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Was Kinder brauchen
Kinder fördern - nicht überfordern
Script zum Vortrag
© Peter Schipek
Inhalt
Expedition ins Gehirn
Was jeder über das Gehirn wissen sollte
Kleines ABC der Neuronen
Die Geburt ist nicht der Anfang – das Geheimnis der ersten neun Monate
Ganz schön schlau - Gehirnentwicklung bei Babys
Wo geht's hier zum Hippocampus
Amygdala - und die Angst lernt mit
Dopamin - was uns Freude macht
Mädchen & Jungen - wie verschieden sind sie?
Wegen Umbaus vorübergehend geschlossen - Gehirnentwicklung in der Pubertät
Kindheiten heute
Wenn Eltern zu viel fordern und erwarten
Was Kinder wollen und was sie brauchen
Was Kinder brauchen
Was Eltern über Entwicklungsschritte von Kindern wissen sollten
Kinder brauchen Zeit & Ruhe
Liebevolle und beständige Bindungen & Beziehungen
Bindung & Orientierung
Die wesentlichen Säulen für eine gesunde Entwicklung
Bildung
Bildung – das magische Zauberwort
Dem Lerngenie der Kinder auf der Spur
Wie Kinder lernen
Die Zauberkraft des Spiels
Fördern – nicht überfordern
Einfach zum Nachdenken
Worauf Eltern achten sollten
Einfach zum Nachdenken
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Was Kinder brauchen
Eine Einleitung, die Sie lesen sollten
Wenn Sie wissen möchten, wie sich Kinder entwickeln – was Kinder brauchen,
kommen Sie ohne einen Blick in das Gehirn nicht aus.
Darum beginnen wir mit einer kurzen Expedition ins Gehirn.
Gesund, glücklich und klug sollte ein Kind sein. Das wünschen sich alle Eltern.
Dabei stellen sie sich viele Fragen: „Tun wir wirklich alles für unser Kind?“
„Hat es das richtige Spielzeug?“ Fördern wir seine Entwicklung richtig?“
„Haben wir den richtigen Kindergarten, bzw. die richtige Schule gewählt?“
Das sind nur einige Fragen, die sich Eltern stellen.
Was brauchen denn Kinder wirklich?
In einem Satz von Prof. Dr. Gerald Hüther ist das kurz erklärt:
„Kinder brauchen Gemeinschaften, in denen sie sich geborgen fühlen,
Aufgaben, an denen sie wachsen und Vorbilder, an denen sie sich orientieren können.“
Ich wünsche Ihnen eine spannende Lesestunde mit den folgenden Seiten.
Peter Schipek
www.lernwelt.at
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Expedition ins Gehirn
Was jeder über das Gehirn wissen sollte
Das menschliche Gehirn setzt sich im wesentlichen aus 5 Teilen zusammen,
wobei jeder Teil bestimmte Aufgaben wahrnimmt:
Großhirn
Das Großhirn ist der am höchsten entwickelte Teil des Gehirns.
Zuständig unter anderem für die Funktionen Intelligenz und Sprache
oder für die Verarbeitung visueller Reize.
Es ist in die rechte und die linke Hirnhälfte geteilt, die mit dem Balken verbunden sind.
Kleinhirn
Steuert in erster Linie alle Bewegungsabläufe - also die Koordination der
Muskelbewegungen.
Zwischenhirn
Die Zentrale des Hormonsystems.
Es ist unter anderem zuständig für sensorische Funktionen (z.B. schmecken).
Mittelhirn
regelt unter anderem die Augenbewegung
Stammhirn
der Teil des Gehirns, der zwischen Endhirn und Rückenmark liegt.
Es unterteilt sich in Hypothalamus, Thalamus, Brücke und verlängertes Rückenmark enthält viele für die Koordination von Bewegungen wichtige Schaltkerne.
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Expedition ins Gehirn
Was jeder über das Gehirn wissen sollte
Hippocampus & Amygdala
Hippocampus
Der Hippocampus zählt zu den evolutionär ältesten Strukturen des Gehirns
und ist eine zentrale Schaltstelle des Limbischen Systems.
In ihm fließen Informationen verschiedener sensorischer Systeme zusammen.
Diese Informationen werden verarbeitet und zum Cortex - der Hirnrinde - zurückgesandt.
Es ist die Region in unserem Gehirn, die über Erinnern und Vergessen entscheidet.
Der Hippocampus ist eine Schlüsselstelle für das Lernen.
Amygdala
Eine zentrale Schaltstelle im Gehirn sind die Mandelkerne (Amygdala).
Hier wird in Millisekunden-Geschwindigkeit entschieden, ob ein Reiz für den Organismus
schädlich oder von Vorteil ist. Registrieren die Sinnesorgane Gefahr,
schüttet die Amygdala verstärkt Neurotransmitter aus.
Diese Signale werden an die vegetativen Zentren im Stammhirn weitergeleitet.
Von dort aus werden alle Organe der Alarmsituation angepasst.
Wenn das Lernen durch Angst begleitet wird, steht das Gehirn unter dem Einfluss
der Amygdala. Ist die Amygdala aktiviert, begünstigt sie einen eingeengten kognitiven Stil,
der nur darauf aus ist, den Quellen der Angst zu entkommen.
Kreativität und freies Denken sind behindert.
Mit dem unter Angst gelernten Inhalt prägt sich auch die Angst mit ein.
Wir lernen sozusagen die Angst gleich mit.
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Expedition ins Gehirn
Was jeder über das Gehirn wissen sollte
Das Wesentlich auf einen Blick
• Das Gehirn - ein Netzwerk aus mehr als 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen).
Die Nervenzellen und zig Milliarden Gliazellen (Stützgewebe) stellen die Basis dar.
• Neuronen bilden untereinander Kontakte - die Synapsen.
Jedes Neuron kann bis zu 10.000 Synapsen mit anderen Nervenzellen entwickeln.
• Das menschliche Gehirn setzt sich im wesentlichen aus 5 Teilen zusammen
Großhirn, Kleinhirn, Zwischenhirn, Mittelhirn und Stammhirn.
• Der Hippocampus - eine zentrale Schaltstelle des Limbischen Systems.
Die Region in unserem Gehirn, die über Erinnern und Vergessen entscheidet.
Er ist eine Schlüsselstelle für das Lernen.
• Amygdala (Mandelkern) - eine zentrale Schaltstelle im Gehirn.
Für das Negative in unserem Leben - für Furcht und Angst
ist hauptsächlich der Mandelkern (Amygdala) zuständig.
Bei Gefahr schüttet die Amygdala verstärkt Neurotransmitter aus.
Wenn Lernen durch Angst begleitet wird, steht das Gehirn unter dem Einfluss
der Amygdala. Damit prägt sich beim Lernen die Angst mit ein.
Kreativität, Lernen und freies Denken sind behindert.
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Expedition ins Gehirn
Kleines ABC der Neuronen
Neuronen und Synapsen
Wer das Gehirn und Lernen verstehen möchte, kommt ohne einen Blick
auf dessen Grundbausteine, die Nervenzellen (Neuronen) nicht aus.
Bau einer Nervenzelle
Zellkörper - Informationsverarbeitung
Dendriten - Informationsaufnahme
Axon - Informationsweiterleitung
Synapse - Informationsübertragung
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Expedition ins Gehirn
Kleines ABC der Neuronen
Das Gehirn besteht etwa aus 100 Milliarden Nervenzellen.
Wichtig für die Funktion des Gehirns sind aber vor allem die Verbindungen
zwischen den Nervenzellen (Axone, Dendriten usw.)
Neuronen sind darauf spezialisiert, Signale zu leiten und zu verarbeiten.
„Eingangskabel“, die so genannten Dendriten, übertragen Eingangssignale auf den Zellkörper.
Der erzeugt daraufhin Ausgangssignale, welche über ein oft weit verzweigtes
„Ausgangskabel“, das so genannte Axon, weitergeleitet werden.
