close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Gruppenfitness Wochenplan Neu ohne Smovey Freitag.cdr

EinbettenHerunterladen
SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Literatur
Planet Trakl
Leben,Schreiben und Nachleben eines Jahrhundertautors
Von Matthias Kußmann
Sendung: Dienstag, 21. Oktober 2104
Redaktion: Stephan Krass
Regie: Ulrich Lampen
Produktion: SWR 2014
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede
weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des
Urhebers bzw. des SWR.
Service:
SWR2 Literatur können Sie auch als Live-Stream hören im SWR2 Webradio unter
www.swr2.de oder als Podcast nachhören:
http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/literatur.xml
Mitschnitte aller Sendungen der Redaktion SWR2 Literatur sind auf CD erhältlich beim
SWR Mitschnittdienst in Baden-Baden zum Preis von 12,50 Euro.
Bestellungen über Telefon: 07221/929-26030
Kennen Sie schon das Serviceangebot des Kulturradios SWR2?
Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen
Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen.
Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen
Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert.
Jetzt anmelden unter 07221/300 200 oder swr2.de
---------------------------------- Musikbett -----------------------------------01: Schulz:
Trakl wurde natürlich gelesen, er war unter denen, die schrieben und jung waren, ein
ganz besonderer Dichter. Einer, an dem man sich berauschen konnte.
02: Hermann:
Es gibt ja einen ganz eigenen Planeten, diesen Trakl-Planeten. Den bewohnt
eigentlich fast nur er, würd ich sagen...
03: Bonné:
Ich kannte es nicht, es war mir vollkommen fremd – und ich habe nie wieder ein
solches Erlebnis gehabt.
Ansage:
Planet Trakl. Leben, Schreiben und Nachleben eines Jahrhundertautors. – Ein
Feature von Matthias Kußmann
04: Geräusch:
Gefechtsgeräusche Erster Weltkrieg (SWR Archiv-Nr. G0104639), weiter unter
Zitaten.
Zitator 1 (Ärzte):
Charge: K. u. k. Medikamenten-Akzessist. Vor- und Zuname: Georg Trakl.
Geburtsjahr: 1887. Geburtsort und Bezirk: Salzburg. Religion: Protestantisch. – Zur
Beobachtung des Geisteszustandes ins Garnisionsspital 15 in Krakau transferiert. --Wadowice, 8.10.1914, Dr. Steiger. (G2,728f.)
Trakl weist seit der Abreise von Innsbruck am 26.8. abwechselnd katatone wie
Erregungszustände auf. Am Tage der Schlacht bei Grodek wollte er unbedingt in die
Front und musste durch sechs Mann entwaffnet werden. Bei jedem
Etappenkommando suchte er um Versetzung in die Front als Infanterist an. Nebenbei
sei bemerkt, dass er in Zivil seinen Beruf nicht ausübt, sondern [ironisch:] „dichtet“.
Auf der Fahrt hieher unternahm er einen Fluchtversuch und wurde in einem nach
Rzeszow fahrenden Zuge wieder eingeholt. (G2,729)
Zitator 2 (Trakl):
Klage
Schlaf und Tod, die düstern Adler / umrauschen nachtlang dieses Haupt: / Des
Menschen goldnes Bildnis / verschlänge die eisige Woge / der Ewigkeit. An
schaurigen Riffen / zerschellt der purpurne Leib / und es klagt die dunkle Stimme /
über dem Meer. / Schwester stürmischer Schwermut / sieh ein ängstlicher Kahn
versinkt / unter Sternen, / dem schweigenden Antlitz der Nacht. (B140)
Zitator 1 (Ärzte):
10.10.:
Verhält sich ziemlich ruhig, nachts gewöhnlich schlaflos, schreibt verschiedene
„Gedichte“.
2
16.10.:
Zeitweise drängt er stark auf Entlassung, fühlt sich ganz gesund, will in die Front
gehen.
26.10.:
Status unverändert. Im Ganzen verhält er sich ruhig. Hat eine Angina durchgemacht.
4.11.:
Vorgestern abends ganz munter, gestern in der Frühe in tiefem bewusstlosen
Zustande, Pupillen erweitert, reaktionslos. Reagiert nicht auf Nadelstiche, tiefes
soporöses Atmen. Puls verlangsamt, gespannt. Suizid durch Kokain-Intoxikation.
Trotz Excitationsmitteln hat sich sein Zustand nicht gebessert, um 9 abends exitus
letalis. --- Krakau, am 4. November 1914, Dr. Havel (G2,730)
---------------------------- Musikakzent -------------------------------05: Bonné:
Ich war ungefähr 18. Ich bin nach der Schule mit dem Bus nach Hause gefahren,
stand im Gang und schräg unter mir saß eine Frau, die einen Gedichtband las, das
kann man ja leicht am Zeilenbruch erkennen. Und ich habe ihr einfach über die
Schulter gesehen und diese paar Zeilen gelesen, was ich da erhaschen konnte.
Zitator 2 (Trakl):
Untergang
Über den weißen Weiher / sind die wilden Vögel fortgezogen. / Am Abend weht von
unseren Sternen ein eisiger Wind. (B90)
06: Bonné:
Mich hat das aufs erste Lesen hin, auf die ersten Verse hin sofort elektrisiert, was ich
dort gelesen hatte.
Zitator 2 (Trakl):
Über unsere Gräber / beugt sich die zerbrochene Stirne der Nacht. / Unter Eichen
schaukeln wir auf einem silbernen Kahn. // Immer klingen die weißen Mauern der
Stadt. / Unter Dornenbogen / o mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen
Mitternacht. (B91)
07: Bonné:
Ich hab mir wenige Tage später dann einen Band mit diesem Gedicht „Untergang“,
das ich gelesen habe im Bus, ausgeliehen – es war Georg Trakl. Und es ist seither,
naja, wie soll ich das nennen, ohne pathetisch zu werden: ein Stern, der am Himmel
leuchtet, unverändert. Für mich bleibt dieses Gedicht mein Lieblingsgedicht von
Georg Trakl, aber auch eins der schönsten Gedichte, das ich jemals gelesen habe.
Erzählerin:
Mirko Bonné schreibt Gedichte, Romane und Essays. Georg Trakls Werk begleitet
ihn seit über 30 Jahren.
3
08: Bonné:
Ich kann mich erinnern, das muss ungefähr 1986 gewesen sein, da hatte ich so viel
Georg Trakl gelesen, fast ausschließlich – dass ich der Meinung war, (…) meine
Dichtung sei jetzt endlich durchgebrochen… Ich hab darauf hin zwei Gedichte, die
ich damals schrieb, Peter Rühmkorf geschickt. Ich wohnte damals in der Lüneburger
Heide und Peter Rühmkorf lebte in Hamburg. Und er schrieb mir zurück: Ja, das
seien wirklich phantastische Gedichte, ganz wundervoll – aber sie seien leider nicht
von mir, sondern sie seien reine Imitationen. Ich sollte doch bitte diese Tür
zuschlagen und in dem Korridor weitergehen, um meine eigene Tür zu finden…
Erzählerin:
Inzwischen hat Mirko Bonné die „Tür“ zu eigenen Gedichten gefunden. Dennoch
lässt ihn Trakl nicht los. Seit Jahren besucht Bonné Orte, die mit dem Dichter
verbunden sind, zum Beispiel in Innsbruck, wo Trakl begraben ist.
