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1 Sonntagsrede: Trost und Freiheit Gruß Was - Mitten im Leben

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Sonntagsrede: Trost und Freiheit
Gruß
Was machen wir eigentlich, wenn wir Musik machen – liebe Gemeinde. Brass for Peace,
Bläser für den Frieden; natürlich , alle sind für den Frieden, aber glauben wir wirklich , mit
ein paar Trompeten- und Posaunentönen irgendetwas auszurichten – und das in einem der am
meisten umkämpften Regionen der Welt – in Israel / Palästina – ist das nicht wirklich etwas
großmäulig, wenn wir behaupten, mit unserer Musik etwas zum Frieden beitragen zu können
– das haben wirklich schon ganz andere versucht.
Ich gebe zu, dass derartige Anwandlungen mich regelmäßig überkommen. Und deswegen
erlaube ich mir, mich mit ihnen auf eine Reise in unsere eigene Musiktradition zu begeben
und dabei der Frage nachzugehen: Was machen wir in der Kirche, wenn wir Musik machen?
Auf jeden Fall etwas, was sich nicht von selbst versteht. Musik muss sich – anders, als viele
von uns vielleicht vermuten – sie muss sich immer wieder gegen einen Widerstand
durchsetzen; denn es gibt offensichtlich gute Gründe, die Macht der Musik zu fürchten.
Jemand der darüber recht genau Bescheid weiß, ist Martin Luther. Er hat seine Musik gegen
Widerstände durchsetzen müssen. Er hat damit Erfolg gehabt – und es gibt kluge Leute, die
sagen, die Reformation sei nicht wegen ihrer Lehren, der Rechtfertigungslehre oder der so
genannten Zwei-Reiche-Lehre erfolgreich gewesen – es sind vor allem die Lieder, die bei den
Leuten so gut angekommen sind. Luther auf jeden Fall hat über den Ursprung und die
Wirkungen der Musik einmal folgendes gesagt:
Ich liebe die Musik und es gefallen mir die Schwärmer nicht, die sie verdammen. Weil sie 1.
ein Geschenk Gottes ist und nicht der Menschen, 2. weil sie die Seelen fröhlich macht, 3. weil
sie den Teufel verjagt, 4. weil sie unschuldige Freude weckt; darüber vergehen die
Zornanwandlungen, die Begierden, der Hochmut, ... und 5. weil sie in der Zeit des Friedens
herrscht.
(Zit. Nach M. Rößler, Martin Luther, in: Handbuch zum EG II; 207)
Probieren wir es aus: eg 362, 1+2
1. Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind - mit Ernst er's jetzt meint;
1
groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.
2. Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren;
es streit' für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott,
das Feld muß er behalten.
Luther hat immer wieder behauptet, dass er gegen den Teufel kämpfen muss. Der Teufel mag
keine Musik, und er will keine Musik. Der Teufel ist der Verdreher. Der Teufel ist die Macht,
die alles Gute und Lebensförderliche so durcheinander bringt, dass das Leben im Chaos zu
versinken droht. Luther hat in seiner eigenen Biographie es immer wieder mit diesen
lebensfeindlichen Mächten zu tun gehabt. Wie er damit umgegangen ist, wie er sie besiegt hat
– das zeigt sich sogar in seinem Namen. Eigentlich heißt er Martin Luder. Luther ist ein
künstlich hergestellter Name, nämlich aus seinem Ursprungsnamen – Luder – und dem
griechischen Wort „eleutherios“ - der Freigelassen, der Freie; aus diesen beiden Worten hat
er zu Beginn seiner Wirksamkeit Luther gemacht. Er sagt damit: „Ich bin frei! Gott sei
Dank!“ Aber wovon ist er befreit worden?
