwerben müssen und inwieweit die
Schulen ihnen dabei helfen. Sodann werden bestimmte Probleme
betrachtet, denen sich Schulen gegenübersehen – insbesondere
schlechte Unterrichtsqualität und veraltete Lehrmethoden –, und
70
4. Schulbeginn
einige potenzielle Lösungen aufgezeigt. Abschließend wird untersucht, ob die Bildungssysteme den Bedürfnissen junger Menschen
gerecht werden, die schulisch weniger begabt sind.
Lernen die Schülerinnen und Schüler, was sie
brauchen?
W
elche Vorstellungen haben wir von der Schule? Josiah Stamp,
ein britischer Geschäftsmann, beschrieb sie einmal als ein System,
„in dem Inkompetente Unwissenden Unverständliches eintrichtern“.
In jüngerer Zeit erschien ein Bestseller über die französischen
Schulen mit dem Titel: La Fabrique du Crétin (die Idiotenfabrik).
Trotz der Kritik funktionieren die Schulen in vielerlei Hinsicht
recht gut. Weltweit steigt die Zahl der Erwachsenen, die lesen,
schreiben und rechnen können; diese Fertigkeiten haben sie im
Allgemeinen in der Schule erworben. Die Schule ist auch da, um
das „Lernen zu lernen“ – d.h. die Fähigkeit zu entwickeln, an
komplizierte Aufgaben heranzugehen und sich mit komplexen
Gedankengängen auseinander zu setzen.
Grundlegende Kompetenzen
All dies ist sehr nützlich, aber um wirklich effizient zu sein, muss
das Bildungssystem ein breiteres Spektrum an Kompetenzen vermitteln, das den Menschen hilft, in der modernen Welt ihren Weg zu
finden. Kompetenz ist mehr als nur ein Wissensbestand und mehr als
nur eine Fertigkeit. Sie enthält Elemente von beiden, umfasst darüber
hinaus aber auch Denkmethoden und Einstellungen.
Wollen wir beispielsweise an jemand in einem anderen Land eine
Nachricht senden, benötigen wir Wissen, in diesem Fall die Kenntnis
einer oder mehrerer Sprachen. Überdies benötigen wird Fertigkeiten,
konkret wohl die Fertigkeit, eine E-Mail per Computer zu versenden.
Aber um effizient zu kommunizieren, brauchen wir außerdem eine
Denkmethode oder Strategie, die die kulturellen Referenzen der
Person zu verstehen sucht, mit der wir kommunizieren. („Never
underestimate the importance of local knowledge“ – wie ein Werbeslogan der internationalen Bankengruppe HSBC lautet.) All diese
71
OECD Insights: Humankapital
Elemente zusammengenommen – Wissensbestand, Fertigkeiten und
Einstellung/Denkmethode – bilden die Grundbausteine einer
Kompetenz.
Über welche Kompetenzen müssen junge Menschen verfügen? Man
denke an die Welt, in die sie hinausgehen: Es ist eine Welt, in der
immer mehr Menschen ihren Lebensunterhalt in der Wissenswirtschaft verdienen. Zugleich ist es eine Welt, in der die Globalisierung
eine stärkere Interaktion zwischen Personen mit unterschiedlichem
kulturellen Hintergrund bedingt, eine Welt, in der sowohl der Einzelne
als auch die Gesellschaft vor größeren sozialen und wirtschaftlichen
Herausforderungen stehen – angefangen von der Finanzierung der
Altersversorgung bis hin zur Bewältigung des globalen Klimawandels.
In diesem Kontext wurden im Rahmen eines OECD-Projekts drei große
Kompetenzkategorien identifiziert, die bei der Festlegung von
Bildungszielen im Mittelpunkt stehen sollten:
h die Fähigkeit zur effektiven Anwendung von „Instrumenten“ wie
Sprache und Computer;
h die Fähigkeit zur Interaktion mit Personen aus anderen
Kulturkreisen und mit anderem Hintergrund;
h die Fähigkeit zu autonomem Handeln.
Mit den so definierten Kompetenzen ist nicht konkret festgelegt,
was die Schülerinnen und Schüler in der Schule lernen sollen. Sie
bieten aber einen Referenzrahmen zur Beantwortung der Frage, wie
gut junge Menschen für die moderne Welt gerüstet sind. Außerdem
ermöglichen sie die Aufstellung von Zielen sowohl für den schulischen Unterricht als auch den Lernprozess, dem sich der Einzelne
zeit seines Lebens unterziehen muss.
Grundlegende Bedürfnisse
Leider verlassen heutzutage viele junge Menschen die Schule, ohne
diese Kompetenzen entwickelt zu haben, und manchmal fehlt es sogar
an elementaren Fertigkeiten wie Lese- und Schreibkenntnissen. Es gibt
in den verschiedenen Ländern ganz unterschiedliche Zahlen, doch
selbst in Finnland, ein Land, dessen Schüler bei internationalen Tests
außergewöhnlich gut abschneiden, besitzen etwa 12% der jungen
Männer mit Anfang 20 keinen Sekundarstufe-II-Abschluss (bei ihren
weiblichen Altersgenossen beträgt dieser Anteil etwas über 7%; von
72
4. Schulbeginn
wenigen Ausnahmen abgesehen, erwerben in den OECD-Ländern
mehr Mädchen als Jungen einen Sekundarstufe-II-Abschluss.)
Für einige unter diesen Jugendlichen ist die Beendigung der Schullaufbahn vielleicht die richtige Entscheidung. Man denke an Richard
Branson, der die Schule frühzeitig abgebrochen hat – zugegebenermaßen eine recht exklusive Privatschule im Vereinigten Königreich –
und später dann das Musik-, Unterhaltungs- und Luftfahrt-Imperium
Virgin gründete. Für die meisten jungen Menschen jedoch bedeutet
ein vorzeitiger Schulabbruch eine Beeinträchtigung ihrer Perspektiven für den Rest des Lebens. Sie werden geringere Beschäftigungschancen haben und weniger verdienen.
Warum scheitern so viele junge Menschen in der Schule? Eine
berechtigte Frage, vielleicht sollte man aber eher fragen, warum
unsere Schulen ihrem Auftrag nicht gerecht werden. Häufig wird der
Effekt des sozialen Hintergrunds auf die Schüler zitiert. Manchmal
wird effektiv die Auffassung vertreten, dass die Bildungssysteme nur
die Wahl haben: entweder einer kleinen Elite von Schülerinnen und
Schülern eine wirklich gute schulische Ausbildung zu vermitteln,
ohne sich groß um die übrigen Schüler, insbesondere Kinder aus
ärmeren Familien zu sorgen, oder allen Schülern eine recht mittelmäßige Ausbildung zu geben. Dies ist aber eine falsche Alternative.
Denn einigen OECD-Ländern – u.a. Kanada, Finnland, Japan und
Korea – gelingt es, allen Schülerinnen und Schülern ungeachtet ihres
sozioökonomischen Hintergrunds eine solide schulische Bildung
zukommen zu lassen.
Diese Erkenntnisse haben internationale Leistungsvergleiche wie
PISA, die Internationale Schulleistungsstudie der OECD, gebracht. Zu
den Zielen dieser Studie, die 2000 mit der ersten internationalen
Erhebungsrunde begann, gehört es, die Zusammenhänge zwischen
Schülerleistungen, sozioökonomischem Hintergrund und dem
Lernumfeld in Schulen zu untersuchen – Bereiche, die einige der heiß
umstrittensten Themen in der aktuellen Bildungsdebatte berühren.
Nehmen wir beispielsweise die Frage, ob Bildungssysteme
die Kinder nach Kategorien wie schulische Leistungsfähigkeit oder
– effektiv – sozioökonomischem Hintergrund einteilen sollen.
Kinder aus weniger günstigen familiären Verhältnissen werden in
der Schule generell stark benachteiligt, wobei der Zusammenhang
73
OECD Insights: Humankapital
Die OECD und … PISA
Die Teenagerjahre sind eine Periode des
Übergangs, während der die Jugendlichen nach
und nach mehr Rechte und Pflichten der
Erwachsenen übernehmen. In vielen Ländern
setzt dieser Prozess im Alter von etwa 15 oder
16 Jahren ein, wenn sich die Pflichtschulzeit
dem Ende zuneigt und die jungen Menschen mit
Hilfe ihrer Familie entscheiden müssen, ob sie in
der Schule bleiben, eine Ausbildung beginnen
oder einen Arbeitsplatz suchen. Wie gut sind sie
auf derartige Entscheidungen vorbereitet, und
wie gut sind sie für die Welt außerhalb der
Schulmauern gerüstet?
oder Jubel aus. Der eigentliche Wert der PISAStudie liegt aber nicht in der Aufstellung internationaler Rangtabellen der Schülerleistungen,
sondern vielmehr darin, dass sie uns helfen
kann, zu verstehen, warum die Schülerinnen und
Schüler in einigen Ländern und einigen Schulen
ein geringeres Leistungsniveau aufweisen als in
anderen. Gleichzeitig stellt sie die politischen
Entscheidungsträger vor die Herausforderung,
von anderen Ländern zu lernen, denen es
gelingt, Qualität und Chancengerechtigkeit im
Bildungssystem miteinander zu vereinbaren.
Dies ist die Art von Fragen, die die internationale
Schulleistungsstudie PISA zu beantworten sucht.
Die PISA-Tests finden alle drei Jahre statt, und
an der Erhebungsrunde 2003 nahmen über
275 000 Schülerinnen und Schüler aus mehr
als 40 Ländern und Territorien in der ganzen
Welt teil.
In einem zweistündigen Test werden drei
Grundbildungsbereiche evaluiert: Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften. Anders als schulinterne
Leistungsprüfungen sind die PISA-Tests nicht an
spezifische nationale Lehrpläne geknüpft.
Vielmehr sollen die Schüler – alle zwischen
15 und 16 Jahren – das in der Schule
erworbene Wissen auf Situationen anwenden,
denen sie in der realen Welt begegnen können,
wie beispielsweise die Planung einer Route, das
Lesen und Verstehen einer Bedienungsanleitung
für ein elektrisches Gerät oder die Interpretation
einer Tabelle oder Abbildung. Darüber hinaus
liefern die testbegleitenden Fragebogen
Informationen über den sozioökonomischen
Hintergrund der Schülerinnen und Schüler, ihre
Lernmotivation sowie das Lernumfeld ihrer
Schulen.
Die PISA-Ergebnisse werden in den
Teilnehmerländern genau unter die Lupe
genommen und lösen, entsprechend dem
jeweiligen Abschneiden der Schüler, Entsetzen
74
Bei PISA geht es um weit mehr als die reine
Messung der Fähigkeiten von Schülerinnen und
Schülern in verschiedenen Ländern, obgleich
derartige Vergleiche nützlich sein können. Im
Rahmen der Studie wird ein breites Spektrum
an Bildungsfaktoren untersucht, darunter der
Effekt des soziökonomischen Hintergrunds der
Schülerinnen und Schüler, ihre Einstellungen
zum Lernen, geschlechtsspezifische
Unterschiede und vieles mehr. Außerdem
werden die Fähigkeiten der Schülerinnen und
Schüler in den vielfältigsten Bereichen wie
Mathematik, Lesekompetenz und
Problemlösen evaluiert.
4. Schulbeginn
MATHEMATIKTEST
MATHEMATIKTEST
Mathematikleistungen der an PISA 2003 teilnehmenden
Länder (Mittelwerte)
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OECD-Länder
Nicht-OECD-Länder
* Teilgenommen, aber niedrige Beteiligungsquoten
Quelle: Erste Ergebnisse von PISA 2003: Kurzzusammenfassung.
75
OECD Insights: Humankapital
zwischen der Höhe des Familieneinkommens und den Schülerleistungen nicht immer eindeutig ist. Vieles hängt auch von der Art
der Schule ab. Ein Kind beispielsweise, das eine sozial integrierende Schule besucht – in der die Schülerschaft aus unterschiedlichen sozialen Milieus kommt –, erzielt dort wahrscheinlich bessere
Leistungen als in einer Schule, in der alle Kinder einen ähnlichen
sozioökonomischen Hintergrund aufweisen.
„Schülerinnen und Schüler in integrierenden Bildungssystemen
schneiden im Durchschnitt besser ab als solche in selektiven
Bildungssystemen, und ihre schulischen Leistungen sind
weniger von ihrem Hintergrund abhängig.“
School factors Related to Quality and Equity:
Results from PISA 2000
Ebenso gibt es einen Zusammenhang zwischen den Schülerleistungen und dem Niveau der schulischen Integration. PISA zeigt, dass in
Bildungssystemen, in denen junge Menschen mit unterschiedlichen
Fähigkeiten gemeinsam unterrichtet werden, die Schüler bessere Leistungen bringen und der sozioökonomische Hintergrund in der Regel
ein weniger starker Einflussfaktor ist. Die Gründe hierfür lassen sich
nicht mit Sicherheit bestimmen, es kann aber sein, dass gemischte
Klassen helfen, das Leistungsniveau von Kindern anzuheben, die
zunächst nicht besonders gut abschneiden. Überdies ermutigt die
Flexibilität, die integrierende Systeme bieten, die Schüler vielleicht,
ihren Einsatz zu erhöhen, weil sie wissen, dass ihnen ein breiteres
Spektrum an Bildungsmöglichkeiten geboten wird.
Wie können wir die Bildung verbessern?
Wie PISA zeigt, gelingt es einigen Schulsystemen besser als anderen, die Effekte sozialer Benachteiligung zu überwinden. Warum ist
das so? Auf diese Frage gibt es keine einfachen Antworten. Und
selbst wenn es sie gäbe, kann sich eine tiefgreifende Reform des
Schulsystems immer noch sehr schwierig gestalten. Das hängt z.T.
damit zusammen, dass die Bildung, die junge Menschen in den
einzelnen Ländern erfahren, von zahlreichen Faktoren – kultureller,
sozialer, wirtschaftlicher und historischer Natur – beeinflusst wird.
Manche Gesellschaften messen der Bildung einen sehr hohen
76
4. Schulbeginn
Stellenwert bei, was ungeachtet des sozioökonomischen Hintergrunds tief in das Bewusstsein der Menschen eindringen kann.
Ebenso können tiefverwurzelte Traditionen eine Gesellschaft gegenüber Defiziten im Schulsystem blind machen. Bildungspraktiken,
die als „normal“ angesehen werden, könnten für die Schülerinnen
und Schüler effektiv schädlich und in anderen Ländern völlig unbekannt sein.
Die Idee, Lösungen von außerhalb zu importieren, stößt aber häufig auf Ablehnung. In den Vereinigten Staaten vertreten einige Bildungsreformer die Auffassung, dass es für das Land von Vorteil
wäre, das japanische Bildungssystem näher zu studieren, das die
Lehrkräfte kontinuierlich ermutigt, voneinander zu lernen. „Das
wird gewöhnlich mit der Bemerkung abgetan, dass die japanische
Kultur nichts mit unserer Kultur zu tun hat“, kommentierte Brent
Staples von der New York Times, der diese Einstellung bedauert.
Selbst unter Berücksichtigung kultureller und sozialer Unterschiede gibt es keinen Grund, warum Schulsysteme bei ihrem
Bestreben, die Bildungsqualität zu verbessern, indem sie Fragen
wie Unterrichtsqualität, Informationsfluss in den Schulen und
innovative Unterrichtskonzepte angehen, nicht aus den Erfolgen
und Misserfolgen anderer Systeme lernen können.
Zentrale Bedeutung der Lehrkräfte
Die Lehrkräfte sind nicht alle gleich. Es gibt gute Lehrer und
schlechte Lehrer, gut ausgebildete Lehrkräfte und schlecht ausgebildete Lehrkräfte – und auch potenziell hervorragende Lehrkräfte, die
in einem erdrückenden Schulsystem ihr Bestes zu geben versuchen.
Der Einfluss einer Lehrkraft auf die Schüler kann enorm sein. Abgesehen vom sozioökonomischen Hintergrund ist die Qualität des
Unterrichts der wichtigste Bestimmungsfaktor für das Leistungsniveau der Schüler. Einfach gesagt, kommt den Lehrern eine sehr
wichtige Rolle zu.
„Es gibt mittlerweile einen erheblichen Fundus an
Forschungsergebnissen, der darauf hindeutet, dass die
Qualität der Lehrkräfte und ihres Unterrichts zu den
wichtigsten politisch beeinflussbaren Faktoren für die
Schülerleistungen zählt…“
Stärkere Professionalisierung des Lehrerberufs
77
OECD Insights: Humankapital
Trotz ihrer wichtigen Rolle sinkt die Stimmung und Arbeitshaltung
der Lehrkräfte in vielen Ländern. Zum Teil hängt das wahrscheinlich
mit dem sich wandelnden sozialen Status zusammen. In traditionellen
Gesellschaften waren Lehrkräfte – zusammen mit Ärzten und Pfarrern
– manchmal die einzigen Personen in ihrem Ort mit einem höheren
Bildungsabschluss. Heute ist dies in Industrieländern gemeinhin nicht
mehr der Fall, wo der Lehrerberuf nur einer unter vielen ist.
In der Tat besteht die Befürchtung, dass der Lehrerberuf heute
nicht mehr so attraktiv ist wie früher. Mit einigen nennenswerten
Ausnahmen zieht die Lehrerausbildung immer mehr Studenten mit
geringerer akademischer Befähigung an. Für Schulen kann dieser
Mangel an akademischen Spitzenkräften besonders akut werden in
Fächern wie Informatik, Fremdsprachen und Naturwissenschaften.
Nicht jede Person mit guten Qualifikationen in diesen Bereichen ist
bereit, in den Lehrerberuf zu gehen, wenn außerhalb des Bildungswesens besser bezahlte Arbeitsplätze zu finden sind.
Die Lehrergehälter steigen generell, halten aber mit der Lohnentwicklung in anderen Berufen nicht Schritt. Ändern könnte sich das
nur zu Lasten anderer Prioritäten, wie beispielsweise der Reduzierung
der Klassengröße. Zudem ergreifen immer weniger Männer den
Klassengrösse
KLASSENGRÖSSE
Unterschiede in der Klassengröße in
der Sekundarstufe I
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18,5
Ausgewählte OECD-Länder
Quelle: Bildung auf einen Blick 2006.
78
Eltern und Lehrer bevorzugen
kleinere Klassen. Bei einem
begrenzten Bildungsbudget
würde dies aber bedeuten,
dass mehr Lehrkräfte zu
niedrigeren Gehältern
eingestellt werden müssten,
was wiederum die
Unterrichtsqualität
beeinträchtigen könnte.
Daten zu OECD- und zu Partnerländern
sind über den StatLink (siehe unten)
abrufbar
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/108323448085
4. Schulbeginn
Lehrerberuf. Im Durchschnitt der OECD-Länder ist nur jede fünfte
Lehrkraft an der Grundschule ein Mann. Hierdurch entsteht ein
Mangel an männlichen Rollenmodellen in der Schule zu einer Zeit, wo
die Situation der Jungen im Bildungssystem zunehmend Anlass zu
Besorgnis gibt. In der Mehrzahl der OECD-Länder erwerben mehr
Mädchen als Jungen einen Sekundarschulabschluss. Liegt das daran,
dass die Mädchen besser oder die Jungen schlechter sind? Dies ist eine
laufende Debatte, die so bald nicht abgeschlossen sein wird.
All diese Probleme treten in einer schwierigen Zeit für die Schulen zu Tage. Da die Bildung in den 1960er und 1970er Jahren rasch
expandierte, nähern sich viele der damals eingestellten Lehrkräfte
nun dem Rentenalter. Im Durchschnitt ist ein Viertel der Grundschul- und nahezu ein Drittel der Sekundarschullehrer in den
OECD-Ländern über 50 Jahre. In einigen Ländern liegt ihr Anteil
sogar bei nicht weniger als 40%. Sicherlich müssen nicht alle diese
Lehrkräfte ersetzt werden. Generell geht die Zahl der jungen Menschen in den OECD-Ländern von einigen wenigen Ausnahmen
abgesehen, wie Frankreich und die Vereinigten Staaten, derzeit
zurück, so dass in Zukunft weniger Kinder zu unterrichten sind.
Das allein wird aber das Problem des Mangels an guten Lehrkräften
nicht lösen, dem sich viele Länder gegenübersehen. Dies ist besorgniserregend, zumal von den Lehrkräften immer mehr erwartet wird.
Infolge der zunehmenden Migrationsbewegungen unterrichten die
Lehrkräfte z.B. wahrscheinlich Schüler mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund. Sie müssen sich auch in Bezug auf neue Lehrmethoden auf dem Laufenden halten, wobei es vielleicht weniger darauf
ankommt, was gelehrt, sondern was gelernt wird, und, nicht minder
wichtig, wie gelernt wird. Diese Neuausrichtung verlangt von den
Lehrkräften, ihre Arbeitsmethoden zu überdenken. Hinzu kommt die
Notwendigkeit mit Lehrplanveränderungen, neuen Technologien und
neuen Beurteilungsmethoden Schritt zu halten, wodurch ein ohnehin
schon anspruchsvoller Beruf noch komplizierter werden dürfte.
Bessere Lehrkräfte…
Wie lässt sich die Qualität des Unterrichts verbessern? Ein Großteil der Antwort liegt darin, wie Lehrkräfte ausgebildet, eingestellt
und belohnt werden – Prozesse, die aus einer globalen Perspektive
vom Beginn des Lehramtsstudiums bis zum Ausscheiden aus
dem Schuldienst zu betrachten sind. So lässt sich das Reservoir
an potenziellen Lehrkräften z.B. durch Veränderungen im
79
OECD Insights: Humankapital
Ausbildungssystem erweitern, die den Zugang zur Lehrerausbildung nicht auf direkt von der Sekundarstufe oder vom College
kommende Kandidaten beschränken, sondern auch Personen in
verschiedenen Stadien der beruflichen Karriere einen Quereinstieg
ermöglichen. In den Vereinigten Staaten beispielsweise wechseln
jedes Jahr etwa 25 000 Akademiker und Hochschulabsolventen in
den Lehrerberuf, und es gibt Belege dafür, dass diese Quereinsteiger
nicht weniger effektiv unterrichten als ihre in diesem Beruf bereits
seit längerem etablierten Kollegen.
Aus- und Weiterbildungen sind für die Lehrkräfte nützlich, aber um
effizient zu sein, müssen diese über die gesamte Berufslaufbahn koordiniert werden. Ferner kommt es auf die richtige Art der Programme
an. In Finnland beispielsweise müssen Lehrkräfte als Erstausbildung
ein langes Studium mit einem Master-äquivalenten Abschluss absolvieren. Das setzt natürlich erhebliche Investitionen voraus, die manch
andere Länder nicht aufzubringen bereit sind. Ungeachtet des Niveaus
ihrer Erstausbildung ist es wichtig, dass sich die Lehrkräfte während
ihrer gesamten Berufslaufbahn weiter fortbilden.
„Es bedarf einer klaren Definition der Verantwortung, die den
Lehrkräften selbst für ihre Fort- und Weiterbildung zufällt,
sowie der Schaffung von Strukturen, die ihnen die berufliche
Entwicklung erleichtern.“
Stärkere Professionalisierung des Lehrerberufs
Die berufliche Weiterentwicklung kann vielfältige Formen annehmen und im Rahmen von Lehrerkonferenzen, lehrplanspezifischen
Schulungen bei Lehrplanänderungen, Workshops usw. erfolgen. Und
dabei muss es nicht einmal um den Erwerb von Kompetenzen gehen,
die nur für den Unterricht von Belang sind. In Japan beispielsweise
absolvieren neue Lehrkräfte häufig ein einmonatiges Praktikum in so
verschiedenartigen Einrichtungen wie Unternehmen, Pflegeheimen,
Museen usw. Dadurch sollen die Lehrkräfte soziale und unternehmerische Kompetenzen entwickeln und besser verstehen lernen, was
die Gesellschaft von den Schulen erwartet. Entscheidend ist, dass
solche Programme für die Höchstdauer eines Jahres auch bereits
erfahrenen Lehrkräften offenstehen, so dass sie einen besseren Eindruck davon gewinnen können, wie sie selbst, ihre Schulen und ihr
Beruf von der breiteren Öffentlichkeit eingeschätzt werden. Zurück
in der Schule wird dann von ihnen erwartet, dass sie ihre neuen
Erkenntnisse mit ihren Kollegen teilen.
80
4. Schulbeginn
AUS GLOBALER SICHT
Migranten und Bildung
Wie gut schneiden Schülerinnen und Schüler
mit Migrationshintergrund in der Schule ab?
Wie bei so vielen Fragen im Zusammenhang
mit Zuwanderung ist die Antwort auch hier
von einem Nebel an Halbwahrheiten und
vagen Verallgemeinerungen umhüllt. So
werden Migrantenkinder asiatischer
Herkunft häufig für Musterschüler gehalten,
die begabt und leistungsstark sind und von
Eltern angespornt werden, die der Bildung
einen hohen Stellenwert beimessen. Von
Schülern mit anderem Migrationshintergrund glaubt man dagegen eher, dass sie
am Lernen desinteressiert sind und im
Unterricht nicht viel zustande bringen.
Schüler mit Migrationshintergrund bringen
immer schlechte Leistungen.
Falsch: Im internationalen Vergleich sind beim
Leistungsniveau von Schülern mit
Migrationshintergrund große Unterschiede
auszumachen. In Australien, Kanada und
Neuseeland beispielsweise schneiden sie
ebenso gut ab wie die einheimischen Schüler.
In Kanada und Schweden liegen die Leistungen
von Schülern der zweiten Generation deutlich
über denen der einheimischen Schüler. In
vielen der betrachteten Regionen jedoch bleibt
das Leistungsniveau von Schülern mit
Migrationshintergrund leider hinter dem
einheimischer Schüler zurück.
