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Ringvorlesung WS 2014/15
16. Oktober 2014
Gunther Wenz
Orientierungslos? Stellungnahmen der Evangelischen Kirche in Deutschland zu Ehe
und Familie
Löwes Einspruch
„Orientierungslos“ lautete die mit keinem Fragezeichen versehene Überschrift eines
Gastkommentars („Fremde Federn“) in der Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
vom 28. Juni 2013 zur kurz zuvor veröffentlichten „Orientierungshilfe des Rates der
Evangelischen Kirche in Deutschland“ zum Thema „Familie als verlässliche Gemeinschaft
stärken“. Der Autor, Hartmut Löwe, war von 1993 bis 1999 Bevollmächtigter der EKD bei
der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union und bis 2003 evangelischer
Militärbischof. Das Fazit seines FAZ-Beitrages lautet: „Die Veröffentlichung der EKD zur
Familie stellt einen revolutionären Bruch dar in der Kontinuität evangelischer Lehre und
gemeinchristlicher Überzeugungen. Bei ihrer Verabschiedung war der Rat der EKD so
orientierungslos, dass er die beabsichtigte Orientierung nicht zu geben vermochte.“ Nicht dass
alle Passagen des Textes gleichermaßen zu kritisieren seien: „Ausführungen zu
Einzelthemen“, so Löwe, „werden breite Zustimmung finden, andere Vorschläge werden
präzisiert und diskutiert werden müssen. Aber eine ‚Orientierungshilfe’ ist der Text
mitnichten. Denn in seinen Voraussetzungen und Grundannahmen sorgt er für eine heillose
Verwirrung, markiert er doch einen radikalen Bruch mit der in der Christenheit bislang
gültigen Lehre von Ehe und Familie, wie sie in großer Kontinuität die EKD immer wieder
öffentlich vertreten hat. Gingen alle früheren Veröffentlichungen von Ehe und Familie als
Leitbildern aus, so wird jetzt die Familie aus ihrem Zusammenhang mit der Ehe gelöst und
unbegrenzt ausgeweitet auf die unterschiedlichsten Gesellungsformen, in der verschiedene
Generationen zusammenleben. Das geschieht nicht beiläufig, sondern ist Programm.“
Die programmatische Verabschiedung bzw. Umwertung bisheriger Werte beginnt Löwe
zufolge mit einer Neudefinition des Ehe- und Familienbegriffs, der in unstatthafter Weise
ausgedehnt werde mit dem Ziel, „verschiedene Lebensformen gar nicht mehr zu
unterscheiden, sondern als in jeder Hinsicht gleichrangig zu werten. Geradezu abenteuerlich
wird es“, so Löwe, „wenn dieser ‚Gleichheitsfuror’ (Kielmansegg) aus dem Alten und Neuen
Testament begründet wird. Der Leser erwartet in einem Text der Kirche einen sorgfältigen
Umgang mit ihren biblischen und lehrmäßigen Überlieferungen, wird aber bitter
enttäuscht.“ Als ähnlich abwegig wie ihre abenteuerliche Bibelexegese beurteilt Löwe den
Umgang der „Orientierungshilfe“ mit kirchen- und theologiegeschichtlichen Daten. So
würden aus Luthers Bestreitung der Sakramentalität der Ehe und ihrer Bezeichnung als
„weltlich Ding“ völlig unzulässige Konsequenzen gezogen. Kurzum: Der Text entbehrt nach
Löwes Urteil der nötigen theologischen Kompetenz. „Es bleibt unbegreiflich, wie der Rat der
EKD von allen seinen früheren Äußerungen zu Ehe, Familie und Homosexualität abweicht,
ohne auch nur einen einzigen diskutablen theologischen Grund anzugeben. Der ‚Theologische
Orientierung’ überschriebene Teil lässt die für eine solche Weichenstellung erforderliche
Sorgfalt vermissen; man kann ihn nur mangelhaft nennen. Wenn die ‚Orientierungshilfe’ von
2013 älteren Verlautbarungen fundamental widerspricht, bleibt auch der gutwilligste
Zeitgenosse verwirrt zurück und verliert sein Vertrauen in eine Institution, die über die
Moden des Tages hinaus dem Zusammenleben der Christen biblische Maßstäbe und
1
Einsichten vermitteln soll.“ Löwe fährt fort: „Berührt werden, und das ist keine Nebensache,
zentrale ökumenische Gemeinsamkeiten mit der römisch-katholischen Kirche. Die Klage, es
gehe in ökumenischen Dingen nicht voran, ist müßig, wenn man christliche Gemeinsamkeiten
aufkündigt. Ökumenischer Stillstand und ökumenische Rückschritte sind die natürlichen
Folgen.“
Ehe- und Familienstreitigkeiten
Soweit der Kommentar des einstigen Bevollmächtigten der EKD bei der Bundesrepublik
Deutschland und der EU, Hartmut Löwe1, den ich meinerseits nicht kommentieren, sondern
unkommentiert lassen bzw. lediglich zum Anlass einiger eigener Bemerkungen zum Thema
nehmen möchte in der Absicht, das sachliche Problembewusstsein in der Streitsache zu
befördern. Wenn es um Ehe und Familie geht, ist Streit angesagt. Nicht nur in Ehen und
Familien, sondern auch um sie und um ihr rechtes Verständnis wird zum Teil heftig gestritten,
im privaten und im gesellschaftlichen Bereich, im Staat und auch in der Kirche. Daran wird
mein Vortrag nichts ändern. Sein Ziel besteht im Wesentlichen darin, einen Beitrag zur
Entidiologisierung des Streits und dazu zu leisten, ihn argumentativ und nicht mit
Schlagworten zu führen. Gehandelt werden soll im Interesse systematischer Urteilsbildung
von menschlichen Formen der Gesellung im Allgemeinen und sexuell konnotierten im
Besonderen, von verschieden- und gleichgeschlechtlichen Paarbildungen sowie von der
Fragen, ob es eine nichtdiskriminierende Unterscheidung beider gibt. Mit dieser Frage hängt
diejenige nach dem Begriff der Ehe aufs engste zusammen. Ist er heterosexuellen Paaren
vorbehalten, oder kann er auch auf homosexuelle Partnerschaften Anwendung finden, die auf
institutionelle Dauer gestellt sind?
