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Interreligiöser Dialog – woher kommt er, was braucht er und was

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Interreligiöser Dialog – woher kommt er, was braucht er und was
kann er bewirken?
Einführende Worte in der Hechinger Moschee am 18. November 2012
Bevor wir die Gesprächsrunde eröffnen möchte ich das weite Feld des interreligiösen
Dialogs - zugegebenermaßen ein sperriger Begriff – eingrenzen und begehbar
machen. Auf einem Art Pilgerweg beginne ich bei dem Philosophen der Aufklärung
Ephraim Lessing (Nathan der Weise), gehe dann in die Gegenwart zum Tübinger
Theologen Hans Küng (Weltethos), von dort weiter zu Papst Benedikt XVI (Friedenstreffen in Assisi)und komme dann zum islamischen Theologen Mouhanad Khorchide,
der für einen aufgeklärten, barmherzigen Islam steht. Abschließend möchte ich die
Chancen des interreligiösen Dialogs hervorheben.
Meine Ausführungen stützen sich auf Internetrecherchen.
1. Nathan der Weise ist der Titel und die Hauptfigur eines fünfaktigen
Ideendramas von Gotthold Ephraim Lessing, das 1779 veröffentlicht wurde.
Das Werk hat als Themenschwerpunkte den Humanismus und den Toleranzgedanken der Aufklärung. Besonders berühmt wurde die Ringparabel im dritten
Aufzug des Dramas.
Die Parabel kann dahingehend verstanden werden, dass der Vater für den liebenden
Gott, die drei Ringe für die drei monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum
und Islam), die drei Söhne für deren Anhänger und der Richter, dem der Streitfall
vorgetragen wird, für Nathan selbst stehen. Eine Aussage der Parabel wäre
demnach, dass Gott die Menschen gleichermaßen liebe, unabhängig von ihrer
Religionszugehörigkeit, da alle drei Religionen sein Werk und alle Menschen seine
Kinder seien.
Entscheidend sei, dass die Menschen sich nicht darauf versteifen, die „einzig wahre
Religion“ zu „besitzen“, da sie das fanatisch und wenig liebenswert mache. Zwar sei
es nur natürlich, dass jeder seine eigene Religion vorziehe, denn wer werde schon
seinen Eltern vorwerfen, ihn zu einem „Irrglauben“ erzogen zu haben? Diese
Bevorzugung dürfe jedoch nicht dazu verführen, den eigenen Glauben als allein selig
machenden auch allen anderen gegenüber geltend machen zu wollen, da jede
authentische Religion letztlich ihren Ursprung in Gott habe.. Die Gültigkeit jeder
Religion sei demnach darin zu sehen, in welchem Maß sie zukünftig in der Lage ist,
Liebe zu stiften.
Das Drama »Nathan der Weise« zeigt deutlich den Konflikt der drei großen
Weltreligionen, der bis zur heutigen Zeit noch anzutreffen ist. Lessing macht jedoch
durch die Figur Nathans bewusst, dass man Toleranz entwickeln und zeigen kann.
Jede Religion hat ihre Berechtigung und keine der Religionen sollte bevorzugt
werden. Vor allem die Ringparabel, die Nathan erzählt, sowie auch das Ende des
Dramas zeigen dies deutlich, indem alle drei Religionen in einer Familie vertreten
sind und somit miteinander unzertrennlich verbunden sind.
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2. Tübinger Theologe Hans Küng, Begründer der Stiftung Weltethos, der
übrigens (2009) zu einem Vortrag in der Hechinger Synagoge war.
Zur Erhaltung des Weltfriedens ist für Küng ein Religionsfrieden Voraussetzung.
Deshalb betont er, dass die verschiedenen Weltreligionen in den zentralen
Grundfragen – wie etwa bei den Zehn Geboten – tatsächlich eine ähnliche Ethik
haben. Er entwickelte das Projekt Weltethos, weil nur in der Bewusstheit
gemeinsamer Werte die verschiedenen Religionen dauerhaft in Frieden miteinander
leben können. Weltethos ist dabei keine Ersatzreligion, sondern ein Grundkonsens
über verbindliche Werte, Maßstäbe und Regeln des menschlichen Verhaltens.
