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ist.
Heute wissen,
ausgabe 3/2013
Einfach sein
Das Milliarden-Euro-Gehirn
Welche Potentiale die Enträtselung
des Gehirns mit sich bringt
Wie drahtlose Kommunikation
unseren Alltag erleichtert
Seite 20
Perpetuum mobile
Seite 4
Mobile Business macht die Arbeit
flexibler und effizienter
Seite 33
Zukunftsmanager n Editorial
Ausgabe 3/2013
Liebe Zukunftsdenker,
Achtung, Datentsunami! Und das in Ihrem Kopf! Während Sie das hier lesen, rauschen Unmengen von Daten durch Ihr Gehirn. Das Auge nimmt Buchstaben auf, das Gehirn verarbeitet sie zu
einer nutzbaren Information und ordnet sie ein. Parallel nehmen Sie vermutlich Geräusche
wahr, fühlen vielleicht die Wärme von Sonnenstrahlen, empfinden Durst oder Hunger, nehmen
den Duft von Kaffee auf oder sprechen mit einem Kollegen. Alles gleichzeitig, alles gesteuert
vom Gehirn. Und als wäre das nicht genug: Das Gehirn verbraucht dabei noch nicht einmal ein
Zehntel der Energie des Computers, mit dem Sie unser Magazin heruntergeladen haben.
Weil das menschliche Gehirn solch ein Wunderwerk und bislang erst zu einem kleinen Teil erforscht ist, will nun ein internationales Forschungsprojekt das Gehirn in einem Computer modellieren. Das „Human Brain Project“ erhofft sich damit Erkenntnisse etwa im Kampf gegen Alzheimer oder Parkinson. Dabei soll das verstreute Wissen von Neurowissenschaftlern, Genetikern,
Informatikern, Robotikexperten und Ethikern wie in einem großen Puzzle zusammengefügt
werden. Ein gigantisches Projekt.
Auch wir beschäftigen uns in der vorliegenden Ausgabe mit diesem Zukunftsvorhaben. Lesen
Sie, was genau dahintersteckt, welche Bedeutung die Initiative für unsere Zukunft haben kann,
welche Herausforderungen und welche Potentiale sich darin verbergen und welche schlauen
Köpfe das Gehirn beschreiben wollen.
Schlaue Köpfe erwarten Sie auch wieder bei unserem Unternehmergipfel Innovation, der am
28. Juni in Frankfurt am Main stattfindet. Wir laden Sie ein, die Veranstaltung zu besuchen
und Ihre Neuronen durch Gespräche, Diskussionen und Austausch anzuregen. Weitere Informationen inklusive Anmeldung finden Sie unter www.innovationsgipfel.de.
Bis dahin wünschen wir Ihnen viel Gewinn bei der Lektüre dieser Ausgabe.
Markus Garn
Daniel Schleidt
Leiter Innovationsprojekte
Leiter Redaktion Innovationsprojekte
F.A.Z.-InstitutF.A.Z.-Institut
2
Zukunftsmanager n Inhaltsverzeichnis
Ausgabe 3/2013
Titel: Das Milliarden-­
Euro-Gehirn
Strategie &
Kultur
Seite 4
Kurz notiert
Seite 23
Das Milliarden-Euro-Gehirn
Die Aufgabe bleibt
Welche Potentiale die Enträtselung
des Gehirns mit sich bringt
Welche technologischen, ökonomischen
und sozialen Brüche möglich scheinen und
welche Auswirkungen sie auf die Wertschöpfung haben
Seite 10
Ben und die neue Hand
Szenario zur Frage, wie die Erkenntnisse
aus der Hirnforschung nutzbar gemacht
werden könnten
Seite 16
Alles ist vernetzt
Wie Experten zur Enträtselung des G
­ ehirns
stehen
Lebenswelten
Seite 20
Es könnte einfach sein
Wie drahtlose Kommunikation unseren
Alltag erleichtert
Seite 28
Einstein einkaufen
Elf Miniszenarien zur Zukunft der Beratungsbranche
Seite 32
Ende der Vordenker?
In der Beratungsbranche mangelt es an innovativen Denk- und Beratungsmodellen –
findet auch Unternehmensberater Martin
Sonnenschein
Produkte &
Dienstleistungen
Seite 33
Perpetuum mobile
Mobile Business macht die Arbeit
flexibler und effizienter
3
News
Seiten 36, 37, 38
Bücher
Seiten 36, 37
Veranstaltungen
Seiten 36, 37
15 Fragen an
Seite 39
Impressum
Seite 41
Zukunftsmanager n Titel
Ausgabe 3/2013
4
Das MilliardenEuro-Gehirn
Von Clara Görtz
Ein langgehegter Menschheitstraum könnte
wahr werden: zu verstehen, wie unser
Gehirn funktioniert. Erkenntnisse aus der Forschung sollen Menschen mit unheilbaren
Krankheiten heilen und völlig neue Märkte
entstehen lassen. Für manch einen Ethiker
dagegen sind die Möglichkeiten ein Albtraum –
oder bedeuten zumindest viel Arbeit.
>
Zukunftsmanager n Titel
Ausgabe 3/2013
Im Kopf des jungen Mannes steckt ein kleiner Anschluss. Kabel führen zu einem Computer, der die Signale aus dem Gehirn empfängt und interpretiert. Über die Schnittstelle zwischen Supercomputer und Gehirn
klinkt er sein Bewusstsein in eine Softwarewelt ein und versucht, die Menschen aus ihrer Versklavung durch intelligente Maschinenwesen zu befreien. Der Science-FictionFilm „The Matrix“, aus dem diese Szene
stammt, war vor mehr als einem Jahrzehnt
ein Sensationserfolg an den Kinokassen und
hat Filmgeschichte geschrieben. Das lag
nicht nur an den zahlreichen innovativen
Spezialeffekten, sondern auch daran, dass eine jahrhundertealte Vision plötzlich auf der
Leinwand erschien. Dabei handelte es sich
bei „The Matrix“ nicht um den ersten Versuch. Neben dem Hollywoodstreifen gibt es
etliche andere Filme, Romane und sogar Musikstücke, die dem „Traum“, dem Gehirn beim
Denken zuzuschauen und menschliches Sein
(am Computer) zu simulieren, zumindest in
der Fiktion Ausdruck verleihen.
Zukunft zum Anfassen:
Handprothesen wie diese
von Ottobock werden
immer intelligenter.
Aus Teilen dieser Fiktion könnte in einigen
Jahren Realität werden. Denn einige Forschungsprojekte gehen der Frage nach, wie
sich Denkprozesse am Computer abbilden
sowie analysieren lassen und wie das Gehirn
in seiner Komplexität überhaupt funktioniert. Eines der aktuell prominentesten und
am häufigsten diskutierten Vorhaben ist das
europäische „Human Brain Project“ (HBP).
Die Europäische Kommission hat das Projekt
5
vor kurzem als eines von zwei Großvorhaben
zur Förderung im Rahmen der „Future and
Emerging Technologies Flagship“-Initiative
ausgewählt und fördert es über zehn Jahre
hinweg mit insgesamt 1 Milliarde Euro.
Das ehrgeizige Ziel der rund 250 Forscher diverser Disziplinen aus 23 Ländern: Sie wollen
die komplexen Funktionsprinzipien des
menschlichen Gehirns Stück für Stück nachbilden, es mit Hilfe neuer Computerarchitekturen simulieren und so ein computerbasiertes Modell gewinnen. Dafür vernetzen sie
Ansätze aus der Hirnforschung und der Informationstechnologie miteinander. Das virtuelle Gehirn soll es Medizinern künftig erleichtern, die Struktur und Arbeitsweise des gesunden, aber auch des erkrankten Gehirns zu
verstehen sowie neue Medikamente zu entwickeln und zu testen. Auch die Robotik und
das sogenannte „Neuromorphic Computing“
sollen von der Simulation des Gehirns profitieren. Das Projekt ist einzigartig, weil es das
Gehirn erstmals als Ganzes untersucht und
es nicht, wie in anderen Forschungsansätzen,
in kleine Ausschnitte unterteilt. „Es handelt
sich um den weltweit ersten koordinierten
Ansatz“, sagt Karlheinz Meier, Kodirektor des
HBP und Professor am Heidelberger Kirchhoff-Institut für Physik, wo eine von sechs
HBP-Projektplattformen aufgebaut wird.
Die Potentiale sind groß – und aus diesem
Grund haben die USA schnell nachgezogen.
Präsident Barack Obama kündigte weni- >
Zukunftsmanager n Titel
Ausgabe 3/2013
ge Wochen nach Bekanntgabe der Sieger des
Flaggschiffwettbewerbs an, eine „Brain Activity Map“ initiieren und fördern zu wollen.
Gemeint ist damit eine virtuelle Karte, die
die Aktivität aller etwa 100 Milliarden Nervenzellen des Gehirns erfasst. Die beteiligten
Institute rechnen mit einer Förderung von 3
Milliarden US-Dollar, verteilt auf zehn Jahre.
Daneben gibt es viele weitere Forschungsinitiativen, die buchstäblich Licht in das dunkle
Rätsel um unser Gehirn bringen möchten. In
Jülich zum Beispiel durchleuchten Physiker
das Gehirn mit polarisiertem Licht und machen so die schützende Schicht sichtbar. Und
das US-amerikanische „Human Connectome
Project“ arbeitet daran, die Gesamtheit der
Verbindungen im Nervensystem zu erfassen.
Dafür legte die US-amerikanische Gesundheitsbehörde knapp 40 Millionen US-Dollar
auf den Tisch.
Kaum ein Unterschied:
Auch aus kosmetischer
Sicht haben Prothesen
viel zu bieten.
Die Zahl der Projekte und die enormen Summen, die dafür fließen, verraten, welch große
Relevanz der näheren Erforschung des Gehirns aus wissenschaftlicher Sicht beigemessen wird. Und weil das Gehirn mit etlichen
Verhaltensweisen und Mechanismen verknüpft ist, die unser Leben entscheidend beeinflussen, erhoffen sich auch zahlreiche Unternehmen diverser Branchen neue Erkenntnisse für neue Produkte. Selbst die Entstehung vollkommen neuer Märkte scheint
denkbar. All diese Chancen bieten Raum für
die kreativsten Spekulationen und schaffen
Anreize für die wildesten Ideen. Einer ethi-
schen Diskussion über die Analyse und Simulation unseres Denkapparats kommt deshalb
womöglich eine noch wichtigere Funktion zu
als bei anderen Vorhaben – schließlich geht
es um nichts Geringeres als die Grundlage
für alles, was wir tun, wollen und empfinden.
Doch welche Möglichkeiten sind überhaupt
mit der Enträtselung des Gehirns verbunden?
Medizin 3.0
Der Blick der Wissenschaftler des HBP richtet
sich vor allem auf die Großhirnrinde. Obwohl
nur wenige Millimeter dick, ist sie die wichtigste Voraussetzung für die Evolution des
Gehirns. Wer den Menschen verstehen will,
muss wissen, wie die dünne Schicht aufgebaut ist und wie sie funktioniert. Denn nur so
kann man herausfinden, was genau passiert
ist, wenn etwas im Gehirn nicht funktioniert.
Wie zum Beispiel im Falle von etlichen sogenannten neurodegenerativen Erkrankungen,
also Krankheiten des Nervensystems. Dazu
zählen Alzheimer, Demenz und Parkinson.
„Die Hirnforschung könnte die Vermeidung
ebenso wie die Heilung dieser schweren
Krankheiten befördern. Entsprechend hoch
ist die gesellschaftliche Bedeutung diesbezüglicher Forschungsvorhaben“, sagt Robert
Gaßner vom Institut für Zukunftsstudien
und Technologiebewertung (IZT).
Im Rahmen der Leitvision „Das Denken verstehen“ des Bundesministeriums für Bildung
und Forschung hat er gemeinsam mit sei-
6
nem Kollegen Karlheinz Steinmüller mit einer Expertengruppe ein narrativ-normatives
Szenario entwickelt. Es widmet sich der Frage, wie die Erkenntnisse aus der Hirnforschung nutzbar gemacht werden könnten
(einen Auszug aus dem Szenario können Sie
ab Seite 10 lesen) – zum Beispiel in der Medizin, aber auch in der Informatik, der Robotik
und der Pädagogik. Karlheinz Meier vom
„Human Brain Project“ verrät: „Die Forschung
am Hirn könnte in Medikamente münden,
die Hirnkrankheiten heilen. Letztlich könnte
sogar eine neue Branche entstehen, bei der
es sich um eine völlig andere Pharmaindustrie handelt als die, die wir aktuell kennen.
Mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen,
denn das ist alles noch sehr spekulativ.“ Der
Physiker weiß, dass die Hirnforschung schnell
zu abenteuerlichen Visionen und Ideen verleitet, zeigt sich davon aber unbeeindruckt
und lässt sich zu keiner Prognose verleiten.
„Eine Aussage darüber, inwiefern unser Projekt unser Leben in einigen Jahren oder Jahrzehnten verändern wird, wäre ebenfalls
hochspekulativ. Ich kann nur so viel sagen:
Bis 2023 werden wir die im Projektvorschlag
beschriebene Infrastruktur aufbauen und
der Forschung zur Verfügung stellen.“
Seine Zurückhaltung ist verständlich.
Schließlich geht es im „Human Brain Project“
vor allem um die Grundlagenforschung und
darum, zunächst eine Infrastruktur für die
Forschung aufzubauen. Trotzdem weiß der
Kodirektor des „Human Brain Project“, >
Zukunftsmanager n Titel
» Mit Hilfe der Prothese
kann man die Bewegungen
so ausführen wie vor der
Amputation, also intuitiv
und simultan. «
Ausgabe 3/2013
dass die Ergebnisse für die Industrie höchst
spannend sind. Zum Beispiel im Bereich der
Prothetik. „Denkbar sind intelligente Prothesen, die mit dem Nervensystem zusammenarbeiten, sensorisches Feedback geben und
auch über eingebaute künstliche Reflexe verfügen. Prothesen werden sich in einigen Jahren auch schon direkt mit den Gedanken
steuern lassen“, glaubt IZT-Experte Gaßner.
Etwas weniger euphorisch ist Karsten Ley. Er
leitet die Unternehmenskommunikation
beim Prothesen- und Rollstuhlhersteller Ottobock und glaubt nicht daran, „dass es kurzfristig eine alltagstaugliche, direkte Verbindung zwischen Gehirn und Prothese geben
wird“. Bereits heute lassen sich allerdings
Armprothesen mit den Gedanken steuern.
Von Ottobock stammt die weltweit erste
Entwicklung in diesem Bereich. Grundlage
für die Armprothese ist ein Verfahren, bei
dem motorische Nervenreste in einem Amputationsstumpf für die Prothese funktionell
genutzt und gezielt zur Brustmuskulatur
umgeleitet werden. Der Brustmuskel bildet
nach erfolgreicher Operation eine Schnittstelle zum Gehirn. Wenn der Patient also gedanklich eine Faust formt, krampft sich der
Brustmuskel zusammen, und die Handprothese bewegt sich. „Mit Hilfe der Prothese
kann man die Bewegungen so ausführen wie
vor der Amputation, also intuitiv und simultan“, so Ley. Noch werden die dafür notwendigen Sensoren auf die Haut gelegt. Ottobock arbeitet aktuell daran, die Sensoren mit
Hilfe einer neuen Operationsmethode unter
der Haut zu platzieren und die Prothesen so
noch genauer arbeiten zu lassen. Vielleicht
können Patienten bald sogar mit der Armprothese fühlen – auch daran arbeitet der
Es geht vorwärts: Für
neue Prothesen spielt die
Enträtselung des Hirns
eine entscheidende Rolle.