09: Bonné:
Auf dem Weg vom Innsbrucker Zentrum hinauf nach Mühlau, das heute ein Stadtteil
Innsbrucks ist – früher war es ein Dorf, vier Kilometer entfernt vom Zentrum – auf
diesem Weg kommt man über die Innbrücke nach Norden. Direkt am anderen Ufer
liegt eine kleine Grünfläche, ein kleiner Park mit einem Spielplatz und großen alten
Bäumen. Dort steht ein Schild, ein Eingangsschild, „Traklpark“, was mich damals
verwundert hat. Weil ich mich damals, als ich zum ersten Mal da war, 1986, nicht so
recht auskannte in Innsbruck und auch in Trakls Biografie noch nicht so sehr. Heute
weiß ich, dass auf der anderen Straßenseite der Dollinger-Wirt ist, ein Krug, der eine
feste Adresse auf Trakls Heimweg war – die Absacker-Adresse würde man heute
sagen. Da hat er seinen letzten Rotwein getrunken, bevor er raufgewankt ist ins Dorf.
In diesem Park direkt am Inn-Ufer steht eine marmorne Gedenktafel, die seltsamerweise dem Inn zugewandt steht. Darauf steht ein Vers aus seinem Gedicht „De
profundis“.
Zitator 2 (Trakl):
Gottes Schweigen / trank ich aus dem Brunnen des Hains. (B43)
Erzählerin:
Als Mirko Bonné 2012 einen neuen Gedichtband veröffentlichte, nannte er ihn
„Traklpark“.
10: Bonné:
Das ist für mich eine Art, ja, ich würd schon sagen eine Art „Meditationsort“
geworden, ein kontemplativer Ort – an dem ich mich immer wenn ich in Innsbruck
bin, ein Mal, zwei Mal im Jahr, zurückziehe und dort eine Viertelstunde verbringe, in
mich gehe, an Georg Trakl denke, an die Zeit, die vergangen ist… Ein sehr wichtiger
und sehr schöner, tiefer Ort für mich.
------------------------------------ Musikakzent -------------------------------------Erzählerin:
Georg Trakls Werk gehört zur großen Literatur des 20. Jahrhunderts. Der Klang, die
Bilder und Farben seiner oft rätselhaften Gedichte sind unverwechselbar. In wenigen
4
Jahren hat er, der 1914 mit nur 27 Jahren stirbt, eine eigene lyrische Welt geschaffen: Planet Trakl. Am 3. November jährt sich sein 100. Todestag.
11: Görner:
Das Einzigartige am Takl´schen Werk ist wohl, wenn man den Planeten hier wörtlich
nehmen möchte, dass es um sich selbst kreist. Mit einer Intensität, die auf den Leser
offensichtlich bis zum heutigen Tag eine Sogwirkung hat.
Erzählerin:
Der Germanist Rüdiger Görner beschäftigt sich seit Jahren mit Trakls Leben und
Werk. Im Sommer 2014 erschien sein Buch „Georg Trakl: Dichter im Jahrzehnt der
Extreme“. – Trakl schreibt am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Vor allem junge
Menschen spüren damals, dass sie an einer Zeitenwende stehen. Die Monarchien
sind veraltet, die politischen Parteien ideenlos. Das Bürgertum ist behäbig und satt,
während die Armut wächst. Manche sehnen einen Krieg herbei, der Reinigung, sogar
einen Neuanfang bringen könnte.
12: Görner:
Der Vorabend des Ersten Weltkriegs (…) ist geprägt von Gegensätzen, von
dramatischen Gegensätzen geradezu. Ich meine das nicht nur politisch, sondern vor
allem auch von der Mentalität her. Es ist eine Spannung zwischen Nervosität,
hektischer Betriebsamkeit, und auf der anderen Seite Lethargie, schierster
Langeweile. Eine Spannung, die viele Künstler, Bildende Künstler, Musiker genauso
wie Schriftsteller versuchten zu durchbrechen – indem sie selbst, im
Expressionismus, ihre eigene Entladung geradezu beschrieben haben. Und andere,
die darauf warteten, dass der große Durchbruch aus dieser Lethargie geschieht.
Erzählerin:
Trakl geht in seinen Gedichten kaum auf seine Zeit ein – im Gegensatz zu den meisten Autoren des Expressionismus.
13: Görner:
Es hat damit zu tun, dass diese Lyrik sich abschottet gegen die Zeitumstände, gegen
die Widrigkeiten, und alles konzentriert auf die inneren Widrigkeiten. Auf die Rauscherfahrung, die für Trakl so zentral ist, auf das Untergangsmotiv, das man nicht analog
zum Untergang der Titanic sehen sollte… Das ist ein Untergang des eigenen Ichs in
sich selbst, nicht so sehr in der Zeit.
Zitator 2 (Trakl):
Seltsame Schauer von Verwandlung, körperlich bis zur Unerträglichkeit empfunden,
Gesichte von Dunkelheiten, bis zur Gewissheit verstorben zu sein, Verzückungen bis
zu steinerner Erstarrtheit; und weiterträumen trauriger Träume. (B197)
Erzählerin:
Trakls Gedichte, vor allem die späten, reihen oft unverbundene Bilder aneinander, in
denen sich Räume und Zeiten, Leben und Tod mischen. Das wirkt aber nie beliebig,
sondern seltsam zwingend. Auch wenn man das Gedicht nicht „versteht“, denkt man
sofort: „Genau so ist es.“ Trakl ist ein Meister des Klangs. Ob er von der Schönheit
der Natur oder von verwesenden Körpern spricht – alles geht in Wohllaut auf.
5
Zitator 2 (Trakl):
O die roten Abendstunden. / Flimmernd schwankt am offenen Fester / Weinlaub wirr
ins Blau gewunden, / drinnen nisten Angstgespenster. (B32)
Erzählerin:
Und dann die Farben: Kein andrer Dichter hat so besessen mit Farbadjektiven
gearbeitet wie Trakl. Blau, weiß, golden, rot, braun, schwarz: Nicht nur Dinge,
sondern auch Stimmungen, Klänge, Gefühle haben bei ihm Farben – doch nicht
immer die gleichen. Die Farbwerte wechseln von Gedicht zu Gedicht, können sich
auch widersprechen.
14: Görner:
Er entdeckt nicht nur die Farben, sondern die Verbindung aus Farbe und Rhythmus.
(…) Er hat ein subtiles rhythmisches Gespür und kann dieses rhythmische Gespür
ausreizen an diesem relativ beschränkten Vokabular. Es gelingt ihm immer wieder,
fast versatzstückhaft, bestimmte Motive mit bestimmten sprachlichen, rhythmischen
Wendungen in Verbindung zu bringen und uns neu, aber auch suggestiv, vor Augen
und Ohren zu führen.
Erzählerin:
Zu Trakls Lebzeiten erscheint nur einziges Buch von ihm, mit dem schlichten Titel
„Gedichte“. Den Band „Sebastian im Traum“ stellt er noch selbst zusammen, doch er
kommt erst 1915 heraus, ein Jahr nach Trakls Tod. Sein Werk ist damals kaum bekannt. Dennoch gibt es Zeitgenossen, die spüren, dass seine Gedichte etwas völlig
Neues sind. Ludwig von Wittgenstein:
Zitator 1 (Wittgenstein):
Ich verstehe sie nicht; aber ihr Ton beglückt mich. Es ist der Ton der wahrhaft
genialen Menschen. (R145)
Erzählerin:
Und Rainer Maria Rilke:
Zitator 1 (Rilke):
Man begreift bald, dass die Bedingungen dieses Auftönens und Hinklingens
unwiederbringlich einzige waren, wie die Umstände, aus denen eben ein Traum
kommen mag. Ich denke mir, dass selbst der Nahestehende immer noch wie an
Scheiben gepresst diese Aussichten und Einblicke erfährt, als ein Ausgeschlossener.
