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BEITRÄGE RISIKOANALYSE UND -IDENTIFIKATION
Vedder/Müller, Wirtschaftskriminalität und
Social Media – Herausforderungen und Chancen
durch die digitale Kommunikation
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CB-BEITRAG
Dipl.-Kfm. Mirco Vedder, CIA/CFE, und Tobias Müller, M.A.
Wirtschaftskriminalität und Social Media –
Herausforderungen und Chancen
durch die digitale Kommunikation
Die meisten Unternehmen engagieren sich heute bereits aktiv in sozialen Netzwerken, teilweise in dialogischer Form, häufig jedoch noch in Einweg-Kommunikation und zu Monitoring-Zwecken. Das Risiko eines
Angriffs in Form von denunziatorischen Beiträgen wird oftmals nicht bedacht oder ist gänzlich unbekannt.
Der vorliegende Beitrag soll daher genau dieses Risiko darstellen, die Herausforderungen und Chancen der
sozialen Netzwerke aus der Compliance-Perspektive aufzeigen und Handlungsempfehlungen geben, wie mit
dieser veränderten Situation von Seiten der Unternehmen sinnvoll umgegangen werden kann.
I. Vorbeugen ist besser als Heilen – Reichen
die gängigen Methoden zur Aufdeckung und
Prävention von dolosen Handlungen noch aus?
Die Auseinandersetzung von Unternehmen mit wirtschaftskriminellen
Handlungen durch eigene Mitarbeiter oder externe Dritte wird – so zeigt
die Erfahrung – häufig nicht ernst genommen oder ignoriert, obwohl
die Fakten eindeutig die Relevanz von Wirtschaftsstraftaten in Unternehmen belegen. Jedes vierte Unternehmen wurde durch wirtschaftskriminelle Handlungen wie bspw. Bilanzmanipulation, Korruption oder
Kartellrechtsverstöße in den letzten zwei Jahren geschädigt. Der Schaden kann in Abhängigkeit der Position und Aufgaben der jeweiligen
Personen und der Art der Tatbegehung dabei erheblich schwanken.1
Eine Sicherheit, wirtschaftskriminelle Handlungen aus Unternehmen
und ihrem Umfeld zu verbannen, gibt es nicht. Allerdings besteht die
Möglichkeit für Unternehmen durch die Schaffung von Transparenz
und organisatorischen Strukturen den Schaden durch wirtschaftskriminelle Handlungen zu reduzieren. Als Hinweisquellen sind neben
offenen Hinweisen durch Unternehmensinterne und -externe auch
Zufallsfunde und anonyme Hinweise zu nennen.2 In fünf Prozent der
Fälle werden Sachverhalte wirtschaftskrimineller Handlungen durch
Medien aufgedeckt – auch in sozialen Medien wie Internetforen.3 Wie
effektiv die Aufdeckungsrate und damit die präventive Abschreckung
von Wirtschaftsstraftaten sind, hängt davon ab, wie sensibel die Unternehmen mit dem Risiko von Vermögensschädigungen umgehen und
über welche Wege sie Hinweise zur Aufklärung aufgreifen.
Im Allgemeinen wird das Interne Kontrollsystem als effektives Mittel
zur Bekämpfung von wirtschaftskriminellen Handlungen gesehen,
welches durch sein Kontrollumfeld maßgeblich die Akzeptanz von
schädigenden Handlungen des eigenen Unternehmens bestimmt.
Durch die Kontrollaktivitäten unter Beachtung des Prinzips der Funktionstrennung sowie des Vier-Augen-Prinzips werden weitere organisatorische Voraussetzungen geschaffen, um das Risiko doloser
Handlungen zu reduzieren. Die genannten Maßnahmen, die durch
Compliance-Aktivitäten sinnvoll ergänzt werden können, haben die
internen Organisationsstrukturen im Fokus. Dazu gehört auch ein Hinweisgebersystem, welches Unternehmensinternen die Möglichkeit der
Anzeige von Wirtschaftsstraftaten oder sonstigen Verstößen gegen interne und externe Vorgaben bietet. Weitaus seltener werden die interne und externe Kommunikation in die Strategien zur Aufdeckung und
Prävention von Wirtschaftsstraften einbezogen, obwohl gerade diese
erheblichen Einfluss auf die Unternehmensreputation haben können.
II. Kommunikation in der digitalen Ära –
eine neue Art der Kommunikation?