Die Anzahl der Verbindungen beträgt bei einem Neugeborenen etwa 50 Billionen.
All das, was mit Lernen oder Gehirnentwicklung zu tun hat, beruht auf dem Wachstum
bzw. den Veränderungen dieser Verbindungen zwischen den Nervenzellen.
Das menschliche Gehirn ist bis zum Lebensende plastisch, d.h. durch Erfahrungen
und Lernen veränderbar. Allerdings ist die jeweilige Lerngeschwindigkeit dem Alter
entsprechend verschieden. In der Kindheit ist die Lerngeschwindigkeit rasant.
Wie Neuronen funktionieren
Die Arbeitsweise ist erstaunlich einfach:
Immer wenn die Summe der Eingangssignale einen bestimmten Schwellenwert überschreitet,
sendet die Zelle ein Ausgangssignal.
Bleibt die Eingangserregung unter der Grenze, reagiert die Zelle nicht.
Am Ende der axonalen Verzweigungen stellt eine besondere Struktur, die Synapse,
den Kontakt zu anderen Neuronen her.
Die meisten Synapsen funktionieren so:
Je stärker die Erregung im Axon, desto mehr Moleküle einer Überträgersubstanz
schüttet die Synapse aus. Der Überträgerstoff (Neurotransmitter) wandert zur Zielzelle.
Manche Neurotransmitter erhöhen die elektrische Erregung der "angefunkten" Zelle,
andere hemmen sie.
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Expedition ins Gehirn
Kleines ABC der Neuronen
Die Netzwerke der Erinnerung
Das Netzwerk der Neuronen in der Großhirnrinde (wegen ihrer Form auch „Pyramidenzellen“)
ist im Gegensatz zu einem Computer nicht nach einem detaillierten Plan geknüpft,
sondern weitgehend zufällig organisiert.
Sind miteinander verbundene Zellen gemeinsam aktiv, verstärken sich die Synapsen.
Demnach aktiviert das Lernen immer wieder eine Anzahl miteinander verknüpfter
Pyramidenzellen. Deren Verbindung verstärkt sich nach und nach,
„neuronale Netzwerke“ entstehen.
Je öfter sich der synaptische Lernprozess wiederholt, desto leichter
lässt sich dieses „Netzwerk“ aktivieren.
Was bedeutet das für das Lernen?
„Synaptisches Lernen“ in der Großhirnrinde ist langsam und lebt von der Wiederholung.
Dabei kommt es nicht auf die absolute Zeitdauer an.
"Häufiger, aber kürzer üben" lautet der Rat, der sich mit etwas Vorsicht ableiten lässt.
Das bedeutet jedoch keineswegs, immer wieder die gleichen Inhalte zu wiederholen.
Im Gegenteil -Stumpfsinn scheint der Hauptfeind des Lernens zu sein.
Mehr Erfolg verspricht, das Gehirn auf stets etwas andere Weise anzuregen,
ihm durch variierte Aufgaben und andere Herangehensweisen immer wieder neuen Anlass
zur Auseinandersetzung mit dem Thema zu geben, je reicher und vielfältiger, desto besser.
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Expedition ins Gehirn
Kleines ABC der Neuronen
Das Wesentliche auf einen Blick
Der Bau einer Nervenzelle:
Zellkörper - Informationsverarbeitung
Dendriten - Informationsaufnahme
Axon - Informationsweiterleitung
Synapse – Informationsübertragung
Neuronen sind darauf spezialisiert, Signale zu leiten und zu verarbeiten.
„Eingangskabel“ (Dendriten) übertragen Eingangssignale auf den Zellkörper.
Der erzeugt Ausgangssignale, welche über ein „Ausgangskabel“ (Axon),
weitergeleitet werden.
Die Netzwerke der Erinnerung
Das Netzwerk der Neuronen in der Großhirnrinde ist weitgehend zufällig organisiert.
Sind miteinander verbundene Zellen gemeinsam aktiv, verstärken sich die Synapsen.
Das Lernen aktiviert immer wieder eine Anzahl miteinander verknüpfter
Pyramidenzellen. Deren Verbindung verstärkt sich und „neuronale Netzwerke“ entstehen.
Je öfter sich der synaptische Lernprozess wiederholt, desto leichter
lässt sich dieses „Netzwerk“ aktivieren.
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Expedition ins Gehirn
Die Geburt ist nicht der Anfang
Das Geheimnis der ersten neun Monate
Die vorgeburtliche Periode, die wohl wichtigste Phase der menschlichen Entwicklung wurde bisher vernachlässigt oder unterschätzt. Die meisten von uns berücksichtigen die Zeit
der vorgeburtlichen Entwicklung überhaupt nicht. Wir betrachten ja ein Kind als ein Jahr alt,
wenn es ein Jahr nachgeburtlicher Entwicklung hinter sich hat.
Unsere ersten - die vermutlich wichtigsten neun Monate - zählen wir also gar nicht.
Lange Zeit galt der Fötus als ein teilnahmsloser Organismus, der passiv auf seine Geburt
wartet. Doch heute wissen wir, Neugeborene fangen keineswegs bei null an. Untersuchungen
haben gezeigt, dass schon ein Fötus eine Menge dessen mitbekommt,
was seine Mutter erlebt. Mit sechs Monaten kann er schon ganz gut hören, schmecken
und riechen. Das Gehirn konzentriert sich also vorerst auf das, was dem Baby direkt
nach seiner Geburt nützen kann.
Die Mehrzahl der Gehirnzellen, die ein Mensch braucht, entwickelt sich in der ersten Hälfte
der Schwangerschaft. In der 19. Woche nach der Befruchtung sind bereits alle wichtigen
Hirnstrukturen anatomisch erkennbar angelegt. Doch auf die Menge der Gehirnzellen
alleine kommt's nicht an. Das Wesentliche ist die Synapsenbildung: Gehirnzellen nehmen mit
einander Kontakt auf, sie vernetzen und verschalten sich unter einander.
Dabei ist das Tempo des Entstehens von Kontakten unglaublich.
In Spitzenzeiten explodiert das Gehirn geradezu. - pro Sekunde entstehen bis zu
1,8 Millionen Synapsen.
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Expedition ins Gehirn
Die Geburt ist nicht der Anfang
Das Geheimnis der ersten neun Monate
21. - 23. Woche
Der Schlaf-Wach-Rhytmus bildet sich. Die Phase des schnellsten Gehirnwachstums beginnt.
Sie hält bis ins fünfte Lebensjahr des Kindes an.
24. - 27. Woche
Hirnstrommuster beweisen, dass die Seh- und Hörzentren aktiv sind. Die Hirnstrommuster
erreichen in der 27. Woche Geburtsreife.
28. - 29. Woche
Die Furchung der Großhirnrinde ist sichtbar. Der Fötus ist bereits gut 37 cm lang.
Regelmäßige Atmung und die Kontrolle der Körpertemperatur werden jetzt vom Gehirn
übernommen.
30. - 31. Woche
Unzählige Verbindungen zwischen Nervenzellen des Gehirns werden hergestellt..
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Expedition ins Gehirn
Ganz schön schlau
Gehirnentwicklung bei Babys
Babys können über alles staunen.
Über die Mutter, die beim Kuckuck-Spiel jedes Mal wieder hinter der Tür auftaucht.
Oder über die Tatsache, dass der eckige Behälter nicht in den runden passt.
Babys wollen lernen. Mit unendlichem Eifer erkunden sie die Welt.
Sie probieren Dinge so oft aus, bis sie verstanden haben, was dahinter steckt.
In den ersten Monaten lernen Babys mehr als jemals später in ihrem Leben.
Sie erforschen die Welt und bewältigen mit ihren Sinnen eine Fülle von Reizen
und Eindrücken.
Schon vor der Geburt sind im Gehirn Milliarden Nervenzellen angelegt.
Vollständig entwickelt ist das Gehirn jedoch erst nach etwa zwanzig Jahren.