Denn Trakls Erleben geht wie in Spiegelbildern und füllt seinen ganzen Raum, der
unbetretbar ist, wie der Raum im Spiegel. Wer mag er gewesen sein? (R163)
-------------------------------- Musikakzent --------------------------------Erzählerin:
Salzburg, inmitten der Altstadt. In einer ehemaligen Wohnung der Familie Trakl am
Waagplatz befindet sich heute die Georg Trakl Forschungs- und Gedenkstätte. Dort
liegt auch ein Teil von Trakls Nachlass, vor allem Typoskripte und Handschriften.
Dazu gibt es in einer kleinen Ausstellung Möbel der Familie, alte Fotografien, Briefe
und Dokumente. An einer Wand hängt das expressive, grün-braune Selbstporträt,
6
das Trakl 1913 im Atelier von Oskar Kokoschka malte. – Der Leiter Hans Weichselbaum:
15: Weichselbaum:
Hier sind die Räume der ehemaligen Wohnung der Familie Trakl, sie hat hier von
1883 bis 93 das Zuhause gehabt, nach drei weiteren Orten in der Stadt Salzburg,
nach der Übersiedlung aus Wiener Neustadt. In dieser Wohnung ist Georg 1887 am
3. Februar geboren worden.
Erzählerin:
Von den rückwärtigen Fenstern der Wohnung hat man einen schönen Blick auf die
Salzach und den gegenüber liegenden Kapuzinerberg. Mit dem Rauschen des
Flusses wächst Trakl auf. Später sagt er einmal, er habe bis er 20 war überhaupt nur
Wasser wahrgenommen… Heute wird der Fluss von einer stark befahrenen Straße
hinter dem Haus übertönt.
16: Weichselbaum:
Die Wohnung war für die Größe der Familie vielleicht gerade ausreichend, aber nicht
allzu komfortabel. Das war eben auch mit ein Grund, warum der Vater eine größere
Wohnung gesucht hat. Er hat dann im Haus gegenüber für die Familie eine Wohnung
einrichten können, die wesentlich größer war. Die hatte dann zehn Zimmer, war also
sehr großzügig, und auch von der Einrichtung her für Salzburger Verhältnisse
sicherlich großbürgerlich.
Erzählerin:
Über Trakls Kindheit ist wenig bekannt. Seine Geschwister haben ihn nach seinem
Tod als kräftig und fröhlich beschrieben. Die wenigen frühen Fotos, die es von ihm
gibt, zeigen ihn verschlossen, mit trotzigem Blick. – Der Vater hat mit einem
Eisenwarenhandel ein kleines Vermögen gemacht. Nach seinem frühen Tod gerät
die Familie in finanzielle Schwierigkeiten, muss das Geschäft verkaufen und die
Wohnung verlassen.
Zitator 2 (Trakl):
O, wie alles ins Dunkel hinsinkt; / die gestrengen Zimmer und das alte Gerät / der
Väter. (B87f.)
Erzählerin:
In Trakls Texten, die oft autobiografisch geprägt sind, kommt der Vater selten vor, die
Mutter umso öfter. Sie erscheint hart, kalt, Angst einflößend. Ein Bruder Trakls hat
berichtet, die Mutter habe sich tagelang eingeschlossen, ihren Antiquitäten gewidmet, wohl auch Drogen genommen, und die Erziehung der Kinder einer französischen Gouvernante überlassen.
Zitator 2 (Trakl):
In dunklen Zimmern versteinerte das Antlitz der Mutter und auf dem Knaben lastete
der Fluch des entarteten Geschlechts. Manchmal erinnerte er sich seiner Kindheit,
erfüllt von Krankheit, Schrecken und Finsternis, verschwiegener Spiele im
Sternengarten, oder dass er die Ratten fütterte im dämmernden Hof. (B117)
7
Erzählerin:
Salzburg ist heute eine Touristen-Stadt. Es stören, wenn überhaupt, nur die Äpfel der
müden Pferde, die vom Mozartplatz Kutschen durch die Straßen ziehen. Zu Trakls
Zeit war das anders.
17: Weichselbaum:
Natürlich nicht so geputzt oder herausgeputzt, wie das heute der Fall ist. Das beginnt
ja schon hier im Hof des Trakl-Hauses, der sicher nicht so schön ausgesehen hat,
wie das jetzt der Fall ist. Der ist als Wirtschaftshof genutzt worden, da gab es
Holzverschläge und die Arkaden sind geschlossen gewesen. Die Gassen sind zum
Teil verunreinigt gewesen, weil es keine entsprechende Kanalisation gegeben hat.
Erzählerin:
Aber Trakl und seine Geschwister haben einen idyllischen, fast magischen Ort unweit
der Wohnung, wo sie viel Zeit verbringen und Trakl später auch schreibt. Es gibt ihn
heute noch, in einem versteckten Hinterhof am Residenzplatz. Gut, wenn man einen
ortskundigen Cicerone wie Hans Weichselbaum hat, der einen hinführt, durch einen
privaten Hof, in ein städtisches Verwaltungs-Gebäude.
18: Geräusch:
Treppensteigen.
Erzählerin:
Es geht Treppen hoch, dann in einen Seitengang und plötzlich – blickt man durch ein
Fenster in den Garten mit großen Bäumen und Büschen, vielen Blumen und dem
„Salettl“, einem Holz-Pavillon.
19: Weichselbaum:
Hier sieht man hinunter in den Garten, den der Vater Trakl für die Kinder gepachtet
hatte, und zwar bis zum Jahr 1905, dann wurde er aufgegeben. Der Garten ist ein
wunderschöner Ort, absolut überraschend eigentlich, dass es mitten in der Altstadt
so einen schönen großen Garten gibt, und der war noch etwas größer, als er heute
ist. (…) Und vor allem steht mitten im Garten noch das „Salettl“, dieses Gartenhaus,
in dem sich die Kinder häufig aufgehalten haben, begleitet natürlich von der
Gouvernante, die die Kinder betreut hat und ihnen auch Französisch beigebracht hat.
Zitator 2 (Trakl):
Die Sonne scheint einsam am Nachmittag, / und leise entschwebt der Ton der
Immen. / Im Garten flüstern der Schwestern Stimmen – / da lauscht der Knabe im
Holzverschlag, // noch fiebernd über Buch und Bild … (G1,271)
------------------------------- Musikakzent -------------------------------Erzählerin:
Trakl findet sich schon als Jugendlicher schwer im Leben zurecht. Er ist unsicher,
Fremden gegenüber schroff. Aber er hat zwei, drei Freunde aus der Kindheit, die ihm
über Jahre hinweg in Krisen helfen – vor allem Erhard Buschbeck, später selbst
Schriftsteller und Dramaturg. Noch als Schüler diskutieren sie im Café Tomaselli am
Alten Markt ihre Lektüren: Strindberg, Nietzsche und Dostojewski, dann Baudelaire,
Verlaine, Rimbaud.
8
20: Weichselbaum:
„Wir treffen uns im Tomaselli“, im „Tomi“, heißt es dann in den Briefen. (…) Es ist ein
Salzburger Traditions-Café, existiert seit dem 18. Jahrhundert. Es ist eines der
beiden Traditionscafés in Salzburg. Das zweite ist das Café „Bazar“ auf der anderen
Salzach-Seite.
Erzählerin:
Trakls Stammbuchhandlung war nur wenige Schritte entfernt, am Residenzplatz.
Heute wimmelt es dort, wie in der ganzen Altstadt, von Touristen, die zu Fuß und mit
Pferdedroschken die Sehenswürdigkeiten abklappern.
