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Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist…? Qualität des

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Gemeinsam. Anders. Stark.
Dokumentation zur Fachtagung
26. Oktober 2012, Gelsenkirchen
Ich sehe was, was du nicht
siehst und das ist…?
Qualität des Lebens,
Change Management und
Bewusstseinswechsel
Impressum
Herausgeber und verantwortlich für den Inhalt: © by Sozialwerk St. Georg e. V., Emscherstr. 62, 45891 Gelsenkirchen
Redaktion: Hannelore Achenbach, Udo Gaden, Frank Löbler, Gestaltung: Gute Botschafter GmbH, Haltern am See;
Druck: Laudert GmbH & Co. KG, Vreden
Gedruckt auf Recyclingpapier „RecySatin“ – ein Beitrag zum Schutz der Umwelt und damit zur Bewahrung der Schöpfung
Inhalt
Vorwort........................................................................................................................Seite 4
Begrüßung und Einführung in das Thema...............................................................Seite Gitta Bernshausen, Vorstand Sozialwerk St. Georg e. V.
6
Zwischen Glaskugel und fachlichem Controlling –..................................................Seite Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen?
Prof. Dr. Bernd Halfar, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
9
Quality of Life – Creating Value through Innovation...............................................Seite 22
Prof. (em.) Dr. Robert Schalock, Hastings College in Nebraska, USA
Quality of Life and the supports...............................................................................Seite 36
Prof. Dr. James R. Thompson, Department of Special Education,
Illinois State University, USA
Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern –.....................................Seite 49
Organisationsstrategien, Leitlinien und Praxisbeispiele
Prof. Dr. Jos van Loon, Manager Stichting Arduin in Middelburg, Niederlande,
Department of Special Education, Universität Gent, Belgien
Diskussion mit Klientinnen und Klienten zur Qualität des Lebens.......................Seite 65
Moderation Tom Hegermann
Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt – Die Zukunft der Eingliederungshilfe“.....Seite 71
Moderation Tom Hegermann (bekannt aus dem WDR)
Mitwirkende................................................................................................................Seite 84
Tagungsprogramm.....................................................................................................Seite 86
Organisatorisches.......................................................................................................Seite 87
Fachtagung | Inhalt
3
Vorwort
Referenten und Teilnehmer
der Fachtagung
Sehr geehrte Damen und Herren,
„Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist…? Qualität des Lebens, Change Management und
Bewusstseinswechsel“. So lautete das Motto des Fachtages des Sozialwerks St. Georg e.V. am 26. Oktober
2012 in Gelsenkirchen.
Die knapp 300 Veranstaltungsteilnehmer ließen von Anbeginn an keinen Zweifel daran, dass sie sehr
daran interessiert waren, neue Perspektiven kennenzulernen, einmal andere Blickwinkel einzunehmen und
mehr darüber zu erfahren, welche Chancen das in Deutschland noch wenig bekannte mehrdimensionale
Konzept der Qualität des Lebens im Rahmen der UN-Behindertenrechtskonvention und der aktuellen sozialpolitischen Entwicklungen im Bereich der Eingliederungshilfe in Deutschland bietet.
Im gegenwärtigen System sozialer Dienstleistungen erfolgen Bewilligungsentscheidungen zu Rehabilitationsmaßnahmen wie auch das fachliche Controlling der Leistungserbringung immer noch sehr einseitig
durch professionelle Akteure. Menschen mit Behinderungen wird hierbei zumeist eine eher passive Rolle
zugewiesen. Gleiches gilt im Bereich der Qualitätssicherung und der behördlichen Überprüfung der Angebote.
Hier sind einschlägige, ordnungsrechtliche Inputvorgaben sowie Standardanforderungen für die Strukturund technische Prozessqualität immer noch die überwiegende Antwort auf die Frage nach der Wirksamkeit,
den Ergebnissen einer sozialen Dienstleistung.
Demgegenüber unterstreichen die UN-Behindertenrechtskonvention und die Impulse der Arbeits- und
Sozialministerkonferenz das Erfordernis einer qualitativen Weiterentwicklung von Assistenzdienstleistungen
für Menschen mit Behinderung. Soziale Dienstleistungsunternehmen sind zunehmend gefordert, die Qualität
ihrer Angebote bei immer enger werdenden Spielräumen konsequent zu einer effizienten, passgenauen
und personzentrierten Assistenz fortzuentwickeln.
Das Konzept der Qualität des Lebens setzt diesbezüglich sehr interessante Impulse – auch und insbesondere mit Blick auf die Entwicklung von Reformkonzepten zur Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe in
Deutschland. Dies wurde in den Beiträgen der international hochkarätigen Experten deutlich:
Unter ihnen Prof. Dr. Robert L. Schalock (USA), auf dessen Forschungen das Konzept basiert. Er stellte
in seinem Vortrag eindrucksvoll dar, wie Weiterentwicklung, Effizienzgewinn und insbesondere die sich an
Selbstbestimmung und Teilhabe ausrichtende personzentrierte Assistenz im Rahmen des Konzeptes der
Qualität des Lebens gelingen kann und wie die Innovationskraft dieses Konzeptes aus der Perspektive aller
Beteiligten wertsteigernd erlebt werden kann.
Prof. Dr. James R. Thompson (USA), der den Ansatz Schalocks durch seine Arbeiten ergänzte, erläuterte
auf der Grundlage konkreter Praxisbeispiele die Bedeutung der individuellen Differenzierung konkreter
Assistenzangebote und stellte das hierzu in den USA entwickelte Assessmentinstrument der „Supports Intensity
Scale“ (SIS) vor. Die SIS misst dem Verständnis der aus Sicht des Klienten konkret benötigten Unterstützung
und ihrer Intensität die zentrale Bedeutung bei und liefert Ergebnisse, aus denen sich passgenaue Unterstützungsmaßnahmen ableiten lassen.
Prof. Dr. Bernd Halfar von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ergänzte die thematischen
Blickwinkel durch die Einbeziehung der Controllingsicht bei der Bewertung sozialer Dienstleistungen. Er stellte
heraus, dass sich die Bewertung sozialer Dienstleistungen unmittelbar an den Klienten orientieren muss.
Die Wirkung der Arbeit sozialer Einrichtungen ließe sich ggf. besser mit Hilfe der Bewertung der „Qualität des
Lebens“ der Klientinnen und Klienten messen. Damit werden ihre Wünsche und Bedürfnisse in den Dienstleistungsprozess integriert, um für sie den größtmöglichen Nutzen der Assistenzmaßnahmen zu erkennen.
Die zentrale Frage lautet:: Wie geht es den Klientinnen und Klienten mit den Dienstleistungen, die in dem
4
Fachtagung | Vorwort
sozialen Unternehmen erbracht werden, und welche Wirkung entfalten sie in Bezug auf die Verbesserung
der Qualität des Lebens.
Prof. Dr. Jos van Loon, Manager beim Kooperationspartner des Sozialwerks der Stiftung Arduin (Niederlande), berichtete von Erfahrungen der Stiftung Arduin mit der Umsetzung des Konzeptes der Qualität des
Lebens. Er konnte zeigen, dass es mit dem auf der Grundlage des Konzeptes und der sogenannten 8 Domänen der Qualität des Lebens entwickelten Interviewinstrumentes - der sogenannten Personal Outcomes Scale –
möglich ist, valide Aussagen zur Wirkung sozialer Dienstleistungen zu treffen.
Wie Klienten die Umsetzung dieses Konzeptes im Sozialwerk St. Georg e. V. erleben, berichteten Frau
Kretschmar, Herr Beuker, Herr Lau und Herr Noswitz im Gespräch mit Tom Hegermann, der den Fachtag
moderierte. Sie bestätigten eindrucksvoll, welchen Zugewinn an Selbstbestimmung und Qualität des Lebens
im Rahmen des für sie neuen Assistenzkonzeptes sie erfahren, aber auch welchen Anforderungen sie sich in
Bezug auf die Übernahme der hiermit einhergehenden Verantwortung gegenübersehen.