Vergleichbare Probleme ergeben sich in Bezug auf den Familienbegriff. Was ist eigentlich
eine Familie? Wie verhalten sich Wahl- und andere Verwandte begrifflich zueinander? Was
ist Geschwisterlichkeit? Der erste Referenztext, anhand dessen diese und vergleichbare
1
Vgl. Ders., Der Streit um Ehe und Familie – Vorbote eines Kulturkampfes?, in: Die Neue Ordnung 68 (2014),
192-200. Ausgehend von der geschichtlichen Renaissance von Ehe und Familie in der Zeit nach 1945 und dem
Vordringen anderer Gesellungsformen seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts beklagt Löwe, dass aus
berechtigten Antidiskriminierungsverboten nicht selten unberechtigterweise gefolgert wurde und werde, mit der
Gleichwertigkeit von Sachverhalten sei auch ihre Gleichheit zu behaupten. Demgegenüber müsse festgehalten
werden, dass es im individuellen und sozialen Leben Unterscheidungen von nichtdiskriminierender Art gebe und
geben müsse. Um eine solche Unterscheidung nichtdiskriminierender Art handle es sich, wenn man zwischen
homo- und heterosexuellen Partnerschaften dergestalt differenziere, dass man den Begriff der Ehe prinzipiell
verschiedengeschlechtlichen Paaren vorbehalte, weil nur deren Verbindung der Möglichkeit nach auf
Generationenfolge angelegt sei. „Eheleute sind Menschen verschiedenen Geschlechts, die sich miteinander
verbinden, um, das ist nicht der einzige Grund, aber doch ein wesentlicher, durch Kinder zur Familie zu
werden.“ (A. a. O., 195) Mit dieser Aussage Löwes ist zugleich sein Familienbegriff bestimmt, jedenfalls sofern
er stricte dictu gebraucht wird. Zwar sei der Begriff der Familie auch in christlicher Tradition häufig in einem
weiteren Sinne verwendet worden, etwa wenn von der Kirche als der familia Dei etc. gesprochen worden sei.
Aber dabei handle es sich „um einen analogen Gebrauch des Begriffs Familie“ (ebd.), dessen Grundbedeutung
durch die Elternschaft von Mann und Frau und ihre Gemeinschaft mit den aus ihrer Verbindung
hervorgebrachten Kindern bestimmt sei. Diese Feststellung beinhaltet nach Löwes Urteil keine Abwertung von
Adoptivfamilien, die vielmehr in hohem Maße zu würdigen seien, doch nicht als die Regel, sondern als die
Ausnahme von der Regel, die sie zu bestätigen habe. Von besonderem theoretischen und praktischen Interesse ist
ferner Löwes Anfrage, ob die Fixierung der kirchlichen und gesellschaftlichen Debatte auf „Lebensformen, die
zentral durch Sexualität definiert sind“ (196), nicht zwangsläufig zur Diskriminierung anderer Gesellungsformen
führe, „für die das Sexuelle belanglos, dagegen das gemeinsame Bewältigen der Lasten und Freuden des Lebens
von entscheidender Bedeutung ist“ (197): „Im Interesse des Staates liegt vorrangig die Generationenfolge, also
verdienen die Gesellungsformen, die ihr dienen primäre Aufmerksamkeit und Privilegien. Anderen Weisen
gemeinsamen Lebens, und zwar allen, könnten dann in zweiter Linie Vorteile gewährt werden, insofern sie die
staatlichen sozialen Systeme entlasten. Die sexuelle Bestimmtheit als entscheidendes Kriterium zur
Unterscheidung von Partnerschaften heranzuziehen, scheint mir dagegen ein fataler Biologismus zu sein.“ (ebd.)
2
Fragen erörtert werden sollen, ist die besagte, im vergangenen Jahr erschienene
Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland „Zwischen Autonomie
und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“2. Weil dieser Text, wie
mittlerweile auch vom Rat selbst eingeräumt3, gerade in theologischer Hinsicht offenkundige
Schwächen aufweist, soll ihm ein weiteres Themenpapier der EKD zur Seite gestellt werden,
nämlich die im Jahr 1998 veröffentlichte Stellungnahme der damaligen Kammer der EKD für
Ehe und Familie „Gottes Gabe und persönliche Verantwortung. Zur ethischen Orientierung
für das Zusammenleben in Ehe und Familie“. Ich beginne mit einer Kurzcharakteristik beider
Texte und trete sodann in die Sachdebatte ein.
Orientierungshilfe 2013
Die Orientierungshilfe von 2013 ist nur zu einem geringen Teil eigentlichen Fragen der Eheund Familientheologie gewidmet. Die diesbezügliche Passage (vgl. 54-71) umfasst nicht
einmal 20 Seiten. Sehr ausführlich wird hingegen von den Herausforderungen und
Brennpunkten der Familienpolitik gehandelt, etwa von den Problemkreisen Erwerbsarbeit und
Sorgetätigkeiten in der Familie, Erziehung und Bildung, häusliche Pflege oder Gewalt in
Familien, Migration und Familienkulturen oder Reichtum und Armut von Familien. Hier
findet sich eine ganze Reihe von sehr hilfreichen oder doch zumindest diskussionswürdigen
Vorschlägen zur Familienpolitik, die als neue Form bzw. tragende Säule der Sozialpolitik
definiert wird. Es gilt der Grundsatz: „Eine nachhaltige Familienpolitik ist ... nur durch die
systematische Verknüpfung der Politikfelder Arbeit, Bildung, Familie und Soziales zu
erreichen.“ (130; im Text fett gedruckt) Interessant sind auch die Vorschläge, „(w)ie Kirche
und Diakonie Familien stark machen können“ (vgl. 132ff.), die Informationen zu den
„(v)erfassungsrechtliche(n) Vorgaben und Leitbildern von Ehe und Familie im Familienrecht
heute“ (vgl. 43ff.) sowie die sozialhistorisch-soziologischen Ausführungen zum
Familienleben in Geschichte und Gegenwart (vgl. 20ff.).
Man muss die zu Beginn des Papiers zusammengefassten Thesen der Orientierungshilfe (vgl.
11ff.) nicht vorbehaltlos teilen und nicht allen Empfehlungen, die zum Schluss in ihr
ausgesprochen werden (vgl. 141ff.), folgen, um zu der Auffassung zu gelangen, dass
Ansatzpunkte, Familie als verlässliche Gemeinschaft zu stärken, überzeugend aufgewiesen
wurden. Über das Kapitel „Theologische Orientierung“ kann man nach meinem Urteil
Vergleichbares nicht sagen. Es ist argumentativ schwach und inhaltlich dürftig. Zu dieser
Auffassung gelangten übrigens keineswegs nur konservative Kreise in Theologie und Kirche,
wie u. a. ein Ende September 2013 vom Rat der EKD in der Französischen
Friedrichstadtkirche zu Berlin veranstaltetes Symposion zur Orientierungshilfe belegt. In
seinem Referat, das er dort gehalten und mit dem Titel „Eine kritische Stellungnahme in
konstruktiver Absicht“ versehen hat, wies der emeritierte Heidelberger Dogmatikprofessor
Wilfried Härle auf Aussagen hin, mit der hochrangige Vertreter in der EKD in, man darf wohl
sagen, schadensbegrenzender Absicht auf die verbreitete Kritik an dem Text reagiert haben,
ohne dass ihnen von maßgeblicher Seite widersprochen worden wäre. Ich nenne nur die erste
2
Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken. Eine
Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gütersloh 2013. Die
nachfolgenden Seitenverweise im Text beziehen sich hierauf.