Einen großen Sprung in seiner Entwicklung macht das Gehirn aber bereits nach der Geburt.
Die entscheidenden Schritte passieren dabei schon ganz am Anfang.
Kaum auf der Welt, beginnt ein dramatischer Sprung in der Hirnentwicklung.
Die Sinnesorgane nehmen Signale aus der Umwelt auf.
Alles, was das Baby sieht, hört, riecht oder spürt beeinflusst
die weitere Entwicklung seines Gehirns.
Im ersten Jahr nehmen die Verknüpfungen im Gehirn sprunghaft zu.
Danach, in etwa bis zum elften Lebensjahr, werden viele solcher Verbindungen
zwischen den Nervenzellen wieder abgebaut.
Schon mit knapp einem Jahr können Kinder z.B. Ursache und Wirkung
von Bewegung unterscheiden. Schon mit wenigen Jahren beherrschen Kinder
ihre Muttersprache. Ihre Gehirne vollbringen dabei wahre Meisterleistungen.
. . . und das Wunderbarste an ihnen ist ihre unbegrenzte Fähigkeit, sich zu wundern.
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Expedition ins Gehirn
Wo geht‘s hier zum Hippocampus?
Der Hippocampus ist ein Teil des limbischen Systems
Das "Limbische System" ist eine Sammelbezeichnung für eine Funktionseinheit
aus Teilen des Großhirns sowie Teilen des Zwischenhirns.
Zum limbischen System gehören u.a. Hippocampus und Amygdala (Mandelkern).
Es spielt die entscheidende Rolle bei der Übertragung von Informationen ins
Langzeitgedächtnis.
- liefert die emotionale Bewertung aufgenommener Informationen und bewertet diese
für die Übertragung ins Langzeitgedächtnis.
Es bewertet alles nach "gut" und "schlecht" und steuert damit unser Verhalten.
Durch die emotionale Bewertung spielt es eine entscheidende Rolle bei Lernvorgängen
und beim Abrufen von neuen (Lern-) Informationen aus der Hirnrinde.
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Expedition ins Gehirn
Wo geht‘s hier zum Hippocampus?
Die Schlüsselstelle für das Lernen - der Hippocampus
Stellen sie sich den Hippocampus wie einen Pförtner vor.
Er lässt Informationen durch - oder auch nicht. Je nachdem, ob er Lust dazu hat.
Das ist nämlich nicht garantiert, denn der Hippocampus langweilt sich sehr schnell.
Wenn da ständig dieselbe trockene Information kommt, hat er keinen Spaß und schließt die
Tür. Welche Tricks halten den Hippocampus bei Laune? Abwechslung und Spaß.
Wenn ich z.B. den Satz „Der grüne Hut liegt auf dem großen Tisch“
ins Englische übersetze und fünfmal wiederhole, um mir die einzelnen Vokabeln einzuprägen
dann schaltet der Hippocampus einfach ab. (Bei Männern übrigens früher als bei Frauen).
Wenn ich den Satz aber verändere, funktioniert der Hippocampus wieder.
Zum Beispiel: „Auf dem großen Tisch liegt der grüne Hut.“ oder: „Der große Hut liegt auf dem grünen Tisch“ usw. - dann überliste ich das Gehirn.
Es hilft übrigens auch, wenn man die Stimmlage verändert:
Mal den Satz im Tenor, dann im Sopran sprechen - und schon hat der Hippocampus
wieder Spaß am Lernen.
Die Großhirnrinde und der Hippocampus scheinen während des Schlafs
rege miteinander zu kommunizieren.
Die Frage, wie das Gehirn Erinnerungen speichert oder verwirft,
ist nach wie vor nur in Ansätzen geklärt.
Viele Hirnforscher halten die Konsolidierungstheorie für den bislang besten Erklärungsansatz.
Diese besagt, dass frische Eindrücke zuerst im Hippocampus abgelegt werden.
Sie sollen dann innerhalb von Stunden oder Tagen - vornehmlich während des Tiefschlafs in die Großhirnrinde und dort ins Langzeitgedächtnis übergehen.
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Expedition ins Gehirn
Amygdala
Kaum einer weiß, dass er sie hat. Ohne sie wäre unser Leben monoton und gefährlich.
Sie ist wie eine gute Freundin und verdient daher mehr Aufmerksamkeit.
Sie ist etwa so groß wie eine Mandel und ebenso geformt.
Daher trägt sie den gelehrten griechischen Namen: Amygdala - Mandelkern.
Die Amygdala liegt etwa in der Mitte unseres Kopfes - und ist mit zwei Exemplaren vertreten.
Alles, was unsere Augen, Ohren und die anderen Sinne aufnehmen
wird an die Wahrnehmungsareale des Gehirns weitergeleitet.
Von diesen Arealen geht alles zur Amygdala und wird von ihr streng geprüft.
Nähert sich Unheil oder eine Gefahr, wird sofort die Abwehr mobilisiert.
So ist die Amygdala eine sehr empfindlichen „Alarmanlage“.
Bei Gefahr geraten wir in Erregung, springen zurück oder schlagen blitzschnell zu.
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Expedition ins Gehirn
Amygdala - und die Angst lernt mit
Angst ist ein normaler und notwendiger Teil unseres Lebens.
Viele Situationen, in denen wir Angst verspüren, werden im Laufe unseres Lebens erlernt. . .
. . . aber Angst kann auch von Nachteil sein.
Heute wissen wir aus der Hirnforschung, dass Angst Kreativität ausschließt.
Und beim Lernen „unter Angst“ lernen wir die Angst gleich mit.
Neueste Untersuchungen zeigen, dass unbewusste Erinnerungen
auch direkt in der Amygdala gespeichert werden können.
Werden also unbewusste Erinnerungen wachgerufen so stellt die Amygdala
den Körperzustand wieder her wie er beim Speichern des ursprünglichen Erlebnisses
geherrscht hat. (Herzklopfen, schwitzende Hände, schneller Atem usw.)
Was bedeutet das nun für das Lernen?
Beim Lernen muss eines stimmen: die emotionale Atmosphäre.
Denn negative Emotionen aktivieren den Mandelkern und blockieren den Lernprozess.
Wir wissen damit nicht nur, dass Lernen in guter Stimmung und mit Freude
am besten funktioniert - wir wissen jetzt auch, warum Lernen in dieser Atmosphäre
erfolgen soll. Nur so kann nämlich das Gelernte auch später überhaupt
zum Problemlösen verwendet werden.
Angst hat beim Lernen also nichts zu suchen - schon gar nicht in der Schule.
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Expedition ins Gehirn
Dopamin - was uns Freude macht
Ob wir Freude haben - glücklich oder unglücklich sind, hängt von vier Botenstoffen ab.
Vor allem Dopamin spielt bei Freude und beim Glücksgefühl eine zentrale Rolle.
Dopamin wird im Gehirn in einem Bereich des Mittelhirns gebildet.
Wenn diese Region besonders angesprochen wird, schütten die Nervenzellen
dort den Botenstoff aus.
Ohne Dopamin (und andere Botenstoffe) kann unser Gehirn keine Informationen verarbeiten.
Es macht die Zellen besonders sensibel für das Empfangen neuer Informationen.
Dopamin führt auch dazu, dass Informationen besonders fest im Gedächtnis verankert
werden und auch besonders gut wieder abgerufen werden können.
Hirnforscher nennen Dopamin deshalb auch einen „Modulator“ für das Lernen.
Denn er wirkt beim Lernen wie ein Verstärker.
Auf einen bisher unbekannten und interessanten Zusammenhang des Dopamins
sind Forscher in Magdeburg und London gestoßen.
Sie haben Versuchspersonen beim Lernen von Vokabeln Bilder von unbekannten
Städten und Landschaften gezeigt.
Nachdem diese Versuchspersonen die Bilder angesehen hatten,
waren sie aufmerksamer und lernten besser.