Den Abschluss des Fachtages bildete eine Podiumsdiskussion unter Beteiligung der Landesrätin des
Landschaftsverbandes Rheinland Frau Martina Hoffmann-Badache, des Landesbehindertenbeauftragten NRW
Herrn Norbert Killewald sowie des Geschäftsführers der Stiftung Arduin (NL) Prof. Dr. Jos van Loon sowie Gitta
Bernshausen, Vorstand Sozialwerk St. Georg. Hier war man sich einig, dass der Paradigmenwechsel hin zur
Anerkennung der Klientinnen und Klientinnen als selbstbestimmte Bürger wichtig ist und dass das Konzept
der Qualität des Lebens wichtige Impulse auch mit Blick auf die aktuelle Debatte zur Zukunft der Eingliederungshilfe liefert. Landesrätin Hoffmann-Badache unterstrich, dass seitens der Kostenträger ein großes
Interesse an der Erprobung neuer Wege einer inkludierenden Eingliederungshilfe im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention besteht.
Der Fachtag des Sozialwerks St. Georg hat somit wichtige Impulse gegeben, die nun auf Seiten der Teilnehmer und der durch sie vertretenen Organisationen Wirkung entfalten mögen.
Wir bedanken uns bei allen Teilnehmenden und Referierenden für ihr Engagement.
Fachtagung | Vorwort
5
Begrüßung und Einführung in das Thema
Gitta Bernshausen,
Vorstand Sozialwerk St. Georg e. V.
Gitta Bernshausen
| Tom Hegermann (Moderator):
Schönen guten Morgen meine Damen, meine
Herren oder, wie es da steht „Herzlich willkommen“
und „Welcome“. – Manches wird heute zweisprachig
sein.
Mein Name ist Tom Hegermann. Ich freue mich,
Sie durch den heutigen Tag begleiten zu dürfen.
Ich selber bin freier Journalist. Mit dem einen Standbein bin ich seit vielen Jahren Radiomoderator bei
WDR 2, der eine oder andere wird vielleicht die Stimme aus dem Radio kennen.
Wenn ich hier so in den Saal schaue, dann stelle
ich eins fest: Wir sehen alle anders aus. Keiner hier im
Saal sieht so aus wie ich, keiner sieht so aus wie sein
Nachbar, wir sind alle sehr, sehr unterschiedlich.
Wir haben verschiedene Interessen, unterschiedliche
Ideen, Fähigkeiten, Möglichkeiten. All das macht so
eine Gesellschaft schließlich aus. Wir können uns gegenseitig nur unterstützen, weil wir eben unterschiedlich sind. Natürlich heißt das auch, dass mancher
mehr Unterstützung braucht, vielleicht als der andere.
Das ist selbstverständlich. Aber wie sorgen wir dafür,
dass diese Selbstverständlichkeit auch ganz selbstverständlich Konsequenzen hat? Und zwar so, dass nicht
der Unterstützer oder die Unterstützungsmaßnahme
oder gar die Finanzierung der Unterstützungsmaßnahme im Mittelpunkt steht, sondern der Mensch, um
den es geht. Genau an der Stelle vollzieht sich ja, Gott
sei Dank, gerade ein Wandel. Vorangetrieben nicht
zuletzt durch die Anforderungen der UN-Behindertenrechtskonvention. Und die Frage, welche Veränderungen das eben auf allen Ebenen erfordern wird.
Da geht’s nur vordergründig um Begriffe wie „Inklusion“ statt „Integration“. So mancher meint ja immer
noch: „Ja Gott, das ist ein neues Wort für eine alte
Sache. Sonst ändert sich nicht viel.“ Es wird sich eine
Menge ändern. Bis hinein in die tägliche Arbeit.
Wir werden alle intensiv darüber nachdenken müssen,
wie wir den Menschen mehr in den Mittelpunkt
stellen. Da geht es darum, Ideen zu finden, wie wir
das schaffen können. Und das ist ja das Motto des heutigen Tages: „Ich sehe was, was du nicht siehst und
das ist…?“ Ja was, bitte schön? Darüber wollen wir
nachdenken, darüber wollen wir informieren, darüber
wollen wir diskutieren im Laufe dieses Tages.
6
Über das Konzept der Qualität des Lebens, über
Change Management und über Bewusstseinswandel.
Zum Auftakt hat das Wort Gitta Bernshausen,
Vorstand des Sozialwerks St. Georg. Schön, dass Sie
bei uns sind!
| Gitta Bernshausen:
Herzlichen Dank für die nette Einführung. Herzlichen Dank an Sie alle, dass Sie hier nach Gelsenkirchen gekommen sind. Sozusagen in die Geburtsstätte
des Sozialwerks St. Georg. Ich heiße Sie alle sehr, sehr
herzlich willkommen zu unserer heutigen Veranstaltung unter dem vielsagenden Titel. Tom Hegermann
hat es gerade schon gesagt: „Ich sehe was, was du
nicht siehst und das ist…?“
Namentlich begrüßen möchte ich zuvor Frau
Martina Hoffmann-Badache, Landesrätin für Soziales
und Integration beim Landschaftsverband Rheinland,
sowie Herrn Norbert Killewald, Beauftragter der
Landesregierung für die Belange der Menschen mit
Behinderung in Nordrhein-Westfalen, die beide jedoch
erst heute Mittag zu uns stoßen werden.
Ein herzliches Willkommen auch den Referenten
des heutigen Tages. Ich begrüße Herrn Prof. Dr. Bernd
Halfar von der Katholischen Universität EichstättIngolstadt, ich begrüße Herrn Prof. em. Bob Schalock,
vom Hastings College in Nebraska und Gattin Susan.
Ich begrüße Herrn Prof. Jim Thompson vom Department of Special Education der Illinois State University
sowie Herrn Prof. Jos van Loon vom Department of
Special Education der Universität Gent und Manager
der Stichting Arduin. Herzlich willkommen!
Fachtagung | Begrüßung und Einführung in das Thema, Gitta Bernshausen
Prof. Dr. Jos van Loon,
Prof. Dr. James R. Thompson,
Prof. Dr. Bernd Halfar
Ich begrüße auch Frau Willms, Frau Kretschmar,
Herrn Breuker, Herrn Noswitz, Herrn Lau und Herrn
Kopatzky, die uns im Vorfeld unterstützt haben und
sich z. T. auch heute Nachmittag für ein Interview zur
Verfügung stellen.
Auch Ihnen: Herzlich willkommen!
Und außerdem, last, but not least, Tom Hegermann, der uns durch den heutigen Tag führen und
auch heute Nachmittag die Podiumsdiskussion moderieren wird.
„Ich sehe was, was du nicht siehst“ – dieses alte
Spiel, das Kinder miteinander oder Eltern mit
ihren Kindern spielen in bestimmten Situationen, ist
Namensgeber unserer heutigen Veranstaltung.
„Ich sehe was, was du nicht siehst“ wird gespielt in
Wartezimmern, auf langen Autofahrten, in Situationen
der Verunsicherung und Langeweile. In Zeiten des
Wartens, der Unsicherheit, des Bangens, in angespannter Erwartung auf das, was sein mag, oder das, was
ganz sicher kommen wird. Das Spiel steuert die
Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung von Sachverhalten außerhalb dessen, um was es in der konkreten
Situation eigentlich geht. Es lenkt ab, vertreibt die Zeit
und fördert das Gespräch. „Ich sehe was, was du nicht
siehst und das ist grün“ ergibt neben der Suche nach
des Rätsels Lösung auch die Chance sich sehr lebhaft
über unterschiedliche Sichtweisen auszutauschen.
„Ist mein Grün wirklich auch dein Grün oder ist es für
dich schon eher Blau?“ „Ich sehe was, was du nicht
siehst“ öffnet den Blick auf vermeintliche Gewissheiten. Bei näherem Hinsehen sind sie doch höchst
subjektiv und sehr verschieden.
Die Diskussion über die Eigenschaften von Grün
oder Blau erbringen im Ergebnis keine unumstößlichen Weisheiten. Bei Spielteilnehmern in der Altersgruppe zwischen 8 und 13 Jahren, die Eltern unter
uns werden das sicherlich bestätigen können, werden
darüber hinaus auch grundsätzliche Fragestellungen
zur Zulässigkeit der Frage sowie der Rechtmäßigkeit
der Antwort aufgeworfen. Z. B.: „Der Stuhl ist überhaupt nicht Grau sondern eher Dunkelweiß.“
„Ich sehe was, was du nicht siehst“ erfordert und
ermöglicht das Gespräch über das jeweilige Empfinden
von Farbe im Raum, über das subjektive Erleben
von Wahrnehmungen und die Relativierung vermeintlicher Tatsachen, die plötzlich gar nicht mehr
allgemeingültig und nur halb so gewiss sind, wie
vormals gedacht.
