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etem 6.2012 Ausgabe Textil Medienerzeugnisse - Die BG ETEM

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Magazin für Prävention, Rehabilitation und Entschädigung
Ausgabe 6.2012 | Textil Medienerzeugnisse
Eine Berufsgenossenschaft.
Eine starke Gemeinschaft.
Ein Beitragssystem.
Arbeit im Ausland
Präventionspreis
50 Jahre berghof
Checkliste für Arbeitgeber
und Beschäftigte
Ausgezeichnete Beispiele für
vorbildlichen Arbeitsschutz
Bildungszentrum
für Arbeitssicherheit
editorial
Machen Sie „etem“ noch besser!
Zum sechsten Mal halten Sie die Zeitschrift „etem“ in Händen.
Sie hat mit Beginn dieses Jahres die Vorgängermagazine abgelöst, die zuvor jahrzehntelang die Mitgliedsbetriebe der früheren
Berufsgenossenschaften regelmäßig über wichtige Fragen des
Arbeits- und Gesundheitsschutzes informiert hatten.
Olaf Petermann
Vorsitzender
der Geschäftsführung
Nach einem Jahr im neuen Gewand wollen wir den eingeschlagenen Weg jetzt überprüfen. In der Mitte dieser Ausgabe finden
Sie einen dreiseitigen Fragebogen mit Briefumschlag. Wir würden
uns sehr freuen, wenn Sie sich die Zeit nehmen könnten, unsere
Fragen zu beantworten. Ihre Hinweise sollen uns Anregungen für
die künftige Gestaltung von „etem“ liefern. Denn bekanntlich ist
nichts so gut, dass es nicht noch besser werden könnte.
Damit jeder Fragebogen vollständig erfasst wird, haben wir uns
professionelle Hilfe geholt. Das Institut für Arbeit und Gesundheit
der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) wertet
Ihre Antworten sorgfältig für uns aus.
Als kleines Dankeschön für Ihre Mithilfe verlosen wir unter allen
Einsendern 100 formschöne und stabile Trinkbecher – für die
kalte und heiße Jahreszeit. Und ich hoffe, dass Sie uns auch
künftig als treue Leser kritisch begleiten.
2
etem 06.2012
inhalt
6
EinenEinsatzimAuslandbetrachtenviele
Arbeitnehmerals
Chance.DamitderJob
nichtzumAlbtraum
wird,solltenChefund
Beschäftigteauchan
dieRisikendenken.
14
BeiderSchuhherstellung
habenDispersionsklebstoffe
imvergangenenJahrzehnt
KlebstoffemitLösungsmitteln
vielerortsabgelöst.
26
DieBGETEMwächst
zusammen:diebisher
unterschiedlichenVerfahren
derFusionspartnerfür
Beitragszuschlagund
Beitragsnachlassauch.
kompakt
4
Zahlen, Fakten, Angebote
MeldungenundMeinungen
mensch & arbeit
Fotos: BG ETEM / Heiko Schrimpf; Gety Images
6
12
14
Arbeit im Ausland
Beschäftigterichtigabsichern
Ausgezeichneter Arbeitsschutz
Präventionspreise2012verliehen
Klebstoffe in der Schuhherstellung
BesserohneLösungsmittel
betrieb & praxis
16
Gefahrenherde der Textilbranche
DampferzeugerundHeißmangel
18
Leim in der Wellpappenfertigung
AlternativenzuBorax
gesundheit
20
Wohnungshilfe der BG ETEM
MitReha-ManagementundHilfe
desArbeitgeberszurückimJob
service
23
Neue Strukturen in der DGUV
BGETEMübernimmtFederführung
fürBranchen-Regelwerke
24
Weihnachtsfeier
VollerVersicherungsschutz
25
Deutscher Arbeitsschutzpreis
Mitmachenundgewinnen!
26
Beitragssystem
EinheitlichesVerfahren
28
50 Jahre berghof
ImDienstderArbeitssicherheit
31
etem06.2012
Impressum
3
kompakt
Unfallverhütungsvorschrift
für Taucher geändert
Die Unfallverhütungsvorschrift „Taucherarbeiten“ (BGV C 23)
schrieb bisher vor, dass Taucher nur beschäftigt werden dürfen,
wenn sie die Prüfung nach der deutschen Rechtsverordnung „Verordnung über die Prüfung zum anerkannten Abschluss geprüfter
Taucher“ bestanden hatten. Ein polnischer Staatsangehöriger,
der seine Taucherqualifikation in Polen erworbenen hatte und in
Deutschland als Taucher arbeiten wollte, wurde unter Hinweis auf
die Unfallverhütungsvorschrift hier nicht angestellt. Auf seine Beschwerde hin haben das Bundeswirtschaftsministerium und das
Bundesarbeitsministerium festgestellt, dass die BGV C 23 nicht
mit dem Grundrecht der Berufsfreiheit aus Art. 12 Grundgesetz
vereinbar ist. Es muss auch die Möglichkeit bestehen, mit einer
gleichwertigen ausländischen Taucherausbildung als Taucher in
Deutschland arbeiten zu dürfen.
Auf Weisung des BMAS wurde daher eine entsprechende Änderung der BGV C 23 beschlossen. Die formellen Anforderungen an
die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten von Tauchern sind
jetzt sprachlich allgemeiner formuliert. In den nicht rechtsverbindlichen Durchführungsanweisungen zu der Unfallverhütungsvorschrift werden die an die Taucher zu stellenden Anforderungen
näher konkretisiert. Ein Taucher, der die bisher verbindlich vorgeschriebene Prüfung abgelegt hat, erfüllt nach wie vor die Anforderungen der Unfallverhütungsvorschrift.
Der Nachtrag wurde in der Onlineausgabe des Bundesanzeigers
am 23.8.2012 veröffentlicht und trat am 1.9.2012 in Kraft.
Champion des Jahres
88 Top-Athleten haben den Skifahrer und 16-fachen Paralympicsgewinner
Gerd Schönfelder zum Champion des Jahres 2012 gewählt. Als erster Behindertensportler überhaupt setzte er sich bei der seit 2000 veranstalteten
Wahl gegen namhafte Konkurrenz, darunter Diskus-Olympiasieger Robert
Harting, durch. „Das ist sicherlich die Krönung meiner Karriere“, freute sich
der 42-Jährige über die Anerkennung durch seine Sportkollegen.
Preise für gute Ideen
Die BG ETEM hat acht Unternehmen für gute Ideen zum Arbeitsschutz mit
ihrem Präventionspreis 2012 ausgezeichnet. Karin Jung, Vorsitzende der
Vertreterversammlung, und Dr. Bernhard Ascherl, Vorstandsvorsitzender,
überreichten Auszeichnungen und Preise im Gesamtwert von 12.000 Euro
am 12. September 2012 im Elektrotechnischen Institut der TU Dresden.
Der Preis wurde bislang alle zwei Jahre an Betriebe aus dem Bereich Druck
und Papier vergeben. Ab 2013 schreibt ihn die BG ETEM für alle bei ihr versicherten Unternehmen aus.
→ www
www.bgetem.de, Webcode: 12531221
4
etem 06.2012
kompakt
Infos zu Nanomaterialien
Nanomaterialien ermöglichen verbesserte Produkte und Verfahren. Sie werden daher in vielen Prozessen eingesetzt. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) und der
Verband der Chemischen Industrie haben zusammen die Broschüre „Empfehlung für die Gefährdungsbeurteilung bei Tätigkeiten mit Nanomaterialien am Arbeitsplatz“ überarbeitet. Sie bietet
Hilfestellung und berücksichtigt unter anderem neue Erkenntnisse zu Messverfahren. Ein Ablaufschema führt den Anwender
Schritt für Schritt durch die Gefährdungsbeurteilung.
→ www
http://www.baua.de/de/Publikationen/Fachbeitraege/Gd4.html
Neue DVD Wärmekraftwerke
Hohe Temperaturen, Gefahrstoffe, Arbeiten in großen Höhen, Lärm – die Liste möglicher Gefährdungen in Wärmekraft- und Heizwerken ist lang. Doch Unfälle sind vermeidbar. Denn meist sind mangelnde Kommunikation, Bedienungsfehler oder Routine die Ursache. Mit der neuen DVD „Sicherheit in Wärmekraft- und Heizwerken“
stellt die BG ETEM sichere Verhaltensweisen und sicherheitstechnische Maßnahmen vor. In sechs Modulen geht es unter anderem um unternehmerische Verantwortung, organisatorische Maßnahmen sowie Einrichtungen zum Bedienen und Instandhalten von Anlagen. Die Laufzeit beträgt ca. 50 Minuten.
→ Bestellen
Fotos:BG ETEM, Stefan Floss; fotolia, Gerhard Seybert; DGUV, Maren Goll
www.bgetem.de, Webcode: 12201321.
Bestellnummer DVD 011 im Medienshop unter Filme (DVD).
E-Mail: versand@bgetem.de, Telefon: 0221 3778-1020, Telefax: 0221 3778-1031.
Preis: 10,00 Euro für Mitgliedsbetriebe der BG ETEM
(andere Besteller zahlen 25,00 Euro zzgl. Versandkostenpauschale).
Termine
Lohnnachweis ausfüllen
10.12.-13.12.2012, Nürnberg
Berufsbildungsmesse
16.01.-18.01.2013, Nürnberg
eltec – Die Messe für
Elektro- und Energietechnik
06.03.-12.03.2013, München
Internationale
Handwerksmesse
Im Dezember dieses Jahres erhalten die Mitgliedsbetriebe das Formular zum
Lohnnachweis für das Jahr 2012. Der Lohnnachweis muss innerhalb der gesetzlichen Frist von sechs Wochen nach Ablauf des Kalenderjahres eingereicht werden – also bis zum 12. Februar 2013. Die Entgelte können Sie auch
online auf www.bgetem.de melden. Benutzername ist Ihre Mitgliedsnummer, das Passwort finden Sie auf dem Lohnnachweis.
→ info
www.bgetem.de, Webcode 11464715
Allgemeine Informationen und Tipps zum Ausfüllen des Lohnnachweises.
etem 06.2012
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mensch & arbeit
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etem 06.2012
mensch & arbeit
Arbeit im Ausland
Weltweit im Einsatz
Viele Firmen sind rund um den Globus aktiv. Das heißt
auch: Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind immer
häufiger vor Ort präsent. Worauf Unternehmen und
Beschäftigte beim Auslandseinsatz achten müssen.
F
ür den privaten Urlaub ist eine reisemedizinische Vorsorge zu empfehlen. Jeder
muss für sich selbst und seine Mitreisenden die Verantwortung übernehmen. Wer
meint, immun gegen Keime oder Insektengifte zu sein, riskiert eine Krankheit oder
Schlimmeres.
Anders liegt die Verantwortung beim
beruflichen Auslandseinsatz. Auslandsentsendungen nehmen im Rahmen der
Globalisierung der Arbeitswelt immer mehr
zu. Dies gilt auch für kleinere und mittlere
Betriebe. Viele Dienstreisen führen in
Gebiete mit politischen oder religiösen
Unruhen. Es sind also nicht nur rein gesundheitliche Aspekte in der Vorsorge zu
berücksichtigen.
Beim Arbeitseinsatz im Ausland tragen
sowohl der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer Verantwortung. Der Arbeitgeber tut
dies, weil der Arbeitseinsatz im Ausland in
der Regel von ihm veranlasst und geplant
wird. Das heißt aber nicht, dass man als
Arbeitnehmer tun und lassen kann, was
man will. Es gelten auch im Gastland Gesetze und Richtlinien, die einzuhalten
sind. Private Aktivitäten müssen vom beruflichen Arbeitseinsatz getrennt werden.
Eine private Kneipentour oder sogar eine
anschließende alkoholisierte Autofahrt ist
beispielsweise nicht über den Arbeitgeber
versichert.
Es geht bei einem Auslandseinsatz nicht
nur um Keime, Tiere oder das Klima vor Ort.
Es geht auch um das ganze „Drumherum“.
Der Anlass der Reise und das Zielgebiet
spielen eine wichtige Rolle.
etem 06.2012
Pflichten des Arbeitgebers
Arbeitgeber, die ihre Mitarbeiter ins Ausland entsenden, sind durch Rechtsvorschriften verpflichtet, reisemedizinische
Vorbereitungen zu treffen.
Auch bei einer vorübergehenden Tätigkeit
im Ausland finden auf das Arbeitsverhältnis
grundsätzlich die deutschen Arbeitsschutzvorschriften Anwendung. Der Arbeitgeber in
Deutschland hat dafür zu sorgen, dass die
deutschen Rechtsvorschriften zum Arbeitsschutz auch während des Auslandseinsatzes beachtet werden (siehe „Versicherungsschutz durch die BG“).
Der Arbeitgeber muss bei allen beruflich
zu entsendenden Mitarbeitern eine Gefährdungsbeurteilung vornehmen und die
Mitarbeiter beraten. Darüber hinaus ist
gegebenenfalls eine Vorsorgeuntersuchung nötig.
Die Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) sieht eine
Pflichtuntersuchung vor, wenn „Tätigkeiten
in Tropen, Subtropen und sonstige Auslandsaufenthalte mit besonderen klimatischen Belastungen und Infektionsgefährdungen“ ausgeführt werden (ArbMedVV
Anhang Teil 4). Ziel der Vorsorgeuntersuchung ist es,
■ die gesundheitlichen Voraussetzungen
des Mitarbeiters zur Ausübung seiner
Tätigkeit im Ausland zu prüfen,
■ besondere gesundheitliche Gefährdungen des Mitarbeiters bei Ausübung seiner Tätigkeit im Ausland zu erkennen
und
■ wirksame Maßnahmen zu deren Verhütung zu ergreifen.