Die Erklärung der Forscher: In neutralen Bildern sucht das Gehirn
nach Belohnung und ist offener für Neues.
Die unbekannten Bilder aktivieren das „Belohnungssystem“ - Dopamin wird ausgeschüttet.
Was bedeutet das nun für das Lernen?
Die beste Lernsituation ist also die, in der man interessante Entdeckungen macht,
klare Ziele erreichen kann - und Leistungen erzielt, auf die man stolz sein kann.
Ist also eine Aufgabe richtig gelöst, belohnt uns unser Gehirn mit Dopamin.
Dopamin wird also bei Erfolg ausgeschüttet.
So macht richtiges Lernen nicht nur schlau, sondern auch glücklich.
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Expedition ins Gehirn
Mädchen & Jungen – wie verschieden sind sie?
In vielen Sachbüchern wird uns erklärt, warum Männer nicht nach dem Weg fragen
und nicht über ihre Gefühle sprechen und warum Frauen weder logisch denken
noch einparken können. Das erklärt jedoch nichts.
Wie unterschiedlich sind denn die Gehirne von Mädchen und Jungen?
Das männliche Gehirn ist im Durchschnitt etwas größer und hat weniger Furchen.
Die Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften, der Balken, ist dünner
und beide Hemisphären sind stärker lateralisiert, d. h. die beiden Hirnhälften sind stärker
für bestimmte Aufgaben spezialisiert. So ein Hirn funktioniert dann auch anders.
Männer sind eigentlich das schwache Geschlecht.
Denn männliche Babys sind schon im Mutterleib einem viel höheren Risiko ausgesetzt.
Das „starke Geschlecht“ kommt schwächer auf die Welt und stolpert von Anbeginn
über Schwierigkeiten.
Was macht uns denn schon so früh zum schwachen Geschlecht?
Dass die Jungs das schwächere Geschlecht sind, hängt damit zusammen, dass ihnen ein
zweites X-Chromosom fehlt. Sie sterben häufiger schon vor der Geburt ab und sind als
Babies und Kleinkinder auch noch empfindlicher und anfälliger als Mädchen.
Bewusst ist ihnen das freilich nicht. Aber sie suchen stärker nach etwas, was ihnen Halt
bietet, was selbst stark und mächtig ist.
Wenn man als Mann sein Gehirn lange genug und mit viel Begeisterung für etwas benutzt
hat, was einer typischen Männerrolle entspricht, z. B. als Rennfahrer, als Tüftler,
als Naturwissenschaftler, als Fußballfan oder Computerfreak, dann passen sich
die dabei benutzen Nervenzellverschaltungen immer besser an diese Art der Nutzung an.
Dann hat man irgendwann ein Gehirn, mit dem man genau das immer besser, alles andere
aber schlechter kann, z. B. Gespräche führen, zuhören, Wäsche bügeln etc.
Männer neigen immer stärker dazu, solche spezifischen Rollen zu übernehmen und sich
die dazu erforderlichen Fähigkeiten ins Hirn zu bauen als Frauen, sie fangen als kleine
Jungen auch schon früher damit an, weil sie anfangs noch konstitutionell schwächer sind
und stärker im Außen nach Halt suchen. Sie wollen immer irgendwie bedeutsam sein,
mehr als die Mädchen, jedenfalls im Durchschnitt.
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Expedition ins Gehirn
Wegen Umbaus vorübergehend geschlossen
Gehirnentwicklung in der Pubertät
Sie denken, das Thema ist schnell abgehandelt - das kenne ich.
Keine Lust mehr auf Schule, kein Zutritt mehr für die Alten in ihr Zimmer.
Im Gehirn der Jugendlichen sind nur Handys, Games, Partys oder das andere Geschlecht
drinnen - und die Hormone spielen verrückt.
Hormone spielen nur eine Nebenrolle. Neue Erkenntnisse über den Hirnumbau
bei Jugendlichen liefern immer bessere Erklärungen für deren Verhalten.
Das Teenager-Gehirn ist kein Erwachsenengehirn im Hormonrausch.
Die drastischen Änderungen im Verhalten der Jugendlichen beruhen
auf einem systematischen Umbau ihrer Gehirnstruktur.
Neue Erkenntnisse der Gehirnforschung zeigen, dass unser Gehirn diese heikle Phase
unbedingt braucht, um zum selbständigen Denken fähig zu sein.
Was passiert nun mit den pubertierenden Jugendlichen während der Wachstumsund Neuordnungsprozesse im Gehirn?
In den ersten Jahren des Lebens wächst das Gehirn in rasantem Tempo.
Ständig bilden sich neue Nervenverbindungen. Vielmehr, als überhaupt benötigt werden.
Aufgrund dieser "Überproduktion” sind Kinder so enorm lernfähig, können alles aufnehmen,
problemlos verschiedene Sprachen und Musikinstrumente lernen.
In der Pubertät kommt es dann zu einer rigorosen Aufräumaktion,
das Gehirn setzt Schwerpunkte. Nervenverknüpfungen, die häufig benutzt werden,
bleiben bestehen, alles andere wird entrümpelt.
Trotzdem bleibt in dieser jugendlichen Abbauphase von Synapsen das Gesamtvolumen
des Gehirns konstant. Wo kommt aber die neue Gehirnmasse her?
In dem Maße, in dem graue Hirnmasse im Cortex schwindet, entsteht weiße Substanz.
Diese weiße Substanz besteht in erster Linie aus dicht gepackten Nervenkabeln,
die durch eine spezielle Hülle (die Myelinscheide) elektrisch isoliert sind.
Diese Isolierung beschleunigt die Übertragung neuronaler Impulse und macht sie
zuverlässiger.
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Expedition ins Gehirn
Wegen Umbaus vorübergehend geschlossen
Gehirnentwicklung in der Pubertät
Die Leitungsgeschwindigkeit steigt auf etwa 360 Stundenkilometer.
Im Zuge des Umbaus werden also überflüssige Verbindungen gekappt,
die Verbleibenden arbeiten dafür umso schneller und zuverlässiger.
Die Umbauvorgänge in den verschiedenen Arealen laufen in einer festen Reihenfolge ab.
Zunächst bilden sich die Bereiche aus, die für Sprache und räumliches Denken zuständig sind.
Dann beginnt eine massive Umgestaltung des Belohnungssystems,
das am Entstehen angenehmer Gefühle beteiligt ist.
Etwa 30 Prozent der Rezeptoren des Glücksbotenstoffes Dopamin gehen verloren.
Das Leben wird jetzt zunehmend anstrengender. Viele kleine Freuden des Alltags
verlieren auf einmal an Bedeutung und andere Dinge wie Sport, Musik
und das andere Geschlecht werden interessant.
Gleichzeitig entwickelt sich das Urteilsvermögen weiter und die Fähigkeit
zum abstrakten Denken wird verbessert.
Der letzte Bereich, der ausreift ist der präfrontale Cortex. Der präfrontale Cortex ist der
Bereich, wo Vernunft, Impulshemmung und wo - wenn man so sagen will –
„das Gewissen“ sitzt.
Ab dem 12. Lebensjahr verlieren Jugendliche zeitweise die Fähigkeit,
die Gefühle anderer Menschen zu verstehen.
Geben Sie Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren Bilder mit unterschiedlichen emotionalen
Gesichtern. Fragen Sie, was die Kinder oder Jugendliche sehen.
10 jährige sind ziemlich gut darin, die Gefühle anderer Menschen aus dem Gesicht zu lesen
11 jährige sind nicht mehr so gut und mit 12 bricht die Kurve ganz ein.
Es dauert weitere 6 Jahre bis sie wieder auf dem Wert von 10 jährigen sind.
Wenn sie also zeitweise von Jugendlichen hören „ich versteh’ dich nicht“,
so ist das nicht immer eine Ausrede.
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Kindheiten heute
Wenn Eltern zu viel fordern und erwarten
Viele Eltern sind heute überfordert. Fernsehen, Zeitschriften, Bücher – alle diese Medien
erinnern sie täglich daran, wie ihre Kinder sein sollen, um im Leben bestehen zu können.