7
mittelständische Weltmarktführer. Einer echten Hand wird die Prothese damit immer
ähnlicher.
Optisch sind kaum Unterschiede zu erkennen. „Natürlich sollten insbesondere Handprothesen möglichst natürlich aussehen. Im
Bereich der kosmetischen Prothesen werden
winzigste Härchen auf der Oberfläche verarbeitet. Die farbliche Anpassung erfolgt am
natürlichen Hautbild des Anwenders. Es werden Struktur der Haut und Verlauf von Adern
und Sehnen nachempfunden. Somit erscheint eine kosmetische Prothese täuschend echt“, erklärt Ley.
Robotik 4.0
Im Bereich der Robotik, wo die Ergebnisse
aus der Hirnforschung für tiefgreifende Umbrüche sorgen könnten, ist dies anders. Dort
achtet man darauf, dass die Roboter immer
als Roboter erkennbar und optisch nicht mit
einem Menschen zu verwechseln sind. Abgesehen von dieser kosmetischen Einschränkung weist die Robotik große Potentiale auf.
Zum Beispiel sind Roboter denkbar, die ihren
heutigen Kollegen mit ihrer langsamen Software und ihrer stromhungrigen Elektronik
einfach davonlaufen und dabei die Beweglichkeit einer Maus an den Tag legen. Oder
Serviceroboter, die es älteren oder behinderten Menschen ermöglichen, trotz körperlicher Einschränkungen weiterhin in ihrem
gewohnten Umfeld zu leben. Doch gerade in
diesem Bereich gibt es viele Vorbehalte >
Zukunftsmanager n Titel
Mehr Informationen
Ein Video über das „Human Brain
Project“ können Sie sich hier
ansehen:
ÆÆIm Internet
Informationen über das Projekt
finden Sie hier:
ÆÆIm Internet
Informationen über Ottobock finden
Sie hier:
ÆÆIm Internet
Mehr über das Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung
erfahren Sie hier:
ÆÆIm Internet
Ausgabe 3/2013
und etliche unbeantwortete Fragen. Anders
als bei Prothesen sollte das menschenähnliche Aussehen der Roboter möglichst nur
stilisiert sein, „sonst sind sie den meisten
Menschen unheimlich“, rät Experte Gaßner
vom IZT. Seiner Meinung nach werden noch
viele Jahre vergehen, bis ein universell einsetzbarer Roboter in unseren Alltag einzieht:
„Roboter, die heute in der Lage sind, ein Glas
zu heben, ohne es zu zerdrücken, sind deswegen noch lange nicht fähig, es unbeschadet
auf beliebigen Unterlagen wieder abzustellen. Sobald zum Beispiel irgendwo ein Schatten auftaucht oder sich etwas bewegt, weiß
der Roboter nicht mehr weiter.“
Er betont, dass er neben der Lösung dieser
technischen Herausforderungen eine ethische Diskussion für unumgänglich hält. „Natürlich würden Serviceroboter in Zeiten des
Pflegenotstands eine interessante Alternative darstellen. Sie sollten aber nicht dazu dienen, menschliche Kontakte zu ersetzen, die ja
heute schon viel zu kurz kommen. Vielmehr
sollten sie den menschlichen Kontakt intensivieren helfen, indem sie das Pflegepersonal
von anderen Aufgaben entlasten.“ Gaßner
berichtet von einem Unternehmen, das an
Maschinen arbeitet, die Patienten waschen
sollen, und plädiert dafür, „zu klären, was wir
tatsächlich zukünftig von Automaten und
Robotern erledigt haben wollen. Diese Frage
sollte nicht allein von Produktentwicklern
beantwortet werden. Vielmehr muss ein gesellschaftlicher Diskurs darüber angesto- >
8
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Zukunftsmanager n Titel
Einen bedeutenden
Schritt nach oben – die-
ses Ziel verfolgt auch das
„Human Brain Project.“
Ausgabe 3/2013
ßen werden.“ Besonders kritisch sollte man
seines Erachtens sein, wenn Roboter bei Senioren oder Kindern zum Einsatz kommen sollen – erste Versuche macht der Japaner Takanori Shibata mir seiner Plüschtierrobbe Paro,
die eine Rechenleistung von zwei PCs besitzt
und über Sensoren auf Berührung und Sprache reagiert. Ihr Erfinder hat sie vor allem für
den Einsatz bei Demenzerkrankten entwickelt. In ausgesuchten Altenpflegeheimen
wird der Roboter nun in Deutschland getes­
tet. Soziologen der Fachhochschule Frankfurt
am Main haben den Probelauf initiiert.
„Insbesondere, wenn Kinder ins Spiel kommen, muss man sich Gedanken darüber machen, wie eine hinreichende Medien- und sogar Robotikkompetenz vermittelt werden
kann, um sicherzugehen, dass die Unterschiede zum realen Leben weiterhin klar
sind.“ Ohne dieses Bewusstsein könne im
schlimmsten Fall ein mechanistisches Weltund Selbstbild entstehen, das letztlich sogar
die menschliche Genuss- und Beziehungsfähigkeit schädige. „Man wird im Alltag unempfänglicher für den Zauber des unwiederbringlichen Moments, weil man glaubt, immer wieder auf Reset drücken zu können“,
sagt der Zukunftsexperte schmunzelnd.
Ernster wird er bei der Frage nach einer „Roboterethik“: „Wenn in ferner, ferner Zukunft
Roboter herstellbar wären, die dem Menschen in jeder Hinsicht quasibiologisch nachgebaut sind, dann würde natürlich irgendwann auch die Frage gestellt werden müs-
sen, ab welchem Punkt solchen Robotern
Menschenrechte
zugestanden
werden
müssten. Aber lange vorher wäre die Frage
nach dem Warum und dem Wozu einer solchen Robotikentwicklung zu klären.“
Informationstechnologie 5.0
Ob es zu Diskussionen wie diesen überhaupt
kommt, wird sich zeigen. Sicher ist indes,
dass die dezidierte Erforschung des Hirns
zahlreiche Potentiale mit sich bringt. Möglich wird dies nur mit Hilfe von neuen Computern. Denn die Simulationen des Hirns
brauchen viel Zeit. Um einen biologischen
Tag durchzurechnen, benötigt ein Supercomputer drei Monate.
Das will Karlheinz Meier vom Kirchhoff-Institut in Heidelberg im Rahmen des „Human
Brain Project“ ändern. Gemeinsam mit seinen Kollegen arbeitet er an sogenannten
neuromorphen Rechnern, die die Funktionsweise des Gehirns nachahmen. Sie basieren
auf den elektronischen Modellen neuronaler
Schaltkreise und orientieren sich in ihrem
Aufbau an neurobiologischen Strukturen des
Nervensystems. „Sie funktionieren fundamental anders als numerische Simulationen
auf konventionellen Hochleistungscomputern“, erklärt Meier. Dieses Kunsthirn arbeitet einen biologischen Tag in nur zehn Sekunden ab. Der HBP-Kodirektor kann sich vorstellen, dass die neuromorphen Computer eine
neue Branche mit revolutionären Supercomputern entstehen lassen. „Sie werden in ih-
9
rem Energieverbrauch, in ihrer großen Lernfähigkeit und in ihrer enormen Fehlertoleranz ähnlich effizient funktionieren wie das
menschliche Gehirn.“ Die „klassischen“ Computer oder Notebooks sollen sie nicht ersetzen – E-Mails wird man kaum mit ihnen
schreiben. „Vielmehr geht es darum, Systeme
zu entwickeln, die vernünftige Entscheidungen treffen. So entsteht eine völlig neue
Art der Information“, verrät Meier.
Der Physiker glaubt, dass die Ergebnisse des
„Human Brain Project“ für diverse Branchen
interessant sein werden. Etwa für die Automobilindustrie und den Traum vom autonomen Fahren. Oder für die (Computer-)
Spiel­
industrie, die unter dem Stichwort
Brain-Computer-Interface schon lange davon
träumt, ihre Produkte mit der Kraft der Gedanken steuerbar zu machen. Auch das Neuromarketing erhofft sich neue Erkenntnisse,
um dem menschlichen Kaufverhalten weiter
auf die Spur zu kommen. Und die Lern- und
Kognitionsforschung wünscht sich Impulse
für verbesserte Lern- und Lehrstrategien.
Bleibt zu hoffen, dass Mammutvorhaben wie
das „Human Brain Project“ all diesen Erwartungen gerecht werden können und es mit
der Enträtselung des menschlichen Gehirns
nicht ähnlich bitter endet wie mit der Entschlüsselung des Genoms. <
c.goertz@zukunftsmanager-magazin.de
Zukunftsmanager n Titel
Ausgabe 3/2013
10
Ben und die
neue Hand
>
Zukunftsmanager n Titel
Szenario „Ben und
die neue Hand“
Bestandteil der BMBF-Leitvision
„Das Denken verstehen“
Das vorliegende Szenario entstand
im Rahmen der Leitvision „Das Denken verstehen“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung
und wurde von Robert Gaßner und
Karlheinz Steinmüller mit einer vom
BMBF zusammengestellten Expertengruppe entwickelt. Es versucht,
Sichtweisen und Ideen dieser Expertengruppe in einem möglichst stimmigen und zumindest grundsätzlich
wünschbaren Gesamtbild lebensnah zu veranschaulichen. (Rückschlüsse auf die Meinung einzelner
Beteiligter oder gar auf die Haltung
des BMBF sind weder möglich noch
sinnvoll.) Das Szenario ist ausdrücklich keine Prognose im Sinne einer
Zukunftsvorhersage. Die gewählte
quasiliterarische Beschreibungsform
zukünftiger Entwicklungen hat vielmehr das Ziel, mögliche künftige Zustände konkret vorstellbar zu machen, subjektive Assoziationen und
Bewertungen auszulösen und damit
eine Basis für Diskussionen über Gestaltungs- und Handlungsmöglichkeiten zu schaffen.
Für eine konstruktive und kritische
Befassung mit dem vorliegenden
Szenario könnte sich der Leser deshalb vor allem danach fragen, als
wie wünschenswert er die dargestellten Entwicklungen und Zustände jeweils empfindet, ob er vielFortsetzung auf Seite 12
Ausgabe 3/2013
Helles Sonnenlicht fällt in das Zimmer. Ben
ist dabei, seinen Schrank einzuräumen – mit
der linken Hand. Die rechte, die Prothese, reagiert noch nicht so, wie er will. Vielleicht
sollte er aber auch nur geduldiger sein, so
kurz nach der Operation? Zum ersten Mal
seit dem Unfall vor drei Monaten hat er das
Gefühl, dass es nun endlich aufwärtsgehen
könnte. Die freundliche Einrichtung des Zimmers dürfte dazu beitragen. Es wirkt wie ein
modernes Gästezimmer, nicht wie ein Raum
einer Rehaklinik, Blumen stehen auf dem
Tisch, liebevoll arrangiert. Auch mit seinem
Zimmergenossen, einem älteren Mann namens Frank, wird er schon zurechtkommen –
obwohl dieser die merkwürdige Angewohnheit hat, sich ständig mit seinem Robot-Hund
zu unterhalten.
„Will wohl noch nicht richtig, die neue Nobelhand?“ kommentiert sein Mitbewohner,
der halb aufgerichtet im Bett sitzt. „Mein Ersatzbein streikt auch noch. Was sagst du dazu, Struppi?“ Er brummt vor sich hin. „Nun
mach schon. Versteht die einfachsten Sachen
nicht. Mach hinne, Struppi! Und quatsch
nicht gleich wieder so kringelig.“ Der Spielzeughund kommt hinter dem Bett hervorgetappt, einer jener neumodischen „Edutain­
ment“-Roboter, die seit ein paar Jahren die
Kinderzimmer (und nicht nur diese) in elektronische Menagerien verwandeln. Der Hund
– von der Größe und Form eines Terriers, doch
in schickem mattschwarzem Design – klappt
das Maul auf und zu und sagt: „Kannst du
das noch einmal sagen, Frank? Ich habe dich
nicht verstanden.“
Ben hebt vorsichtig die neue Hand. Öffnen,
schließen, öffnen, schließen. Das klappt
schon ganz gut. Aber noch nicht mit einzelnen Fingern. Er wird üben müssen wie ein
Kleinkind. Auch muss er erst noch lernen, die
Rückmeldungen der Handsensoren an seine
Nervenbahnen zu verstehen – bisher sind
sie nur ein ungewohntes, wechselndes Prickeln für ihn. Auf dem Nachttisch neben seinem Bett steht „Trainingsmaterial“ – Bauklötzchen, Legosteine, Papier zum Falten.
» Gehirn und künstliche
Hand müssen sich so­zusagen erst aneinander gewöhnen. «
Und natürlich wird seine Hand auch mit
speziellen Reharobotern trainiert, bis endlich einerseits seine Bewegungsabsichten –
per Hirnstromabnahme – von der Handelektronik richtig interpretiert werden und er es
andererseits lernen wird, der Hand die richtigen gedanklichen Befehle zu erteilen. Gehirn und künstliche Hand müssen sich sozusagen erst aneinander gewöhnen. Immerhin
funktionieren die Grundfunktionen schon.
Es geht bergauf.
11
„Nun komm schon her, Struppi“, mault Zimmergenosse Frank. Der RoboTerrier fragt
zweimal nach, bevor er zu seinem Besitzer
auf das Bett hüpft. „Der Starrkopf will mich
einfach nicht verstehen“, schimpft dieser.
Der Spielzeugroboter klappt mit dem Maul.
„Erklärst du mir bitte, was du mit Starrkopf
meinst?“
Bens Ärztin, Dr. Golz, winkt ihn auf den Gang.
Augenzwinkernd erklärt sie ihm, dass es sich
bei dem vermeintlichen Spielzeugroboter
auch um eine Art „Rehamaßnahme“ handele: Der RoboTerrier sei mit einem hochlernfähigen Kommunikationsmodul ausgestattet,
das auf den neusten Erkenntnissen der „neuronalen Informatik“ beruht. Verwandte des
Zimmergenossen haben den kleinen „elektronischen Freund“ spendiert. Da der „alte
Grantler“ nach dem Klinikaufenthalt vorübergehend bei ihnen einziehen wird, soll er –
so der Hintergedanke – damit zunächst einmal seinen Umgangston etwas aufpolieren.
Im Untersuchungsraum herrscht helles, aber
nicht unangenehmes Kunstlicht. „Hier werden wir uns täglich Ihre Fortschritte ansehen“, erklärt Dr. Golz trocken, „und danach
Ihr Trainingsprogramm anpassen. Die Tomographen kennen Sie ja wahrscheinlich schon.
Sie sind ja intensiv tomographiert worden,
als Ihnen die Elektroden für die Handsteuerung eingesetzt wurden. Jetzt können wir damit beobachten, wie Ihr Gehirn lernt, mit der
Prothese umzugehen.“ Ben streckt sich >
Zukunftsmanager n Titel
Fortsetzung von Seite 11
leicht einzelne Aspekte variieren
oder hinzufügen würde, um das Gesamtbild stimmiger, realistischer
oder attraktiver zu machen, ob und
wie die ihm wünschenswert erscheinenden Szenarioelemente gefördert und die unerwünschten vermieden werden könnten.