Wo liegt nun die Wahrheit? Um hierauf
einige Antworten zu finden, untersuchte die
PISA-Studie der OECD die Leistungen von im
Ausland geborenen Schülern und von
Schülern der zweiten Generation in
17 Mitglieds- und Nichtmitgliedsländern
bzw. Territorien mit einer umfangreichen
Migrantenbevölkerung. Nachstehend einige
der dabei gewonnenen Erkenntnisse:
Migrantenkinder mit schulischen
Schwierigkeiten werden im späteren Leben
vor erheblichen Herausforderungen
stehen.
Richtig: In den meisten der untersuchten
Regionen weist rund ein Viertel der Schüler
mit Migrationshintergrund ein sehr niedriges
Leistungsniveau in Mathematik auf, was bei
der späteren Arbeitsuche ein ernsthaftes
Handicap sein könnte.
Je größer die Migrantengemeinschaft,
desto geringer die Wahrscheinlichkeit,
dass die Schüler erfolgreich sind.
Falsch: Es gibt keinen wirklichen
Zusammenhang zwischen der Größe der
Migrantenbevölkerung und den Leistungen
der Schüler mit Migrationshintergrund.
Folglich stellt ein hohes Zuwanderungsniveau kein Integrationshindernis dar.
Die Sprache erklärt einige, aber nicht
alle Lernprobleme der Schüler mit
Migrationshintergrund.
Richtig: Die Sprache ist nicht der einzige
Faktor, der für den Rückstand der
Migrantenkinder verantwortlich ist, spielt in
einer Vielzahl der untersuchten Regionen
aber eine bedeutende Rolle, vor allem in
Belgien, Deutschland, Kanada und den
Vereinigten Staaten.
Schüler mit Migrationshintergrund sind
am Lernen desinteressiert.
Falsch: Im Ausland geborene wie auch
Migrantenkinder der zweiten Generation
sind im Hinblick auf das Lernen und die
Schule ebenso motiviert wie ihre
einheimischen Mitschüler – manchmal sogar
noch wesentlich stärker. Diese positive
Einstellung dem Lernen gegenüber ist eine
wichtige Grundlage, auf der Schulen
aufbauen können, um Kindern mit
Migrationshintergrund zum Erfolg zu
verhelfen.
Die Sprachförderung im Aufnahmeland
ist entscheidend.
Richtig: Selbst wenn die PISA-Daten keine
exakten Zahlen hierzu liefern, profitieren
Schüler mit Migrationshintergrund zweifellos
von gut verankerten Systemen der
Sprachförderung im Aufnahmeland, wie sie
sich in Australien, Kanada und Schweden
bewährt haben. Solche Systeme werden
jetzt in mehr Ländern eingerichtet, was
Schülern mit Migrationshintergrund bis zu
einem gewissen Grad helfen dürfte,
bestehende Bildungslücken auszugleichen.
81
OECD Insights: Humankapital
… und bessere Schulen
Ironischerweise wird dieser Prozess des Informationsaustauschs
– der Eckpfeiler der Lehrer-Schüler-Beziehungen – unter den Lehrkräften immer häufiger vermisst. Die Schulen sind auf dem Gebiet
des „Wissensmanagements“ generell nicht auf der Höhe, wie man
im Unternehmensjargon den oft informellen Prozess des Austauschs von Wissen, Erkenntnissen und Erfahrungen innerhalb
bestehender Organisationen bezeichnet. Ziel des Informationsaustauschs ist es, einzelne Personen und Gruppen zum Nachdenken
darüber zu bringen, was funktioniert und was nicht.
Viele Lehrkräfte jedoch tauschen sich hauptsächlich mit ihren
Schülern aus und bringen u.U. relativ wenig Zeit dafür auf, direkt mit
Kollegen zu reden und zusammenzuarbeiten. In der Geschäftswelt
halten es viele Unternehmen für unerlässlich, sich zu „lernenden
Organisationen“ – wieder so ein Jargon – zu entwickeln. Hier wird auf
diesen Prozess des Austauschens von Informationen und Erkenntnissen großen Wert gelegt, und auf der Grundlage des Austauschs werden
Entscheidungen getroffen. Einige OECD-Länder gehen jetzt daran, ein
ähnliches Konzept auf die Schulen zu übertragen.
Formative Beurteilung
Viele Länder fördern auch grundlegendere Innovationen im
Schulunterricht. Ein konkretes Beispiel hierfür ist erneut die kanadische Schule Les Compagnons-de-Cartier, die in starkem Maße auf
die sogenannte formative Beurteilung zurückgreift – ein Konzept,
bei dem ein breites Spektrum an Techniken zur regelmäßigen und
systematischen Prüfung der Lernergebnisse der Schülerinnen und
Schüler eingesetzt wird, so dass der Unterricht ständig auf ihre
Bedürfnisse zugeschnitten werden kann. (Im Gegensatz hierzu
beschränkt sich die traditionelle Abschlussprüfung am Ende des
Jahres, auch summative Beurteilung genannt, auf eine Zusammenfassung der gelernten Inhalte.)
Die formative Beurteilung kann in unterschiedlicher Weise erfolgen. In der erwähnten kanadischen Schule bereiten die Lehrkräfte
den Unterricht sehr gut vor und sie stellen Lernziele auf, ihre Interaktionen mit den Schülerinnen und Schülern sind jedoch eher informeller Art und weniger strukturiert als im traditionellen Unterricht.
Ein Großteil des Lernens erfolgt in Gruppenarbeit an interdisziplinären Projekten. In einem Projekt ging es beispielsweise um die Frage,
82
4. Schulbeginn
ob der Konflikt zwischen Israel und Palästina eher auf religiösen
Unterschieden beruht oder der Notwendigkeit, die Kontrolle über die
knappen Wasserressourcen zu behalten. Zur Beantwortung dieser
Frage mussten die Schülerinnen und Schüler in den Bereichen
Geografie, Religion und Geschichte Nachforschungen anstellen.
„Die Atmosphäre im Klassenzimmer gleicht mehr der in einer
Nachrichtenredaktion oder einem Unternehmensbüro. Es wird
viel geredet, jedoch herrscht im Allgemeinen ein hohes Maß an
Disziplin“.
Formative Assessment: Improving Learning
in Secondary Classrooms
Im Vorfeld einer derartigen Projektarbeit verbringen die Lehrkräfte
sehr viel Zeit damit, den Schülerinnen und Schülern verständlich zu
machen, worauf es bei einer guten Arbeit ankommt, und zu erklären,
wie sie ihre eigenen und die Leistungen ihrer Mitschüler konstruktiv
beurteilen und Lernstrategien wie das Brainstorming entwickeln
können. Mit diesem Hintergrundwissen sind die Schülerinnen und
Schüler dann in der Lage, die Arbeit der Gruppenmitglieder zu
bewerten, indem sie sich gegenseitig Fragen stellen, um Details
näher zu erläutern oder Unklarheiten zu beseitigen. Ein Teil der
Projektarbeit findet sogar außerhalb der Unterrichtszeiten statt: Die
Schülerinnen und Schüler nehmen ihren Laptop mit nach Hause und
kommunizieren über diesen miteinander. (Der Einsatz von Computern wird in der formativen Beurteilung aber nicht vorausgesetzt.)
Alle neun Tage halten die Schülerinnen und Schüler schriftlich
fest, was sie gelernt haben. Diese Aufzeichnungen gehen an die
Lehrkraft, die ihre Kommentare hierzu in einem Berichtsheft oder
einer Mappe einträgt. Auf der Grundlage dieser Berichte und des
Lehrerfeedback können die Schülerinnen und Schüler analysieren,
was sie hätten anders machen können und ihre künftige Lernstrategie
entsprechend anpassen. Somit haben die Schülerinnen und Schüler
eine echte Kontrolle über ihre Lernweise. Außerdem entwickeln sie
ein Verständnis für den Lernprozess und ein Bewusstsein dafür, wie
sie durch diesen hindurchsteuern müssen. „Ich schaue mir mein
Zeugnis regelmäßig an“, erklärt einer der Schüler „und sage mir
dann, ja, das sind die Bereiche, an denen ich in den kommenden
Monaten arbeiten will“. Neben dem positiven pädagogischen Effekt
auf ihre schulischen Leistungen scheinen die Schülerinnen und
Schüler diese Form des Lernens auch zu genießen: „Im Vergleich zu
83
OECD Insights: Humankapital
meiner alten Schule wird mir hier wesentlich mehr Stolz auf meine
eigene Arbeit vermittelt“, sagt ein anderer Schüler, „hier geht es nicht
um Zensuren, sondern das Ergebnis unserer Projektarbeit“.
Obwohl die formative Beurteilung, die derzeit zu den meistdiskutierten Bildungsthemen zählt, viele Formen annehmen kann, gibt es
doch eine Reihe gemeinsamer Merkmale: Die formative Beurteilung
ist systematisch und nicht dem Zufall überlassen, sie stellt klare
Lernziele für die Schülerinnen und Schüler auf und verfolgt die
diesbezüglichen Fortschritte kontinuierlich, sie bezieht die Schülerinnen und Schüler aktiv in den Lernprozess ein, sie fördert die
Interaktion zwischen Schüler und Lehrer sowie unter den Schülerinnen und Schülern, sie bietet Vielfalt, sowohl in Bezug auf die Art
des Lernens als auch die Beurteilungsmethoden, gibt Feedback und
passt den Unterricht den individuellen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler an.
„Wenn die formative Beurteilung als Rahmen für die
Unterrichtsgestaltung eingesetzt wird, ändern die Lehrkräfte
die Art und Weise, wie sie mit den Schülern interagieren, wie
sie Lernsituationen aufbauen und die Schüler an die Lernziele
heranführen. Und vielleicht ändern sie sogar ihre Vorstellung
von schulischem Erfolg.“
OECD Policy Brief: Formative Assessment
Funktioniert das Konzept? Forschungsarbeiten zeigen, dass derartige Methoden außergewöhnlich effizient sein können. In dem
Bericht über ein OECD-Projekt, bei dem Methoden der formativen
Beurteilung in einer Reihe von Ländern untersucht wurden, heißt
es, dass dies „eine der wichtigsten jemals betrachteten Interventionen zur Förderung eines hohen Leistungsniveaus“ sein könnte.
Warum halten Innovationen dieser Art dann nicht stärkeren Einzug ins Klassenzimmer? Ein Problem besteht darin, dass es für die
Lehrkräfte nicht immer einfach ist, die formative Beurteilung mit
wichtigen traditionellen Prüfungen zu verbinden. In vielen Ländern
sind es wohl oder übel die traditionellen Abschlussprüfungen, die
für die Aussichten der Schüler im Hinblick auf weiterführende
Bildung und Beschäftigung nach wie vor ausschlaggebend sind,
und die Lehrkräfte stehen u.U. unter großem Druck, Prüfungswissen zu vermitteln, d.h. sich nur auf die Fertigkeiten oder Kenntnisse
zu konzentrieren, die den Schülern helfen, die jeweilige Prüfung zu
84
4. Schulbeginn
bestehen. Aber warum sollten die Lehrkräfte mit einer entsprechenden Schulung nicht lernen, die formative Beurteilung in Systeme zu
integrieren, die die Schüler auf Abschlussprüfungen vorbereiten.
Wie kann die Reichweite der Bildung erhöht
werden?
Ganz gleich wie viele Neuerungen im Unterricht eingeführt werden, es wird immer junge Menschen geben, die glauben, dass die
Schule nichts für sie ist. Nehmen wir als Beispiel den Fall von
Kanako Mizoguchi, einem japanischen Mädchen, das im Alter von
14 Jahren beschloss, zu Hause in ihrem Zimmer zu bleiben. „Es fällt
mir immer noch schwer, mein Verhalten zu begründen“, erzählte sie
einem Journalisten, „ich hatte das Gefühl, unsichtbar zu werden,
wie jemand, der wegradiert wird. Ich dachte wirklich, dass ich
explodieren und etwas Böses tun würde.“ Das Mädchen verbrachte
die folgenden fünf Jahre in ihrem Zimmer. Ein Beispiel für ein
Phänomen, das in Japan unter der Bezeichnung hikikomori bekannt
ist, was soviel wie sozialer Rückzug bedeutet.
Bestandenes abitur
BESTANDENES ABITUR
Der Anteil junger Menschen mit
Sekundarstufe-II-Abschluss
nd
hla
%
100
90
80
70
60
50
40
30
20
10
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2004
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OECD-Durchschnitt
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91
iko
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83
78
M
75
53
38
Ausgewählte OECD-Länder
Quelle: Bildung auf einen Blick 2006.
Die meisten jungen
Menschen – d.h. vier von
fünf – schließen in den
OECD-Ländern die
Sekundarstufe II ab.
Damit verbleibt aber
immer noch eine recht
große Gruppe von
Personen, denen dies
nicht gelingt und deren
Beschäftigungsaussichten
dadurch stark
beeinträchtigt werden
können.
Daten zu OECD- und zu Partnerländern
sind über den StatLink (siehe unten)
abrufbar
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/141843246636
85
OECD Insights: Humankapital
STANDPUNKT
Janet Cohen
Warum schneiden 15-jährige Finnen bei
internationalen Tests so gut ab? Janet Cohen,
eine Reporterin für die BBC-Sendung „The
World Tonight“ reiste nach Finnland, um dies
herauszufinden (nachstehend Auszüge aus der
Reportage).
Cohen: Es ist 8 Uhr morgens, wir befinden uns
in der Innenstadt von Helsinki. Hier in der
Arabia-Schule wird zu dieser Zeit Eishockey
gespielt. Die Schule wird von Kindern zwischen
7 und 16 Jahren besucht, die größtenteils aus
diesem Stadtviertel kommen. Der aufsichtsführende Lehrer Mikko Autio glaubt, dass es gut
für die Schüler ist, den Tag mit Sport zu
beginnen.
Autio: Das ist sehr wichtig, wissen Sie. Nach
dem Sport gehen die Schüler frisch und
lernbereit in den Unterricht.
Cohen: Offensichtlich lohnt sich die Anstrengung:
Junge Finnen zählen zusammen mit Schülern
aus Korea und Japan weltweit zu den Besten in
Mathematik, Lesekompetenz und Problemlösen.
Noch bemerkenswerter ist, dass Finnland die
geringste Zahl an leistungsschwachen Schülern
aufweist und dass Kinder aus ärmeren Milieus
fast genauso gut abschneiden wie Kinder aus
bessergestellten Verhältnissen. Was ist also das
Geheimnis? Die Leiterin der Arabia-Schule Kaisu
Kärkkäinen hat darauf eine einfache Antwort.
Kärkkäinen: Das Geheimnis? Die Lehrkräfte, die
Lehrkräfte und nochmals die Lehrkräfte. Sie sind
der wichtigste Faktor. Hinzu kommt, dass wir uns
gut um Kinder mit besonderen Bedürfnissen
kümmern und ihrer Förderung viele
Unterrichtsstunden widmen.
Cohen: Oben arbeitet die Klasse von Mikko Autio
gerade an Projekten über die nordische Kultur,
von Schriftstellern bis hin zu Themenparks. Auch
in Finnland gibt es einen nationalen Lehrplan,
aber die Freiheiten, die finnische Lehrkräfte
haben, würden britische Lehrkräfte in Erstaunen
versetzen.
Autio: Ich richte mich nach keinem wöchentlichen Stundenplan. Gibt es ein Fach, in dem wir
mehr tun müssen, wie beispielsweise
Mathematik, machen wir einen ganzen Tag lang
nur Mathematik! Und manchmal, wenn wir den
ganzen Tag Ski fahren wollen, ist das auch ok.
Cohen: Unten im Englischunterricht interviewen
sich die 14-Jährigen gegenseitig über ihre
Hobbys. Es wird Grammatik durchgenommen, der
Akzent liegt aber auf den Dingen, die die Schüler
interessieren. Prüfungen werden zwar durchgeführt, sie spielen aber keine entscheidende
Rolle. Es gibt keine Schuleignungstests, keine
Rangfolgetabellen und keine Noten vor dem 15.
Lebensjahr und auch keine Schulinspektionen.
Laut der Englischlehrerin Riitta Severinkangas
haben die Lehrkräfte das Ruder in der Hand.
86
Severinkangas: Ich denke, das Vertrauen in
unsere professionelle Kompetenz ist recht groß
und wir sind sehr autonom. Wenn ich will, kann
ich den Unterricht sehr kreativ gestalten.
Cohen: Natürlich ist das System nicht unfehlbar,
und es gibt eine Reihe von Schülern mit
besonderen Bedürfnissen, die in einer kleinen
speziellen Klasse gruppiert sind … Insgesamt
sind aber Klassen mit heterogenem Niveau die
Regel. Hat ein Kind Probleme, wird der Klasse
eine zusätzliche Lehrkraft zugeteilt und das Kind
erhält einen auf seine individuellen Bedürfnisse
zugeschnittenen Lehrplan, der vom Sozialteam
der Schule, das Psychologen und Sozialarbeiter
umfasst, ausgearbeitet wird. Außerdem haben
alle Lehrkräfte eine Schulung zum Umgang mit
Kindern mit besonderen Bedürfnissen
absolviert. Wir sprechen mit der
Klassenlehrerin Eine Liinanki.
Liinanki: Finnische Lehrkräfte sind sehr gut
ausgebildet, und die Regierung hat eine Menge
investiert, um dieses System aufzubauen und
funktionsfähig zu machen.
Cohen: In Finnland absolvieren alle
Lehramtsstudenten einen Master-Studiengang,
der bis zu sechs Jahren dauern kann und
gebührenfrei ist. So überrascht es nicht, dass
der Andrang zu diesem Studium groß ist, es
werden aber nur 13% der Bewerber
zugelassen. Der Lehrerberuf genießt hohes
Ansehen, was laut Patrik Scheinin, Professor
für Erziehungswissenschaften an der Universität
von Helsinki, historisch begründet ist.
Scheinin: In früheren Zeiten hat die Kirche in
Finnland beim Lesenlernen eine fördernde Rolle
gespielt. Man musste einen Text aus der Bibel
lesen können, um heiraten zu dürfen. Das war
ein starker Anreiz. Später nutzte die finnische
Nationalbewegung dieses Instrument, damit die
Finnen ihre eigene Literatur, ihr eigenes
Schulsystem und ihre eigene Lehrerausbildung
entwickelten, um ein unabhängiger Staat zu
werden, was erklärt, warum die Lehrkräfte
immer noch als eine Art Nationalhelden
angesehen werden.
Cohen: Die Lehrkräfte geben also den Ton an. In
Finnland kommt eine Lehrkraft auf 14 Kinder,
verglichen mit einer Lehrkraft für 20 Kinder im
Vereinigten Königreich. Alles ist darauf
ausgerichtet, die Möglichkeit des Misserfolgs
auszuschließen. Zyniker sagen, dass diese
universelle Kompetenz auf Kosten der Exzellenz
geht. Indessen werden Forderungen nach
Rangfolgetabellen und einem stärker
zentralisierten Lehrplan angesichts des Erfolgs
finnischer Schüler bei internationalen
Vergleichsstudien und vor allem auf Grund des
Vertrauens des Landes in seine Lehrkräfte
zunehmend leiser.
© 2006 BBC
4. Schulbeginn
Bei Kanako handelt es sich um einen Extremfall, sie ist aber repräsentativ für eine größere Gruppe von jungen Menschen, die aus
einer Vielzahl von Gründen – psychologischer, sozialer, kultureller
Natur – dem Bildungssystem und der Berufswelt fernbleiben. Diese
Personen, die sich weder in Beschäftigung noch in Bildung oder
Ausbildung befinden, werden im englischen als „NEETs“ (not in
employment, education or training) bezeichnet. In vielen OECDLändern, nicht nur in Japan, wächst die Besorgnis über die Probleme, denen sich diese jungen Menschen gegenübersehen.
In den Industrieländern schließen etwa 80% der jungen Menschen die Sekundarschule ab, während rd. 20% die Schule ohne
Abschluss verlassen. Unabhängig von der Bildungsexpansion
scheint dieser harte Kern recht stabil zu bleiben. „Das ist meiner
Überzeugung nach einer der Gründe für das wieder sehr viel stärkere Interesse der Bildungsministerien an der beruflichen Bildung“,
sagt Greg Wurzburg von der OECD.
Die berufliche Bildung, die junge Menschen auf einen spezifischen Beruf, wie beispielsweise Schreiner, vorbereiten soll, ist in
vielen Ländern in den Hintergrund getreten, so Wurzburg. „Das
Spektrum der Interessen und Fähigkeiten der Schülerinnen und
Schüler hat sich erweitert“, erklärt er, „aber die Auswahlmöglichkeiten an Schulen sind mit der Abwertung der beruflichen Bildung
in einigen Ländern geringer geworden.“
Jetzt zeigen die Regierungen wieder ein zunehmendes Interesse
an einer Rehabilitation der beruflichen Ausbildung, manchmal mit
kontroversen Ergebnissen. Nach den Krawallen von 2005 kündigte
die französische Regierung Pläne an, das Mindestalter für Auszubildende auf 14 Jahre herabzusetzen. „Damit beabsichtigt die Regierung nicht wirklich, diesen jungen Menschen einen Arbeitsplatz zu
vermitteln, sondern sie aus einem Schulsystem zu nehmen, in dem
sie scheitern“, erklärte Bernard Hugonnier von der OECD gegenüber
der International Herald Tribune. „Offen gesagt, geht es darum, sie
von der Straße zu holen.“ Aber nicht alle Bildungsalternativen sind
so umstritten. Einige Länder entwickeln derzeit Ausbildungsprogramme, in deren Rahmen junge Menschen am Arbeitsplatz lernen
und meistens außerdem auf Teilzeitbasis eine Schule besuchen.
87
OECD Insights: Humankapital
„Eine stärkere Konzentration auf kurze Ausbildungsprogramme
kann dazu beitragen, die Interessen der Schülerinnen und
Schüler und die des Arbeitsmarkts besser miteinander in
Einklang zu bringen“.
The New Economy: Beyond the Hype
Dieser Trend setzt sich auch verstärkt in der tertiären Bildung
durch, wo ganz neue Lerninstitutionen entstehen, die den Schwerpunkt mehr auf die praktische als auf die theoretische Seite legen.
Ende der 1990er Jahre führte Ungarn z.B. kurze Studiengänge ein,
die speziell dem Bedarf der Industrie gerecht werden sollen, und in
Mexiko wurden technische Universitäten gegründet, die zweijährige Studiengänge mit Inhalten anbieten, die direkt auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts zugeschnitten sind.
Da Humankapital im Hinblick auf die Fähigkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen, eine immer größere Rolle spielt, gewinnen
derartige Ansätze noch weiter an Bedeutung. Es ist für die Gesellschaften ausgesprochen wichtig, den Bildungsbedürfnissen aller
jungen Menschen gerecht zu werden, und nicht nur denen der
besonders Begabten. Wenn dies nicht geschieht, könnte der dafür zu
zahlende Preis sehr wohl in wachsender sozialer Ungleichheit und
langsamerem Wirtschaftswachstum bestehen.
88
4. Schulbeginn
Weitere OECD-Studien zu diesem Thema
h Bildung auf einen Blick
(erscheint jährlich)
In allen OECD-Mitgliedstaaten
suchen die Regierungen
nach politischen Ansätzen
und Maßnahmen, um das
Bildungswesen effektiver zu
gestalten, während sie sich
gleichzeitig um zusätzliche
Ressourcen für die sich
wandelnde Bildungsnachfrage bemühen. Bildung
auf einen Blick ermöglicht es
den Ländern, ihre
Leistungen in einem
internationalen Kontext zu
vergleichen. Anhand eines
breiten Spektrums aktueller
und vergleichbarer
Indikatoren wird in der
Veröffentlichung untersucht,
wer an Bildung teilnimmt,
was für Bildung ausgegeben
wird und wie die einzelnen
Bildungssysteme
funktionieren. Ferner befasst
sich die Publikation mit den
Ergebnissen von
Bildungssystemen, die von
Vergleichen der
Schülerleistungen bis zu den
Auswirkungen von Bildung
auf das Einkommen und die
Beschäftigungsmöglichkeiten
von Erwachsenen reichen.
h Lernen für die Welt von
morgen: Erste Ergebnisse
von PISA 2003 (2004)
Sind die Schülerinnen und
Schüler gut auf die Herausforderungen der Zukunft
vorbereitet? Können sie
analysieren, logisch denken
und ihre Ideen effektiv
kommunizieren? Verfügen
sie über die notwendigen
Kapazitäten für lebenslanges Lernen? Diese
Fragen werden von Eltern
und Schülern, der
Öffentlichkeit und
Bildungsverantwortlichen
immer wieder gestellt.
Lernen für die Welt von
morgen stellt erste
Ergebnisse von PISA 2003
vor und geht weit über die
Untersuchung der relativen
Position der Länder in
Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz
hinaus, um jene Länder
besonders herauszustellen,
denen es gelingt, hohe
Leistungsstandards zu
erzielen und zugleich eine
gerechte Verteilung der
Bildungschancen zu
gewährleisten. Lernen für
die Welt von morgen ist nur
eine aus einer großen Zahl
von Veröffentlichungen über
die PISA-Studie der OECD.
h Stärkere Professionalisierung des Lehrerberufs: Wie gute Lehrer
gewonnen, gefördert und
gehalten werden können
(2005)
Diese Publikation enthält
eine umfassende internationale Analyse der
Trends und Entwicklungen
im Hinblick auf den
Lehrerberuf in 25 Ländern
der Welt. Sie befasst sich
mit Forschungsarbeiten zum
Thema Anwerbung,
berufliche Entwicklung und
Sicherung des Verbleibs
guter Lehrkräfte, zeigt
innovative und erfolgreiche
Maßnahmen und Praktiken
auf, die von den Ländern
umgesetzt wurden und
betrachtet Optionen, die die
Länder in der Lehrerpolitik in
Erwägung ziehen könnten.