3
„Der Rat der EKD hat nach einer ersten Phase trotziger Verteidigung die vorgetragenen Positionen relativiert
und suspendiert, indem er die für theologische Streitfragen zuständige Kammer für Theologie mit einer
Ausarbeitung zum evangelischen Verständnis von Ehe und Familie beauftragt hat.“ (H. Löwe, a. a. O., 199)
Dokumentiert sind Teile der kontroversen Diskussion der Orientierungshilfe von 2013 in: Zwischen Autonomie
und Angewiesenheit. Die Orientierungshilfe der EKD in der Kontroverse, hg. von Kirchenamt der EKD,
Hannover 2013. Besonderes Interesse verdient ferner der Beitrag von J. Ochel, Die Orientierungshilfe der EKD
zu Ehe und Familie aus der Perspektive einer heutigen Trauliturgie, in: ZThK 111 (2014), 224-237.
3
von drei Aussagen, die keine inhaltlichen Fragen, sondern lediglich den formalen Textstatus
betrifft: „Es ist ein Irrtum, diese OH (= Orientierungshilfe) als eine Denkschrift der EKD zu
lesen, vielmehr handelt es sich um einen Anstoß zur öffentlichen Diskussion in Kirche und
Gesellschaft mit noch offenem Ausgang.“4
An späterer Stelle hat Härle seine Einschätzung bekräftigt: Die Orientierungshilfe ist „keine
Denkschrift“ (15), sondern soll einen Diskussionsprozess anstoßen und zwar unter der
Voraussetzung der von ihr nicht nur festgehaltenen, sondern eigens herausgestellten
gesamtgesellschaftlichen Leitfunktion von Ehe und Familie. Dazu gehört „die Auszeichnung
der auf lebenslange Dauer angelegten, umfassende(n) Lebensgemeinschaft zwischen einem
Mann und einer Frau, die für diese beiden Menschen den Raum bildet, in dem Sexualität
gelebt wird und Kinder in Geborgenheit und Freiheit geboren werden und aufwachsen
können“ (ebd.). Deutlicher noch als Härle hat der Heidelberger Ethiker Klaus Tanner den
vorläufigen Charakter der Orientierungshilfe und die Tatsache unterstrichen, dass sie nicht
mehr sein könne als die Initiative zu einem Prozess offener Diskussion. Wenn das Papier in
einigen Teilen einen anderen Eindruck erwecke, sei dies inakzeptabel. Es gehe nicht an, eine
Eindeutigkeit zu suggerieren, die weder im politischen noch im kirchlichen Diskurs gegeben
sei. Auch das von der Orientierungshilfe herbeizitierte Bundesverfassungsgericht könne nicht
„als unhinterfragbare Autoritätsinstanz“5 fungieren. Wer auf Urteile des Gerichts gemäß der
Maxime „Karlsruhe locuta, causa finita“ (17) rekurriere, „mag auf die Idee kommen, er könne
doch wieder beanspruchen, ‚über den Parteien’ zu stehen“ (ebd.). Die „Juridifizierung der
normativen Dimension“ (ebd.), tendiere nicht nur dazu, „die Konfliktnatur politischer
Prozesse abzublenden“ (ebd.), sondern habe auch eine Unterbestimmung theologischer
Orientierung zur Folge.
Über hermeneutische Probleme im Allgemeinen und bibelhermeneutische im Besonderen
wird Tanner zufolge in der Orientierungshilfe „mit schnellem Schritt hinweg gegangen“ (18).
Undifferenziert und polemisch sei ferner der wiederholt ausgesprochene Biologismusverdacht,
mit dem unliebsame Positionen etikettiert würden. Zwar sei es richtig, „dass der Mensch auf
seine biologischen Merkmale nicht reduziert werden kann“; gleichwohl könnten „die
Unterscheidungen, die auch durch unsere biologische Verfassung in unser aller Leben
kommen, nicht für gleichgültig“ erklärt werden. So Tanner in der ungekürzten
Originalfassung seines beim Theologischen Symposium des Rates der EKD am 28.9.2013
vorgetragenen Textes. Um es kurz zu machen: Was Theorie und Theologie anbelangt, so steht
die Orientierungshilfe auf eher schwachen Beinen, sodass es sich empfiehlt, ihr eine ältere
EKD-Stellungnahme zum Thema Ehe und Familie stützend zur Seite zu stellen, nämlich
diejenige aus dem Jahr 1998, die theologisch eine ungleich bessere Arbeit geleistet hat als die
in dieser Hinsicht eher oberflächliche Orientierungshilfe. Eine Erinnerung an diesen Text
empfiehlt sich daher nicht nur aus historischen, sondern auch aus sachlichen Gründen.
Orientierungshilfe 1998
Die Stellungnahme „Zur ethischen Orientierung für das Zusammenleben in Ehe und
Familie“ von 19986 handelt von Ehe (vgl. 14ff.), Familie und Kinder (vgl. 36ff.) sowie von
4
W. Härle, Die Orientierungshilfe (OH) der EKD „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“ − eine kritische
Stellungnahme in konstruktiver Absicht, in: Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Die Orientierungshilfe
der EKD in der Kontroverse, 12-16, hier: 13. Die nachfolgenden Seitenverweise im Text beziehen sich hierauf.
5
K. Tanner, Überlegungen zu der Orientierungshilfe der EKD „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit.
Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“, in: a.a.O., 16-21, hier: 17. Die nachfolgenden Seitenverweise im
Text beziehen sich hierauf.
