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1. Ich schlug meine Augen auf. Das erste was ich sah - bei Yulofai

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1.
Ich schlug meine Augen auf. Das erste was ich sah, waren die braunen,
verstaubten Flügel des Deckenventilators. Mittlerweile ein vertrauter Anblick. Ich
drehte mich noch mal auf die Seite. Nur noch einen Augenblick lang, wollte ich
mich in der seligen schlaftrunkenen Unwissenheit suhlen.
Aber war ich erst einmal wach, war das ein unmögliches Unterfangen. Ich rieb
mir übers Gesicht und versuchte endgültig wach zu werden. Ich schwang mich
aus dem Bett und schlürfte in das schlecht riechende Badezimmer dieses kleinen
Hotels. Es besaß weder Fenster noch eine Badewanne. Ja, selbst der einzige
Spiegel, war nicht mehr als ein runder handgroßer Reisespiegel. Aber er reichte
aus. Ich wohnte seit Wochen in diesem Zimmer und etwas Besseres konnte ich
mir einfach nicht leisten.
Das mein Herz sich wie eine schwere undefinierbare Masse anfühlte, war bereits
ein vertrautes Gefühl. Genauso vertraut wie dieses Zimmer und mein karges
Frühstück.
Ich hielt wie jeden Morgen an einem Café, ließ mir zwei Kaffee geben und setzte
mich wieder ins Auto. Nun gab es kein Zwischenstopp mehr, zwischen mir und
dem Ort den ich abends nicht verlassen wollte, und an den ich morgens nicht mehr
zurückkehren wollte.
Auf dem Parkplatz war noch nicht viel los. Wie üblich war ich einer der Ersten.
Einen Moment ließ ich die laute Musik noch laufen, konzentrierte mich auf den
Text und ließ mich sogar zum mit singen mitreißen. Wenn auch nur
bruchstückhaft. Ich nippte an meinem Kaffee, aber er war noch immer ziemlich
heiß. Was ich hier tat, war reines hinauszögern, dessen war ich mir bewusst.
Dennoch tat ich es inzwischen jeden Morgen. Es wurde schlimmer, und schwerer
zu ertragen. Ich wollte die Fassung bewahren, das Gefühl vermitteln, das alles in
Ordnung war und wir das und alles schaffen konnten.
Bevor der zweite Kaffee kalt wurde, machte ich mich auf den Weg. Kaum
öffneten sich die Schiebetüren, empfing mich der typisch sterile
Krankenhausgeruch. Meine Schuhe quietschten auf dem Linoleum und selbst
Magdalena, vom Empfang, begrüßte mich. „Guten Morgen Stefanie. Hast du
dieses Wetter bestellt?“
„Sicher nicht!“ Ich lächelte freundlich und ging an ihr vorbei zum Fahrstuhl. Die
Onkologie befand sich im dritten Stock, also fuhr ich wie jeden Morgen dorthin
und ging den gleichen Weg entlang. Mich begrüßten Schwestern und Pflegekräfte.
Im Schwesternzimmer traf ich Rebecca. Sie tippte auf der Tastatur herum und
stöhnte laut auf. Sie sah aus, als würde sie am liebsten in den Monitor schlagen.
„Kein guter Morgen?“, fragte ich und hielt ihr den zweiten Kaffee entgegen.
„Frag nicht!“, wiegelte sie ab. Sie bedankte sich mit einem offenen Lächeln für
den Kaffee, den ich ihr mittlerweile aus Gewohnheit mitbrachte.
Es tat gut, hin und wieder mit jemand anderem zu sprechen. Außerdem erklärte
sie mir ständig das komplizierte Geschwafel der Ärzte und besorgte mir hin und
wieder etwas vom Nachtisch. Wir verstanden uns gut, waren vielleicht sogar auf
dem Weg Freundinnen zu werden und das an diesem unfassbar bedrückenden Ort.
„Wie geht es ihr heute?“
„Nicht besser als gestern, aber auch nicht schlechter. Damit müssen wir im
Moment wohl zufrieden sein.“
Ich nickte. Wenn ich ehrlich war, hatte ich schon mit dieser Antwort gerechnet.
Seit Tagen hörte ich von den Ärzten das Gleiche. Es war niederschmetternd, aber
ich wollte, nein ich konnte, die Hoffnung einfach nicht aufgeben. Sie war alles
was ich hatte.