Kinder müssen neugierig, wissensdurstig, leistungsbereit, sportlich, englisch sprechend,
computerbegeistert – und natürlich erfolgreich sein. Jedes Bild vermittelt den Eltern
einen Idealzustand.
Dass Kinder „es“ nicht schaffen könnten, ist in unserer heutigen Zeit nicht vorgesehen.
Es gibt doch Verhaltenstherapien, Nachhilfeunterricht und Förderkurse.
So wird das Kinderleben – das Kindererleben – immer stärker eingeschränkt.
Es wird für Kinder gedacht und für sie geplant. Viele Eltern beginnen schon
in frühen Jahren ihren Kindern eine eigenständige Kindheit vorzuenthalten.
Es fängt mit frühkindlichen Förderprogrammen an – es folgen ungezählte Kurse und Trainings.
Flöten- Klavierunterricht, Tennis, frühes Lesenlernen Fremdsprachenunterricht usw.
.
Die ganze Woche ist verplant. Viele Kinder haben ein Tagesprogramm, das von der
Zeitstruktur her dem eines Managers ähnlich ist. Spiele haben für Kinder längst ausgedient.
Wir haben eine „förderwütige“ Frühpädagogik. Kindheit wird zunehmend organisiert
Und dann haben wir es mit gehetzten Kindern zu tun.
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Kindheiten heute
Was Kinder wollen und was sie brauchen
Wie können wir nun Kinder fördern und wo beginnt die Überforderung der Kinder?
Eine Überforderung der Kinder beginnt dort, wo ihnen die Kindheit geraubt wird
und die Kinder den Eindruck gewinnen, dass ihre seelischen Grundbedürfnisse nur noch
von einem guten Leistungsverhalten oder lobenswerten Ergebnissen abhängen.
Was können Eltern tun, um ihre Kinder zu fördern?
Zunächst einmal sollten Eltern sich nicht auf eine Pädagogik einlassen, die aus einem wie auch immer gearteten - Lehrbuch stammt. Vielmehr sollten sie auf ihre eigene Biografie
schauen und sich fragen, durch was sie selbst eine glückliche Kindheit erlebt haben,
An welche Ereignisse, Erfahrungen und Eindrücke sie selbst gerne zurück denken
und was genau ihr Leben so reichhaltig gemacht hat
• Eltern müssen sich von der Vorstellung verabschieden, Kinder seien schon
in den ersten sechs Lebensjahren zu perfektionieren.
• Eltern müssen die ersten Lebensjahre von Kindern
als einen eigenen Entwicklungszeitraum – nämlich der „Kindheit“ begreifen.
• Kinder brauchen wenige didaktische Vielfalt.
Sie brauchen mitfühlende, in sich ruhende, lebensfrohe und zuverlässige Menschen
um sich herum und keine gehetzten, erwartungsbesessene Eltern, die sich selbst
über besondere Leistungen ihrer Kinder definieren wollen.
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2
Kindheiten heute
Was Kinder wollen und was sie brauchen
Das „Verschwinden der Kindheit“ ist die eine Seite der Medaille –
die gleichzeitige materielle Verwöhnung der Kinder die andere.
Die täglichen Süßigkeiten beim Einkauf oder andere Mitbringsel gehören
zur festen Tagesordnung. Viele Kinderzimmer gleichen einem überfüllten Warenlager
eines Spielzeuggeschäftes. Natürlich hat diese Konsumorientierung ihren Preis,
ihren Hintergrund und ihre Folgen.
Häufig sind es eher stark belastete Eltern, die ihre Kinder stark verwöhnen,
um nicht zusätzlichen Konflikten ausgesetzt zu sein.
Doch wenn Eltern an die Stelle von Kinderwünschen die Frage stellen, was Kinder
Wirklich brauchen, damit sich eine entsprechende Persönlichkeit entwickelt,
kämen sie zu der großen Bedeutung von persönlichkeitsbildenden Werten,
die Kinder brauchen und die die elterliche Pädagogik prägen sollte.
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3
Was Kinder brauchen
Was Eltern über Entwicklungsschritte von Kindern wissen sollten
Für Eltern – einfach zum Nachdenken:
• Wer Kinder verändern möchte, muss sich zunächst selbst verändern
Wer Kindern bei ihrer Entwicklung helfen will, muss zunächst die eigene Entwicklung
ins Augenmerk nehmen
• Wer Vertrauen von Kindern erfahren möchte, muss zunächst sich selbst Vertrauen schenken.
Die Entwicklungsschritte von Kindern:
• Jedes Kind entwickelt sich individuell –
auch im Hinblick auf seine Entwicklungsgeschwindigkeit.
Eine idealtypische Entwicklung eines „Durchschnittskindes“ gibt es nicht.
• Jedes Entwicklungsmerkmal eines Kindes ist im Vergleich mit einem anderen Kind
im gleichen Alter unterschiedlich ausgeprägt.
Diese Erkenntnis hat dazu geführt, dass es keine starren „Entwicklungstabellen“ mehr gibt.
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3
Was Kinder brauchen
Kinder brauchen Zeit & Ruhe
Kinder wollen die Welt um sich herum entdecken.
Es scheint für Kinder nichts zu geben, was uninteressant sein könnte:
Der krabbelnde Käfer an der Hauswand, die glitzernden Steine auf dem Weg,
der Bagger auf der Baustelle, die Vielfalt im Kaufhaus, die Katze auf der Wiese,
die unterschiedlichen Menschen im Bus, usw.
Um diese Vielfalt an Wahrnehmungen aufzunehmen brauchen Kinder Zeit – viel Zeit.
Leider haben Kinder häufig den Eindruck, dass sie sich auf einer Schnellstraße befinden.
Da heißt es: „Komm endlich weiter“, „wie lange willst du denn noch hier stehen?“,
„Trödel nicht so rum“, . . .
Erwachsene haben meistens andere Ziele als ihre Kinder.
Es stellt sich die Frage, warum viele Eltern ihren Kindern so wenig Zeit für Erlebnisse lassen.
Vielleicht ist es der Verlust von Fähigkeiten, sich über „kleine Dinge“ zu freuen.
Auch Ruhe ist in vielen Familien ein aussterbender Begriff.
Selbst wenn Kinder in ihren Kinderzimmern ganz in Ruhe spielen, scheint das für viele Eltern
ein Impuls zu sein, zu schauen, ob alles noch in Ordnung ist.
Ruhe beunruhigt . . .
. . . und Zeit ist kostbar
Nehmen Sie sich Zeit für die Kinder.
Nehmen Sie sich Zeit zum Spielen, zum Lesen.
Nehmen Sie sich Zeit zum Träumen und zum Lachen.
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Was Kinder brauchen
Liebevolle und beständige Bindungen & Beziehungen
Oft haben wir den Kontakt, die Bindung und Beziehung zu Kindern oder Jugendlichen
verloren. Wie können wir nun Jugendliche gewinnen, bzw. zurückgewinnen?
Wir müssen den Kindern und Jugendlichen eine echte Beziehung anbieten.
Eine starke, fürsorgliche Beziehung zu einem Erwachsenen.
Es geht darum die Bindungsinstinkte unserer Kinder und Jugendlichen zu aktivieren.
Das wird für Eltern, Lehrer, Trainer etc. zur wichtigsten Interaktion in der Arbeit
mit Kindern und Jugendlichen.
Die Urform dieser Interaktion kennen wir sehr gut - bei Babys.
Hier ist es auch sehr gut von Bindungsforschern untersucht.
Ich als Erwachsener muss aktiv werden.
Bei einem Baby wissen wir instinktiv, dass wir nicht automatisch eine Beziehung haben.
Wir wissen auch, wenn wir ohne funktionierende Beziehung an das Baby herangehen,
bedeutet das starken Stress für das Baby. Wir müssen es also erst für uns gewinnen.