7
mensch & arbeit
Die Gefährdungen können in der Situation
im Ausland wie auch in der Person des Mitarbeiters liegen. Wenn nach ärztlicher Untersuchung und Beratung eine Impfung erforderlich wird, müssen die Kosten vom Arbeitgeber übernommen werden. Das Gleiche gilt für eine evtl. Gabe von Medikamenten, wie z. B. zur Malaria-Prophylaxe.
Dennoch sollte in jedem Fall bei der für
den Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin
zuständigen Krankenkasse nachgefragt
werden, ob bestimmte Impfungen finanziell von dieser getragen werden.
Niemand kann gegen seinen Willen
geimpft oder medikamentös behandelt werden, was wiederum nicht bedeutet, dass
damit eine Auslandsentsendung ausgeschlossen ist. Der Arbeitgeber muss jedoch
in solchen Situationen prüfen, ob die Gefährdung des Mitarbeiters im Falle der Ablehnung nicht unvertretbar hoch liegt. Die
Erstuntersuchung ist für alle beruflich in
Länder mit den oben genannten Gefährdungen entsandten Arbeitnehmer vorgeschrieben, gleichgültig wie lange die Reise dauert.
Der Arbeitgeber hat mit der Durchführung
auch dieser arbeitsmedizinischen Vorsorge
einen Facharzt für Arbeitsmedizin oder einen Arzt mit der Zusatzbezeichnung „Betriebsmedizin“ zu beauftragen, was vorrangig der nach § 2 des Arbeitssicherheitsgesetzes bestellte Betriebsarzt sein soll.
Im Vorfeld eines Auslandseinsatzes müssen Fragen der Gesundheitsvorsorge und des Arbeitsschutzes zwischen Arbeitgeber, Beschäftigten und einem qualifizierten Arzt geklärt werden.
Verfügt der Betriebsarzt/Arbeitsmediziner
nicht über die erforderlichen Fachkenntnisse (hier: Reisemedizin), so hat er andere Ärzte hinzuzuziehen, die diese Anforderungen erfüllen (ArbmedVV § 7). Es dürfen
auch Ärzte beauftragt werden, die zur Führung der Zusatzbezeichnung „Tropenmedizin“ berechtigt sind (ArbMedVV Anhang
Teil 4 Punkt 2).
An- und Abreise
Die Details der An- und Abreise sollten lange
genug im Voraus geplant werden. Wichtige
Punkte sollten vorab zwischen Mitarbeiter
Die Anophelesmücke überträgt in
weiten Teilen der Welt MalariaErreger. Zur Prophylaxe muss man
sich von einem Arzt beraten lassen.
8
und Arzt geklärt sein, Beispiele hierfür sind:
■ Langstreckenflug – erhöhte Thrombosegefahr?
■ Reduzierter Kabinen-Sauerstoffgehalt,
■ mitzuführende Medikamente,
■ diabetische Stoffwechsellage?
Weitere Fragen sind z. B.:
■ Ist ein Arbeitsvisum notwendig?
■ Welche Devisen- und Zollbestimmungen
müssen beachtet werden?
■ Müssen für die Arbeit besondere Materialien mitgenommen werden?
■ Wie sollen diese (Werkzeuge/Computer/etc.) vor Ort gebracht werden?
Extreme Wetterbedingungen sollten in
der Planung berücksichtigt werden.
etem 06.2012
mensch & arbeit
Unterbringung und Arbeitsplatz
Ist es nur ein kurzer Aufenthalt oder sind es
mehrere Wochen, Monate oder Jahre? Für
wenige Tage handelt es sich meist um ein
Hotel, bei längerem Auslandseinsatz ist es
aber auch mal eine Wohnung oder ein
Haus. Erfolgt die Arbeit in geschlossenen
Räumen oder auf Baustellen? In der Stadt
oder auf dem Land? Dementsprechend
können die erforderlichen Schutz- und
Vorsorgemaßnahmen unterschiedlich ausfallen.
Die Mitarbeiter sollten so untergebracht
sein, dass sie möglichst gesund und gut arbeiten können. Der Transport zur Arbeitsstelle sollte geklärt, die Ansprechpartner
vor Ort sollten bekannt, ebenso sollte die
Kontaktaufnahme zu den Mitarbeitern vor
Ort geregelt sein.
Bedingungen vor Ort
Vieles kann durch die Beratung beim Betriebsarzt inhaltlich abgedeckt werden. Es
kann jedoch notwendig sein, dass weitere
Auskünfte eingezogen werden müssen.
Politische und kulturelle Rahmenbedingungen setzen in einigen Ländern klare
Vorgaben bezüglich Verhalten und Kleidung. Ein für uns „normales“ Verhalten in
der Öffentlichkeit – ein kleiner Kuss beispielsweise - kann im Gastland bereits unschicklich und nicht gerne gesehen sein.
Selbst wenn es
malerisch aussieht:
Die Versorgung mit
auch für Europäer
verträglichen
Lebensmitteln ist in
manchen Regionen
schwierig.
In einigen Regionen kann die öffentliche
Ausübung oder Demonstration des christlichen Glaubens durch z. B. Beten oder Tragen einer Kette mit Kreuz als Provokation
empfunden werden.
Willkür und Korruption ist ebenfalls ein
Faktor. In manchen Ländern wird man für
kleine Vergehen bereits drakonisch bestraft. Arbeitgeber wie Mitarbeiter sollten
die wichtigsten Gesetze beziehungsweise
Regeln kennen.
Ein weiterer Punkt ist die regionale Infrastruktur. Die Verkehrsmittel und Verkehrswege sollten bekannt sein. Verkehrsunfälle
gehören in bestimmten Regionen zu den
häufigsten Unfällen während einer Auslandsentsendung von Mitarbeitern. Gleichzeitig bestehen gerade in diesen Gebieten
oft schwierigere Zugangsmöglichkeiten zu
angemessener medizinischer Versorgung,
z. B. durch Zeitverzögerung oder durch
mangelhafte Rettungssysteme. So können
Unfallfolgen verschlimmert werden. Ähnliches gilt auch für die Versorgung von
anderen Notfällen, z. B. Herzinfarkt oder
Schlaganfall.
Versorgung vor Ort
Zur regionalen Infrastruktur gehören die für
uns selbstverständlichen Versorgungsnetzwerke Strom und Wasser. Schwierig
kann auch die Versorgung mit einwandfreien Lebensmitteln sein. Insbesondere
Trinkwasser sollte in vielen Regionen abgekocht werden.
Ist eine regelmäßige Nachrichtenweiterleitung gewährleistet oder werden nur zensierte Nachrichten weitergegeben?
Naturkatastrophen müssen in einigen
Ländern besonders berücksichtigt werden.
Die Kriminalität oder evtl. notwendiges
Wachpersonal vor Ort und die manchmal
sehr eingeschränkten Freizeitmöglichkeiten sind weitere Punkte, die man nicht vergessen sollte, besonders bei längeren Auslandsentsendungen.
Arbeitsunfälle
und Berufskrankheiten
Neben Verkehrsunfällen spielen auch Arbeitsunfälle aufgrund von ungewohnten
Risiken am Arbeitsplatz eine große Rolle.
Einige Arbeitsunfälle werden in ihren Folgen auch durch die bereits beschriebenen
Einschränkungen bei der regionalen Infrastruktur schwerwiegender.
Die finanziellen Folgen von medizinischen Problemen durch Arbeitsunfälle und
etem 06.2012
Berufskrankheiten werden bei Auslandseinsätzen prinzipiell durch die Berufsgenossenschaft getragen (siehe „Versicherungsschutz durch die BG“).
Die Beurteilung, ob ein Arbeitsunfall
oder eine Berufskrankheit vorliegt, wird
stets im Einzelfall entschieden und kann
schwierig sein. Eine zusätzliche private
Auslands-Krankenversicherung und Unfallversicherung einschließlich Rückflugversicherung ist deshalb für jeden Mitarbeiter
empfehlenswert!
Infektionskrankheiten
Meist ist es bekannt, dass man in großen
→ Reisemedizinische
Checkliste für Arbeitgeber vor einer
Auslandsentsendung:
■ Kontakt Facharzt/ärztin für Arbeitsmedizin bzw. Betriebsarzt/ärztin
mit reisemedizinischer Qualifikation oder Arzt/Ärztin mit Zusatzbezeichnung „Tropenmedizin“
■ Beratung und ggf. Untersuchung
■ Impfschutz: Abklärung und ggf.
notwendige Impfungen durch
Betriebsarzt
■ Untersuchungsbescheinigung
für Mitarbeiter
■ Arbeitsgenehmigung
■ Versicherungsschutz
■ Dokumentation Reiseziel, Anlass,
Dauer
■ Gehaltsüberweisung Ausland
■ Arbeitsbedingungen und Arbeitsschutz vor Ort (Verhalten, Schutzkleidung, Geräte/Werkzeug)
■ Rechtsvorschriften im Ausland
■ Ggf. Unterweisung Arbeitnehmer
■ Betriebsmittel, die vor Ort benötigt
werden
■ Unterbringung der Mitarbeiter
(Hotel, Wohnung)
■ Transport zum Einsatzort
(Mietwagen, Bus)
■ Kontaktaufnahme zum Mitarbeiter
im Ausland (Handy, Internet)
■ Ansprechpartner/Adressen vor Ort
(Botschaft/Konsulat, Ärzte, Firma)
■ Mitreisende (Kollegen, Familie)
■ An- und Abreisebesonderheiten
■ Verhalten im Notfall
■ Ggf. Rufnummer für Rückholungsmaßnahmen
9
mensch & arbeit
Teilen Afrikas eine Malariaprophylaxe einnehmen muss. Allerdings können Malariagebiete wechseln und Resistenzen gegen
Prophylaxe-Medikamente können sich ändern. Qualifizierte Ärzte wissen hierüber
Bescheid.
Mit steigender Dauer des Auslandsaufenthaltes steigt auch das Risiko für seltenere Infektionserkrankungen. Daher ist es
wichtig zu wissen, wie lange man im Ausland bleibt und wie die eigene persönliche
Verfassung ist.
Zusätzlich sollte an Infektionskrankheiten wie Hepatitis oder HIV gedacht werden.
Das persönliche Verhalten trägt hier erheblich zum Risiko bei, z. B. durch unvorsichtiges Sexualverhalten oder Tätowieren. Hierdurch verursachte Krankheiten sind nicht
durch den berufsgenossenschaftlichen
Versicherungsschutz abgedeckt.
Medikamente
Wer mit Vorerkrankungen reist, sollte besonders achtsam sein. Es muss die Frage
geklärt werden, wie man seine regelmäßige Medikation bezieht. Auch wenn es
manchmal attraktiv erscheint, günstigere
Medikamente im Ausland zu erwerben, ist
Vorsicht geboten. Mitunter verdient der
Inhalt einer Packung nicht einmal mehr
den Namen des Medikaments, weil er entweder gar keinen Wirkstoff enthält oder
dieser durch falsche Lagerung oder Transport (z. B. große Hitze) unwirksam geworden ist. Und teilweise steht zwar der Name
auf der Packung, es ist aber etwas anderes
darin.
Versicherungsschutz durch die BG
Alle Arbeitnehmer sind durch die deutschen
gesetzlichen Unfallversicherungsträger (UVT)
für den Fall von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten versichert. Dies gilt auch im
Ausland, wenn die Entsendung für einen
begrenzten Zeitraum erfolgt.
Dabei gelten dieselben Grundsätze für
die Anerkennung und ggf. Entschädigung
eines Arbeitsunfalls wie auch in Deutschland. Voraussetzung für den Versicherungsschutz ist:
■ es handelt sich um eine versicherte
Person,
■ es handelt sich um ein inländisches
Beschäftigungsverhältnis,
■ der Auslandsaufenthalt ist im Voraus
zeitlich begrenzt.
Für die Anerkennung einer Berufskrankheit
gelten wie im Inland zudem die Kriterien
der Berufskrankheitenliste (Anlage 1 der
Berufskrankheitenverordnung). Im Merkblatt der DGUV-DVUA „Gesetzliche Unfallversicherung bei Entsendung ins Ausland“
(siehe „info“) finden sich neben weiteren
Empfehlungen auch Übersichten über Bescheinigungen, die mitzuführen sind.
Verhalten des Mitarbeiters
Da die deutschen Arbeitsschutzvorschriften auch im Ausland anzuwenden sind, gilt
es sie auch einzuhalten. Eventuell sind im
Gastland zusätzliche Vorschriften einzuhalten. Ein fahrlässiges Verhalten wird auch im
Gastland nicht toleriert.
Wenn beispielsweise Sicherheitsschuhe
zu tragen sind, ändert auch der Einsatzort
Bei Arbeitseinsätzen im Ausland sind auch die örtlichen Gesetze und Bestimmungen einzuhalten.
Über deren Inhalte sollte man sich im Vorfeld informieren.
10
nichts daran – auch wenn die Schutzkleidung einem im Ausland besonders unbequem erscheinen mag.
Verhalten bei Unfall
oder Krankheit
Nun hat es den Mitarbeiter doch erwischt.
Ist es harmloser Durchfall? Oder doch etwas
Ernsteres? Wann muss ich zum Arzt? Und
muss ich dies dem Arbeitgeber melden?
Es gilt im Prinzip dasselbe wie im Heimatland. Hat der Mitarbeiter den Verdacht,
dass es sich um eine Erkrankung handelt,
sollte er zum Arzt gehen. Handelt es sich
um einen Arbeitsunfall oder um den begründeten Verdacht auf eine Berufskrankheit, muss diese dem zuständigen UVT bekannt gegeben werden. Spätestens im Erkrankungsfall wird klar, wie wichtig es ist,
die Ansprechpartner zu kennen, den „richtigen“ Arzt vor Ort aufzusuchen und die Telefonnummern und nötigen Adressen parat
zu haben.
Wenn ein ins Ausland entsandter Mitarbeiter einen Arbeitsunfall erleidet oder an
einer Berufskrankheit erkrankt, kommt der
zuständige UVT für die Kosten auf.