Die fortschreitende Digitalisierung in allen Bereichen des privaten
und öffentlichen Lebens ist ein gesellschaftlicher Megatrend, der
auch in Deutschland ungebremst voranschreitet. Gerade für die
Kommunikation hat dies zu weitreichenden Veränderungen in den
vergangen Jahren geführt. Internetnutzer weltweit haben heute Zugriff auf immer mehr digitale Informationen und sind zudem immer
weitreichender untereinander vernetzt.
Die sozialen Netzwerke – v. a. Facebook und Twitter – haben in ihrer
Verbreitung und Nutzung so stark zugenommen, dass sie auch von
Unternehmen nicht mehr ignoriert werden können. Facebook wird
heute von mehr als 1,3 Mrd. Menschen aktiv genutzt – davon nutzen
mehr als 1 Mrd. die Facebook Smartphone-App.4 Die Kurznachrichten-Plattform Twitter, bei der die Geschwindigkeit für das Verbreiten
von Informationen noch höher ist als bei Facebook, kommt auf weltweit 271 Mio. aktive Nutzer, die täglich mehr als 500 Mio. Beiträge (Tweets) verfassen. Knapp 80 % der Nutzer sind mobile Anwender.5 Die Networking-Plattform LinkedIn, führend im Austausch zu
1
2
3
4
5
Vgl. KPMG, Studie Wirtschaftskriminalität in Deutschland, 2012, S. 6 f.
Vgl. KPMG, Studie Wirtschaftskriminalität in Deutschland, 2012, S. 18 f.
Ebenda.
Abrufbar unter newsroom.fb.com/company-info/(Abruf: 30.6.2014).
Abrufbar unter about.twitter.com/company (Abruf: 25.8.2014).
Compliance-Berater | 11/2014 | 4.11.2014
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BEITRÄGE RISIKOANALYSE UND -IDENTIFIKATION
geschäftsbezogenen Themen, hat mehr als 313 Mio. registrierte Nutzer. Jede Sekunde treten zwei neue Nutzer bei.6 Diese Zahlen belegen
eindrucksvoll den enormen Stellenwert und Zuwachs, den die digitalen Plattformen erfahren haben. Und dies geht mit signifikanten Veränderungen für die Kommunikation einher. Um sich diesen Wandel in
der Kommunikation vor Augen zu führen, genügt ein Rundumblick bei
der Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Kaum jemand, der in einer
Zeitspanne von 5–10 Minuten nicht einen Blick auf sein Smartphone
wirft. Was früher die Zeitung war, sind heute die mobilen Endgeräte, v. a. Smartphones und Tablet-PCs. Der wesentliche Unterschied
dabei ist: über Internetanbindung werden Informationen heute nicht
nur in Echtzeit konsumiert, sondern auch kommentiert, weitergeleitet
und bewertet. Der Rückkanal, der dialogorientierte Kommunikation
ermöglicht, ist dabei der entscheidende Faktor. Für Unternehmen ist
die Kommunikation sämtlicher Stakeholder (u. a. Kunden, Mitarbeiter, Investoren, Medien, diverse Interessensgruppen) damit deutlich
schwerer lokalisierbar und unberechenbarer geworden. Das gilt insbesondere für die Kommunikation zu kritischen Themen.
Auch vor dem Eintritt in das digitale Zeitalter haben Medien in Krisensituationen als Verstärker fungiert. Heute spielt neben den klassischen Medien das Internet eine immer bedeutendere Rolle, denn
immer häufiger werden kritische Themen in Foren, Chats oder über
Diskussionen in den sozialen Netzwerken erstmals öffentlichkeitswirksam und in der Folge dann auch von den klassischen Mainstream-Medien aufgegriffen. Gerade die sozialen Netzwerke haben
die sog. Gatekeeper-Funktion der Medien – also das Vorsortieren,
Auswählen und Aufbereiten der Nachrichten – deutlich geschwächt.
Themen, darunter echte Nachrichten, Gerüchte, Spekulationen oder
auch lancierte Falschinformationen, gelangen heute weitestgehend
ungefiltert in die sozialen Netzwerke und werden dort schnell aufgegriffen, verbreitet und verstärkt. Der Druck auf Unternehmen, angemessen schnell und adäquat auf kritische Beiträge und Fragen zu
reagieren, hat infolgedessen deutlich zugenommen. Im Zeitalter von
Facebook und Twitter und dem weit verbreiteten „always on“- Phänomen, das Erreichbarkeit rund um die Uhr zur Regel macht, wird
erwartet, dass im Ernstfall binnen Stunden oder Minuten von den
Unternehmen Stellung bezogen wird.