Und genauso ist es auch beim Heranwachsenden, beim Jugendlichen in der Pubertät.
Je unreifer der Jugendliche, umso wichtiger ist es.
Wie machen wir es denn bei einem Baby?
Das erste ist der Augenkontakt. Manche Babys sind da sehr zurückhaltend manche Jugendliche auch. Unsere Aufgabe ist es Augenkontakt herzustellen.
Beim Jugendlichen vergessen wir oft diese Regel und wir beginnen mit einer Interaktion.
Wir vergessen, dass wir ohne Augenkontakt von einer funktionierenden
Beziehung weit entfernt sind. Also sagen wir oft: „Schau’ mich an“, „pass auf“, „hör’ zu“.
Wir versuchen die Aufmerksamkeit der Jugendlichen zu befehlen und damit erzeugen wir
Widerstand. Wer als Lehrer sagt: „alle herschauen“, ohne dass er vorher die Jugendlichen
zu sich hergeholt hat, erreicht damit eher Desinteresse und Widerstand.
Die Jugendlichen sind nicht bei ihm. Sie schauen ihn zwar an - sind aber weit weg.
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Was Kinder brauchen
Liebevolle und beständige Bindungen & Beziehungen
Wie erreichen wir den Augenkontakt?
Wir schauen, wo die Aufmerksamkeit des Kindes oder des Jugendlichen ist
und knüpfen dort an.
Das heißt: Sie reden ein paar Sätze darüber, womit der Jugendliche gerade beschäftigt ist
und dann lenken Sie seine Aufmerksamkeit um.
Der nächste Schritt - wenn wir den Augenkontakt haben:
Die Augen zum Lächeln bringen! Beim Baby weiß jeder, wie das geht.
Wir machen alles mögliche, um ein Baby zum Lächeln zu bringen.
. . . und wenn das Baby zurücklächelt wissen wir: jetzt darf ich näher ran.
Warum versäumen wir das bei Jugendlichen?
Im nächsten Schritt versuchen wir ein Nicken zu kriegen.
Denn wir wissen, wenn sie uns nicht zustimmen wie sollen wir dann weiterkommen?
Das alles wissen Sie auch bei Ihren Partnern.
Stellen Sie sich vor, Ihr Partner oder Ihre Partnerin fängt plötzlich an, sich merkwürdig
zu verhalten: Er oder sie schaut Ihnen nicht mehr in die Augen, wehr körperliche Nähe ab,
ist einsilbig und gereizt und geht Ihnen aus dem Weg.
Stellen Sie sich nun vor, dass Sie bei Ihren Freunden oder Freundinnen Rat suchen.
Im Gespräch wäre Ihnen klar, dass es sich um ein Beziehungsproblem handelt.
Warum sprechen wir denn bei Jugendlichen dann so oft über Verhaltensprobleme?
Was uns bei Erwachsenen so klar ist, verwirrt uns, wenn es zwischen Erwachsenen
und Jugendlichen auftritt.
Sie kriegen also beim Jugendlichen ein Nicken - dann können Sie weitergehen.
Also noch einmal - was ist wichtig:
Sie haben Augenkontakt – erhalten ein Lächeln und ein Nicken.
So bereiten Sie den Kontakt mit einem Jugendlichen vor.
Aber! Wie und wann treten wir oft mit einem Jugendlichen in Kontakt?
Wenn es Ärger gibt. Und was machen wir dann? Wir kommen sofort zur Sache.
Wir sprechen das an, was uns ärgert oder stört. Aber so haben wir keinen
Beziehungskontext,
den wir brauchen, bevor wir zur Sache kommen können.
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Was Kinder brauchen
Bindung & Orientierung
Wir sehen uns gerne als Verstandeswesen. Und dennoch ist der denkende Teil
unseres Gehirns nur eine „dünne Schicht“, wohingegen ein weitaus größerer Teil
der Schaltkreise in unserem Gehirn für die psychologischen Dynamiken der Bindung
und Beziehung zuständig ist.
Beziehungen, die ermöglicht werden sollen:
Die Beziehung mit sich selbst
Die Beziehung zu den Eltern und zu der weiteren Familie
Beziehung zu Lehrern, Mentoren etc.
Beziehung zwischen den Jugendlichen
(in der Hierarchie der Fürsorglichkeit - ältere mit jüngeren)
Nicht unbedingt nur mit Gleichaltrigen – das führt zu Konkurrenz.
Ältere mit jüngeren führt zu Fürsorge etc.
Bindung und der Orientierung gehören eng zusammen.
Wenn Kinder größer werden, dann wächst auch ihr Orientierungsbedürfnis.
Sie müssen einen Sinn dafür entwickeln, wer sie sind, was real ist, was gut ist,
warum Dinge geschehen und was sie bedeuten.
Gelingt es uns nicht, uns zu orientieren, so leiden wir an Orientierungslosigkeit,
an psychischer Verirrung - ein Zustand, den es um beinahe jeden Preis zu vermeiden gilt.
Kinder und Jugendliche sind unfähig, sich allein zu orientieren; sie benötigen Hilfe
Die Eltern und andere Erwachsene, beispielsweise Lehrer, sind für Jugendliche
am besten als Orientierungspunkte geeignet.
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Was Kinder brauchen
Bindung & Orientierung – konkurrierende Bindungen
Müssten Kinder und Jugendliche nicht Bindungen zu ihren Eltern und Lehrern
sowie gleichzeitig zu ihren Altersgenossen haben können?
Das ist nicht nur möglich, sondern auch wünschenswert - solange diese verschiedenen
Bindungen nicht miteinander konkurrieren. Denn wenn Primärbindungen konkurrieren,
wird eine von ihnen das Nachsehen haben.
Von den konkurrierenden Bindungen, welche die Autorität der Eltern und Lehrer untergraben,
ist die zunehmende Fokussierung unserer Jugendlichen auf Gleichaltrige am stärksten.
Zu starke oder gar ausschließliche Bindung zu Gleichaltrigen ist jedoch schädlich.
Jugendliche können sich nicht gleichzeitig an Erwachsenen und an anderen Jugendlichen
orientieren. Man kann nicht gleichzeitig zwei sich widersprechenden Wegbeschreibungen
folgen. Das Gehirn des Jugendlichen ist gezwungen, sich zwischen der Werten der
Erwachsenen und denen Gleichaltriger zu entscheiden.
Sollen denn Jugendliche keine gleichaltrigen Freunde haben?
Ganz im Gegenteil - solche Verbindungen sind natürlich und erfüllen einen gesunden Zweck.
Aber in unserer Gesellschaft ersetzen Bindungen zwischen Gleichaltrigen sehr oft
die Beziehungen zu Erwachsenen als primäre Orientierungsquellen.
Unnatürlich ist nicht der Kontakt zwischen Gleichaltrigen an sich, sondern die Situation,
dass mittlerweile der größte Einfluss auf die Entwicklung der Jugendlichen von anderen
Jugendlichen ausgeht.
Die Gleichaltrigenorientierung ist heutzutage so allgegenwärtig, dass sie sich zur Norm
entwickelt hat. Viele Psychologen und Pädagogen betrachten sie inzwischen als natürlich.
Aber was normal ist - im Sinne einer Norm entsprechend - ist nicht unbedingt
natürlich oder gesund.
„Aber ist es nicht so, dass wir loslassen müssen?“, fragen viele Eltern und auch Lehrer.
„Ist es nicht so, dass unsere Kinder von uns unabhängig werden müssen?“
Ganz gewiss - allerdings erst, wenn unsere Aufgabe erfüllt ist.