21: Weichselbaum:
Hier hat sich bis vor drei Jahren die Buchhandlung „Mora“ befunden, die früher
„Morawitz“ geheißen hat und zu Trakls Zeiten den Besitzer gewechselt hat. Damals
hieß sie auch noch „Richters Nachfolger“. Trakl hat hier häufig Bücher gekauft. Es ist
auch eine Anlaufadresse gewesen, wenn ihm jemand Bücher nachgeschickt hat,
dann hat er die hier abgeholt. Der Vater hat sich dann gewundert über die Höhe der
Buch-Rechnungen, die von diesem Geschäft geschickt worden sind…
Erzählerin:
Jetzt residiert in der ehemaligen Buchhandlung, die komplett umgebaut wurde, ein
Immobilien-Büro…
22: Weichselbaum:
Durch diesen Torbogen ist er sicher x-mal geschritten, das war sein Schulweg. (…)
Und da kommen wir raus auf den Universitätsplatz, Marktplatz auch damals schon
gewesen. Das markanteste Gebäude ist hier natürlich die Kollegienkirche oder
Universitätskirche.
Erzählerin:
In einem der heutigen Universitätsgebäude befand sich Trakls Gymnasium.
23: Weichselbaum:
Insgesamt ist er 13 Jahre in der Schule gewesen, also fast die Hälfte seiner
Lebenszeit, er ist ja nur 27 Jahre alt geworden – und hat es dann nicht zu dem
gewünschten Abschluss gebracht.
Erzählerin:
Weil er zweimal sitzen bleibt, muss Trakl die Schule nach der elften Klasse
verlassen. – Hinter dem ehemaligen Gymnasium sieht man einen der Salzburger
Stadtberge, den Mönchsberg.
24: Weichselbaum:
Da ist er oft spazieren gewesen. Das war eine Art Fluchtort von den Anforderungen
seitens der Familie oder der Schule. Die jungen Schüler sind auch nicht ungern
hinaufgegangen um zu rauchen, was ja in der Schule verboten war.
Erzählerin:
Schon als Schüler raucht und trinkt Trakl, nimmt dann auch Drogen.
9
25: Bonné:
Ich gehe davon aus, dass Trakl schon mit frühen Jahren einen extrem radikalen
Lebendigkeitsanspruch hatte, der sich in seiner Lebenshaltung auch widerspiegelt.
Das fängt an mit Experimenten, die er im Drogenbereich sehr früh schon gemacht
hat. Er hat letztendlich alles, was ihm zu Verfügung stand an Drogen, ausprobiert.
Erzählerin:
So versetzt er sich, der sich früh als Außenseiter, „Fremdling“ fühlt, in andere Welten.
Die Drogen befeuern ihn, steigern sein Lebensgefühl – oder beruhigen, zumindest
vorübergehend.
Zitator 2 (Trakl):
Seit acht Tagen bin ich krank – in verzweifelter Stimmung. Ich habe anfangs viel, ja
sehr viel gearbeitet. Um über die nachträgliche Abspannung der Nerven hinweg zu
kommen, habe ich leider wieder zum Chloroform meine Zuflucht genommen. Die
Wirkung war furchtbar. Seit acht Tagen leide ich daran – meine Nerven sind zum
Zerreißen. (B169)
Erzählerin:
Als er das Gymnasium verlässt, ist Trakl 18. Er will Apotheker werden, es ist der
einzige akademische Beruf, zu dem man damals ohne Matura Zugang hat. Damit
kommt er seinen bürgerlichen Eltern entgegen, die ihre Söhne als Akademiker sehen
wollen. Zudem kann er das drohende Militär bevorzugt als „Einjährig Freiwilliger“
absolvieren – und als Apotheker hat er Zugang zu Drogen...
26: Bonné:
Hätte er LSD gekannt, er hätte LSD garantiert in vollem Maße zu sich genommen.
Heroin sicherlich auch. Das hatte er nicht zur Verfügung, aber er hatte Chloroform, er
hatte Veronal, er hatte Morphium, und er hat auch Kokain sich beschaffen können.
Er war ja Apotheker-Lehrling, später Apotheker, Militär-Sanitäter und hatte mehr oder
weniger freien Zugang zu diesen Drogen.
Zitator 2 (Trakl):
Verflucht ihr dunklen Gifte, / weißer Schlaf! / Dieser höchst seltsame Garten /
dämmernder Bäume / erfüllt von Schlangen, Nachtfaltern, / Spinnen, Fledermäusen. /
Fremdling! Dein verlorner Schatten / im Abendrot, / ein finsterer Korsar / im salzigen
Meer der Trübsal. / Aufflattern weiße Vögel am Nachtsaum / über stürzenden
Städten / von Stahl. (B132)
27: Weichselbaum:
Hier in diesem Haus, Linzergasse Nummer 7, ist früher die Engel-Apotheke
gewesen, wo Trakl seine dreijährige Praxis gemacht hat und dann später noch
einmal kurze Zeit gearbeitet hat. Leider ist die Apotheke jetzt ein Haus weiter
gerückt, und hier hat ein Bijou-Laden aufgemacht...
Erzählerin:
…
der Schmuck und Lederwaren verkauft. Es gibt alte Fotos, auf denen man den Gewölbekeller des Hauses sieht, wo Trakl Tinkturen und Salben anrührte. In einem
10
Nebenraum hat er, wenn keine Kunden kamen, geschrieben. Keiner dieser Räume
ist mehr zugänglich.
--------------------------------- Musikakzent -------------------------------Erzählerin:
Noch während seiner Apotheker-Lehre versucht sich Trakl als Dramatiker. Im
Frühjahr und Herbst 1906 führt das Salzburger Stadt-Theater zwei Einakter von ihm
auf. Einer erhält mäßige Kritiken, der andre fällt durch, worauf Trakl die Manuskripte
vernichtet. Nach der Lehre geht er im Herbst 1908 nach Wien, um Pharmazie zu
studieren. Die Großstadt überfordert den 21jährigen.
Zitator 2 (Trakl):
Als ich hier ankam, war es mir, als sähe ich zum ersten Male das Leben so klar wie
es ist, ohne alle persönliche Deutung, nackt, voraussetzungslos, als vernähme ich
alle jene Stimmen, die die Wirklichkeit spricht, die grausamen, peinlich vernehmbar.
Und einen Augenblick spürte ich etwas von dem Druck, der auf den Menschen für
gewöhnlich lastet, und das Treibende des Schicksals. (…) Ich habe die fürchterlichsten Möglichkeiten in mir gefühlt, gerochen, getastet und im Blute die Dämonen
heulen hören, die tausend Teufel mit ihrem Stacheln, die das Fleisch wahnsinnig
machen. Welch entsetzlicher Alp! (B171)
Erzählerin:
In Wien sehnt er sich nach Salzburg, einer Stadt, die er auch in seinen Gedichten zu
verklären beginnt. Ist er an der Salzach, zieht es ihn nach Wien. Trotz aller Widrigkeiten oder gerade derentwegen findet Trakl um 1910 seinen literarischen Ton, seine
Bilder. Je weniger er im Leben zurechtkommt, desto stärker werden seine Texte, die
bald in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften erscheinen.
Zitator 2 (Trakl):
Ich bin derzeit von allzu viel (was für ein infernalisches Chaos von Rhythmen und
Bildern) bedrängt, als dass ich für anderes Zeit hätte, als dies zum geringsten Teile
zu gestalten… (B177)
Erzählerin:
Im Sommer 1910 hat Trakl sein Studium beendet und kehrt als Magister der Pharmazie nach Salzburg zurück. Er ist erschöpft und weiß, dass er eigentlich
Schriftsteller ist, aber wirklich „freie“ Autoren gibt es damals kaum. Wovon soll er
leben? Im Oktober beginnt er in Wien seinen Militärdienst als Einjährig Freiwilliger bei
der k. u. k. Sanitätsabteilung. Danach wird er als Korporal-Pharmazeut nach
Innsbruck versetzt.