Im Notfall gilt es:
1. Erste Hilfe vor Ort zu veranlassen,
2. den Unfall bzw. den Krankheitsverlauf zu
dokumentieren,
3. gegebenenfalls den Rücktransport mit
der Berufsgenossenschaft abzustimmen,
4. den Arbeitsunfall oder die Berufskrankheit beim UVT anzuzeigen,
5. den/die Vorgesetzten/Verantwortlichen
zu informieren.
Die Notrufnummer der BG ETEM im Falle
eines Arbeitsunfalls oder einer schwerwiegenden berufsbedingten Erkrankung
im Ausland lautet: +49 (0) 211 301805-31.
Die Nummer ist durchgehend besetzt, berät
versicherte Mitarbeiter im Ausland jederzeit
über die optimalen medizinischen Versorgungsmöglichkeiten vor Ort und veranlasst
bei Bedarf entsprechende Maßnahmen im
Gastland; in besonderen Fällen kann über
diese Nummer auch ein Rücktransport nach
Deutschland organisiert werden. Alle Kosten hierfür trägt die BG ETEM.
Es sollte beachtet werden, dass sich einige Krankheiten erst nach dem Auslandsaufenthalt bemerkbar machen können,
manchmal erst Monate später.
Treten z. B. nach einem Tropen-Aufenthalt Symptome, wie z. B. ungeklärtes Fieetem 06.2012
mensch & arbeit
→ Checkliste für
Mitarbeiter vor einem
Auslandsaufenthalt:
Kommt es trotz aller Vorbereitung zu einem Arbeitsunfall im Ausland, steht die Notfall-Hotline der
BG ETEM rund um die Uhr zur Verfügung.
ber oder anhaltende Durchfälle, Hautveränderungen, Gelenkschwellungen, Kopfschmerzen, ein starker Gewichtsverlust
oder auch Lymphknotenschwellungen auf,
sollte dies als klares Signal verstanden
werden, sofort einen Arzt aufzusuchen.
Auch hierin liegen Gründe für die zwingende vorherige Beratung und eine Nachbzw. Rückkehruntersuchung durch den Betriebsarzt.
Fotos: wdv-F. Blümler; Ton Koene/F1 online; Robert Harding/F1online; Getty Images; © Image Source; Corbis
Psychische Belastungen
Ein Auslandseinsatz geht mit besonderen
psychischen Belastungen einher. Bei einer
zeitlich kurz befristeten Auslandsentsendung mag die Trennung von der Familie
oder auch die Zeitumstellung im Vordergrund stehen. Bei einem monate- oder jahrelangen Auslandsaufenthalt sind die Belastungen anders gelagert.
Ist die Auslandsentsendung nach Jahren
beendet, bedeutet dies wieder Abschied
und Rückkehr. Nicht alles ist im Heimatland gleich geblieben, manchmal gehört
nun der eigene Schreibtisch einem anderen. Auch das kann psychischen Stress bedeuten.
Bei allen Vorsichtsmaßnahmen und präventiven Bemühungen sollte man eines jedoch nicht vergessen: „Wenn einer eine
Reise tut, dann kann er was erzählen.“
Matthias Claudius (1740 - 1815)
Ein Arbeitsaufenthalt im Ausland kann
eine schöne Bereicherung des eigenen Lebens darstellen und viel Positives bringen,
für einen selbst und den Arbeitgeber.
Dr. Mariam Konner
etem 06.2012
→ info
■ BGI 504-35: Handlungsanleitung für
die arbeitsmedizinische Vorsorge nach
dem Berufsgenossenschaftlichen
Grundsatz G 35 „Arbeitsaufenthalt im
Ausland unter besonderen klimatischen
und gesundheitlichen Belastungen“:
www.dguv.de > Prävention > Vorschriften,
Regeln und Informationen > DGUV Datenbank Informationen: In der Suchmaske die
BGI 504-35 angeben
■ www.auswaertiges-amt.de
■ Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit: www.giz.de
■ DGUV (Deutsche gesetzliche Unfallversicherung) – DVUA (Deutsche Verbindungsstelle Unfallversicherung
Ausland): www.dguv.de/inhalt/internationales/dvua
■ Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin: www.dtg.org
■ Robert Koch-Institut: www.rki.de
■ Centrum für Reisemedizin GmbH:
www.crm.de
■ Seminare der BG ETEM: Arbeits- und
Gesundheitsschutz bei Auslandseinsätzen (Seminar OF 21 für Führungskräfte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit): www.bgetem.de/seminare
nach Klick auf Seminardatenbank in
der Suche „Ausland“ angeben
■ Lehrgänge für den Einsatz von Journalisten in Krisengebieten
www.bgetem.de/seminare nach Klick
auf den Button Seminardatenbank im
Bereich Kategorie/Zielgruppe Journalismus auswählen
■ Notfall-Hotline der BG ETEM (in Zusammenarbeit mit DRK Assistance):
www.bgetem.de, Webcode: 11234792
■ Arbeitgeber-Informationen
(Arbeitsgenehmigung, Versicherungsschutz, Reiseziel, Anlass,
Dauer, Wohn-/Arbeitsplatzsituation, Mitreisende)
■ Betriebsärztliche Beratung und
Untersuchung (inklusive persönlicher Anamnese, Infektionsrisiken,
klimatischen Belastungen, Rahmenbedingungen im Reiseland)
■ Ausweise, Visum (inklusive
Kopien), Botschaftsadresse,
andere wichtige Ansprechpartner/Adressen vor Ort
■ Mitreisende (z. B. Familie – Schulanmeldung, Impfung)
■ Ggf. ausreichende Sprachkenntnisse des Gastlandes
■ Abklärung der ärztlichen Versorgung vor Ort, deutschsprachige
Ärzte
■ Impfschutz: Abklärung und ggf.
notwendige Impfungen durch
Betriebsarzt
■ Impfpass
■ Ggf. Abklärung zu weiterem Infektionsschutz (z. B. Malariaprophylaxe, Hygieneverhalten) durch
Betriebsarzt
■ Reiseapotheke (inklusive eigener
Medikamente, Rezepte,
Attest/Gesundheitszeugnis evtl. in
Landessprache, evtl. Besonderheiten wie Malariaschutz, Notfallset)
■ In Abhängigkeit vom
Reiseland/Unterbringungsort:
Sonnenschutz, Insektenschutz,
Batterien, Taschenlampe etc.
■ Ggf. zusätzlich Zahnarztcheck,
gynäkologischer Check
■ Eigener Krankenversicherungsschutz fürs Ausland
■ An- und Abreisebesonderheiten
(z. B. Reise-/Flugtauglichkeit,
Thromboseprophylaxe, Medikamente)
■ Ggf. Rufnummer für Rückholungsmaßnahmen
11
mensch & arbeit
Karin Jung, Vorsitzende der
Vertreterversammlung der BG ETEM
Die Preisträger haben gut lachen: Innovative Ideen im Arbeitsschutz werden belohnt.
Präventionspreis der BG ETEM
Ausgezeichnet geschützt
Vorreiter in Sachen Arbeitsschutz aus dem Bereich
Druck und Papierverarbeitung werden auch 2012
preisgekrönt: mit dem Präventionspreis der BG ETEM.
Z
um dritten Mal hat die BG ETEM am
12. September 2012 den Präventionspreis verliehen. Innovative Betriebe aus
dem Bereich Druck und Papierverarbeitung
durften Auszeichnungen und Hauptpreise
im Elektrotechnischen Institut der TU Dresden entgegennehmen. Ein wichtiger Impuls
für die Branche: „Andere Betriebe sollen
ebenfalls von den Ideen der Preisträger
profitieren, zum Nachahmen angeregt oder
zu eigenen Entwicklungen inspiriert werden“, erläuterte Karin Jung, Vorsitzende
der Vertreterversammlung de BG ETEM, anlässlich der Preisverleihung.
Hauptpreise
Neben fünf Auszeichnungen hat die
BG ETEM drei Hauptpreise vergeben. Die
Gewinner erhalten Geldbeträge zwischen
2.000 und 5.000 Euro. Die Hauptpreise
wurden von Karin Jung und Dr. Bernhard
Ascherl, Vorsitzender des Vorstands der
BG ETEM, verliehen.
12
1. Preis
Ebner & Spiegel GmbH: Nachhaltiges Konzept zur Bewusstseinsbildung bei Auszubildenden
Um die Unfallzahlen und Fehlzeiten zu reduzieren, hat das Unternehmen ein Projekt
zur Bewusstseinsbildung von Auszubildenden ins Leben gerufen. Die Auszubildenden
lernen Schritt für Schritt, Gefahrensituationen in ihren Arbeitsbereichen aufzuspüren.
Mithilfe von Paten dokumentieren die
neuen Auszubildenden die Gefahrensituationen fotografisch und stellen die Bilder in
einem Workshop vor. Bei einem Wettbewerb werden die besten Fotos prämiert sowie in der Firmenzeitschrift veröffentlicht.
Die Auszubildenden werden von Beginn
an motiviert, sich aktiv mit dem Thema Arbeitssicherheit auseinanderzusetzen.
2. Preis
Karl Knauer KG: Gesundheitsschutz im
Produktionsprozess erheblich verbessert
Die Firma Karl Knauer hat seit Jahren ein
Managementsystem zu Qualität, Umwelt,
Sicherheit, Hygiene und Nachhaltigkeit
verankert. Im Bereich Arbeitssicherheit
und Gesundheitsschutz äußert sich das in
breit gefächerten Maßnahmen:
■ Das Unternehmen veranstaltet jährlich
einen Gesundheitstag und engagiert
sich intensiv für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zusammen mit einem
Nachbarunternehmen und der Gemeinde betreibt die Karl Knauer KG eine eigene Kindertagesstätte.
■ Zusätzlich tragen viele technische Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen bei. Bei der Entwicklung neuer Maßnahmen haben alle Mitarbeiter
die Möglichkeit sich einzubringen.
3. Preis
SIG Combibloc GmbH Werk Linnich: Unfallgefahr an Zylinderwagen beseitigt
In der Tiefdruckabteilung des Unternehmens müssen die Mitarbeiter bis zu 250 Kilogramm schwere Druckzylinder an die Maschinen transportieren. Dazu sind etwa
70 Zylinderwagen im Einsatz, die von Hand
geschoben werden. Bei Zusammenstößen
der Zylinderwagen untereinander und mit
etem 06.2012
mensch & arbeit
RPC Bebo Print Patent GmbH: Meldesystem für Gefährdungen und Beinahe-Unfälle verbessert nachhaltig Arbeits- und Gesundheitsschutz
Der Betrieb hat ein Meldesystem für Gefährdungen und Beinahe-Unfälle entwickelt.
Das Konzept umfasst mehrere Schritte:
■ tabellarische Meldungs-Dokumentation,
■ Auswertung mithilfe einer Risikomatrix,
■ Planung der Maßnahmen mit Termin und
Verantwortlichem sowie
■ abschließende Überprüfung durch die
Fachkraft für Arbeitssicherheit und den
Betriebsleiter.
Regelmäßige Safety-Meetings und ein jährliches externes Audit dienen der Kontrolle
und Steuerung.
Dr. Bernhard Ascherl, Vorsitzender
des Vorstands der BG ETEM
festen Einbauten quetschten sich Mitarbeiter häufig Finger und Hände. Ausfallzeiten von bis zu zwei Monaten waren bislang
keine Seltenheit.
Abhilfe brachte der Anbau von Reifen in
waagerechter Position an den Enden der
Zylinderwagen-Fahrgestelle. Dadurch ergibt sich ein Mindestabstand zwischen allen anderen Teilen der Zylinderwagen und
eventuellen Hindernissen. Nun sind Kollisionen keine große Gefahr mehr. Die Wagen prallen aneinander ab und die Hände
sind geschützt.
Auszeichnungen
BauschLinnemann/Bausch Decor GmbH:
Ergonomische und sicherheitstechnische
Verbesserungen zum Handling von Druckzylindern und Papierrollen
Das Unternehmen hat sich mit gleich drei
Projekten beworben:
■ Mithilfe einer Halteeinrichtung können
schwere Papierrollen sicher liegend
transportiert werden. Dadurch verbessern sich die Ergonomie für die Staplerfahrer und die Sicherheit für 60 Mitarbeiter in der Produktion erheblich.
■ Ein elektrischer Zylindertransportwagen
erleichtert das Bewegen der schweren
Zylinderwagen.
■ Seitliche Podeste an den mobilen Laderampen haben die Unfallgefahr beim Beund Entladen der Lkws beseitigt, speziell für Mitarbeiter der Kunden und Lieferanten.
Fotos: BG ETEM / Stefan Floss
Fünf Betriebe erhielten Auszeichnungen.
Bernhard Blümke, Mitglied der Geschäftsführung, und Dr. Jens Jühling, Präventionsmanager der BG ETEM, stellten
die prämierten Projekte vor.
Walter Medien GmbH: Sicherer und effizienter durch ständigen Verbesserungsprozess
Das Unternehmen verbessert Arbeitsabläufe und Arbeitssicherheit in einem stetigen Prozess. Durch regelmäßige Beobachtungen erkennt ein spezielles Team Verbesserungspotenziale. In der Diskussion
mit den Mitarbeitern werden gemeinsam
Maßnahmen erarbeitet.
Dieser Prozess trägt Früchte: Sowohl die
Fluktuation im Unternehmen als auch
Krankenstand und Unfallgeschehen sind
sehr gering.
etem 06.2012
..
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W
Ein begeisterndes Rahmenprogramm
sorgte für Partystimmung.
Druck- und Versanddienstleistungen Südwest GmbH: Körperliche Belastungen
durch Ein- und Ausbauhilfe für Farbkästen
reduziert
Die Mitarbeiter an einer Zeitungsrotation
müssen regelmäßig schwere Farbkästen
austauschen. Ein Gleitschienenpaar hat
nun diese körperlich belastende Tätigkeit
erleichtert. Die Schienen werden unter dem
Farbkasten ohne Verschraubung durch eine
Nut kippsicher angebracht. Durch diese
einfache Lösung können mehr Mitarbeiter
als bisher diese Tätigkeit ausüben.