Viele Unternehmen fühlen sich auf diese neuen Herausforderungen
noch unzureichend vorbereitet. Das hängt einerseits mit dem fehlenden Wissen über Funktionsweise, Mechanik und Nutzer dieser neuen
digitalen Plattformen (u. a. Blogs, Twitter, Chats, Foren, Facebook)
zusammen. Sie sind schwerer greifbar als die klassische Medienumgebung und werden häufig als unkalkulierbare Risikofaktoren gesehen. Zum anderen gibt es in vielen Unternehmen noch keine übergeordnete (abteilungsübergreifende) Strategie für den Umgang mit den
digitalen Plattformen. Entsprechend fehlt es oftmals auch am nötigen
Setup, sprich personellen Ressourcen, technischer Infrastruktur und
geeigneten Prozessen. Gerade in Krisenfällen sind sie damit noch
verwundbarer, denn Reaktionszeit, Stringenz und Konsistenz sind in
Stresssituationen nicht mehr gegeben.
Ist ein solches Setup im Unternehmen implementiert, bieten die
digitalen Kanäle auch zahlreiche Chancen, um krisenhafte Situationen besser in den Griff zu bekommen, d. h. frühzeitig einzugrenzen
oder von vorneherein zu verhindern. So erlauben erheblich bessere
Monitoring-Möglichkeiten im Rahmen der Prävention das frühzeitige
Erkennen, Bewerten und Analysieren von kritischen Themen. Durch
die frühzeitige und zielgenaue Ansprache von Stakeholdern über
Social Media und dem Ergreifen weiterer geeigneter Maßnahmen –
im Rahmen eines sog. Beschwerdemanagement-Prozesses – kann
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Vedder/Müller, Wirtschaftskriminalität und
Social Media – Herausforderungen und Chancen
durch die digitale Kommunikation
Eskalation und einhergehende Berichterstattung in den klassischen
Medien vermieden werden.
Nun stellt sich die Frage, ob sich mit dem Einzug in die digitale Ära
und den massiven Veränderungen, die sich daraus für die Kommunikation ergeben haben, auch die Erfolgsfaktoren für erfolgreiche
Krisenkommunikation grundlegend verändert haben. Die Antwort
ist ebenso klar wie eindeutig: Nein. Die Grundregeln für erfolgreiche
Krisenkommunikation bleiben gleich, trotz des Paradigmenwechsels
in der Kommunikation. Wirtschaftskriminalität spielt als Bedrohungsszenario dabei eine zunehmend wichtige Rolle, denn sie verursacht
meist großen Schaden und macht auch vor dem Mittelstand nicht
halt. Dennoch zeigt die Erfahrung, dass sich die meisten Unternehmen im Rahmen der Krisenprävention eher auf die Vorbereitung von
Standard-Szenarien, wie IT-Crashs, Produktrückrufe oder ähnliche
Krisenursachen beschränken. Da solche Vorfälle allerdings nie beabsichtigt sind, ist der damit verbundene Reputationsschaden i. d. R.
begrenzt, entsprechende kommunikative Begleitung vorausgesetzt.
Wirklich reputationsschädigend hingegen ist vorsätzlich schädigendes Verhalten, etwa durch wirtschaftskriminelle Handlungen. Da es
häufig aber gerade für diese Szenarien keine vorbereitete und abteilungsübergreifend abgestimmte Aufklärungs- und Kommunikationsstrategie gibt, entsteht im Ernstfall schnell Unruhe im Unternehmen
und Unsicherheit im öffentlichen Auftritt. Intern spricht sich schnell
herum, dass sich Experten zur Sachverhaltsaufklärung, sog. Forensiker, der Sache angenommen haben. Da sich jedoch gerade in Krisenzeiten interne und externe Kommunikation kaum mehr voneinander
trennen lassen, können sich durch fehlende abteilungsübergreifende
Abstimmung schnell schwer zu reparierende „Kommunikationsschieflagen“ ergeben, die Unternehmen in die Defensive drängen – selbst,
wenn Aufklärung oder Gerichtsverfahren letztlich die Unschuld von
Unternehmen oder Unternehmensleitung feststellen.