Bei dem hier veröffentlichen Szenario handelt es sich um einen Ausschnitt. Das gesamte Szenario steht
zum Download bereit (ab Seite 71):
ÆÆIm Internet
Ausgabe 3/2013
auf der Liege aus. „Sie können mir also beim
Denken zusehen?“ Sie schüttelt den Kopf. „So
weit sind wir noch lange nicht.“ Immerhin
sei es aber mit der funktionellen Kernspintomographie und den anderen neuen bildgebenden Verfahren möglich, die Arbeit des
Gehirns erstaunlich fein abzubilden. „Zum
Beispiel mit diesem neuen Gerät hier, das
mehrere Verfahren kombiniert, kann man die
Entwicklung von Erregungsmustern über die
verschiedenen Hirnareale hinweg bereits beachtlich genau verfolgen. Aber daraus
Schlüsse zu ziehen, woran Sie gerade denken,
ist unmöglich. Allerdings kann man schon Einiges erkennen, beispielsweise ob Sie gerade
komplexe Aufgaben lösen oder in Erinnerungen schwelgen. Und bisweilen können
wir sogar Dinge herausfinden, die dem Patienten selbst nicht immer bewusst sind,
Angstbesetzungen beispielsweise.“
Und dabei wird es hoffentlich auch bleiben,
denkt Ben. Die Ärztin bringt einen Monitor in
Stellung, der ein rotierendes und durchscheinendes Abbild seines Gehirns zeigt. Einzelne
Bereiche sind farbig markiert. „Die Areale
Ihres Sehsystems sind jetzt besonders aktiv.
Aber versuchen Sie doch einmal, die Hand zu
bewegen.“ Ben ballt eine Faust. Das Bild hört
auf zu rotieren, sie zoomt einen Ausschnitt
heran. Dann bittet sie ihn, sich nun auf einzelne Finger zu konzentrieren, sich zumindest vorzustellen, wie er die Hand öffnet und
schließt. „Haben Sie den Unterschied gesehen – daran werden wir arbeiten. Und hier in
diesem Komplex werden Sie lernen, die unterschiedlichen Arten des Prickelns zu deuten, und zugleich den Phantomschmerz verlernen.“ Nach einer Viertelstunde ist die Untersuchung beendet. Ben erhebt sich. Vor der
Tür wartet ein Pfleger. Er schiebt eine junge
Frau in einem Rollstuhl herein. Ihr Kopf ist
wohl vor kurzem erst geschoren worden,
durch das kurze Haar schimmern noch hellrote Narben. Suchend blickt sie um sich.
Später auf dem Gang fragt Ben den Pfleger
nach ihr. „Ein Motorradunfall. Früher hätte
sie wenig Chancen gehabt, jemals wieder
laufen oder gar arbeiten zu können.“ Über
Details lässt er sich natürlich nicht aus. Aber
so viel ist klar, dass sie schwere Verletzungen
am Gehirn erlitten hat, mit Ausfällen bei Bewegung, Gedächtnis und Sprache.
„Und wird sie wieder werden?“
Vielleicht gibt es ja schon
Gehirnersatzteile, Chips
oder künstliches Gewebe? Ben kennt
sich auf diesem
Gebiet nicht son-
Rehamaßnahme: Roboterhunde könnten
Menschen bald in ihrem
Sozialverhalten schulen.
12
derlich aus. Der Pfleger schüttelt den Kopf.
„Elektronische Prothesen im Gehirn? Das
geht noch nicht. Was ,Hirnersatzteile‘ angeht, sind wir heute bestenfalls erst auf
,Holzbein-Niveau‘. Aber sie hat trotzdem gute Chancen. Viele Hirnverletzungen lassen
sich heute gezielt ausgleichen, auch ohne
Ersatzteilchip. Das Gehirn ist ein sehr anpassungsfähiges Organ. Unzerstörte Areale können unterstützt werden, die Funktionen der
geschädigten zu übernehmen. Insbesondere
durch die Untersuchung von Ausfallerscheinungen nach Hirnverletzungen und -erkrankungen sind weltweit zugängliche Datenbanken, gewissermaßen ‚Landkarten der
Hirnfunktionen‘, aufgebaut worden, an denen man ablesen kann, welche Areale für die
Funktionsübernahme am ehesten in Frage
kommen. Mit speziellen Übungsprogrammen können dann die entsprechenden Umstellungen befördert werden. So lassen sich
viele Gedächtnisinhalte oder
Fertigkeiten wenigstens >
Zukunftsmanager n Titel
Ausgabe 3/2013
teilweise wiederherstellen. In besonderen
Fällen können unsere Experten sogar gezielt
Nervenzellen zum Wachstum anregen.“
Im Korridor wird Ben von einer älteren Frau
angesprochen. „Ich muss zur Schule“, sagt sie
und weist fragend auf die Tür zum Untersuchungsraum. Ben schaltet schnell und zeigt
ihr den Weg zum Trainingszentrum. Sie hakt
sich bei ihm unter, seine Prothese nimmt sie
gar nicht wahr. Einer der Serviceroboter der
Klinik kommt um die Ecke gerollt. „Frau Bach,
ich begleite Sie zum Trainingszentrum.“ Sie
hält sich weiter an Bens Arm fest. „Der Blechkopf hat mir kein Frühstück gebracht“,
schimpft sie. „Und jetzt will er mich auch
noch sonst wohin führen.“ „Frau Bach, bitte
kommen Sie mit mir“, wiederholt der Roboter, „Ihr Trainer erwartet Sie.“
Ben wundert sich, dass man die offensichtlich verwirrte Frau von einem Roboter betreuen lässt. Aber vielleicht hat sie sich selbst
auf den Weg gemacht, oder das Pflegepersonal ist gerade unabkömmlich. Jedenfalls
denkt die Frau nicht daran, sich dem Roboter
anzuschließen. Wohl oder übel führt Ben sie
zum Trainingszentrum, obwohl sein eigener
Termin dort erst für den Nachmittag geplant
ist.
Kevin, der Trainingskoordinator, ist ein gut
aufgelegter Mann, der die Situation sofort
durchschaut, sich bei Ben bedankt und ihn –
trotz anfänglicher Proteste von Frau Bach >
13
Anzeige
Zukunftsmanager n Titel
Ausgabe 3/2013
– mit einigen Scherzen hinauskomplimentiert.
» Heute verfügen wir über
gute Diagnoseverfahren
zur Früherkennung für fast
alle nervenzerstörenden
Erkrankungen. «
Wenig später – Ben hat sich gerade hochinteressiert die Beweglichkeit des Greifarms
des wartenden Roboters vorführen lassen –
öffnet sich wieder die Tür des Schulungsraumes, Kevin begleitet Frau Bach hinaus.
Sie scheint Ben nicht wiederzuerkennen und
hakt sich nun bei dem Roboter unter. „Als ich
jung war, hatte ich drei Pferde“, beginnt sie
auf den Roboter einzureden. Ben sieht dem
merkwürdigen Paar kopfschüttelnd hinterher. „Heutzutage würde sie gar nicht erst an
Alzheimer erkranken“, meint Kevin und fügt
hinzu: „Kommen Sie doch herein. Wir haben
doch nachher ohnehin einen Termin.“ Er bittet Ben in den Raum und ruft über einen Tablet-PC Bens Akte auf. „Die ist ja jetzt richtig
gut drauf“, kommentiert Ben den Abgang
der Dame. „Ja, dafür sorge ich schon“, antwortet der Trainingskoordinator. „Es ist nur
schade, dass bei ihr die Krankheit schon so
weit fortgeschritten ist. Heute verfügen wir
über gute Diagnoseverfahren zur Früherkennung für fast alle nervenzerstörenden
Erkrankungen. Und bei den meisten verstehen wir die Ursachen und kennen Therapien.“ Er blickt auf. „Aber auch bei Frau Bach
können wir den Verlauf noch aufhalten und
viel Verlorenes wiederherstellen. Sie hätten
sie vor sechs Wochen sehen sollen. Da erkannte sie nicht einmal mehr ihre Kinder
und fand sich in der eigenen Wohnung nicht
mehr zurecht.
Sie nehmen in einer der Couchecken Platz.
Ben denkt an seine Mutter, und sein Interesse ist geweckt. „Und wie können Sie
ihr helfen?“ „Durch die großen Fortschritte, die die Hirn- und Denkforschung in der Pädagogik ausgelöst hat,
verfügen wir heute über neurodidaktische Verfahren und Lernstrategien, die
nicht nur bei gesunden, sondern eben
auch bei beeinträchtigten Menschen die
ganz individuellen Entwicklungsmöglichkeiten kontinuierlich prüfen und optimal
ausschöpfen. So wie wir ja heute schon bei
Schulkindern immer wieder ,Talente‘ und
Lernpotentiale testen, geht es auch bei geschädigten Menschen darum, durch
Tests und hirnfunktionelle Untersuchungen auf den verbliebenen
Fähigkeiten ganz individuell
aufzubauen.“
Ben beobachtet den Daumen seiner neuen Hand.
Er befiehlt ihm, sich zu
krümmen; es ist, als würde
er den Daumen hypnotisieren
wollen, und endlich ruckt der
tatsächlich ein Stück. Sekundenlang hat auch das Prickeln eine andere Qualität.
„Früher habe ich mir oft gewünscht“, sagt er, „durch
direkten Download zu
lernen. Oder wenigs­
tens im Schlaf.“
14
Nicht mehr wegzudenken: „Servos“ könnten
uns bald die Arbeit
erleichtern.
>
Zukunftsmanager n Titel
Ausgabe 3/2013
Kevin lacht: Ja, Lernen ohne Anstrengung,
den Nürnberger Trichter, wer wollte den
nicht? Aber das wäre doch eigentlich langweilig, oder? Das Gehirn sei nun einmal kein
Computer, bei dem man Hardware und Software klar unterscheiden könne. „Beim Lernen
verändern sich auch die neuronalen Verknüpfungen. Wenn Sie so wollen: Die Hardware
Ihrer grauen Zellen passt sich an. Und diese
Prozesse sind wiederum von Ihren ganz persönlichen Gefühlen und Stimmungen abhängig. Deshalb gehört z.B. immer auch ein
wenig Spaß zum Lernen.“ Er lacht.
„Und zum ,Lernen im Schlaf‘ – das machen
Sie sowieso! Ganz im Ernst: Im Schlaf wird
zuvor Gelerntes gefestigt.“ Und genau diesen Prozess könne man heute schon gezielt
unterstützen. „Das funktioniert insbesondere bei Daten, etwa Vokabeln oder Geschichtszahlen, und leider noch nicht so gut beim
motorischen Lernen. Und da sind wir bei Ihrer Prothese. Ich habe für Sie ein vorläufiges
Programm ausgearbeitet. Wir werden täglich
die Fortschritte testen. Glauben Sie mir,
schon bald werden Sie wieder Mikado spielen können.“ Auch das Sprachenlernen sei
durch die Neurodidaktik sehr erleichtert worden. Neben deren vielbeachteten Erfolgen
bei der Behandlung von Legasthenie werde
manchmal übersehen, wie sehr auch andere
Lehr- und Lernbereiche von ihr profitierten.
„Obwohl: Viele der angeblich so neuen Erkenntnisse scheinen im Grunde auch schon
geniale Pädagogen wie Comenius, Pestalozzi
oder Montessori geahnt zu haben ...“ Ben
drängt es immer stärker in sein Zimmer zurück.
Dort angekommen, trifft Ben wieder auf den
Serviceroboter – oder dessen Zwilling. Dieser
muss sich gerade grollende Vorhaltungen
von Frank anhören. „Warum könnt ihr nicht
einfach mal ohne Rumgerede tun, was man
von euch verlangt!“ „Was hat er denn verbrochen?“, erkundigt sich Ben und erfährt, dass
der Roboter sich „weigerte“, Kaffee zu besor-
» Die Servos erleichtern uns
die Arbeit. Sie werden niemals ungeduldig, machen die
Betten und sorgen sogar für
frische Blumen. «
gen. Wobei „weigern“ den Sachverhalt offensichtlich nicht trifft, denn der Roboter hat
wohl schlicht nicht begriffen, was man von
ihm will, und steht daher wie ein Klotz in der
Tür, alle akustischen Kanäle weit offen.
Der Pfleger erscheint, wahrscheinlich hat ihn
der Roboter angefunkt. „Gibt es Probleme
mit der Technik?“ Er hört sich die Klagen an
und setzt Frank schließlich auseinander, dass
der Roboter ein sehr hochwertiges Stück
Technik sei, das noch vor vier Wochen als OPAssistent Dienst getan habe. Nun werde dort
15
auf die neueste Robotergeneration umgestellt und die „alten“ würden Zug um Zug auf
Pflegeservice umprofiliert. Sie wären dann
zwar für die neue Aufgabe „neurokognitiv
programmiert“, müssten aber immer noch
eine Anlernphase durchlaufen. „Sie müssen
erst noch lernen, Sinn und Sinnloses zu unterscheiden, Ausdrücke zu verstehen, die
noch nicht in ihrem semantischen Netz eingeordnet sind, um die spezifischen Wünsche
spezifischer Personen zu interpretieren.“ –
Ben kann ein Grinsen nicht unterdrücken:
Sein Zimmergenosse ist gewiss eine sehr
spezifische Person! – Das menschliche Gehirn brauche ja auch eine Weile, bis es sich
auf neue Kontexte eingestellt habe.
„Die Servos“, schließt der Pfleger, „will ich
nicht mehr missen. Sie erleichtern uns die Arbeit. Sie werden niemals ungeduldig, erledigen alle Gänge, machen die Betten und sorgen sogar für frische Blumen. Im Vergleich zu
früher habe ich viel mehr Zeit, mich um einzelne Patienten individuell zu kümmern.“ Als
habe man ihm das Stichwort gegeben, tappt
der RoboTerrier hervor. Er blickt zu seinem
mürrischen Herren auf und fragt: „Möchtest
du dich mit mir unterhalten, Starrkopf?“<
Das gesamte Szenario steht unter http://
www.izt.de/fileadmin/downloads/pdf/IZT_
WB104.pdf (ab Seite 71) zum Download
bereit.
Zukunftsmanager n Titel
Ausgabe 3/2013
16
Alles ist
vernetzt
Zusammengestellt von Clara Görtz
Das Gehirn ist wohl
eines der komplexes-
ten Gebilde, die es gibt.
Wie es wirklich funktio-
niert, weiß bisher niemand
so genau. Mehrere Mammut-
forschungsprojekte sind dabei,
es zu enträtseln. Wenn dies ge-
lingt, sind die Chancen enorm.
Wie schätzen Fachleute die Potentiale
ein? Und welche Vorbehalte gibt es?
Wir haben Experten dazu befragt.
>
Zukunftsmanager n Titel
Ausgabe 3/2013
17
„Kant ist aktueller denn je“
„Bereits seit einigen Jahren hat
sich der Begriff des Neuromarketings festgesetzt. Es wächst
die Erwartung, in den jeweils
spezifischen Hirnregionen gezielt
Entscheidungsprozesse
von Kunden zu stimulieren.
„Human Brain Interfaces“ zeigen bereits heute, dass eine Revolution der
Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine erwartet werden darf. Querschnittgelähmte können heute bereits eine Roboterhand allein mit der eigenen Gedankenkraft
steuern. Die Google-Brille darf deshalb als
Übergangstechnologie betrachtet werden.