Whatman GmbH: Schutz vor gefährlichen
Energien bei Wartungs- und Reparaturarbeiten
Das Sicherungssystem Lockout/Tagout
(kurz LoTo) schützt das Wartungspersonal
vor unerwartetem Einwirken von Energie,
beispielsweise elektrischer, pneumatischer oder mechanischer Art.
Für alle Maschinen, Geräte und Anlagen
hat der Betrieb die vorhandenen Gefährdungen systematisch ermittelt. Gleichzeitig wurden detaillierte, spezifische Handlungsanleitungen mit Fotos erstellt, die das
Vorgehen im Wartungsfall darstellen.
Ausblick
Bisher wurde der Präventionspreis lediglich für Betriebe der Druck und Papierverarbeitung ausgeschrieben. Dabei soll es
nicht bleiben, erklärte Dr. Ascherl in seiner
Rede: „Dieser Preis ist eine hervorragende
Motivation, um auch in anderen Branchen
Schätze zu heben. Dazu werden wir
den Präventionspreis mit dem Horizont der größeren BG ETEM weiterJürgen Eul
entwickeln.“
..und fürs Ohr!
13
mensch & arbeit
Kleben ohne Lösungsmittel
Besser besohlt
In der Schuhbranche verzichten immer mehr Betriebe auf Klebstoffe mit
Lösungsmitteln. Warum lösungsmittelfreie Klebstoffe die bessere Alternative sind.
Die Decksohlen werden mit Dispersionsklebstoff beschichtet und anschließend eingelegt.
Lösungsmittelfreier Vorstrich auf Laufsohlen:
Der Arbeitsplatz ist abgesaugt und kann auch
für Lösungsmittelklebstoffe genutzt werden.
J
nicht ausschließlich um Klebstoffe. Diese
Beispiele zeigen jedoch, wie die Branche
effektiv Gefahrstoffe ersetzen konnte –
ganz im Sinne der Gefahrstoffverordnung.
Im Finish setzten sich beispielsweise mehr
und mehr wässrige Anwendungen durch.
Heute sind in diesem Bereich – nach Informationen aus der Praxis – etwa 90 Prozent
der früher verwendeten Lösungsmittel
ausgetauscht. Auch bei der Direktanschäumung von Polyurethan-Schuhsohlen
(PUR-Schuhsohlen) kommen mittlerweile
lösungsmittelfreie Trennmittel zum Einsatz.
ahrzehntelang haben Schuhindustrie und
Schuhhandwerk Lösungsmittel genutzt –
und damit nicht immer auf die beste Lösung
in Sachen Gesundheitsschutz gesetzt.
Dieses Vorgehen wandelt sich seit einigen
Jahren langsam, aber kontinuierlich.
Die in Klebstoffen verwendeten Lösungsmittel sind seit jeher in der Regel entzündbar. Sie wirken entfettend auf die Haut und
sind bei längerer Einwirkung in hohen
Konzentrationen meist reizend, teils sogar
gesundheitsschädlich. Da die meisten
dieser Lösungsmittel gut erforscht sind,
konnten Arbeitsplatzgrenzwerte dafür festgelegt werden. Durch den aktuellen Stand
der Absaugtechnik werden diese grundsätzlich gut eingehalten. Ein Restrisiko
besteht bei der Verwendung von Lösungsmitteln nach wie vor.
testgehend wässrig waren. Besonders Naturlatex verdrängte die bis dahin übliche
lösungsmittelhaltige Gummilösung. Dann
kamen mehr und mehr synthetische Dispersionsklebstoffe in die Produktion: Die Palette ihrer Anwendungsmöglichkeiten wuchs.
Hauptlösungsmittel war stets Wasser.
In synthetischen Dispersionsklebstoffen
konnten dennoch geringe Lösungsmittelanteile enthalten sein. Trotzdem verbesserte
ihre Verwendung den Gesundheitsschutz
enorm. Außerdem verringerten sich der
Aufwand für Absaugungen, die Kosten für
Energie sowie die Brandlast deutlich.
Die Umstellung auf alternative Klebstoffe brachte jedoch häufig Veränderungen im
jeweiligen Verfahren mit sich, zumindest
aber bei der Trockenzeit.
Weitere Fortschritte
Frühe Alternativen
Bereits Mitte des 20. Jahrhunderts wurden
im Schaftbau und im Innenschuhbereich
Dispersionsklebstoffe verwendet, die wei14
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurden
weitere Bereiche der Schuhproduktion von
Lösungsmitteln auf wässrige Dispersionen
oder Alternativen umgestellt. Dabei geht es
Veränderte Gesetzgebung
Vor etwa elf Jahren brachte der Gesetzgeber die Schuhindustrie wieder einmal in
Zugzwang, und zwar mit der 31. Verordnung
zum Bundesimmissionsschutzgesetz (31.
BImSchV): Diese Verordnung begrenzt in
Betrieben bei der Schuhherstellung den
zulässigen Lösungsmittelverbrauch auf
25 Gramm Emission pro Paar, sofern ein
etem 06.2012
mensch & arbeit
mittelklebstoffe. Aus verschiedenen Gründen dauerte es trotzdem noch mehr als
ein Jahrzehnt, bis die Dispersionsklebstoffe Anerkennung, Akzeptanz sowie
breitere Anwendung in der Branche fanden. Heute verwenden Firmen in der
Schuhherstellung mit steigender Tendenz
Dispersionsklebstoffe, auch zum Verkleben der Laufsohlen. Je nach Material lassen sich sowohl Sohle als auch Schaft
damit beschichten. Bei Bedarf ist die
Kombination von lösungsmittelfreiem
Vorstrich und lösungsmittelhaltigem
Hauptstrich möglich.
Handwerk setzt auf Innovation
Fotos: BG ETEM / Heiko Schrimpf
Jahresemissionswert von fünf Tonnen Lösungsmittel überschritten wird.
Natürlich haben Schuhhersteller unterschiedliche Wege beschritten, um diese
Forderung einzuhalten. In zahlreichen
Fällen konnte der Lösungsmittelverbrauch
durch organisatorische Maßnahmen stark
reduziert werden. Dazu haben die Betriebe
die tatsächliche Anwendung genau untersucht und die jeweilige Verwendungsmenge (Lösungsmittelbilanz) ermittelt.
Ergebnis: Insbesondere für Reinigungszwecke wurden oft viele Lösungsmittel
verwendet, die durch eine sauberere
oder präzisere Produktion eingespart
oder reduziert werden konnten.
Dispersionsklebstoff auf Vormarsch
Bereits in den 1990er-Jahren standen
Dispersionsklebstoffe für das Verkleben
von Laufsohlen zur Verfügung. Untersuchungen ergaben, dass diese Klebstoffe
sehr gute, zum Teil sogar bessere Werte in
der Reißfestigkeit aufwiesen als Lösungsetem 06.2012
Bereits vor der Entwicklung lösungsmittelhaltiger Sohlenklebstoffe haben Handwerksbetriebe in der Schuhherstellung
Dextrinkleber für den Schaftbereich genutzt,
teilweise auch heute noch. Verschiedene
Klebstoffhersteller haben bereits seit
Längerem für das Schuhhandwerk Klebstofftypen auf wässriger Basis mit breitem
Anwendungsspektrum entwickelt. Diese
Produkte eignen sich auch für Sohlenverklebungen oder den Bettungs- und Bodenbau.
Zu den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten
bieten die Hersteller Anwenderinformationen, Schulungen und Einweisungen an –
so auch auf der Messe zu Orthopädie und
Reha-Technik 2012 in Leipzig.
Im Grunde gibt es für fast alle Anwendungen des Schuhmacherhandwerks und
der Orthopädieschuhtechnik geeignete
Klebstoffe auf wässriger Basis. Kinderkrankheiten früherer Klebstofftypen sind
mittlerweile geheilt: Folglich kann heutzutage ein Großteil der lösungsmittelhaltigen
Klebstoffe durch wässrige ersetzt werden,
wenn man bereit ist, auf eine teilweise
veränderte Arbeitsweise umzustellen.
Hautschutz nicht vergessen
Wässrige Klebstoffe werden konserviert,
damit sie nicht faulen. Zudem können sie
Duftstoffe oder Restmonomere des Feststoffanteils enthalten. Deshalb sollte Hautschutz auch beim Umgang mit wässrigen
Klebstoffen großgeschrieben werden. Wer
regelmäßig mit Dispersionsklebstoffen
Hautkontakt hat, muss mindestens ein
Hautschutzmittel gegen wassermischbare
Stoffe auf die Hände auftragen. Bei längerem Hautkontakt sollen Handschuhe
genutzt werden. Außerdem zu beachten:
Dispersionsklebstoffe müssen immer
frostfrei gelagert werden.
Auch wenn es diese Einschränkungen gibt:
Alles in allem überwiegen die positiven
Eigenschaften der wässrigen Klebstoffe
im Vergleich zu den lösungsmittelhaltigen.
Nach Erfahrungen der BG ETEM spielt in
erster Linie Gewohnheit eine Rolle, wenn
Betriebe zögern, auf wässrige Klebstoffe
umzusteigen – selbst wenn diese gesundheitlich und brandschutztechnisch eine
weit günstigere Bilanz aufweisen. Bestes
Beispiel für alternative Klebstoffe: Atemwegsbeschwerden oder Hautallergien
bringen immer wieder Handwerksmeister
dazu, auf Dispersionsklebstoffe umzustellen. Und im Nachhinein bedauern viele von
ihnen, nicht schon erheblich früher Ersatzstoffe eingesetzt zu haben. Heiko Schrimpf
→ Gefahrstoffverordnung
§ 7, Abs. 3
Der Arbeitgeber hat auf der Grundlage des Ergebnisses der Substitutionsprüfung nach § 6 Absatz 1 Satz 2
Nummer 4 vorrangig eine Substitution durchzuführen. Er hat Gefahrstoffe oder Verfahren durch Stoffe,
Zubereitungen oder Erzeugnisse
oder Verfahren zu ersetzen, die unter
den jeweiligen Verwendungsbedingungen für die Gesundheit und
Sicherheit der Beschäftigten nicht
oder weniger gefährlich sind.
→ Technische Regel für
Gefahrstoffe (TRGS)
600 Substitution
Nr. 1 (3): Die Substitution hat das
Ziel, die Gefährdung bei allen Tätigkeiten mit Gefahrstoffen einschließlich Wartungsarbeiten sowie Bedienund Überwachungstätigkeiten zu
beseitigen oder auf ein Minimum zu
verringern. Der Arbeitgeber hat als
vorrangige Maßnahme (…) die Substitutionsmöglichkeiten zu prüfen
und nach den in Nummer 5 dieser
TRGS näher beschriebenen Maßgaben unter Berücksichtigung der Verhältnismäßigkeit umzusetzen.
15
betrieb & praxis
Unfallgefahren in der Textilbranche (I)
Vorsicht, heiß!
Risiko Dampferzeuger: So lassen sich schwere
Verbrühungen beim Reinigen vermeiden.
B
eim Reinigen von Dampferzeugern, wie
sie bei Bügeltischen in der Textilreinigung verwendet werden, kommt es immer
wieder zu Unfällen. Besondere Gefahr geht
dabei vom Abschlämmwasser mit Dampftemperatur aus, das unter Druck steht: Abschlämmwasser bildet sich in den Kesseln
von Dampferzeugern. Dort sammeln sich
schwer oder nicht verdampfbare Bestandteile des Wassers, in der Regel Salze und
Mineralien. Bei der Herstellung des Dampfes erhöht sich ständig die Konzentration
dieser Stoffe im Kessel; schließlich können
sie über den Dampf das System nicht verlassen.
Gefährliches Entsorgen
Der Kessel muss in regelmäßigen Abständen von diesen Rückständen befreit werden. Diesen Vorgang nennt man „Abschlämmen“. Die Intervalle für diese Tätigkeit werden maßgeblich davon beeinflusst, wie viele schwer oder nicht verdampfbare Anteile das eingesetzte Wasser
enthält. Wie häufig abgeschlämmt werden
muss, ist mithilfe der Bedienungsanleitung
und weiterer Informationen festzulegen.
Verletzungen an Bügeltischen
Immer wieder ziehen sich Beschäftigte
beim Abschlämmen schwere Verbrühungen zu. Besonders betroffen sind meist Gesicht, Hals und Arme. Solche Verletzungen
können neben akuten Schmerzen öfter zu
Infektionen und zu Wundheilungsproblemen führen. Unter Umständen können Verletzte dauerhaft entstellt werden.
Unfällen vorbeugen
Um derartige Unfälle zu vermeiden, müssen Betriebe ihr Personal auch im Abschlämmen schulen – im Rahmen der Unterweisung. Außerdem soll die Betriebsanweisung entsprechende Hinweise geben,
im Wesentlichen zu folgenden Punkten:
■ Füllstand des Abschlämmbehälters prüfen,
■ Fixierung des Abschlämmschlauches im
Behälterdeckel prüfen,
■ auf fest aufgeschraubten Behälterdeckel
achten,
■ auf funktionierende Entlüftung des Abschlämmbehälters achten,
■ nur geeignete Behälter zum Abschlämmen einsetzen,
Je eine Schlauchklemme vor und hinter der Verschraubung verhindern ein Verrutschen des
Schlauchs. Auf dem Behälter ist die Mindestfüllmenge für sicheres Abschlämmen markiert.
■ beim Öffnen des Ventils möglichst nicht
vor dem Dampfauslass stehen,
■ Ventil nur langsam öffnen,
■ nach dem Abschlämmen Ventil sicher
schließen.
Michael Grimmelt
→ info
Unterweisungshilfe PU 065 „Sicheres
Arbeiten an Bügeltischen“; hier wird auch
das Abschlämmen von Dampferzeugern
behandelt: www.bgetem.de, Webcode
12201321. Klicken Sie im Medienshop auf
den Bereich „Unterweisen und Prüfen“.