In unserem fachlichen Zusammenhang bedeutet
„Ich sehe was, was du nicht siehst“ nicht nur zu
analysieren, was in das System hineinfließt, welcher
Input demnach erfolgt, sondern vielmehr die Messung
von Output, also dem, was beim einzelnen Menschen
an Assistenz ankommt. Wir stellen darüber hinaus
die Frage nach der Wirksamkeit sozialer Dienstleistungen. Wir überlegen, was bedeutet für uns persönlich
Qualität und was braucht es, um diese zu erreichen.
Wir lassen die Erkenntnis zu, ob und warum „gut gemeint“ nicht unbedingt und nicht immer auch
„gut gemacht“ bedeutet. „Ich sehe was, was du nicht
siehst“ beschreibt eine grundsätzliche Haltung des
Suchenden, des Fragenden, des Zuhörenden.
Eine Haltung, sich einzulassen auf das, was mein Gegenüber mit aus seiner, sehr individuellen Sicht,
seiner persönlichen Wirklichkeit erzählt.
Diese Wirklichkeit, die zunächst vielleicht verborgen
ist und somit erst erfragt werden muss und die
manchmal so anders ist als meine.
„Ich sehe was, was du nicht siehst“ vollzieht
sich in diesem Moment ganz aktuell auch andernorts.
Heute und morgen findet erstmals die Veranstaltung
„Menschen mit Behinderungen“ im Deutschen Bundestag statt. Insgesamt werden ca. 300 Menschen mit
Behinderungen auf Einladung aller Fraktionen mit
Abgeordneten des Deutschen Bundestages über die
Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonventionen
debattieren. Die Gäste haben die Tagesordnung selbst
gestaltet mit Themen, die ihnen wichtig sind.
Sie erhalten auf diesem Weg einen Einblick in die
parlamentarische Arbeit, aber mindestens genauso
wichtig ist, dass die Fraktionen in diesen Gesprächen
auf die Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen als Expertinnen und Experten in eigener Sache
zurückgreifen. Kunden sozialer Dienstleistungen nehmen ihre eigene Wirklichkeit, ihr persönliches Erleben, ihre ganz eigenen Wünsche und Ziele, bisweilen
anders wahr als die Profis. Sie setzen vielleicht andere
Schwerpunkte, berücksichtigen weitere Aspekte,
beurteilen Umstände möglicherweise völlig anders.
Fachtagung | Begrüßung und Einführung in das Thema, Gitta Bernshausen
7
Begrüßung und Einführung in das Thema
Gitta Bernshausen,
Vorstand Sozialwerk St. Georg e. V.
Tom Hegermann,
Moderator (bekannt aus dem WDR)
„Ich sehe was, was du nicht siehst“ – in einem sozialen Unternehmen wie dem Sozialwerk St. Georg
eröffnet und erfordert die Bereitschaft, Personzentrierung ernst zu nehmen und zu wissen, dass die Wirklichkeit nicht linear, sondern dialektisch ist. „Ich sehe
was, was du nicht siehst“ – die Frage nach Wirkung
und Wirksamkeit zu stellen, aber auch zu wissen, dass
es normal ist, verschieden zu sein.
Wir haben für die heutige Veranstaltung viele
höchst unterschiedliche Beiträge zusammengestellt
und hoffen sehr, dass Sie am Ende des Tages ein
buntes Bild mit sehr vielen unterschiedlichen Farben
und Facetten mit nach Hause nehmen können. Unterschiedlich, wie die Menschen nun mal sind. Kreativ,
wie soziale Arbeit heute ist und auch sein muss.
Kontrovers, wie die Sozialpolitik, dieses Ringen um
den richtigen Weg, der manchmal erst beim Gehen
entstehen muss. Kontrastreich, wie das Leben selbst.
Ich wünsche Ihnen, ich wünsche uns allen einen
interessanten und impulsreichen Tag.
Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist
schwarz und ein bisschen weiß – Tom Hegermann.
| Tom Hegermann:
Herzlichen Dank, Gitta Bernshausen.
Ich sehe in der Tat auch, was Sie nicht sehen – nämlich 300 Menschen, die gespannt sind auf diesen Tag,
gespannt auf die Vorträge, gespannt auf die Gespräche.
Wir wollen wirklich einen ganz großen Bogen schlagen
im Laufe des heutigen Tages. Und wir wollen das
tun mit ausgewiesenen Experten. Nur ist es so, dass
der Moderator am Anfang jeder Tagung immer sagen
muss: „Ausgewiesene Experten… Natürlich haben wir
die dabei!“ Das sagt man dann halt so. Nur in diesem
Fall ist es wirklich so, dass das Personen sind, die die
entscheidenden Personen in diesem Bereich sind. Ich
habe es im Vorfeld mehrfach erlebt, dass Personen
gesagt haben: „Was? Der ist auch dabei?
Und der auch noch? Und der kommt aus den USA?
Und den? Oh, die hätte ich aber gerne mal alle zusammen gehört. Hätte ich das doch vorher gewusst, wäre
ich auch gekommen.“ Das ist wirklich eine besondere
Zusammensetzung, die wir hier heute haben.
8
Zunächst einmal wollen wir einen Überblick
geben über das Thema. Auch über die Frage, wie
schwer es eigentlich ist, die Qualität sozialer Arbeit
tatsächlich zu beurteilen. Dann wird es grundsätzlich
über das sogenannte Quality of Life-Konzept gehen,
um die Qualität des Lebens. Wie sehen die Ideen dazu
eigentlich aus? Wir werden uns die Sicht der Klienten
anschauen. Deren Ziele, deren Interessen und Wünsche. Es geht ganz konkret auch um Konzepte und
Erfahrungen. Auch in Gesprächen mit Klienten des
Sozialwerks St. Georg.
Nach den jeweiligen Vorträgen soll es – ich hoffe,
das klappt – zehn Minuten Zeit geben, auch für Ihre
Nachfragen, Ihre Anmerkungen aus dem Saal.
Und am Ende, es ist schon angeklungen, wollen
wir alle die unterschiedlichen Ansätze und Blickwinkel auch nochmal gemeinsam diskutieren. Unter
anderem mit dem Behindertenbeauftragten des Landes
Nordrhein-Westfalen. Einige der Vorträge werden in
Englisch sein, diese werden simultan übersetzt. Aus
diesem Grund die Kopfhörer. Aber da sage ich dann
später, wenn es so weit ist, noch etwas zu. Wichtiger
Hinweis: Sie werden alle die Tagungsmappe schon
durchgeblättert haben. Sie werden das Bedürfnis
haben, sich viele Sachen aufzuschreiben. Sie müssen
sich aber nicht die Finger wund schreiben, weil erstens in der Tagungsmappe selbst schon viele Informationen zu den jeweiligen Vorträgen vorliegen und weil
es später aber auch noch eine Tagungsdokumentation
zu dem heutigen Tag geben wird.
Der erste Input kommt jetzt von Bernd Halfar. Der
hat gestern Abend mit Fieber im Hotelzimmer gelegen. Insofern freue ich mich heute umso mehr, dass er
heute Morgen – trotz seiner Erkältung bei uns ist. Es
war ihm wichtig, heute bei uns zu sein. Er ist an der
Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt Professor
für das Management in sozialen Einrichtungen. Er
führt uns jetzt grundsätzlich in das Thema ein. Und
sein Vortrag steht unter der Überschrift: „Zwischen
Glaskugel und fachlichem Controlling. – Lässt sich die
Qualität sozialer Arbeit messen?“
Herzlich willkommen, Herr Professor Halfar! Sie
haben das Wort.
Fachtagung | Begrüßung und Einführung in das Thema, Gitta Bernshausen
Prof. Dr. Bernd Halfar,
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Zwischen Glaskugel
und fachlichem Controlling –
Lässt sich die Qualität
sozialer Arbeit messen?
9
Zwischen Glaskugel und fachlichem Controlling –
Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen?
Prof. Dr. Bernd Halfar,
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Prof. Dr. Bernd Halfar
| Prof. Dr. Bernd Halfar:
Meine sehr geehrten Damen und Herren.
Ich beleuchte das Thema aus der Sicht des Controllings. Controller sind diejenigen Menschen, die sich
da-durch von Terroristen unterscheiden, dass sie keine
Sympathisanten haben. Das heißt, Sie werden hier
keine Spur Ethik finden. Vielleicht am Schluss etwas,
was auf meine Person hingeht. Aber im Prinzip wird
es jetzt ein ganz cooler Vortrag sein, ohne jegliche
Kniebeugen, ohne Heiligsprechung von Inklusion.