Für eine wissensbasierte Gesellschaft liegt
der Zukunftsmarkt schlechthin in der Einlösung eines alten Menschheits­traums: alles
wissen und lernen zu können. Im Zuge eines
besseren Verständnisses von Demenzerkrankungen keimt zugleich die Hoffnung
auf die Entwicklung neuronaler Lernschnittstellen, um die Lernfähigkeit erhöhen und
das Vergessen verhindern zu können. Die dafür nötige kulturelle Akzeptanz ist bereits
erkennbar. Ritalin als Therapie für Kinder mit
einer ADHS-Diagnose gerät zur Routine, und
die rapide Zunahme von Stressphänomenen
bis zum Burn-out sind Hinweise auf eine
weitere Verdichtung von Informationsprozessen bei der Arbeit. Der ‚Erschöpfungsstolz‘ (Grünewald) fördert die soziale Bereitschaft und den Versuch mitzuhalten. Es geht
um weit mehr als eine Abschätzung positiver oder negativer Auswirkungen. Das Gehirn ist noch weitgehend Terra incognita.
Das hochentwickelte Hirn ist unser entscheidender Vorteil in der Evolution. Menschen
haben immer versucht, des Gehirns habhaft
zu werden. Sie haben es verspeist, vermessen, kartographiert und in feinste Scheiben
zerlegt. Noch hat es seine ‚Geheimnisse‘
nicht preisgegeben. Mit den zwei großen
Forschungsprojekten, dem europäischen
„Human Brain Project“ und dem amerikanischen Pendant, geht es um unser zukünftiges Selbstverständnis als Menschheit. Eins
ist heute schon klar: Mit der Rechenleistung
von Computern konkurrieren zu wollen, ist
ein Irrweg. Die Renaissance der ‚Transhuma-
nisten‘ zeigt eine zivilisatorische Haltung
dazu auf. Sie betrachten den Menschen als
Auslaufmodell, das evolutionär überholt ist.
Dagegen findet man nur in Ansätzen eine
Debatte, die den Menschen in einer Welt
komplexer und interdependenter Systeme
neu verortet. Die Beantwortung der drei Fragen von Kant aus der ‚Kritik der reinen Vernunft‘ ist aktueller denn je. Was kann ich
wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Und insbesondere der abgeleiteten
vierten: Was ist der Mensch? 2001 hat die
US-amerikanische National Science Foundation die NBIC-Konvergenz (Nanotechnologie, Biotechnologie, Informationstechnologien und Kognitionswissenschaften) als Treiber für die Steigerung der individuellen und
gesellschaftlichen Leistungsfähigkeit auf die
internationale Forschungsagenda gesetzt.
Eine zu stark anwendungsorientierte Grundlagenforschung greift allerdings zu kurz. Soweit ich sehe, fehlen transdisziplinäre Zugänge, die auch anthropologische, ethologische sowie sozial- oder geisteswissenschaftliche Denkansätze berücksichtigen.“
Klaus Burmeister ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Z_punkt The Foresight Company.
>
Zukunftsmanager n Titel
Ausgabe 3/2013
18
„Die Grenzen verwischen immer mehr“
„Ich glaube nicht, dass der
‚Traum‘, das Gehirn in all seinen
Funktionen simulieren zu können, so schnell in Erfüllung
geht. Dafür ist das Gehirn zu
komplex. Wie bedeutsam aber
schon kleinere technische Fortschritte sein können, erkennt
man am Einfluss der bildgebenden Verfahren. In relativ kurzer Zeit haben diese Verfahren zu einem besseren Verständnis der neurobiologischen Grundlagen menschlichen
Verhaltens geführt, von denen nicht nur die
Medizin oder die Wirtschaft, sondern auch
fast alle gesellschaftspolitisch bedeutsamen
Bereiche beeinflusst wurden. Wissenschaftliche Erkenntnisse kann man für viele Zwecke nutzen oder auch instrumentalisieren.
Zu diskutieren ist sicher, welche Bedeutung
ein stärker neurobiologisch formuliertes
Menschenbild für die Gesellschaft haben
kann. Im Moment empfinden viele diese
Idee als Provokation und verfallen in Abwehrreflexe. Meiner Meinung nach werden
diese Diskussionen aber in Sprachspielen
geführt, die für die Neuartigkeit der Phänomene nicht gedacht und gemacht worden
sind – ein Aspekt, auf den Jürgen Habermas
ja an anderer Stelle zutreffend hingewiesen
hat. Mein Eindruck ist aber, dass wir so primär die Risiken diskutieren und Chancen
übersehen. Einen besonders hohen wissenschaftlichen Handlungsbedarf sehe ich somit in der Theoretisierung der bis dato an
vielen Stellen gewonnenen Erkenntnisse.
Mit dieser Theoretisierung einhergehend,
halte ich eine Integration der häufig noch
isolierten, oft technischen Forschungsergebnisse für wichtig. Diese Integration wird
dann zweifelsohne neue Forschungsarbeiten mit ganz eigenen Priorisierungen
motivieren. Insofern ist ein Ende dieses Prozesses eigentlich noch gar nicht abzusehen.
Wenn man aber primär praktisch-normativ
denken möchte, dann sehe ich großes Potential im Kontext der Mensch-MaschineInteraktion. Hierbei werden meiner Meinung nach die Grenzen immer mehr verwischen, wie dies ja heute auch schon im medizinischen Kontext beobachtbar ist. Verlassen diese Anwendungen aber diesen Bereich, entstehen neue Möglichkeiten des
Behavioral Engineerings, die einen erheblichen Forschungsbedarf in der Philosophie,
insbesondere in der Ethik sowie in der Soziologie und den Rechtswissenschaften, mit
sich bringen. Wie verhält sich z.B. die Gesellschaft gegenüber Personen, bei denen bekannt ist, dass ihr alltägliches Verhalten
stark von neurobiologisch-technischen Prozessen abhängt? Wie beurteilt man die Ergebnisse solcher Verhaltensarten? Ansatzweise sehen wir solche Diskussionen heute
schon im Kontext des Neuro-Enhancements,
hier spielt die Technik aber noch gar keine
Rolle.“
Prof. Dr. rer. pol. Peter Kenning ist Inhaber des Lehrstuhls für Marketing an der Zeppelin Universität Friedrichshafen.
>
Zukunftsmanager n Titel
Ausgabe 3/2013
19
„Ein neues Verständnis des Menschen“
„Das Human Brain Project (HBP)
verfolgt insgesamt vier Teilziele:
die Zusammenführung der vorhandenen Daten zur Funktionsweise des Gehirns, die Identifizierung von neuronalen Funktionsprinzipien und ihre SimulaAlois Knoll
tion mit Hilfe neuester mathematischer Methoden, die Errichtung von Hightechplattformen
für die Wissenschaft sowie Anwendungen in den Bereichen
Neurowissenschaften, Medizin
und Computertechnik. In diesen
Anwendungsfeldern
werden
Zukunftsmärkte
entstehen,
etFlorian Röhrbein
wa bei der Diagnose und Behandlung von neurodegenerativen Erkrankungen, aber auch für die Rechnertechnik: In
Kürze werden wir mit unseren konventionellen Computern fundamentale Grenzen
erreichen, was die Verarbeitungsgeschwindigkeit, den Stromverbrauch und auch die
Programmierbarkeit betrifft. Das HBP strebt
an, mit den aus der Hirnforschung gewonnenen Erkenntnissen neue Basistechniken
für hochparallele Informationsverarbeitungssysteme zu entwickeln und diese auch
auf den Bereich der kognitiven Robotik zu
übertragen. Ein tieferes Verständnis des Gehirns wird Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Menschen ganz generell haben
– wie entwickeln wir uns als Individuen, und
wie strukturiert sich dabei unser Gehirn, wie
interagiert unser Gehirn über den Körper mit
der Umwelt, welche unserer Fähigkeiten lassen sich möglicherweise unter welchen Voraussetzungen auf Maschinen übertragen?
Ganz praktisch werden wir ‚intelligentere‘
sensorbasierte Assistenzsysteme (mit oder
ohne aktorische Komponente) sehen, die die
Menschen unterstützen und möglicherweise auch kognitive Defizite ausgleichen können. Zweifelsohne gilt es hier, Gefahren zu
benennen und Regelungsempfehlungen zu
geben, weshalb das HBP eine eigene Abteilung haben wird, die sich um die ethische Dimension des Projekts kümmert und die sozi-
Prof. Dr. Alois Knoll leitet den Lehrstuhl für Echtzeitsysteme und Robotik an der TU München.
Privatdozent Dr. Florian Röhrbein arbeitet dort als Forschungsassistent.
alen Implikationen der Neuroroboter und
der ‚neuromorphen‘ Computer untersucht.
Im Dreieck Hirnforschung/Informationstechnologie/Medizin besteht größter Handlungsbedarf in der Vernetzung zwischen Informationstechnologie und den Neurowissenschaften, und zwar nicht im Sinne einer
‚IKT für die Hirnforschung‘, sondern einer
‚gehirnbasierten IKT‘. Trotz intensiver interdisziplinärer Forschungsarbeit stehen wir
dort erst am Anfang, und hier wird das HBP
durch seine hochgradig interdisziplinäre
Aufstellung einen ganz entscheidenden Beitrag leisten. Ganz wesentlich wird der simulative Ansatz auch die Medizinforschung unterstützen: Wenn es erstmals möglich wird,
Teile des Gehirns bis auf die Molekülebene
zu simulieren, besteht die Hoffnung, ein
echtes Verständnis für das Entstehen von
Gehirnerkrankungen zu gewinnen. In einem
zweiten Schritt kann dann über entsprechende Behandlungsmethoden nachgedacht werden. Aber auch hier stehen wir erst
am Anfang.“
Zukunftsmanager n Lebenswelten
Ausgabe 3/2013
20
Es könnte einfach sein
Von Isabel Werthmann
Vom Autoschlüssel über das
Navigationssystem bis hin zum
Smartphone – schon heute sind wir
ständig in ein Netz aus drahtloser
Kommunikation eingebunden, ohne
uns dessen bewusst zu sein. Dass
die Entwicklung jedoch noch in den
Kinderschuhen steckt, zeigt ein
Forschungsprojekt, das unser Leben
nicht nur komplett vernetzen,
sondern vor allem einfacher machen
will. Denn wenn alles um uns herum
mitdenkt, müssen wir selbst ein
bisschen weniger denken.
Wenn das Elektroauto dem Fahrer anhand
von GPS-Daten meldet, dass die Energie nicht
bis zur nächsten Ladestation ausreicht, beeindruckt das heute niemanden mehr. Wenn
ein Sensor dann aber Autos in der Nähe kontaktiert, um nach Energie zu fragen, den Preis
für die Ladung verhandelt und sogar einen
Treffpunkt für den Transfer organisiert, dann
sind wir in der Zukunft angekommen. Für unmöglich hält Abdelhak Zoubir, Sprecher des
Forschungsschwerpunkts „Cooperative Sensor Communication“ („Cocoon“) und Leiter
des Fachgebiets Signalverarbeitung an der
TU Darmstadt, das keineswegs: „Das ist die
Zukunft.“
Die Infrastruktur ist heute bereits vorhanden. Ständig kommunizieren wir mit anderen Handys, senden Fotos via Bluetooth an
den Drucker und telefonieren mit Voice over
IP. Jeder dieser drahtlosen Kommunikationskanäle nutzt dafür jedoch ein eigenes Protokoll, eine Art Sprache, mit der die Geräte
kommunizieren. Diese Heterogenität vergleicht Zoubir mit den Sprachen unterschiedlicher Ethnien: „Wie ein Italiener einen Deutschen nicht versteht, so kann auch ein Pulsmesser keine SMS verarbeiten. Also müssen
wir die Sensoren in die Lage versetzen, trotz
ihrer unterschiedlichen Sprachen miteinander reden zu können – und dies in guter und
stabiler Qualität.“ Das Forschungsprojekt
„Cocoon“ will zur Lösung dieses Problems
beitragen.
>
Zukunftsmanager n Lebenswelten
Mehr Informationen
Informationen über den Forschungs­
schwerpunkt „Cooperative Sensor
Communication“ erhalten Sie unter:
ÆÆIm Internet
21
Ausgabe 3/2013
Der Schlüssel zur vernetzten Wunderwelt
liegt wie so oft im Detail. Jedes Gerät, das
drahtlos kommuniziert, enthält einen Sensor,
der Daten empfängt, verarbeitet und sendet,
allerdings jeweils nur in seiner spezifischen
Sprache. In diesen Sensor setzt das „Cocoon“Forscherteam, das sich interdisziplinär aus
Elektrotechnikern, Mathematikern und Informatikern zusammensetzt, nun einen winzigen Chip ein, der die verschiedenen Protokolle miteinander verknüpft. So passt sich jedes Gerät automatisch an das eingehende
Signal an und stellt seine Parameter so ein,
dass es das jeweilige Protokoll versteht.
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Länderanalysen
Stau war gestern
Alles ist vernetzt:
Intelligente Sensoren
könnten uns bald den
Alltag erleichtern.
Was auf den ersten Blick nach technischer
Spielerei klingt, wird unseren Alltag gewaltig
verändern. Im Umfeld der Smart City, der intelligenten Stadt, kommunizieren Mensch
und Mensch, Mensch und Objekt, Objekt und
Objekt. Im Verkehr etwa sind nicht nur Autos
und Fußgänger, sondern auch Schilder und
Ampeln mit Sensoren bestückt. Blockiert etwa ein Lkw die Fahrbahn, leitet das Auto, das
die Problemsituation erfasst, die Information
mittels Sensor direkt an die umliegenden
Verkehrsteilnehmer weiter, für die dann individuell eine alternative Route berechnet
wird. Staus gehören damit bald der Vergangenheit an.
Sektoranalysen
Geschäftsstrategien
Risikomonitoring
Länder-Szenarien
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Zukunftsmanager n Lebenswelten
Ausgabe 3/2013
» Das Ziel der Kommuni­
kation der Zukunft ist es,
größtmögliche Service­
qualität sicherzustellen. «
ten, um Umweltkatastrophen frühzeitig zu erkennen
und Schäden zu verhindern.
Sensoren im Wald melden beispielsweise kritische Temperaturen und benachrichtigen die
zuständige Zentrale, bevor ein
Waldbrand überhaupt ausbricht.
Das funktioniere auch für andere
Szenarien wie Tsunamis oder Erdbeben. „Alles wird einfach sein“,
schwärmt Zoubir. „In unserem Alltag
wird alles miteinander kommunizieren.“
Ein Zuschauer, den keiner sieht
Doch dieser Gedanke behagt nicht jedem.
Die Fragen nach der Privatsphäre und der
Grenze zum Überwachungsstaat kennt Zou-
bir: „Diese Angst wird es immer geben. Eine
solche Entwicklung braucht Zeit.“ Ein Szenario, das ihn begeistert, trifft bei anderen häufig auf Skepsis: Liegt ein Gebäude zwischen
zwei kommunizierenden Sensoren, wird die
Übertragung dadurch geschwächt. Das Signal wird stattdessen über das Handy einer
Person umgeleitet, die an der Seite des Gebäudes steht. Ein Fremder wird so ein privates Handy benutzen, ohne dass der Besitzer es merkt. Denn jeder ist Teil des umfassenden Kommunikationsnetzes.