Unfallgefahren in der Textilbranche (II)
Den Händen zuliebe
A
us unerklärlichen Gründen wurde die
Hand mit der Wäsche in die Heißmangel gezogen.“ Geheimnisvolle Unfallanzeigen wie diese sind kein Einzelfall. Aber in
der Regel lassen sich konkrete Ursachen
für solche Unfälle feststellen.
Arbeiten an Mangeln ist gefährlich, es
passieren häufig Unfälle. Meist verbrennen
sich Betroffene oder erleiden zusätzlich
starke Quetschungen.
16
Auch sogenannte Kleinmangeln bergen
Gefahren. Diese scheinen aber regelmäßig
unterschätzt oder gar verdrängt zu werden.
Für Jugendliche gelten außerdem beim
Mangeln Beschäftigungsbeschränkungen.
Handschutz prüfen
Sicheres Arbeiten an der Mangel ist nur
mit wirksamen Handschutzeinrichtungen
Fortsetzung Seite 17
etem 06.2012
Fotos: BG ETEM / Christoph Ipe
Finger weg bei Mangelmängeln: Erst mit dem richtigen
Handschutz lässt sich sicher an der Mangel arbeiten.
Beweglicher Einlassschutztisch: Er muss sehr
dicht an der Walze justiert sein. Bei richtiger
Einstellung wird die Ware bereits zwischen
Schutztisch und Walze erfasst. Die Abschaltung erfolgt dann zuverlässig, bevor die Finger
zwischen Mulde und Walze geraten.
Einlassschutzstange: Sie schränkt den Zugriff
ein und schaltet im Gefahrfall ab. Es versteht
sich von selbst, dass die Stange nicht demontiert werden darf.
Pendelnde Schutzeinrichtung: Wärme beeinträchtigt die Haltbarkeit der Kunststoffverdeckungen. Bei herausgebrochener Verdeckung
ist die Schutzwirkung verloren. Daher wurde
bis zum Eintreffen des Ersatzteils ein Sperrholzelement eingesetzt. Andere Betreiber haben auf dauerhafte Gitterbleche umgerüstet.
möglich. Der Handschutz sollte täglich vor
Beginn der Arbeit auf Wirksamkeit geprüft
werden. Bewegliche Einlauftische müssen
so eingestellt sein, dass die Maschine stehen bleibt oder rückwärtsläuft, bevor Finger
in den Einzugsbereich gelangen können.
Mit der Zeit können sich vorgenommene
Einstellungen wieder ändern; die Maschinen müssen daher regelmäßig überprüft
werden. Bei pendelnd gelagerten Schutzeinrichtungen muss außer der Funktion
auch der Zustand kontrolliert werden. In
der Praxis finden sich immer wieder defek-
te Handschutzeinrichtungen: Sie können
verbogen oder gebrochen sein, manchmal
sind Teile herausgebrochen und werden
nicht ersetzt. Solche Mängel führen zu
ungesicherten Stellen am Einlass und
verhindern sicheres Arbeiten. Werden Maschinenteile entfernt, kann auch das die
Wirksamkeit von Schutzeinrichtungen beeinträchtigen.
abwenden zu können. Dazu sind Schulungen erforderlich, und zwar bevor Beschäftigte zum ersten Mal an Mangeln arbeiten –
später dann in regelmäßigen Abständen.
Besser unterweisen
Das Personal an der Mangel muss unterwiesen sein, um Gefahren erkennen und
Michael Grimmelt
→ info
Unterweisungshilfe PU 068 „Mangeln“
Gefährdungsbeurteilungen S 086 und
S 099
Betriebsanweisung B 135 „Arbeiten an
Muldenmangeln“
www.bgetem.de, Webcode 11205644
Branchentreff 2013 in Düsseldorf
Fachtagung Textil und Mode
In Sachen Arbeitssicherheit auf dem
neuesten Stand
Fotos: BG ETEM; Messe Frankfurt Exhibition GmbH / Petra Welzel
S
ie sind Betriebsleiter, Betriebsrat oder Fachkraft für
Arbeitssicherheit? Die Fachtagung Textil und Mode bietet Ihnen auch 2013 ein Forum rund
um die textilen Branchen.
Ob Bekleidung, Textilpflege
oder Schuh: Freuen Sie sich auf
Information und Erfahrungsaustausch am 4. und 5. Juni
2013 in Düsseldorf.
■ Welche strafrechtliche Verantwortung gibt es bei Arbeitsunfällen?
■ Welche Erfahrungen machen
Betriebe mit Gefährdungsbeurteilungen und Unterweisungen?
■ Welches Unfallgeschehen
prägt den Bereich Textil und
Mode?
■ Wie beeinflusst der demografische Wandel die Branche?
etem 06.2012
■ Wie sind die textilen Branchen in der Selbstverwaltung
und in den Arbeitsbereichen
der BG ETEM vertreten?
Antworten auf diese und andere
Fragen bekommen Sie auf der
Fachtagung Textil und Mode:
Die Veranstaltung beginnt am
4. Juni 2013 um 13 Uhr und endet am 5. Juni 2013 mittags. Die
Teilnahme ist kostenlos.
→ info
Auf den Internetseiten der
BG ETEM finden Sie zusätzliche
Informationen zur Fachtagung:
www.bgetem.de, Webcode
12580985.
Bei Fragen oder Anregungen:
Fachgebiet Textile Branchen/
Schuhe
Tel. (0821) 3159-7241
Fax (0821) 3159-1661
E-Mail: textil@bgetem.de
17
betrieb & praxis
Boraxfreier Leim
Klebrige Alternativen
Foto: Hülsenfabrik Herbster GmbH & Co. KG
Leim ohne Bor – bisher bei der Herstellung von Hülsenkarton
kaum vorstellbar. Aber es geht auch gesünder.
Leimkaskade mit boraxfreiem Dextrinklebstoff zum Beleimen der Hülsen
B
or-Verbindungen gelten bis heute als
unverzichtbare Hilfsstoffe für Leim, der
bei der Herstellung von Wellpappe und
Hülsenkarton benötigt wird. Aber Borax
birgt Gesundheitsgefahren. Die Firma
Herbster Hülsen zeigt nun, dass die Verklebung auch ohne Borax funktionieren kann.
Der neue Kleber erfüllt bereits alle technischen Anforderungen an die Produktion
von Hülsen. Für die Anwendung im Wellpappen-Bereich laufen derzeit Versuche,
die Hoffnung wecken. Die BG ETEM fragt
nach: Schont das Alternativprodukt die Gesundheit tatsächlich mehr?
Gesundheitsgefahren durch Borax
Borax wird bei der Wellpappen-Fertigung
und in der Hülsenkarton-Industrie einge18
setzt, um die Vernetzung des Leims zu beschleunigen und damit die Klebfähigkeit
zu gewährleisten. Die eingesetzten BorVerbindungen erfordern laut Gefahrstoffverordnung jedoch umfangreiche Schutzmaßnahmen, denn sie sind in die Kategorie 1B der krebserzeugenden, erbgutverändernden oder fortpflanzungsgefährdenden
Stoffe eingestuft. Außerdem finden sich
sechs Bor-Verbindungen auf einer Liste für
besonders Besorgnis erregende Stoffe
(SVHC-Stoffe) nach der REACH-Verordnung.
Dies kann zu umfangreichen Pflichten für
die Lieferanten von Wellpappe oder Hülsen
führen, die beispielsweise ihrer Auskunftspflicht nachkommen oder eine Zulassung
beantragen müssen. Die Gefahrstoffverordnung fordert allerdings vorrangig die
Suche nach einem Ersatzstoff, der die Gesundheit weniger gefährdet. Diese Suche
blieb bisher erfolglos. Daher empfahl die
BG ETEM bislang, Flüssigborax oder Fertigstärke (vorgemischte Stärke) in geschlossenen Systemen einzusetzen.
Natriumaluminat als Ersatzstoff
Das badische Unternehmen machte sich
schon länger Gedanken über Alternativen
zu Borax. Die Grundlagen dafür entstanden
in Zusammenarbeit mit der Hochschule für
Angewandte Wissenschaften in Zürich. Mit
weiteren Partnern aus der chemischen und
Stärke-Industrie gelang die praktische Umsetzung: Der neue Stoff heißt Natriumaluminat, ist also eine Verbindung mit Aluminium, für den Chemiker mit Bor eng veretem 06.2012
Foto: Hülsenfabrik Herbster GmbH & Co. KG
Foto: Hülsenfabrik Herbster GmbH & Co. KG
betrieb & praxis
Versandfertige Hülsen
Ein gesünderes Ergebnis dank Dextrinklebstoff
wandt. Die genaue chemische Bezeichnung lautet Aluminiumnatriumdioxid mit
der Formel NaAlO2 sowie der CAS-Nr. 1113849-1. Es handelt sich um ein weißes, wasserlösliches Pulver, das bereits in der BauIndustrie als Betondichtungsmittel sowie
zur Herstellung von Seifen, Papieren und
Lacken verwendet wird. Aber auch in der
Wasseraufbereitung kommt Natriumaluminat zum Einsatz.
Auskunftspflicht, noch ist eine Zulassung
gemäß der REACH-Verordnung erforderlich: Natriumaluminat gilt nämlich nicht als
SVHC-Stoff.
Gesundheitsgefahren
durch Natriumaluminat
Natriumaluminat zeigt einige Vorteile gegenüber Borax: Chronische Gesundheitsgefahren, wie krebserzeugende, erbgutverändernde oder fortpflanzungsgefährdende
Wirkungen, sind bei diesem Stoff nicht bekannt. Als Arbeitsplatzgrenzwert gilt der
allgemeine Staubgrenzwert – gemäß Technischer Regel für Gefahrstoffe 900.
Natriumaluminat hat jedoch vor allem eine ätzende Wirkung auf Haut und Schleimhäute sowie auf die Augen. Seine Stäube
und Aerosole wirken stark reizend auf die
Atemwege. Natriumaluminat ist daher laut
CLP-Verordnung mit folgenden Gefahrenhinweisen gekennzeichnet:
■ H314 (Verursacht schwere Verätzungen
der Haut und schwere Augenschäden.)
sowie
■ EUH071 (Wirkt ätzend auf die Atemwege.)
Die Gefahren, die von Natriumaluminat
ausgehen, lassen sich durch eine geeignete Persönliche Schutzausrüstung vermeiden, also in diesem Fall durch Schutzhandschuhe, Schutzkleidung und Augenschutz.
Für Natriumaluminat gibt es weder eine
Ersatzstoffprüfung
Die Gefahrstoffverordnung verlangt – wie
gesagt –, dass die Substitution eines Gefahrstoffes, also sein Ersatz, Vorrang hat
vor technischen, organisatorischen oder
persönlichen Schutzmaßnahmen. Hilfe bei
der Substitutionsprüfung bietet das GHSSpaltenmodell des Instituts für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA). Ein Vergleich ergibt,
dass Natriumaluminat insgesamt geringere Gesundheitsgefahren aufweist als BorVerbindungen (siehe Tabelle). Betriebe
müssen Natriumaluminat daher einsetzen,
wenn es technisch möglich ist.
Gesundheitsschutz verbessert
Mit dem Einsatz von Natriumaluminat bei
der Hülsen-Herstellung sind die Beschäftigten wesentlich weniger Gesundheitsgefahren ausgesetzt: Schließlich kommen sie
nicht mehr mit dem fortpflanzungsschädigenden Borax in Kontakt. Natriumaluminat
wirkt zwar ätzend, vor dieser Gefahr bewahren aber Persönliche Schutzausrüstungen. Außerdem sollen Betriebe eine Staubentwicklung von Natriumaluminat vermeiden, zum Beispiel durch wässrige Zubereitung oder geeignete Absaugung.
Auch bei der Herstellung von Wellpappe
sollen Bor-Verbindungen zukünftig keine
Rolle mehr spielen: An der Entwicklung von
Klebstoffsystemen auf Basis von Natriumaluminat wird bereits intensiv gearbeitet.
Aufgrund der klaren Vorteile für den Gesundheitsschutz wird die BG ETEM diese
Entwicklungen weiter mit großem Interesse
Dr. Berndt Zier, Dr. Ehler Cuno
begleiten.
→ info
Erfahrungen bei der
Hülsenfertigung
Viel Detailarbeit steckte in der Entwicklung
eines Klebstoffsystems, das in der Praxis
gleichwertig zu Borax einsetzbar ist. Mit
zwei Partnern aus der Wirtschaft (Emslandstärke und BK Giulini) hat Herbster Hülsen
das Projekt umgesetzt. Dabei haben sämtliche Beteiligte verschiedene Klebermischungen intensiv getestet, und zwar solche aus Dextrinen (Stärke-Abbauprodukte,
hier Kartoffelstärke), Natriumaluminat sowie mineralischen Füllstoffen. Für Michael
Jenisch, Geschäftsführer von Herbster Hülsen, gelten heute die Anforderungen an
seinen neuen Klebstoff als erfüllt. Im Vergleich zu Borax sei der Anteil an Natrium-
Ergebnis der Substitutionsprüfung nach dem GHS-Spaltenmodell des IFA
Gefahr
akute/chronische
Gesundheitsgefahren
Umwelt gefahren
Brand- und
Explosionsgefahren
Freisetzungsverhalten
Borax
hoch
gering
vernachlässigbar
vernachlässigbar
Natriumaluminat
mittel
gering
vernachlässigbar
vernachlässigbar
etem 06.2012
aluminat nur halb so hoch; für die Produktion von Hülsen zeige sich der Kleber somit
auch wirtschaftlich konkurrenzfähig. Aus
Jenischs Sicht ist der boraxfreie Kleber
technisch sogar überlegen: Fließeigenschaften, Anfangstack, Nassklebezeit und
Abbindezeit würden genau zum schnellen
Produktionsprozess passen und eine hohe
Endfestigkeit liefern.