Ich verabschiedete mich von Rebecca und verharrte noch einen Moment vor der
Zimmertür. Ich bereitete mich innerlich auf ein Lächeln vor. Ich wollte Zuversicht
ausstrahlen, denn daran fehlte es ihr gewaltig. Doch Katrin schlief, als ich ins
Zimmer trat. Deswegen schloss ich die Tür so leise, wie möglich.
Katrin sah wirklich schlecht aus.
Mein Blick fiel auf das Foto, auf ihrem Nachtschrank. Ein Bild, auf dem wir beide
zu sehen waren. Vor etwa vier Jahren, auf dem Nachhauseweg einer Party. Wir
sahen so glücklich und unbeschwert aus und ich weiß auch noch, dass wir es
tatsächlich waren. Felsenfest der Überzeugung nichts und niemand könnte uns
etwas anhaben. Wie naiv wir waren. Und das sollte wirklich erst vier Jahre her
sein? Katrin sah der Frau auf dem Bild nicht mehr besonders ähnlich. Ihre
Wangen waren eingefallen, die Schatten unter ihren Augen konnte niemand mehr
übersehen. Ihr Haar war größtenteils verschwunden.
Ich trat auf sie zu und streichelte über ihre Wange. Nur ganz vorsichtig, damit sie
nicht wach wurde. Tränen bahnten sich den Weg, aber ich wollte sie nicht
gewinnen lassen. Es gab keinen Grund zu weinen, denn meine beste Freundin,
würde wieder gesund werden. Sie musste einfach wieder gesund werden.
Noch einen Augenblick lang betrachtete ich das Foto, dann ließ ich mich auf den
Sessel sinken, der neben ihrem Bett stand. Ich stützte meinen Arm auf die Lehne,
ließ meinen Kopf in meine Hand fallen und versuchte auch noch ein paar Minuten
Schlaf zu bekommen. Natürlich war diese ganze Odyssee hauptsächlich für Katrin
erschöpfend, aber auch an meinen Kräften ging es nicht spurlos vorüber.
Niemals würden die ersten Wochen der Diagnose aus meinem Gedächtnis
verschwinden. Erst das Gesicht meiner besten Freundin, als sie vor mir stand und
mir von dem Knoten in ihrer Brust erzählte. Der erste Untersuchungstermin und
die Folgenden. Wörter wie adjuvanten Behandlung, oder neoadjuvante
Behandlungen, palliativ, Metastasen, stürmten auf uns ein. Katrins Gesicht völlig
regungslos und mein Herz, das sich in einen Hochleistungsmotor verwandelte, um
dieses Problem zu lösen. Aber weder die Operation, noch die Hormonbehandlung,
konnten den Krebs aufhalten, der sich immer weiter durch ihren Körper fraß,
Metastasen in ihren Achselhöhen hinterließ und sich scheinbar durch nichts
aufhalten lassen wollte.
Katrin wurde wach, dass erkannte ich an ihrer Atmung. Inzwischen hatte ich ein
ganz gutes Gespür dafür bekommen. Sie stöhnte auf, als sie versuchte ihre
Liegeposition etwas zu verändern. Natürlich war sie schon an allen Stellen wund
gelegen. „Warte, ich helfe dir“, sprang ich auf und griff unter sie. Erschreckend
wie leicht sie geworden war. Schlank und grazil war sie schon immer gewesen,
aber nun war an ihr nicht einmal mehr so viel dran wie an einer Gazelle.
„Guten Morgen.“ Es rührte mich, dass sie trotz allem, noch immer lächelte. Ihr
fiel es fast leichter als mir, hatte ich manchmal das Gefühl.
„Guten Morgen.“ Ich ersparte es mir, sie nach ihrem Befinden zu befragen. Man
musste sie nur ansehen, und kannte die Antwort darauf. Stattdessen griff ich mir
die Rätselzeitschrift und wir lösten zusammen ein paar Kästchen, doch das wurde
ihr schon bald zu anstrengend. „Kannst du mir weiter vorlesen?“
„Natürlich.“ Also griff ich nach Anne auf Green Gable. Seitdem wir hier in Köln,
in der angeblich besten Brustkrebsklink waren, lasen wir fiel. Oft scherzte Katrin,
dass es ein paar wichtige Bücher gab, die sie vor ihrem Tod unbedingt lesen
wollte, konnte ja niemand ahnen, das ihr nur noch so wenig Zeit blieb, sagte sie
dann. Katrin lachte zwar darüber, doch ich konnte daran nichts Witziges finden.
Dreiviertel des Buches hatten wir durch, danach hat sie sich In achtzig Tagen um
die Welt ausgesucht.
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Seele and Geist
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