Gerade die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit – etwa zwischen Compliance, Kommunikation, Legal, Marketing und Interner
Revision – wird aber bislang noch zu selten praktiziert.
III. Zwischen Neugier und Sorgfalt – Social Media als
Gegenstand von Compliance-Tätigkeiten
Die Herausforderung im Umgang mit sozialen Netzwerken innerhalb
eines Unternehmens besteht darin, die damit verfolgten unterschiedlichen Interessen zusammenzuführen. Die Unternehmenskommunikation – sofern eine eigene Abteilung dafür existiert – verfolgt das
Ziel, das eigene Unternehmen möglichst positiv darzustellen, die
Reputation zu erhöhen und damit die Unternehmensmarke aufzuwerten. Das Marketing verfolgt Maßnahmen mit dem Ziel, kurzfristig
entsprechende Umsatzerhöhungen zu erzielen und langfristig Kunden zu Stammkunden weiterzuentwickeln. Beide Bereiche möchten
möglichst genau wissen, welche Interessen oder Motive Kunden oder
andere Stakeholder haben. Die Compliance- oder Revisionsabteilung
dagegen hat ein ganz anderes Ziel vor Augen, nämlich einerseits
die Einhaltung von internen sowie externen Anforderungen durch
Gesetze, Richtlinien und Vorgaben der Geschäftsleitung sowie andererseits die Überwachung von Unternehmensstrukturen und -prozessen, um diese Anforderungen auch zu erfüllen. Soziale Netzwerke
spielen dabei eine untergeordnete Rolle in der täglichen Praxis; ein
6
Abrufbar unter press.linkedin.com/about (Abruf: 25.8.2014).
Vedder/Müller, Wirtschaftskriminalität und
Social Media – Herausforderungen und Chancen
durch die digitale Kommunikation
regelmäßiger Austausch – insbesondere mit der Unternehmenskommunikation – ist erfahrungsgemäß eher selten.
Was aber ist zu tun, wenn in einem Blog, Tweet oder einer weiteren
Form des digitalen Austausches in sozialen Netzwerken mehr oder
weniger konkrete Hinweise einer Wirtschaftsstraftat geäußert, kommentiert und verbreitet werden? Was ist zu tun, wenn es sich dabei
nur um ein Gerücht oder eine Diffamierung handelt? Was ist zu tun,
wenn die Hinweise möglicherweise doch wahr sind?
Unternehmen sind grundsätzlich nicht verpflichtet, Inhalte im Internet auf mögliche falsche Auskünfte und Informationen zu untersuchen und ggf. rechtliche Maßnahmen zu ergreifen, insbesondere
wenn sich die Informationen gegen das Unternehmen richten. Der
wesentliche Treiber für das Ergreifen aktiver Maßnahmen von einer
Richtigstellung bis hin zur Löschung von falsch dargestellten Sachverhalten ist hierbei oftmals das Ziel Reputationsschäden vom Unternehmen fernzuhalten. Die sich aus verschiedenen Normen, bspw.
des Aktiengesetzes (§ 93 AktG), des GmbH-Gesetzes (§ 43 GmbHG)
und des Ordnungswidrigkeitengesetzes (§§ 9, 30, 130 OWiG) ergebende Pflicht zur Einhaltung von Gesetzen sowie zum Schutz des
Unternehmensvermögens führt regelmäßig dazu, dass im Falle einer
Kenntniserlangung über wirtschaftskriminelle Sachverhalte die Geschäftsleitung zur Aufklärung der Sachverhalte angehalten ist. Dies
hat zur Folge, dass Informationen, die aus Gründen der Information
oder Kundenbindungen im Rahmen von sozialen Netzwerken ausgetauscht werden, auch zu einem Haftungsfall führen können, wenn
wirtschaftskriminelle Sachverhalte angesprochen, aber seitens des
Unternehmens nicht nachverfolgt werden. So kann sich ein zunächst
vermeintlich harmloser Austausch über die Vorteile von einzelnen
Produkten zu einem Austausch von festgestellten Wirtschaftsstraftaten und damit zu einem Haftungsfall größeren Ausmaßes entwickeln,
insbesondere wenn dieses Risiko vorab nicht erkannt wird und keine
geeigneten Maßnahmen getroffen werden.