Von den ewigen Selbstzweifeln, ob er alles richtig macht. Das fängt schon mit seiner
Entscheidung an, Mönch zu werden – sein Vater war strikt dagegen. War es richtig sich gegen
den Vater zu stellen? War das nicht ein Verstoß gegen das Gebot, die Eltern zu ehren? Und
als er schließlich den großen Ablassstreit vom Zaun gebrochen hat und dann beim Reichstag
in Worms vor dem Kaiser und allen anderen wichtigen Leuten des damaligen Reiches stand –
da hat er nicht widerrufen – einige waren entsetzt – aber viele waren begeistert von ihm – er
war ein gefeiert Held - und kurz darauf ging zuhause in Wittenberg der Bildersturm los – das
war für ihn die Hölle. Die Bilderstürmer haben sich auf ihren Helden, auf Martin Luther
berufen – Luther habe sie so frei gemacht, dass sie in den Kirchen der Stadt Bilder
zertrümmern und Kunstschätze verbrennen können – die wären nämlich alles Götzenzeug,
römischer Plunder. War das richtig? Was hat er, Luther da angerichtet? Selbstzweifel, die bis
ins Mark gehen. Und später noch, als die Bauern gegen die drückenden Auflagen der Fürsten
rebellierten – auch da haben sich die Bauern auf den Reformator aus Wittenberg berufen, auf
seine Lehre von der christlichen Freiheit. Luther aber hat die Fürsten zum Dreinschlagen,
gegen die Bauern ermutigt. Aufstand durfte auf keinen Fall sein. Das Ergebnis war ein
beispielloses Niedermetzeln der aufständischen Bauern – und dabei haben sich dann die
Herrschenden auf Luther bezogen. Was hat er da angerichtet – hat er nicht alles falsch
gemacht? Diese Zweifel ist er eigentlich nie losgeworden – und wenn man ehrlich sein Leben
2
anschaut, dann gibt es neben allem Großartigen, was er geschaffen hat auch sehr tiefe und
lange Schatten. Von seinen Judenschriften möchte ich jetzt hier gar nicht reden – obwohl
gerade die für unseren Zusammenhang sehr, sehr aufschlussreich und erschütternd wären.
Aber Gott – der macht frei? Ja – so besingt Luther es in seinem großen Trostlied von der
festen Burg. In Gott sind wir so geborgen, dass uns all die Anfragen, ja sogar die
Anfeindungen und deprimierenden Nachrichten nichts anhaben können. Gott steht nämlich
trotz allem auf unserer Seite. Gott macht von den Selbstzweifeln los, denn Gott legt uns nicht
auf unsere Aktionen fest – zu unserem Glück. Die Anfragen an unser Leben sind ja nur zu
berechtigt. Wenn der Teufel, der Lebensverdreher und Obermiesmacher einen mit seinen
Fragen löchert, ob man denn so mit dem, was man in seinem Leben angerichtet hat, meint vor
Gott bestehen zu können... dann, … dann sind diese Anfragen doch nur zu berechtigt! Der
altböse Feind, mit Ernst er’s jetzt meint!
Luther weiß das. Und deswegen ist es der große Befreiungsschlag, wenn Luther erkennt, dass
wir nicht durch unsere Werke gerechtfertigt oder verdammt sind. Nicht auf unsere Erfolge,
nicht auf unsere Abstürze, nicht auf das was wir richtig gemacht haben und auch nicht auf
das, was wir grundfalsch gemacht haben legt Gott uns fest – Gott macht uns frei von allen
Urteilen und Festlegungen, die wir oder die andere über uns sprechen – und er, Gott selbst –
er verurteilt uns auch nicht. Das hat er in Jesus Christus gezeigt. Jesus streitet nämlich vor
allem für solche Leute, die mit ihrem Leben nicht fertig werden. Z. B. bei der Ehebrecherin –
die hatte in ihrem Leben nun wirklich und nachweislich viel falsch gemacht – sie wird
vorgeführt, Jesus soll das Urteil sprechen und er sagt nur zu den Anklägern: Wer von euch
ohne Sünde ist, der werfe denersten Stein - und zu der Frau sagt er: wenn die dich nicht
verurteilt haben, dann tu ich es auch nicht. Jesus setzt sich für die ein, die mit ihrer Macht
nichts ausrichten können, die so viel falsch gemacht haben in ihrem Leben – bis zum Schluß,
bis zu,m Kreuz bleibt das Jesu Haltung: noch für seine Henker betet er: Vater vergib, sie
wissen nicht, was sie tun– darauf, auf diesen abgründigen Freispruch beruft sich Luther: mit
unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren, es streit für uns der rechte Mann, den
Gott selbst hat erkoren – fragst du wer der ist – er heißt Jesus Christ. So macht Gott frei –
indem er seinen Sohn Jesus für uns einstehen lässt. Unsere Selbstzweifel werden wir nicht los
– zu Recht. Aber Gottes Freispruch lässt uns trotzdem fröhlich leben. Denn das will Gott:
unser Leben. Davon können wir am besten dann nur noch singen.