6
Gotte Gabe und persönliche Verantwortung. Zur ethischen Orientierung für das Zusammenleben in Ehe und
Familie. Eine Stellungnahme der Kammer der EKD für Ehe und Familie, Gütersloh 1998. Die nachfolgenden
4
der Ehescheidung (vgl. 61ff.), die als „ein Notbehelf, ein letzter Ausweg“ (62) qualifiziert
wird, „wenn die Gemeinschaft zwischen zwei Menschen unbehebbar zerstört ist. Sie ist in
einem solchen Fall auch nach christlichem Verständnis zu akzeptieren, weil“, wie gesagt wird,
„kein Mensch auf sein Versagen und Verschulden festzulegen ist, jede und jeder eine Chance
zu einem neuen Anfang haben soll.“ (62f.) Was die Ehe betrifft, so wird von ihr unter dem
Gesichtspunkt ihrer historischen und soziologischen Entwicklung, ihre Stellung im geltenden
Recht sowie ihres christlichen Verständnisses gehandelt. Für das im zweiten Teil der
Stellungnahme entfaltete evangelische Familienverständnis ist der Ansatz beim Kind
charakteristisch. „Kinder konstituieren Familie.“ (36; im Text kursiv): „Die Kammer der EKD
für Ehe und Familie“, so heißt es, „hat es unternommen, das Verständnis von Familie nicht in
erster Linie aus der Sicht der Eltern und ihrem rechtlichen Status zueinander zu erschließen,
sondern vom Kind her zu denken, so wie sie es bereits in ihrer Schrift zur Reform des
Kindschaftsrechts getan hat.“ (37 unter Verweis auf: Zur Neuregelung des Kindschaftsrechts.
Ein Diskussionspapier des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland, hg. v.
Kirchenamt der EKD, Hannover 1995). Entsprechend wird von Familie primär unter
Konzentration auf Kinder gehandelt, deren Stellung aus biblischer und kirchengeschichtlicher,
aus familienrechtlicher sowie aus sozialgeschichtlicher Sicht thematisiert wird mit dem Ziel,
einer „Entscheidung für Kinder und Leben mit Kindern“ (50; im Text kursiv) den Weg zu
bereiten.
Der Ansatz beim Kind soll im Folgenden aufgegriffen und entschieden geltend gemacht
werden, um im Anschluss an die Stellungnahme der Kammer der EKD von 1998 und die
beigegebenen Materialien (vgl. 68ff.) theologische Grundzüge eines evangelischen Ehe- und
Familienverständnisses zu skizzieren, das auch heute noch beanspruchen darf, gültig zu sein.
Der Mensch ist ein animal sociale, ein soziales und auf Sozialität angewiesenes Lebewesen.
Menschen sind, weil sie Menschen sind und um menschlich miteinander leben zu können,
durch verschiedenste Gesellungsformen verbunden. Die diversen Formen der Gesellung
voneinander zu unterscheiden, ist kein leichtes Unterfangen. Auch die heutige Veranstaltung
ist eine spezifische Form der Gesellung mit bestimmten institutionellen Regeln und
Rollenverteilungen. Daneben gibt es eine Unzahl von sozialen Formationen auf privater,
gesellschaftlicher, staatlicher oder auf welcher Organisationsebene auch immer. Menschliche
Zweierbeziehungen sind nur ein Typus sozialer Formation und in sich selbst auf vielerlei
Weise diversifiziert.
Zweisamkeiten
Man kann auf sehr unterschiedliche Weise zu zweit sein, wobei keineswegs jede Zweisamkeit
sexuell-erotisch bestimmt sein muss. Eindeutig hingegen scheint zu sein, dass sexuell-erotisch
bestimmte Liebesbeziehungen notwendigerweise Zweierbeziehungen sind. Freilich kann man
auch diesbezüglich Rückfragen stellen: Muss wirklich jede Liebesbeziehung sexuell-erotisch
bestimmt sein? Es kommt auf den Begriff der Liebe an, wird man richtigerweise antworten,
um dann weiterzufragen: Muss jede sexuell-erotisch bestimmte Liebesbeziehung
notwendigerweise ein Zweierbeziehung sein, oder ist nicht auch eine entsprechende
Liebesbeziehung zwischen mehreren denkbar? Ich dürfte mit der Vermutung nicht völlig
falsch liegen, dass unter uns erhebliche moralische Reserven oder andersgeartete Vorbehalte
bestehen, diese Frage zu bejahen. Liebesbeziehungen sind unserem Regelempfinden nach per
definitionem Zweierbeziehungen. Selbst wenn die Partner wechseln und im Laufe der Zeit an
die Stelle des einen oder der einen ein anderer oder eine andere tritt: Beziehungen, die eine
Seitenverweise im Text beziehen sich hierauf. Anmerkungsweise verwiesen sei auch auf den Bericht von der
Klausurtagung der Bischofskonferenz der VELKD vom 7. bis 10. März 2009 in Güstrow „Familie – von der
Bedeutung und vom Wandel einer elementaren Lebensform“, in: Texte aus der VELKD 151 (2009).
5
Person zur gleichen Zeit mit mehreren pflegt, allesamt und gleichermaßen Liebesbeziehungen
zu nennen, kommt uns in der Regel nicht in den Sinn, sondern erscheint uns als regelwidrig.
Zur Liebe gehören, wie es scheint, nun einmal zwei und zwar nur zwei.
Liebe ist, wenn man so will, ein duales System mit starkem Exklusivcharakter. Ich möchte
dieses Thema hier nicht weiter vertiefen, sondern nur zu überlegen geben, warum
Liebesbeziehungen konstitutiv durch einen Dual bestimmt sind. Durch den bloßen Hinweis
auf die menschliche Zweigeschlechtlichkeit dürfte diese Frage nicht zu beantworten sein.
Denn erstens ist Liebe nicht lediglich geschlechtlicher Art und zweitens muss mit sexuell
konnotierten Liebesbeziehungen auch zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern gerechnet
werden. Indes kann man fragen, ob auf ihre Weise nicht auch homosexuelle
Liebesbeziehungen indirekt von dem durch Zweigeschlechtlichkeit gesetzten Dual
mitbestimmt sind. Wie auch immer; in einem dürfte unter uns weitgehende Einigkeit
bestehen: Zur geschlechtlich bestimmten Liebe gehören zwei – nicht mehr und nicht weniger.
Ob es sich dabei um hetero- oder homosexuelle Paare handelt, scheint vergleichsweise
zweitrangig. Hauptsache, so ist man zu sagen geneigt, sie lieben sich. Warum aber sollte man
homosexuellen Liebespaaren, die ihre Beziehung auf verlässliche, auch rechtlich geordnete
Dauer stellen wollen, nicht dieselben Möglichkeiten einräumen wie heterosexuell Liebenden?