Neben der Dokumentierung
vieler als problematisch
empfundener Aspekte im
Zusammenhang mit
Lehrkräften und
Lehrtätigkeit enthält der
Bericht auch positive
Beispiele für Maßnahmen,
mit denen wirklich etwas
erreicht wurde. In einer Zeit,
wo sich viele Länder dem
Problem einer alternden
Lehrerschaft und
Schwierigkeiten bei der
Einstellung von Junglehrern
gegenübersehen, bietet
diese Veröffentlichung
Einblick in Möglichkeiten, wie
die Regierungen diese
Probleme erfolgreich
bewältigen können.
h Formative Assessment:
Improving Learning
in Secondary
Classrooms (2005)
Die mit formativer
Beurteilung assoziierten
Leistungsverbesserungen
– d.h. einer häufigen
Evaluierung der Schülerfortschritte zum Zweck der
Identifizierung der
Lernbedürfnisse und einer
darauf ausgerichteten
Unterrichtsgestaltung –
zählen, wie es heißt, zu den
größten, die durch Bildungsinterventionen jemals
erreicht wurden. Viele
Lehrkräfte lassen zwar
Aspekte der formativen
Beurteilung in ihren
Unterricht einfließen, eine
systematische Anwendung
der formativen Beurteilung
ist aber eher eine Seltenheit. Der Bericht Formative
Assessment enthält
repräsentative Fallstudien
aus Sekundarschulen in
mehreren Ländern, die
aufzeigen, wie formative
Beurteilung in die Praxis
umgesetzt werden kann.
Verwiesen wird in diesem
Kapitel auch auf die
Publikation:
h The New Economy:
Beyond the Hype: The OECD
Growth Project (2001).
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OECD Insights: Humankapital
Zur Einleitung…
Mit seinen blauen Shorts und grauen Socken sieht Kimani
Nganga Maruge aus wie jeder andere kenianische Schuljunge. Mit
einer Ausnahme: Er ist über 80. In einem Alter, in dem selbst die
aktivsten Rentner etwas kürzer treten, beschloss Herr Maruge, lesen
und schreiben zu lernen. Das war vor ein paar Jahren. Als in Kenia
die kostenlose Grundschulbildung eingeführt wurde, nahm er kurzerhand eine Hose, kürzte sie auf Knielänge und schlenderte zur
Schule in seinem Ort. Die Schuldirektorin Jane Obinchu hielt das
Ganze für einen Scherz, wollte ihm aber eine Chance geben.
„Wir dachten, er würde vielleicht eine Woche durchhalten und
dann aufgeben“, erzählte Frau Obinchu einem Journalisten. „Aber er
ist am Ball geblieben.“ Maruge will lesen lernen, damit er die Bibel
selbst lesen kann. Auch Mathematik ist für ihn wichtig. Als Veteran
des kenianischen Unabhängigkeitskriegs in den 1950er Jahren hofft
er auf eine staatliche Entschädigungszahlung. „Ich will rechnen
lernen, damit ich mein Geld zählen kann“, so seine Erklärung. Von
seiner Geschichte beeindruckt, luden die Vereinten Nationen Herrn
Maruge 2005 nach New York ein, um einem breiteren Publikum den
Nutzen der Bildung näher zu bringen. In der Quintessenz lautete
seine Botschaft: „Zum Lernen ist man nie zu alt.“
Diese Botschaft ist heute zutreffender denn je und gilt für einen 85jährigen Großvater in Kenia ebenso wie für einen 55-jährigen Manager in Kyoto oder einen 25-jährigen Absolventen in Kansas. Denn in
einer Welt, in der der ökonomische Wert der Bildung steigt, kann es
sich einfach niemand mehr leisten, sein Humankapital nach dem
Schul- oder Universitätsabschluss nicht mehr weiterzuentwickeln.
Erwachsenenbildung ist nicht allein aus Verdienstgründen wichtig.
In vielen Ländern müssen die Menschen heute Entscheidungen in
Bereichen treffen, die früher weitgehend, wenn nicht gar ausschließlich dem Staat überlassen waren – Renten, Schulausbildung der Kinder, medizinische Versorgung usw. Um dabei die richtige Wahl treffen
zu können, müssen sie sich über eine Vielzahl von Veränderungen und
Trendentwicklungen auf dem Laufenden halten. Man kann auch einfach aus Freude lernen – und hierfür werden viele Menschen mit weiter zunehmender Lebenserwartung mehr Zeit haben.
92
5. Für das Leben lernen
X Dieses Kapitel befasst sich mit dem Thema Erwachsenenbildung
und geht der Frage nach, wem sie zuteil wird und wem nicht. Es
untersucht die Barrieren, die Erwachsene daran hindern, ihre
Fähigkeiten und ihr Wissen weiter auszubauen. Zudem wird aufgezeigt, was die Einzelnen, die Arbeitgeber und die staatlichen Stellen
tun können, um solche Hemmnisse zu beseitigen.
Wer braucht Weiterbildung?
W
ir werden älter, nicht nur als Einzelpersonen, sondern auch als
Gesellschaften. Sinkende Geburtenraten und höhere Lebenserwartung
lassen die Bevölkerung der Industrieländer zunehmend ergrauen.
Folglich werden sich unsere Gesellschaften in den kommenden Jahren
auf einen immer kleineren Teil von Erwerbstätigen stützen.
Daher überrascht es nicht, dass viele Staaten ihre Bevölkerung
ermuntern, sich, wenn man so sagen kann, mit dem Gedanken an eine
längere Lebensarbeitszeit anzufreunden. Aber um wie viel länger soll
diese Arbeitszeit sein? Nach Auffassung von Shripad Tuljapurkar,
einem Forscher an der kalifornischen Universität Stanford, könnte das
Rentenalter bei weiteren lebensverlängernden Fortschritten in der
Medizin Mitte dieses Jahrhunderts 85 Jahre betragen.
Bei diesem Gedanken bekommt man eventuell ein mulmiges
Gefühl. In mancher Hinsicht ist es aber vielleicht gar nicht so
schlecht, zumindest einige Jahre länger zu arbeiten, denn leider
zeigen die Statistiken, dass Frührentner ihren Ruhestand nicht unbedingt genießen können. Bei einer Studie über Mitarbeiter der Ölgesellschaft Shell wurde festgestellt, dass bei Arbeitnehmern, die mit
55 Jahren in den Ruhestand treten, die Wahrscheinlichkeit, innerhalb
von 10 Jahren zu sterben, doppelt so hoch war wie bei Personen, die
mit 60 oder 65 Jahren in Rente gingen. (In der Studie wurde z.T.
berücksichtigt, dass sich die Frührentner u.U. aus gesundheitlichen
Gründen aus dem Erwerbsleben zurückgezogen hatten.) Auch wenn
wir es nicht unbedingt zugeben wollen, kann Arbeit doch eine Quelle
für Wohlbefinden und Zufriedenheit sein.
93
OECD Insights: Humankapital
Wenn wir länger erwerbstätig bleiben wollen, müssen wir auch
unsere Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse – also unser
Humankapital – ständig verbessern. Schließlich hat jemand, der
Mitte 60 noch erwerbstätig ist, seine Erstausbildung bereits vor
mehr als vier Jahrzehnten abgeschlossen, und seither hat sich mit
Sicherheit vieles verändert.
Wen dies nicht überzeugt, der sollte sich vergegenwärtigen, was
sich in den letzten 40 Jahren alles verändert hat. In den 1960er Jahren
war in kaum einem Land die Diskriminierung von Frauen am
Arbeitsplatz gesetzlich verboten. Soweit es überhaupt Bürorechner
gab, standen sie in einem separaten Raum und wurden von Büroangestellten manuell mit Daten gefüttert. Und das Internet war noch
nicht mehr als eine Vision, die einem Militärstrategen vorschwebte.
Nun stelle man sich mal die Entwicklungen vor, zu denen es in den
nächsten 40 Jahren kommen wird. Wer dann in der Arbeitswelt bestehen will, wird nicht umhin können, sich permanent weiterzubilden.
Nachholbedarf
Nachholbedarf haben wir natürlich alle, vor allem aber Personen,
die von Anfang an bildungsmäßig benachteiligt waren. Obwohl die
Lese- und Rechenkompetenz im gesamten OECD-Raum gestiegen ist,
gibt es in den meisten Ländern noch immer einen gewissen – und
manchmal recht großen – Anteil von Erwachsenen, die mit Lesen,
Schreiben und mathematischen Grundkenntnissen so ihre Schwierigkeiten haben. Einer von der OECD getragenen Studie zufolge verfügt mindestens ein Viertel der Erwachsenen in den betrachteten
Ländern nur über minimale Lesekompetenzen. Viele von ihnen
enden in geringqualifizierten Tätigkeiten, die ein geringes Bildungsniveau erfordern und daher besonders von einer Verlagerung in
Niedriglohnländer bedroht sein könnten.
Die Expansion der Bildungsbeteiligung im Sekundar- und Tertiärbereich hat die Lage für geringqualifizierte Arbeitnehmer noch weiter
erschwert. Das liegt z.T. daran, dass die beruflichen Tätigkeiten heute
mit komplexeren Anforderungen verbunden sind und mindestens
grundlegende Lese- und Rechenkompetenzen voraussetzen. Andererseits spiegelt sich darin u.U. auch die Diplomitis (siehe Kapitel 2)
und Praxis des Screening wider – d.h. die Tendenz der Arbeitgeber,
die Bewerber nach Mindestqualifikationen „auszusieben“, selbst
wenn diese Qualifikationen für den betreffenden Arbeitsplatz nicht
unbedingt erforderlich sind.
94
5. Für das Leben lernen
Ergrauende Bevölkerung
ERGRAUENDE BEVÖLKERUNG
Rentner im Verhältnis zu Erwerbspersonen
Die Zahl der Rentner im Verhältnis zur Erwerbsbevölkerung nimmt zu.
Der Wert von knapp über 50 für Japan (in der nachstehenden
Abbildung) zeigt beispielsweise an, dass im Jahr 2020 auf 100
Erwerbspersonen etwas mehr als 50 Rentner kommen werden,
während es im Jahr 2000 noch weniger als 27 waren.
2000
2020
Anzahl der Rentner je 100 Erwerbspersonen
10
20
30
40
50
60
Ungarn
Italien
Frankreich
Japan
Griechenland
Finnland
Polen
Belgien
Schweden
Deutschland
Österreich
Spanien
Tschech. Republik
Dänemark
Slowak. Republik
Ver. Königreich
OECD insgesamt
Australien
Niederlande
Luxemburg
Norwegen
Kanada
Korea
Schweiz
Neuseeland
Portugal
Ver. Staaten
Irland
Türkei
Island
Mexiko
Die Bevölkerung altert in allen OECD-Ländern, was bedeutet, dass in Zukunft eine wachsende Zahl von
Rentnern auf die finanzielle Unterstützung von immer weniger Erwerbspersonen angewiesen sein wird.
Daher überrascht es nicht, dass die Regierungen in den Industrieländern ihre Bevölkerung auf längere
Lebensarbeitszeiten einstimmen.
Daten im Excel-Format sind über den StatLink (siehe unten) abrufbar
Quelle: Die OECD in Zahlen und Fakten 2006.
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/173116830105
95
OECD Insights: Humankapital
Wie dem auch sei, fest steht zumindest, dass Personen mit niedrigem
Bildungsniveau wirtschaftlich gesehen nicht mit der übrigen Bevölkerung mithalten können. Dies zeigt sich u.a. daran, dass sich seit
den 1980er Jahren die Lohnschere zwischen Arbeitnehmern in Abhängigkeit vom Bildungsniveau in zahlreichen OECD-Ländern ausweitet.
„… Die Expansion der Nachfrage nach Tertiärbildung dürfte
nicht den sozial Benachteiligten zugute gekommen sein, und sie
hat die Arbeitsmarktlage für Geringqualifizierte möglicherweise
sogar noch weiter verschlechtert.“
Vom Wohlergehen der Nationen
Einige Analysten gehen noch weiter und argumentieren, dass heutzutage die großen Einkommensungleichheiten nicht mehr zwischen
Personen mit und solchen ohne Tertiärbildung bestehen, sondern
vielmehr zwischen den absoluten Spitzenverdienern und allen anderen. Nach Angaben, die der amerikanische Ökonom Paul Krugman
vorgelegt hat, ist das Einkommen der wohlhabendsten 10% der Amerikaner im Zeitraum 1972-2001 um 34% gestiegen. Die Allerreichsten 0,01% verbuchten dagegen einen Zuwachs von 497%. Nach
Ansicht von Krugman und anderen Beobachtern stellt die Herausbildung solcher kleinen, aber enorm reichen Eliten eine Gefahr für den
sozialen Zusammenhalt dar. Dem halten Kritiker entgegen, dass die
Einkommen von Spitzenkräften gewiss rasant gestiegen sind, aber
Absolventen des Tertiärbereichs im Vergleich zu Personen, die nicht
über einen Sekundarschulabschluss hinausgekommen sind, immer
noch wesentlich höhere Einkommen erzielen.
Ist die Erwachsenenbildung ein Instrument, das Bildungsdefizite
ausgleichen kann? Ja gewiss, wenn auch nicht immer in dem Maße,
das wünschenswert wäre. Der Bildungserwerb im Laufe des Lebens
ist mit einem Hausbau vergleichbar. Bei einem soliden Fundament
bestehen gute Chancen, dass das Haus über viele Jahre stabil bleibt.
Ist das Fundament schlecht, sind zahlreiche Reparaturen notwendig, um dem Haus Halt zu geben. Gleichwohl kann die Erwachsenenbildung wirkliche Vorteile bringen und lohnt sich daher für den
Lernenden.
96
5. Für das Leben lernen
AUS GLOBALER SICHT
Gewinner und Verlierer
Immer wieder gibt es Schlagzeilen wie diese:
„Massenentlassungen in Kanadas Industrie
– schuld sind die starke Währung und
Billigimporte aus China“, „Telstra will weitere
425 Jobs nach Indien auslagern“, „Credit
Suisse erwägt Verlagerung von
5 000 Stellen nach Osten“.
In den Medien wird regelmäßig vor der
Bedrohung von Arbeitsplätzen in den
Industrieländern durch Billigimporte und
Niedriglöhne im Ausland gewarnt. Die
Regierungen der Industrieländer wiederum
verweisen darauf, dass die Wirtschaft
verstärkt auf anspruchsvollere Tätigkeiten
setzten muss und die Arbeitnehmer ihre
Kompetenzen und ihr Bildungsniveau – also
ihr Humankapital – erhöhen müssen, um
solche Tätigkeiten ausüben zu können.
Indessen stellt sich die Frage, wie stark der
Effekt der Konkurrenz aus dem Ausland auf
die Arbeitsplatzsituation tatsächlich sein
wird. Sie wird ganz sicher einen Einfluss
haben, aber möglicherweise nicht in dem
befürchteten Ausmaß.
Nehmen wir als Beispiel die Bedrohung
durch Billigimporte. Auf der Basis einer in
der Hälfte ihrer Mitgliedstaaten durchgeführten Erhebung schätzt die OECD, dass
nur etwa eine von 25 Stellen in der Industrie
durch die Konkurrenz von Importen stark
bedroht ist, wenngleich für etwa eine von
fünf Stellen zumindest eine gewisse Gefahr
besteht. Natürlich lässt sich nicht immer mit
Sicherheit feststellen, ob ein bestimmter
Arbeitsplatz infolge des internationalen
Handels abgebaut wurde: Unternehmen
schließen oder entlassen Arbeitskräfte aus
ganz unterschiedlichen Gründen. Fest steht
jedoch, dass für Arbeitnehmer in der
Industrie ein größeres Risiko besteht als in
vielen Dienstleistungsbranchen.
Arbeitskräfte in der Industrie weisen häufig
ein geringeres Bildungsniveau auf und sind
vergleichsweise älter. Für sie kann es
schwierig sein, eine neue Stelle bei gleicher
Bezahlung zu finden – vor allem für
Arbeitnehmer in den Vereinigten Staaten.
Dort belaufen sich die Lohneinbußen von
Industriearbeitern, die ihren Arbeitsplatz
infolge des internationalen Handels
verlieren, durchschnittlich auf rd. 13%. In
Europa können die Arbeitnehmer im
Durchschnitt ihr altes Lohnniveau halten,
aber dennoch büßt ein relativ hoher
Prozentsatz (8%) bei Entlassung nahezu ein
Drittel seines vorherigen Lohnniveaus ein.
Darüber hinaus ist für Arbeitnehmer in
Europa das Risiko der Langzeitarbeitslosigkeit größer als in den Vereinigten Staaten.
Stellenverlust und massive Lohnkürzungen
können für die betreffenden Arbeitnehmer
katastrophal sein, vor allem für jene, die
ohnehin wenig verdienten. Diesen Personen
einfach nur eine Weiterbildung zu
empfehlen, reicht nicht aus. Regierungen,
Arbeitgeber und Gewerkschaften müssen
untersuchen, wie sie ihnen aktiv helfen
können, sich an die Veränderungen
anzupassen. So hat die Europäische
Kommission vorgeschlagen, in Europa einen
Globalisierungsanpassungsfonds
einzurichten, durch den jährlich bis zu
50 000 Arbeitnehmer umgeschult und in
neue Stellen vermittelt werden sollen. In den
Vereinigten Staaten ist seit den 1960er
Jahren das – wenn auch nur begrenzt
erfolgreiche – Programm „Trade Adjustment
Assistance“ in Kraft.
Wenngleich die Globalisierung des Handels
mit Arbeitsplatzverlusten für einzelne
Personen einhergeht, überwiegen nach
Ansicht vieler Beobachter insgesamt doch
die Vorteile eines offenen Handels die
Nachteile und können letztlich zu mehr
Beschäftigung führen. Zumindest zeigen
ihrer Meinung nach die Statistiken, dass kein
systematischer Zusammenhang zwischen
offenem Handelssystem und massivem
Stellenabbau besteht.
Paradoxerweise kommen die Gefahren
manchmal weniger von der Globalisierung des
Handels selbst als vielmehr der
Wahrnehmung einer davon ausgehenden
Bedrohung. In den Vereinigten Staaten hat die
Association for Computing Machinery
warnend darauf hingewiesen, dass sich junge
Amerikaner u.U. gegen ein Informatikstudium
entscheiden, da sie – irrtümlicherweise – der
Ansicht sind, dass die Informatik in den
Vereinigten Staaten keine Zukunft hat. „Viele
Schüler der Sekundarstufe wie auch ihre
Eltern glauben, dass hier nichts mehr zu
machen ist und alle Informatikjobs ins Ausland
abwandern“, erklärte der Präsident der
Gesellschaft Professor Bill Patterson einem
Journalisten, „und diese irrtümliche Annahme
ist außerordentlich weit verbreitet“.
97
OECD Insights: Humankapital
Welche Hindernisse bestehen für die
Weiterbildung?
Die Zahl der Erwachsenen, die eine berufsbezogene Aus- und
Weiterbildung erhalten, variiert in den OECD-Ländern ganz erheblich. Während in Dänemark, Schweden, der Schweiz und den
Vereinigten Staaten mehr als 40% der Arbeitnehmer an derartigen
Maßnahmen teilnehmen, sind es in Griechenland, Italien, Spanien
und Ungarn weniger als 10%.
Noch bezeichnender sind die enormen Unterschiede, die innerhalb der OECD-Länder in Bezug auf die Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen bestehen. Generell ist es so, dass gerade die
Personen mit dem größten diesbezüglichen Bedarf keine Weiterbildung erhalten. „Ältere Arbeitskräfte werden in der Regel weniger
gefördert als jüngere“, erläutert Raymond Torres von der OECD.
„Und Personen mit geringerem Bildungsniveau haben deutlich
weniger Weiterbildungschancen als Hochqualifizierte. Wer auf dem
Arbeitsmarkt ganz unten angesiedelt ist, hat – im Gegensatz zu
Führungskräften – kaum eine Aussicht auf Weiterbildung.“
Der Vorteil der Jugend…
Junge Erwachsene erhalten aus mehreren Gründen mehr Weiterbildung. Berufseinsteiger befinden sich oftmals noch in der Berufsausbildung. Sofern sie noch keine Familie gegründet haben,
verfügen sie darüber hinaus über mehr Freizeit und haben weniger
berufliche und familiäre Verpflichtungen – eines der Haupthindernisse für die Weiterbildung älterer Arbeitnehmer.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist, dass jüngere Erwachsene
gewöhnlich ein besseres Bildungsniveau mitbringen. Denn je höher
das Niveau der Erstausbildung ist, desto größer ist in der Regel die
Wahrscheinlichkeit, weiter an formalen Bildungsaktivitäten teilzunehmen. Diese Unterschiede im Niveau der Erstausbildung erklären
sich daraus, dass die ältere Generation in vielen OECD-Ländern ihre
98
5. Für das Leben lernen
formale Bildung vor der raschen Bildungsexpansion im Sekundarbereich II und im Tertiärbereich in den letzten Jahrzehnten abgeschlossen hatte. So besitzen in Irland z.B. rd. 75% der Erwachsenen
unter 34 Jahren einen Abschluss der Sekundarstufe II, während es
unter den Mittfünfzigern weniger als 40% sind.
Das Alter kann auch dann ein Hindernis darstellen, wenn die
Betreffenden glauben, einfach zu alt zu sein, um von Weiterbildungsmaßnahmen zu profitieren. Unter Umständen sind ihre Arbeitgeber
derselben Ansicht, die in gewisser Weise die harsche Realität der
Wirtschaft widerspiegelt. Verglichen mit einem Arbeitnehmer, der
auf den Ruhestand zugeht, bleibt einem Jüngeren – bzw. dessen
Arbeitgeber – wesentlich mehr Zeit, um Ausgaben für Investitionen
in die Erwachsenenbildung wieder hereinzuholen.
Wer nimmt an weiterbildung teil?
WER NIMMT AN WEITERBILDUNG TEIL?
Anteil der Teilnehmer an Maßnahmen der
Erwachsenenbildung nach Bildungsniveau
Anteil an der
Gesamtbevölkerung
Jeweiliges Bildungsniveau:
Hoch
Mittel
2000
Niedrig
Jeder in einer Bildungskategorie
oberhalb dieser Linie erhält mehr
Weiterbildung als der Durchschnitt
3.0
2.5
2.0
1.5
1.0
0.5
0
Kanada
Finnland
Spanien
Schweiz
Je höher das
Bildungsniveau,
desto größer ist die
Wahrscheinlichkeit,
an Maßnahmen der
Erwachsenenbildung
teilzunehmen.
Somit weitet sich
das Bildungsgefälle
zwischen Arbeitnehmern im Laufe
der Zeit u.U.
weiter aus.
Ver. Königr.
Ausgewählte OECD-Länder
Quelle: Beyond Rhetoric: Adult Learning Policies and Practices.
99
OECD Insights: Humankapital
… und der Hierarchieebene
In Unternehmen spielt bei Entscheidungen über Weiterbildungsmaßnahmen auch die jeweilige Hierarchieebene eine wichtige Rolle:
Je höher die Position im Unternehmen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, an Schulungen teilnehmen zu können. Aus Sicht des Arbeitgebers ist das sinnvoll. Die Schulung des Führungspersonals ist für
die Geschäftsleitung eine Art Investition, die sich anschließend
durch höhere Produktivität und Fachkenntnis auszahlt. In Weiterbildungsmaßnahmen für weniger qualifizierte Arbeitnehmer sehen die
Unternehmen möglicherweise nur einen Kostenfaktor. Die Geschäftsleitung geht u.U. davon aus, dass solche Arbeitskräfte für ihre Tätigkeit keine besonderen Kenntnisse benötigen und wahrscheinlich
sowieso nicht lange im Unternehmen verbleiben, so dass sich Schulungskosten nicht amortisieren werden.
Darüber hinaus beantragen geringqualifizierte Arbeitskräfte seltener Weiterbildung. Das könnte teilweise darauf zurückzuführen
sein, dass sie sich des potenziellen finanziellen Nutzens einer
Erwachsenenbildung nicht bewusst sind. Folglich enden geringqualifizierte Arbeitnehmer häufig in einer Art Falle, für die sie z.T.
selbst verantwortlich sind. Sie können im Unternehmen nur durch
Teilnahme an Schulungsmaßnahmen aufsteigen, diese werden
ihnen aber auf Grund ihrer unzureichenden Erstausbildung vom
Arbeitgeber seltener gewährt. Was kann getan werden, um sie aus
diesem „Teufelskreis“ herauszuholen?
Wie lassen sich Hindernisse beim Zugang zu
Lernmöglichkeiten abbauen?
Wenn ein Autor an einem Kriminalroman arbeitet, stützt er sich auf
drei Elemente: Motiv, Mittel und Gelegenheit. Diese Elemente kommen auch bei einer Untersuchung der Frage ins Spiel, warum nicht
mehr Personen an Maßnahmen der Erwachsenenbildung teilnehmen.
100
5. Für das Leben lernen
Was bedeuten nun Motiv, Mittel und Gelegenheit im Zusammenhang mit lebenslangem Lernen. Das Motiv umfasst alles, was
Erwachsene zum Weiterlernen bewegt, und die Frage, was getan
werden kann, um ihre Motivation zu erhöhen. Bei den Mitteln geht
es vorrangig um Geld, also darum, wer die Erwachsenenbildung
finanziert. Und Gelegenheit schließlich bezieht sich auf die Frage,
wie sich Erwachsenenbildung bereitstellen lässt.