Jeder einzelne Partner im interreligiösen Dialog ist seiner eigenen Tradition
verpflichtet. Dieser individuelle Standpunkt müsse aber im Prozess des Dialogs
zugleich für eine Umformung offen sein.
Dabei unterscheidet Küng zwischen einer gläubigen Innenperspektive und einer
religionswissenschaftlichen Außenperspektive:
Von innen her gebe es für ihn als den betroffenen Menschen nur die eine wahre
Religion, nämlich das Christentum.
Von außen betrachtet gebe es verschiedene Heilswege mit verschiedenen
Heilsgestalten zum einen Ziel; damit gebe es aber zugleich in der Außenperspektive
verschiedene wahre Religionen.
Mit einer Religion, die auf ihrem eigenen absoluten Wahrheits-kriterium beharre, sei
ein echter Dialog von vornherein aussichtslos. Die Führer aller Religionen müssten
sich bekennen zu ihrer Mitverantwortung für den Weltfrieden, Nächstenliebe,
Gewaltlosigkeit, Versöhnung und Vergebung
3. Verpflichtungserklärung beim Friedenstreffen in Assisi:
Veröffentlicht am 27. Oktober 2011 :
Papst Benedikt XVI spricht im letzten Teil des Textes:
„Versammelt hier in Assisi, haben wir gemeinsam über den Frieden nachgedacht, der
Geschenk Gottes und Gut der gesamten Menschheit ist.
Auch wenn wir unterschiedlichen religiösen Traditionen angehören, bekräftigen wir,
dass es zum Aufbau des Friedens nötig ist, den Nächsten zu lieben und die Goldene
Regel zu beachten: „Tu dem anderen das, was Du willst, das dir getan wird.”
Es folgen 10 Verpflichtungen die in folgendem Schluss münden:
„Und wir, die Humanisten im Dialog mit den Glaubenden, verpflichten uns
gemeinsam mit allen Frauen und Männern guten Willens an einer neuen Welt zu
bauen, in der der Respekt für die Würde einer jeden Person, für ihr inneres Suchen
und für die Freiheit, ihrem eigenen Glauben gemäß zu handeln, das Fundament für
das Leben der Gesellschaft ist.
Wir werden alles tun, um sicher zu stellen, dass Glaubende und Nichtglaubende in
gegenseitigem Vertrauen leben und gemeinsam der Suche nach Wahrheit,
Gerechtigkeit und Frieden nachgehen können.
Nie wieder Gewalt!
Nie wieder Krieg!
Nie wieder Terror!
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Im Namen Gottes, möge jede Religion Gerechtigkeit und Frieden hervorbringen,
Vergeben und Leben, Liebe!“
4. Mouhanad Khorchide
Seit Juli 2010 hat Khorchide die Professur für islamische Religionspädagogik an der
Universität Münster inne. Mitte Oktober erscheint Khorchides neues Buch »Islam ist
Barmherzigkeit – Grundzüge einer modernen Religion« im Herder-Verlag.
Mouhanad Khorchide »Gott ist kein Diktator« DIE ZEIT, 4. Oktober 2012, Nr. 41
Auszug aus dem Interview:
ZEIT: Sie haben gerade ein neues Buch geschrieben, darin bezeichnen Sie den
Koran als Liebesbrief Gottes an die Menschen. Wie kommen Sie zu dieser Lesart?
Für gewöhnlich wird der Koran als mächtiges Buch beschrieben, im Westen auch als
gefährliches.
Khorchide: Die Frage ist: Von welchem Gottesbild sprechen wir? Viele Muslime
gehen von einem Gott aus, der verherrlicht werden will, der Anordnungen schickt und
der kontrolliert, wer sich daran hält. Wer gehorcht, wird belohnt, wer es nicht tut,
bestraft. Das ist aber ein Verständnis von Gott, das dem eines Stammesvaters
gleicht, dem man nicht widersprechen darf. Viele Muslime sehen den Koran
entsprechend als ein Regelbuch.
ZEIT: Sie sehen das anders?