Sondern es geht lediglich um die Frage,, ob man in der
Behindertenhilfe, oder auch in sonstigen Feldern der
Sozialarbeit, Wirkungen messen kann.
Wirkungen entstehen ja überall. Es wirkt alles in
gewisser Weise. Das Thema bei uns ist nur, wir wissen
nicht, was wirkt. Irgendwie verändert sich immer was
im Leben. Und das Einzige, was man so ziemlich genau weiß, ist, dass Kinder, die jahrelang katholischen
Religionsunterricht haben, dann nicht mehr an Gott
glauben. Oder dass Kinder, die jahrelang Kunstunterricht hatten, dann irgendwann keine Lust mehr haben,
zu malen. Das sind gesicherte Wirkungen. Alles andere wissen wir in dem Sinn nicht. Und da müssen wir
uns methodisch etwas rantasten. Die Frage ist, wer
war denn der erste Controller in der Geschichte?
Das war Christoph Columbus, als er nämlich lossegelte, wusste er nicht wohin. Als er dort angekommen ist, wusste er nicht, wo er war, und als er wieder
nach Hause gekommen ist, wusste er nicht, wo er
gewesen ist. Und das alles mit dem Geld anderer Leute.
Objektiv
Subjektiv
Gesellschaftlich
effect
impact
outcome
Klassisches
Controlling
Effizienz
Objectives
Prozesse
Input
10
Fachtagung | Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen? Prof. Dr. Bernd Halfar
Effektivität
Output
Wirkungscontrolling
Abb. 1
Kategorien von
Wirkungen
Da geht es sozusagen los. Und wir haben deswegen mit der International Group of Controlling – das
sind Leute, in der Regel aus dem Profit-Controlling,
aber auch aus dem Nonprofit-Controlling – versucht,
uns dem Thema methodisch so zu nähern, indem wir
gesagt haben: „Der klassische Controller fragt, welche
Input-Faktoren wir haben, welche Prozesse daraus
entstehen und welche Menge an Dienstleistung
entsteht.“ Das ist furchtbar langweilig. Dass mit öffentlichen Geldern, staatlichen Geldern, natürlich
irgendwelche Wirkungen, Outputs entstehen, ist völlig
klar. Interessanter wird es, wenn man dann einen
Schritt weitergeht und die Sozialarbeit befragt und
sagt, sie hat wahrscheinlich Wirkungen, die objektiv
bei den Klienten auftreten und nachvollziehbar sind,
im Idealfall. Wir haben wahrscheinlich Wirkungen,
Impacts, die eher einen subjektiven Charakter haben:
Wohlbefinden, Eingebunden sein, Stolz, Lebenszufriedenheit. Und wir haben Wirkungen in der Sozialarbeit, die auf der Outcome-Seite liegen, von denen
Dritte profitieren. Insbesondere die Gesellschaft und
Sonstige. Ich will das jetzt nicht ausführen, ich will
nur sagen, wir brauchen die Verbindung von den
Inputs zu den Wirkungsebenen. Das ist unser Thema
eigentlich. Dass wir sagen, dass wir seit Jahrhunderten
bedarfsgetrieben sind. Wir haben seit Jahrhunderten
immer gesagt: „Der Mensch braucht diese und jene
Hilfe. Er braucht diese und jene Unterstützung.
Man muss ihm dort was Gutes tun.“ Das ist alles
in Ordnung. Wir haben aber Jahrhunderte lang nicht
gefragt, welche Wirkungen wir dadurch erzielen.
Und wir haben nicht gefragt, ob wir gewisse InputFaktoren optimieren können. Also, das sind dann die
Begriffe der Effektivität und der Effizienz, die Ihnen
wahrscheinlich ja vertraut sind. Das heißt, wir wissen
eigentlich ziemlich viel, sagen wir zumindest den
Kostenträgern. Wir wissen ziemlich viel, was wirkt,
was wir brauchen, was der Mensch braucht. Insofern
könnte man sagen, es gibt drei Regeln, eine soziale
Einrichtung zu betreiben. Leider ist uns keine bekannt ...
Das ist so eine Postkarte aus dem Management.
Ein Thema, mit dem wir jetzt beginnen, ist die
Schwierigkeit, überhaupt Dienstleistung und soziale
Dienstleistung qualitativ zu messen. Das liegt an dem
Charakter von Dienstleistungen. Das Fachgebiet, was
dann angesprochen wird, ist Servicemanagement. Diese Schwierigkeit der Dienstleistung hat vier große Felder. Die eine ist die Intangibilität, Sie können Dienstleistung nicht anpacken. Sie können sie auch nicht
mit nach Hause nehmen. Wenn Sie zum Frisör gehen
und Ihr Kopf wird geschnitten oder wenn Sie sich in
eine Klinik oder in ein Beratungsgespräch begeben.
Sie können die Dienstleistung nicht anschauen, nicht
mitnehmen. Das heißt, sie verschwindet sozusagen in
dem Moment, wo sie hergestellt wird. Sie können die
Qualität eigentlich häufig – in unserem Bereich der
Sozialarbeit – nur erzählen. Man kann daran glauben,
an die Qualität, man kann einen anderen fragen: „Wie
hast du es erfahren?“, aber man kann es nicht testen,
nachweisen, überprüfen.
Die zweite Problematik ist die Nichtlagerfähigkeit. Wir können Dienstleistungen nicht auf Vorrat
produzieren. Uno actu, die verschwinden in dem Moment, wo sie produziert werden, ist die Simultanität
von Konsumption und Produktion. Sie können Autos
auf Vorrat produzieren, aber keine Dienstleistung für
Menschen mit Behinderung. Der Mensch mit Behinderung sollte in Ihrer Nähe sein, wenn Sie ihm was
Gutes tun wollen. Und wenn er nicht da ist, hat man
ökonomisch gesehen versunkene Kosten. Und deswegen haben wir im Sozialbereich, in der Behindertenhilfe insbesondere, einen hohen Anteil an Fixkosten
und einen relativ geringen Anteil an variablen Kosten.
Und dadurch entstehen ökonomische Steuerungsprobleme. Wir wissen gar nicht, ob wir mit so vielen
Fixkosten, entsprechend der qualitativen Wirkung, im
optimalen Sinne herstellen können.
Der dritte Punkt ist, den erläutere ich später noch
intensiver: Der Unterschied zwischen einem Auto
und einer Dienstleistung für einen Menschen mit
Behinderung besteht in der Herstellung darin, dass der
Mensch mitmachen muss. Das Auto, der Stahl sind
passiv. Und dieses Mitmachen heißt, die Produktion
der Dienstleistung und die Qualität einer Dienstleistung hängen ganz entscheidend von demjenigen
ab, der die Dienstleistung als Ergebnis, als Resultat,
bekommt. Heute Morgen im Hotel, es ist ja heutzutage
so, musste ich mir das Frühstück selber machen. Man
geht zu dem Buffet und holt sich das, was man essen
will. Das heißt, die Qualität von meinem Frühstück
hing maßgeblich davon ab, dass ich mir das Richtige
in der richtigen Reihenfolge auf den Teller genommen
habe. Ich hätte es auch falsch machen können. Ich
hätte auch ein widerliches Frühstück, ein lausiges
Frühstück herstellen können. Ich habe es aber nicht
getan. Und Sie werden auch feststellen: Wenn der
Kunde beim Frisörbesuch dem Frisör nicht sagt, was
er haben will, wie er die Haare gerne haben will. Das
ist schlecht. Genauso schlimm: Der Frisör weiß gar
nicht, wie er schneiden soll. Der Kunde muss zumindest informieren, was er haben will.
Genauso schlecht wäre es, wenn der Kunde beim
Frisörbesuch den Kopf nicht ruhig hält. Auch dann
wäre die Frisur schlecht. Das heißt, die Qualität der
Dienstleistung eines Frisörs, eines Heilpädagogen,
eines Sozialpädagogen hängt maßgeblich davon ab,
dass der Klient einbezogen wird. Insofern ist es schon
mal sehr schwer zu messen, was die Qualität einer
Dienstleistung ist, wenn sie fast nicht oder kaum vom
professionellem Handeln abhängt, sondern von dem,
der mitmachen muss. Und wenn der, der mitmachen
muss, eine geistige Behinderung hat oder lernschwach
ist oder psychisch krank ist oder eine Spastik hat,
dann wird es schwer, die Qualität der Dienstleistung
allgemein zu messen und zu überprüfen.
Fachtagung | Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen? Prof. Dr. Bernd Halfar
11
Zwischen Glaskugel und fachlichem Controlling –
Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen?