Motivation: Erwachsene zum Weiterlernen animieren
Niemand wird gewillt sein, für Weiterbildungsmaßnahmen zu
bezahlen, sofern er nicht zuversichtlich ist, etwas davon zu haben.
Der Staat fördert Weiterbildung, um das Humankapital der Arbeitskräfte zu erhöhen, die Unternehmen wollen Produktivitätssteigerungen erzielen und die Arbeitnehmer erwarten eine Lohnerhöhung und
bessere Aufstiegschancen. Diese unterschiedlichen Ziele sind aber
keineswegs unvereinbar. Mit erfolgreichen Schulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen lassen sie sich durchaus alle erreichen.
Allerdings können Weiterbildungsmaßnahmen mit unerwünschten Nebeneffekten verbunden sein, die die Motivation beeinträchtigen. Beispielsweise kann für Unternehmen ein größeres Risiko
bestehen, Beschäftigte zu verlieren, wenn diese nach abgeschlossener
Weiterbildung feststellen, dass sich die Schulung für sie nur in bare
Münze umsetzen lässt, wenn sie das Unternehmen verlassen und
sich einen anderen Arbeitgeber suchen. Trotz solcher Risiken ist es
für Unternehmen dennoch sinnvoll, die Mitarbeiter zu schulen:
Durch Weiterbildung steigen sowohl Produktivität und Gewinne als
auch Löhne und Gehälter der Mitarbeiter.
Allerdings kann der Widerstand von Seiten der Arbeitnehmer
schwer zu überwinden sein. Sofern die potenziellen Vorteile einer
Weiterbildung nicht klar ersichtlich sind, haben sie vielleicht einfach kein Interesse daran. Viele empfinden Weiterbildung als lästig,
vor allem wenn sie dafür einen Teil ihrer Freizeit opfern sollen, in
der sie lieber familiären und gesellschaftlichen Verpflichtungen
nachkommen möchten.
„Der Mensch tendiert zu rationellem Handeln und bringt Mittel
für Bildungsaktivitäten auf, wenn er sich davon klare Vorteile
erwartet…“
Promoting Adult Learning
101
OECD Insights: Humankapital
Es bestehen noch andere Hindernisse. Jemand, der es schwierig
findet, einen potenziellen Arbeitgeber vom Wert seiner vorhandenen
Kompetenzen und seiner Leistungsfähigkeit – d.h. seinem Humankapital – zu überzeugen, verzichtet eventuell darauf, diese Fähigkeiten
weiterzuentwickeln. Ebenso besteht – verständlicherweise – nur
dann ein Ansporn zur Teilnahme an einer Weiterbildung, wenn die
dabei erworbene Qualifikation auf breiter Ebene anerkannt ist.
Die Anerkennung bestehender Bildungsmaßnahmen kann von
staatlicher Seite durch nationale Zertifizierungssysteme erleichtert
werden. Sie sind vor allem für weniger qualifizierte Arbeitskräfte
von Bedeutung, deren Lernen sich überwiegend in informellem
Rahmen vollzieht. Diese Art des Lernens wird normalerweise nicht
in schriftlich attestierten Qualifikationen festgehalten – man denke
nur an die Tricks und Kniffe, die es in jedem Beruf gibt – vom
Klempner bis zum Software-Entwickler. Diese Fähigkeiten können
auf ihre Weise wertvoll sein und durchaus Anerkennung verdienen.
Die diesbezüglichen Ansätze variieren, aber in vielen nationalen
Zertifizierungssystemen besteht für die Teilnehmer keine Notwendigkeit, einen vorgeschriebenen Kurs zu besuchen, womit eine
wesentliche psychologische Barriere für die Teilnahme entfällt. In
manchen Systemen reicht es bereits, in einem Test unter Beweis zu
stellen, dass sie über die geforderten Fähigkeiten und Kompetenzen
verfügen.
„Wenn es gilt, das erworbene Wissen nutzbringend einzusetzen,
tun sich die Betreffenden oft schwer damit, ihre Investition in
Weiterbildung in die Praxis umzusetzen und davon zu
profitieren…“
Beyond Rhetoric: Adult Learning Policies and Practices
Auch Zweifel am Wert einer Weiterbildung können demotivierend
wirken. In der Erwachsenenbildung tummeln sich nicht wenige unseriöse Anbieter. Darüber hinaus werden selbst Abschlüsse, die im Fernstudium an renommierten Universitäten erworben werden, manchmal
unfairerweise als zweitklassige Qualifikationen betrachtet.
102
5. Für das Leben lernen
In vielen OECD-Ländern überprüfen Behörden für Qualitätskontrolle die Kursangebote privater Anbieter. Es kann jedoch nützlich
sein, für den Aufbau eines echten Marktes für Erwachsenenbildung
einen breiteren Ansatz zu verfolgen. Das setzt voraus, dass angemessene Kontrollen der Weiterbildungsanbieter durchgeführt werden
und der Staat geeignete Sanktionen gegen Schulungszentren verhängt, die die nationalen Standards nicht einhalten. Ein solches
System könnte Erwachsenen einen wirklichen Anreiz bieten, gezielt
nach anerkannten Kursen zu suchen, und private Anbieter motivieren, qualitativ hochwertige Kurse anzubieten.
Mittel: Wer finanziert die Erwachsenenbildung?
Die Kosten für den Weiterbildungsbedarf von Fachkräften trägt in
der Regel entweder der Arbeitgeber oder der Mitarbeiter selbst.
Staatliche Unterstützung wird eher für die Weiterbildung geringqualifizierter Arbeitnehmer gewährt. Die staatliche Rolle bei der
Finanzierung kann aus zwei Perspektiven betrachtet werden – der
des Unternehmens und der des Einzelnen.
Unternehmensperspektive: Steuerliche Vergünstigungen sind ein
wichtiges Instrument, das der Staat einsetzen kann, um Unternehmen
zur Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu motivieren. Wenngleich eine
angemessene Konzipierung von Steuervergünstigungen schwierig ist,
greifen die Regierungen gern auf diese Instrumente zurück, da sie auf
dem bestehenden Steuersystem aufbauen und die Unternehmen dazu
ermutigen, ihre eigene Belegschaft zu schulen, statt Mitarbeiter anderer Unternehmen abzuwerben; insgesamt wird damit das Humankapital der Erwerbsbevölkerung eines Landes erhöht. Und auch bei den
Unternehmen finden sie Anklang, da sie der Geschäftsleitung im
Gegensatz zu direkten staatlichen Subventionen mehr Freiheit bei der
Entscheidung lassen, wer Weiterbildung erhalten soll und wer nicht.
103
OECD Insights: Humankapital
Damit ist aber auch ein Nachteil verbunden. Wenn den Unternehmen freie Hand gelassen wird, tendieren sie dazu, Führungskräfte
zu schulen, während der Zweck der gewährten Steuererleichterung
gerade darin besteht, Weiterbildung auf breiterer Basis zu fördern.
Es gibt noch weitere Nachteile. So müssen Unternehmen ihre Mitarbeiter generell schulen – unabhängig davon, ob die Weiterbildung
steuerlich gefördert wird oder nicht. Steuervergünstigungen können daher bedeuten, dass der Steuerzahler Weiterbildungsmaßnahmen eines Unternehmens subventioniert, die ohnehin durchgeführt
worden wären. Dieses Phänomen ist unter dem Begriff Mitnahmeeffekt bekannt.
Durch steuerliche Vergünstigungen stellt der Staat den Unternehmen im Grunde Mittel für Weiterbildungsmaßnahmen zur Verfügung. Er kann die Unternehmen aber auch zu Abgaben verpflichten.
In Spanien z.B. zahlen die Unternehmen eine Lohnsummensteuer
von 0,6% für die Finanzierung von Weiterbildung. Durch die Erhebung solcher Abgaben kann der Staat die Mittel leichter in Weiterbildungsmaßnahmen für weniger qualifizierte Arbeitnehmer leiten.
Gründe für die Nichtteilnahme an weiterbildung
GRÜNDE FÜR DIE NICHTTEILNAHME
AN WEITERBILDUNG
Prozentsatz der Erwachsenen, die spezifische
Gründe für die Nichtteilnahme an
Viele Erwachsene sind nicht
an Weiterbildungsmaßnahmen
Weiterbildung angeben
Österreich
Spanien
Genannte Gründe:
40
ine
Ke
l
eit
Ver. Königr. 2003
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30
Fa
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alt
Die Summe ergibt nicht unbedingt 100, da die Befragten mehrere Gründe anführen konnten
Quelle: Promoting Adult Learning.
104
interessiert. Andere wiederum
möchten Kurse belegen, fühlen
sich aber nicht dazu in der Lage.
Als Gründe werden berufliche
und familiäre Verpflichtungen
oder das Gefühl, einfach zu alt
dafür zu sein, genannt.
5. Für das Leben lernen
Individuelle Perspektive: Viele OECD-Länder gehen vom Prinzip
der Kofinanzierung aus, das eine Beteiligung aller Parteien – also
des Staats, aber insbesondere auch der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer – an der Finanzierung der Erwachsenenbildung vorsieht.
Dies soll dafür sorgen, dass jeder seinen finanziellen Beitrag leistet,
und die Wahrscheinlichkeit zum Ausdruck bringen, dass Unternehmen und Arbeitnehmer Hauptnutznießer der Maßnahmen sind.
Die Kofinanzierung kann in ganz unterschiedlicher Form erfolgen. Beispielsweise kann der Staat den Weiterbildungsurlaub von
Arbeitnehmern subventionieren, wodurch sich bei Schulungen
außerhalb des Unternehmens die Kostenbelastung für viele Arbeitnehmer spürbar verringert, namentlich hinsichtlich der Notwendigkeit, dafür frei zu nehmen. In Frankreich haben Arbeitnehmer
Anrecht auf bis zu 20 Stunden bezahlten Bildungsurlaub pro Jahr.
Ferner kann der Staat direkte Unterstützung in Form von Weiterbildungsdarlehen gewähren, bei deren Rückzahlung allerdings
manchmal Schwierigkeiten auftreten.
Wer finanziert die Weiterbildungsmassnahmen?
WER FINANZIERT DIE
WEITERBILDUNGSMASSNAHMEN?
Prozentsatz der von Arbeitgebern
finanzierten formalen Schulungskurse
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k
% 90
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80
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1994-98
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70
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Irl
40
30
20
Die Arbeitgeber tragen
den Großteil der Kosten für
Weiterbildungsmaßnahmen,
obwohl die dadurch
erworbenen Kompetenzen
auch für andere Unternehmen nützlich sein
können und sich damit die
Gefahr einer Abwerbung
von Personal erhöht.
10
Ausgewählte OECD-Länder
Quelle: OECD-Beschäftigungsausblick 2003.
105
OECD Insights: Humankapital
In einigen Ländern, wie Kanada, den Niederlanden und im Vereinigten Königreich, wurde mit individuellen Bildungskonten experimentiert, einer Art Sparkonto für geringqualifizierte Arbeitnehmer
zur Finanzierung der persönlichen Weiterbildung. Die Spareinlagen
sind steuerfrei und werden vom Staat und vom Arbeitgeber bezuschusst. In Kanada zahlt der Staat im Rahmen des Pilotprogramms
Learn$ave für jeden vom Arbeitnehmer auf sein Bildungskonto
eingezahlten Dollar eine Prämie von bis zu drei Dollar.
Auch hier kann es Probleme geben. Im Vereinigten Königreich
wurde das Programm nach nur einem Jahr auf Grund von Betrugsversuchen und Eröffnung von Scheinkonten wieder eingestellt.
Und da das Programm nicht ausschließlich auf geringqualifizierte
Arbeitnehmer ausgerichtet war, verwendeten viele Kontoinhaber
das Geld zur Finanzierung von Weiterbildungsmaßnahmen, die sie
ohnehin geplant hatten, ein weiteres Beispiel für Mitnahmeeffekte.
Gelegenheiten: Bereitstellung von Weiterbildung
Der erste Schritt zur Weiterbildung kann besonders schwer sein,
vor allem für Erwachsene, denen es an Grundkenntnissen fehlt.
Jemand, der schon als Kind in der Schule Schwierigkeiten hatte, wird
sich nur ungern an diese Zeit erinnern. Und wer Probleme mit dem
Lesen hat, leidet u.U. unter einem geringen Selbstwertgefühl – ausgelöst durch das Stigma, das dem Analphabetismus immer noch anhaftet. Dabei könnten ihre Probleme auf Dyslexie zurückzuführen sein,
eine Störung, die durch Lese- und Schreibschwierigkeiten zu Tage
tritt und von der überraschend viele Berühmtheiten betroffen waren,
unter anderem angeblich Thomas Edison und Pablo Picasso.
Für Teilnehmer an einer Erwachsenenbildung ist der erste Kontakt
entscheidend. Sie müssen leicht Hilfe finden und sicher sein können,
dass sie mit Respekt behandelt werden. In vielen OECD-Ländern
wurden bereits zentrale Anlaufstellen eingerichtet, die Erwachsenen
Unterstützung bei der Jobsuche und der Erwachsenenbildung bieten.
Bei diesen Zentren können die Erwachsenen ihren Weiterbildungsbedarf abstecken, ohne dafür Dutzende von Behörden und Bildungseinrichtungen anlaufen zu müssen, und sie werden dann von dort
aus auch gleich an die entsprechenden Stellen weitergeleitet.
106
5. Für das Leben lernen
Wenn die betreffenden Erwachsenen den ersten Schritt gemacht
haben, kommt es darauf an, ihre Würde zu achten. Kein Erwachsener will wie ein Kind behandelt werden oder das Gefühl haben,
wieder auf die Schulbank geschickt worden zu sein. Daher können
informelle Ansätze sowohl hinsichtlich der Art des Unterrichts als
in Bezug auf den Schulungsort von Nutzen sein. Es hat sich beispielsweise bewährt, den Erwachsenen den Wiedereinstieg in den
Lernprozess durch eine begrenzte Anzahl von Wochenstunden zu
erleichtern. Darüber hinaus kann es sinnvoll sein, ihre Familie
unterstützend einzubeziehen. In den Vereinigten Staaten werden im
Rahmen des Family Literacy Program Eltern und Kinder am gleichen Ort unterrichtet, was insbesondere Migrantenfamilien hilft,
die Sprache ihres neuen Heimatlandes zu erlernen.
„… Als erfolgreich hat sich ein Konzept erwiesen, bei dem vom
traditionellen Schulmodell abgegangen und versucht wird,
möglichst oft verschiedene Lernformen und -zwecke zu
kombinieren.“
Promoting Adult Learning
Da Zeit häufig eine Rolle spielt, kommen Erwachsenen Systeme
entgegen, die ihnen Freiraum lassen, ihr Lerntempo selbst zu
bestimmen und Tests und Prüfungen zu einem von ihnen gewählten
Zeitpunkt abzulegen. In den Vereinigten Staaten z.B. gibt es die seit
langem bestehende Einrichtung General Educational Development
mit mehr als 3 000 Zentren, die Prüfungen abnehmen, aber keine
Kurse anbieten. Interessenten können Prüfungen in fünf Hauptfächern ablegen und erhalten bei Bestehen ein Zertifikat, das dem
High-School-Diplom entspricht. In den Vereinigten Staaten wird
jeder siebte High-School-Abschluss über dieses System erworben.
In Korea, wo am Arbeitsmarkt formale Abschlüsse eine große Rolle
spielen, haben Interessenten die Möglichkeit, im Rahmen des Credit
Bank Systems über mehrere Jahre Scheine aus Kursen zu sammeln,
die sie an verschiedenen Universitäten oder anderen Bildungseinrichtungen belegt haben. Über dieses System, das 1998 eingeführt
wurde, haben in den ersten fünf Jahren rd. 25 000 Menschen einen
Abschluss erworben.
107
OECD Insights: Humankapital
Derartige Ansätze können es den Betreffenden erleichtern, ihr
Humankapital im Laufe ihres Lebens zu entwickeln – von der frühesten Kindheit vor Beginn der formalen Schulbildung an über die
Schul- und Hochschuljahre bis ins Erwachsenenalter. Dieser
Zugewinn kann klare wirtschaftliche Vorteile bringen, jedoch ist
Humankapital, wie im folgenden Kapitel gezeigt wird, mit mehr
verbunden als nur einem höheren Gehalt. Vielmehr zählen dazu
auch eine bessere Gesundheit und potenziell sogar eine gesündere
Gesellschaft.
108
5. Für das Leben lernen
Weitere OECD-Studien zu diesem Thema
h Live Longer, Work
Longer (2005)
Angesichts der raschen
Bevölkerungsalterung sind
zahlreiche beschäftigungsund sozialpolitische
Maßnahmen, Praktiken und
Einstellungen, die die
Anreize für die Ausübung
einer Erwerbstätigkeit in
höherem Alter mindern,
nicht mehr zeitgemäß und
sollten grundlegend
geändert werden. Sie
nehmen älteren Arbeitskräften nicht nur die Wahl,
wann und wie sie in den
Ruhestand treten wollen, sie
sind auch für die Unternehmen, die Wirtschaft und
die Gesellschaft mit hohen
Kosten verbunden. Wenn
nichts zur Förderung
besserer Beschäftigungsaussichten für ältere
Arbeitnehmer unternommen wird, wird sich die
Zahl der Rentner je Erwerbstätigen in den OECD-Ländern
in den nächsten 50 Jahren
verdoppeln. Gestützt auf
Erkenntnisse aus
21 Länderberichten wird in
Live Longer, Work Longer
ein neuer
Maßnahmenkatalog für
altersfreundliche
Beschäftigungspolitiken und
-praktiken vorgestellt.
h Beyond Rhetoric: Adult
Learning Policies and
Practices (2003)
Erwachsene könnten zu
Recht die Frage stellen,
warum sie wieder lernen
sollen. Wie die Realität
jedoch zeigt, erfordern die
sich verändernden
Anforderungen der Wissensgesellschaft, Qualifikationsdefizite und die zunehmende
Bedeutung von zivilgesellschaftlichem Engagement
und sozialem Zusammenhalt
den kontinuierlichen Ausbau
von Fähigkeiten und
Kenntnissen. Indessen sind
die Personen mit dem
größten Bildungsbedarf oft
gerade diejenigen, die am
wenigsten an Erwachsenenbildung und Weiterbildungsprogrammen teilnehmen. In
Beyond Rhetoric wird
untersucht, welche
Maßnahmen und Praktiken
sich im Bereich
Erwachsenenbildung
bewährt haben. Der Bericht
definiert die Merkmale, die
ein gutes System der
Erwachsenenbildung
aufweisen sollte, darunter
auch Möglichkeiten,
Erwachsene zum Lernen zu
motivieren sowie Methoden
zur Bereitstellung geeigneter
Weiterbildungsdienste.
h Co-financing Lifelong
Learning: Towards a
Systemic Approach (2004)
Lebenslanges Lernen ist
noch nicht zu einer Realität
für alle geworden. Das ist
z.T. darauf zurückzuführen,
dass unsere Gesellschaften
das Lernen nach wie vor als
eine staatlich unterstützte
Einrichtung für die jüngere
Generation betrachten.
Darüber hinaus gibt es
tiefverwurzelte institutionelle
und politische Ressentiments gegenüber
Investitionen in Humankapital. Seit einigen Jahren
sind jedoch
vielversprechende Anzeichen
für Veränderungen
auszumachen, darunter
Initiativen, die es privaten
und öffentlichen Akteuren
erleichtern, gemeinsam in
lebenslanges Lernen zu
investieren. Allerdings
stehen sie noch nicht für
einen systemischen Wandel.
Der Bericht Co-financing
Lifelong Learning befasst
sich mit den wichtigsten
wirtschaftlichen und
finanziellen
Herausforderungen im
Zusammenhang mit
lebenslangem Lernen, zeigt
die jüngsten Erfahrungen mit
Initiativen der Kofinanzierung
auf und nimmt eine
Bestandsaufnahme der
politischen Debatte zu
diesem Thema vor.
h Promoting Adult
Learning (2005)
Diese Veröffentlichung, die
sich auf wichtige Erkenntnisse aus 17 OECD-Ländern
stützt, liefert Politikorientierungen in Bezug
darauf, wie die Teilnahme
von Erwachsenen am
Lernprozess verbessert
werden kann – ein Bereich,
dem bis vor wenigen Jahren
kaum politische
Aufmerksamkeit galt. Der
Bericht befasst sich mit
potenziellen Hindernissen
für das Lernen sowie mit
Maßnahmen, die hier
Abhilfe schaffen könnten.
Dazu zählen Maßnahmen
zur verstärkten
Hervorhebung der Vorteile
der Erwachsenenbildung,
um diese transparent und
leicht nachvollziehbar zu
machen. Als weitere
politische Optionen werden
wirtschaftliche Anreize und
Kofinanzierungsmechanismen genannt. Und
schließlich lässt sich die
politische Entscheidungsfindung in einem Bereich,
in dem eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure tätig
ist, durch Koordinierung und
Kohärenz verbessern.
Verwiesen wird in diesem
Kapitel auch auf die
Publikation:
h Vom Wohlergehen der
Nationen: Die Rolle von
Human- und Sozialkapital
(2004).
109
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OECD Insights: Humankapital
Zur Einleitung…
Im Hitzesommer 2003 wurden in Europa Rekorde gebrochen. Als
die Temperaturen in den oberen 30°C-Bereich und darüber stiegen,
strömten die Menschen in Scharen an die Strände, um Sonne zu
tanken. In den Städten kämpften sich die, die sich nicht von ihrer
Arbeit freimachen konnten, schwitzend durch lange, heiße Bürotage. Und hinter verschlossenen Türen starben alte Menschen. In
Italien wurden über 4 000 ältere Menschen von der Hitze dahingerafft, in Frankreich waren es nicht weniger als 15 000.
Diese Todesfälle wären an sich schon schockierend genug gewesen, was jedoch wirklich erschütterte, war die Tatsache, dass so
viele ältere Menschen alleine starben. Manchmal lagen sie tage-, ja
sogar wochenlang tot in ihren Wohnungen, bevor sie entdeckt
wurden. Wie konnte so etwas in einer modernen, gut organisierten
Gesellschaft geschehen?
In gewisser Hinsicht ist es das Wesen selbst unserer modernen
Gesellschaft mit ihrer Anonymität und ihrem schwindenden
Gemeinsinn, das am Tod dieser alten Menschen mit schuld war. In
unseren Städten können wir jahrelang in Wohnungen leben, ohne je
zu erfahren, wer unsere Nachbarn sind; auf der täglichen Fahrt zwischen Wohnung und Arbeitsplatz schirmen wir uns mit den weißen
Ohrstöpseln unserer iPods von der Umwelt ab. Der Wohlstand hat
uns viel gebracht – eine längere Lebenserwartung, einen höheren
Lebensstandard, Urlaub in fernen Ländern –, auf dem Weg dahin
haben wir jedoch möglicherweise einiges von dem verloren, was
uns eigentlich am glücklichsten macht, z.B. Gemeinschaftsgefühl.
Die Beziehungen zu unseren Mitmenschen können sich potenziell
auch auf andere Weise entscheidend auf unser Leben auswirken, z.B.
indem sie beeinflussen, wie gut es uns gelingt, unser Humankapital
zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur um unsere bildungsbezogene
Entwicklung, sondern sogar um Bereiche wie unsere Gesundheit.
Allein lebende Erwachsene können beispielsweise einem größeren
Herzerkrankungsrisiko ausgesetzt sein als solche, die mit einem
anderen zusammenleben.
112
6. Der breitere Rahmen
X In den vorangegangenen Kapiteln dieser Veröffentlichung haben
wir uns hauptsächlich unter dem Blickwinkel des Lernprozesses
mit der Frage des Humankapitals auseinandergesetzt. Humankapital kann jedoch auch andere Elemente umfassen, z.B. den Gesundheitszustand. Im vorliegenden Kapitel werden einige dieser weiter
reichenden Aspekte des Humankapitals untersucht, angefangen mit
den Zusammenhängen zwischen Humankapital und Gesundheit.
Anschließend interessieren wir uns für die möglichen Zusammenhänge zwischen Humankapital und Sozialbeziehungen, einen
Bereich, in dem sich aufschlussreiche, teilweise kontroverse neue
Perspektiven auftun.
Ist Humankapital mehr als nur Bildung?
B
ildung mag zwar ein entscheidender, wenn nicht sogar der entscheidende Bestandteil des Humankapitals sein. Gesundheit gehört
jedoch ebenfalls dazu. Zwischen diesen beiden Elementen besteht
kein eindeutiger Zusammenhang. Eine gute Gesundheit hilft z.B.
bei der Entwicklung des eigenen Humankapitals: Gesunde Kinder
lernen leichter. Sie gehört aber auch zu den Erträgen des Humankapitals: Menschen mit höherem Bildungsniveau sind im Allgemeinen gesünder.
„Einer der deutlichsten Nutzeffekte von Bildung ist ein besserer
Gesundheitszustand. Personen mit höherem Bildungsabschluss
haben einen gesünderen Lebensstil.“
Vom Wohlergehen der Nationen
Nicht nur das, Gesundheit ist selbst ein wesentlicher Aspekt des
Humankapitals (auch wenn die Menschen nicht immer gleichermaßen
bewusst in ihre Gesundheit „investieren“ wie in ihre Bildung).
Arbeitskräfte, die als Humankapital eine kräftige Gesundheit mitbringen, sind im Erwerbsleben produktiver und verdienen somit in der
Regel auch mehr. Diese höhere Produktivität ist für die Volkswirtschaft
insgesamt von Vorteil. Durch die Verbesserung des Gesundheitszustands der Gesamtbevölkerung kann das Wirtschaftswachstum gefördert werden. Einer Schätzung zufolge ist im Fall einer Erhöhung der
Lebenserwartung um 5 Jahre – worin sich eine Verbesserung des
113
OECD Insights: Humankapital
Gesundheitszustands widerspiegelt – im betreffenden Land mit einer
Beschleunigung des Wirtschaftswachstums um bis zu 0,5% im
Vergleich zu einer Situation mit gleichbleibender Lebenserwartung zu
rechnen.