Die Teilnahme an Social-Media-Netzwerken ist daher mit unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, die sich nicht gegenseitig
ausschließen müssen. Sofern alle Blickwinkel in diesen Netzwerken
Berücksichtigung finden, ist ein aktiver Austausch im Hinblick auf das
Unternehmensrisiko kalkulierbar, sofern eine Zusammenarbeit Compliance-relevanter Bereiche erfolgt. Zu diesen Bereichen gehören mit
Compliance, Interner Revision, Unternehmenskommunikation/ PR,
Marketing, Personal und IT alle Bereiche, die sich mit dem digitalen
Austausch von Unternehmensinformationen und deren inhaltlicher
Weiterverfolgung beschäftigen.
IV. Aufdeckung und Prävention von wirtschaftskriminellen Handlungen in der Praxis – vom Blog
zum Vorfall
Anhand zweier leicht abgewandelter Beispiele aus der Praxis soll die
Herausforderung für Unternehmen dargestellt werden, dem zunehmenden Austausch auf sozialen Netzwerken, Foren und Blogs adäquat zu begegnen:
Nach ihrer Entlassung wurde der ehemalige Leiter der Internen Revision eines deutschen Unternehmens, Heinrich S. (Name wurde geändert), im lokalen Blog des Landkreises aktiv und tauschte unter einem
Synonym Informationen in diesem Blog aus, die aufgrund der Detailtiefe nur von einem Unternehmenskenner kommen konnten. Darin wurde
die Abrechnungspraxis von Aufträgen für Großkunden dargestellt, die
den Anschein erweckten, dass es sich dabei um Sachverhalte von
BEITRÄGE RISIKOANALYSE UND -IDENTIFIKATION
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Abrechnungsbetrug handelte. Dabei wurden Namen dieser Großkunden sowie Mitarbeiter des Unternehmens genannt, die für diese Betrugstaten verantwortlich gewesen sein sollen. Da die Gesellschaft in
der Region der größte Arbeitgeber war und der Blog zahlreiche Nutzer
innerhalb und außerhalb der Region hatte, erhielten diese Informationen schnell entsprechende Aufmerksamkeit. Mitarbeiter des Unternehmens waren ebenfalls Teilnehmer dieses Blogs, aber gaben die
dort kommunizierten Informationen weder an die Geschäftsführung
noch an ihre direkten Vorgesetzten weiter. Die Informationen erreichten schlussendlich die Großkunden, die nach erfolgloser Anfrage an
das Unternehmen Strafantrag gegen die Geschäftsführer stellten.
Der für die Region Nordafrika zuständige Vertriebsingenieur eines mittelständischen Unternehmens für Spezialmaschinen, deren Kunden
im Wesentlichen aus dem öffentlichen Sektor stammten, war schon
recht lange bemüht um einen Auftrag, der von einem Ministerium ausgeschrieben wurde. Das ausgeschriebene Projekt hatte eine Laufzeit
von drei Jahren und ein Auftragsvolumen in Millionenhöhe. Durch seine langjährigen Bemühungen konnte der Vertriebsingenieur Kontakte
zu Vertriebsagenten aufbauen, die exzellente Kontakte in die Regierungskreise des nordafrikanischen Staates hatten. Zur Erhöhung der
Erfolgswahrscheinlichkeit der Auftragsgewinnung stattete der Vertriebsingenieur den externen Vertriebsagenten mit einer fünfstelligen
Summe an Bargeld aus, damit dieser den für den Auftrag entscheidenden Generalsekretär bestechen konnte. In dem öffentlichen Raum
einer Hotellobby wurde das Geld in unvorsichtiger Weise getauscht.
Dabei wurde der Akt des Geldaustausches zufällig von einer Person
per Mobiltelefon gefilmt und daraufhin über ein Soziales Netzwerk
mit Kommentaren veröffentlicht. Auf Basis dieser Informationen und
weiterer Hinweise an die Staatsanwaltschaft wurde diese schließlich
tätig. Bei der durchgeführten Durchsuchung waren Pressevertreter
anwesend, die diesen Sachverhalt mit entsprechenden Interpretationen und Kommentaren in den darauffolgenden Tagen veröffentlichten.
Gegen die Vorstände sowie den Vertriebsingenieur wurde strafrechtlich ermittelt, das Unternehmen wurde zumindest in Deutschland von
weiteren Ausschreibungsverfahren ausgeschlossen.