Ist es nicht diskriminierend, homosexuellen Liebespaaren beispielsweise das Eheinstitut
vorzuenthalten? Ich lasse diese Frage einstweilen offen und schließe, anstatt sie zu
beantworten noch eine weitere an, welche lautet: Warum überhaupt soll sexuell bestimmten
Zweierbeziehungen in institutionell-rechtlicher Hinsicht eine Vorzugsstellung Paarformen
gegenüber eingeräumt werden, die nicht sexuell bestimmt sind? Um bei dieser Gelegenheit
erneut auf zwei verehrungswürdige Tanten von mir zurückzukommen 7 , die, seit ich mich
erinnern kann, in einer Wohnung zusammenlebten, füreinander sorgten etc., ohne, soviel ich
weiß, je in einer sexuell-erotischen Beziehung zueinander gestanden zu haben. Waren nicht
auch sie auf ihre Weise ein Ehepaar? Man muss, wie ich denke, nicht ins Detail gehen, um
Verständnis für Fragen dieser Art zu erzeugen. Doch wie immer man sie beantwortet − sehr
viel weiter kommen wir argumentativ auf der Zweierschiene nicht. Unter bloßen
Zweisamkeitsgeschichtspunkten, so scheint mir, lässt sich die Thematik von Ehe und Familie
begrifflich und sachlich keiner befriedigenden Erklärung zuführen. Gewählt sei deshalb, wie
bereits angekündigt, ein anderer ehe- und familientheoretischer Ansatz: derjenige beim Kind.
Er hat übrigens durchaus berühmte Vorbilder, u. a. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der in
dialektischer Manier den Begriff der Ehe vom Kind her bzw. auf das Kind hin bestimmt, um
ihn mit demjenigen der Familie elementar zu verbinden. Man lese hierzu die einschlägigen
Ausführungen in Hegels berühmter Berliner Rechtsphilosophie8, von denen erst unlängst mit
Gründen behauptet wurde, sie träfen immer noch den Kern dessen, was an normativen
Erwartungen mit der bürgerlichen Ehe und Familie zu verbinden sei.9
Kind von Eltern
Jeder von uns ist Kind eines bestimmten Mannes und einer bestimmten Frau, die seine
natürlichen Eltern sind. „Beziehungen zwischen Eltern und Kindern sind Beziehungen für das
ganze Leben. Weder Elternschaft noch Kindschaft sind aufkündbar. Jedes Kind hat eine
7
Vgl. G. Wenz, Abraham und Jakob sind keine Vorbilder. Zur ethischen Orientierung für das Zusammenleben
in Ehe und Familie, in: Nachrichten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern 68 (2013), 317-321, hier:
320.
8
G. W. F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Berlin 1821, § 173.
9
Vgl. R. Jaeggi, Kritik von Lebensformen, Berlin 2014, 216ff., hier: 224 Anm. 109.
6
Mutter und einen Vater.“ (52; im Text kursiv)10 Diese Feststellung hat, wie man annehmen
darf, nichts Diskriminierendes an sich, ist aber für die Unterscheidung heterosexueller von
anderen Paarbeziehungen und für die Bestimmung dessen, was Ehe heißt, von grundlegender
Bedeutung. Gleichgeschlechtliche Paare, die dauerhafte Verantwortung füreinander
übernehmen und verlässlich zusammenleben wollen, sind wie andere auf Beständigkeit
angelegte Zweierbeziehungen in bestimmter Hinsicht der Ehe vergleichbar. Dies gilt umso
mehr, wenn ihre Beziehung in eheanaloger Weise rechtsverbindlich deklariert wird, wie das
hierzulande von staatlicher Seite gesetzlich ermöglicht ist. „Aber auch dann ist eine solche
homosexuelle Verbindung keine Ehe. Ihr fehlt kategorisch – und nicht etwa durch
Willensentschluß oder durch eine Schicksalsfügung – das Offensein für ein ganz neues Leben,
für ein Kind.“11 Nicht als ob die Fortzeugung zum primären oder gar einzigen Ehezweck und
eine kinderlose Ehe per se für defizitär erklärt werden sollte; davon kann und darf nicht die
Rede sein! Aber die mögliche Hinordnung auf eine Generationenfolge ist für den Begriff der
Ehe nicht unwesentlich, sondern durchaus konstitutiv. Ausnahmen haben diese Regel zu
bestätigen statt sie aufzuheben.
Die Ehe erhält ihren Sinn nicht durch die Erfüllung äußerer Zwecke, sondern hat Sinn und
Zweck in sich selbst. „Aber nur aus der Vereinigung einer Frau und eines Mannes gehen
Kinder hervor. Jede und jeder von uns stammt von daher.“ 12 Dieser anthropologisch
elementare Sachverhalt ist für den Begriff der Ehe und für ihre Unterscheidung von anderen
institutionalisierten Zweierbeziehungen basal. Marginalisiert man ihn, gelangt man
zwangsläufig zu Fehlbestimmungen. Die Generationenfolge begründet nicht den Gehalt der
ehelichen Beziehung; aber die Offenheit für sie und für den Familiengedanken gehört
unveräußerlich zu ihrem Begriff. Denn die Ehe ist nicht lediglich „ein Gespann von zwei
Individuen, sondern ein Drittes“13: im Kind bzw. den Kindern wird dieses Dritte vorstellig.
Offenheit für sie gehört mithin zur Ehe, ohne dass diese in Familienbezügen aufgehen würde.
Kinder prinzipiell verhüten zu wollen, ist mit einem christlichen Verständnis von Ehe nicht
vereinbar. Dies ist kein Argument gegen Verhütungsmittel, sondern im Gegenteil dafür, sie
aus Gründen dessen einzusetzen, was man Familienplanung nennt.
Was ich hier vortrage, gibt nicht nur meine eigene Meinung wieder, sondern stammt im
Wesentlichen aus dem Ehe- und Familienpapier der EKD von 1998, aus dessen Materialteil
passagenweise zitiert worden ist. Bereits vor eineinhalb Jahrzehnten gab es, wie der damalige
Leiter des Kirchenamtes der EKD, Hermann Barth, in seinem Vorwort zur Stellungnahme
schrieb, zu Ehe- und Familienfragen „erheblichen Diskussions- und Klärungsbedarf“ (7)
innerhalb der EKD. Die Einführung in die Stellungnahme bestätigt dies. Insbesondere im
theologischen Teil werde deutlich, dass der Konsensprozess, wie es heißt, „nicht
einlinig“ (13) verlaufen sei. Einig war man sich gleichwohl nicht nur darin, dass „das
Verständnis von Familie nicht in erster Linie aus der Sicht der Eltern und ihrem rechtlichen
Status zueinander zu erschließen, sondern vom Kind her zu denken“ (37) sei, sondern auch in
der Überzeugung, dass ein kindzentriertes Familienverständnis über bloße
10
Vgl. hierzu den Kommentar der Orientierungshilfe 1998, 53f.: „Längst nicht jedem Kind ist es gegeben, mit
seinen leiblichen Eltern aufzuwachsen. Es ist eine gute Erfahrung, dass liebevolle und verlässliche Erziehung
von Kindern auch in sozialer Elternschaft durch Adoptiveltern, Pflegeeltern und Stiefeltern gelingen kann und
vielfach auch gelingt. Dennoch ist die primäre leibliche Elternschaft nicht beliebig ersetzbar. ... Dem steht nicht
entgegen, dass soziale Elternschaft für manches Kind das Beste ist.“
11
T. Koch, Ethische Überlegungen zu den Lebensgemeinschaften von Familie und Ehe, in: Gottes Gabe und
persönliche Verantwortung. Zur ethischen Orientierung für das Zusammenleben in Ehe und Familie. Eine
Stellungnahme der Kammer der EKD für Ehe und Familie, Gütersloh 1998, 113-124, hier: 122.