Gesundheit und Armut
Die Auswirkungen des Gesundheitszustands der Bevölkerung auf
das Wirtschaftswachstum kommen in den Entwicklungsländern
noch deutlicher zum Tragen, was auch in den Millenniumsentwicklungszielen berücksichtigt wurde, jenem von den Vereinten Nationen
um die Jahrhundertwende aufgestellten Zielekatalog zur Beseitigung
extremer Armut. Von den acht Zielen beziehen sich drei auf Gesundheitsfragen: Verringerung der Kindersterblichkeit, Verbesserung der
Gesundheit der Mütter und Bekämpfung von Krankheiten wie HIV/
AIDS und Malaria.
Gerade in den Entwicklungsländern geht der Zusammenhang
zwischen Armut und Gesundheit in beide Richtungen. Armut heißt,
dass nicht genügend Geld für den Kauf von Impfstoffen oder billigen Medikamenten vorhanden ist, weshalb sich Krankheiten, die
eigentlich einfach vermieden oder behandelt werden könnten,
ungehindert verbreiten können. Wer erkrankt, wird zu einer Belastung für die Familie und kann nicht mehr zum Wirtschaftswachstum beitragen, was wiederum bedeutet, dass weniger Geld zur
Finanzierung der medizinischen Versorgung zur Verfügung steht.
So entsteht ein Teufelskreis, in dem schlechte Gesundheit zugleich
Ursache und Folge von Armut ist.
„Eine Grundvoraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung
in Entwicklungsländern ist, dass der Teufelskreis von Armut
und Krankheit durchbrochen wird.“
Poverty and Health
Wie kann hier Abhilfe geschaffen werden? Eine Lösung wäre, auf
globaler Ebene für eine effizientere Allokation der medizinischen
Ressourcen zu sorgen. Schätzungen zufolge werden für rd. 90% der
weltweiten Krankheitslast nur 10% der weltweiten Ausgaben für
medizinische Forschung aufgewandt. Der Großteil der Forschung
konzentriert sich stattdessen auf Krankheiten, die in den Industrieländern weiter verbreitet sind. Dies erklärt sich u.a. daraus, dass ein
großer Teil der staatlich finanzierten Forschung in Industrieländern
114
6. Der breitere Rahmen
durchgeführt wird. Auch wissen die Pharmaunternehmen, dass sie
mit dem Verkauf von Medikamenten zur Behandlung von in reichen
Ländern üblichen Gesundheitsproblemen, wie Fettleibigkeit und
Herzleiden, höhere Gewinne erzielen können als mit solchen zur
Behandlung von in Entwicklungsländern anzutreffenden Krankheiten wie z.B. Malaria oder Flussblindheit.
Übergewicht
Selbst in Industrieländern ist Gesundheit ein Wirtschaftsfaktor,
und auch hier geht der Zusammenhang zwischen schlechter
Gesundheit und geringem Einkommen in beide Richtungen. Ein
Beispiel hierfür ist das Problem des Übergewichts. In den Industrieländern leiden immer mehr Menschen an Übergewicht oder Fettleibigkeit, was mit schwerwiegenden Gesundheitsrisiken verbunden
ist, insbesondere mit Herz- und Lungenkrankheiten, Diabetes,
Arthritis, einigen Krebsformen und Gallenproblemen.
Knapp über 30% aller Amerikaner gelten als fettleibig bzw. anormal übergewichtig, doppelt so viele wie noch 1980. Und die Vereinigten Staaten sind kein Einzelfall. Ungeachtet des Erfolgs von
Büchern wie Warum französische Frauen nicht dick werden ist
inzwischen auch in Frankreich jeder Zehnte fettleibig – gegenüber
knapp über jedem Zwanzigsten Anfang der 1990er Jahre. Selbst die
Entwicklungsländer sind nicht gegen das Problem gefeit: Auch in
China und anderen asiatischen Ländern nimmt der Taillenumfang
der Menschen zu, je mehr sie auf einen westlichen Lebensstil
umsteigen und ihre traditionellen Essgewohnheiten aufgeben.
„Weil Fettleibigkeit das Risiko chronischer Krankheiten
erhöht, ist sie mit erheblichen zusätzlichen Kosten für die
Gesundheitsversorgung verbunden.“
Die OECD in Zahlen und Fakten 2007
Viele Forscher sind der Ansicht, dass zwischen niedrigen Einkommen und Fettleibigkeit ein direkter Zusammenhang besteht und dass
Fettleibigkeit und die damit verbundenen Gesundheitsprobleme
wiederum zu einer Verringerung des Einkommens führen. Vor einem
Jahrhundert hätte ein Zeichner, der eine Fabrikszene hätte schildern
wollen, den wohlhabenden Chef wohl noch als dick und den armen
Arbeiter als mager dargestellt. Heute wäre das Gegenteil vermutlich
passender.
115
OECD Insights: Humankapital
Gesundheitskosten
Eine bessere medizinische Versorgung bedeutet, dass Menschen
mit chronischen Leiden wie Fettleibigkeit länger ohne größere
Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität leben können. Das ist zwar
eine gute Nachricht, wirft aber eine Frage auf: Wer soll für ihre
Behandlung bezahlen? Viele Regierungen mussten feststellen, dass
die Finanzierung der Sicherung des gesundheitlichen Humankapitals ihrer Bevölkerung einem Fass ohne Boden gleicht. Auch nicht
mit allem Geld der Welt wird es gelingen, sämtliche Forderungen
nach Gesundheitsversorgung zu erfüllen, und Entscheidungen darüber, welche Behandlungen bezahlt werden sollen und welche
nicht, können für Politiker zu einem Minenfeld werden.
Angesichts der Bevölkerungsalterung und weiter steigender Preise
für Medizintechnologie dürfte die Kostenfrage für die OECD-Länder
in den kommenden Jahren zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die
öffentlichen Ausgaben für Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege belaufen sich im OECD-Raum derzeit auf etwa 7% des BIP. Bis
zur Jahrhundertmitte könnte sich dieser Anteil auf 13% nahezu
Der „Laster-index“
DER „LASTER-INDEX“
Zahl der Raucher und Niveau
des Alkoholkonsums
1970
2003
Tabak:
I
a
ap
J
Prozentsatz
der Raucher
46.6
45.6
30.3
27
h
da
n
d
n
rla
a
an
eic
kr
n
ra
F
K
39.5
17
26
27
Alkohol:
Jahresdurchschnittl.
Alkoholkonsum
(l/Kopf)
22.3
13.5
7
6.1
7.6
8.8
14.8
7.8
Ausgewählte OECD-Länder
Quelle: Gesundheit auf einen Blick 2005.
116
In den meisten
OECD-Ländern nimmt
die Zahl der Raucher ab,
ein uneinheitlicheres
Bild ergibt sich jedoch
in Bezug auf den
Alkoholkonsum: Die
Zahl der Länder, in
denen er sinkt, ist
genauso hoch wie die
der Länder, in denen
er steigt.
6. Der breitere Rahmen
verdoppeln. Als Reaktion darauf ist bei den Regierungen ein Trend
festzustellen, nach Möglichkeiten zu suchen, die Eigenverantwortung der Menschen für ihre Gesundheit auszuweiten.
„Die steigende Nachfrage zwingt die Regierungen,
Möglichkeiten zu untersuchen, um dem Einzelnen mehr
Verantwortung zu übertragen“.
David Bloom, Die kreative Gesellschaft des 21. Jahrhunderts
Dies heißt u.a., von den Menschen zu verlangen, dass sie für einen
größeren Teil ihrer Gesundheitskosten aufkommen, indem sie ihre
Krankenversicherung selbst bezahlen. Es bedeutet aber auch, sie
darüber aufzuklären, wie sie selbst mehr für ihre Gesundheit tun können. Auf diese Weise wurden bereits eindrucksvolle Ergebnisse
erzielt. Ein Beispiel ist die rückläufige Entwicklung des Tabakkonsums, die seit den 1970er Jahren in den Industrieländern zu beobachten ist und die durch Medienberichte, Strafsteuern auf Zigaretten
und öffentliche Aufklärungskampagnen unterstützt wurde.
Solche Kampagnen kosten zwar Geld, um die Wahrung und sogar
Erhöhung des gesundheitlichen Humankapitals ihrer Bevölkerung
bemühte Länder dürften jedoch feststellen, dass Vorbeugen im
Zweifelsfall billiger ist als Heilen.
Allgemeine Vorteile
Die Nutzeffekte des Humankapitals beschränken sich nicht auf
steigende Einkommen und Verbesserungen des Gesundheitszustands. Gemeinwesen können die weiter reichenden SpilloverEffekte zugute kommen, die von Menschen mit hohem Humankapital ausgehen. Studien haben ergeben, dass die Präsenz solcher
Personen das Einkommensniveau einer Gemeinschaft insgesamt
steigen lässt. In der Tat sind Fabriken oder Büros produktiver, wenn
ein Teil ihrer Mitarbeiter über ein hohes Bildungsniveau verfügt,
und die dadurch entstehenden Nutzeffekte kommen allen Mitarbeitern des Unternehmens zugute, unabhängig von deren eigenem
Bildungsniveau.
117
OECD Insights: Humankapital
Die Erhöhung des Humankapitals wird gelegentlich auch als eine
Methode zur Verringerung der Kriminalität genannt. Die diesbezüglichen Forschungsarbeiten sind zwar bei weitem noch nicht abgeschlossen, eine amerikanische Studie zeigte jedoch, dass die Vereinigten
Staaten im Fall eines Anstiegs des Anteils der High-School-Absolventen unter den Männern um 1% durch die damit einhergehende Verringerung der Kosten der Kriminalität für die Opfer und die Gesellschaft
insgesamt Einsparungen in Höhe von 1,4 Mrd. US-$ realisieren könnten. Kriminalität und Gewalt verursachen überall hohe Kosten. Laut
Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation belaufen sich die jährlich durch Verletzungen infolge von Gewaltanwendung entstehenden
Kosten weltweit auf 500 Mrd. US-$.
Die allgemeinen sozialen Nutzeffekte der Bildung scheinen
jedoch über die Verringerung der Kriminalität hinauszugehen.
Untersuchungen ergaben, dass Personen mit höherem Bildungsniveau auch ein größeres soziales und zivilgesellschaftliches Engagement an den Tag legen: Sie engagieren sich stärker in ihren
Gemeinden und unternehmen konkrete Anstrengungen zur Erhöhung der Wohlfahrt der Gesellschaft, in der sie leben. Um dies zu
verstehen, müssen wir unser Augenmerk auf eine andere Form von
Kapital richten – Sozialkapital.
Einige Untersuchungen zeigen, „dass die sozialen Nutzeffekte
der Bildung groß sind – möglicherweise größer als die direkten
makroökonomischen und Arbeitsmarkteffekte.“
Vom Wohlergehen der Nationen
118
6. Der breitere Rahmen
AUS GLOBALER SICHT
Der medizinische Wanderzirkus
Wenn Sie das nächste Mal im Wartesaal
eines Krankenhauses sitzen, sollten Sie
darüber nachdenken, woher all die Ärzte und
Krankenschwestern stammen, die sie dort
sehen. Falls Sie in einem großen
englischsprachigen Land leben, ist es
wahrscheinlich, dass viele von ihnen aus
Ländern kommen, in denen gute
Krankenhäuser Mangelware sind.
Etwa ein Viertel der Ärzte und Ärztinnen in
Australien, Kanada, dem Vereinigten
Königreich und den Vereinigten Staaten
wurde laut einer amerikanischen
Untersuchung im Ausland ausgebildet.
Zwischen 40% und 75% von ihnen
stammen aus ärmeren Ländern,
hauptsächlich Indien, den Philippinen und
Pakistan.
Für Ärzte und Krankenpflegekräfte aus
ärmeren Ländern ist eine Beschäftigung im
Ausland äußerst attraktiv. Sie ermöglicht es
ihnen, mehr Geld zu verdienen, ihr
Qualifikationsniveau zu erhöhen und sich mit
modernsten medizinischen Geräten und
Behandlungsmethoden vertraut zu machen,
die in ihren Heimatländern u.U. nicht
angeboten werden. Dies sind wertvolle
Erfahrungen, wenn sie wieder in ihr Land
zurückkehren, um dort ihren Beruf
auszuüben. Doch selbst wenn sie nicht
zurückkehren, bereichern sie ihr
Herkunftsland. Die Rücküberweisungen von
Ärzten und Krankenpflegekräften sowie
anderen Arbeitskräften, die im Ausland
beschäftigt sind, fördern die Wirtschaft von
Ländern wie den Philippinen oder Mexiko.
Mit diesem Geld können neue Häuser
gebaut, Unternehmen gegründet und die
Bildungsausgaben der nächsten Generation
bezahlt werden.
Das Ganze hat aber auch Nachteile. Durch
den Wegzug gut ausgebildeter medizinischer
Fachkräfte schwindet das Humankapital der
Entwicklungsländer. Das heißt nicht nur,
dass diese Länder über weniger Ressourcen
verfügen, um Krankheiten wie HIV/AIDS zu
bekämpfen, sondern auch, dass ihre
Steuerzahler effektiv die Gesundheitssysteme wesentlich reicherer Länder
subventionieren. Zudem kann es zu Verzerrungen in der Ausbildung medizinischer
Kräfte in den Entwicklungsländern kommen.
Die Auswanderungspläne ihrer Studierenden
können die dortigen medizinischen
Fakultäten dazu veranlassen, die Ausbildung
in der Behandlung heimischer Krankheiten
zu vernachlässigen und das Augenmerk
stattdessen stärker auf Gesundheitsprobleme zu richten, die in Industrieländern
weiter verbreitet sind.
Ein OECD-Mitgliedsland, das Vereinigte
Königreich, hat auf dieses Problem mit
einem Verhaltenskodex geantwortet, der die
aktive Anwerbung von Ärzten aus
bestimmten Teilen der Welt untersagt, auch
wenn Ärzte und Krankenpflegekräfte aus
den fraglichen Ländern weiterhin ins
Vereinigte Königreich kommen dürfen, um
dort zu arbeiten. Jegliche weitere Schritte
der OECD-Länder in diesem Bereich müssen
sorgfältig abgewogen werden, damit
gewährleistet ist, dass die Entwicklungsländer – und deren medizinischer
Nachwuchs – maximalen Nutzen aus dem
„medizinischen Wanderzirkus“ der
Globalisierung ziehen können und dass die
ihnen dadurch entstehenden Nachteile so
gering wie möglich gehalten werden.
119
OECD Insights: Humankapital
Was ist Sozialkapital?
Sozialkapital ist als Konzept erst in relativ jüngerer Zeit in Mode
gekommen, der Begriff ist jedoch schon seit fast einem Jahrhundert
gebräuchlich, und die Idee selbst reicht noch weiter zurück. Zum
ersten Mal wurde der Begriff „Sozialkapital“ wahrscheinlich in
einem 1916 in den Vereinigen Staaten veröffentlichten Buch verwendet, das sich mit der Frage befasste, wie Nachbarn bei der Verwaltung
von Schulen zusammenarbeiten können. Der Autor Lyda Hanifan definiert Sozialkapital als „jene greifbaren Güter, die im Alltagsleben der
Menschen am meisten zählen: Bereitwilligkeit, Kameradschaft, Sympathie und soziale Begegnungen zwischen den Individuen und Familien, aus denen sich eine gesellschaftliche Einheit zusammensetzt“.
Das vermittelt eine Idee davon, was unter Sozialkapital zu verstehen ist, auch wenn es heute schwierig sein dürfte, eine einzige Definition zu finden, mit der alle zufrieden wären. Der Einfachheit halber
können wir Sozialkapital jedoch als die Beziehungen, gemeinsamen
Wertvorstellungen und Übereinkünfte innerhalb einer Gesellschaft
beschreiben, die es Einzelnen und Gruppen ermöglichen, einander
zu vertrauen und folglich miteinander zusammenzuarbeiten.
In den letzten Jahren ist der Begriff Sozialkapital auch in das
Gedankengut der breiten Öffentlichkeit eingegangen. Zu verdanken
war dies Robert Putnams im Jahr 2000 veröffentlichtem Bestseller
Bowling Alone: The Collaps and Revival of American Community.
Putnam vertritt darin die Ansicht, dass der Gemeinschaftssinn der
Amerikaner mit zunehmendem Wohlstand geschwunden ist. An
die Stelle der Städte und traditionellen Vororte seien edge cities,
Randstädte, und Exurbs, außerstädtische Wohngebiete, getreten:
weitläufige, anonyme Orte, in denen die Menschen schlafen und
arbeiten und sonst nicht viel anderes tun. Da die Menschen immer
mehr Zeit im Büro, bei der Fahrt zur Arbeit oder allein vorm Fernseher verbringen, bleibt immer weniger Zeit für das Engagement in
Gemeindegruppen, für ehrenamtliche Tätigkeiten oder für Begegnungen mit Nachbarn, Freunden, ja sogar der Familie.
Diesen Niedergang illustriert Putnam daran, wie Amerikaner Bowling spielen, eine Sportart, die in den Vereinigten Staaten eine große
Anhängerschaft hat. Er stellt fest, dass Bowling in den Vereinigten
Staaten zwar populärer denn je ist, dass die Amerikaner aber nicht
mehr miteinander in den ehemals so beliebten „Local Leagues“
120
6. Der breitere Rahmen
kegeln. Stattdessen kegeln sie – im Wortsinne – allein. Putnam
zufolge ist der Niedergang der lokalen Netzwerke, die die Amerikaner einst dazu bewegten, gemeinsam zum Bowling zu gehen, einem
Verlust an Sozialkapital gleichzusetzen.
Verschiedene Arten von Sozialkapital…
Es wird viel über die verschiedenen Formen diskutiert, die Sozialkapital annehmen kann. Nach einem recht einfachen Definitionskonzept ist es jedoch möglich, drei große Kategorien zu unterscheiden:
h Bindungsbeziehungen: Beziehungen zwischen Menschen auf der
Grundlage eines gemeinsamen Selbstverständnisses („Leute wie
wir“), z.B. innerhalb von Familien, zwischen engen Freunden
oder Menschen gleicher Kultur oder ethnischer Zugehörigkeit.
h Brückenbeziehungen: Beziehungen, die über ein gemeinsames
Selbstverständnis hinausgehen, z.B. zu entfernten Freunden,
Kollegen oder Geschäftspartnern.
h Kontaktbeziehungen: Beziehungen zu Menschen oder Gruppen,
die weiter oben oder unten auf der sozialen Leiter stehen.
Sozialkapital wird von der OECD definiert als „Netzwerke sowie
gemeinsame Normen, Werte und Übereinkünfte, die die Zusammenarbeit
innerhalb oder zwischen Gruppen erleichtern“. In dieser Definition sind
unter Netzwerken reale Beziehungen zwischen Gruppen oder einzelnen
Menschen zu verstehen. Bei Netzwerken kann es sich z.B. um
Freundeskreise, Familien, Gruppen ehemaliger Kollegen usw. handeln.
Unsere gemeinsamen Normen, Werte und Übereinkünfte sind weniger
konkret als unsere sozialen Netzwerke. Soziologen bezeichnen Normen
gelegentlich als die unausgesprochenen und weitgehend unangefochtenen
Regeln unserer Gesellschaft. Normen und Übereinkünfte werden u.U. nur
dann sichtbar, wenn sie gebrochen werden. Wenn Erwachsene Kindern
gegenüber handgreiflich werden, verstoßen sie z.B. gegen die Regeln, die
Kinder vor Leid schützen sollen. Wertvorstellungen können leichter in
Frage gestellt werden; in der Tat kommt es innerhalb gesellschaftlicher
Gruppen häufig zu Diskussionen darüber, ob sie einen Wertewandel
durchlaufen. Und doch sind Werte – wie z.B. die Achtung der persönlichen
Sicherheit – die entscheidende Stütze jeder sozialen Gruppe. Als Ganzes
sorgen diese Netzwerke und Übereinkünfte für das nötige Vertrauen, das
es den Menschen ermöglicht zusammenzuarbeiten.
121
OECD Insights: Humankapital
Die potenziellen Nutzeffekte des Sozialkapitals zeigen sich am deutlichsten an den sozialen Bindungsbeziehungen. Freunde und Familie
können uns auf vielerlei Weise helfen: emotional, sozial und wirtschaftlich. Eine staatliche Erhebung aus dem Vereinigten Königreich
ergab z.B., dass mehr Menschen über persönliche Kontakte einen
Arbeitsplatz finden als über Stellenanzeigen. In Ländern, in denen die
Rechtsstaatlichkeit schwach ausgebildet ist oder der Staat wenig
Sozialdienste anbietet, kann eine solche Unterstützung sogar noch
wichtiger werden: Clans können die Ausbildung von Familienangehörigen finanzieren, ihnen Arbeit beschaffen oder sich um die Versorgung von Waisen oder älteren Menschen kümmern.
„Jedoch verschaffen der Zugang zu Informationen und zur
Einflussnahme über die sozialen Netzwerke dem Einzelnen private
Vorteile, und dieser Zugang kann in einigen Fällen von Individuen
oder Gruppen zur Ausgrenzung anderer Akteure bzw. zur
Stärkung der eigenen Dominanz bzw. Privilegien genutzt werden.“
Vom Wohlergehen der Nationen
Bindungsbeziehungen können jedoch auch zu einem Hindernis
werden. In eng zusammengeschweißten Gemeinschaften, wie z.B.
bestimmten Zuwanderergruppen, bestehen fast per definitionem
starke soziale Bindungsbeziehungen und kann sich der Einzelne in
großem Maße auf die Unterstützung der Verwandten bzw. Angehörigen derselben ethnischen Gruppe verlassen. Ihr Mangel an sozialen
Brückenbeziehungen kann solche Gemeinschaften aber zugleich zu
ewigen Außenseitern innerhalb der Gesellschaft machen, was ihrem
wirtschaftlichen Erfolg manchmal hinderlich ist. Diese soziale Ausgrenzung geht natürlich in beide Richtungen: Eng zusammengeschweißte Gemeinschaften können sich selbst ausgrenzen, sie
können aber auch von der Gesellschaft ausgegrenzt werden.
Wie fast alle Formen von Kapital kann Sozialkapital auch dazu
genutzt werden, anderen Schaden zuzufügen. Die Verbindungen
und Vertrauensbeziehungen, die Drogenkartelle und Verbrecherbanden zusammenhalten, stellen ebenfalls eine Form von Sozialkapital dar, wenn auch eine, auf die die übrige Gesellschaft gerne
verzichten würde. Unternehmen und Organisationen können darunter leiden, dass sie über die falsche Art von Sozialkapital verfügen: Beziehungen zwischen Kollegen, die so selbstzentriert sind,
dass sie nicht mehr sehen, was in der Welt vor sich geht. Umgekehrt
122
6. Der breitere Rahmen
kann Sozialkapital für Unternehmen auch von Vorteil sein. In Bowling Alone führt Putnam den Erfolg des amerikanischen Silicon Valley zu einem großen Teil auf formelle und informelle Kooperationen
zwischen den Startup-Unternehmen der Region zurück.
„… Sozialkapital ist das Bindemittel, das Zusammenarbeit,
Austausch und Innovation erleichtert.“
The New Economy: Beyond the Hype
… und verschiedene Kritikpunkte
Das Konzept des Sozialkapitals hat auch seine Kritiker. Einige
davon vertreten die Ansicht, dass Putnam falsch liegt mit seiner
Einschätzung, das soziale Engagement nähme ab. Vielmehr könnte
es einfach im Wandel begriffen sein. Anstatt Vereinen in der Nachbarschaft beizutreten, wie z.B. Kegelklubs, schließen wir uns heute
Gruppen von Menschen an, mit denen wir nicht den Lebensort,
sondern Anschauungen und Überzeugungen gemeinsam haben,
z.B. Gruppen, die für den Schutz der Umwelt oder die Rechte von
Homosexuellen eintreten. Solche Zusammenschlüsse – beispielsweise Greenpeace- oder Amnesty-International-Gruppen – können
ganz real sein. Sie können aber auch rein virtuell nur im Internet
existieren, wo ohne Zweifel bereits ganz neue „Gemeinden“ von
Menschen entstehen, die sich möglicherweise noch nie persönlich
begegnet sind, die aber gemeinsame Werte und Interessen teilen.
Was die Frage anbelangt, ob der Wert dieser neuen Gemeinschaften
dem traditioneller Formen vergleichbar ist, gehen die Ansichten
jedoch auseinander.
„In vielen Ländern scheint es lediglich zu einer Verschiebung vom
Engagement in traditionellen Organisationen und Institutionen …
hin zu neueren Formen freiwilliger Zusammenschlüsse
gekommen zu sein…“
Barrie Stevens et al.,
Die kreative Gesellschaft des 21. Jahrhunderts
Kritiker wenden auch ein, dass der Begriff „Sozialkapital“ ungenau, schwer zu messen und schlecht definiert sei und dass es sich
möglicherweise gar nicht um eine Form von Kapital handle. (Volkswirte definieren Kapital häufig als etwas, das die Erbringung einer
gewissen Form von Opfer in der Gegenwart voraussetzt – z.B. in der
Schule zu lernen, um das eigene Humankapital zu erhöhen, anstatt
draußen zu spielen –, um in der Zukunft daraus Gewinn zu ziehen.)
123
OECD Insights: Humankapital
Trotz seiner Umstrittenheit ist Sozialkapital jedoch ein Konzept, das
bei Politikern und politischen Entscheidungsträgern auf Interesse
stößt. Einer der Gründe dafür ist die wachsende Besorgnis über die
Marginalisierung bestimmter Gesellschaftsgruppen.