„Boraxfreie Verklebung bei Herbster Hülsen“, Aktuelle Papier-Rundschau Nr.
04/2012, Seiten 32-33
„Das GHS-Spaltenmodell – Eine Hilfestellung zur Substitutionsprüfung nach
Gefahrstoffverordnung“, IFA der DGUV,
Download unter www.dguv.de/ifa, Webcode d124774
→ Herbster Hülsen
Die Hülsenfabrik Herbster GmbH &
Co. KG ist ein mittelständisches,
unabhängiges Unternehmen in der
Papier- und Hülsenproduktion. Der
Betrieb hat sich als langjähriger
Partner der Papier-, Film-, Folien-,
Textil-, Etiketten-, Klebeband- und
Verpackungsindustrie etabliert.
19
gesundheit
Erfolgreiche Rehabilitation
Jetzt erst recht!
Ein schwerer Arbeitsunfall ist für Markus Hilt nicht das Ende aller Träume. Mit Unterstützung seines Arbeitgebers, seines Reha-Beraters und Umbaumaßnahmen im Rahmen der Wohnungshilfe kann der 39-Jährige sein Leben wieder in die Hand nehmen.
E
s ist der 1. April 2004. Der damals 31jährige Orgelbauer Markus Hilt aus
Weilmünster an der Lahn steigt auf eine
Anlegeleiter, um auf dem Dachboden Pfeifen zu vermessen. Trotz Sicherung der Leiter mit Gleitschutzschuhen rutscht die Leiter aus unerklärlichen Gründen plötzlich
unter ihm weg. Aus einer Höhe von 1,60
Meter stürzt Markus Hilt auf den Boden.
Mit einem Rettungshubschrauber wird
der Schwerverletzte in die BG-Unfallklinik
Frankfurt eingeliefert. Diagnose: Quer-
schnittslähmung. „Schon nach wenigen
Tagen in der Klinik“, erinnert sich sein Arbeitgeber Uwe Hardt, „hat Markus zu mir
gesagt: ,Am 1. August bin ich wieder im Betrieb‘“. In der Klinik gab man Markus Hilt zu
verstehen, dies sei zwar ein honoriges Ziel,
aber nicht vorstellbar.
Uwe Hardt macht ihm Mut. „Irgendwie
bekommen wir das alles schon geregelt.
Ich wusste zwar nicht wie, aber klar war für
mich, dass wir es gemeinsam schaffen. Eine Weiterbeschäftigung von Markus stand
für mich außer Frage.“ Eine große Hilfe dabei war sein damaliger BG-Reha-Berater
Günter Neil. „Er hat uns den Weg aufgezeigt, was möglich ist“, erinnern sich der
Arbeitnehmer und sein Chef.
Und das Unvorstellbare geschieht. Dank
Krankengymnastik, Ergotherapie, Unterweisung im richtigen Umgang mit dem Rollstuhl und seinem unbändigen Willen wird
Markus Hilt am 31. Juli nach nur vier Monaten aus der Klinik entlassen und nimmt seine Arbeit wieder auf.
Nach dem Unfall wurden die Rollen getauscht. Statt Außendienst übernahm Markus Hilt (links) die komplette Büroorganisation
inklusive Einsatzplanung. So schickt heute er seinen Chef Uwe Hardt (rechts) zum nächsten Termin.
20
etem 06.2012
gesundheit
Ein Senkrechtaufzug
erlaubt den barrierefreien Zugang aller
Etagen des Hauses.
Fast täglich im Einsatz: die unterfahrbare Kochinsel in der Küche.
Der Einbau eines behindertengerechten
Bades erfolgte im
Dachgeschoss.
Für seine bisherige Tätigkeit im Außendienst, für Wartungen, Stimmungen oder
Montagen von Orgeln ist er jedoch nicht
mehr einsetzbar. Zwar hatte sein Arbeitgeber ihn erst acht Monate vor dem Unfall
eingestellt, um sich intensiver der Büroarbeit widmen zu können, aber kurzerhand
werden die Rollen wieder getauscht.
Markus Hilt macht die Buchführung, Büroorganisation und Einsatzplanung. „Seitdem bekomme ich von ihm gesagt, was ich
zu tun habe“, erklärt Hardt schmunzelnd.
Heute, acht Jahre nach dem Unfall, ist Markus Hilt zeitweise auch wieder vor Ort im
Einsatz. Die Orgelbaufirma hat sich einen
Tastendrücker (Fernmanual) gekauft. Das
Gerät ermöglicht es ihm, im Kirchenraum
im Rollstuhl sitzend – quasi per Fernsteuerung – die Orgel zu spielen und dann einen
etem 06.2012
Arbeitskollegen in der Orgel zu instruieren,
was zu tun ist.
Berufsgenossenschaft hilft
beim Kauf eines Autos
Um seine Mobilität außerhalb des Hauses
zu ermöglichen, benötigt Hilt nach der Entlassung aus der Klinik ein neues Fahrzeug.
Auch hier hilft sein Arbeitgeber. Bei einem
selbst querschnittsgelähmten Autohändler findet er ein zwölf Monate altes Fahrzeug, das komplett umgerüstet ist. Bei der
Anschaffung unterstützt ihn die Berufsgenossenschaft finanziell. Nach einer Einweisung durch eine Fahrschule, die der Berufshelfer organisiert, und einer Abnahmefahrt unter Aufsicht eines TÜV-Prüfers kann
sich Markus Hilt wieder ohne fremde Hilfe
im Straßenverkehr bewegen.
Anders sieht es zu Hause aus. Schon vor
dem Unfall bewohnte er eine Wohnung im
ersten Stock des Hauses über dem Büro.
„Anfangs haben wir ihn morgens mit zwei
Mann die Treppe runter und abends nach
der Arbeit wieder hoch getragen“, erinnert
sich Uwe Hardt. Nachdem sich Pläne zum
Umzug in einen behindertengerechten
Neubau zerschlagen haben, unterstützt
die Berufsgenossenschaft im Rahmen der
Wohnungshilfe die notwendigen Umbaumaßnahmen im Haus. Da die Originalhaustür des alten Hauses nur über Stufen zu erreichen ist, wird ein ebenerdiger seitlicher
Nebeneingang geschaffen und im Erdgeschoss, wo sich die Büroräume befinden,
eine behindertengerechte Toilettenanlage
eingebaut.
Stefan Müller, Reha-Berater der Berufsgenossenschaft, der Markus Hilt heute betreut, erläutert einige der weiteren Maßnahmen. „Damit Herr Hilt alle Etagen des
Hauses ohne fremde Hilfe erreichen kann,
wurde zunächst ein Senkrechtaufzug ein21
gesundheit
Auch an der Intonierlade ist Markus Hilt heute wieder zu
finden. Eine Rampe ermöglicht die Zufahrt zur Werkstatt.
Beim Einsatz des Tastendrückers (Fernmanual) legt Markus Hilt sein Hauptaugenmerk auf die klangliche Beurteilung jeder einzelnen Pfeife, den Zusammenklang der
einzelnen Stimmen zueinander sowie die Beurteilung des Gesamtklangs.
Das Verhältnis zwischen Markus Hilt und
Uwe Hardt ist schon längst nicht mehr ein
typisches Arbeitgeber-/Arbeitnehmerverhältnis: Sie fühlen sich quasi der Familie
des anderen zugehörig. Schon viermal haben sie miteinander den Urlaub verbracht.
Klar, dass Hilt im Urlaub auch seiner erst
nach dem Unfall entdeckten Leidenschaft
für das Tauchen frönt. „Das funktioniert
besser als Laufen“, flachst er.
Schwerelos unter Haien: Auf Mallorca genoss Markus Hilt (2.v.l.) dieses Erlebnis im Aquarium.
gebaut. Da zudem in der ersten Etage nicht
die Möglichkeit gegeben war, ein für Rollstuhlfahrer nutzbares Bad einzurichten,
wurde das unter dem Dach installiert.“
Spezielle Kücheneinrichtung
Auch die Küche wurde speziell eingerichtet, beispielsweise mit einer speziellen
Herdkonstruktion, die mit dem Rollstuhl
unterfahren werden kann. „Damit Herr Hilt
22
die Werkstatt im Nebengebäude selbstständig mit seinem Rollstuhl anfahren
kann, wurde auch sie mit einer Rampe ausgestattet“, erläutert Müller. „Da solche
Maßnahmen mit hohen Kosten verbunden
sind, verlangen wir von Seiten der BG Sicherheiten, wie beispielsweise die Garantie, dass die Versicherten in einer solchen
Wohnung mindestens 10 Jahre wohnen
bleiben dürfen“, sagt der BG-Reha-Berater.
Im Sommer dieses Jahres stieg er dabei gemeinsam mit der Tochter von Uwe Hardt
auf Mallorca sogar in ein Aquarium mit
sechs Sandtigerhaien und zwei Sandbankhaien. Nach einer Einweisung durch einen
Mitarbeiter des Aquariums und begleitet
von einem Tauchguide begann der Tauchgang mit den 2,50 Meter langen Raubfischen. „Ein Wahnsinnserlebnis“, schwärmt
er noch heute.
Diese Begeisterungsfähigkeit für Neues
und der Ehrgeiz, alles aus sich herauszuholen, zeichnet den jungen Orgelbauer
aus. „In der BG-Unfallklinik in Frankfurt habe ich zwei Typen von Menschen kennengelernt, die unfallbedingt zu Rollstuhlfahrern wurden“, erzählt er. „Die einen verkriechen sich, haben mit dem Leben abgeschlossen, und die anderen sagen: ‚Jetzt
erst recht!‘“
Zu welcher Gruppe Markus Hilt zählt,
steht außer Frage.
Christoph Nocker
etem 06.2012
Fotos: wdv-J. Lauer; privat
Tauchen zu den Sandtigerhaien
service
Neue Strukturen
Das Netzwerk
Die BG ETEM hat die Federführung im Fachbereich
Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (ETEM) der DGUV.
Fotos: Ssogras; Fotolia; ruppbilder, Pindyurin Vasily, padovanluke, Jürgen Flächle, Colourbox; RWE AG
D
as berufsgenossenschaftliche Regelwerk wurde bisher in den Fachausschüssen beziehungsweise Fachgruppen
des Dachverbands erarbeitet. Die Fusion
des Hauptverbands der gewerblichen Berufgenossenschaften mit dem Bundesverband der Unfallkassen machte eine Neuorganisation notwendig. Aus den 40 Fachausschüssen der Berufsgenossenschaften
und Fachgruppen der Unfallkassen wurden
15 Fachbereiche gebildet, die das Themenspektrum der Unfallversicherungsträger
abbilden. Die BG ETEM hat die Federführung im Fachbereich Energie Textil Elektro
Medienerzeugnisse übernommen.
Aufgaben des Fachbereichs und seiner
Sachgebiete sind neben der Erarbeitung
und der Auslegung des berufsgenossenschaftlichen Regelwerks insbesondere die
Beratung zu speziellen Fachthemen. Dabei
treffen sie verbindliche Aussagen, die für
alle Unfallversicherungsträger gültig sind.
Zielsetzung der Neukonzeption ist die
Entwicklung eines fachlichen Kompetenznetzwerks. Dazu bündeln die Fachbereiche
mit ihren Sachgebieten die Erfahrungen
aus der Arbeit der Präventionsexperten
aufgrund des Unfall- und Erkrankungsgeschehens, ihrer Tätigkeit vor Ort, der Mitarbeit am Regelwerk und der Normung sowie
der Prüf- und Zertifizierungstätigkeit.
Eine wichtige Aufgabe dieser Kompetenznetzwerke ist die Erstellung von BGbeziehungsweise
DGUV-Informationen.
Durch die Neuordnung des staatlichen Arbeitsschutzrechts wurden Gesetze, Verordnungen und Technische Regeln durch
Schutzziele schlanker und allgemeiner formuliert. Damit stehen die Betriebe jetzt jedoch vor der Schwierigkeit, die allgemein
formulierten Schutzziele in der Praxis umzusetzen – es bedarf einer Konkretisierung
und beispielhafter Lösungen. Durch geeignete Informationsschriften erhalten die
Unternehmen Hilfestellungen, um diese
Arbeitsschutzanforderungen umsetzen zu
Dr. Ralf Renninghoff
können.
etem 06.2012
Der Fachbereich ETEM und seine Sachgebiete
Sachgebiet
Feinmechanik und
Elektrotechnik
Sachgebiet
Energie und Wasser
Sachgebiet
Druck und Papierverarbeitung
Sachgebiet
Textil und Mode
Sachgebiet
Telekommunikation
Sachgebiet
Abwasser
→ kontakt
ottes.sabine@bgetem.de
23
service
Weihnachtsfeier
Alle Jahre wieder
Ob traditionelle oder ausgefallene Weihnachtsfeier –
die BG ETEM bietet umfassenden Versicherungsschutz.
Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung.
Aber Vorsicht: Ist ein Mitarbeiter so betrunken, dass er zu keiner Arbeitsleistung mehr
fähig wäre, entfällt der Versicherungsschutz. Er entfällt auch dann, wenn der
Alkoholkonsum allein rechtlich wesentliche
Ursache für den Unfall ist. Dies liegt z. B. vor,
wenn der Mitarbeiter bei mehr als 1,1 Promille (absolute Fahruntüchtigkeit) ein Kfz fährt.
W
nicht nur an ausgewählte Beschäftigte
richten. Der Teilnehmerkreis kann aber in
größeren Betrieben auf Unternehmensteile oder Abteilungen begrenzt sein.
■ Die Anzahl der Teilnehmer darf nicht in
einem offensichtlichen Missverhältnis
zur Anzahl der eingeladenen Beschäftigten stehen. Nach ständiger Rechtsprechung ist eine Teilnahme von 20 Prozent
der Beschäftigten ausreichend.