Ein stiller Bewunderer in der Bar kann damit
jedoch nicht am nächsten Tag per SMS um
ein Date bitten, beschwichtigt Zoubir: „Das
Handy übermittelt lediglich das Signal. Die
Nummer wird dabei nicht erkannt.“ Die Sicherung der Privatsphäre wird bei der Entwicklung ständig berücksichtigt: „Das Ziel
der Kommunikation der Zukunft ist es, größtmögliche Servicequalität sicherzustellen“, so
22
Zoubir. Denn nur, wenn viele Nutzer das System benutzen, profitiert jeder Einzelne von
den Vorteilen. Weniger hektisch werde das
Leben in seinen Augen zwar nicht, wenn sich
das bevorstehende Meeting schon am Frühstückstisch organisieren lasse, effizienter
aber allemal.
Der Weg dorthin ist nicht mehr weit. Im Moment entwickelt das „Cocoon“-Team ein Testbett, um neue Verfahren zu testen und zu
beweisen, dass die Idee der drahtlosen Sensorkommunikation realisierbar ist. Eine Herausforderung besteht noch darin, das Netzwerk stabil zu halten. In einer Nachbarschaft
mit beispielsweise zehn Sensoren kann jederzeit ein Sensor das Netzwerk verlassen
oder ein neuer hinzukommen. „Diese Dynamik müssen wir beherrschen“, beschreibt
Zoubir die letzten Hürden der Entwicklung.
Die Umstellung wird dann auch schrittweise
geschehen, da die Geräte erst nach und nach
mit der neuen Technologie ausgestattet werden müssen.
Eine ganze Stadt zu vernetzen wird in seinen
Augen deshalb noch ein paar Jahrzehnte
dauern. Den Einsatz in lokalen Netzen, wie
zum Beispiel einem Flughafen, hält er jedoch
in wenigen Jahren für umsetzbar. Doch damit ist für Zoubir noch lange nicht Schluss:
„Es gibt Forschungspotential für die nächs­
ten 20 Jahre. Mindestens.“ <
redaktion@zukunftsmanager-magazin.de
Zukunftsmanager n Strategie & Kultur
Ausgabe 3/2013
Serie: Die Zukunft der Wertschöpfung in Deutschland | Teil 7: Fazit und Ausblick
23
Serie
Die Aufgabe bleibt
Von Klaus Burmeister und Holger Glockner; Mitarbeit: Bert Beyers
Welche technologischen, ökono-
mischen und sozialen Brüche scheinen bis 2030 möglich? Und welche
Ob Energie, Medizin oder
Sicherheit: Den meisten
Branchen steht ein gra-
vierender Wandel bevor.
Auswirkungen haben sie auf die
Wertschöpfung und die Arbeitsplätze
in Deutschland? Der letzte Teil der
„Zukunftsmanager“-Serie „Die Zu-
kunft der Wertschöpfung in Deutschland“ fasst die wesentlichen Aspekte
zusammen und zeigt Perspektiven
auf.
Was bringen die nächsten fünf Jahre? Was
die nächsten zehn Jahre oder mehr? Wir leben in einer Zeit großer Beschleunigung.
Umwälzungen und Brüche allenthalben. In
der Welt der Wirtschaft erzwingen technologischer Wandel und bestens informierte
Kunden Veränderungen der Geschäftsmodelle, schnell, heftig und radikal. Ein schlichtes
„Weiter so“ erwarten nur noch Träumer. Unsicherheiten sind die neue Normalität.
Disruptionen ausleuchten
Wie kann es in einem solchen Umfeld gelingen, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in
Deutschland zu erhalten? Diese Frage hat
sich der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) gestellt. Zusammen mit dem
BDI-Arbeitskreis „Wertschöpfungsorientierte
Innovationsstrategien“ und Z_punkt The
Fore­sight Company ist eine Studie entstanden, die grundlegende Umbrüche in den Fokus nimmt: Sollten die Disruptionen Wirklichkeit werden, sind tiefgreifende Auswirkungen auf die Wertschöpfungsstruktur in
Deutschland zu erwarten. Wer mögliche Disruptionen und ihre Folgen ausleuchtet, ist
besser vorbereitet auf zunehmend volatile
Bedingungen, unter denen die deutsche
Volkswirtschaft bis 2030 agieren kann und
agieren muss. Die thematische Roadmap der
Studie bildet die Hightech-Strategie der Bundesregierung. Einige ihrer Ziele lauten: die
CO2-neutrale, energieeffiziente und klimaangepasste Stadt, Industrie 4.0 und, nicht
zuletzt, Krankheiten besser therapieren mit
individualisierter Medizin.
Gesundheit 2030
In der personalisierten Medizin wird die traditionelle Beurteilung von Patienten nach Alter, Geschlecht oder Familiengeschichte ergänzt durch ungleich präzisere und damit
wirkungsvollere Merkmale, wie sie auf genetischer Ebene jedes Einzelnen vorliegen. Das
geschieht teilweise bereits heute, beispielsweise in der Behandlung von Darmkrebs
oder Leukämie. Ermöglicht wird dies alles
durch Fortschritte in der Molekulardiagnostik und die kostengünstige Analyse von Biomarkern. Bis 2030 dürfte die personali- >
Zukunftsmanager n Strategie & Kultur
Teil 7 der Serie
„Die Zukunft der Wertschöpfung in
Deutschland“: Fazit und Ausblick
Wir leben in einer bewegten Zeit,
Umwälzungen und Brüche scheinen
an der Tagesordnung zu sein.
Sollten einige der vorausgesagten Disruptionen Wirklichkeit werden, sind tiefgreifende Auswirkungen für
die Wertschöpfungs­struktur
in Deutschland zu erwarten.
Damit wird zugleich sichtbar,
wo Handlungsbedarf besteht. In der
Serie des „Zukunftsmanagers“ werden die Bedarfsfelder Mobilität, Energie und Klima, Gesundheit,
­Ernährung, Kommunikation und Sicherheit beleuchtet.
Serie
Bisher im „Zukunftsmanager“
erschienene Beiträge der Serie:
Teil 1: „Alles in Bewegung“
(Mobilität)
Teil 2: „Im Energierausch“
(Energie)
Teil 3: „Gesundheit zum
Mitnehmen“
(Gesundheit)
Teil 4: „Zehn Milliarden hungrige
Mäuler“(Ernährung)
Teil 5: „Big Data 2030“
­(Kommunikation)
Teil 6: „Ein sicheres Netz“
(Sicherheit)
sierte Medizin ihren Durchbruch erreicht haben. In der Forschung setzt sich interdisziplinäres Denken endgültig durch, Branchen
stehen sich nicht mehr fremd gegenüber,
sondern kooperieren. Allerdings nur, wenn
sie an einem gemeinsamen Geschäftsmodell
partizipieren. Klassische Branchengrenzen
lösen sich auf, es entstehen neue, übergreifende Handlungsfelder und Kooperationsformen. Im Bereich Gesundheit und Ernährung verschmelzen Produkte und Services zu
hybriden Systemangeboten. Einer der wichtigsten Zukunftsmärkte nimmt Gestalt an.
Ausgabe 3/2013
sich dem kein Wirtschaftszweig entziehen
können. Nicht nur ökologische, sondern auch
soziale Anforderungen, dazu Innovationen
auf technischem wie gesellschaftlichem Gebiet bringen den Prozess voran. Zug um Zug
setzt sich das Thema Nachhaltigkeit in allen
Märkten durch, eine Entwicklung, die traditionelle Branchengrenzen verwischt und neue
Wertschöpfungscluster entstehen lässt. Auf
Seiten der Unternehmen gewinnen neue Instrumente an Bedeutung, die dem ganzheitlichen Ansatz Nachhaltigkeit Rechnung tragen.
Energie und Klima
Der Klimawandel und eine sich abzeichnende Verknappung und damit Verteuerung
strategischer Ressourcen machen ein Umdenken im Energiebereich notwendig. Das
globale Bevölkerungswachstum geht weiter.
Die Weltbevölkerung steigt von derzeit 7 auf
9 bis 10 Milliarden im Jahr 2050. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Aufholprozesse in
Schwellen- und Entwicklungsländern. Derweil steigt die Nachfrage nach Energie weiter, und das Klimaproblem bleibt ungelöst.
Der neue Gas- und Ölboom in den USA verschiebt das Problem nur in die Zukunft. Die
Förderung fossiler Energieträger – sei es
durch Fracking oder durch Tiefseebohrungen
– wird tendenziell teurer und risikoreicher.
Wenn das Weltenergiesystem also langfris­
tig dekarbonisiert werden muss und wenn
Knappheiten bei Rohstoffen eine ressourcenschonende Ökonomie verlangen, dann wird
» Der Klimawandel und eine
Verknappung von Ressourcen
machen ein Umdenken im
Energiebereich notwendig. «
Vernetzte Mobilität
Mobilität wandelt sich vom Produkt- zum
Dienstleistungsgeschäft. Ein Bruch mit weitreichenden Folgen für das gesamte Transportbusiness. Eine Disruption, die freilich
nicht automatisch kommt, für die sich aber
sehr wohl Eintrittsbedingungen benennen
lassen: Klimaschutz und Nachhaltigkeit rücken in den Fokus, urbane Lebensqualität
und Zeiteffizienz gewinnen weiter an Wert,
die Wiederentdeckung der Region steht auf
der Tagesordnung – nicht zuletzt infolge hö-
24
herer Transportkosten. Steigende Preise für
fossile Energieträger schlagen auf die gesamte Transportkette durch, vom Containerfrachter über das Flugzeug bis hin zu Lkw
und Pkw. Denkt man die Entwicklung der
heutigen Smartphones weiter, samt mobilem Internet und Cloud, bekommt ein zukünftiges Netzwerk aus verschiedenen Verkehrsträgern erst den entscheidenden Schub.
Mit dem Handy kauft der Kunde dann unterschiedliche Mobilitätspakete. Die Basisvariante schließt Bahnen, Busse und Mietfahrräder ein. Wer es komfortabler und schneller
möchte, bucht ein Carsharingmodul dazu.
Erfolgreiche Konzepte am Markt ermöglichen so eine nahtlose, unkomplizierte und
preisgünstige Tür-zu-Tür-Mobilität – mit Segway, Fahrrad, Mietauto oder mit der Bahn.
Komplexe Wertschöpfungsnetzwerke bilden
sich heraus: mit traditionellen Automobilherstellern und ihren Zulieferern, mit Energieversorgungsunternehmen, Hard- und
Softwareherstellern, Betreibern von Abrechnungssystemen,
Mobilitätsdienstleistern
und Nutzer-Communities.
Chancen für Anbieter liegen nicht nur darin,
Fahrzeugflotten und Infrastruktur bereitzustellen, sondern zugleich auch Informationsdienste, die die gesamte Reiseplanung und
das Umsteigen zwischen den verschiedenen
Verkehrsträgern ermöglichen – mittels RealTime-Verkehrsinformationen, Verkehrsleittechnik, Mobilitätskarten, Zugangstechnik,
Ticketing, alles aus einer Hand.
>
Zukunftsmanager n Strategie & Kultur
Big Data: Die zuneh-
menden Datenmengen
müssen sinnvoll verknüpft werden.
Big Data
An Daten gibt es keinen Mangel. In der Zukunft noch viel weniger. Die schiere Menge
ist aber nicht das Problem. Entscheidend ist:
Wie werden sie verknüpft und aufbereitet?
Wer hat Zugang dazu? Und wer nicht? Wer
kann sie sinnvoll in Wertschöpfungsprozesse
einbringen? Und was wird überhaupt aus der
„informationellen Selbstbestimmung“? In den USA läuft das Phänomen einer rasch
anwachsenden Datenmenge unter dem
Schlagwort Big Data. Entscheidend ist dabei
aber nicht die schiere Menge an Informationen, sondern die Art und Weise, wie die Da-
» Eine umfassende Informatisierung bildet die Grundlage für eine Vielzahl neuer
­Geschäftsmodelle. «
ten aufbereitet werden. Wenn das
Energiesys­
tem beispielsweise mehr und
mehr umgebaut wird, weg von den großen
Kraftwerkparks hin zu einer dezentralen
Struktur mit vielen Erzeugern – wer verfügt
dann über die entscheidenden Informationen? Sind es noch die Energieversorger? Oder
deren Berater? Oder die Hersteller von Netzen, Speichern oder Pumpen? Alle sammeln
sie Daten. Aber nur wer sie sinnvoll verknüpfen kann, entscheidet das Spiel. Eine umfassende Informatisierung bildet die Grundlage
Ausgabe 3/2013
für eine Vielzahl neuer Geschäftsmodelle –
Daten als „virtuelles Gold“ einer vernetzten
Wirtschaft.
Nahrung für alle
Wohl auf keinem Gebiet war die Menschheit
so erfolgreich und so innovativ wie in der
Nahrungsproduktion. Mittlerweile jedoch
sind die natürlichen Grenzen vielfach erreicht. Anbauflächen sind nicht beliebig vermehrbar, Wasser wird knapp. Der weltweite
Wettbewerb um Biomasse ist längst eröffnet. Der hiesige Nahrungsmittelmarkt
könnte nichtsdestotrotz zum Anbietermarkt
werden, die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Landwirtschaft steigt. Zunehmende
Flächenkonkurrenz kommt Unternehmen
zugute, die stadtnahe Lösungen anbieten. In
New York zum Beispiel nutzt das Unternehmen Brightfarm Systems bereits 1.500 Quadratmeter Dachfläche von Büros und Privathäusern für den Anbau von Gemüse und
plant die weltgrößte Dachgartenfarm mit
9.000 Quadratmetern im Stadtteil Brooklyn.
Dagegen sehen sich Unternehmen in der
Futter- und Lebensmittelindustrie, die auf
Importe angewiesen sind, mit volatilen und
massiv steigenden Einkaufspreisen konfrontiert. Auch in der Ernährungsindustrie zeigt
sich die wachsende Konvergenz von Branchen. Der Schlüssel dazu ist die zunehmende
Digitalisierung sämtlicher Prozesse. Neue
Technologien halten Einzug in den konventionellen Lebensmittelmarkt. Tradierte Grenzen zwischen Nahrungsmitteln und Pharma-
25
zeutika lösen sich auf. Die Verschmelzung
von Agrarmärkten, Pharmaindustrie und
dem Gesundheits- und Ernährungssektor
führt zu tiefgreifenden Veränderungen in
den Wertschöpfungsprozessen und zu der
Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle.
Sicherheit 2030
Unternehmen sind im Internet noch viel verletzlicher als Individuen. Der Kern der industriellen Wertschöpfung in Deutschland, einschließlich Millionen von Beschäftigten,
hängt am Maschinen- und Anlagenbau. Weder Medizintechnik noch Flugzeug oder Auto,
weder Waschmaschine noch Telefon funktionieren ohne implantierte Chips. Für den Benutzer oft unsichtbar, sind es eben diese Embedded Systems, an denen Funktionalität,
Kommunikation und Vernetzung hängen.
Angriffe aus dem Cyberspace sind jederzeit
möglich. Das gilt noch mehr für Smart Factories, wie sie im Jahr 2030 existieren werden
(Industrie 4.0). Echtzeiterkennung im Produktionsumfeld mittels Sensorik (Machineto-Machine-Communication) wird zum Standard. So wird die Steuerung der Produktion
noch flexibler auf die Kundenbedürfnisse
zugeschnitten. Bedroht ist auch das zukünftige Internet der Dinge, wenn Produkte mit
einem Gedächtnis ausgestattet werden, Roboter ihre physische Umgebung erkennen
oder Verkehrs- und Logistiksysteme weiter
automatisiert werden. Durch vernetzte und
geographisch entkoppelte Wertschöpfungsprozesse entstehen zwangsläufig Ri- >
Zukunftsmanager n Strategie & Kultur
siken. Sie betreffen sowohl Individuen (Gefährdung von Persönlichkeitsrechten) wie
Unternehmen (Sicherheit in der Logistik) und
Staaten (Cyberattacken).