Wie wir wiederholt feststellen konnten, wird in der wissensbasierten Wirtschaft ein Bonus für Humankapital gezahlt, während sich die
Beschäftigungsaussichten von Menschen mit niedrigem Bildungsniveau, die in unserer Gesellschaft häufig am schlechtesten gestellt
sind, verringern. Einige Beobachter sprechen von der Entstehung
einer „Unterschicht“ in den Industrieländern, einer außerhalb der
gesellschaftlichen Hauptströmung stehenden Gruppe, die kaum
Chancen hat, wieder in sie zurückzukehren, weil es ihr an Humankapital sowie zweifellos auch an der „richtigen“ Art von Sozialkapital
mangelt. Dass diesen Menschen beides gleichzeitig fehlt, könnte in
der Tat kein Zufall sein. Vieles spricht dafür, dass Humankapital und
Sozialkapital untrennbar miteinander verwoben sind.
Sind Human- und Sozialkapital miteinander
verknüpft?
Human- und Sozialkapital existieren nicht isoliert voneinander.
Sie sind auf komplexe Weise miteinander verknüpft und unterstützen sich bis zu einem gewissen Grad gegenseitig. Anders ausgedrückt: Sozialkapital begünstigt die Entwicklung von Humankapital,
und Humankapital fördert die Entwicklung von Sozialkapital, wenngleich die hier zum Tragen kommenden Mechanismen komplex sind.
Wie Sozialkapital zum Humankapital beiträgt
Bildung: Jedes Schulkind weiß, dass der neugierige Nachbar eines
der größten Hindernisse ist, wenn es einen „inoffiziellen“ schulfreien Tag nehmen will. Was das Schulkind jedoch wahrscheinlich
nicht weiß, ist, dass seine Angst, beim Schuleschwänzen erwischt
zu werden, in Wirklichkeit Sozialkapital ist (die Beziehungen
124
6. Der breitere Rahmen
zwischen seinen Eltern und den Nachbarn), das die Entwicklung
von Humankapital (Bildung) unterstützt.
„Gemeinden mit einem hohen Niveau an Sozialkapital können in
der Regel bessere Schulergebnisse vorweisen als solche, die
mit sozialer Fragmentierung und Isolierung konfrontiert sind.“
The New Economy: Beyond the Hype
Die Belege für die Existenz solcher Beziehungen beschränken sich
nicht auf die Erfahrungen von Schulkindern. Der amerikanische
Soziologe James Coleman untersuchte Daten zu den Schulabbrecherquoten in den 1960er Jahren, um festzustellen, ob ein Zusammenhang mit dem Sozialkapitalniveau der Familien und Gemeinden der
Kinder bestand. Durch die Messung von Faktoren wie dem Maß an
Aufmerksamkeit, das die Eltern ihren Kindern zukommen lassen,
sowie der Intensität der Beziehungen der Familien zu ihren Gemeinden kam er zu dem Ergebnis, dass die Kinder dort, wo mehr Sozialkapital vorhanden ist, mit geringerer Wahrscheinlichkeit die Schule
abbrechen.
Paradoxerweise kann Sozialkapital den Lernprozess aber auch
behindern. In eng zusammengeschweißten Gemeinschaften, die Bildung nur geringen Wert beimessen, können Kinder und Erwachsene
u.U. an der Fortsetzung ihrer Bildung gehindert werden.
Gesundheit: Krankheit kann sozial isolieren, das Gegenteil ist
aber ebenfalls möglich. Indem sie das seelische Wohlbefinden von
am Rand der Gesellschaft stehenden Menschen beeinträchtigt, kann
die soziale Isolation selbst zu psychischer ebenso wie physischer
Krankheit führen.
Diese Idee ist nicht neu: Bereits Ende des 19. Jahrhunderts distanzierte sich der französische Soziologe Emile Durkheim von der bis
dahin gängigen Vorstellung, wonach Selbstmord die isolierte Tat
eines gestörten Individuums sei, und stellte die Problematik stattdessen in den Kontext der Beziehungen des Einzelnen zu seinen
Mitmenschen. Er gelangte zu dem Schluss, dass Menschen mit
schwächeren sozialen Bindungen eine höhere Selbstmordwahrscheinlichkeit aufweisen.
125
OECD Insights: Humankapital
STANDPUNKT
Robert Putnam
In diesem gekürzten Auszug aus einem
Interview mit dem OECD Observer antwortet
Robert Putnam auf die Frage: „Wie könnte
das Konzept des Sozialkapitals im
Bildungsbereich angewandt werden?“
darauf geachtet werden, wie Architektur (im
Großen und Kleinen) leichte, unverbindliche
Beziehungen zwischen den Menschen
fördern kann, statt sie in Nischen zu
isolieren.
Mir kommen hier ein paar Ideen in den Sinn,
die sich allerdings, wie ich betonen möchte,
nicht nur auf den Bildungsbereich beziehen,
sondern auf ein breites Spektrum an
Politikinstrumenten.
Eine weitere Frage ist die des Maßstabs.
Was das Sozialkapital anbelangt, lautet das
Ergebnis der meisten Forschungsarbeiten
„kleiner ist größer“: kleinere Städte, kleinere
Unternehmen, kleinere Klassenzimmer …
Lassen Sie uns mit dem Themenkreis
Humankapital und Sozialkapital beginnen.
Diese beiden Formen von Kapital sind
miteinander eindeutig in einer Art von
Tugendkreis verbunden, in dem die Bildung
in der Regel das Sozialkapital erhöht und das
Sozialkapital gleichzeitig die Bildungsleistung
fördert. Der Schwund des Sozialkapitals in
den Vereinigten Staaten hätte noch stärker
ausfallen können, wenn die Qualität und
Dynamik unserer Hochschulbildung dem
nicht entgegengewirkt hätte. Dies ist jedoch
nicht genug. Es hat sich gezeigt, dass
Unterricht in politischer Bildung,
obligatorische Gemeinschaftsarbeiten und
sogar extrakurrikulare Aktivitäten wie Sport
und Musik langfristige Effekte auf das
zivilgesellschaftliche Engagement der
Schülerinnen und Schüler haben, die daran
teilnehmen.
Die Bildung von Sozialkapital erfordert auch
eine eingehende Reflexion über die
Problematik des Raums. Bei der Gestaltung
von Schulen, aber auch von Büros,
Wohnanlagen und ganzen Städten muss
126
Das Problem ist, dass staatliche Politik
Sozialkapital unbeabsichtigt „zerstören“
kann. Nehmen Sie das Beispiel der
Schließung von Postämtern in Kleinstädten
und ländlichen Gegenden. In den Vereinigten
Staaten wurden Versuche mit dem Konzept
einer „Sozialkapitalfolgenabschätzung“ für
große Politikinitiativen angestellt, damit z.B.
beim Bau großer neuer Schnellstraßensysteme zumindest geprüft wird, wie sie sich
auf die sozialen Netzwerke auswirken
werden.
Die Regierungen sollten verstehen, dass
Investitionen in Sozialkapital Zeit brauchen.
Die mit der Weiterentwicklung der
Arbeitsmärkte – und vor allem der Zunahme
der Zahl der erwerbstätigen Frauen – und
dem technologischen Fortschritt
einhergehende Erhöhung der Flexibilität der
Arbeitgeber kann es ihnen gestatten, den
Arbeitnehmern die Möglichkeit zu geben,
ihre beruflichen Anforderungen besser mit
den Bedürfnissen von Familie und
Gemeinschaft zu vereinbaren.
6. Der breitere Rahmen
Die Auswirkungen des Sozialkapitals auf die Gesundheit
beschränken sich nicht auf Extremsituationen wie Selbstmord, und
sie sind gleichermaßen für junge wie alte Menschen festzustellen.
Untersuchungen haben ergeben, dass Kindesmisshandlungen seltener in Gegenden vorkommen, in denen sich die Nachbarn untereinander kennen. Am anderen Ende des Altersspektrums sind
Krankheiten wie Altersdemenz und Alzheimer stärker unter älteren
Menschen verbreitet, die sozial isoliert sind. Ähnliche Effekte sind
auch in anderen Altersphasen festzustellen. Eine US-Studie zeigte,
dass vereinsamte Menschen zwischen 50 und 70 Jahren häufiger an
überhöhtem Blutdruck litten als solche mit guten sozialen Kontakten. Und eine dänische Untersuchung ergab, dass das Risiko von
Herzerkrankungen bei Menschen mittlerem Alters fast doppelt so
hoch war, wenn sie alleine lebten.
„Am deutlichsten zeigen sich die positiven Auswirkungen
sozialer Bindungen wahrscheinlich im Bereich der Gesundheit.“
Vom Wohlergehen der Nationen
Warum genau soziale Isolierung einen solch deutlichen Effekt auf
die Gesundheit ausüben kann, ist unklar, wahrscheinlich handelt es
sich aber um das Resultat einer Vielzahl von Faktoren. Einer davon
Der letzte Ausweg
DER LETZTE AUSWEG
Selbstmordraten, Frauen und Männer
Todesfälle je
100 000
Einwohner
Männer
Frauen
Ungarn
2002
Griechenland
Korea
OECD
19.6
5.6
4
Australien
39.9
28.1
19.2
0.9
11.1
4.9
9.3
Ausgewählte OECD-Länder
Quelle: Gesundheit auf einen Blick 2005.
2002 haben sich im
OECD-Raum mehr als
130 000 Menschen
das Leben genommen.
Die Zahl der Selbstmordopfer ist bei den
Männern fast dreimal so
hoch wie bei den Frauen,
bei den Selbstmordversuchen ist die
Differenz zwischen den
Geschlechtern allerdings
geringer.
Daten im Excel-Format sind über den
StatLink (siehe unten) abrufbar
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/724646780077
127
OECD Insights: Humankapital
ist, dass soziale Netzwerke eine echte Hilfe darstellen, indem sie
den Menschen Unterstützung und Fürsorge bieten, die sowohl psychischen als auch physischen Stress lindern kann. Zudem kann die
Freude, die wir aus dem Zusammensein mit Freunden und Familie
ziehen, physische Reaktionen in unserem Körper auslösen, die uns
dabei helfen, Stress zu bewältigen, und die unser Immunsystem
stärken. Was auch immer die Gründe sein mögen, das Resultat
scheint eindeutig: Wer gesund bleiben will, braucht Freunde.
Kann Humankapital zur Entstehung von Sozialkapital
führen?
Humankapital gilt gemeinhin als ein Faktor, der zum Sozialkapital beiträgt. Auf der elementarsten Ebene drückt sich darin schlicht
die Tatsache aus, dass Bildung Kindern und jungen Erwachsenen
dabei helfen kann, sich ihrer Verantwortung als Mitglieder der
Gesellschaft bewusst zu werden. Darüber hinaus gibt es Belege
dafür, dass das Niveau des zivilgesellschaftlichen und sozialen
Engagements des Einzelnen mit zunehmender Dauer der Bildungsteilnahme im Allgemeinen steigt.
Was uns zu einem interessanten Paradoxon führt: Wir wissen,
dass die Dauer der Bildungsteilnahme in Industrieländern länger
ist. Wir wissen aber auch, dass gerade in diesen Ländern Anlass zu
Besorgnis über einen offensichtlichen Schwund an sozialem Engagement besteht. (Ein häufig genanntes Symptom ist die langfristig
rückläufige Wahlbeteiligung.) Wie lässt sich dieser anscheinende
Widerspruch erklären?
Dass Bildung das zivilgesellschaftliche und soziale Engagement
fördert, wurde in mehreren Studien belegt; wie genau dieser
Zusammenhang abläuft, ist jedoch immer noch nicht vollständig
geklärt. Um dies zu untersuchen, muss man mehr betrachten als nur
die Dauer der Bildungsteilnahme: Schulbesuch allein macht die
Menschen nicht sozial engagierter.
Stattdessen müssen wir fragen, was die Menschen effektiv während der langen Zeit machen, die sie im Unterricht verbringen. Eine
Ende der 1990er Jahre in 28 Ländern durchgeführte Studie ergab z.B.,
dass Schülerinnen und Schüler, die Gelegenheit erhalten, im Unterricht über politische und soziale Themen zu diskutieren, stärker für
politische Fragen sensibilisiert werden und mit größerer Wahrscheinlichkeit ein aktives zivilgesellschaftliches Engagement anstreben.
128
6. Der breitere Rahmen
Um zu verstehen, wie sich Bildung auf das menschliche Verhalten auswirkt – worum es hier im Wesentlichen geht –, müssen wir
zudem nicht nur danach fragen, wie hoch das Bildungsniveau des
Einzelnen ist, sondern auch, wie es sich im Vergleich zu dem der
anderen darstellt und über wie viel Bildung die Gesellschaft insgesamt verfügt. Diese Niveaudifferenzen scheinen Einfluss darauf zu
haben, wie sich Menschen in der Gesellschaft engagieren, sei es in
Bezug auf Wahlbeteiligung, gemeinnützige Aktivitäten, Mitgliedschaft in politischen Parteien, Organisation von Gemeindefesten
oder jegliche Kombinationen dieser verschiedenen Formen gesellschaftlichen Engagements.
Wie diese Faktoren zusammenspielen, kann am Beispiel von Personen untersucht werden, die im Vergleich zu ihrer Umgebung über
ein wesentlich höheres Bildungsniveau verfügen. Der hohe soziale
Status, den sie genießen, kann solche Personen nach Ansicht einiger Soziologen dazu veranlassen, sich politisch zu engagieren, weil
er ihnen die Gewissheit gibt, sich mit relativ geringer Mühe den
Schalthebeln der Macht nähern zu können. Jemand mit geringerem
Bildungsniveau könnte zu genau der entgegengesetzten Einschätzung gelangen und vor politischem Engagement zurückschrecken,
um sich stattdessen eher im Gemeindebereich zu engagieren.
Die Zukunft des Sozialkapitalkonzepts
Soziologen und Pädagogen ist es immer noch nicht gelungen, diese
komplexen Zusammenhänge vollständig zu verstehen und Wege zu
finden, um Bildung als Instrument zur Entwicklung von sozialem
und zivilgesellschaftlichem Engagement einzusetzen. Sozialkapital
ist in der Tat ein Konzept, das fast so viele Fragen aufwirft, wie es
beantworten hilft, und von dem viele meinen, dass es seinen Nutzen
erst noch unter Beweis stellen muss. Auf der elementarsten Ebene
könnte dieser Nutzen vor allem darin liegen, dass es gestattet, unter
einem neuen Blickwinkel zu untersuchen, wie sich wirtschaftliche
Entwicklung auf die Gesellschaft auswirkt und wiederum durch sie
beeinflusst wird. Denkbar wäre aber auch, dass damit bahnbrechende
Erkenntnisse über die entscheidenden sozialen Zusammenhänge
gewonnen werden, die sich auf alle Bereiche – vom Wachstum bis
zum persönlichen Glück – auswirken.
129
OECD Insights: Humankapital
„Die Forschung im Bereich des Sozialkapitals befindet sich
derzeit noch im Frühstadium, so dass bislang noch keine
verlässliche Aussage darüber möglich ist, ob es mit bestimmten
Programmen oder Maßnahmen gelingen wird, die vorgegebenen
Ziele im Hinblick auf das Sozialkapital zu erreichen.“
Vom Wohlergehen der Nationen
Ist es somit für die Regierungen noch zu früh, nach Möglichkeiten
zur Steigerung des Sozialkapitals zu suchen? Einige Länder scheinen nicht dieser Ansicht zu sein. In Irland hat die Regierung z.B.
eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die dafür sorgen soll, dass sich die
Menschen durch gemeinnützige Aktivitäten und Vereinsarbeit stärker in ihren Gemeinden engagieren. Auslöser für diese Initiative
war nicht zuletzt die weit verbreitete Besorgnis darüber, dass das
außergewöhnliche Wirtschaftswachstum der letzten Jahre auf
Kosten der in Irland traditionell starken Bindungen innerhalb der
Gemeinden gegangen ist. Andere Regierungen, insbesondere im
englischsprachigen Raum, verfolgen ähnliche Ideen.
Welche Ergebnisse – und welche Auswirkungen auf die Gesellschaft – diese Initiativen haben werden, muss sich noch zeigen.
Eines ist jedoch bereits klar: Angesichts der wohl weiterhin rasch
voranschreitenden wirtschaftlichen Entwicklung wird es für uns
immer wichtiger werden, zu verstehen, wie Human- und Sozialkapital dem Einzelnen und der Gesellschaft bei der Bewältigung der
bevorstehenden Veränderungen helfen kann.
130
6. Der breitere Rahmen
Weitere OECD-Studien zu diesem Thema
h Gesundheit auf einen
Blick (erscheint alle zwei
Jahre)
Die Gesundheitsstandards
sind im gesamten OECDRaum gestiegen. Dies hatte
allerdings zur Folge, dass die
Gesundheitsausgaben noch
nie so hoch waren wie heute.
Angesichts steigender
Gesundheitskosten suchen
die Regierungen vieler
Länder nach Lösungen, um
das Ausgabenwachstum zu
bremsen und das PreisLeistungs-Verhältnis der
Gesundheitsversorgung zu
verbessern. Gesundheit auf
einen Blick liefert neueste
Vergleichsdaten und Trends
zu den verschiedenen
Aspekten der Leistung der
Gesundheitssysteme der
OECD-Länder. Dabei werden
große Unterschiede bei den
Indikatoren des Gesundheitszustands und der
Gesundheitsrisiken sowie
den Kosten, der Ressourcenallokation und der Produktivität der Gesundheitssysteme aufgezeigt.
h Gesellschaft auf einen
Blick (erscheint alle zwei
Jahre)
Die im Zweijahresturnus
erscheinende Indikatorensammlung der OECD gibt
Aufschluss über die
Entwicklungen in den
Mitgliedsländern in Bezug
auf soziale Gleichheit,
Gesundheit und Kohäsion.
Mit Statistiken zu Themen
wie Beschäftigung,
Bildungsniveau, Armut,
Einkommensungleichheit,
Lebenserwartung und
sozialem Zusammenhalt
liefert Gesellschaft auf einen
Blick eine Momentaufnahme
des sozialen Wohlergehens
in den OECD-Ländern und
ermöglicht es dem Leser so,
miteinander verknüpfte
soziale Fragen im breiteren
Kontext der gesellschaftlichen Merkmale der Länder
zu untersuchen.
h Vom Wohlergehen der
Nationen (2004)
In einer in raschem Wandel
begriffenen Welt ist der
Erfolg von Nationen, Gemeinwesen und Einzelpersonen
möglicherweise mehr denn
je von deren Fähigkeit
abhängig, sich zu verändern,
zu lernen und Wissen zu
teilen. Vom Wohlergehen der
Nationen befasst sich mit
den Konzepten Humankapital
und Sozialkapital und
bewertet deren Einfluss auf
Wirtschaftswachstum und
Wohlergehen. Die vorliegenden Befunde lassen
darauf schließen, dass
Humankapital und Sozialkapital einen entscheidenden
Beitrag zu einer breiten
Palette positiver Ergebnisse
leisten können, darunter
Einkommenswachstum,
Lebenszufriedenheit und
sozialer Zusammenhalt. Die
Möglichkeiten der staatlichen
Politik zur Veränderung von
Qualität, Umfang und
Verteilung des Human- und
Sozialkapitals auf kurze Sicht
sind begrenzt, der Bericht
zeigt jedoch Bereiche auf, in
denen öffentliche, private
und gemeinnützige Akteure
eine langfristige Erhöhung
sowohl des Human- als auch
des Sozialkapitals erzielen
können.
h Poverty and Health
(DAC Guidelines and
Reference Series) (2003)
Die Gesundheit der
Armenbevölkerung ist ein
zentrales Anliegen der
Entwicklungszusammenarbeit. Abgesehen von den
direkten Vorteilen für den
Einzelnen sind Investitionen in
die Gesundheit auch ein
wichtiges, bislang unterschätztes Instrument der
wirtschaftlichen Entwicklung.
In Poverty and Health, einer
Gemeinschaftsveröffentlichung der OECD
und der Weltgesundheitsorganisation werden die
wesentlichen Bestandteile
eines auf die Armutsbekämpfung ausgerichteten
Ansatzes in der Gesundheitspolitik dargelegt. Damit wird
ein Rahmen für Aktionen
innerhalb der Gesundheitssysteme und darüber hinaus
– über Maßnahmen in
anderen Bereichen und
globale Initiativen –
aufgezeigt. Die
Empfehlungen richten sich
an die Mitarbeiter von
Entwicklungsagenturen in
den Bereichen
Politikgestaltung und
-umsetzung wie auch an die
politischen
Entscheidungsträger und
Planungsverantwortlichen in
den Partnerländern.
Verwiesen wird in diesem
Kapitel auch auf die
Publikationen:
h Die OECD in Zahlen und
Fakten 2007: Statistiken
aus den Bereichen
Wirtschaft, Umwelt und
Soziales.
h Die kreative Gesellschaft
des 21. Jahrhunderts.
h The New Economy:
Beyond the Hype: The OECD
Growth Project (2001).
131
7
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Messgrößen
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und
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Maßnahmen
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OECD Insights: Humankapital
Zur Einleitung…
Wir leben in einer Welt, in der fast alles gemessen wird. Das geht
schon gleich nach der Geburt los: Da werden erst einmal Größe und
Gewicht festgestellt. Und nach dem Tod wird noch ein letztes Mal
Maß genommen. In der Zeit dazwischen kann und wird auch zumeist
so ziemlich jeder Aspekt des Lebens gemessen: unsere körperliche
Entwicklung, unsere schulischen Leistungen, unser Wert für den
Arbeitgeber und unsere sportlichen Fähigkeiten.
Messgrößen spielen eine wichtige Rolle. Anhand von Messgrößen
können Ärzte die Entwicklung eines Kindes verfolgen, Regierungen
Ressourcen dort einsetzen, wo sie benötigt werden, und Wähler die
Politiker zur Rechenschaft ziehen. Und doch geht es bei Messgrößen
um mehr als nur harte Fakten und nüchterne Zahlen. Man muss sie
auch zu interpretieren wissen, und manchmal sind sie mit kontroversen Entscheidungen verbunden. In der Tat geht die Entscheidung,
einen bestimmten Aspekt zu messen, häufig mit der Entscheidung
einher, einen bestimmten anderen Aspekt nicht zu messen.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist z.B. eine der am häufigsten
verwendeten Messgrößen der wirtschaftlichen Aktivität. Es misst
im Wesentlichen die gesamte Produktionstätigkeit einer Volkswirtschaft oder besser gesagt die gesamte Produktionstätigkeit, die
einen finanziellen Gegenwert hat. Nicht gemessen wird beispielsweise die Zeit, die Eltern aufbringen, um ihren Kindern das Lesen
beizubringen – eine Tätigkeit, die eindeutig produktiv ist. Ebenfalls
im BIP unberücksichtigt bleibt der Wert von Freizeit.
In der Geschäftswelt heißt es gelegentlich: „Was du nicht messen
kannst, kannst du nicht lenken.“ Wie viele Zitate aus der Wirtschaft
enthält auch dieses ein Körnchen Wahrheit. Aber es lässt auch vieles aus, worüber eine Führungskraft informiert sein muss – wie
Gruppendynamiken oder Stärken und Schwächen ihrer Mitarbeiter
–, wenn sie ein Unternehmen effizient leiten will. Desgleichen hat
das Fehlen von Messwerten zu manchen nützlichen oder produktiven Tätigkeiten bzw. die Unmöglichkeit, solche Messungen anzustellen, zur Folge, dass wir diesen nicht messbaren Aktivitäten
mitunter nicht genügend Wert einräumen und Tätigkeiten, die von
134
7. Messgrößen und Maßnahmen
gesellschaftlichem oder ökologischem Wert sind, sich aber nicht
unmittelbar mit einem geldwerten Nutzen verbinden lassen, unzureichend fördern.
X Wie der Leser sicherlich schon erkannt haben dürfte, geht es in
diesem Kapitel hauptsächlich um Messgrößen. Daher wird zunächst
unter die Lupe genommen, wie Human- und Sozialkapital gemessen
werden, was bei diesen Messgrößen berücksichtigt wird und – vor
allem – was bei ihnen unberücksichtigt bleibt. Anschließend wird
untersucht, wie in einigen Staaten Standardmessgrößen der Wirtschaftstätigkeit wie das BIP durch Messgrößen für das Human- und
das Sozialkapital sowie andere Kapitalformen ergänzt werden, um
ein umfassenderes Bild der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Bedingungen des betreffenden Landes zu zeichnen. Abschließend
wird in einem kurzen Überblick nochmals auf einige der Hauptaufgaben eingegangen, vor denen die OECD-Länder beim weiteren Ausbau
des Humankapitals ihrer Bevölkerung stehen.
Wie lassen sich Human- und Sozialkapital
messen?
M
anche Dinge lassen sich ganz einfach messen. Für direkte Messungen der Tagestemperatur reicht beispielsweise ein Thermometer
aus. Wie aber lässt sich feststellen, wie warm es vor 200 Jahren auf der
Erde war? Sofern damals keine Aufzeichnungen gemacht wurden, lassen sich Informationen über die Temperatur zu dieser Zeit nur anhand
von „Beweismitteln“ aus der Natur herleiten, wie z.B. aus den Wachstumsringen eines Baumes: Je breiter die Ringe, desto wärmer war das
Jahr. Allerdings sagt die Breite der Ringe nichts über die genauen Temperaturen der damaligen Zeit aus. Sie ist ein Hilfsindikator, anhand
dessen sich annähernd ableiten lässt, welche Temperaturen damals
geherrscht haben könnten.