Und so geschieht es auch ein neueres Lied aus unserem Gesangbuch – eg 360.
1. Die ganze Welt hast du uns überlassen, doch wir begreifen deine Großmut nicht.
Du gibst uns frei, wir laufen eigne Wege in diesem unermeßlich weiten Raum.
3
Kv: Gott schenkt Freiheit,
seine größte Gabe gibt er seinen Kindern.
2. Du läßt in deiner Liebe uns gewähren. Dein Name ist unendliche Geduld.
Und wir sind frei: zu hoffen und zu glauben, und wir sind frei zu Trotz und Widerstand.
3. Wir wollen leben und uns selbst behaupten. Doch deine Freiheit setzen wir aufs Spiel.
Nach unserm Willen soll die Welt sich ordnen. Wir bauen selbstgerecht den Turm der Zeit.
4. Wir richten Mauern auf, wir setzen Grenzen und wohnen hinter Gittern unsrer Angst.
Wir sind nur Menschen, die sich fürchten können, wir brachten selbst uns in Gefangenschaft.
Freiheit- das ist in diesem Lied das große Stichwort. Christa Weiß hat den Text dieses Liedes
zum Kirchentag 1965 in Stuttgart geschrieben. Für sie ist Freiheit vor allem
Entscheidungsfreiheit – wir sind frei, uns für oder gegen Gott zu entscheiden. Wer oder was
sollte uns davon abhalten, ihn anzunehmen oder auch ihn abzulehnen. Wir sind so. frei
Allerdings ist es für sie ein Ausdruck unserer missbrauchten Freiheit, wenn wir Menschen
Gott ablehnen, wenn wir uns den Freispruch Gottes nicht mehr gefallen lassen wollen,
sondern im wahrsten Sinne selbst- gerecht werden. Die Selbstgerechten, die können nur noch
Mauern hochziehen. Mauern entstehen wo Angst sich einschleicht, weil es vielleicht mit
unserer eigenen Gerechtigkeit nicht so weit her ist – und wir uns dann doch lieber vor den
Ansprüchen der anderen schützen müssen...?!
1965 war den Menschen in Deutschland vor allem die Mauer vor Augen, die nun 1989
gefallen ist. Aber wie jede Mauer – so ist auch sie ein Ausdruck der Angst gewesen. Angst
vor dem anderen Block. Genauso wie in Israel / Palästina: die Mauer, die Bethlehem zu einem
Freiluftgefängnis macht, die die Westbank von Israel wirtschaftlich und politisch abriegelt –
diese Mauer ist nichts anderes als der Versuch, die Angst vor den anderen in den Griff zu
bekommen.
Die Israelis sagen, dass diese Mauer dazu geführt hat, dass die Selbstmordattentate in Israel
eingedämmt werden konnten. Die Palästinenser erfahren die Mauer als eine Maßnahme, ihr
Land zu rauben und die palästinensische Gesellschaft am Aufbau zu hindern. Wir könnten
jetzt viele Geschichten erzählen, die auch unsere Volontäre an der Mauer erlebt haben –
Geschichten von Erniedrigung und Willkür. Aber unsere Volontäre, die den Kindern in der
Westbank das Trompete – und Posaunenspiel beibringen versuchen einen anderen Klang in
diese Situation hineinzubringen – Musik. Wofür die Musik?
Weil sie 1. ein Geschenk Gottes ist und nicht der Menschen, 2. weil sie die Seelen fröhlich
macht, 3. weil sie den Teufel verjagt, 4. weil sie unschuldige Freude weckt; darüber vergehen
4
die Zornanwandlungen, die Begierden, der Hochmut, ... und 5. weil sie in der Zeit des
Friedens herrscht.