Der Störanfälligkeit von Informations- und
Kommunikationstechnik wird man mit weiteren Auffanglinien und erhöhter Redundanz
begegnen. Die Cloud hat in diesem Zusammenhang übrigens nicht nur Nachteile (Daten auf fremden Servern in anderen Ländern
mit fragwürdigen Rechtssystemen), sondern
sogar Vorteile. Weil Ablage und Verarbeitung
auf mehreren Servern stattfinden, werden im
Fall eines Angriffs zwar einzelne Daten kompromittiert, aber wirtschaftlich nutzbares
Wissen kann so nicht generiert werden.
Die nächste Genera­tion
profitiert von einer wertschöpfungsorientierten
Innovationsstrategie.
Deutschland hat die Finanz- und Währungskrise bislang relativ gut überstanden. Eine
schnelle Rückkehr zu dauerhaft stabilen Rahmenbedingungen ist jedoch nicht zu erwarten. Auf absehbare Zeit unterliegt die Zukunft der Wertschöpfung den Bedingungen
einer volatilen Ökonomie. Dem trägt die Studie von BDI und Z_punkt Rechnung, indem
sie auf Umbrüche und Disruptionen fokussiert. Ihr Ziel war eine wertschöpfungsorientierte Ausrichtung der Forschungs- und Innovationspolitik der Bundesregierung. Die Aufgabe bleibt.
Ein Blick nach vorn
Aus Sicht der Studie von BDI und Z_punkt ist
der weitere Weg für eine wertschöpfungsori-
Ausgabe 3/2013
entierte Innovationsstrategie vorgezeichnet.
Für einen dauerhaften Erfolg ist es jedoch
notwendig, dass die Ziele der Forschungsund Innovationspolitik langfristig angelegt
und damit unabhängig von politischen Legislaturperioden bleiben.
Mit der Orientierung an gesellschaftlichen
Bedarfsfeldern, eingeleitet von der „Forschungsunion“, haben die heftigen Debatten
früherer Jahre um das Für und Wider einer
Industriepolitik einen konstruktiven Abschluss gefunden . Die Öffnung der Innovationspolitik, auch mit neuen Instrumenten wie
der Nationalen Plattform Elektromobilität,
muss nun konsequent in Richtung Gesellschaft vorangetrieben werden. Dabei sind
Bürger und Kunden, Städte, Verbände und
NGOs die Garanten für konsensfähige Lösungen. Sie alle gilt es weiter mitzunehmen.
Neue Beteiligungsformen, auch digitale,
dürften dabei mehr als hilfreich sein.
Die Industrieorientierung der Hightech-Strategie ergibt sich aus den Stärken des Standorts Deutschland, perspektivisch müssen der
Handel und die Dienstleistungsbranchen jedoch integriert werden. Denn Hightech bedeutet in Zukunft immer beides, Produkt und
Service. In diesem Sinne werden sich auch die
Geschäftsmodelle ändern. Wie reagieren sie
auf neue Wertschöpfungspartnerschaften?
Und wer wird sie organisieren? Auch darauf
wird die Forschungs- und Innovationspolitik
Antworten geben müssen. Gleichzeitig müs-
26
sen neuartige Anreizsysteme gesucht und
neue Wettbewerbsmuster für den Transfer in
die Praxis entwickelt werden. Wie können
solche komplexen Umsetzungsprojekte
überhaupt gesteuert werden? Und schließlich: Wie können in den Projekten selber Lernprozesse stattfinden, deren Ergebnisse wiederum die Ziele des Vorhabens verändern?
» Die Öffnung der Innova­
tionspolitik muss nun
­konsequent vorangetrieben
werden. «
Bei all dem ist es unverzichtbar, die innovationspolitische Zielsetzung kontinuierlich zu
hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen – vor dem Hintergrund volatiler Entwicklungen eine Selbstverständlichkeit. Aus Foresight-Perspektive ist dies ein zentraler Punkt.
Denn Ziele implizieren, dass man sich darüber verständigt hat, auf welche Zukunft man
sich einstellt und – noch wichtiger – welche
man überhaupt anstrebt. Leitbildszenarien,
gemeinsam von allen relevanten Akteuren
entwickelt, transparent und fortschreibungsfähig angelegt, wären in diesem Zusammenhang ein adäquates Instrument für eine Foresight-basierte und langfristig angelegte
Innovationspolitik.
Der Zeithorizont der Studie von Z_punkt und
BDI, das Jahr 2030, ist geeignet, um sich >
Zukunftsmanager n Strategie & Kultur
Mehr Informationen
Die Studie „Deutschland 2030 –
Zukunftsperspektiven der Wertschöpfung“ steht hier zum Download bereit:
ÆÆIm Internet
Die Ziele der Hightech-Strategie der
Bundesregierung finden Sie hier:
ÆÆIm Internet
27
Ausgabe 3/2013
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gemeinsam, branchenübergreifend und vorwettbewerblich über nachhaltige Zukunftsmärkte zu verständigen. Dabei liegt es in der
Natur der Sache, dass solche Szenarien fortgeschrieben werden. Sie sind keine Prognosen, aber sie liefern eine rationale Basis für
die Formulierung von Zielen und Instrumenten einer wertschöpfungsorientierten
Forschungs- und Innovationspolitik.
InnovatIonspreIs
der deutschen
wIrtschaft
Dies umso mehr, als sich die Zeichen mehren,
dass wir uns an der Schwelle zu einer großen
Transformation befinden: angefangen von
der Energiewende, über innovative Mobilitätsformen und Produktionsweisen bis hin
zu neuen Kommunikations- und Interaktionsformen einer Next Reality.<
ErstEr InnovatIonsprEIs dEr WElt®
33. ausschrEIbung
bEWErbungsstart sommEr 2013
Klaus Burmeister
WWW.InnovatIonsprEIs.com
ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter
von Z_punkt The Foresight
Company.
schIrmhErrschaft
burmeister@z-punkt.de
Holger Glockner
ist Mitglied der Geschäfts­
leitung bei Z_punkt
The Foresight Company.
vEranstaltEr
hauptpartnEr
mItvEranstaltEr
stIftEr
und zahlrEIchE fördErEr
glockner@z-punkt.de
Zukunftsmanager n Strategie & Kultur
Ausgabe 3/2013
28
Einstein einkaufen
Von Alexander Spickermann und Heiko von der Gracht; Mitarbeit: Andreas Teller
Unternehmensberater geben anderen bereitwillig Ratschläge, stoßen
gravierende Veränderungen an und
bestimmen über die Zukunft eines
anderen Unternehmens mit. Doch
wie sieht ihre eigene Zukunft aus?
Der „Zukunftsmanager“ skizziert elf
Miniszenarien.
Viel ist über Beratung geklagt und geschrieben worden. Unternehmensberater werden
gerne entweder verteufelt oder als allwissend dargestellt – und nehmen Tagessätze
von bis zu 5.000 Euro. Noch. Denn der ehemalige Wachstumsmarkt ist in die Sättigungsphase eingetreten. Im Topsegment der
DAX-Liga sind die Honorare seit der letzten
Wirtschaftskrise um 15 bis 20 Prozent gesunken. Die Kunden geben der Branche zunehmend schlechtere Noten. Ist der „Consultosaurus“ vom Aussterben bedroht? Und wenn
ja, wie könnte er sich retten?
1. Big is beautiful!
Über die Schulter schauen: Darin besteht eine
Aufgabe der Unternehmensberatung – noch.
Der Markt konsolidiert sich bereits. Denken
wir das bis 2030 konsequent weiter, werden
weltweit nur noch drei bis vier globale Marken überleben – allein schon, weil in der Globalisierung das nötige interkulturelle Wissen
teures Geld kostet, das die Kleinen schlicht
nicht haben. Das Massengeschäft könnten
2030 die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften
dem klassischen Consulting abgejagt haben.
Spezialaufträge erledigen die kleinen Spezialisten im Nischengeschäft. Auch ihnen geht
es gut. Nur denen in der Mitte nicht: >
Zukunftsmanager n Strategie & Kultur
Ausgabe 3/2013
„Stuck in the Middle“ wird in diesem Mini­
szenario zum Problem und zur Existenzbedrohung.
2. Eigene Propheten
Inhouse-Consulting wächst heute schon immens, insbesondere bei DAX-Unternehmen.
Dafür werben sie erstklassiges Personal von
den besten Unternehmensberatern ab: Da
arbeitet ein Genie bei der XY-Beratung? Einkaufen! Getreu diesem Trend werden 2030
die internen Consultants scharfe Konkurrenten der externen Experten sein.
Die großen Theoreme des
Managements sind in-
zwischen auch Bestandteile des BWL-Studiums.
3. Bitte keine Strategieberatung!
Früher galt: In Krisenzeiten optimiert man
die operative Seite und im Boom die strategische Seite, um Wachstumschancen zu
identifizieren. Mit der letzten Krise hat eine
gegenläufige Bewegung eingesetzt. Die operativen Effizienzreserven sind nämlich inzwischen aufgezehrt, und Strategieberatung hat
selten zu Durchbruchsinnovationen geführt,
um damit attraktive neue Märkte zu erschließen. Deshalb wird 2030 von den Beratern
vermehrt Unterstützung bei Kreativität und
Innovationsstärke erwartet. Wegen dieser
großen „Durchbruch-Neuland-Innovationsplan-Projekte“ sinkt dann die Zahl der Beratungsprojekte, sie werden über Milestones
unterteilt und einzelne Phasen mitunter sogar getrennt vergeben – was ebenfalls erklärt, warum in Zukunft nur noch eine Handvoll Giganten übrig bleibt.
4. Radikale Innovationen
In den vergangenen Jahren haben die Unternehmensberater die Vordenkerschaft still
und leise abgegeben. Inzwischen kennt jeder
BWL-Studierende die großen Theoreme des
Managements wie die BCG-Matrix, Reengineering, Lean Management oder die Ba­
lanced Scorecard. Neu, wegweisend und
bahnbrechend ist das alles längst nicht mehr.
So können jene, die 2030 noch/wieder fähig
sind zu radikalen Theoremen, ein gutes Geschäft machen und ihren „Jurassic Park“ retten. Etliche Beratungsunternehmen versuchen das heute schon, scheitern jedoch in
29
vielen Firmenkulturen an der Tendenz zur
Uniformität: Radikale Innovation braucht
starke Charaktere mit eigenen Vorstellungen,
die es in einer auf Konformität bedachten
Kultur eher schwer haben.
5. High-Touch-Consulting
Es passiert mittlerweile leider allzu oft: Der
Consultant präsentiert, und der Vorstand findet das ganz nett, aber ziemlich theoretisch.
In der Zukunft wird dieser Beratungsmakel
geheilt sein. Da werden den Kunden die Ergebnisse der Beratung nicht kalt verkündet,
sondern via Workshops, Rollenspiele, Prozessbeispiele und Cases aus dem eigenen
Unternehmen hautnah erfahrbar gemacht.
Das resultierende Commitment treibt den
Auftraggeber geradezu in den Transfer, der
dann auch noch vom Berater mit Implementierungsmaßnahmen und Einführungstrainings für die Mitarbeiter auf dem Shop-Floor
unterstützt wird.
6. Rahmen statt Inhalt
Kunden erfahren in rollengespielten Cases
von den Ergebnissen der Beratung? Denkt
man diesen Workshopansatz konsequent
weiter, landet man bei einer ganz neuen Art
der Beratung, die es 2030 zu kaufen gibt: Berater geben keine Antworten mehr auf brennende Fragen der Unternehmensrealität,
sondern stellen den kreativen Rahmen für
das Unternehmen bereit, damit dessen Führungskräfte und Mitarbeiter die unternehmensspezifischen Antworten selbst fin- >
Zukunftsmanager n Strategie & Kultur
den können. 2030 hat der „Joint Think-Tank“
das beratereigene Projektteam bei vielen
Aufträgen abgelöst.
Neue Methoden: Das
Profil von Beratern
könnte sich zukünftig
verändern.
7. Berater und Coach
Früher gaben sich die Berater die Klinke in die
Hand. 2030 nicht mehr. 75 Prozent der gro­
ßen Organisationen planen oder führen bereits heute eine „Preferred Supplier-List“, auf
Ausgabe 3/2013
der unter der Rubrik „Beratung“ nicht Dutzende, sondern nur noch eine Handvoll Berater gelistet werden. Diese werden dann aber
wirklich für alle anfallenden Aufgaben gebucht. Beratung entwickelt sich zu einer Art
lebenslanger Kooperation. Der Consulter
wird zum Freund oder zumindest zum Coach.
Da sich viele Berater heute noch schwertun
mit Beziehungsarbeit und gelebtem Coaching, ist das eine anspruchsvolle Herausforderung für die Branche.
8. Alles bleibt beim Alten
Ein Miniszenario haben wir bislang „übersehen“. Nämlich das General-Standard-Universal-Szenario: Status quo. Die Zukunft wird so,
wie die Gegenwart bereits ist. Konkret: Es ändert sich nicht viel in der Branche, weil ein
Teil der Unternehmen die Konzepte der Berater auch im Jahr 2030 immer noch gerne für
die Rechtfertigung oder Substitution eigener
Entscheidungen benötigt. Im wahrsten Sinne
des Wortes: Business as usual auch in der Zukunft.
9. Joint Staffing
Oder es kommt doch ganz anders. Zum Beispiel: 2030 werden die Berater nicht länger
wie Luftlandetruppen im Krisengebiet aufschlagen und den Auftrag blitzkriegartig erledigen. Alleingänge nach Rambo-Manier
sind out. Vielmehr wird die Truppe durch Spezialisten des Auftraggebers zum gemeinsamen Projektteam ergänzt. Und die auftraggebenden Unternehmen werden genau
30
darauf achten, welche Aufgaben sie dem Berater innerhalb des Projekts übertragen und
welche sie lieber aus eigener Kraft stemmen
wollen.
10. Wer ist verantwortlich?
Heute gilt oftmals noch: Ist der Berater raus,
ist er raus. Der Transfer des Konzepts, dessen
Nachhaltigkeit und seine anhaltende Effektivität sind nicht mehr Teil des Projekts und
außerhalb der Verantwortung. Dieses Modell
ist in der Praxis gescheitert. Deshalb werden
im Jahr 2030 die zukunftstauglichen Berater
gute Geschäfte mit nachhaltiger Betreuung
machen, indem sie zum Beispiel laufende Reviews, Follow-ups, Audits und Nachjustierungen nach Projektende anbieten. Das Risiko des Projekts wird praktisch im Pool geteilt,
woraus eine ganz neue Branche entstehen
könnte: Projektrisikoversicherung. Der monetäre Aspekt dieser neuen Verantwortlichkeit
dreht sich um die resultatsorientierte Honorierung: 2030 wird ein großer Teil der Berater
erfolgsorientiert bezahlt, ihre effektive Beratungsleistung an ihren konkret erzielten
Wertschöpfungsbeiträgen gemessen. Es
liegt auf der Hand: Vorschläge und Konzepte
allein bringen Kunden keine Vorteile oder
auch nur Veränderungen. Die aktive Umsetzung ist Voraussetzung für den Beratungserfolg. Die Zukunft heißt „Erfolgs(teil)honorar“.