Prof. Dr. Bernd Halfar,
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Prof. Dr. Bernd Halfar
Und der vierte Punkt ist die Heterogenität. Das
bedeutet, wir haben einfach eine Vielzahl individueller Konstellationen und eine Vielzahl von Einflussfaktoren bei der Produktion personaler Dienstleistungen,
die wir schlecht standardisieren können und schlecht
dann in einen allgemeinen Qualitätsbegriff bringen
können.
Das heißt, die Qualität der Dienstleistungsunternehmen hat ein Problem, das die Nicht-Dienstleistungsunternehmen nicht haben. Nämlich die Vermutung der Constant Quality Assumption. Wir vermuten
normalerweise, dass zwischen den Input-Faktoren,
Personal, Geld, Räume, heilpädagogische, therapeutische Sachmittel usw. – und dem Ergebnis ein Zusammenhang besteht. Und wir vermuten zweierlei, dass
eine prozentuale Veränderung des Inputs zu einer
typischen prozentualen Veränderung des Outputs
führt. Bei Dienstleistungen - wegen der Einbeziehung
des Klienten und anderer Faktoren - besteht diese
Beziehung so nicht. Das heißt, die Dienstleistung verändert sich durch die Veränderung der Input-Faktoren
nicht nur quantitativ – logisch, wenn Sie doppelt so
viele Heilpädagogen haben, dann haben Sie doppelt
so viele heilpädagogische Stunden –, sondern die
Dienstleistung verändert sich auch in ihrer Qualität,
wenn Sie die quantitativen Faktoren verändern. Und
darin besteht ein theoretisches Problem, ein Optimierungsproblem.
Abb. 2
Die vier Merkmale
von Dienstleistungen
und deren Bedeutung
Quelle: Hogreve 2012
Wahrgenommene
Unsicherheit
Kunde beeinflusst das
Ergebnis
Patentierbarkeit
Mitarbeiter beeinflusst
das Ergebnis
Intangibilität
NichtLagerfähigkeit
12
Das ist jetzt für die Freunde der Mathematik: Wir
tun so in der Sozialarbeit, als ob wir eine typische einmalige Produktionsfunktion haben. Kurze Erläuterung:
Eine Produktionsfunktion heißt, wir haben auf der
einen Seite der Gleichung eine Menge von Faktoren.
Diese Faktoren sind: Personalmenge, Fachkraftquote,
Ausbildung, Dienstplangestaltung, Software, Konzepte,
Managementkonzepte, Teilhabebegleitungskonzepte,
Fahrdienst, Räume usw. Diese Faktoren stecken wir in
die Dienstleistungsproduktion, z. B. beim Sozialwerk
St. Georg. Und auf der anderen Seite haben wir ein
Ergebnis, z.B. Lebensqualität, von den Menschen mit
Behinderung, die sich auf das Sozialwerk St. Georg
eingelassen haben. Und jetzt tun wir so, wenn Sie sich
die Verhandlungen mit den Kostenträgern anschauen,
wir tun so, als ob es nur eine richtige Menge an Personal gibt. Eine richtige Fachkraftquote, so dass wir sagen, wenn die Fachkraftquote nicht 50 % ist, sondern
43 %: „Wir garantieren für nichts.“ Wir tun so, als
ob es nur eine richtige Menge von Badezimmern im
gemeinschaftlichen Wohnen gibt. Und so weiter und
so fort. Da würde man sagen, wir haben eine Produktionsfunktion, die nicht variabel ist. Die Alternative ist,
wir sagen: „Wir könnten bei dem Faktor was verändern, bei dem Faktor was verändern... “
Integrativität
Kommunikationspolitik
Prozessevidenz
Qualität
Erschwerte
Standardisierung
Synchronisation von
Angebot und Nachfrage
Erschwerte Konstanz im
Dienstleistungsergebnis
Heterogenität
Umtausch oder Rückgabe
nicht möglich
Fachtagung | Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen? Prof. Dr. Bernd Halfar
Management der
Dienstleistungsproduktion
Prof. Dr. Jos van Loon, Prof. Dr. James R. Thompson
Da gibt es zwei Begriffe: Der eine ist die Substitutionalität und der andere die Elastizität. Das heißt,
eigentlich haben wir eine andere Produktionsfunktion
– nämlich elastisch – was bedeuten würde: Wir wissen
es nicht genau. Niemand von uns weiß, welche
Veränderung auf die Lebensqualität die Veränderung
der Personalmenge in unseren Einrichtungen hat. Wir
vermuten, dass es da einen Zusammenhang gibt. Wir
kennen ihn jedoch nicht. Zum zweiten Begriff, der
Substitutionalität: Wir wissen nicht genau, ob wir den
einen Produktionsfaktor durch einen anderen ganz
oder teilweise ersetzen können. Und erst wenn wir
diese beiden Fragen wissenschaftlich untersucht haben, können wir sagen, ob es eine optimale, optimierte, effiziente Produktionsfunktion gibt.
Die Behindertenhilfe kämpft um die Verteidigung
der bisherigen Standards, ohne die bisherigen Standards wissenschaftlich begründen zu können. Diese
sind plausibel, aber nicht begründet.
So (s. Abb. 3) ungefähr würde man das Bild zeichnen können. Das heißt, wir haben Input-Faktoren
oben links, daraus entsteht eine Produktionsbereitschaft, eine Vorkombination. Wir haben dann eine
Endkombination und einen gewissen Output.
Input (I)
Vorkombination (VK)
Andersherum: Die Inputs sind ja bei uns der
Dienstleistungsanbieter, die Sozialarbeit und Heilpädagogik usw., und das, was die Klienten selber beitragen.
Das sind die beiden Inputs. Daraus entstehen drei
verschiedene Leistungstypen. Nämlich Leistungen,
die der Anbieter unabhängig erbringt, Leistungen, die
man mit dem Klienten zusammen erbringen muss,
und Leistungen, die der Kunde/Klient unabhängig
erbringt. Und ich bringe Ihnen dazu gleich ein Beispiel. Daraus entstehen eine Output-Menge und eine
Output-Qualität. Und dann, wenn wir das wüssten,
können wir die externe Effizienz und die Dienstleistungsproduktivität angucken. So ist der Gedanke in
diesem Modell.
Da gibt es eine Theoriegeschichte im Service-Management. Über die Produktivität von Dienstleistung
und dass die Qualität der Dienstleistung maßgeblich
von der Integration des Klienten abhängt. Ikea ist da
vorbildlich oder eine deutsche Tankstelle. Schauen Sie
sich z.B. Ikea an: Da machen Sie fast alles selber. Sie
fahren da hin, Sie suchen aus, Sie tragen es zur Kasse,
Sie bezahlen, Sie fahren es nach Hause, Sie bauen es
auf. Es fehlt nur noch der Schritt, wo Sie beim BillyRegal die Löcher selber in eine Birke bohren müssen.
Ansonsten machen Sie fast alles selber. Das Gleiche an
der Tankstelle, das Gleiche im Hotel. –
LeistungsBereitschaft
(LB)
Endkombination (EK)
Abb. 3
Produktivitätskonzept
Output (O)
Weitere interne
ProduktionsFaktoren (iPF)
Struktur und Produktivitätsermittlung aus
Produktionssicht der
Dienstleistung
(Quelle: Corsten 1994)
Externer
ProduktionsFaktor (ePF)
Produktivität der
Vorkombination
LB/IVK
Produktivität der
Endkombination
OEK
LB+Iipf+Iepf
Fachtagung | Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen? Prof. Dr. Bernd Halfar
13
Zwischen Glaskugel und fachlichem Controlling –
Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen?
Prof. Dr. Bernd Halfar,
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Und hier kommt quasi ein neuer Gedanke auf. Dass
die Dienstleistungsqualität sowohl einen quantitativen
als auch einen qualitativen Charakter hat und dass
dieser Charakter maßgeblich von der Integration des
Dienstleistungskunden beeinflusst wird. Denn der
Kunde hat verschiedene Funktionen.
Entweder die Dienstleistungen sind unabhängig
von der Mitwirkung des Kunden. Das sind Dienstleistungen wie der öffentliche Nahverkehr. Da brauchen
Sie die Mitwirkung des Kunden nicht. Oder der Kunde
wird bei der Dienstleistungserbringung eingebunden,
z.B. in Fast-Food-Restaurants oder in Hotels. Oder er
muss interaktiv bei der Qualität der Dienstleistung
mitwirken, z.B. in der Beratung, das ist wahrscheinlich bei Ihnen in der Sozialarbeit maßgeblich. Oder
die Kunden produzieren einen Teil der Dienstleistungsqualität selber.