Zitator 2 (Trakl):
Ich hätte mir nie gedacht, dass ich diese für sich schon schwere Zeit in der brutalsten
und gemeinsten Stadt würde verleben müssen, die auf dieser beladenen und
verfluchten Welt existiert. (B184)
Erzählerin:
In den nächsten Jahren tritt Trakl verschiedene Stellen an, die er alle wieder verlässt
– im besten Fall hält er sechs Monate durch, einmal kündigt er nach zwei Stunden.
11
Den Kontakt mit fremden Menschen erträgt er kaum, er hat Angstzustände, betäubt
sich weiter mit Alkohol und Drogen.
Zitator 2 (Trakl):
Meine Verhältnisse haben sich noch immer nicht geklärt und ich warte so zwischen
Hangen und Bangen. Welch ein widerlicher Zustand! Ich wünschte ein paar Tage in
Ruhe zu verbringen, es täte mir wahrhaftig not. Aber ich weiß schon: Ich werde
wieder Wein trinken! Amen! (B182)
Erzählerin:
Wie getrieben reist er in den wenigen Jahren bis zu seinem Tod zwischen Innsbruck,
Salzburg und Wien hin und her.
28: Görner:
Sein Lebensort und Sehnsuchtsort war gewiss Salzburg. Aber es war auch der Ort,
den er immer wieder fliehen wollte und musste. Für ihn ist die Reise von Salzburg
nach Innsbruck bereits eine Weltreise, auch die von Salzburg nach Wien, von Berlin
zu schweigen...
Erzählerin:
I
m Juli 1912 heiratet Trakls Schwester Grete in Berlin den viele Jahre älteren
Buchhändler Arthur Langen.
Zitator 2 (Trakl):
Die Schwestern sind ferne zu weißen Greisen gegangen / nachts fand sie der
Schläfer unter den Säulen im Hausflur, / zurückgekehrt von traurigen Pilgerschaften.
(B61)
Erzählerin:
Seit der Kindheit ist die jüngere Schwester für Trakl der wohl wichtigste Mensch.
29: Weichselbaum:
Sie haben sich in ihren künstlerischen Interessen von den anderen
Familienmitgliedern sicherlich unterschieden, das ist auch das Verbindende zwischen
den beiden gewesen. Grete hatte eine Ausbildung als Pianistin begonnen in
mehreren Anläufen, ist dann allerdings immer wieder stecken geblieben, hat es nicht
zu Ende bringen können.
30: Görner:
Dieses Leben wird in vielfacher Weise parallel zu dem ihres Bruders Georg
durchkreuzt – von Schicksalsschlägen, von Anbeginn auch von der komplexen, um
es vorsichtig auszudrücken, der komplexen Beziehung zu ihrem Bruder, die auch
darin ihren tragischen Ausdruck fand, dass Georg sie, das ist mit Sicherheit
nachzuweisen, zum Drogenkonsum verleitet hat.
Erzählerin:
Wie Trakl ist auch die Schwester hoch sensibel. Er muss in Grete, die ihm auch
äußerlich ähnelt, einen Halt gefunden und ein Spiegelbild gesehen haben. In vielen
Texten taucht sie auf, als „Schwester“, „Mönchin“ oder „Fremdlingin“ – während er
12
sich ebenfalls als Mönch oder Fremdling stilisiert. Sie ist die einzige Frau, der er –
auf seine Weise – Liebesgedichte schreibt.
Zitator 2 (Trakl):
An die Schwester
Wo du gehst, wird Herbst und Abend, / blaues Wild, das unter Bäumen tönt, /
einsamer Weiher am Abend. // Leis der Flug der Vögel tönt, / die Schwermut über
deinen Augenbogen. / Dein schmales Lächeln tönt. // Gott hat deine Lider verbogen.
/ Sterne suchen nachts, Karfreitagskind, / deinen Stirnenbogen. (B52)
31: Weichselbaum:
Sicherlich hat Grete auf Georg auch einen erotischen Reiz ausgeübt, mit dem er
ständig im Kampf gelegen ist. Er hat diesen Reiz meiner Meinung nach dann in
Bildern in den Gedichten zu verarbeiten versucht, die man als inzestuöse Bilder
durchaus deuten kann oder muss.
32: Bonné:
Bei ihm ging es auch ums Sexuelle. Er hat sehr früh schon Bordelle besucht. Er hat
die viel beschworene inzestuöse Liebesgeschichte mit seiner Schwester Margarete,
Gretl gehabt, daran dürfte kein Zweifel sein. Es ist nur die Frage, wie weit das
gegangen ist.
Erzählerin:
Seit Jahren spekulieren Germanisten, ob es tatsächlich Inzest zwischen den
Geschwistern gegeben hat, eine Frage, die sich nicht klären lassen wird. Trakl selbst
hat diesem Verdacht Vorschub geleistet, in dem er ein frühes und ziemlich schwülstiges Gedicht „Blutschuld“ nannte und mit deutlichen Anspielungen versah. Es gibt
auch Bemerkungen von Zeitgenossen, die auf Inzest deuten; und Trakls Familie hat
nach dessen Tod alle Briefe, die er und Grete wechselten, vernichtet.
33: Görner:
Es ist eine so vielschichtige Beziehung gewesen, die immer wieder auf das eine
Stichwort zurückläuft, nämlich „Schuld“. Schuld ist das, was Trakl als Hauptmotiv in
seiner späteren Lyrik immer wieder zitieren wird. Schuld ist freilich ein Begriff, der in
den wenigen überlieferten Textsegmenten der Schwester Grete nicht vorkommt. (…)
Es scheint hier eine verschiedene Wahrnehmung dieser Beziehung stattgefunden zu
haben, die sich im Literarischen anders niederschlägt als in den wenigen biografischen Zeugnissen, die wir haben.
34: Geräusch:
Rabenkrächzen. (SWR Archiv-Nr. G0105041)
35: Hermann:
Wenn man in unserer Landschaft vor allem im Herbst oder Winter übers Land geht,
in einer Ackerlandschaft oder so, da denk ich immer an Trakl. Dann noch das
Krächzen der Raben, dann ist man sowieso schon in der Trakl-Welt…
13
Erzählerin:
Der Lyriker und Erzähler Wolfgang Hermann stammt aus Bregenz und lebt heute in
Wien. 1993 erschien sein erster Gedichtband im Salzburger Otto Müller Verlag, wo
auch die große historisch-kritische Georg Trakl-Ausgabe herauskam.
36: Hermann:
Ich war beeindruckt, dass in diesem Verlag Trakl verlegt wird und wurde, es war eine
glückliche Fügung. (…) Sehr früh haben mich diese Gedichte erschüttert und auch
erschreckt und auch irgendwie verängstigt. Diese scharfen kalten Todesbilder, diese
erschreckenden – und gleichzeitig diese nachzitternde Poesie da drin. Die haben
mich schon sehr aufgeschreckt, fast so wie damals Rimbaud, als 17jähriger. Wobei
ich Rimbaud näher war, dieses Übermütige, Lebenshungrige hat mich damals sehr
beeindruckt. Bei Trakl war ich zutiefst erschüttert und auch beunruhigt.