Ebenso wenig sind Human- und Sozialkapital direkt messbar
– weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft. Zu ihrer
Ermittlung müssen wir auf Hilfsindikatoren zurückgreifen, und
jeder dieser Hilfsindikatoren hat seine Vor- und Nachteile.
135
OECD Insights: Humankapital
Messung des Humankapitals
Die für die Ermittlung des Humankapitals am häufigsten herangezogenen Hilfsindikatoren sind u.a. die Bildungsdauer und die Art des
erworbenen Bildungsabschlusses. Die Vorteile dieser Indikatoren liegen auf der Hand: In den meisten Ländern werden die schulischen
Ergebnisse ausführlich dokumentiert. Leider sagt eine Schülerakte
wenig darüber aus, was der Schüler gelernt hat (zur Erinnerung: Der
Lehrstoff, der dem Schüler in der Schule vermittelt wird, ist nicht
identisch mit dem Wissen, das er sich tatsächlich aneignet – von
schulfachspezifischen Kenntnissen über gesellschaftliche Werte und
Einstellungen bis hin zur Fähigkeit zum eigenständigen Lernen).
Fünf Schuljahre in einer Schule können mehr bringen als fünf Jahre
in einer anderen; ebenso kann der Arbeitsaufwand, der zum Erwerb
eines Diploms im Bildungssystem eines Landes erforderlich ist,
höher oder niedriger sein als in einem anderen.
Eine alternative Möglichkeit ist, durch Tests zu ermitteln, was der
Einzelne gelernt hat. Diesen Ansatz verfolgt die OECD mit Projekten
wie PISA (vgl. Kapitel 4). Solche Bewertungen ermöglichen zwar
einen internationalen Vergleich, untersuchen allerdings nur eine
begrenzte Palette von Fähigkeiten und Kompetenzen, und wie bei
jeder Erhebung kann die Genauigkeit beeinträchtigt werden, wenn die
geprüfte Bevölkerungsstichprobe zu klein oder nicht repräsentativ ist.
Desgleichen könnte man versuchen, den wirtschaftlichen Wert des
Humankapitalbestands eines Landes zu ermitteln. Dazu müsste das
Niveau der Fähigkeiten, Kompetenzen und Qualifikationen des Einzelnen bestimmt und zu seinem jeweiligen Lohn oder Gehalt ins Verhältnis gesetzt werden. Dabei treten allerdings ein paar Probleme auf.
Erstens besteht, wenn wir uns ausschließlich auf das Humankapital
des Einzelnen konzentrieren, das Risiko, dass die in einer Organisation vorhandenen kollektiven Fähigkeiten und Fertigkeiten unberücksichtigt bleiben, durch die sich die Produktivität aller Beteiligten
erhöhen kann. Zweitens wird bei diesem Ansatz davon ausgegangen,
dass sich Fähigkeiten automatisch in einem bestimmten Einkommensniveau widerspiegeln. Aus eigener Erfahrung wissen wir aber,
dass noch eine Reihe anderer Faktoren – z.B. Geschlecht, Temperament und Persönlichkeit – Einfluss auf den Wert haben können, den
eine Organisation einem Individuum beimisst.
136
7. Messgrößen und Maßnahmen
Ebenso wurde bereits versucht, den sozialen Wert von Humankapital zu messen. Bei diesen Schätzungen wird berechnet, wie viel es
kosten würde, die Nutzeffekte von Humankapital (wie eine verbesserte Gesundheit) mit alternativen Mitteln zu kaufen. Derartige
Ansätze sind interessant, und sie scheinen zu zeigen, dass eine Steigerung des Humankapitals mit erheblichen sozialen Nutzeffekten
verbunden ist. Wie jedoch in diesem Bereich häufig zu beobachten,
kann der Kausalzusammenhang nicht eindeutig bestimmt werden.
Es ist nicht klar, inwieweit das Humankapital eine Verbesserung des
Gesundheitszustands bewirkt oder umgekehrt eine gute Gesundheit
zur Weiterentwicklung des Humankapitals beiträgt.
Das Fazit ist, dass sich Humankapital schwer messen lässt. Jede
Messgröße ist in ihrer Aussagekraft begrenzt. Um ein umfassenderes
Bild zu gewinnen, müssen verschiedene Indikatoren kombiniert
werden. Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass auch daraus
keine umfassenden Erkenntnisse gezogen werden können.
„Humankapitalindikatoren, denen nur ein Index zu Grunde liegt,
müssen durch spezifischere Messgrößen ergänzt werden, die
auf direkten Messungen des Wissens und der Qualifikationen
in Organisationen beruhen.“
Vom Wohlergehen der Nationen
Messung des Sozialkapitals
Sozialkapital lässt sich noch schwerer messen, was nicht wirklich
überrascht, wenn man bedenkt, dass dieses Konzept sozusagen
noch in den Kinderschuhen steckt. Da sich Sozialkapital aus einer
ganzen Reihe von Faktoren zusammensetzt (Netzwerken, Normen,
Werten und Überzeugungen), wird es in der Regel anhand einer
breiten Palette von Elementen gemessen, wie der Mitgliedschaft in
Organisationen und Vereinen, der Wahlbeteiligung sowie Umfrageergebnissen zur Zahl der Besuche bei Freunden oder zur Einstellung der Befragten zu der Gesellschaft, in der sie leben.
Ziel ist daher, eine Messgröße zu entwickeln, die umfassend ist
und bei der objektive Elemente (z.B. Angaben zur Zahl der Mitglieder von Vereinen) und subjektive Größen (z.B. Antworten auf
Umfragen) in ausgewogenem Verhältnis zueinander stehen. Jedoch
wird keine Messgröße des Sozialkapitals umfassend genug sein, um
wirklich allen Elementen der Interaktion und des Zusammenwirkens der Menschen in einer Gesellschaft Rechnung zu tragen.
137
OECD Insights: Humankapital
Eine weitere Methode zur Ermittlung des Sozialkapitals besteht
darin, Elemente zu messen, die auf einen Mangel an Sozialkapital
hinweisen könnten – Kriminalität, Mordraten, asoziales Verhalten.
Die Betonung liegt dabei jedoch auf „könnten“. Wir wissen einfach
zu wenig über die ausschlaggebenden Faktoren für die Entstehung
von Sozialkapital ebenso wie sozialer Unordnung, um wirklich verstehen zu können, in welchem Zusammenhang die beiden zueinander stehen.
Als geeigneter Hilfsindikator für die Ermittlung des Sozialkapitals wird manchmal noch das Vertrauen betrachtet. Vertrauen ist
nicht direkt messbar, es können aber Umfragen zum Grad des Vertrauens durchgeführt werden, den die Befragten in ihre Mitmenschen setzen. Das Problem dabei ist, dass Vertrauen nicht unbedingt
in allen Kulturen dieselbe Bedeutung hat. Darüber hinaus erstreckt
sich Vertrauen selten gleichermaßen auf alle gesellschaftlichen
Gruppen. In manchen Ländern wie Frankreich besteht im Familienkreis ein recht hoher Grad an Vertrauen, in der breiteren Gesellschaft ist er jedoch deutlich geringer. Auch wenn Vertrauen kein
perfekter Hilfsindikator für das Sozialkapital ist, sind viele Sozialwissenschaftler doch der Ansicht, dass seine Aussagekraft mit der
anderer, breiter gefasster Messgrößen vergleichbar ist.
Eine Frage des Vertrauens
EINE FRAGE DES VERTRAUENS
Prozentsatz der Personen, denen
zufolge man den meisten Menschen
vertrauen kann (Umfrageergebnisse aus
der World Values Study)
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Gerundete Prozentwerte, 1995-1996
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18
*Nicht-OECD-Länder
Quelle: Vom Wohlergehen der Nationen.
138
Ausgewählte OECD-Länder
Der Grad des Vertrauens
wird normalerweise anhand
von Erhebungen gemessen,
bei denen die Befragten
angeben sollen, ob sie ihren
Mitmenschen vertrauen.
Einige Forscher führten
außerdem praktische Tests
zur Ermittlung des
Vertrauensniveaus durch,
bei denen z.B. Brieftaschen
absichtlich auf der Straße
fallen gelassen wurden, um
zu sehen, wie viele
zurückgegeben werden.
7. Messgrößen und Maßnahmen
Lässt sich alles messen, worauf es ankommt?
Das Himalaya-Königreich Bhutan ist ein in der Welt einzigartiger
Ort. Es ist eines der am wenigsten entwickelten Länder der Erde, bis
Anfang der 1960er Jahre gab es keine Straßen, bis Ende der 1990er
Jahre war das Fernsehen verboten, und noch heute ist die Zahl der
Touristen, die pro Jahr in dieses abgelegene Gebirgsland einreisen
dürfen, streng begrenzt.
In Bhutan leben hauptsächlich Buddhisten, was sich in nahezu
jedem Aspekt des Lebens widerspiegelt, u.a. in der Einstellung zum
Wirtschaftswachstum. Buddhisten betrachten das Streben nach
materiellem Wohlstand in der Regel als Hindernis auf dem Weg zur
spirituellen Erleuchtung. Daher ist Bhutans Staatsführung dem
Wirtschaftswachstum gegenüber skeptisch eingestellt und erachtet
es nur dann als vorteilhaft, wenn dadurch auch die Summe des
„Bruttosozialglücks“ (Gross National Happiness – GNH) steigt.
Müsste zwischen den beiden gewählt werden, würde dem Bruttosozialglück der Vorrang gegeben.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie eine solche
Messgröße aussagekräftig definiert bzw. objektiv berechnet werden
könnte. Gar nicht so einfach, aber das Centre for Bhutan Studies in
der Hauptstadt Thimphu arbeitet nach eigenen Angaben derzeit an
einem sogenannten GNH-Index. Das Ergebnis dieser Anstrengungen
wird wahrscheinlich auf einer Reihe von Kategorien wie Gesundheit und Bildungsniveau, biologische Vielfalt und kulturelle Vitalität basieren.
Das alles mag nach einem weiteren Beispiel für die eigenwillige
Denkweise der Bhutaner klingen, Tatsache ist aber, dass das Königreich mit seinen Anschauungen nicht allein steht. Auch andere
Länder arbeiten an alternativen Indikatoren, die neben sonstigen
Kapitalformen auch Messgrößen ihres Humankapitals enthalten
können. Diese Indikatoren sind u.a. darauf ausgerichtet, ein umfassenderes Bild des Wohlergehens der jeweiligen Länder zu vermitteln. Im Wesentlichen geht es aber darum festzustellen, ob die
Nationen über ausreichendes Kapital – in all seinen Formen –
verfügen, um eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung gewährleisten zu können.
139
OECD Insights: Humankapital
Wissenswertes zum BIP
Wo also liegt bei den bestehenden Wirtschaftsindikatoren das
Problem? Um es mit Albert Einsteins Worten auszudrücken: „Nicht
alles was zählt, kann gezählt werden, und nicht alles was gezählt
werden kann, zählt.“
In vieler Hinsicht leisten traditionelle Indikatoren sehr gute Dienste.
So informiert das BIP, das Bruttoinlandsprodukt, z.B. über die Größe
einer Volkswirtschaft. Das BIP ist ein echtes Schwergewicht unter den
Indikatoren. Es wird allgemein angewandt und normalerweise regelmäßig aktualisiert, und es ermöglicht einen internationalen Vergleich
der Leistung verschiedener Volkswirtschaften. Zudem ist es eine breit
gefasste Messgröße, die eine aussagekräftige Momentaufnahme der
Wirtschaftslage liefert. Das BIP hat sich effektiv als so nützlich erwiesen, dass es gewissermaßen zum „Goldstandard“ des wirtschaftlichen
Fortschritts geworden ist: Die Länder sind voller Stolz, wenn das BIP
steigt, und werden kleinlaut, wenn dies nicht der Fall ist.
Das BIP sagt viel über die Wirtschaftstätigkeit aus, kann jedoch
keine Auskunft darüber geben, ob diese Wirtschaftstätigkeit für die
Gesellschaft positiv oder negativ ist. Es scheint paradox, aber
beispielsweise wirken sich Straßenunfälle positiv auf das BIP aus:
Wirtschaftliche Stärke
WIRTSCHAFTLICHE STÄRKE
Pro-Kopf-BIP in ausgewählten
OECD-Ländern
In US-Dollar
2004
60 000
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50 000
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20 000
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Das Pro-Kopf-BIP, für
dessen Ermittlung die
gesamtwirtschaftliche
Produktion eines
Landes durch seine
Bevölkerungszahl
geteilt wird, findet als
Indikator für die
Wirtschaftsstärke
breite Verwendung.
10 000
0
Quelle: Die OECD in Zahlen und Fakten 2006.
140
Daten zu allen 30 OECD-Ländern
sind über den StatLink (siehe unten)
abrufbar
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/744188366804
7. Messgrößen und Maßnahmen
Die Kosten für die medizinische Betreuung, das Abschleppen des
Unfallwagens und der Kauf eines neuen Autos – all das trägt zum
BIP-Wachstum bei. Für das BIP sind Straßenunfälle also gut. Für die
Gesellschaft sind sie schlecht.
Dies erklärt sich größtenteils daraus, dass das als Anstieg des BIP
ausgedrückte Wirtschaftswachstum eine Mischung aus positiven
und negativen Einflüssen ist. Zumeist überwiegt das Positive, insgesamt ist das Wirtschaftswachstum aber nur Mittel zum Zweck. So
liefert es den Ländern beispielsweise die Mittel zur Armutsbekämpfung, zur Bereitstellung von Bildung und zur Verbesserung der
Gesundheitsdienste und erweitert das Spektrum der Möglichkeiten,
die sich Regierungen und Gesellschaft bieten. Für den Einzelnen
kann Wirtschaftswachstum auch einen Lohnzuwachs bedeuten, der
es ihm ermöglicht, für sich und seine Familie in Gesundheit, Wohlstand und Glück zu investieren. Wo Gewinner sind, kann es aber
auch Verlierer geben: So können Individuen oder Gruppen, die
nicht über die notwendigen Ressourcen verfügen, um in einer
expandierenden Wirtschaft mithalten zu können, mitunter in eine
Spirale der Armut geraten.
„So gesehen ist das Wachstum der gesamtwirtschaftlichen
Produktion kein Selbstzweck, sondern eine Voraussetzung für
die Erweiterung der Wahlmöglichkeiten des Menschen.“
Vom Wohlergehen der Nationen
Von dieser Komplexität kommt im BIP nichts zum Ausdruck.
(Zugegebenermaßen ist das BIP lediglich einer von mehreren Indikatoren, derer sich die Volkswirte bedienen. Andere Messgrößen, z.B.
der Gini-Koeffizient, geben in der Tat Einblick in Aspekte wie Einkommensungleichheit.) Nicht zuletzt aus diesem Grund besteht
zunehmendes Interesse an der Entwicklung alternativer Indikatoren,
die eine umfassendere Analyse der Gesundheit einer Gesellschaft
und ihrer Fähigkeit zur Fortsetzung ihres Wachstums ermöglichen.
Umfassende Messgrößen
Der Anstoß dafür kommt hauptsächlich vom Konzept der nachhaltigen Entwicklung. Dieses Konzept beruht auf dem Gedanken,
dass die Anstrengungen der heutigen Generation zur Befriedigung
ihrer Bedürfnisse nicht die Möglichkeiten künftiger Generationen
zur Deckung ihrer Bedürfnisse einschränken dürfen. Dazu müssen
141
OECD Insights: Humankapital
wir der nächsten Generation eine saubere Umwelt und gesellschaftliche Strukturen hinterlassen, in denen jeder sein Potenzial voll
entfalten kann.
Es überrascht also nicht, dass bei der nachhaltigen Entwicklung
der Schwerpunkt auf Umweltthemen liegt. Ebenfalls betrachtet
werden aber auch die Gesundheit der Gesellschaft sowie das
Humankapital, nicht zuletzt deshalb, weil Bildung für die Chancen
eines Menschen im Leben eine so wesentliche Rolle spielt.
Genau wie das GNH in Bhutan basieren alternative Indikatoren in
der Regel auf Messgrößen vieler verschiedener Dinge – vom Gesundheitszustand der Menschen über Umweltressourcen bis hin zur
sozialen Ungleichheit. Das ist in vieler Hinsicht sowohl eine Stärke
als auch eine Schwäche. Einerseits lässt sich dadurch eine breit gefasste, repräsentative Messgröße des „tatsächlichen“ Wohlstands eines
Landes in all seinen Formen konstruieren. Andererseits stellt sich
dabei die Frage, welche Elemente gemessen werden sollen und wie
sie im Verhältnis zueinander zu gewichten sind.
„Für eine nachhaltige Entwicklung müssen beim Streben nach
zunehmender wirtschaftlicher Effizienz und materiellem
Wohlstand auch soziale und ökologische Ziele berücksichtigt
werden.“
Candice Stevens, Measuring Sustainable Development
Darüber hinaus besteht das Problem, dass Indikatoren, die zu viele
Elemente enthalten, schnell unverständlich und damit effektiv irrelevant werden können und dass solche, die zu wenige Elemente enthalten, u.U. kein wirklich repräsentatives Bild vermitteln. Zudem kann
ein Gesamtindikator, der aus mehreren Indikatoren für das Umwelt-,
Sozial- und Humankapital hergeleitet wurde, ebenso viel verbergen
wie aufzeigen; dabei besteht das Risiko, dass Aspekte wie ökologische
Ressourcen und Humankapital als austauschbar behandelt werden,
auch wenn sie das eindeutig nicht sind. Wie bei jedem Sozial- oder
Wirtschaftsindikator treten außerdem zahlreiche praktische Schwierigkeiten bei der Sammlung genauer und aktueller Daten auf.
Trotz der verschiedenen Schwierigkeiten haben viele OECD-Länder ergänzend zu Messgrößen wie dem BIP eine Reihe alternativer
Indikatoren entwickelt bzw. sind dabei, dies zu tun. In Kanada hat
beispielsweise eine staatlich eingesetzte Kommission ein System
142
7. Messgrößen und Maßnahmen
zur Bewertung der Ressourcen des Landes in Bezug auf Natur-,
Human- und Sozialkapital empfohlen. Sie begründet ihre Empfehlung damit, dass dieses Kapital für die Zukunft der Wirtschaft mindestens so wichtig sei wie Fabriken und Maschinen. Auch andere
Länder verwenden ein an verschiedenen Kapitalformen orientiertes
Konzept, um potenziell wertvolle Informationen über den Zustand
ihrer Umwelt und Gesellschaft zu gewinnen.
Angesichts des wachsenden Drucks auf die Umwelt und der
zunehmenden Sensibilisierung für die Bedeutung des Humankapitals als Wirtschaftsfaktor steht zu erwarten, dass in den kommenden
Jahren immer mehr Regierungen die Einführung solcher Ansätze in
Erwägung ziehen werden.
Anstelle einer Schlussfolgerung
Was würde wohl Davies Giddy sagen, wenn er die Welt von heute
sehen könnte? Im Jahr 1807 führte das britische Parlamentsmitglied
Giddy eine energische Kampagne gegen einen Gesetzentwurf, der
eine zweijährige kostenlose Schulbildung für Kinder im Alter von
7 bis 14 Jahren vorsah. Giddy vertrat die Ansicht, dass Schulbildung
der Moral und dem Glück der Armen abträglich sei; sie würden nur
lernen, ihr Los im Leben zu verachten, anstatt gute Arbeitskräfte für
die Landwirtschaft oder andere anstrengende Beschäftigungen abzugeben, für die sie ihr Rang in der Gesellschaft vorherbestimmt habe.
Der Gesetzentwurf kam zwar nicht durch, aber Giddys Triumpf
währte trotzdem nicht lange. Heute, 200 Jahre später, beträgt die
durchschnittliche Bildungsdauer im Vereinigten Königreich
12,6 Jahre, womit sie etwas über dem OECD-Durchschnitt von
11,9 Jahren liegt. Ein paar OECD-Länder, wie Mexiko, Portugal und
die Türkei, werden wohl noch einige Anstrengungen unternehmen
müssen, um ihren Rückstand gegenüber diesem Durchschnittswert
aufzuholen, die meisten Länder nähern sich aber bereits den
Grenzen der potenziell möglichen Bildungszeit von Jugendlichen.
Schon heute erhalten die Jugendlichen in den meisten OECDLändern bis zum Alter von etwa 18 Jahren kostenlose Schulbildung,
und in zahlreichen Ländern haben sie danach noch Anspruch auf
kostenlose Hochschulbildung.
143
OECD Insights: Humankapital
In weiten Teilen der entwickelten Welt geht die Ära der raschen
Ausweitung der Bildung für die breite Masse nunmehr ihrem Ende
zu. Dadurch wird eine der Standardmessgrößen des Humankapitals, nämlich die Zahl der Bildungsjahre, in gewisser Weise an
Bedeutung verlieren. Die Unterschiede im Humankapital einzelner
Länder werden in zunehmendem Maße nicht mehr von der Quantität, sondern von der Qualität der Bildung abhängen, d.h. davon,
inwieweit es den Bildungssystemen gelingt, die Begabungen und
Fähigkeiten der Menschen im Laufe ihres Lebens voll zur Entfaltung zu bringen.
Eine Herausforderung für die Bildungssysteme
Der Grundstein für diesen Prozess wird bereits in der Vorschulzeit gelegt. Da immer mehr Frauen berufstätig sind, werden die
Bedürfnisse von Vorschulkindern zunehmend zu einem wichtigen
gesellschaftlichen Anliegen. Statt diese Entwicklung als Problem zu
betrachten, sollten wir darin eher eine Chance sehen. Eine gut
geplante Betreuung, Bildung und Erziehung von Vorschulkindern
kann die Auswirkungen von Armut auf das Leben der Kinder potenziell verringern. Vor allem kann die Vorschulerziehung Kindern mit
Migrationshintergrund dabei helfen, die fremde Sprache zu erlernen und ein Zugehörigkeitsgefühl zu der Gesellschaft zu entwikkeln, in der sie aufwachsen.
„In verschiedenen Ländern werden Politiken verfolgt, die darauf
ausgerichtet sind, Immigranten und ethnischen Minderheiten
den Zugang zu Angeboten der frühkindlichen Betreuung,
Bildung und Erziehung zu erleichtern, um die Kinder und ihre
Familien mit Sprache und Traditionen der Mehrheitsgesellschaft
vertraut zu machen und den Eltern Gelegenheit zu geben,
soziale Kontakte zu knüpfen und Netzwerke aufzubauen.“
Starting Strong I
Anschließend folgt die Schulzeit – jene langen Jahre, in denen wir
uns von einem von den Eltern abhängigen Kind zu einem jungen
Erwachsenen entwickeln, der sich in der Welt zurechtfinden muss.
Wie bereitet uns die Schule auf diese Umstellung vor? Nicht immer
in dem Maße, wie sie könnte. Die sozialen und ökonomischen
Nachteile familiärer Armut können sich in diesen Jahren definitiv
verfestigen und über die Zukunft der Betroffenen entscheiden. In
Deutschland werden die Kinder zumeist bereits im Alter von
144
7. Messgrößen und Maßnahmen
10 Jahren auf berufsorientierte oder allgemeinbildende Schulen
aufgeteilt. Unabhängig von seinen vorherigen schulischen Leistungen hat ein Kind aus einem sozial besser gestellten Elternhaus viermal größere Chancen, dem allgemeinbildenden, zur Hochschulreife
führenden Schulzweig zugeordnet zu werden, als ein Kind aus
einer Arbeiterfamilie.
Gegen eine berufsorientierte Bildung ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Deutschland verdient sogar Lob dafür, dass es diesen
Bildungsweg in einer Zeit weiter fördert, da er anderswo in Vergessenheit gerät, womit den Jugendlichen eine wichtige Bildungsalternative genommen wird. Jedoch sollte sich die Entscheidung, ob ein
Kind später eine Hochschule besuchen kann oder nicht, auf seine
Begabungen und Fähigkeiten gründen und nicht von seinem familiären Hintergrund abhängig sein.
Unser sozialer Hintergrund hat in der Regel auch zu viel Einfluss
darauf, ob wir an Fort- und Weiterbildung teilnehmen. Angesichts
der Bevölkerungsalterung versuchen viele Länder, die Arbeitskräfte
zum längeren Verbleib im Erwerbsleben zu bewegen. Dazu müssen
die Erwerbstätigen allerdings ihre Fähigkeiten und Qualifikationen
regelmäßig auf den neuesten Stand bringen; bei sozial Schwächeren
dürfte das oftmals nur mit erheblicher staatlicher Unterstützung
möglich sein, und das kostet Geld.
Die Länder stehen also vor schwierigen Entscheidungen in Bezug
darauf, wie die Entwicklung des Humankapitals finanziert werden
soll. Die verfügbaren Ressourcen sind begrenzt, und die Art und
Weise, wie sie verteilt werden, wird in den kommenden Jahren für
die Gesellschaft von großer Bedeutung sein.
Im Vorschulbereich haben beispielsweise bereits viele Länder
begonnen, stärker in Betreuung, Bildung und Erziehung zu investieren, aber das reicht wahrscheinlich noch nicht aus. In der Schulbildung könnte die Versuchung groß sein, Mittel zu streichen, da die
Schülerzahlen infolge der demografischen Entwicklung abnehmen.
Dadurch lassen sich die Länder jedoch u.U. Chancen entgehen, den
Unterricht innovativer zu gestalten und Bildungsalternativen für
Jugendliche zu entwickeln, deren Bedürfnissen im Moment nicht
entsprochen wird.