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3
Was Kinder brauchen
Die wesentlichen Säulen für eine gesunde Entwicklung
Liebe
erfahren
Zeit & Ruhe
erfahren
Vertrauen
erleben
Neugierde
erleben
Sicherheit
spüren
Mitsprache
haben
Respekt
erleben
Was Kinder brauchen
Gewaltfreiheit
erfahren
Achtung
erleben
Gefühle
erleben
verstanden
werden
Optimismus
erfahren
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Was Kinder brauchen
Die wesentlichen Säulen für eine gesunde Entwicklung
Kinder, deren seelische Grundbedürfnisse weitgehend befriedigt wurden,
erlangen eine Einstellung zu sich und ihrer Welt, die dadurch gekennzeichnet sind:
• Ich bin (wer)
• Ich kann (was)
• Ich habe (etwas Bedeutsames)
Ich bin jemand, der sich von anderen Menschen und der Welt angenommen,
Respektiert und geliebt fühlt und deshalb auch mit anderen Menschen,
Tieren und der Natur respektvoll umgehen kann.
Ich kann mein Verhalten auch in schwierigen Situationen weitgehend kontrollieren und steuern.
Ich kann meine unterschiedlichen Gefühle zulassen.
Ich kann stolz auf meine eigenen Leistungen sein
Ich habe die Sicherheit in mir, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.
Ich habe die Neugierde in mir, mein Leben lang dazulernen zu wollen.
Ich habe die Stärke und den Mut, immer wieder dort neue Wege zu gehen, wo es nötig scheint.
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Was Kinder brauchen
Die wesentlichen Säulen für eine gesunde Entwicklung
Kinder brauchen Liebe, Mitgefühl, Einfühlungsvermögen, Zuwendung, Respekt –
jeder von Ihnen könnte die Liste noch weiter fortsetzen.
Keine andere Spezies kommt mit einem derart offenen, lernfähigen und durch eigene
Erfahrungen in seiner weiteren Entwicklung und strukturellen Ausreifung formbaren
Gehirn zur Welt wie der Mensch. Nirgendwo im Tierreich sind die Nachkommen beim
Erlernen dessen, was für ihr Überleben wichtig ist, so sehr und über einen vergleichbar langen
Zeitraum auf Fürsorge und Schutz, Unterstützung und Lenkung durch die Erwachsenen
angewiesen, und bei keiner anderen Art ist die Hirnentwicklung in solch hohem Ausmaß
von der emotionalen, sozialen und intellektuellen Kompetenz dieser erwachsenen
Bezugspersonen abhängig wie beim Menschen.
Nie wieder im späteren Leben ist ein Mensch so offen für neue Erfahrungen,
So neugierig, so begeisterungsfähig und so lerneifrig und kreativ wie während der Phase
der frühen Kindheit. Aber dieser Schatz verkümmert allzu leicht und allzu vielen
Kindern geht ihr Entdeckergeist und ihre Lernfreunde bereits verloren, bevor sie in
die Schule kommen. Die Ursache dieses allzu häufig zu beobachtenden Phänomens
sind nicht die Kinder und auch nicht die Gehirne dieser Kinder.
Jedes Kind ist einzigartig und verfügt über einzigartige Potentiale zur Ausbildung
eines komplexen, vielfach vernetzten und zeitlebens lernfähigen Gehirns. Ob und wie
es ihm gelingt, diese Anlagen zu entfalten, hängt ganz wesentlich von den
Entwicklungsbedingungen ab, die es vorfindet, und von den Erfahrungen, die es
während der Phase seiner Hirnreifung machen kann. Jedes Kind braucht ein
möglichst breites Spektrum unterschiedlichster Herausforderungen, um die in seinem
Gehirn angelegten Verschaltungen auszubauen, weiterzuentwickeln und zu festigen,
und jedes Kind braucht das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, um neue
Situationen und Erlebnisse nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung
bewerten zu können. Beides gibt es nur in der intensiven Beziehung zu anderen
Menschen, und es sind die frühen, in diesen Beziehungen gemachten und im
kindlichen Hirn verankerten psychosozialen Erfahrungen, die seine weitere
Entwicklung bestimmen und sein Fühlen, Denken und Handeln fortan lenken.
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Was Kinder brauchen
Die wesentlichen Säulen für eine gesunde Entwicklung
Die eigenen Eltern sind normalerweise diejenigen Personen, denen Kinder,
wenn sie auf die Welt kommen, zunächst vorbehaltlos vertrauen. Wenn sich das Baby
von ihnen verstanden fühlt und seine Bedürfnisse nach Nahrung, Wärme, Zärtlichkeit
und Anregungen erfüllt werden, fühlt es sich in ihrer Gegenwart geschützt und geborgen.
Diese Sicherheit-bietende Bindungsbeziehung ist die Voraussetzung dafür, dass ein
Kind bereits im ersten Lebensjahr so viel Neues aufnehmen, Neues ausprobieren,
und die dabei gemachten Erfahrungen in seinem Hirn fest verankern kann.
Vertrauen ist das Fundament, auf dem alle unsere Entwicklungsprozesse aufgebaut werden.
Dieses Vertrauen muss während der Kindheit auf drei Ebenen entwickelt werden:
1) als Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten, Fähigkeiten und Fertigkeiten
zur Bewältigungen von Problemen
2) als Vertrauen in die Lösbarkeit schwieriger Situationen gemeinsam mit anderen Menschen
3) als Vertrauen in die Sinnhaftigkeit der Welt und ihr Geborgen- und Gehaltensein
in der Welt.
Eltern, die selbst verunsichert sind oder ständig verunsichert werden, bieten die
schlechtesten Voraussetzungen dafür, dass dieses Vertrauen wachsen kann.
Was Kinder also entweder stark oder schwach macht, hängt von den Stärken
und Schwächen der Erwachsenen ab, unter deren Obhut sie aufwachsen.
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Bildung
Bildung – das magische Zauberwort
Das magische Zauberwort der heutigen Elementarpädagogik heißt unzweifelhaft Bildung.
Und so dreht sich bei vielen Eltern und in Kindergärten alles um die Frage
„Bildung von Anfang an“.
Da gibt es schon in Kindergärten Bildungsbücher, Bildungsdokumentationen usw.
Aus Kindern sollen „Lernforscher“ gemacht werden, Kindergärten werden zu „Lernwerkstätten“,
Das Kinderleben wird eine Aneinanderreihung von „pädagogischen Arrangements“.
Es wird für Kinder gedacht und für sie geplant. Es wird für Kinder gehandelt,
anstatt zu begreifen, dass das Kind „Ausgangs- und Mittelpunkt“ ist.
Kinderorientierte Bildung
Richtig verstandene Bildung ist immer eine „Aneignung der Welt durch das Kind selbst“
und eine Anregung aller Kräfte des Kindes durch die an der Pädagogik bindungsbeteiligten
Erwachsenen.
Es geht um den Auf- und Ausbau von Fähigkeiten und nicht um „Schulung von Fertigkeiten“,
die sich beispielsweise in folgenden Verhaltensweisen eines Menschen zeigen:
• Neugierde an Entwicklungsmöglichkeiten
• Empathie und Mitleid empfinden
• Selbstmotivation und Engagement zeigen
• Selbstverantwortung und Mitverantwortung übernehmen
• Freude dabei spüren, Wissen zu erwerben
• Mit unvorhersehbaren Situationen fertig werden
Bildung als Persönlichkeitsentwicklung zu verstehen erfordert daher immer wieder
die Konzentration auf das Ziel, Kindern zu ihrer eigenen, unverwechselbaren Identitätsfindung
zu verhelfen und eine Umgebung zur Verfügung zu stellen, in der Kinder ihren Selbstwert
entwickeln, Zuversicht aufbauen und Zusammenhänge entdecken.
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4
Dem Lerngenie der Kinder auf der Spur
Wie Kinder lernen
Kleine Kinder kennen keine Lernschwierigkeiten.
Sie leiden weder an schlechtem Gedächtnis, noch haben sie Probleme, Neues zu verarbeiten.
Innerhalb kurzer Zeit lernen sie die Muttersprache .
Sie besitzen die Fähigkeit, Laute zu hören und zu imitieren - sie speichern die Laute
und erkennen auch die grammatikalische Struktur.