Zitator 2 (Trakl):
Auf meine Stirne tritt kaltes Metall. / Spinnen suchen mein Herz. / Es ist ein Licht, das
in meinem Mund erlöscht. (B43)
37: Hermann:
In jedem Menschen widerhallt wahrscheinlich etwas anderes, wenn er diese
Gedichte liest. Ich war damals wahrscheinlich selbst in einer relativ zugigen und unstabilen, relativ schwierigen Lebensphase. Es hat mich absolut beeindruckt, aber ich
hatte einen großen Respekt vor diesen Gedichten, weil ich gespürt habe: Für mich
hat da sehr viel Tod und Todessehnsucht mitgeschwungen. Drum hab ich sie dosiert
beim Lesen, ich hätte nicht monatelang Trakl durchlesen können…
------------------------------- Musikakzent ----------------------------------Erzählerin:
Anfangs schimpft Trakl auf Innsbruck, wie auf jeden Ort, an den er muss, aber nicht
will. Doch dann lernt er Ludwig von Ficker kennen, den Herausgeber der
einflussreichen Innsbrucker Kulturzeitschrift „Brenner“. Ab 1912 erscheinen die
meisten Trakl-Gedichte im „Brenner“, und der wohlhabende Herausgeber wird
Mentor des zunehmend haltlosen Autors.
Zitator 2 (Trakl):
Zu wenig Liebe, zu wenig Gerechtigkeit und Erbarmen und immer zu wenig Liebe;
allzu viel Härte, Hochmut und allerlei Verbrechertum – das bin ich. Ich bin gewiss,
dass ich das Böse nur aus Schwäche und Feigheit unterlasse und damit meine
Bosheit noch schände. (…) Gott, nur einen kleinen Funken reiner Freude – und man
wäre gerettet; Liebe – und man wäre erlöst. (B209)
Erzählerin:
Ludwig von Ficker bringt Trakl mit wichtigen Leuten des Literaturbetriebs zusammen,
lässt ihn in seiner Innsbrucker Villa wohnen und vermittelt ihm Aufenthalte bei seinem
Bruder auf dem nahen Schloss Hohenburg bei Igls – Orte, die Mirko Bonné fast 100
Jahre später aufgesucht hat.
14
38: Bonné:
Ich habe viele Orte besucht, die Trakl in seinen Gedichten und Briefen beschreibt.
Auch in Hall in Tirol, einer Stadt zwischen Innsbruck und Salzburg bin ich des
Öfteren gewesen. Ich hab mir einfach diese Stadt angesehen, Hall, die ja im Grunde
genommen eine für uns nichtssagende Stadt ist. Aber es gibt eben eine wichtige
Briefstelle, wo Georg Trakl schreibt:
Zitator 2 (Trakl):
Ich bin wie ein Toter an Hall vorbeigefahren, an einer schwarzen Stadt, die durch
mich durchgestürzt ist, wie ein Inferno durch einen Verfluchten. (B193)
39: Bonné:
Ein typischer Trakl-Satz. Und ich hab mich immer gefragt, warum ausgerechnet
diese Stadt dieses Infernalische von ihm zugeschrieben bekommt, (…) dieses
Hall´sche Inferno. Es gibt andere Orte, die ich mir angesehen habe, rund um
Innsbruck. Zum Beispiel Lans, ein kleines Dorf in der Nähe von Igls, wo Trakl auf
Schloss Hohenburg gelebt hat und dann über die Felder nach Lans gegangen ist, um
dort zu trinken bei einer Wirtin, die ihm sehr lieb war. Ich hab mir das Schloss
Hohenburg angesehen, durfte aber leider nicht hinein. Ich war in der Rauch-Villa in
Innsbruck, wo Trakl seinen letzten Winter verbracht hat bei Ludwig von Ficker, und
ein Zimmer mit Loggia hatte im ersten Stock. Dort hab ich im Garten gesessen und
mit den heutigen Bewohnern gesprochen. Es ist heute eine schöne TraklGedenkstätte mit einem angebauten gläsernen Pavillon, wo auch Lesungen
stattfinden.
Erzählerin:
Im Juli 1913 erscheint Trakls literarisches Debüt, der Band „Gedichte“, im
angesehenen Kurt Wolff Verlag. Bald darauf reist er mit Freunden nach Venedig. Es
ist neben einer Fahrt an den Gardasee und dem Besuch bei seiner Schwester in
Berlin die einzige größere Reise in Trakls Leben. An Erhard Buschbeck schreibt er:
Zitator 2 (Trakl):
Lieber! Die Welt ist rund. Am Samstag falle ich nach Venedig hinunter. Immer weiter
– zu den Sternen. (B212)
Erzählerin:
Ein einziges Gedicht mit dem Titel „In Venedig“ ist erhalten. Doch die überwältigende
Kulisse der Stadt, ihre Farben, Klänge und Gerüche kommen darin nicht vor.
Schauplatz ist ein düsterer steinerner Raum mit einem „schwärzlichen
Fliegenschwarm“.
40: Görner:
Das Wesentliche ist für ihn die innere Welt, das kann man glaube ich kaum anders
sagen. Das ist so schlicht wie es, denke ich, auch zutreffend. (…) Aber auf der
anderen Seite ist es eine Welt, die er sich immer wieder selbst erschließt. Und die ist
weitaus umfangreicher, komplexer, vielschichtiger als das, was er sich erreist haben
könnte in seiner kurzen Lebensspanne.
Erzählerin:
Im November 1913 hat Trakl einen schweren Zusammenbruch.
15
Zitator 2 (Trakl):
Lieber Herr von Ficker! (…) Vielleicht schreiben Sie mir zwei Worte; ich weiß nicht
mehr ein und aus. Es ist ein so namenloses Unglück, wenn einem die Welt
entzweibricht. O mein Gott, welch ein Gericht ist über mich hereingebrochen. Sagen
Sie mir, dass ich die Kraft haben muss noch zu leben und das Wahre zu tun. Sagen
Sie mir, dass ich nicht irre bin. Es ist steinernes Dunkel hereingebrochen. (B216f.)
Erzählerin:
Biografen haben spekuliert, ob Trakls Verzweiflung mit der damaligen Schwangerschaft seiner Schwester Grete zusammenhing, und ob er selbst der Vater des Kindes
war – bewiesen ist nichts. Im Prosatext „Offenbarung und Untergang“ heißt es:
Zitator 2 (Trakl):
Mit silbernen Sohlen stieg ich die dornigen Stufen hinab und ich trat ins
kalkgetünchte Gemach. Stille brannte ein Leuchter darin und ich verbarg in purpurnen Linnen schweigend das Haupt; und es warf die Erde einen kindlichen
Leichnam aus, ein mondenes Gebilde, das langsam aus meinem Schatten trat, mit
zerbrochenen Armen steinerne Stürze hinabsank, flockiger Schnee. (B143)
Erzählerin:
Im Dezember 1913 findet Trakls einzige öffentliche Lesung statt, im Innsbrucker
Musikverein. Dem Freund Karl Röck sagte er einmal, dass man sich Menschen
gegenüber überhaupt nicht mitteilen, verständlich machen könne. Nun geschieht
genau das – allerdings anders, als er es wohl meinte.
41: Görner:
Er liest mit einer ganz leisen Stimme, man hört ihn kaum. Da liest er nun die
Gedichte vor, von denen wir heute sagen, das ist das Eigentliche, was er uns
hinterlassen hat. Nur: (…) Diese Lesung fällt gewissermaßen flach, weil, man
versteht ihn nicht, nur ganz wenige, die in der ersten Reihe sitzen. Ein Journalist der
Innsbrucker Zeitung beschreibt dann, was dieser Trakl an Offenbarung, an
poetischer Offenbarung zu bieten hat, wenn man ihn denn nur verstünde – und zwar
akustisch verstünde, nicht sprachlich…
------------------------------------- Musikakzent ---------------------------------Erzählerin:
Mirko Bonné und Tom Schulz haben in der Edition des Münchner Lyrik-Kabinetts das
Buch „Trakl und wir – 50 Blicke in einen Opal“ herausgegeben.