Hin- und Rückweg sind versichert
■ Die Feier muss der Förderung der Betriebsgemeinschaft dienen. Die Pflege
der Verbundenheit zwischen den Beschäftigten des Unternehmens selbst
und zwischen der Unternehmensleitung
und den Beschäftigten muss Sinn und
Zweck der Veranstaltung sein.
■ Die Unternehmensleitung muss die Feier
veranstalten oder zumindest unterstützen und sie selbst oder einer ihrer Repräsentanten muss teilnehmen. Dies kann
ein Abteilungsleiter, der Betriebsrat oder
aber auch ein anderer Beauftragter der
Unternehmensleitung sein.
■ Allen Mitarbeitern muss die Teilnahme
möglich sein. Die Veranstaltung darf sich
24
Ob es sich um eine traditionelle Weihnachtsfeier oder die etwas ausgefallene
Variante an einem speziellen Ort handelt,
spielt für den Versicherungsschutz keine
Rolle. Auch die vom Unternehmen organisierte Fackelwanderung ist unter den dargestellten Voraussetzungen versichert. Hinund Rückweg zu Weihnachtsfeier sind für
Betriebsangehörige ebenfalls versichert.
Häufig geht es auf Weihnachtsfeiern hoch
her und es wird das ein oder andere Bier
konsumiert. Die Unfallgefahr steigt mit
zunehmendem Alkoholkonsum. Grundsätzlich ändert dies aber nichts am Versicherungsschutz der Teilnehmer. Auch angetrunkene Mitarbeiter stehen unter dem
Die Teilnahme von Familienangehörigen
oder anderen nicht im Betrieb beschäftigten
Gästen ist für den Versicherungsschutz der
Mitarbeiter unschädlich. Findet die Weihnachtsfeier auf dem Betriebsgelände statt,
besteht während dieses Aufenthaltes sogar
Versicherungsschutz für nicht im Betrieb beschäftigte Gäste. Dieser ist nicht gesetzlich
normiert, sondern ergibt sich aus der Satzung
der BG ETEM. Voraussetzung ist, dass sich
die Gäste mit Zustimmung der Unternehmensleitung auf dem Gelände aufhalten.
Den Arbeitgeber trifft auch bei Betriebsfeiern gegenüber seinen Mitarbeitern eine
Fürsorgepflicht. Er hat für die Sicherheit seiner Beschäftigten zu sorgen und diese gegen Belästigungen und sonstige Übergriffe
durch Kollegen und Vorgesetzte zu schützen. Dazu gehört bei stark alkoholisierten
Mitarbeitern auch das Einschreiten, wenn
diese zum Autoschlüssel greifen.
Erklärt der Unternehmer oder sein Vertreter die Feier für beendet, besteht weiterhin
Versicherungsschutz für den direkten Heimweg. Feiern Beschäftigte weiter, so ist dies
ihr privates Vergnügen. Versicherungsschutz
über die gesetzliche Unfallversicherung liegt
Melanie Hermann
dann nicht mehr vor.
etem 06.2012
Cartoon: M. Hüter
Schutz auch für Gäste möglich
eihnachten ist nicht mehr weit und die
alljährliche Weihnachtsfeier steht vor
der Tür. Auch wenn auf der betrieblichen
Weihnachtsfeier keine Arbeitsleistung im
eigentlichen Sinne erbracht wird, stehen die
Beschäftigten in der Regel dennoch unter
dem Versicherungsschutz der Berufsgenossenschaft. Voraussetzung hierfür ist, dass es
sich um eine betriebliche Gemeinschaftsveranstaltung handelt. Folgende Kriterien
muss die Feierlichkeit erfüllen:
service
Beitragsausgleichsverfahren
Aus vier mach eins
Ab diesem Jahr werden die bisher unterschiedlichen
Verfahren für Beitragszuschlag und Beitragsnachlass
der vier BG ETEM-Fusionspartner vereinheitlicht.
N
ach den Fusionen der vier früheren Einzel-Berufsgenossenschaften Feinmechanik und Elektrotechnik, Textil und Bekleidung, Gas-, Fernwärme- und Wasserwirtschaft sowie Druck und Papierverarbeitung hat sich die Selbstverwaltung der
BG ETEM mit der Vereinheitlichung des sogenannten Beitragsausgleichsverfahrens
(BAV) beschäftigt. Denn die vier Fusionspartner hatten auch nach den Zusammenschlüssen ihre bisherigen Verfahren für
Beitragszuschlag und Beitragsnachlass
beibehalten. Einzelheiten dazu finden Sie
unter www.bgetem.de, Webcode 12377073.
Diese Verfahren weichen jedoch erheblich voneinander ab. Am 14. Juni 2012 hat
die Selbstverwaltung der BG ETEM deshalb
ein neues, einheitliches BAV beschlossen.
Die bisher unterschiedlichen Beitragszuschlags- und Beitragsnachlassverfahren
werden damit zusammengeführt. Das neue
Nachlassverfahren wird erstmals bei der
Beitragserhebung für das Jahr 2012 angewandt. Die Umlage 2011 war damit die letzte, die nach dem bisherigen Verfahren abgewickelt wurde.
Ziel des neuen BAV war es, mehr Transparenz und einen nachhaltigeren Anreiz
für weiter verbesserte Präventionsmaßnahmen der Betriebe zu schaffen. Weiterhin gilt, dass Betriebe weniger Beitrag
zahlen, wenn sie effektiv Arbeitsunfälle
und Berufskrankheiten verhüten.
Das neue Verfahren
Zur Berechnung der eigenen Unfallbelastung eines Unternehmens (Eigenbelastung) werden die Versicherungsfälle der
letzten drei Jahre herangezogen. Die dabei
entstandenen Aufwendungen werden jedoch nur zwei Jahre lang bei der Berechnung der Eigenbelastung berücksichtigt.
Die Aufwendungen umfassen Kosten für
ambulante und stationäre Heilbehandlung, Verletzten- und Übergangsgeld sowie
eventuell fällige Renten. Diese Versiche26
rungsfälle werden berücksichtigt: meldepflichtige Arbeitsunfälle, Dienstwegeunfälle und Berufskrankheiten.
Keine Berücksichtigung finden Leistungen für
■ Arbeitsunfälle mit einer Arbeitsunfähigkeit bis zu drei Tagen,
■ Wegeunfälle,
■ Unfälle, die nur durch nicht zum Unternehmen gehörende Personen verursacht
wurden, sowie
■ Unfälle infolge höherer Gewalt.
Die für die Umlage berücksichtigten Kosten
werden so gestaffelt:
■ Im Umlagejahr gezahlte Leistungen werden zu 100 Prozent bei der Berechnung
der Eigenbelastung herangezogen.
■ Die Kosten, die im Kalenderjahr vor dem
Umlagejahr gezahlt wurden, werden zu
50 Prozent herangezogen.
■ Ältere Kosten werden nicht mehr berücksichtigt. Damit fließt ein Unfall höchstens drei Jahre lang in die Berechnung
der Eigenbelastung mit ein.
Nachlass
Für den Beitragsnachlass gilt:
■ Der Höchstnachlass beträgt 18 Prozent
des Beitrags zur Eigenumlage.
■ Der tatsächliche Nachlass ergibt sich
→ Beispiele zum neuen Beitragsnachlassverfahren
Beispiel 1: Unfall aus dem Jahr 2012
Kosten in 2012: 1.000,00 EUR
➔ Beitrag 2012: Die Kosten werden zu 100 %, also mit 1.000,00 EUR berücksichtigt.
Kosten in 2013: 1.500,00 EUR
➔ Beitrag 2013: Die Kosten werden wie folgt berücksichtigt:
aus 2012 zu 50 % = 500,00 EUR
aus 2013 zu 100 % = 1.500,00 EUR
Gesamt:
2.000,00 EUR
Kosten in 2014: 3.000,00 EUR
➔ Beitrag 2014: Die Kosten werden wie folgt berücksichtigt:
aus 2012 Kosten fallen weg
aus 2013 zu 50 % = 750,00 EUR
aus 2014 zu 100 % = 3.000,00 EUR
Gesamt:
3.750,00 EUR
etem 06.2012
service
Illustrationen: BG ETEM
aus der Differenz zwischen dem Höchstnachlass und der Eigenbelastung des
Unternehmens. Liegt die Eigenbelastung
des Unternehmens über dem Höchstnachlass, wird kein Zuschlag fällig.
■ Für neu aufgenommene Unternehmen
beträgt der Höchstnachlass
➔ im ersten Umlagejahr 6 Prozent,
➔ im zweiten Umlagejahr 12 Prozent.
Durch das neue Verfahren wird sichergestellt, dass Kosten für Renten (die in der Regel eine jahrelange Laufzeit mit sich bringen) in einem für alle Betriebe angemessenen Umfang berücksichtigt werden.
Was ändert sich noch?
Neben dem neuen BAV hat die Selbstverwaltung auch Änderungen im Beitragseinzugsverfahren (BEV) beschlossen. Bisher
haben Unternehmen der Bereiche Gas-,
Fernwärme- und Wasserwirtschaft sowie
Textil und Bekleidung Vorschüsse gezahlt.
Der Bereich Gas-, Fernwärme- und Wasserwirtschaft hat in der Vergangenheit elf Vorschussraten erhoben, der Bereich Textil
und Bekleidung vier. Der Restbeitrag wurde
unter Anrechnung dieser Vorschüsse fällig.
Die Zahlungstermine dieser beiden Bereiche werden sich künftig ändern; auch
deren Zahl reduziert sich. Für Unterneh-
men der Bereiche Feinmechanik und Elektrotechnik sowie Druck und Papierverarbeitung werden sich ebenfalls Änderungen ergeben. Vorgesehen ist ein einheitliches
BEV aller Bereiche ab dem Jahr 2016. Über
die genauen Termine und Modalitäten werden die Betriebe rechtzeitig informiert.
Karin Lange
→ info
www.bgetem.de, Webcode 11197352:
Informationen zum neuen Beitragsausgleichsverfahren.
→ Beispiel 2: Unfall aus dem Jahr 2012
→ Beispiel 3: Unfall aus dem Jahr 2010
Kosten in 2012: 500,00 EUR
➔ Beitrag 2012: Die Kosten werden zu 100 %, also mit
500,00 EUR berücksichtigt.
Kosten in 2010: 1.000,00 EUR
Kosten in 2013: 0,00 EUR
➔ Beitrag 2013: Die Kosten werden wie folgt berücksichtigt:
aus 2012 zu 50 % = 250,00 EUR
aus 2013 zu 100 % = 0,00 EUR
Gesamt:
250,00 EUR
Kosten in 2012: 5.000,00 EUR
➔ Beitrag 2012: Die Kosten werden wie folgt berücksichtigt:
aus 2010 Kosten fallen weg
aus 2011 zu 50 % = 750,00 EUR
aus 2012 zu 100 % = 5.000,00 EUR
Gesamt:
5.750,00 EUR
Kosten in 2014: 0,00 EUR
➔ Beitrag 2014: Die Kosten werden wie folgt berücksichtigt:
aus 2012 Kosten fallen weg
aus 2013 zu 50 % = 0,00 EUR
aus 2014 zu 100 % = 0,00 EUR
Gesamt:
0,00 EUR
etem 06.2012
Kosten in 2011: 1.500,00 EUR
Ab dem Beitragsjahr 2013 wird dieser Unfall nicht mehr zur
Berechnung der Eigenbelastung herangezogen.
27
Reportage
Bildungsangebote der BG ETEM
Ein Tag im berghof
Die Ausbildung von Sicherheitsfachkräften (SiFa) ist ein Schwerpunkt in der Arbeit
des berghofs. Die Bildungsstätte am Rand der Eifel wird jetzt 50 Jahre alt.
N
ach einem Unfall mit Starkstrom liegt
ein Kollege tot im Betrieb. Die Polizei
ist da und stellt dem Meister unangenehme Fragen: Wer war der Vorgesetzte? Liegt
eine Gefährdungsbeurteilung vor? War der
Mitarbeiter unterwiesen?“ Auch wenn das
Beispiel erfunden ist, Dozent Martin Schröder stößt damit auf lebhaftes Interesse der
20 Teilnehmer des SiFa-Einstiegsseminars
auf dem berghof in Bad Münstereifel. „Ist
der Mitarbeiter bei seiner Arbeit kontrolliert worden?“, fährt Schröder mit der Befragung fort. „Wurden Stichproben gemacht, ob er die Sicherheitsvorschriften
eingehalten hat?“
Unangenehme Fragen
Dann geht Schröder auf die nächsthöhere
Ebene, die Fragen werden nicht angenehmer: „Wer hat diesen Vorgesetzten beauftragt? Wer hat ihn kontrolliert?“ Nach dieser
Reihe von Fragen entwickle jeder Arbeitgeber das Bedürfnis: „Wie kann ich das
rechtssicher machen?“ Jeder Teilnehmer des
Kurses müsse deshalb mit seiner Aufforderung rechnen: „SiFa, beraten Sie mich!“
Die 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer
hören aufmerksam zu, fragen kurz nach, er28
fahren, dass auch positives Verhalten dokumentiert werden muss. Am gut geführten Aktenordner „Sicherheit“ erläutert
Schröder die Notwendigkeit der sorgfältigen Dokumentation von Unterweisung.
„Mit einem solchen Ordner kann jeder
Meister gegenüber seinem Vorgesetzten,
gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft
belegen, dass er regelmäßig unterwiesen,
kontrolliert und überprüft hat.“
Größter Bildungsstandort
Der berghof ist der größte Bildungsstandort der BG ETEM. Schwerpunkt der Bildungsarbeit ist die Qualifikation zur Sicherheitsfachkraft oder SiFa. Erfahrene Ingenieure, Techniker oder Meister aus der
Wirtschaft werden hier in mehreren Wochenseminaren zu Sicherheitsfachkräften
qualifiziert; in Selbstlernphasen vertiefen
sie zu Hause den Stoff, um an ihren Arbeitsplätzen die neu gewonnenen Kenntnisse in Fragen der Arbeitssicherheit anwenden und weitergeben zu können.