Khorchide: Ich habe den Koran anders gelesen. Gott ist kein archaischer
Stammesvater, kein Diktator. Warum beginnen 113 von 114 Suren mit der Formel
»Im Namen Gottes des Allbarmherzigen, des Allerbarmers«? Das muss doch einen
Grund haben. Der koranische Gott stellt sich als liebender Gott vor. Deshalb ist die
Beziehung zwischen Gott und Mensch eine Liebesbeziehung, ähnlich wie die
zwischen einer Mutter und ihrem Kind. Ich möchte, dass sich die Muslime befreien
von dem Bild eines archaischen Gottes, das einem in vielen Moscheen, im
Religionsunterricht oder während der theologischen Ausbildung suggeriert wird.
Soweit die bemerkenswerten Aussagen Korchides. Das vollständige Interview liegt
für sie als Kopie bereit.
5. Chancen des interreligiösen Dialogs
Je tiefer man sich mit den jeweiligen Religionen beschäftigt, desto mehr Gemeinsamkeiten wird man entdecken, wie z.B. der ethische Überbau der Weltreligionen. Alle
Religionen sind um ethisches Verhalten bemüht.
Tugenden wie Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Gewaltlosigkeit, Friedfertigkeit, Mitgefühl,
Hingabe und viele mehr sind in allen Religionen mit unterschiedlichen Gewichtungen
bekannt, und deren Verwirklichung wird den Gläubigen empfohlen.
Überraschende Übereinstimmungen findet man auch in den religiösen Praktiken. So
sind zum Beispiel Pilgerreisen in allen Religionen verbreitet. Christen pilgern nach
Rom, nach Jerusalem, nach Santiago de Compostela, Muslime nach Mekka,
Buddhisten und Hindus pilgern zum heiligen Berg Kailash.
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Auch das Gebet ist in allen Religionen verbreitet. Meditation und Kontemplation sind
ebenfalls in verschiedenen Ausprägungen in allen Religionen vorhanden.
Zusammenfassend kann man sagen, dass allen Religionen die „Religio", die
Rückverbindung, die Spiritualität zu eigen ist. Missverständnisse zwischen den
Religionen führen, wie wir in der jüngsten Vergangenheit erfahren mussten, schnell
zu Mord und Totschlag. Die verschiedenen Befindlichkeiten gerade der
Strenggläubigen ergeben eine explosive Mischung.
Voraussetzung für einen Dialog zwischen den Religionen ist zunächst das
tiefgründige Studium der verschiedenen Religionen oder die Einweisung durch einen
Gelehrten. Im interreligiösen Dialog ist es auch problematisch, wenn Vertreter einer
Religion sich anmaßen, die andere Religion interpretieren zu können. Ein Dialog
kann nur gelingen, wenn die Beteiligten von ihrer Gleichwertigkeit ausgehen. Es stellt
sich die Frage, wie geht man mit der Tatsache um, dass nahezu jede Religion für
sich beansprucht, die einzige Religion zu sein, die Erlösung garantiert, oder
zumindest die Religion zu sein, die den schnellsten Weg zur Erlösung oder
Erleuchtung weist?
Ein besonders schönes Beispiel für einen gelungenen interreligiösen Dialog finden
wir in Lessings „Nathan der Weise". Folgendes Gedicht von Hafis, das ebenfalls von
tiefer Weisheit geprägt ist, gibt idealtypisch vor, wie ein Dialog von Gläubigen
erfolgreich sein kann.
„Sich begegnen und auseinander gehen
so
wie ein leidenschaftlicher Musiker sein geliebtes Instrument begrüßt
und - wie jeder große Künstler - besonders achtsam damit umgeht
um mit dem letzten Ton das Kunstwerk zu vollenden.
Wie höre ich zu ?
Wie höre ich anderen zu?
So,als wäre jeder mein Meister,
der seine kostbaren letzten Worte spricht.“
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit
Hannes Reis
Stetten-Hechingen, 17.November 2012
Hohenzollerische Jakobusgesellschaft e. V.
www.h-jg.de
17.November 2012
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Seele and Geist
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