12
A.a.O., 120.
13
O. Bayer, Evangelisches Ehe und Familienverständnis, in: Gottes Gabe und persönliche Verantwortung, a.a.O.,
68-80, hier: 73.
7
Zweisamkeitsfragen hinaus dem Sachverhalt der Generationenfolge die nötige
Aufmerksamkeit zu widmen habe. „Da, wo Kinder geboren werden, entsteht Familie: Familie
wird durch Elternschaft konstituiert.“ (36)
Nichtdiskriminierende Unterscheidungen
Elternschaft ist viel mehr als ein biologisches Datum. Doch ändert dies nichts an der
Grundannahme, dass als Eltern von Kindern primär deren natürliche Mütter und deren
natürliche Väter, also Paare anzusprechen sind, für deren spezifisches Verhältnis zueinander
die Geschlechterdifferenz nicht vergleichgültigt werden kann. Die Vielfalt unterschiedlicher
Familienverhältnisse beseitigt diesen Grundtatbestand nicht nur nicht, sondern bleibt in der
einen oder anderen Weise auf ihn bezogen und zwar stetig. Die Forderung der nötigen
„Achtung und Anerkennung sozialer Realität in Gestalt nichtehelicher Lebensformen mit
Kindern als ‚Familie’“ (38) führt in der Stellungnahme keineswegs dazu, den Familienbegriff
grundsätzlich von natürlicher Elternschaft abzulösen. Eine solche Ablösung wäre in jedem
Fall kontraproduktiv und zöge eine Unzahl von soziokulturellen Folgeproblemen nach sich,
die niemand ernsthaft wünschen kann. Auf diesem Hintergrund leuchtet dann ohne weiteres
ein, warum das Ehe- und Familienpapier von 1997/98, ohne auch nur im Geringsten
irgendwelche Diskriminierungsabsichten zu hegen, am „Leitbild“ der auf natürliche
Elternschaft bezogenen Familie und an demjenigen der Ehe von Mann und Frau festhält: Die
Ehe sei, wie es heißt, „die einzige Lebensform, zu der sich Jesus geäußert hat – und zwar sehr
dezidiert“ (24), und ihre Durchsetzung müsse als „eine das Abendland bestimmende
Kulturleistung“ (25) beurteilt werden.
Man braucht keine Kinder zu haben, um ein sinnvolles Leben zu führen. Auch in Ehe und
dauerhafter Partnerschaft ist Sinnerfüllung „ohne (eigene) Kinder möglich“ (58). Daraus
folgerte die Kammer der EKD für Ehe und Familie allerdings nicht, dass die Hinordnung auf
Generationenfolge für den Begriff der Ehe und ehelicher Partnerschaft marginal sei. Zu ihr,
heißt es, gehören nicht nur zwei Partner, sondern ein Paar, durch dessen
Geschlechterdifferenz eine mögliche Generationenfolge nicht prinzipiell ausgeschlossen sei.
Mit einer Vielzahl von faktischen Ausnahmen von dieser Regel dürfe nicht nur, sondern
müsse gerechnet werden. Dadurch würde die Regel aber nicht aufgehoben, was vielmehr nur
dann der Fall wäre, wenn die Hinordnung auf Kinder prinzipiell vom Begriff der Ehe und
ehelicher Partnerschaft abgelöst würde.
Leitbilder dienen der Orientierung, selbst wenn sie „nicht im Sinne normativer
Vorgaben“ (38f.) formuliert werden. Auch der im Jahr 2013 erschienene Text des Rates der
EKD 14 ist als „Orientierungshilfe“ konzipiert. Mit einer bloßen Beschreibung der gegebenen
gesellschaftlichen Situation und mit der Feststellung, dass die aus Eltern und leiblichen
Kindern bestehende Traditionsfamilie nicht mehr die einzige Familienform sei, kann es daher
allem Anschein nach nicht sein Bewenden haben. Zwar gehört zu jeder ethischen
Urteilsbildung sorgsame Analyse der tatsächlichen Verhältnisse, auf die sie sich bezieht; doch
kann die Analyse die ethische Orientierung ebenso wenig ersetzen wie der schlichte Vermerk,
dass die Bibel viele Formen der Gesellung und des sozialen Zusammenlebens kennt. Dass die
Erzväter Abraham und Jakob nicht nur eine Frau hatten und zur Mutter machten, wird zwar
im Alten Testament berichtet, trägt aber zur Beantwortung gegenwärtiger Ehe- und
Familienfragen kaum mehr bei als die Randbemerkung, wonach die Bibel „von zärtlichen
Beziehungen zwischen Männern“ (66) zu erzählen wisse.
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Die nachfolgenden Seitenverweise im Text beziehen sich hierauf.
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Im zuletzt zitierten 51. Textabschnitt des EKD-Papiers, auf den sich die nachfolgenden
Ausführungen im Wesentlichen und in exemplarischer Absicht konzentrieren, wird es zurecht
zu den Stärken des evangelischen Bildes vom Menschen gezählt, dass es diesen „nicht auf
biologische Merkmale reduziert“ (67). Der Passus ist aus gutem Grund dick gedruckt.
Tatsächlich ist das zu bewusstem Leben bestimmte Ebenbild Gottes kein bloßes Instrument
und Werkzeug der Natur. Zu Bewusstsein und zum Wissen seiner selbst gelangt, verhält sich
der Mensch vielmehr differenziert zu allen Naturgegebenheiten einschließlich derer, die ihn
unmittelbar selbst betreffen. Darin manifestiert sich die Reflexivität des Menschenlebens. Sie
und die aus ihr hervorgehende humane Kultur stehen zugleich dafür, dass der Mensch als
Mensch nicht auf dasjenige reduziert werden kann, was er von Natur aus ist.