145
OECD Insights: Humankapital
In der Tertiärbildung werden die Forderungen lauter, die Studierenden stärker an den Kosten ihrer Ausbildung zu beteiligen. Als
Begründung heißt es, dass die Hochschulabsolventen in Anbetracht
der enormen Einkommensprämie, die ihnen ihr Abschluss später
einbringt, gerechterweise auch einen Teil ihrer Ausbildungskosten
übernehmen sollten. Das mag durchaus ein nachvollziehbarer
Standpunkt sein, die Gebühren müssten dann aber zumindest in
einer Form erhoben werden, die es jungen Menschen aus ärmeren
Verhältnissen nicht noch schwerer macht als es bereits ist, ein
Hochschulstudium aufzunehmen.
Ein Blick in die Zukunft
Durch die Erhöhung des Humankapitals hat die Bildung bereits
einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, die Gesellschaften der
Industrieländer auf den heutigen Stand zu bringen. Die Volkswirtschaften sind reicher denn je, und die Menschen erfreuen sich
heute eines höheren Lebensstandards als je zuvor, sind gesünder
und leben länger.
Aber wohin wird uns dieser lange Prozess der Erhöhung des
Humankapitals in Zukunft führen? Werden wir uns für die Schaffung
einer „Winner takes all“-Gesellschaft entscheiden, in der sich nur die
Begabten und Gebildeten in Wirtschaft und Bildung durchsetzen und
alle anderen auf der Strecke bleiben? Wird die ökonomische
Ungleichheit – die in gewisser Weise auch ein wirksamer Anreiz für
die Menschen ist, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen – zu
einer Falle werden, aus der es für all jene, denen es an Bildungs-,
Sozial- und Wirtschaftskapital fehlt, keinen Ausweg gibt?
Oder entscheiden wir uns für eine Gesellschaft, in der jeder,
unabhängig von Geschlecht, sozialer Schicht oder ethnischem Hintergrund, eine faire Chance erhält, sich im Wettbewerb zu behaupten? Werden wir einsehen, dass es – obwohl es natürlich in jeder
Gesellschaft Gewinner und Verlierer geben muss – einfach nicht
hinnehmbar ist, dass Kinder allein auf Grund ihrer sozialen Herkunft der Chance beraubt werden, ihre Fähigkeiten voll zu entfalten
und damit zugleich mit ihrem gesamten Potenzial zum Wohl der
Gesellschaft beizutragen, in der sie leben.
Diese Entscheidung liegt ganz bei uns.
146
7. Messgrößen und Maßnahmen
Weitere OECD-Studien zu diesem Thema
h Economic Policy
Reforms: Going for
Growth 2006 (2006)
Im gesamten OECD-Raum
versuchen die Regierungen
Strukturreformen durchzuführen, um das Wirtschaftswachstum zu
steigern. In Going for
Growth 2006 wird Bilanz
gezogen über die bisherigen
Fortschritte bei der Umsetzung von wirtschaftspolitischen Reformen zur
Anhebung der Arbeitsproduktivität und Erhöhung
der Beschäftigung – den
beiden in der Ausgabe 2005
identifizierten prioritären
Zielen. Außerdem werden
vergleichende Indikatoren zu
Bereichen der Strukturpolitik
wie Arbeitsmärkte,
Bildung und Produktmarktregulierungen geliefert.
Besonderes Augenmerk gilt
der Innovation als einem der
wichtigsten
Wachstumsmotoren. Die
Publikation enthält
vergleichende Indikatoren zu
erzielten Ergebnissen und
einschlägigen Maßnahmen
auf diesem Gebiet sowie
spezifische Politikempfehlungen für jedes
OECD-Land zur Steigerung
seiner Innovationsleistung. In
zwei analytischen Kapiteln
werden darüber hinaus die
Zusammenhänge zwischen
Finanzmarktregulierung und
Wirtschaftswachstum sowie
alternative Indikatoren zum
BIP als Messgrößen des
Wohlergehens untersucht.
h Die OECD in Zahlen und
Fakten (erscheint jährlich)
Dieses umfassende und
dynamische statistische
Jahrbuch liefert aktualisierte
Angaben zu Wirtschaft,
Umwelt und Gesellschaft der
OECD-Mitgliedstaaten sowie
ausgewählter Nichtmitgliedstaaten. Mehr als
100 Indikatoren decken ein
breites Spektrum von
Themen ab: Wirtschaft,
Landwirtschaft, Bildung,
Energie, Umwelt,
Entwicklungszusammenarbeit, Gesundheit und
Lebensqualität, Industrie,
Information und Kommunikation, Bevölkerung/
Erwerbsbevölkerung, Handel
und Investitionen,
Besteuerung, öffentliche
Ausgaben sowie Forschung
und Entwicklung. Zu jedem
Indikator gibt es eine kurze
Einführung, gefolgt von einer
detaillierten Definition,
Anmerkungen zur Vergleichbarkeit der Daten, einer
Beurteilung der langfristigen
Trends und Hinweisen auf
weitere Informationen. Jede
Tabelle ist mit einem
dynamischen Link (StatLink)
ausgestattet, der den Leser
zu einer Internetseite führt,
auf der die entsprechenden
Daten im Excel-Format
abgerufen werden können.
h Was ist Wirtschaftswachstum? Eine
Betrachtung aus
makroökonomischer,
branchenbezogener und
betriebswirtschaftlicher
Sicht (2004)
Diese Veröffentlichung bietet
einen einzigartigen Überblick
über Fakten, Daten und
Analysen zum Wirtschaftswachstum in den OECDLändern. Betrachtet werden
vor allem die Wachstumsstrukturen in den letzten
zehn Jahren, wobei die
wichtigsten Antriebskräfte
des Wachstums identifiziert
werden. Ferner wird
untersucht, wie und warum
die Länder unterschiedlich
auf diese Kräfte reagieren.
Gegenstand der Analyse ist
zum einen das Wachstum
auf makroökonomischer,
Branchen- und Unternehmensebene sowie zum
anderen der Beitrag der
Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) auf
jeder dieser Ebenen. Mit
über 50 Tabellen und
Abbildungen bietet die
Publikation außerdem
einzigartiges Datenmaterial
zum besseren Verständnis
der Realität des
Wirtschaftswachstums.
Verwiesen wird in diesem
Kapitel auch auf die
Publikationen:
h Vom Wohlergehen der
Nationen: Die Rolle von
Human- und Sozialkapital
(2004).
h Measuring Sustainable
Development, OECD
Statistics Brief
(September 2005).
h Starting Strong: Early
Childhood Education and
Care (2001).
147
Weitere statistische Daten
ANNEX A
A-1: Beschäftigungsquoten für Frauen, 1990-2004 . . . . . . . . .
150
A-2: Veränderung der Schülerund Studierendenpopulation, 2005-2015. . . . . . . . . . . . .
151
A-3: Expansion der Tertiärbildung, 1991-2003 . . . . . . . . . . . .
152
A-4: Bildungserträge in Form von Einkommen, 2004 . . . . . . .
154
A-5: Zusammenhang zwischen Fort- und Weiterbildung
von Erwachsenen und ihrem Bildungsstand, 2003 . . . . .
156
In diesen Tabellen verwendete Abkürzungen:
c: Es liegen zu wenige
Schätzungen vor.
Beobachtungen
für
verlässliche
m: Daten nicht verfügbar.
149
OECD Insights: Humankapital
A-1: BESCHÄFTIGUNGSQUOTEN FÜR FRAUEN, 1990-2004
Anteil der beschäftigten Frauen an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15-64 Jahre)
1990
1992
1994
1996
1998
2000
2002
2004
Australien
57.1
55.5
56.4
58.7
59.4
61.8
62.1
62.6
Österreich
..
..
58.8
58.2
58.5
59.4
61.0
60.7
53.0
Belgien
40.8
44.6
44.8
45.6
47.5
51.9
51.1
Kanada
62.7
60.9
61.0
61.4
63.3
65.6
67.0
68.4
..
..
61.0
60.6
58.7
56.9
57.1
56.0
Dänemark
70.6
70.4
67.1
67.4
70.3
72.1
72.6
72.0
Finnland
71.5
63.8
58.7
59.5
61.3
64.5
66.1
65.5
Frankreich
50.3
50.8
50.8
51.8
52.4
54.3
55.8
56.7
Tschech. Rep.
Deutschland
52.2
55.7
54.7
55.5
56.3
58.1
58.8
59.9
Griechenland
37.5
36.2
37.1
38.5
40.3
41.3
43.1
45.5
50.7
Ungarn
..
52.3
47.8
45.5
47.3
49.6
49.8
Island
..
74.0
74.6
76.5
78.3
81.0
79.8
79.4
Irland
36.6
37.1
38.9
43.3
48.2
53.3
55.2
55.8
Italien
36.2
36.5
35.4
36.0
37.3
39.6
42.0
45.2
Japan
55.8
56.9
56.5
56.8
57.2
56.7
56.5
57.4
Korea
49.0
48.7
49.8
51.1
47.3
50.1
52.0
52.2
Luxemburg
41.4
46.2
44.9
43.6
45.6
50.0
51.5
50.6
..
35.1
36.2
37.4
40.1
40.1
39.9
41.3
Niederlande
47.5
51.0
52.6
55.2
59.4
62.6
64.7
..
Neuseeland
58.6
57.5
59.9
63.4
62.1
63.5
65.3
66.5
Norwegen
67.2
66.7
67.5
70.4
73.6
74.0
73.9
72.7
..
53.1
51.9
51.8
52.2
48.9
46.4
46.4
55.4
56.1
55.0
55.6
58.3
60.5
60.8
61.7
..
..
52.6
54.6
53.5
51.5
51.4
50.9
Mexiko
Polen
Portugal
Slowak. Rep.
Spanien
31.8
32.5
31.5
33.8
36.5
42.0
44.9
49.0
Schweden
81.0
76.3
70.7
69.9
69.4
72.2
73.4
71.8
70.3
..
67.0
65.6
67.2
68.8
69.3
71.5
Türkei
Schweiz
32.9
31.9
30.4
30.3
28.5
26.2
26.6
24.3
Ver. Königreich
62.8
61.9
62.1
63.3
64.2
65.6
66.3
66.6
Ver. Staaten
64.0
63.6
65.2
66.3
67.4
67.8
66.1
65.4
OECD insgesamt
53.9
52.7
52.9
53.7
54.5
55.3
55.3
55.6
Quelle: Die OECD in Zahlen und Fakten 2006.
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/178241456066
Steigende Beschäftigungsquoten unter Frauen veranlassen die
Gesellschaften, die Betreuung von Kindern im Vorschulalter zu
überdenken.
150
Weitere statistische Daten
A-2: VERÄNDERUNG DER SCHÜLERUND STUDIERENDENPOPULATION, 2005-2015
Demografische Trends und deren zu erwartende Auswirkungen auf die Bildungsausgaben,
die Zahl der Schüler/Studierenden und die Zahl der Absolventen
Australien
Österreich
Belgien
Kanada
Tschech. Rep.
Dänemark
Finnland
Frankreich
Deutschland
Griechenland
Ungarn
Island
Irland
Italien
Japan
Korea
Luxemburg
Mexiko
Niederlande
Neuseeland
Norwegen
Polen
Portugal
Slowak. Rep.
Spanien
Schweden
Schweiz
Türkei
Ver. Königreich
Ver. Staaten
OECD-Durchschnitt
Erwartete Veränderung
in der Populationsgröße (2005 = 100)
Beispielhafte Auswirkungen der demografischen
Veränderungen
Altersgruppe
Geschätzte prozentuale Veränderung der
0-4
5-14
15-19 20-29
30+
107
93
94
102
97
91
101
95
99
94
91
95
104
87
93
90
103
91
88
97
97
101
93
97
99
106
93
97
100
105
97
96
85
93
91
88
93
90
102
86
96
85
95
119
97
96
71
105
92
95
94
92
81
100
79
116
93
83
101
91
103
94
97
88
94
94
70
115
95
96
86
89
81
100
91
96
93
95
119
100
103
94
108
69
100
71
91
84
96
108
92
100
94
116
105
104
114
108
103
106
106
102
109
105
115
123
103
105
116
115
132
105
111
106
111
110
113
111
104
104
128
105
111
110
Quelle: Bildung auf einen Blick 2006.
110
102
100
108
80
109
100
97
104
76
82
102
85
85
79
88
109
106
109
117
114
82
79
83
66
117
108
100
113
113
97
Zahl der
SchülerZahl der
GesamtausAbsolventen
Alle
zahlen im Absolventen
gaben für
des TertiärAltersPrimar- und
des
Bildungseinbereichs
gruppen
Sekundar- Sekundarrichtungen
(Erstabbereich I
bereichs II
schluss)
110
101
101
109
99
102
102
103
100
101
97
108
113
100
100
103
113
111
103
107
105
99
103
100
103
103
101
113
103
109
104
–0
–10
–5
m
–18
1
–5
–1
–9
m
–16
m
m
–6
–10
–18
m
–4
–1
–1
1
–20
–4
–20
m
–2
–7
2
–4
7
–6
–4
–15
–7
–9
–12
–7
–10
2
–14
–4
–15
–5
19
–3
–4
–29
5
–8
–5
–6
–8
–19
0
–21
16
–7
–17
1
–9
3
–6
–3
–12
–6
–6
–30
15
–5
–4
–14
–11
–19
0
–9
–4
–7
–5
19
–0
3
–6
8
–31
0
–29
–9
–16
–4
8
–8
0
–6
10
2
0
8
–20
9
–0
–3
4
–24
–18
2
–15
–15
–21
–12
9
6
9
17
14
–18
–21
–17
–34
17
8
–0
13
13
–3
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/850142374718
(wegen Anmerkungen siehe StatLink)
Demografische Veränderungen führen in vielen OECD-Ländern
zu einem Rückgang der Schüler- und Studierendenzahlen, was
sich auf die Finanzierung der Bildung auswirken wird.
151
OECD Insights: Humankapital
A-3: EXPANSION DER TERTIÄRBILDUNG, 1991-2003
Abschlüsse im Tertiärbereich für die Altersgruppe 25-64 Jahre,
in Prozent der Bevölkerung in dieser Altersgruppe
Australien
Österreich
1991
1992
1993
1994
1995
1996
21.8
..
22.5
23.1
24.3
24.8
6.7
7.0
..
7.7
7.9
8.1
Belgien
19.6
20.2
..
22.3
24.6
23.9
Kanada
29.9
30.8
..
34.2
34.9
35.6
..
..
..
10.1
10.6
10.4
Dänemark
18.3
19.2
..
19.6
20.4
20.9
Finnland
25.0
25.9
..
26.8
27.7
28.4
Frankreich
15.2
16.0
17.1
17.8
18.6
19.2
Deutschland
21.8
Tschech. Rep.
20.5
20.1
..
20.4
22.2
Griechenland
..
..
..
17.9
17.4
18.9
Ungarn
..
..
..
..
..
13.4
Island
..
..
..
..
..
20.8
Irland
15.9
17.0
..
18.6
19.9
22.6
Italien
6.1
6.4
..
7.5
7.9
8.1
Japan
..
..
..
..
..
..
Korea
14.4
16.1
17.5
17.8
18.6
19.6
Luxemburg
..
..
..
..
18.1
19.0
Mexiko
..
..
..
..
11.9
13.2
Niederlande
19.6
20.9
..
21.4
22.0
22.5
Neuseeland
22.9
23.6
..
23.2
25.3
..
Norwegen
24.8
25.3
..
27.4
28.6
26.9
..
..
..
..
9.9
..
6.7
..
..
10.7
11.0
10.9
Polen
Portugal
Slowak. Rep.
..
..
..
11.3
11.1
11.5
9.9
13.1
..
15.0
16.1
17.5
Schweden
25.2
25.8
..
27.0
28.3
27.4
Schweiz
20.3
21.0
..
21.4
21.1
21.9
Spanien
Türkei
6.3
4.8
..
7.0
8.4
..
Ver. Königreich
16.3
18.5
..
21.3
21.9
22.3
Ver. Staaten
30.1
30.2
..
32.2
33.3
33.9
OECD-Durchschnitt
17.9
19.0
..
19.2
19.3
20.1
Quelle: Die OECD in Zahlen und Fakten 2006.
Die Tertiärbildung expandiert weiter. Dies hat u.a. zur Folge,
dass ältere Arbeitnehmer häufig niedrigere Bildungsabschlüsse
besitzen als ihre jüngeren Kollegen.
152
Weitere statistische Daten
1997
1998
1999
2000
2001
2002
2003
24.3
25.4
26.7
27.5
29.0
30.8
31.3
10.6
10.9
10.9
13.9
14.1
14.5
14.5
25.1
25.3
26.7
27.1
27.6
28.1
29.0
37.3
38.1
39.2
40.0
41.6
42.6
44.0
10.6
10.4
10.8
11.0
11.1
11.9
12.0
..
25.4
26.5
25.8
26.5
27.4
31.9
29.4
30.2
31.3
32.0
32.3
32.6
33.3
20.0
20.6
21.5
22.0
23.0
24.0
23.4
22.6
23.0
22.9
23.5
23.2
23.4
24.0
15.5
16.8
17.5
17.6
17.8
18.3
18.3
12.2
13.2
13.5
14.0
14.0
14.2
15.4
20.9
21.0
22.4
23.2
24.6
26.3
26.3
22.8
21.1
20.5
21.8
23.7
25.4
26.3
..
8.6
9.3
9.4
10.0
10.4
10.4
30.4
30.4
31.6
33.4
33.8
36.3
37.4
19.8
22.5
23.1
23.9
25.0
26.0
29.5
..
..
18.3
18.3
18.1
18.6
14.9
13.8
13.6
13.4
14.6
15.0
15.3
15.4
..
24.2
22.6
23.4
23.2
24.4
24.4
25.8
26.6
27.0
28.0
29.2
29.8
30.9
25.8
27.4
27.5
28.4
30.2
31.0
31.0
10.2
10.9
11.3
11.4
11.9
12.6
14.2
..
8.3
8.7
8.9
9.1
9.3
10.8
10.5
10.3
10.1
10.4
10.9
11.0
11.8
18.6
19.7
21.0
22.6
23.6
24.4
25.2
27.5
28.0
28.7
30.1
31.6
32.6
33.4
22.2
22.9
23.6
24.2
25.4
25.2
27.0
7.6
7.5
8.1
8.3
8.4
9.1
9.7
22.7
23.7
24.8
25.7
26.1
26.9
28.0
34.1
34.9
35.8
36.5
37.3
38.1
38.4
20.8
20.7
21.2
21.9
22.6
23.4
24.1
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/380018442476
153
OECD Insights: Humankapital
A-4: BILDUNGSERTRÄGE IN FORM VON EINKOMMEN, 2004
Relative Einkommen der Bevölkerung mit Erwerbseinkommen (2004 oder letztes
verfügbares Jahr) (Abschluss im Sekundarbereich II und postsekundären
nichttertiären Bereich = 100)
Bildungsstand
Unterhalb
Sekundarbereich II
Postsekundärer
nichttertiärer Bereich
25-64
30-44
25-64
30-44
Australien
2001
77
75
92
92
Belgien
2003
89
91
m
m
Kanada
2003
78
78
102
104
Tschech. Rep.
2004
73
75
m
m
Dänemark
2003
82
81
107
104
Finnland
2003
94
92
m
m
Frankreich
2004
85
85
m
m
Deutschland
2004
88
82
109
112
Ungarn
2004
73
75
120
119
Irland
2002
76
77
98
96
Italien
2002
78
80
m
m
Korea
2003
67
77
m
m
120
Luxemburg
2002
78
76
117
Niederlande
2002
84
84
m
m
Neuseeland
2004
75
73
103
101
Norwegen
2003
80
89
117
120
Polen
2004
78
80
99
100
Spanien
2004
85
84
c
c
Schweden
2003
87
83
120
122
Schweiz
2004
74
81
108
107
Ver. Königreich
2004
67
69
m
m
Ver. Staaten
2004
65
66
110
110
1. Studiengänge im Tertiärbereich B sollen den Studierenden praktische, technische oder berufliche
Qualifikationen für den direkten Eintritt in den Arbeitsmarkt vermitteln.
2. Studiengänge im Tertiärbereich A sind weitgehend theoretisch orientiert und sollen den
Studierenden Qualifikationen für weitere Forschung oder den direkten Zugang zu Berufen mit
hohen Qualifikationsanforderungen vermitteln, wie z.B. Medizin. (Diese Kategorie umfasst auch
weiterführende Forschungsprogramme.)
Quelle: Bildung auf einen Blick 2006.
Ein längerer Bildungsweg ist mit Kosten verbunden, führt aber
im Gegenzug zu höheren Einkommen.
154
Weitere statistische Daten
Tertiärbereich B1
Tertiärbereich A2
Tertiärbereich insgesamt
25-64
30-44
25-64
30-44
25-64
30-44
111
107
143
146
133
135
114
116
148
148
130
130
112
112
169
172
140
141
126
145
185
193
182
191
115
117
130
124
127
123
122
115
173
162
148
138
125
130
163
167
147
151
128
129
163
153
153
146
138
144
218
222
217
222
113
116
160
160
144
145
m
m
153
137
153
137
111
122
156
161
141
148
129
136
165
171
145
152
m
m
m
m
148
147
102
105
147
142
129
129
141
147
125
134
126
135
154
166
166
170
163
169
104
105
144
141
132
130
106
101
139
134
128
124
142
141
177
175
164
162
124
122
174
181
158
162
114
114
181
182
172
173
1 2 http://dx.doi.org/10.1787/815010258467
155
OECD Insights: Humankapital
A-5: ZUSAMMENHANG ZWISCHEN FORT- UND WEITERBILDUNG
VON ERWACHSENEN UND IHREM BILDUNGSSTAND, 2003
Teilnahmequoten und zu erwartende Teilnahmestunden an nicht formaler
berufsbezogener Fort- und Weiterbildung, nach Bildungsstand, 2003
Teilnahmequote während eines Jahres
Sekundarbereich I
Bildungsstand
Sekundarbereich II1
Tertiärbereich
Alle
Bereiche
zusammen
Österreich
5
19
37
19
Belgien
6
15
30
16
Kanada2
6
20
35
25
Tschech. Rep.
3
10
21
11
Dänemark
22
36
54
39
Finnland
20
32
54
36
Frankreich
9
19
33
19
Deutschland
3
10
24
12
Griechenland
n
3
11
4
Ungarn
1
4
9
4
Irland
5
10
20
11
Italien
1
6
12
4
Luxemburg
3
12
27
12
Niederlande
5
11
13
9
Polen
1
7
29
9
Portugal
4
15
27
7
Slowak. Rep.
6
19
37
19
Spanien
3
7
14
6
24
37
57
40
Schweiz
8
27
44
29
Ver. Königreich
7
26
46
27
12
32
56
37
Schweden
Ver. Staaten
OECD-Durchschnitt
Insgesamt
7
17
31
18
Männer
8
18
31
19
Frauen
6
17
32
17
1. Und postsekundärer nichttertiärer Bereich.
2. Referenzjahr 2002.
Quelle: Bildung auf einen Blick 2006.
Arbeitnehmern mit Tertiärabschluss kommt eher formale
berufsbezogene Fort- und Weiterbildung zugute.
156
Weitere statistische Daten
Zu erwartende Teilnahmestunden im Alter
zwischen 25 und 64 Jahren
Sekundarbereich I
Sekundarbereich II1
Tertiärbereich
Verhältnis FortDurchschnittl. bildungsstd./
jährl. ArbeitsArbeitsAlle Bereiche stundenzahl
stundenzahl
zusammen
(in %)
140
420
767
422
1 550
293
437
719
469
1 542
27
30
128
517
796
586
1 740
34
34
142
556
182
1 986
9
719
836
1,230
934
1 475
63
497
530
1,003
669
1 718
39
450
692
1,061
713
1 441
49
130
390
650
398
1 441
28
c
c
312
106
1 936
5
c
270
402
253
m
m
82
185
392
203
1 646
12
26
111
254
82
1 591
5
c
189
402
176
1 592
11
216
308
322
283
1 354
21
16
90
513
139
1 984
7
232
c
c
343
1 678
20
12
43
178
721
225
1 931
102
261
503
237
1 800
13
350
562
917
622
1 563
40
212
621
1,301
723
1 556
46
103
297
480
315
1 672
19
c
374
746
471
1 822
26
210
371
669
389
1 668
25
243
393
684
405
m
m
241
370
686
384
m
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Fotos
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Fotos: S. 8-9 @ Awilli/Zefa/Corbis;
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PRINTED IN FRANCE
(01 2007 10 5 P) ISBN 978-92-64-03175-3 – No. 56310 2008
OECD INSIGHTS
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Wie Wissen
unser Leben
bestimmt
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01 2007 10 5 P
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HUMANKAPITAL
Wie Wissen unser Leben bestimmt
HUMANKAPITAL
Welche Auswirkungen haben
Bildung und Lernen auf
unsere Gesellschaften und
Volkswirtschaften? Wie lassen
sich Ungleichheiten in der Bildung
beseitigen? Und wie können wir gewährleisten,
dass jeder Einzelne in allen Lebensphasen die
Art von Lernmöglichkeit erhält, die ihm den
größtmöglichen Nutzen bringt und durch die er
sein Humankapital voll entfalten kann?
Dieser Bericht nutzt die einzigartigen Ressourcen
der OECD, um einige dieser grundlegenden
Fragen zu beantworten. Gestützt auf
Forschungs- und Analysearbeiten aus den 30
OECD-Mitgliedstaaten wird die zunehmende
Bedeutung des Humankapitals für den Einzelnen
und für die Gesellschaft bei der Bewältigung des
sozialen und wirtschaftlichen Wandels erläutert.
Ferner wird untersucht, inwiefern es den Ländern
gelingt oder auch nicht gelingt, die Menschen
Zeit ihres Lebens durch die Bereitstellung
von Aus- und Weiterbildungsangeboten zu
unterstützen.
BRIAN KEELEY
Humankapital
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