So meint es doch Luther - und ich kann nur sagen, genau das ist unsere Erfahrung: Musik
führt in unseren Bläsergruppen dazu, von Zornanwandlungen (wie Luther das so schön
ausgedrückt hat) abzulassen; wer eine Posaune in der Hand hat, kann nicht neben dran auch
noch mit einem Molotow - Cocktail hantieren. Musikmachen bedeutet aber nicht unbedingt
immer „Friede, Freude, Eierkuchen“. Da müssen sie nur einmal in eine unserer Proben
kommen – wie die Kinder da unsere Volontäre herausfordern – nicht unbedingt Friede,
Freude, Eierkuchen. Musikmachen ist vor allem zu Anfang immer auch ein Ringen mit dem
eigenen Schweinehund, der immer etwas anders gerade vorhat. Und Musikmachen bringt
einen auch immer wieder dazu, dass man in einen Wettbewerb tritt: wer kann höher, wer kann
lauter? … wer kann schöner? – ja, diese Frage wird gelegentlich auch bei Bläsern gestellt …auf jeden Fall sind die Kinder, ist jeder, der Musik machen möchte mit ganzem Körper, mit
ganzer Seele und mit voller Konzentration gefragt. Wer das nicht aufbieten kann – bei dem
hört man’s dann - … und dann konzentriert man sich doch lieber beim nächsten Mal etwas
mehr. Wer Musik machen will, muss üben – das vergessen die Kinder und Jugendlichen in
Palästina genauso oft und gerne wie in Deutschland. Aber wenn sie dabei bleiben, dann haben
sie eine ganz konkrete Alternative, was sie in ihrer Freizeit anstellen können. Für
palästinensische Kinder, die in einem Flüchtlingscamp groß werden oder aber auch in einer
wirtschaftlich relativ stabilen Familie, die aber wenig Beschäftigungsalternativen zum
Computer bieten können, für diese Kinder ist das Musizieren, das gemeinsame Üben und vor
allem der Auftritt vor vielen Leuten eine Sache, die sie auf bislang unbekannt Weise bestätigt,
ihnen eine ( wie Luther sagt) ganz unschuldige Freude macht.
Musik herrscht in der Zeit des Friedens. Musik bringt es also fertig, dass es zu einem
Zusammenspiel verschiedener Kräfte kommt und dieses Zusammenspiel bringt etwas zutiefst
Erfreuliches hervor – natürlich sind Dissonanzen da. Aber in echter, guter Musik lösen sich
diese Dissonanzen so auf, dass etwas neues, überraschendes entsteht – nicht einfach immer
nach Schema „F“ - das wäre langweilig – und gute Musik ist bestimmt nicht langweilig. Gute
Musik ist ein Ausdruck von einer guten, lebensförderlichen Freiheit – gerade kein Schema „F.
Darum ist Musik eine der schönsten Gaben Gottes. Frieden und Freiheit. Musik bringt das
zusammen, was in manchen öffentlichen Reden gemeinsam beschworen wird – dann aber
schal und unglaubwürdig klingt - „Frieden und Freiheit…?“ Allzu oft ist der Frieden mit
einer erheblichen Portion Unfreiheit erkauft. Wenn man es so genau nicht wissen will, wenn
man lieber in Frieden gelassen werden möchte und mit all den anstrengenden Nachrichten von
5
Leid und Unterdrückung nichts mehr anfangen kann – dann ist der Friede mit Unfreiheit
erkauft. Oder die Freiheit wird noch erstritten, erkämpft – dann kommt sie auf jeden Fall nicht
mit dem Frieden zusammen. Aber Musik, Musik herrscht in der Zeit des Friedens – für mich
heißt das auch: Musik machen setzt Kräfte frei, die Frieden hervorbringen – und diese Kräfte
brauchen wir in Deutschland genauso dringend wie in Israel – darum tut es uns allen gut,
Musik, das große Geschenk Gottes zu pflegen – darum lasst uns nun die letzte Strophe aus eg
360 singen.
6. Gib uns die Wege frei, die zu dir führen, denn uns verlangt nach deinem guten Wort.
Du machst uns frei, zu lieben und zu hoffen, das gibt uns Zuversicht für jeden Tag.
Kv
Kanzelsegen
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