Sachverhalte dieser Art haben gemeinsam, dass Hinweise in digitalen
Austauschplattformen als Risiko nicht wahrgenommen und an die im
Unternehmen zuständigen Stellen nicht weitergeleitet werden. Die
Identifizierung, Bewertung und der Umgang mit solchen Risiken ist
für Unternehmen eine Herausforderung. Um für diese Herausforderungen gewappnet zu sein, muss das laufende Medien- und ThemenMonitoring im Unternehmen um ein Social-Media-Monitoring in Echtzeit erweitert werden. Nur so können relevante Themen und Kanäle
fortlaufend beobachtet, kritische Beiträge identifiziert und bewertet
sowie geeignete Maßnahmen in angemessener Zeit ergriffen werden.
Zudem muss im Zeitalter der digitalen Medien eine Erreichbarkeit
des Unternehmens (Kommunikation/Krisenteam) über die normalen
Bürozeiten hinaus – auch an Wochenenden und an Feiertagen – sichergestellt sein. Dem Krisenteam sollte es durch entsprechende
Infrastruktur ermöglicht werden, rund um die Uhr Zugriff auf (für den
Krisenfall) vorbereitete Dokumente zu haben und kollaborativ mit den
involvierten Kollegen zusammenzuarbeiten. Nur so kann vernetztes,
abteilungsübergreifendes, schnelles und effizientes Arbeiten in einer
solchen Krise sichergestellt werden.
Darüber hinaus ist eine zügige Sachverhaltsaufklärung nötig. Dazu
müssen die richtigen Ansprechpartner sowie elektronische und nicht
elektronische Quellen identifiziert und ausgewertet werden. Entsprechende Ad-hoc-Maßnahmen zur Eindämmung des Schadens, wie z. B.
das Aussprechen von Zugangsverboten zu Räumlichkeiten oder das
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BEITRÄGE RISIKOANALYSE UND -IDENTIFIKATION
Sperren von internen oder externen Benutzerkonten, flankieren die
Aufklärungshandlungen, die regelmäßig in einem schriftlichen Bericht
ihren Niederschlag finden. Die Kurzfassung des Berichts oder von Berichtsteilen stellt in bedarfsgerechter Form die Grundlage für die Inhalte von Mitteilungen an die Presse, die Öffentlichkeit oder Belegschaft
dar. Dabei werden Ergebnisse produziert, die bei ordnungsgemäßer
Durchführung der tatsächlichen Sachlage entsprechen und als solche
den Informationsempfängern zur Verfügung gestellt werden können.
Regelmäßig werden dabei Fragen zu Art, Umfang und beteiligten Personen dieser wirtschaftskriminellen Handlungen beantwortet.
Tabelle: Vorteile eines integrierten Ansatzes von Aufklärung und Kommunikation
Aufklärung
Kommunikation
Vorteile des integrierten Ansatzes:
t4DIOFMMF &STUSFBLUJPO
t4USJOHFOtFs VOEFOtsDIJFEFOFs )BOEFMO
t,POTJTUFOUF *OIBMUFVOE ,PNNVOJLBtJPO
t6OUFSTUàU[VOH EFS "VGLMÊSVOH EVSDI,PNNVOJLBtJPO
t1PTJUJPOJFSVOH BMT HMBVCXàSEJHF IOfPSNBtJPOTRVFMMF
Strukturierter Austausch zur
Eindämmung von
Reputationsschäden
Das Zusammenwirken von Aufklärung und Kommunikation ist dabei
ein wirksamer Ansatz zur Eindämmung von Reputationsschäden in
Fällen von Wirtschaftskriminalität (siehe Tabelle). Ohne saubere Aufklärung der Sachverhalte fehlt es in der Kommunikation an belastbaren Fakten – sie ist nicht glaubwürdig. Ohne angemessene und
rechtzeitige kommunikative Begleitung wiederum ist Aufklärungsarbeit nicht überzeugend. Regelmäßig werden die Unternehmen erst
aus Schaden klug. Idealerweise antizipieren die Verantwortlichen
aber die Risiken und Bedrohungen für das eigene Unternehmen. Dabei geht es darum, sich auf die wesentlichen Bedrohungsszenarien
zu fokussieren, diese gründlich zu durchdenken und vorhersehbare
Dinge vorzubereiten. Präventive Szenario-Planung schafft mehr Sicherheit und verringert den benötigten Zeitaufwand zur Herstellung
der Handlungs- bzw. Sprechfähigkeit im Ernstfall. Hierbei gilt es sich
auf jene Szenarien zu fokussieren, die mit Blick auf die Eintrittswahrscheinlichkeit und die Schwere der möglichen Auswirkungen die
höchste Relevanz für das Unternehmen haben. Es können nicht sämtliche mögliche Szenarien durchdacht und vorbereitet werden. Die
Erfahrung zeigt aber: wer die schwierigen Szenarien vorausschauend durchdenkt, beherrscht auch weniger gravierende Situationen.