Wahl- und andere Verwandtschaften
Als Kulturwesen ist der Mensch nicht auf seine Natur festgelegt. Das kann allerdings nicht
heißen, dass sein Dasein schlechterdings naturtranszendent sei. Bereits das schiere Faktum
seiner leibhaften Weltexistenz liefert den Gegenbeweis hierfür. Das um sich wissende,
selbstbewusste Ich geht in Sinnlichkeitsbezügen zwar nicht auf, kann aber von ihnen auch
nicht abgelöst werden, weil bereits die bloße Tatsache seines Auf-der-Welt-Seins auf ein
Datum verweist, das ihm grundsätzlich vorgegeben ist. Für ethische Klärungen im
Zusammenhang von Ehe und Familie darf dieser Sachverhalt nicht unbedacht bleiben. Dabei
wäre über den akuten Anlass hinaus zu prüfen, was es ethisch prinzipiell bedeutet, sich zu
Beständen verhalten zu müssen, die insofern vorethischer Natur sind, als sie dem Wählen und
Entscheiden des Einzelnen entzogen sind. Die Tatsache meines Auf-die-Welt-GekommenSeins steht nicht und stand nie zu meiner Disposition. Es ist ein meinen Willensvollzügen
schlechterdings vorgegebenes Datum. Eltern-Kind-Verhältnisse sind deshalb, zumindest
vonseiten der Kinder her betrachtet, keine Wahlverwandtschaftsverhältnisse. Inwieweit dies
auch von elterlicher Seite her zutrifft, wäre zu fragen.
In dem in vielerlei Hinsicht aufschlussreichen 51. Abschnitt des EKD-Familienpapiers wird
konstatiert, dass manches heterosexuelle Paar „sich bewusst gegen Kinder“ (66) entscheidet.
Als Tatsachenfeststellung ist dies zweifellos richtig. Aber was bedeutet die Tatsache, wenn
man sie ethisch erwägt? Begründet das Faktische bereits eine Norm, oder sollte man sich
gegebenenfalls nicht auch gegen die Normativität des Faktischen weiterhin an der Regel
orientieren, dass das Eingehen einer Ehe mit der Bereitschaft zur Familie normalerweise
verbunden sein sollte? Es gibt keine wie auch immer geartete Pflicht zur Elternschaft! Aber
ist die Möglichkeit zu ihr und die Offenheit für sie nicht am Ende doch und prinzipiell
konstitutiv für einen Begriff der Ehe, an dem man sich jedenfalls in der Regel orientieren
sollte?
Die Ehe lebt von einer inneren Verbindlichkeit und ist keine Funktion äußerer Zwecke. Die
Frage liegt daher ganz nahe, ob Entsprechendes nicht auch für Liebesbeziehungen zwischen
gleichgeschlechtlichen Partnern in Anschlag zu bringen ist, die sich wie traditionelle
Ehepaare zueinander verhalten. Diese Frage ist ernst zu nehmen. Indes wäre es eine fatale
ethische
Fehlleistung,
die
Möglichkeit
eines
Vergleichs
bzw.
einer
Gleichwertigkeitserklärung heterosexueller und homosexueller Partnerschaften sowie ihre
mögliche Subsumierung unter einen gemeinsamen, sinnidentischen Begriff der Ehe dadurch
bedingt sein zu lassen, dass man die grundsätzliche Offenheit von heterosexuellen Eheleuten
für Kinder zu einer Angelegenheit arbiträren Beliebens erklärt: „Manches heterosexuelle Paar
entscheidet sich bewusst gegen Kinder oder bleibt aus anderen Gründen kinderlos und
gestaltet seine Generationenbeziehungen dennoch schöpferisch und verantwortlich. Dass
homosexuelle Paare gemeinsam keine Kinder zeugen können, kann deshalb kein Grund sein,
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ihnen den Segen zu verweigern. Tatsächlich leben viele homosexuelle Paare als Familie mit
Kindern aus früheren Beziehungen oder mit Kindern, die durch eine Samenspende gezeugt
wurden. Es zählt zu den Stärken des evangelischen Menschenbilds, dass es Menschen nicht
auf biologische Merkmale reduziert, sondern ihre Identität und ihr Miteinander in vielfältiger
Weise beschreibt.“ (66f.) Die zitierte Passage enthält wichtige Themenaspekte; dass in ihr
eine stringente ethische Argumentation entwickelt ist, wird man nicht sagen können.
Verlässliches Miteinander
„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Der erste Teil des 18. Verses des zweiten
Kapitels der Genesis kann als programmatisches Motto des Textes des EKD-Rates gelten.
Danach wird der Mensch „von Anfang an als Wesen beschrieben, das zur Gemeinschaft
bestimmt ist (1. Mose 2,18). Durch das biblische Zeugnis hindurch klingt als ‚Grundton’ vor
allem der Ruf nach einem verlässlichen, liebevollen und verantwortlichen Miteinander, nach
einer Treue, die der Treue Gottes entspricht.“ (66) Dem kann man zustimmen: Individualität
und Sozialität sind nach christlichem Zeugnis gleichursprüngliche Größen, die sich zwar
unterscheiden, nicht aber trennen lassen, weil sie in einem wechselseitigen
Begründungsverhältnis stehen. Weder ist der Einzelmensch bloßes Funktionsmoment seiner
Gattung oder einer übergeordneten Sozialgröße; noch lässt sich menschliche Gemeinschaft als
eine Verbindung atomistischer Individuen begreifen. Dies gilt generell und im Prinzip für alle
human zu nennenden Gesellungsformen, enthebt aber nicht der Notwendigkeit, typisierend
zwischen ihnen zu unterscheiden.
Wenn es um partnerschaftliches Miteinander in gegenseitiger Verantwortung, verbindlicher
Treue und Liebe geht, dann orientiert sich das EKD-Papier mehr oder minder
selbstverständlich am klassischen Modell der Ehe als einer exemplarischen Zweierbeziehung.
Liebe gilt entsprechend „als die intensivste persönliche und exklusive Beziehung zwischen
zwei Menschen, und sie wird gerade in einer erfüllten sexuellen und erotischen Beziehung
auch so erfahren“ (67). Liebesbeziehungen zweier Menschen auf verlässliche Dauer zu stellen,
wird als ein Wert in sich betrachtet. Der Unterschied zur klassischen Vorstellung der
Liebesehe, wie sie sich keineswegs schon zu biblischen Zeiten, sondern erst im Laufe der
Neuzeit deutlich ausgebildet hat, liegt im Grunde allein darin, dass Zweisamkeit ihrer Art von
der Geschlechterdifferenz tendenziell abgekoppelt und auch für gleichgeschlechtliche, also
schwule und lesbische Paare geltend gemacht wird. Die tendenzielle Emanzipation des
Familienbegriffs von der ehelichen Lebensgemeinschaft von Mann und Frau ist eine
begriffliche Folge davon, die für die Beurteilung der faktischen Verhältnisse schon
vorausgesetzt ist.
Von als selbstverständlich vorausgesetzten Prämissen geht auch die Bibelexegese bzw.