Ich habe Ihnen eine Studie mitgebracht. Diese
bezieht sich auf die Untersuchung von 125 Wohngruppen von erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung in Baden-Württemberg. Diese wurden von uns
einige Wochen untersucht. Eine unserer Fragen war:
Wovon hängt die Lebensqualität der Menschen, die
dort wohnen, tatsächlich ab? Sie können sich vorstellen, dass wir statistisch alles probiert haben, was
möglich war, um ein Ergebnis zu bringen, was Ihnen
gefallen hätte.
Abb. 4
Einfluss des WG - Typus
(Schwerpunkt HBG 1–3
oder 4 + 5) auf die
Aktivitäten - Variation
Basis : n = 854 Bewohner, von denen 18 Tage
dokumentiert sind
(und aus Wohngruppen,
deren genaue HBG - Besetzung bekannt ist)
Niedrige
Aktivitätsvariation
Bewohner
mit HBG 1,2
oder 3
Bewohner
mit HBG 4
oder 5
14
WG mit
Schwerpunkt 4+5
WG mit
Schwerpunkt 1–3
WG mit
Schwerpunkt 4+5
WG mit
Schwerpunkt 1–3
18,4 %
Aber wir haben Folgendes herausgefunden: Die
Lebensqualität der Menschen hängt viel weniger, als
wir gedacht haben, von den Input-Faktoren, die sie
(Dienstleistungsunternehmen) verteidigen, ab. Das
heißt, die Personalqualität im Sinne der Fachkraftquote hatte überhaupt keinen Einfluss. Wir haben
auch keinen Zusammenhang gefunden zwischen der
Entgelthöhe und der Lebensqualität. Da gibt es auch
keinen Einfluss. Da kann man nur beten, dass kein
Kostenträger im Saal ist. Es gibt auch keinen Zusammenhang zwischen Konzepten und der Lebensqualität.
Ich kürze es ab: Es gibt einen wesentlichen Einfluss
der Zusammensetzung der Wohngruppe auf die
Lebensqualität von Menschen, die schwerstbehindert
sind.
Im sogenannten Metzler-Verfahren werden die
Hilfebedarfe von Menschen mit Behinderung in fünf
Hilfebedarfsgruppen abgebildet. Die Folien, die ich
Ihnen jetzt zeige, beziehen sich quasi auf die Menschen, die einen Hilfebedarf entsprechend der Gruppen vier oder fünf des Verfahrens haben.
Und wir haben hier (Abb. 4) eine erste Lebensqualitätsdefinition. Die würde in Ihre Modelle (der
Qualität des Lebens) auch hineinpassen. Nämlich die
sogenannte Aktivitätenvariation, d.h. die Anzahl der
unterschiedlichen Dinge, die Menschen in ihrem
Alltag machen. Vom Essen über das Einkaufen bis hin
zu Kulturaktivitäten, was auch immer.
Unteres
Mittelfeld
Oberes
Mittelfeld
40,8 %
6,8 % n = 103
34,0 %
37,0 %
13,8 %
Hohe
Aktivitätsvariation
8,2 % n = 376
41,0 %
3,2 %
33,2 %
28,4%
42,1 %
26,3 %
Fachtagung | Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen? Prof. Dr. Bernd Halfar
21,4 %
37,9 %
n = 280
7,4 % n = 95
tionsfaktor, den wir kurioser Weise nicht verhandeln.
Das heißt, wir beachten diesen Faktor möglicherweise, er geht aber nicht in unser ökonomisches Controlling-Denken ein, so dass wir sagen, dort hätten wir
erhebliche Hebel zur Erhöhung der Wirksamkeit und
der Lebensqualität.
Und bei der Aktivitätenvariation stellen wir fest:
Die Lebensqualität der Menschen, die schwerstbehindert sind, hängt maßgeblich von der Zusammensetzung der Wohngruppe ab. Die (untersuchten
Wohngruppen) haben alle die gleiche Fachkraftquote,
alle die gleiche Personalquote. Dahinter stehen die
entsprechenden Entgelte, das ist ja klar.
Aber: Ob es dem Menschen richtig gut geht, ob er
viele Aktivitätenvariationen hat, hängt davon ab, ob
er mit jemandem zusammen ist, der etwas weniger
behindert ist, als er selber.
Dazu gibt es ja auch Theorien, z.B. von den
Marx Brothers wo der Groucho Marx gesagt hat: „Ich
würde nie in einen Verein eintreten wollen, der mich
aufnimmt.“
Dahinter steckt seine Überlegung: „Wenn mich
ein Verein gerne aufnehmen würde, dann bedeutet es
doch, dass der Beitrag, den ich bezahle, höher ist als
die Menge, die ich von diesem Verein bekomme.“
Das heißt, die Klienten selber sind Produzenten
der Dienstleistung, auch für andere. Und man könnte
fast darüber nachdenken, ob man Menschen mit
einer leichten Behinderung nicht bezahlen müsste als
Koproduzenten für die Menschen mit einer schweren
Behinderung.
Eine nächste Folie (Abb. 5): Bezieht sich jetzt auf
die Anzahl der Aktivitäten. Wie viele Aktivitäten des
Alltags usw. haben die Menschen in dem beobachteten Zeitraum durchgeführt? Und hier stellen Sie das
Gleiche fest: Gerade die Lebensqualität der Menschen,
die leicht behindert sind, das ist die obere Darstellung,
die hängt davon ab, dass wenig Schwerbehinderte da
sind. Und die Lebensqualität der Schwerstbehinderten
hängt davon ab, dass möglichst viele Leichtbehinderte
da sind. Das heißt, die Mischung der Wohngruppe
nach Hilfebedarfsgraden ist ein wesentlicher Produk-
Niedrige
Aktivitätsvariation
WG mit
Bewohner Schwerpunkt 4+5
mit HBG 1, 2
WG mit
oder 3
Schwerpunkt 1–3
Bewohner
mit HBG 4
oder 5
Unteres
Mittelfeld
21,4 %
Oberes
Mittelfeld
40,8 %
Abb. 5
Einfluss des WG - Typus
(Schwerpunkt HBG 1–3
oder 4 + 5) auf die
Aktivitäten - Variation
Hohe
Aktivitätsvariation
30,1 %
7,8 % n = 103
5,6 %
35,9 %
45,5 %
13,0 %
n = 376
Basis : n = 854 Bewohner, von denen 18 Tage
dokumentiert sind
(und aus Wohngruppen,
deren genaue HBG - Besetzung bekannt ist)
5,0 %
WG mit
Schwerpunkt 4+5
WG mit
Schwerpunkt 1–3
Und genau dieses Problem stellt sich für mich in
der Behindertenhilfe dann dar - beim Wohnen insbesondere - wenn die Wahlmöglichkeiten des einzelnen
Menschen - die Wahlmöglichkeiten und Optionen des
einzelnen Menschen, die wir ja begrüßen - natürlich
dazu führen, dass die Menschen mit Schwerstbehinderungen – Hilfebedarfsgruppe vier und fünf – überhaupt
nicht wählen können. Deren Lieblingskonstellation
wäre ja mit Menschen zusammen zu wohnen, die
weniger behindert sind, weil dann ihre Lebensqualität
positiv beeinflusst wird.
34,3 %
11,6 %
34,3 %
36,8 %
26,4 %
36,8 %
n = 280
14,7 %
n = 95
Fachtagung | Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen? Prof. Dr. Bernd Halfar
15
Zwischen Glaskugel und fachlichem Controlling –
Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen?
Prof. Dr. Bernd Halfar,
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Doch die Wahlmöglichkeit des Menschen mit
einer leichten Behinderung würde wahrscheinlich
nicht den Menschen treffen, der schwerst- und extrem
schwerstbehindert ist.
Gut, die nächste Folie hat so eine ähnliche Aussagekraft. Daher gehe ich mal ein Stück weiter.
Was wir beobachten müssen, und ich bin auch
froh, dass das Sozialwerk St. Georg in die Richtung
denkt: Der Qualitätsbegriff muss den Leuten weggenommen werden, die zur deutschen Kontrollindustrie gehören. Das ist ja eine deutsche Spezialität,
dass wir alles kontrollieren wollen und auch in der
Lage sind, von früh bis abends alles zu kontrollieren.