Welche Leistung dahinter steckt, wird deutlich, wenn Sie ein Grammatikbuch aufschlagen.
Das, was darin steht, lernt ein Kind mühelos.
Am besten lernen Kinder, wenn Lernen mit Spielen verbunden ist.
Denn alles, was Kinder sehen, hören und fühlen wird schnell zum Spiel.
Das Bauen eines Turms aus Bauklötzen, das Werfen eines Steins oder das Klettern
auf einen Baum - sofort entsteht ein Spiel. Kinder üben unermüdlich,
wenn sie etwas lernen wollen.
Das Spiel hat im Leben eines Kindes nichts mit Freizeitgestaltung zu tun.
Das Spiel ist der „Hauptberuf“ eines Kindes.
Das Ziel der ersten Lebensjahre ist, das kindliche Gehirn zu vernetzen.
Je umfassender das Gehirn dabei angesprochen wird, desto besser erfolgt das Lernen.
Dieses Lernen wird spätestens mit Beginn der Schule durch ein systematisches Lernen
ergänzt oder ersetzt, das an vorgegebene Lerninhalte gebunden ist.
Nicht immer gelingt es in der Schule, die hohe Lernmotivation der Schulanfänger
aufrechtzuerhalten und auf das Lernen in der Schule zu übertragen.
Nur im Stillsitzen kann man richtig lernen. Konzentration auf einen „Gegenstand„ Vokabeln auswendig lernen. - vielen solchen Vorurteilen begegnen Kinder,
wenn sie in die Schule kommen.
Kinder lernen jedoch auf unterschiedliche Weise und die Kunst des Unterrichts besteht darin,
den Kindern verschiedene Zugänge zu den Lerninhalten zu ermöglichen. Das heißt,
dass Kinder die Möglichkeit haben sollen, mit allen Sinnen zu lernen.
Geschichten, Bilder und eigene Erfahrungen schaffen daher einen geeigneteren Zugang
zu einem Thema als eine reine sach- und faktenorientierte Darstellung.
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Dem Lerngenie der Kinder auf der Spur
Wie Kinder lernen
Was bedeutet das für das Lernen mit Kindern?
Spielen ist Lernen
Kinder brauchen keine neuen „Lernprogramme" - und schon gar nicht am Computer.
Denn spielend gelernt wird nicht am Computer oder auf irgendwelchen Tischen,
sondern dort, wo das Leben pulsiert:
In Höhlen, auf Bäumen, in selbstgebauten Hütten, beim Sägen und Hämmern,
beim Schätze entdecken, bei geheimnisvollen Erkundungen und in spannenden Projekten.
Denn dort spielt sich das wirkliche Leben ab.
Und Kinder müssen ohne Angst lernen.
Denn Angst macht krank, unkonzentriert, anpassungsbereit und schweigsam.
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Dem Lerngenie der Kinder auf der Spur
Die Zauberkraft des Spiels
Kinder müssen fast alles, worauf es in ihrem späteren Leben ankommt,
durch eigene Erfahrung lernen. Fördern lässt sich dieser Prozess nur dadurch,
dass man Räume und Gelegenheiten schafft, wo Kinder sich selbst erproben können.
Am besten gelingt das im Spiel.
Zu den Erkenntnissen der Hirnforschung gehört die Entdeckung eines gehirneigenen
Belohnungssystems. Kindliche Neugier, Entdeckerfreude und die damit verbundenen
Glückserlebnisse führen zur Aktivierung dieses Belohnungssystems.
Wird dem Spiel eine hohe Bedeutung beigemessen, dann werden nicht nur Fähigkeiten
wie Konzentration, Fantasie und Ausdauer neuronal gebahnt, sondern es wird auch
gleichzeitig die im Spiel erfahrene Freude und Begeisterung mit diesen Fähigkeiten gekoppelt.
Damit werden die grundlegenden Bahnungsprozesse im kindlichen Gehirn angelegt,
Die später darüber entscheiden, ob sich ein Kind gerne neuen Aufgaben zuwendet
und konzentriert lernen kann.
Allerdings scheint die Fähigkeit zu spielen sowohl bei vielen Kindern als auch bei Eltern
in beunruhigendem Maße verloren zu gehen.
Viele Eltern spielen ungern. Die Folge ist, dass viele Kinder nicht mehr über ausreichend
positive Erfahrungen ihrer Selbstwirksamkeit verfügen.
Das Haupterfahrungsfeld für Babys und Kinder ist jedoch das Spiel.
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Dem Lerngenie der Kinder auf der Spur
Fördern – nicht überfordern
Einer der bekanntesten Gehirnforscher Deutschlands hat es mir ganz deutlich gezeigt:
Wenn ein vierjähriges Kind eine Blume erforscht, dann erkennen wir mithilfe
der bildgebenden Verfahren der Hirnforschung, eine Fülle von Gehirnaktivitäten.
In allen Gehirnarealen leuchtet es auf.
Und nun ein anders Bild: Dasselbe Kind auf einem Stuhl im Kindergarten.
Es folgt dem Englischunterricht zur Frühförderung.
Wie spielerisch sich die Erzieherinnen auch bemühen: Es sind zwei, höchsten drei
Gehirnbereiche, die aufleuchten, der Rest bleibt dunkel.
Das macht uns deutlich, was die Lernpsychologie seit Langem weiß:
Alles Lernen ist Erfahren. Womit sich ein Kind beschäftigt, wovon es fasziniert,
erfreut oder auch erschüttert ist – all das stellt Verknüpfungen im Hirn her.
Stellen Sie sich diese Szene noch einmal ganz deutlich vor.
Ein Kind, vier Jahre alt, erlebt mit allen Sinnen eine Blume.
Jetzt lernt das Kind. In die Beobachtung mischen sich die Kindergefühle.
Jetzt können wir nur hoffen, dass es nicht gerade in einem Kindergarten
mit Förderunterricht sitzt. Dann nämlich ist es wahrscheinlich, dass die Pädagogin
daneben sitzt und ganz spielerisch und freundlich sagt: „Look, this is a flower.
Say it again: a flower“. Was immer dieses Kind durchströmte – jetzt ist es vorbei.
Das soll fördern? Das Auswendig-Behalten von Vokabeln?
Ja, lesen Sie genau: „auswendig behalten“.
Kinder sollen aber etwas innenwendig erleben und festhalten!
Lernen mit drei, vier Jahren – das heißt nicht: Ein Kind hat Informationen aufgenommen
und speichert diese jetzt.
Lernen in diesem Alter bedeutet eine „Aneignung von Welt“, ein Vertrautwerden mit der Welt.
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Einfach zum Nachdenken
Worauf Eltern achten sollten
Nehmen Sie sich – auch am Ende eines anstrengenden Tages – Zeit,
sich folgende Fragen zu stellen:
• Wie haben meine Kinder den heutigen Tag mit mir erlebt.
Waren sie glücklich oder unglücklich, heiter oder bedrückt, optimistisch oder pessimistisch?
Was habe ich als Elternteil dazu beigetragen, dass die Situation so ist, wie sie ist?
• Habe ich meine Kinder verstanden und ihre Entwicklungsmöglichkeiten unterstützt?
• Habe ich meine Kinder ernst genommen und konnte ich ihre Anliegen spüren und erkennen?
• Ist es mir gelungen, das Selbstwertgefühl meiner Kinder zu stärken
oder habe ich Verhaltensweisen gezeigt, die das Selbstwertgefühl herabgesetzt haben?
• Konnten meine Kinder wirklich zeigen, welche Fähigkeiten in ihnen stecken?
• War ich meinen Kindern gegenüber gerecht?
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Einfach zum Nachdenken
. . . Einfach zum Nachdenken
„Kinder brauchen Gemeinschaften,
in denen sie sich geborgen fühlen,
Aufgaben, an denen sie wachsen
und Vorbilder, an denen sie sich orientieren können.“
Prof. Dr. Gerald Hüther
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Seele and Geist
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