Dies beinhaltet neben einem funktionierenden Kreis aus internen
Ansprechpartnern auch ein Netzwerk aus externen Spezialisten, die
im Bedarfsfall zeitnah und i. S. d. Unternehmens handelnd herangezogen werden können. Regelmäßig stellen externe Gutachten im
Falle von wirtschaftskriminellen Handlungen ein Nachweis von Transparenz und Offenheit dar, der oftmals elementarer Bestandteil einer
erfolgreichen Kommunikationsstrategie ist.
Wenn alle Abteilungen im Unternehmen bereits in der Szenario-Planung an einem Tisch sitzen, um vorausschauend die wesentlichen
Bedrohungen (aus wirtschaftskriminellen Handlungen) gemeinsam
Compliance-Berater | 11/2014 | 4.11.2014
Vedder/Müller, Wirtschaftskriminalität und
Social Media – Herausforderungen und Chancen
durch die digitale Kommunikation
zu durchdenken und präventiv vorzubereiten, kann im Ernstfall auch
angemessen agiert und nicht nur reagiert werden. Denn gerade die
Erstreaktion ist besonders kritisch – sowohl für die Aufklärung als
auch für die Kommunikation. Die neuen Herausforderungen, die sich
durch die digitalen Kommunikationskanäle ergeben, sollten dabei ein
elementarer Bestandteil der Szenario-Planung sein und nicht isoliert
betrachtet werden.
V. Fazit
Wirtschaftskriminalität im Unternehmensumfeld ist ein komplexes
interdisziplinäres Phänomen, welches durch das Internet und die digitalen, sozialen Kommunikationsplattformen eine weitere Dimension
erhalten und die Compliance-Anforderungen erhöht hat. Dabei sind
die durch die digitale Kommunikation entstehenden Herausforderungen, Risiken und Chancen bei den Unternehmen noch weitgehend
unbekannt und benötigen abteilungsübergreifende Maßnahmen. Die
Sozialen Netzwerke sind nicht nur für die Unternehmenskommunikation mit Blick auf die Reputation relevant, sondern sind auch ein
weiterer Kanal, der zu Haftungsfällen für die Geschäftsleitung führen
kann. Erster Schritt zur Reduzierung dieses Haftungsrisikos ist die
Zusammenführung der Kommunikations- und Compliance-Abteilungen, die mit Hilfe abgestimmter Maßnahmen den Krisenverlauf steuern. Zeitgemäßes Social-Media-Monitoring in Echtzeit, die Einführung
eines abteilungsübergreifenden Krisenstabs, die präventive Vorbereitung der wesentlichen Bedrohungsszenarien sowie die Möglichkeit
einer schnellen und zielgerichteten Aufklärung von dolosen Sachverhalten im Bedarfsfall sind Bestandteile der Steuerung von wirtschaftskriminellen Risiken. Grundlage einer haftungsreduzierenden
Kommunikation ist die zeitnahe und umfassende Aufklärung der im
Raum stehenden wirtschaftskriminellen Vorwürfe.
AUTOREN
Dipl.-Kfm. Mirco Vedder, CIA/CFE, ist
Senior Manager im Bereich Compliance &
Investigations bei der WTS Steuerberatungsgesellschaft mbH. Seine Schwerpunkte
liegen in der Aufdeckung sowie Prävention
von Wirtschaftskriminalität und der Beratung
von Unternehmen bei der Implementierung
von Organisationsstrukturen zur Sicherstellung von Compliance-Vorgaben.
Tobias Müller ist Managing Director bei der
Klenk & Hoursch AG, die auf methodische
Unternehmens- und Markenkommunikation
spezialisiert ist. Der studierte Kommunikations- und Politikwissenschaftler leitet
den Beratungsbereich Crisis & Issues und
ist Experte für Risk Assessment, Krisentrainings und -plattformen. Er unterstützt
Unternehmen aus Fortune 500, DAX 30 und
dem Mittelstand bei Krisenprävention und
-management.
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