Der Qualitätsbegriff muss den Menschen zurückgegeben werden, die quasi unsere Klienten sind und
deren Wahrnehmung von Lebensqualität uns treiben
muss. Das heißt, Inklusion, Lebensqualität dürfte sich
maßgeblich dadurch herstellen lassen, indem wir
die Klienten in die Produktion der Dienstleistungsprozesse selber mehr, genau in dem richtigen Maße,
einbeziehen. Die Integration in Dienstleistungsprozesse ist die Voraussetzung für Dienstleistungsqualität,
bedeutet aber auch, dass man manchmal die Zähne
zusammenbeißen muss.
Wenn Sie das ernst nehmen würden, dass unsere
Klienten unsere Dienstplanungsprozesse maßgeblich
steuern, dann würden die auch unsere Dienstpläne
bestimmen. Das wäre für die Lebensqualität des einzelnen Menschen ideal. Dass er über Knopfdruck oder
Touchscreen sagt: „Meine Lieblingsvorstellung für
Sonntagnachmittag ist, mit dem und dem Mitarbeiter
zu Schalke 04 zu gehen.“ Morgen nicht, da verlieren
sie gegen Nürnberg – 2:0 –, aber bei anderen Spielen
ging’s wieder.
Und wenn wir dann prüfen, ob wir die Lebensqualität so extrem meinen, dass der andere über
uns als Dienstleister maßgeblich bestimmen kann – da
ist die Frage, wie viel und in welchem Umfang – dann
kann es einem auch schummerig vor den Augen
werden, was damit gemeint ist. Aber letztlich geht’s
darum, Optionen auf die Dienstleistungsprozesse
selber zu ermöglichen. Der Produktivitätsbegriff
verschränkt Wirkung und die Herstellung von
Qualität und Wirkung.
16
Das war die gute Nachricht.
Die schlechte Nachricht ist: Letztlich, wenn wir
ehrlich sind, bedeutet doch Behinderung Effizienzverlust. Also, wenn Sie einen Menschen mit Behinderungen haben, Sehbehinderungen, irgendeine
Behinderung oder eine Spastik, und Sie stehen hinter
ihm am Bahnkartenautomaten, dann kann das dauern.
Menschen, die eine Behinderung haben, sind auch
vielleicht in der Schule, wenn sie eine Lernbehinderung haben, nicht so ganz auf Zack, wenn es darum
geht, Produktionsfunktionen auszurechnen. Das heißt,
es dauert etwas länger, es wird etwas schwieriger.
Und insofern ist es ehrlich zu sagen:
Die Integration von Menschen mit Behinderungen in Dienstleistungsprozesse bedeutet Effizienzverluste auf Seiten der Dienstleistungsprozesse.
Es wird langsamer, es wird schwieriger, auch den
Dienstplan mache ich ohne behinderte Menschen
besser und schneller, nicht besser, aber schneller, als
wenn ich diese einbeziehe. Insofern müsste man
sagen: Wie viel Effizienzverlust leisten wir uns und
wollen wir uns leisten? Es ist der Mann in der
Telefonzentrale, der einen Hörschaden hat, den wir
dort einsetzen. Es ist der Mensch, der demenziell
erkrankt ist und Kartoffeln schält. Es dauert. So eine
Kartoffel kann 1–2 Stunden dauern und das Telefonat
kann auch schwierig laufen. Wir tun es trotzdem.
Da kommt vielleicht ein Zitat von dem Formel1-Fahrer Sir Stirling Moss zur rechten Zeit, welche
Logik wir haben: „Wenn Gott gewollt hätte, das wir
zu Fuß gehen, warum hat er uns dann Füße wachsen
lassen, die genau auf ein Gaspedal passen?“ Das heißt,
wir haben die Produktionsabläufe, die wir haben und
internalisiert haben. Wir glauben, dass das so normal
ist, wie wir es tun.
Und natürlich auch ... Das ist ein wunderbares
Zitat: „Wenn du das Gefühl hast, dass du deinen
Wagen unter Kontrolle hast, dann bist du nicht schnell
genug.“ Das bedeutet: Wenn wir in der Behindertenhilfe das Gefühl haben, inklusiv stimmt alles, wir
haben die Prozesse im Griff usw., dann könnte man
noch ein bisschen was dazugeben, was ausprobieren,
was neu machen, was innovativer machen, damit das
Risiko steigt, aber möglicherweise die Lebensqualität
für die Menschen mit Behinderungen ...
Fachtagung | Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen? Prof. Dr. Bernd Halfar
Die akzeptablen Effizienzverluste
in Christlichen Dienstleistungsunternehmen entstehen durch
die Nächstenliebe.
Jetzt kommt der benediktinische Teil, und das
bedeutet, die Effizienzverluste, die wir als christliche
Dienstleistungsunternehmen haben, weil wir den
anderen Rechte und Möglichkeiten einräumen und
Optionen geben, uns mitzubestimmen, diese Effizienzverluste würde man christliche Nächstenliebe nennen
können. Das entsteht nicht aus einer ökonomischen
Sicht, sondern das entsteht aus einer prinzipiellen
Haltung, dass es auf den anderen ankommt. Also,
christliche Dienstleistungsunternehmen akzeptieren
Effizienzverluste, wo in anderen Unternehmen der
Controller sagen würde: „Ich habe eine Idee, wir
können effizienter werden.“
Im christlichen Bereich könnte man sagen, dass
wir als Controller diese Effizienzverluste kennen. Es
wird alles langsamer, teurer, die Teilhabebegleitung
kostet ein Wahnsinnsgeld, die Leute fahren runter,
wir müssen mit ihnen dreistündige Interviews führen.
Wie ist denn der Gewinn von einem dreistündigen
Interview? Das weiß ich nicht von vorneherein. Das
heißt, wir leisten uns etwas und müssen das natürlich
aus Controlling-Sicht begründen, damit wir die akzeptierten Effizienzverluste und die nicht akzeptablen
Effizienzverluste auseinanderhalten können.
Also, wenn Mitarbeiter mehrstündige Kaffeepausen machen, würde ich sagen, das ist ein nicht akzeptabler Effizienzverlust, und wenn solche Verfahren,
wie sie nachher dargestellt werden, lebensqualitätsorientierte Verfahren, gemacht werden, ist es möglicherweise akzeptabel, dort Zeit zu investieren. Liebe
deinen Nächsten wie dich selbst, das ist ja bekannt.
Aber wenn wir uns ansehen, dann ist die Zusatzfrage:
Wie geht es denn dem Nächsten? Also auch hier die
Frage, ob wir von der Dienstleistungsorientierung her,
von der Orientierung auf den anderen Menschen, von
vorneherein die Perspektive des anderen annehmen,
die damit verbundenen Effizienzverluste im Controlling benennen, monetarisieren, den Euro-Wert ausweisen, und die Frage, uns selber oder jemand anderes
in Rechnung stellen. Wir müssten quasi über eine
Prozesskostenrechnung oder Kostenträgerrechnung
ermitteln, in welchem Ausmaß uns die Integration der
behinderten Menschen in die Dienstleistungsprozesse
was wert ist. Was kostet das, welche Qualitätseffekte
bekommen wir dadurch und können wir es bezahlen,
vor allem aber auch, wollen wir es bezahlen?
In der Volkswirtschaftslehre gibt es den Begriff
der X-Effizienz, den will ich nur kurz als Fußnote
erläutern. Die X-Effizienz tritt in den Bereichen in
Unternehmen auf, die vom Markt ausgeschlossen
werden. Das heißt, wir haben immer wieder Bereiche
im öffentlichen, aber auch im privatwirtschaftlichen
Bereich, wo wir sagen, wir wollen diesen Bereich
nicht in der Marktkonkurrenz haben. Der Markt ist
hier nicht die richtige Allokationsform und dann
bilden sich geschützte Bereiche. Und zu diesen gehört
maßgeblich auch die Sozialarbeit, aber natürlich auch
die Politik usw. – In diesen Bereichen bildet sich
eine gewisse Ineffizienz aus. Diese Ineffizienz, die
irgendwann mal gewollt und politisch begründbar
war, bekommt ein Eigenleben. Man muss sie wieder
verteidigen. Und dieses Verteidigen macht man dadurch, indem man die Politik beeinflusst. Indem man
Kongresse aller Art macht, und Tagungen und Symposien, um X-Effizienz zu verteidigen. Dazu nimmt man
Geldmittel und macht solche Beeinflussungsstrategien.
In der Theorie nennt man das „Rent-Seeking-Costs“,
d. h., die Kosten gehen aus der Dienstleistungsproduktion raus und wandern in die Politikbeeinflussung.