Bibelhermeneutik, deren sich das EKD-Papier befleißigt, immer schon aus. Durch das ganze
biblische Zeugnis hindurch töne, wie bereits zitiert, „vor allem der Ruf nach einem
verlässlichen, liebevollen und verantwortlichen Miteinander, nach einer Treue, die der Treue
Gottes entspricht. Liest man die Bibel von dieser Grundüberzeugung her, sind
gleichgeschlechtliche Partnerschaften, in denen sich Menschen zu einem verbindlichen und
verantwortlichen Miteinander verpflichten, auch in theologischer Sicht als gleichwertig
anzuerkennen.“ (66) Man hat das Schriftauslegungsverfahren des Rates abenteuerlich
genannt; historisch-kritisch wird man es sicher nicht nennen können. Dies muss kein Schaden
sein, wenn man um die Grenzen der Methodik weiß. Ansonsten droht die Angelegenheit
peinlich zu werden. In Liebesangelegenheiten jedenfalls sollte man Abraham und Jakob bei
aller sonstigen Ehrerbietung besser vergessen; denn als Vorbild eignen sich ihre Beziehungen
zu Sara und Hagar bzw. Rahel und Lea unter neuzeitspezifischen Bedingungen nicht, weil sie
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das moderne Verständnis der Ehe als einer Liebesbeziehung zweier, die ihren Grundsinn in
sich selbst trägt, kaum entsprechen. Der Sinn der Liebesehe, wie sie sich in der Neuzeit unter
christlichem Einfluss herausgebildet hat, liegt nicht in äußeren Zwecken, sondern in ihr selbst
und in der leibseelischen Verbindung und verlässlichen Gemeinschaft begründet, die durch
treue Sorge der Partner füreinander gekennzeichnet ist. Man wird die Absicht, dieses Modell
in Bezug auf alle Liebespaare in Anschlag zu bringen, nicht als unmoralisch disqualifizieren
dürfen. Denn die Grundintention ist höchst moralisch motiviert und bezieht gerade aus ihrer
moralischen Motivation heraus jenes Pathos, das für sie eigentümlich ist.
Reduktion von Komplexität
Die Ehe ist keine naturgegebene Lebensform, sondern wie alle humanen Sozialgestalten
einschließlich der Familie ein Kulturgebilde. Die Lage ist komplex: Es gibt vielfältige
Zweierbeziehungen, die keineswegs alle sexuell bestimmt sind. Es gibt auf Dauer angelegte
Partnerschaften, von denen die Ehe nur eine ist. Es gibt diverse Sozialformen neben der
Familie, und diese kann in sich auf sehr unterschiedliche Weise verfasst sein. Die
Komplexität der faktischen Verhältnisse lässt sich nicht einlinig fassen. Um zumindest
begrifflich Klarheit zu verschaffen, wird man sorgsam überlegen müssen, welche
Grundbedeutung mit dem Terminus Familie assoziiert werden soll und ob der Begriff sich
von natürlicher Elternschaft und damit von Heterosexualität völlig ablösen lässt.
Eine analoge Frage stellt sich in Bezug auf den Begriff der Ehe: Muss es zwangsläufig auf
eine Diskriminierung hinauslaufen, wenn man ihn heterosexuellen Paaren, deren Beziehung
ihrem Willen gemäß institutionell auf Dauer gestellt ist, vorbehält und zwar mit der
Begründung, dass nur ihre Partnerschaft potentiell auf Generationenfolge angelegt und in
diesem Sinne von sich aus für Familie offen ist? Muss durch diesen Vorbehalt eine
verlässliche, durch verbindliches Miteinander und dauerhafte Bindung charakterisierte
Beziehung zweier Männer oder zweier Frauen Schaden nehmen, die in gewisser Hinsicht
nicht nur den gleichen, sondern gegebenenfalls sogar einen höheren Wert haben kann als ein
heterosexuelles Verhältnis, ohne deshalb je das Gleiche zu sein und je das Gleiche werden zu
können wie dieses? Homosexuelle Paare können nun einmal miteinander keine leiblichen
Kinder haben und daher nicht Eltern und Familiengründer im unmittelbaren Sinne des
Begriffs werden.
Deshalb zum Schluss noch einmal ein Plädoyer für einen ehe- und familientheoretischen
Ansatz beim Kind: Jeder von uns ist, was seine physische Existenz betrifft, Kind von Eltern.
Ohne sie wäre er nicht auf die Welt gekommen. Für das Faktum irdischen Daseins eines
Menschen sind ursprünglich nicht ein paar, sondern zwei Menschen, ein Mann und eine Frau
verantwortlich, die ein Paar bilden. Dies war seit Adam und Eva so und wird sich hoffentlich
auch in Zukunft nicht ändern. Es wäre reaktionär und liefe auf einen primitiven Naturalismus
und Biologismus hinaus, wenn über Sexualität, Partnerschaft, Ehe und Familie nicht mehr zu
sagen wäre als dies. Doch folgt daraus nicht, dass nicht eben auch dieser Bezug
wahrgenommen und als ein integrales Bestimmungsmoment des Themas bedacht werden
muss. Ehegatte ist ein unschönes Wort. Doch erinnert die Rede von Gatte und Gattin nicht
ganz ohne Grund daran, dass die Ehe, ohne als humane Paarform hierin aufzugehen oder sich
auch nur primär von dorther zu bestimmen, etwas mit Gattung, mit dem Bestandserhalt des
Menschengeschlechts und mit dem Generationenproblem15 zu tun hat, dessen institutionelle
Bewältigung der Familie in genuiner Weise aufgetragen ist – bis heute.
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Im Eltern-Kind-Verhältnis ist ein Geflecht von Verwandtschaftsbeziehungen mitgesetzt – bei Geschwistern
beginnend, bei Großeltern nicht endend. Um von Nichten und Neffen, Vettern und Basen, Onkeln und Tanten
etc. nicht mehr eigens zu reden, sondern nur noch ein Wort zu den Brüdern und Schwestern unter uns zu sagen:
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Geschwister sind, sie wissen es, keine Wahlverwandte! Wenn sie nicht als fatales Geschick wahrgenommen
werden, was gelegentlich vorkommen soll, sind sie doch als Geschwister weder gewählt worden, noch
austauschbar, sondern gleichsam schicksalhaft gegeben. Gerade hierin liegt, wie mir scheint, ein wesentlicher
Sinn ihrer humanen Sendung begründet. Sie lehren in praxi, was es heißt, nicht einer allein, sondern einer unter
anderen, ein Mensch unter Menschen, kurzum: ein Mit-Mensch zu sein. Der soziale Elementarunterricht, den
Geschwister einander erteilen, ist durch andere Sozialisierungsformen nicht leicht zu ersetzen.
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