11. Digitaler Berater
Telepräsenz, Distanzmeetings, multisensorische Fernanwesenheit, virtuelle Rund- >
Zukunftsmanager n Strategie & Kultur
Mehr Informationen
Zentrale Erkenntnisse zur Zukunft
der Beratung in diesem Beitrag hat
Andreas Teller, Absolvent der EBS
Universität für Wirtschaft und
Recht, im Rahmen einer Delphi-Befragung mit 95 Experten sowie exklusiven Interviews mit den Führungsetagen von DAX- und MDAXKonzernen und zahlreichen Beratungsunternehmen gewonnen.
31
Ausgabe 3/2013
gänge – das alles nutzt der Berater der Zukunft. Ein Vorteil: Er spart damit Reisekosten
und ist auf Knopfdruck verfügbar. Ein Projekt
in sieben Ländern, da laufen zum Teil schon
heute Lenkungsausschüsse über Videokonferenzen, weil es sonst zeitlich gar nicht machbar wäre.
Die Branche erfindet sich neu
Die gute Nachricht lautet also: Die Branche
erfindet sich neu – doch nur in jenen Teilen,
die sich mit den eben in den elf Miniszenarien skizzierten, absehbaren Innovationen vertraut machen. Dieses Vertrautmachen ist innerhalb der Branche derzeit nur bei wenigen
Aspiranten zu beobachten. Das macht diese
Unternehmen zu den heißesten Anwärtern
auf eine glänzende Zukunft.<
Alexander Spickermann
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für
Zukunftsforschung und
Wissensmanagement (IFK)
an der EBS Universität für
Wirtschaft und Recht.
alexander.spickermann@ebs.edu
Dr. Heiko von der Gracht
ist Leiter des Instituts für
Zukunftsforschung und Wissensmanagement (IFK) an
der EBS Universität für Wirtschaft und Recht.
heiko.vondergracht@ebs.edu
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Innovationsmanagement
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Innovation, Strategie, F&E, BDM, Marketing und Produktmanagement
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Professor Dr. Marc-Michael H. Bergfeld,
Munich Business School, courage Group Gmbh
Jens Bode,
henkel AG & co. KGaA
Thomas Kramer,
Freudenberg Sealing Technologies Gmbh & co. KG
Harald Ostermann,
Innovationswerkstatt Gmbh
Medienpartner
Sebastian Ritzler,
gravity Gmbh
Infos & Anmeldung: www.management-forum.de/Innovation2013
0 81 51/27 19-0 · info@management-forum.de
Zukunftsmanager n Strategie & Kultur
Ausgabe 3/2013
32
Ende der Vordenker?
Von Martin Sonnenschein
In der Beratungsbranche mangelt es
an innovativen Denk- und Beratungsmodellen – findet auch Unterneh-
mensberater Martin Sonnenschein.
Ein Kommentar.
Rund 180 Nachrichten im Durchschnitt senden und empfangen Beschäftigte in Unternehmen Tag für Tag. Die Informationsbelas­
tung bremst die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern und die Produktivität in Unternehmen. Es wird zunehmend schwieriger, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.
Auch wenn die Informationsüberflutung his­
torisch nicht wirklich neu ist, so beschreibt
die digitale Revolution doch eine neue Qualität: die zunehmende persönliche Überforderung bei der Aufnahme und Verarbeitung
zusammenhängender Informationen. Sie
stellt für viele Führungskräfte das größte
Problem dar – und ist gleichzeitig eine Chance für den Wandel professioneller
Consultants­
. Kreative Beratungsleistungen
machen immer noch den Unterschied. Doch
der offenkundige Mangel an innovativen
Denk- und Beratungsmodellen kommt nicht
von ungefähr. Berater sind heute schon vielfach nicht mehr die Vordenker des Topmanagements, überintellektuelle Überflieger,
maßgeschneiderte Besserwisser, die häufig
mit ehemaligen Kollegen auf Augenhöhe
agieren und ihre vermeintliche Unverzichtbarkeit mit teurem Wissensrecycling manifestieren. Sie sind weitestgehend operative
Ressourcen, die akutem Veränderungsdruck
äußerst flexibel und mit hoher Umsetzungserfahrung begegnen. Die Informationsgesellschaft beschleunigt diesen Prozess.
Die effektive Verarbeitung des Informations­
overloads und die Nutzung riesiger Datenmengen für den Unternehmenserfolg sind
die nächste Entwicklungsstufe professioneller Beratungen: die Verwandlung vom Informationsgeber zum Informationsdeuter.
Moderne Unternehmen sind – auch das ein
Verdienst kompetenter Beratung – innovativ.
Sie sind global. Und sie sind schlank. Sie erwirtschaften mit wenig Beschäftigten eine
hohe Wertschöpfung. Dies führt zu einer enormen Verdichtung von Arbeit und Information. Es gibt keine empirisch gesicherte Metho-
de, wie Unternehmen am besten damit umgehen. Jedes muss für sich selbst die Lösung
suchen (und finden). Professionelle Beratungen können einen wertvollen Beitrag leisten.
Verlieren sie deshalb ihren Nimbus? Werden
sie deshalb weniger attraktiv für Talente?
Schrauben sie damit ihre eigenen Ansprüche
zurück? Keineswegs. Aber es ist ein nicht zu
übersehendes Warnsignal, wenn die besten
Absolventinnen und Absolventen mehrheitlich führenden Managementberatern einen
Korb geben und sich lieber innovativen Industrien anschließen. Nicht etwa, weil Consultants ihren alten Elitestatus verlieren, sondern weil sie sich selbst nicht schnell genug
davon befreien und den Wandel anstoßen
können.<
Dr. Martin Sonnenschein
ist Managing Director
Central Europe und Partner
bei der A.T. Kearney GmbH,
Berlin
martin.sonnenschein@atkearney.com
Zukunftsmanager n Produkte & Dienstleistungen
Ausgabe 3/2013
33
Perpetuum mobile
Von Thomas Klein
Ständig in Bewegung: Der Einsatz
Strategie große Herausforderungen
er auf dem Tablet mit Hilfe der entsprechenden Apps Lieferzeiten für
Produkte ab, leitet Bestellungen ein
und ergänzt die Kundendaten im CRMSystem nach den Angaben seines Gesprächspartners. Auf der Rückfahrt beantwortet er auf dem Laptop zwischenzeitlich
eingegangene Nachrichten.
Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr. Der erste
Griff von Kai geht zum Tablet-PC, der auf dem
Nachttisch liegt. Ein kurzer Blick auf die
­E-Mails, die seit dem Vorabend eingegangen
sind, dann verschafft er sich im Outlook-Kalender einen Überblick über die Termine des
Tages. Kai ist viel unterwegs, denn er arbeitet
im Vertrieb. Ins Büro kommt er nur noch für
Teambesprechungen. Auf dem Weg zum Auto sucht er auf seinem privaten Blackberry
nach einer Zugverbindung für die Fahrt zu
seinem ersten Termin. Während der Zugfahrt
versorgt er sich über die CRM-App auf seinem iPad mit Informationen über den Einkaufsleiter und das Unternehmen, zu dem er
unterwegs ist. Während des Gesprächs ruft
Das Beispiel zeigt, welche Potentiale die Nutzung mobiler Dienste mit sich bringt: Die
Möglichkeit, eine Vielzahl von Arbeiten
grundsätzlich an jedem Ort durchführen zu
können, macht Unternehmen und Mitarbeiter viel flexibler. Jede Aufgabe, die Kai unterwegs oder in den eigenen vier Wänden erledigt, erspart ihm die Notwenigkeit, zum Arbeitsplatz zu pendeln. Das erhöht nicht nur
die Zufriedenheit des Mitarbeiters, der leichter Privat- und Berufsleben unter einen Hut
bringen kann, sondern ermöglicht es einem
Unternehmen mit einem flexiblen Arbeitsplatzkonzept, einen Teil seiner Büromiete
einzusparen. Bereits jetzt sind für eine Vielzahl von Tätigkeiten wie Beratung, Außendienst, Servicetechniker und so weiter nur
noch gelegentlich feste Arbeitsplätze not-
mobiler IT-Anwendungen macht die
Arbeit der Belegschaft flexibler und
effizienter. Allerdings bringt die
Umsetzung einer entsprechenden
Zu Hause bei der Ar-
beit – „Mobile Business“
macht’s möglich.
für die IT-Abteilungen mit sich.
Viele Jobs können
bald von jedem Ort
aus erledigt werden.
wendig. In einer
Umfrage der Marktforschungsgesellschaft Forrester aus dem Jahr
2012 gaben 29 Prozent der Mitarbeiter in Unternehmen an, dass sie zu jeder Zeit und an
jedem Ort Geschäftsprozesse erledigten. Forrester rechnet damit, dass bis 2015 weltweit
650 Millionen Menschen mobil arbeiten
werden. Für Thomas Winzer, Geschäftsführer
des Softwarehauses Inosoft, geht damit eine
gewisse Entgrenzung der Arbeit einher. „Ab
einer bestimmten Gehaltsklasse wird einfach erwartet, dass die Mitarbeiter immer
erreichbar sind.”
In einer Studie von Applied Research äußerten 71 Prozent der befragten IT-Verantwortlichen, dass sie über maßgeschneiderte
Applikationen für ihre Mitarbeiter nach- >
Zukunftsmanager n Produkte & Dienstleistungen
Mehr Informationen
Näheres über Inosoft erfahren
Sie hier:
ÆÆIm Internet
Ein Video über das BusinessMobil,
ein fahrbares Büro auf vier Rädern,
finden Sie hier:
ÆÆIm Internet
dächten. Ein Drittel der Teilnehmer gab dabei
an, dass sie solche Anwendungen bereits
nutzten und dass diese die Effizienz der Mitarbeiter erhöhten. So groß die Steigerungen
bei Produktivität, Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit auch sind, die mobile Lösungen
mit sich bringen, sie sind kein Selbstzweck.
Bevor ein Unternehmen die Entwicklung einer mobilen Lösung beschließt, sollte geklärt
sein, welcher Zweck mit der App verfolgt
wird, an welche Zielgruppe sie sich richtet
und welche Nutzeranforderungen an sie gestellt werden. Für Thomas Winzer ist klar,
dass eine Software nicht eins zu eins in eine
App übertragen werden kann: „Bei der Entwicklung einer App ist es notwendig, sich auf
die Quintessenz der mobilen Nutzung zu
konzentrieren. Welche Daten benötige ich
tatsächlich vor Ort?” Die meisten Anwendungen werden laut Winzer weiterhin neben
der mobilen Applikation auch ein „Mutterprogramm” auf dem PC haben.
Bei der Erstellung einer Applikationen müssen die Programmierer beachten, dass die
Anwendungen auf einer Vielzahl unterschiedlicher Geräte funktionieren müssen.
Denn die Zahl der Mitarbeiter steigt, die neben den dienstlich gelieferten Rechnern auch
mit privaten Smartphones, Tablets oder Laptops auf die Programme zugreifen möchten.
Dieser „Bring your Device”-Trend wird sich in
Zukunft noch verstärken. Forrester nimmt an,
dass bis 2017 weltweit rund 260 Millionen
Beschäftige nach diesem Prinzip zumindest
Ausgabe 3/2013
zeitweise dienstliche Programme auf ihren
privaten Geräten nutzen. Damit müssen die
Applikationen nicht nur auf einer Vielzahl
verschieden großer Bildschirme nutzbar sein,
sondern auch auf den unterschiedlichen mobilen Betriebssystemen wie iOS, Android,
Windows Phone oder Blackberry OS.
» Es muss Richtlinien für den
sicheren Umgang mit mobilen Applikationen geben. «
Beim mobilen Arbeiten stellt das Thema „Sicherheit“ eine enorme Herausforderung dar:
So geben 41 Prozent der in der Studie von Applied Research befragten IT-Entscheider an,
dass mobile Anwendungen zu den drei größten Risiken für die IT-Sicherheit zählten. Sie
befürchten unerwünschte Zugriffe durch unautorisierte Nutzer, die Infizierung der Unternehmensnetzwerke durch Schadsoftware sowie Sicherheitslücken durch gestohlene oder
verlorene Endgeräte. Wenn ein Mitarbeiter
auf diese Weise unbeabsichtigt Unbefugten
Zugang zu sensiblen Unternehmensdaten ermöglicht, kann das schnell katastrophale Folgen haben. Für die Firmen ist es daher wichtig,
Maßnahmen zu ergreifen, um das Sicherheitsrisiko zu verringern: Sie können zum einen alle Unternehmensdaten und -anwendungen in verschlüsselte Datencontainer packen, die von den privaten Applikationen strikt
getrennt sind. Selbst wenn dem Mitarbeiter
sein
Endgerät
abhanden
kommt, können die sensiblen
Daten so vor dem Zugriff Unbefugter geschützt und gegebenenfalls von den Administratoren gelöscht werden. Zum
anderen müssen Firmen die
Mitarbeiter, die mobilen Zugang zu Unternehmensanwendungen haben, im Hinblick auf
die Gefahren von Sicherheitslecks schulen. Die IT-Abteilungen sollten gemeinsam mit
den Mitarbeitern Richtlinien für
den sicheren Umgang mit mobilen Applikationen erarbeiten.
Der Trend zum mobilen Arbeiten wird sich sicher fortsetzen.
Dafür sorgt nicht nur die gesteigerte Erwartungshaltung
der Kunden, dass die Anbieter
ständig erreichbar zu sein haben, sondern auch die Anforderung der Mitarbeiter, so flexibel wie möglich arbeiten zu
können. Für Unternehmen
bringt das enorme Chancen
mit sich, aber sie sollten rechtzeitig Maßnahmen ergreifen,
um den damit einhergehenden
Risiken zu begegnen.<
redaktion@zukunftsmanagermagazin.de
34
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Zukunftsmanager n Ausgabe 3/2013 35
MobIle buSIneSS
Herausforderungen und Chancen: Von der Strategie zur Umsetzung
4. Juni 2013, House of IT, Darmstadt
Von A wie Ausgabenkontrolle bis zu Z wie Zoll – für so ziemlich alles gibt
es heutzutage Apps. Mit steigender Auswahl und steigenden Nutzerzahlen
wächst auch die Bedeutung für Unternehmen. Das „Mobile Business“ dringt
so in fast alle Bereiche eines Unternehmens vor. Um optimale Lösungen zu
finden, müssen Unternehmen bisher unbekannte Wege gehen – sowohl als
Nutzer als auch als Anbieter. Immer wichtiger wird in diesem Zusammenhang auch der Sicherheitsaspekt. Wie kann man von unterwegs auf sensible
Daten zugreifen, ohne dass die Sicherheit dieser Daten gefährdet ist?
Raphael Schulna der adesso mobile solutions GmbH und stellv. Vorsitzender des BITKOM-Arbeitskreises Apps & Mobile Services vermittelt zunächst einen Überblick über die aktuelle Entwicklung. Auf was Unterneh-
Eine Initiative von:
men achten sollten, wenn sie mobilen Datenzugriff zulassen, wird Thomas
Winzer, Vorstand der Inosoft AG beleuchten. Zum Abschluss wird Prof.