42: Schulz:
Die Trakl-Gedichte kann man lesen in verschiedensten Ausgaben. Es wäre doch
schön, diese Trakl-Gedichte mit zeitgenössischen Dichterinnen und Dichtern in
Zusammenhang zu bringen, das war unsre Idee. Daraus ist dieses Projekt
entstanden, „Trakl und wir – 50 Blicke in einen Opal“. Das heißt, 50 zeitgenössische
Dichterinnen und Dichter schreiben zu einem Gedicht von Trakl, das sie sich ausgesucht haben, einen eigenen Text, ein Gedicht, einen kurzen Essay.
16
Erzählerin:
Der Lyriker Tom Schulz, aufgewachsen in Ost-Berlin, lernte Trakls Gedichte Ende
der 80er Jahre kennen, noch vor der Wende, in der legendären expressionistischen
Anthologie „Menschheitsdämmerung“. Damals suchte Tom Schulz noch eine eigene
Sprache.
43: Schulz:
Bei mir war das so eine Mischung, nicht allein Trakl. Es war der französische
Surrealismus, es war ein bisschen Trakl, es war ein bisschen Bobrowski. Ich würde
das heute als epigonal bezeichnen, das sind auch Gedichte, die ich gar nicht mehr
besitze. Das war aber ganz wichtig, (…) nicht mit dem Mittelmäßigen anzufangen,
sondern mit den ganz Großen und dann auch zu merken: Das kann nicht gut gehen,
man muss einen anderen Weg gehen. Und so war das bei mir dann auch. Spätestens ab 1990 ist dann Trakl ein bisschen in den Hintergrund gerückt und das war für
meine Entwicklung gut so.
Zitator 2 (Trakl):
Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen, // daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt…
(B70)
44: Schulz:
Ich weiß, dass dieser Vers sehr lange in mir nachgehallt hat. Es ist jetzt auch schwer
zu sagen: Woher wusste Trakl um die Situation Ende der 80er in Ostberlin von
aufwachsenden jungen Menschen, die sich auf irgendeine Art verwirklichen wollen,
vielleicht auch literarisch oder künstlerisch? Das verweist eigentlich darauf, dass
Trakls Werk durchaus etwas Seherisches hat. Man könnte sagen, Trakl hat diese
inneren Erschütterungen der Menschen (…) auf seine Art großartig umgesetzt. Ich
weiß, dass ich in einer Situation war einer gewissen Suche, auch der Konfusion.
Wenn man in einem unfreien Land aufwächst, spürt man Dinge wenn man jung ist
natürlich sowieso sehr stark – eine gewisse Ohnmacht und Verzweiflung einem
System gegenüber. Da war Trakl für mich eine wichtige Bezugsperson, wo ich
einfach gemerkt habe: Der schreibt eigentlich auch über deine Situation.
---------------------------------- Musikakzent ----------------------------------Erzählerin:
Im Juni 1914 lässt der Philosoph Ludwig Wittgenstein, der ein großes Erbe
angetreten hat, Trakl 20.000 Kronen zukommen – eine Summe, die ihn auf lange
Zeit gesichert hätte.
45: Görner:
Aber es gibt die berühmte Szene in Innsbruck. Er möchte auf die Bank mit seinem
Freund Ludwig von Ficker und möchte diesen Betrag „beheben“, wie man damals so
schön sagte. Und er bringt es nicht fertig, er leidet unter Schweißausbrüchen. Er
kommt in die Bank, kann aber nicht an den Schalter. Es ist ihm unmöglich, an das
rettende Geld heranzukommen, es ist eine ganz ungeheure Situation, kurz bevor er
eingezogen wird...
17
Erzählerin:
Am 28. Juni wird in Sarajewo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand
ermordet. Vier Wochen später erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Ende
August steigt Trakl am Innsbrucker Hauptbahnhof in einen Viehwaggon, der ihn als
Medikamentenakzessist in einem Sanitätsbataillon an die österreichisch-russische
Front bringen soll. Als Ludwig von Ficker Trakl auf dem Bahnhof verabschiedet,
drückt ihm der einen Zettel in die Hand:
Zitator 2 (Trakl):
Gefühl in den Augenblicken totenähnlichen Seins: Alle Menschen sind der Liebe
wert. Erwachend fühlst du die Bitternis der Welt; darin ist alle deine ungelöste
Schuld; dein Gedicht eine unvollkommene Sühne. (R146)
46: Geräusch:
Trommelwirbel, militärisch. (SWR Archiv-Nr. G0103976)
Erzählerin:
Um den 7. September erreicht Trakls Einheit Galizien. In der Schlacht bei Grodek
muss er in einer Scheune alleine 90 Schwerverwundete betreuen, zwei Tage lang.
47: Bonné:
Ich glaube Trakl hat da einfach erlebt, was ganz viele Menschen damals erlebt
haben. Das Grauen und die Gräuel des Krieges, die die Seele, wie sie damals war,
überhaupt nicht fassen konnte, weil sie wahrscheinlich überrollt war von diesen unvorstellbaren Dingen, die dort auf die Menschen eingestürmt sind – mit den neuen
Kriegstechnologien und mit dem Hass, der da plötzlich hochkam.
Erzählerin:
Ende September springt Trakl beim Abendessen plötzlich auf. Er sagt, er könne so
nicht weiterleben, werde sich erschießen, und stürzt nach draußen. Kameraden
entwinden ihm die Waffe. Am 7. Oktober wird er in das k.u.k. Reservespital
Wadowice geschickt und denkt zunächst, er soll dort als Apotheker arbeiten. Dann
bringt man ihn in ein Garnisionsspital in Krakau, in die Psychiatrie. An Ludwig von
Ficker schreibt er:
Zitator 2 (Trakl):
Verehrter Freund! Ich bin seit fünf Tagen hier im Garnisionsspital zur Beobachtung
meines Geisteszustandes. Meine Gesundheit ist wohl etwas angegriffen und ich
verfalle recht oft in eine unsägliche Traurigkeit. Hoffentlich sind diese Tage der
Niedergeschlagenheit bald vorüber. (…) Bitte telegraphieren Sie mir einige Worte.
Ich wäre so froh, von Ihnen Nachricht zu bekommen. (B228)
Erzählerin:
Am 24. Oktober ist Ludwig von Ficker in Krakau. Im Erdgeschoss der Klinik führt man
ihn zu einer Tür mit Luke, die an eine Gefängnistür erinnert.
Zitator 1 (Ficker):
Die Zelle, schmal und hoch, war von feinem Tabaksrauch wie eingenebelt; aber
durch ein hochgelegenes, kreuzweis stark vergittertes Fenster fiel ein voller Strahl
der frühen Vormittagssonne (…) Plötzlich wandte Trakl, die Zigarette weglegend,
18
kaum merklich den Kopf, sah gespannt zur Tür her, als begegne er meinem Blick. Da
hatte ich auch schon geöffnet – und nun geschah es, dass der Freund, der sich
erhoben hatte, mich groß anblickend ruhig auf mich zukam und, ohne ein Wort zu
sagen, mich in die Arme schloss. (F198f.)
Erzählerin:
Am Nachmittag machen sie einen Spaziergang durch den Garten der Klinik. Trakl
erzählt, dass er sich im Feld das Leben nehmen wollte.