„Ein Unfall lässt häufig Versäumnisse
im Arbeitsschutz zu Tage treten“, erläutert
der Dozent. Ein Betrieb sei auf die Kenntnisse, die Beratung und Kontrolltipps der
SiFa angewiesen, aber auch auf die Motivation der Kollegen in Sicherheitsfragen.
„Ihre Vorgesetzten haben einen ganz großen Beratungsbedarf“, ergänzt Schröder.
„Die erwarten von der Sicherheitsfachkraft, dass sie zum Beispiel erklären kann,
wie Leiharbeitnehmer auch aus Sicht eines effektiven Arbeitsschutzes in den Betrieb integriert werden können.“ Die SiFa,
so Schröder, sei der Manager, Berater und
Ansprechpartner auf allen Ebenen der betrieblichen Organisationsstruktur.
Effektiver Arbeitsschutz
In der Pause zwischen zwei Seminarabschnitten können die Teilnehmer von dem
300 Meter hoch gelegenen Ort am Eifelrand bei klarem Wetter die Spitzen des
Kölner Doms sehen. Es sollen schon Leute
wegen des guten Essens nach Bad Münstereifel zur Bildungsstätte der BG ETEM
gekommen sein, aber die meisten wollen
sich hier in Fragen der Arbeitssicherheit
weiterbilden.
Im Seminarraum nebenan erklärt Dozent Peter Westphal, was mit Fahrgerüsten, Kleingerüsten oder fahrbaren Arbeitsbühnen alles passieren kann. Nachdem
etem 06.2012
Reportage
Links: Hauptgebäude des Bildungsstandorts berghof. Mitte: Uwe Lenhard, Stefan Lupprian, Werner Lell und Rolf Schäfer in der Projektgruppe beim
Erarbeiten von Lösungsvarianten. Rechts: Dozent Martin Schröder am Flip-Chart.
ein Zuhörer vorgeschlagen hat, dass sich
der Mann im Korb anschnallt, zeigt Westphal in einem kurzen Filmclip, wie eine lebensgroße Puppe aus dem hochgefahrenen Korb geschleudert wird, wenn der
Stapler über unebenes Gelände fährt –
trotz des Anschnallgurts.
Projektgruppe erarbeitet Lösungen
Im Kurs der dritten Präsenzwoche wird wenig vorgetragen. Dozent Dr. Wolfram Zeise
hat seinen 16 Zuhörern Aufgaben gegeben,
jetzt haben sie sich in vier Projektgruppen
aufgeteilt. Gabriele Prodöhl, Ralf Nagel,
Franz-Karl Engert und Ralf Nowotny sitzen
in einem kleinen Projektraum vor dem
Rechner und arbeiten an Entscheidungsprozessen und Lösungsvarinten unter den
Gesichtspunkten von Preis, Arbeitsschutz,
Umweltschutz, Brandschutz. Es geht um
die Arbeit der SiFas im vernetzten Betriebsgeschehen, um ihr Mitwirken bei Lösungsstrategien und Entscheidungsprozessen.
Anschließend präsentieren sie ihre Ergebnisse. Gesprächsführung, Umsetzung von
Maßnahmen und Wirkungskontrolle stehen auf dem Programm.
„Gerade in den fortgeschritteneren Stufen spielt die Kommunikation eine wichtige Rolle“, erklärt Dr. Ernst Kirschbaum, der
Leiter der Bildungsstätte berghof, die Staffelung der Kurse. „Nach dem Basiswissen
etem 06.2012
und der praktischen Anwendung kommt es
jetzt darauf an, den Sicherheitsgedanken
überzeugend zu vermitteln, quasi den
Virus der Arbeitssicherheit zu verbreiten.“
Strahlenschutz
Strenge Vorschriften gibt es für Röntgengeräte oder Geräte, die ionisierende
Strahlung freisetzen. Wer sie herstellt
oder damit arbeitet, kommt auf den berghof. Bei Dr. Wolfgang Zeise, dem Chemiker
und Strahlenschutzbeauftragten, kann
man in Grund- und Auffrischungsseminaren lernen, mit dieser Strahlung umzugehen, ohne sich selbst oder andere zu gefährden. Die Bediener von Geräten zur
Werkstoffprüfung und zur Überprüfung
von Schweißnähten, Gepäck- oder Personendurchleuchtung können hier ihre
Fachkundeprüfung machen – unter angemessenen Sicherheitsvorkehrungen.
Kühlschmierstoffe
Bei einem dreitägigen Fachkundeseminar
lernen 18 Teilnehmerinnen und Teilnehmer
im Labor des berghofs, wie man wassergemischte Kühlschmierstoffe kontrolliert und
wartet. Sie werden beim Bohren, Schleifen, Drehen, Fräsen von Metallen zum Kühlen verwendet. Da sich dabei krebserregende Substanzen bilden können, ist die
Verwendung dieser Substanzen nur in ei-
→ 50 Jahre berghof
in Bad Münstereifel
Seit 50 Jahren ist der berghof Bildungsstätte der Berufsgenossenschaft – zuerst der BG Feinmechanik
und Elektrotechnik, seit 2011 der
BG ETEM.
1962 Eröffnung der Schulungsstätte mit eigenem Lehrpersonal für 45 Teilnehmer
1963 Aufnahme des regelmäßigen
Seminarbetriebes
1967 10.000ster Teilnehmer
1968 Ausbau für 70 Teilnehmer
1970 zwei Parallelseminare
1971 Ausbau vier neuer Seminarräume und des Großen Hörsaals. Aufnahme der Strahlenschutzseminare
1974 Aufnahme der Ausbildung von
Sicherheitsfachkräften
1976 drei Parallelseminare
1981 Ausbau für 110 Teilnehmer
1985 100.000ster Teilnehmer
1993 Umbau eines Hoteltraktes
1997 200.000ster Teilnehmer
2003 250.000ster Teilnehmer
29
Reportage
Links: Mareen Limbach beim Kontrollieren eines Teststreifens. Rechts: Für das leibliche Wohl sorgt das Team vom Werner Austermann, unterstützt
vom Servicepersonal.
Betriebsmittelkonstrukteure
Das Seminar „Konstruktion nach EU-Richtlinien“ richtet sich vor allem an Betriebsmittelkonstrukteure. Man braucht kein Anlagenbauer zu sein; auch wer Maschinen
„Allein 2011 haben sich
7.000 Menschen in 385
Seminaren zu 76 Themen
qualifiziert.“
oder technische Einrichtungen für seine
spezifischen Zwecke modifiziert, muss
sich bei Schutzeinrichtungen, elektrischer
Ausrüstung oder Steuerung an bestimmten
Richtlinien orientieren. Als Anschauungsobjekt fungiert ein Schaltschrank, in dem
Klötzchen aufgenommen und in zwei Arbeitsgängen bearbeitet werden. Ein Transportband befördert sie hinaus. Die Schutzeinrichtungen: ein eingebauter Lichtvorhang mit Muting-Funktion, ein Laser-Scanner und Türen zum Aufmachen mit elektrischer Verriegelung.
30
Küche und Service
Wer von acht Uhr morgens bis 17.00 Uhr
abends in Kursen sitzt, braucht zwischendurch etwas fürs körperliche Wohlbefinden. Die Küche des berghofs liefert mit elf
Mitarbeitern 300 Essen am Tag, dazu zweimal Kaffee und leckere Kleinigkeiten. „Mediterrane französische Küche mit Eifeler
Spezialitäten, kein Luxus, aber hochwertige, gute Produkte“, erklärt Werner Austermann seine Linie. Er ist seit 39 Jahren Küchenchef auf dem berghof. Das Ergebnis
der Arbeit ihres Teams und des Servicepersonals: Eine hohe Zufriedenheit der Gäste.
Man fühlt sich hervorragend umsorgt.
Eine kleine Gruppe von Aktiven ist unermüdlich dabei, die guten Mahlzeiten sportlich bei Koordinationstraining, Nordic Walking und Wirbelsäulengymnastik abzuarbeiten. Die Hartnäckigen gehen zusätzlich
dienstag- und donnerstagmorgens joggen.
→ info
■ Seminardatenbank (Anmeldung, Warteliste, kurzfristig freie Seminarplätze):
www.bgetem.de > Seminare
■ Kurzfilm über die Arbeit im berghof auf
youtube.com (Suchworte: berghof,
bgetem)
→ SiFa-Ausbildung
Fachkompetenz: In einer ersten Präsenzwoche und der darauf folgenden Selbstlernphase wird Grundund Fachwissen vermittelt und durch
eine Lernerfolgskontrolle nachgewiesen. Es folgen zwei weitere Präsenzwochen und Selbstlernphasen,
in denen die SiFa in die Handlungsweisen und Arbeitsmethoden eingeführt wird.xxxxxxxxxxxxxxxxx
Methodenkompetenz: In den abschließenden vierten und fünften
Präsenzwochen wird das bisher Gelernte ganzheitlich auf komplexe
Fallstudien angewendet. Zusätzlich
wird in einem Praktikum ein Arbeitsschutzthema im realen betrieblichen
Umfeld bearbeitet. Der hierbei erstellte Bericht dient als Lernerfolgskontrolle zum Nachweis der Methodenkompetenz.
Soziale Kompetenz: Im Fokus der Präsenzwochen stehen immer wieder
Fragen der Überzeugung und Motivation der unterschiedlichen betrieblichen Partner bei der Arbeit als Berater in allen Fragen des Arbeits- und
Gesundheitsschutzes. Dazu gehört
eine bewertete Präsentation im Rahmen der fünften Präsenzwoche.
etem 06.2012
Fotos: wdv/B. Rüttger
ner ganz bestimmten Zusammensetzung
erlaubt. Unter Anleitung von Dr. Martin
Müller messen alle mit einem Refraktometer die Konzentration, mit Teststäbchen
oder direktanzeigenden Messgeräten den
pH-Wert der Lösung. Nach drei Tagen endet
das Fachkundeseminar mit der Abschlussprüfung.
service
Sicherheitsquiz 2012
Arbeit & Gesundheit
Mit Sicherheit
gewinnen
Neues Magazin
für Sifas
Mitmachen:
Fünf Netbooks als Preise.
Angebot der BG ETEM
A
N
utzen Sie die Chance, eines von fünf
schicken Netbooks mit interessanten
Filmen zum Arbeitsschutz zu gewinnen.
Um die richtige Lösung herauszufinden,
brauchen Sie nur wenige Minuten. Wir hoffen, dass die Zeit reicht, um Sie – ganz
nebenbei – für vermeidbare Risiken im
Arbeitsalltag zu sensibilisieren.
Teilnehmen können Sie per Postkarte,
SMS oder E-Mail. Einsendeschluss ist der
28. Februar 2013.
gekommen sind, können Sie auch online
teilnehmen. Wir wünschen allen Teilnehmern viel Glück.
→ info
Ein Plakat mit der Quiz-Aufgabe und vier
Abriss-Postkarten sind dieser Heftausgabe
beigelegt. Wenn Ihre Kollegen Ihnen zuvor-
www.bgetem-quiz.de
Gewinner im Sicherheitsquiz
Glück und Köpfchen
Thomas Kirmse, Projektleiter bei der optoLAN Service
GmbH in Zwenkau, (rechts)
freut sich. Er ist einer der
fünf Gewinnerinnen und Gewinner eines Netbooks mit
Filmen zur Arbeitssicherheit. Gewonnen hat er im
Sicherheitsquiz zum Thema
Kopfschutz. Thomas Blaskoda, Technischer Aufsichtsbeamter der BG ETEM,
gratulierte ihm persönlich.
b Januar 2013 erhalten Mitgliedsunternehmen der BG ETEM das Magazin
„Arbeit & Gesundheit“. „Mit dem neuen
Magazin wollen wir die Information der
Sicherheitsbeauftragten in unseren Mitgliedsbetrieben verbessern“, erläutert
Holger Zingsheim, Leiter der Kommunikation der BG ETEM. „Motivierte und informierte Sicherheitsbeauftragte“, sagt Zingsheim, „können einen wichtigen Beitrag zu
Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz
im Unternehmen leisten. Dabei will sie die
BG ETEM mit dem fachlich fundierten und
ansprechend geschriebenen Magazin
unterstützen.“
„Arbeit & Gesundheit“ erscheint alle
zwei Monate und umfasst 40 Seiten. Alle
Betriebe mit Sicherheitsbeauftragten – ab
21 Beschäftigte – erhalten es kostenfrei
zugeschickt. Größere Betriebe erhalten
mehr Exemplare.
Kommt ab Januar in Betriebe:
Arbeit und Gesundheit.
Fotos: BG ETEM
Impressum
etem – Magazin für Prävention, Rehabilitation und Entschädigung Herausgeber: Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse, Gustav-Heinemann-Ufer 130, 50968 Köln, Tel.: 0221 3778-0, Telefax: 0221 3778-1199, E-Mail: info@bgetem.de.
Für den Inhalt verantwortlich: Olaf Petermann, Vorsitzender der Geschäftsführung. Redaktion: Christoph Nocker (BG ETEM), Stefan
Thissen (wdv Gesellschaft für Medien & Kommunikation mbH & Co. OHG, Dieselstraße 36, 63071 Offenbach). Tel.: 0221 3778-1010,
E-Mail: etem@bgetem.de. Bildredaktion: Corinna Gab, Holger Blatterspiel (wdv); Gestaltung: Jochen Merget (wdv). Druck: VS Broschek
Druck GmbH. etem erscheint sechsmal jährlich (jeden zweiten Monat). Der Bezugspreis ist durch den Mitgliedsbeitrag abgegolten.
Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfreien Papier. Titelbild: Hansen Kommunikation Collier GmbH
www.bgetem.de
etem 06.2012
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youtube.com/diebgetem
31
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