Dr. Nils Herda, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen, auf die Entwicklung von Mobile Apps eingehen.
Anmeldung und weitere Informationen zu der kostenfreien Veranstaltung
erhalten Sie unter:
www.kompass-projekt.de
Mitwirkende
Kofinanziert durch:
Zukunftsmanager n Kurz notiert
Band 2 des Methodenkoffers enthält
alle Konzepte und Navigationsinstrumente, die für eine „Zukunftsreise“ nötig sind: Corporate Foresight,
Visionsmanagement, Strategisches
Management, Szenariomethode,
Delphi-Methode, Zukunftswerkstatt,
Roadmapping u.a.
Walter Simon: Gabals großer Methodenkoffer Zukunft. Grundlagen und Trends.
Gabal 2011. ISBN: 978-3-86936-181-9
Deutschland 2030
Wie wird sich unsere Welt bis 2030
verändert haben? Wie kann
Deutschland diese Veränderungen
aktiv mitgestalten? Der Autor antwortet auf diese Fragen und erläutert, welche Entwicklungen neben
Wirtschaft und Politik in Kultur und
Bildung zu erwarten sind.
Horst W. Opaschowski: Deutschland 2030.
Wie wir in Zukunft leben. Gütersloher Verlagshaus 2013. ISBN: 978-3-579-06635-6
News
5. Juni 2013
Technologieaufgeschlossenheit und Innovationsfreundlichkeit in Deutschland –
Auftaktveranstaltung
Berlin
Die Veranstaltung stellt den Startschuss für
ein Projekt dar, das Ausprägungen von Technologieakzeptanz, deren Ursachen und Wirkungen auf den Innovationsstandort
Deutschland untersucht.
ÆÆIm Internet
„Leinen los“: So lautet die Devise der
„MS Wissenschaft“.
Die Zukunft an Bord
Leinen los – so lautet aktuell die Devise des
Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Denn die MS Wissenschaft
hat abgelegt, um in den kommenden Monaten 40 Städte in Deutschland und Österreich anzusteuern. An mehr als 30 Exponaten können Kinder ab zwölf Jahren sowie
Jugendliche und Erwachsene an Bord aktuelle Forschung spielerisch entdecken: An einer sogenannten Morphing-Station können
sich Besucher ein Bild davon machen, wie
sie im Alter von 80 Jahren aussehen werden. Am Beispiel von deutschen Kommunen
36
Veranstaltungen
© Thinkstock
Gabals großer
Methodenkoffer
Zukunft
Ausgabe 3/2013
werden die Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung verdeutlicht und Schlagworte wie Generationenvertrag oder Alterspyramide bildlich erklärt. Ergänzt wird
die Ausstellung durch mehrere Podiumsdiskussionen: Unter dem Motto „Dialog an
Deck“ wird es eine Reihe von Veranstaltungen geben, bei denen an Bord der MS
Wissenschaft Bürgerinnen und Bürger mit
Experten, Wissenschaftlern und Vertretern
der jeweiligen Region spannende Fragen
zum demographischen Wandel diskutieren
können.
20.–21. Juni 2013
Smart Variant. CON 2013
Berlin
Die Veranstaltung richtet sich an Manager
aus Bereichen wie Varianten- und Komplexitätsmanagement oder Produktmanagement. Aktuelle Erfahrungsberichte gibt es
von KSB, TRW, EW-Eurodrive, Phoenix Contact,
Airbus und vielen mehr.
ÆÆIm Internet
28. Juni 2013
Innovation – Unternehmergipfel
Frankfurt am Main
Die Veranstaltung gibt Einblicke in die Innovationspraxis von führenden Spitzenunternehmen und lädt dazu ein, mit zahlreichen
Fachleuten darüber zu diskutieren.
ÆÆIm Internet
Zukunftsmanager n Kurz notiert
Cooldown
Wie können wir die Anforderungen
der modernen Arbeitswelt meis­
tern? Das INSEL-Modell versucht,
basierend auf modernen neuropsychologischen Erkenntnissen, auf
fünf Dimensionen Antwort zu geben: Information, Netzwerk, Selbstmanagement, Ethik, Leadership.
Markus Väth: Cooldown. Die Zukunft der
Arbeit und wie wir sie meistern. Gabal
2013. ISBN: 978-3-86936-514-5
Zukunft und
Wissenschaft
Die Beiträge des Sammelbands beschäftigen sich systematisch mit
bisher vernachlässigten wissenschaftlichen Grundlagen der Zukunftsforschung, frei nach dem
Motto: „Wo ‚Forschung’ drauf steht,
muss auch Forschung drin sein.“
Reinhold Popp (Hg.): Zukunft und Wissenschaft. Wege und Irrwege der Zukunftsforschung. Springer 2012. ISBN: 978-3-64228954-5
Ausgabe 3/2013
News
Veranstaltungen
Digitalisierung bringt Dynamik
Der Wandel hin zu einer digitalen Netzwerk­
ökonomie führt zu neuen Gründungstypen,
heterogenen Geschäftskonzepten und innovativen Prozessen. Das Ergebnis wird eine
vielgestaltige Gründungslandschaft sein, die
Wachstumsimpulse für die gesamte Volkswirtschaft gibt. Das ist ein zentrales Ergebnis
der vom Bundesministerium für Wirtschaft
und Technologie veröffentlichten Studie „Zukunft der Gründungsförderung – neue Trends
und innovative Instrumente.“ Die Studie untersucht, wie die fortschreitende Digitalisierung, neue Kommunikationsformen und alternative Gründungswege Dynamik in die
Gründerszene bringen. Sie identifiziert fünf
Trends, die zeigen, wie sich Prozesse und
Strukturen verändern und neue Chancen für
pfiffige Gründungsideen entstehen:
• N
eue Möglichkeiten der Kapitalbeschaffung und Kontaktaufnahme durch
Crowd­
investing.
Über
deutsche
Crowdinves­ting-Plattformen wurden bisher mehr als 3 Millionen Euro für über 50
Start-ups eingesammelt. Aktuelle Schätzungen zeigen, dass 2012 ein Finanzierungsvolumen von 4–5 Millionen Euro
erreicht wurde.
• U
nter dem Stichwort „Partnering“ werden die Anforderungen an eine Grün-
37
dungsberatung 2.0 beschrieben, die viel
stärker als bisher auf den Netzwerkgedanken und der Vermittlung von Kontakten über Onlineplattformen basiert. Ziel
ist es, über die Wissensvermittlung hinaus den Gründern Einblicke in die Gründungspraxis zu verschaffen und von den
Erfahrungen anderer zu profitieren.
• E
in weiterer Trend ist die Industrialisierung von Start-ups, bei der eine Unternehmensgründung durch einen standardisierten und beschleunigten Gründungsprozess stattfindet und von
einem Company-Builder und Start-upbzw. Business-Accelerator unterstützt
wird.
• L aut der Studie wird es einen Trend zum
Outsourcing von Gründungsdienstleis­
tungen und ein verstärktes Angebot für
gründungsphasenspezifische Dienstleis­
tungen und Produkte über Internetportale geben.
• Z
udem wandelt sich das Bild des Unternehmers in der Wahrnehmung der Gesellschaft. Die Gründung eines eigenen
Unternehmens wird für weitere Zielgruppen zur ernsthaften Option, „Gründung
wird chic“.
Bewerbungsfrist: 30. Juni 2013
Ideen finden Stadt
Der bundesweite Innovationswettbewerb
„Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ hat
im Wettbewerbsjahr 2013/14 ein Jahresthema: „Ideen finden Stadt“. Die Initiative
„Deutschland – Land der Ideen“ und die
Deutsche Bank suchen gemeinsam die 100
besten Ideen und Projekte für das Leben in
den Städten und Gemeinden der Zukunft.
Ausgewählt von einer hochkarätig besetzten
Jury, werden die Projekte von der Initiative
und der Deutschen Bank als „Ausgezeichnete
Orte im Land der Ideen“ prämiert.
ÆÆIm Internet
25. September 2013
Lean Transfer Forum
SEW-Eurodrive, Bruchsal
Diese Konferenz findet bei SEW-Eurodrive
statt. Basierend auf den vier Säulen Produk­
tion, Prozesse, Kultur, Netzwerk erhalten die
Teilnehmer einen fundierten Überblick über
die aktuellen Entwicklungen im Lean Management. Neben spannenden Beiträgen
aus der Industrie, u.a. von SEW, Trumpf und
Daimler, besteht die Chance zum individuellen Lean-Coaching und der praktischen
Wissensvermittlung in der Lernwerkstatt. In
einer Best-Practice-Führung erlebt der Teilnehmer die Lean-Management-Ansätze live.
ÆÆIm Internet
Zukunftsmanager n Kurz notiert
Nach Informationen von „Horizont“ arbeitet ein Team von Branding-Experten an
einer Daimler-Marke zum Thema Mobilität der Zukunft. Unter ihrem Dach sollen
innovative Produkte und Angebote gebündelt werden. Die Federführung liegt
bei der Sparte Daimler Mobility Services,
einer Anfang des Jahres gegründeten
Tochter von Daimler Financial Services. Ein
Sprecher des Unternehmens will die Pläne
weder bestätigen noch dementieren.
Nach Informationen von „Horizont“ holt
sich Daimler für die Entwicklung der neuen Marke Unterstützung von außen. Zu
hören sind in diesem Zusammenhang
zwei Namen: Meta Design und LBi. Für
Meta Design wäre das Mandat besonders
heikel. Die Berliner Agentur ist an den
Volkswagen-Konzern und dessen Marken
VW und Audi gebunden. Darauf weist
Agenturchef Arne Brekenfeld in einer Stellungnahme ausdrücklich hin. Auch bei der
Schwesteragentur LBi will man eine Zusammenarbeit mit Daimler nicht bestätigen und verweist wie Brekenfeld an die
Pressestelle des Herstellers.
„Elektrischer Stuhl“:
Dieses Möbelstück
sorgt neben der Entspannung auch für
Strom.
Entspannte Stromerzeugung
Entspannen und dabei Strom erzeugen: Aus
dieser Idee hat Igor Gitelstain ein Produkt gemacht. Der ukrainische Designer hat einen
Schaukelstuhl konstruiert, der über einen in
die Kufen integrierten Lineargenerator verfügt, der die Wippbewegung in Strom wandelt. Seinen „Otarky Rocking Chair” hat der
Designer am Shenkar College of Engineering
and Design in Israel als Abschlussarbeit gebaut und dafür hochwertiges Holz und Metall verwendet. Unterstützt hat ihn der
Desig­ner Pini Leibovich.
JETZT N!
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ANME
UNTERNEHMERGIPFEL RHEIN MAIN 2013
28. Juni 2013
Industriepark Höchst
Frankfurt am Main
Eröffnungsplenum „Industrie der Zukunft“
© Hessische Staatskanzlei
Neue Marke
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News
7. INNOVATION–UNTERNEHMERGIPFEL
News
38
Ausgabe 3/2013
Volker Bouffier,
Hessischer
Ministerpräsident
Dr. Günter Jordan,
Partner, A.T. Kearney
GmbH
Dr. Michael Kassner,
Leiter Region Mitte,
Siemens AG
Manfred Köhler, Leiter
Wirtschaftsredaktion
Rhein-Main, Frankfurter
Allgemeine Zeitung
Dr. Roland Mohr,
Geschäftsführer,
Infraserv GmbH &
Co. Höchst KG
Otto Wassermann,
Aufsichtsratsvorsitzender,
Otto Wassermann AG
3 Etappen
13 Innovationsforen
50 Referenten
500 Teilnehmer
www.innovationsgipfel.de
Gastgeber:
Mitveranstalter:
Initiator:
Platinpartner:
Standort-/Systempartner:
Netzwerkpartner:
Medienpartner:
Hauptmedienpartner:
Zukunftsmanager n 15 Fragen an
Ausgabe 3/2013
15 Fragen an
Hans Joachim Schellnhuber, Klimaforscher
Wie möchten Sie im Jahr 2030 leben?
Rüstig.
Wo möchten Sie 2030 leben?
Im Schatten großer Bäume.
Worauf möchten Sie 2030 verzichten können?
Auf einen Rollstuhl.
Worauf möchten Sie nie verzichten müssen?
Spaghetti Vongole, dazu ein Glas Sauvignon
blanc.
Was muss noch erfunden werden?
Ein Erfindungsautomat.
Welche Erfindung würde Sie überraschen?
Ein zuverlässiges Verfahren zur Heilung von
Krebs.
Welcher Zukunftstrend ist Ihnen schon heute
ein Dorn im Auge?
Die Entwertung der persönlichen durch globale „soziale“ Netzwerke.
Welcher Trend bestimmt 2030 die Welt?
Die Vollendung der Nachhaltigkeitsrevolution – wenn wir mehr Glück als Verstand haben.
Welcher Trend der kommenden zehn Jahre
wird in 30 Jahren schon wieder überholt sein?
Die Trendforschung selbst.
Wer oder was würden Sie in 20 Jahren sein
wollen?
Ich selbst, aber 20 Jahre jünger.
Ben Hur, Martin Luther, Nelson Mandela oder
Luke Skywalker: Mit wem würden Sie aus welchen Gründen tauschen wollen?
Die nächste Ausgabe erscheint am 10. Juli 2013.
Mit Luke Skywalker, weil er ein so übersichtliches Weltbild hat.
2013, 2150 oder 3210: Wann würden Sie warum am liebsten leben wollen?
2013, weil mein Sohn jetzt im schönsten Kindesalter ist (vier Jahre).
Womit beschäftigen Sie sich 2030 am liebs­
ten?
Mit der Erinnerung an 2013.
Welche Reform wird 2030 von zentraler Bedeutung sein?
Die Einführung des Leistungsprinzips.
Der Held im Jahr 2030: Was kennzeichnet ihn?
Sie hat die Riemannsche Vermutung bewiesen.
Hans Joachim Schellnhuber,
Jahrgang 1950, ist
ein deutscher Klimaforscher. Seine
Arbeitsschwerpunkte sind die Klimafolgenforschung und die
Erdsystemanalyse.
Er ist Direktor des Potsdam-Instituts
für Klimafolgenforschung, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale
Umweltveränderungen und Mitglied des Weltklimarates. Außerdem
ist er Vorsitzender des Verwaltungsrats des Climate KIC (Knowledge
and Innovation Community) des European Institute for Technology. Als
einer der ersten Wissenschaftler in
Deutschland forderte Schellnhuber
nachhaltige Lösungen des Klimaproblems ein.
39
Zukunftsmanager n Corporate Partners | Expertenbeirat
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Corporate Partners
Expertenbeirat
Herausgegeben von
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40
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Ausgabe 3/2013
41
Impressum
Herausgegeben von:
F.A.Z.-Institut für Management-,
Markt- und Medieninformationen GmbH,
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Leiterin Center Innovationspublikationen:
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Leiter Redaktion Innovationsprojekte:
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Mitglied der Geschäftsleitung: Markus Garn
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Isabel Werthmann | redaktion@zukunftsmanager-magazin.de
Bildnachweise: Deutsche Bundesstiftung Umwelt (39); igorgitelstain.me (38); Ottobock (5, 6, 7, 9); Thinkstock (4, 10, 12, 14,
16, 17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 25, 26, 28, 29, 30, 32, 33, 34, 36)
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Für die Richtigkeit und Vollständigkeit des Inhalts des „Zukunfts­
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Politik, Kultur und Gesellschaft geben
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Einblick in Trends rund um Innovation
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