Zitator 2 (Trakl):
Wie denken Sie? Ich fürchte nämlich, wegen jenes Vorfalls vor ein Kriegsgericht
gestellt und hingerichtet zu werden. Verzagtheit, wissen Sie: Äußerung der Mutlosigkeit vor dem Feind – ich muss darauf gefasst sein. (F202)
Erzählerin:
Am nächsten Tag besucht Ludwig von Ficker Trakl erneut. Der liest ihm zwei
Gedichte vor, die er im Spital geschrieben hat, „Klage“ und Grodek“. In beiden ist die
Schwester noch einmal anwesend. „Grodek“ erinnert an die verheerende Schlacht,
an der er als Sanitäter teilnahm:
Zitator 2 (Trakl):
Am Abend tönen die herbstlichen Wälder / von tödlichen Waffen, die goldnen
Ebenen / und blauen Seen, / darüber die Sonne / düstrer hinrollt; umfängt die Nacht /
sterbende Krieger, die wilde Klage / ihrer zerbrochenen Münder. / Doch stille
sammelt im Weidengrund / rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt / das
vergoßne Blut sich, mondne Kühle; / alle Straßen münden in schwarze Verwesung. /
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen / es schwankt der Schwester
Schatten durch den schweigenden Hain, / zu grüßen die Geister der Helden, die
blutenden Häupter; / und leise tönen im Rohr die dunklen Flöten des Herbstes. / O
stolzere Trauer! Ihr ehernen Altäre, / die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein
gewaltiger Schmerz, / die ungebornen Enkel. (B144)
Erzählerin:
Und in „Klage“ heißt es:
Zitator 2 (Trakl):
Schwester stürmischer Schwermut / sieh ein ängstlicher Kahn versinkt / unter
Sternen, / dem schweigenden Antlitz der Nacht. (B140)
Erzählerin:
Als Ludwig von Ficker sich verabschiedet, versichert er Trakl, alles für dessen
Entlassung zu tun.
Zitator 1 (Ficker):
Dann würden wir uns in Innsbruck ja bald wieder treffen. „Glauben Sie?“, sagte er
fremd und leise. „Ich – hoffe es“, erwiderte ich, momentan bestürzt. Trakl drückte mir
kurz die Hand, dankte für den Besuch und bat, die Freunde zu grüßen. Dann legte er
sich zurück, wie einer, der vor dem Einschlafen noch eine Weile in das Dunkel
sinnen will, und zog die Decke an sich hoch. Kaum konnte ich sein Gesicht noch
ausnehmen, so finster war es schon im Raum, als ich mich an der Tür umwandte. Ich
19
nickte ihm noch einmal zu, unwillkürlich nochmals ein paar Schritte näher tretend,
und – „Leben Sie wohl, lieber Freund! Auf baldiges Widersehen!“, sagte ich wie im
Traum. Trakl lag regungslos, entgegnete kein Wort. Sah mich nur an. Sah mir noch
nach… Nie werde ich diesen Blick vergessen. (F209)
Erzählerin:
Zwei Tage nach Ludwig von Fickers Abreise schreibt ihm Trakl:
Zitator 2 (Trakl):
Seit Ihrem Besuch im Spital ist mir doppelt traurig zu Mute. Ich fühle mich fast schon
jenseits der Welt. – Zum Schlusse will ich noch beifügen, dass im Fall meines
Ablebens es mein Wunsch und Wille ist, dass meine liebe Schwester Grete alles,
was ich an Geld und sonstigen Gegenständen besitze, zu eigen haben soll. Es
umarmt Sie, lieber Freund, innigst Ihr Georg Trakl. (B230)
Erzählerin:
Trakl stirbt in der Nacht von 3. auf 4. November 1914 an einer Kokainvergiftung. Am
6. November wird er in Krakau beigesetzt.
48: Bonné:
Es gibt seinen Adjudanten oder Knecht Mathias Roth, der einen der schönsten Briefe
über Georg Trakl geschrieben hat – aus dessen ganz einfacher Art und Weise ihn zu
beschreiben (…) man das Gefühl hat, man bekommt etwas vom Wesen und vom
Charakter Trakls mit.
Zitator 1 (Roth):
Ich denke immer und immer an meinen werten lieben guten Herrn, dass er so elendig
und auf solche Weise zugrunde gehen musste. Also den 3. abends war er noch so
gut und brüderlich, sagte er noch um halb 7 Uhr: „Bringen Sie mir morgen um 7 ½
einen Schwarzen“, und ich soll schlafen gehen. Und den 4. war´s anders, mein lieber
Herr brauchte keinen Schwarzen mehr, denn bei der Nacht hat ihn der liebe Gott zu
sich gerufen… (G2,738)
Erzählerin:
Als Trakls Schwester Grete vom Tod ihres Bruders erfährt, schreibt sie Ludwig von
Ficker: „Furchtbar ist der Tod meines Bruders. Gott gebe mir bald die Erlösung, auf
die ich harre.“ Drei Jahre später erschießt sie sich in Berlin. – Trakls Gebeine wurden
1925 nach Innsbruck-Mühlau überführt.
49: Bonné:
Direkt am Berghang, ein gekiester Dorffriedhof, dort liegt Georg Trakls Grab. Es ist
ein Doppelgrab. Zusammen mit Ludwig von Ficker, seinem Freund und Mentor, liegt
er dort begraben.
50: Geräusch:
Glockenläuten in Salzburg.
Erzählerin:
Die Glocken der vielen Salzburger Kirchen läuten noch heute so, wie sie Georg Trakl
gehört haben mag. Jahrzehnte lang konnte man in der Stadt seine Orte besuchten,
20
die sich wenig verändert hatten. Doch langsam verschwinden sie, wie seine Buchhandlung und die Apotheke, in der er gearbeitet hat. Im fernen Krakau ist es nicht
anders.
51: Weichselbaum:
Trakl ist in einem Pavillon eines für damalige Verhältnisse modernen Krankenhauses
gestorben. Bis vor kurzer Zeit ist sein Sterbezimmer noch im ursprünglichen Zustand
erhalten gewesen. Aber vor kurzem hab ich erfahren, dass dieser Pavillon, der nach
wie vor für psychiatrische Patienten gedacht ist, völlig verändert und umgebaut
worden ist. Die kleine Trakl-Gedenkstätte, die dort einmal eingerichtet worden ist,
existiert leider nicht mehr…
Erzählerin:
Georg Trakl – wer mag er gewesen sein?
52: Weichselbaum:
Ich hab kein abgerundetes Bild von ihm. (…) Es läuft immer darauf hinaus, dass
bestimmte Charakterzüge deutlich werden, die aber kein großes Gesamtbild
ergeben. Es sei denn man sagt, er ist natürlich der Fremdling – er ist der Fremdling
in der Familie, er ist der Fremdling hier in der Stadt, und ist dann auch der Fremdling
in der Literatur letztlich gewesen, mit seiner Art zu schreiben.
53: Schulz:
Von Benn gibt es ja diesen Satz: Es bleiben von den guten Dichtern fünf oder sechs
herausragende Gedichte. Das stimmt bei Benn nicht, da gibt es ein paar mehr. Und
bei Trakl gibt es, ja, vielleicht 15 oder 20, die brillant sind. Das zeigt einfach, dass er
wirklich ein Jahrhundertdichter des 20. Jahrhunderts war.
21
Nachweise:
- G1, G2:
Georg Trakl: Dichtungen und Briefe. (2 Bände.) Hrsg. Von Walther Killy und Hans
Szklenar. 2., ergänzte Auflage. Salzburg: Otto Müller 1987
- B:
Georg Trakl: Gedichte, Dramenfragmente, Briefe. Hrsg. von Franz Fühmann.
Wiesbaden: Drei Lilien Verlag 1985
- R:
Georg Trakl. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Otto Basil.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1985
- F:
Ludwig von Ficker: Der Abschied. In: Erinnerung an Georg Trakl. Zeugnisse und
Briefe. Salzburg 1966, S. 195-218
22
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
3
Dateigröße
168 KB
Tags
1/--Seiten
melden