Und auch hier gibt es die Frage, ob wir das Ausmaß kennen und ob wir es verantworten können.
Also, der Produktionsfaktor Liebe, das ist jetzt so
ein bisschen ein schwülstiger Begriff, aber … Es gibt
in Bayern eine Einrichtung für alkoholkranke Männer.
Da sind so ein charismatischer Geschäftsführer und
ein charismatischer stellvertretender Geschäftsführer
und lauter charismatische Abteilungsleiter, und die
sind höchstproduktiv. Also, die haben eine geringe
Rückfallquote usw., die können sich wirklich sehen
lassen mit ihrem Konzept. Die behaupten, dass der
zentrale Wirkfaktor ihrer Dienstleistung die Liebe sei.
Das heißt, die sagen: „Wenn mein Herz das Herz des
anderen, des Klienten, nicht erreicht, kann ich gleich
aufhören, oder ich habe eine andere Wirksamkeit.“
Fachtagung | Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen? Prof. Dr. Bernd Halfar
17
Zwischen Glaskugel und fachlichem Controlling –
Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen?
Prof. Dr. Bernd Halfar,
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Tom Hegermann (Moderator)
Hier ist wirklich die Frage, ob wir als Sozialwerk
St. Georg in einem christlichen Hintergrund, einen
Produktionsfaktor in unsere Produktionsfaktoren aufnehmen müssten, den wir natürlich schlecht verhandeln können. Zumindest nicht mit dem Landschaftsverband. Der auch schlecht operationalisierbar ist,
aber der möglicherweise höchst produktiv ist, nämlich
die Liebe zum anderen Menschen, die dann vieles
ermöglicht. Ob man daraus ein Schulungsprogramm
macht, ich wage es zu bezweifeln, oder wie das auch
immer geht. Aber hier haben wir etwas, was dann
letztlich bei der Qualitätsmessung ausschlagen müsste.
Ich hoffe, dass die Controlling-Gedanken einigermaßen für Sie nachvollziehbar waren. Und ich habe
versucht, die Diskussion in die Richtung zu lenken,
dass wir sagen: Ob wir eine Wirkung haben, wissen
wir im Moment nicht, weil wir die einzelnen Produktionsfaktoren zu wenig in ihrer Elastizität auf das
Ergebnis kennen. Wir wissen auch nicht, ob das, was
Lebensqualität ist, die wir zugegeben messen können,
ob das durch uns hergestellt wird und, wenn ja, in
welchem Verhältnis zu den Faktoren.
Das würde im Moment so eine Black-Box-Betrachtung
nach sich ziehen: Wir tun was, wir tun viel Gutes,
und wir haben irgendwelche Ergebnisse, wir wissen
nur nicht, ob da ein Zusammenhang ist.
Dieser Zusammenhang wäre aber aus Sicht des
fachlichen Controllings der eigentlich entscheidende.
Hier zu analysieren und zu forschen, um diese Zusammenhänge zu beleuchten. Und da braucht man wahrscheinlich eine innere Haltung, die alles offenlegt.
Also, die nichts verteidigt, an Input-Faktoren, die wir
im Moment verteidigen, sondern alles noch einmal
cool anschauen lässt, ob es denn tatsächlich so ist, wie
wir vermuten. Oder ob es empirische Hinweise gibt,
dass es auch anders wirksam sein kann.
Deswegen ist es dann auch immer gut, ins Ausland zu schauen und ausländische Erfahrungen
kennenzulernen. Die Lebensqualität der Menschen
dort mit Behinderung zu betrachten, die vielleicht
unter völlig anderen Bedingungen der Herstellung
leben, und daraus zu lernen. Und deswegen haben
wir ja viele Ausländer heute hier.
| Tom Hegermann:
Ganz herzlichen Dank, Herr Professor Halfar. Ich
freue mich, dass Ihre Stimme gehalten hat, und ich
hoffe nicht, dass Sie medizinisch die nächsten drei
Tage unter diesem Vortrag zu leiden haben. Das wünsche ich Ihnen wirklich von Herzen.
Ich habe es Ihnen gesagt: Es soll nach jedem Vortrag die Gelegenheit bestehen, Nachfragen zu tätigen,
Anmerkungen zu machen. Ich würde vorschlagen,
dass ich mit zwei, drei Fragen beginne, sozusagen um
das Eis zu brechen. Und dann bin ich gespannt auf
Ihre Fragen und Ihre Beteiligung an dieser Diskussion.
Lassen Sie mich, Herr Halfar, noch einmal zu dem
Titel Ihres Vortrages zurückkommen, der ja hieß
„Zwischen Glaskugel und fachlichem Controlling“.
Wie ist Ihre Einschätzung? Wie oft kommt noch die
Glaskugel zum Einsatz und wie oft inzwischen das
fachliche Controlling?
| Prof. Dr. Bernd Halfar:
Also, der Blick, der in die Glaskugel geworfen
wird, der ist von beiden Seiten im Moment ethisch
getrübt. Das heißt, sowohl die Sozialpolitik vermutet
manche Zusammenhänge als auch der Leistungserbringer. Und diese ethische Trübung, diese moralische
Eintrübung, hat in Deutschland eine gewisse Überhand genommen. Wir reden nur noch über ordentlich
saubere Begriffe. Wenn der eine in die Glaskugel
guckt, getrübt, fieberkrank, und dann noch die Worte
Nachhaltigkeit, Inklusion, Gender und Netzwerk
rausbringt, dann wird er anerkannt, dann ist der Blick
heiliggesprochen. Diese Nüchternheit zu gucken, im
Sinne des fachlichen Controllings „Was wirkt wirklich? Probieren wir es mal aus, ob es nicht anders
geht“, wird im Prinzip bei uns sofort ethisch bombardiert. Wenn Sie sagen, Sie machen eine IT-unterstützte
Betreuung in Ihrem ambulanten Wohn-Programm,
kriegen Sie sofort die Antwort: „Das ist ethisch
schwierig.“
Vielen Dank!
18
Fachtagung | Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen? Prof. Dr. Bernd Halfar
| Tom Hegermann:
In diesem Zusammenhang vielleicht ein kleines Bonmot von Niklas Luhmann, das fällt mir immer ein, der
sagt: „Bei der Wirtschafts- und Sozialethik verhält es
sich so ähnlich wie bei der englischen Küche: Sie tritt
in der Form eines Geheimnisses auf, um zu verschleiern, dass es sie in Wirklichkeit gar nicht gibt.“ Hier,
glaube ich, ist die Glaskugel ein dominantes Medium:
Wir glauben, dass es so ist, wir wollen es glauben, wir
verhandeln und schieben dann ungefähr 40 Mrd. Euro
hinterher. Das sind die Ausgaben für die Behindertenhilfe.
Netterweise ist die Präsentation nicht ganz
synchron gelaufen, dadurch steht diese eine Folie
noch da, auf der steht: „Der Produktionsfaktor Liebe
entsteht auf der Input-Seite als Effizienzverlust und
wird zum Qualitätsmerkmal.“ Das heißt ja, dass die
persönliche Leistung des Mitarbeiters, das persönliche
Engagement, das Einbringen seiner eigenen Persönlichkeit und vielleicht am Ende auch Liebe, ganz
entscheidend sind für die Qualität von Arbeit. Aber
wie messe ich das?
| Tom Hegermann:
| Prof. Dr. Bernd Halfar
Aber sind Sie nicht immer da, wo Sie fachliches
Controlling machen wollen, damit konfrontiert, dass
sowohl die Mitarbeiter als auch die Klienten die Sorge
haben, da werde jetzt nicht irgendein abstrakter
Prozess gemessen, sondern im Grunde genommen sie.
Mit ihrer Qualität, mit ihrer Persönlichkeit. Das ist
ja eine schwierige Geschichte, denen das zu erklären
und damit umzugehen. Wie kann man damit umgehen?
Also, ich würde da vorschlagen: Wir messen es an
der Wirkung. Wir messen es an der Lebensqualität des
Menschen und nicht an den Herstellungsbedingungen,
an Inklusionskonzepten oder so. Es gibt hier bei der
Liebe noch einen Faktor, der ist nebenbei unter den
Tisch gefallen. Um es ganz katholisch zu sagen: Es
kommt ja auch darauf an, dass der andere Mensch, der
Mensch mit Behinderung, auferstehungsfähig wird.
Das heißt, ein wesentliches Qualitätsmerkmal besteht
darin, dass der andere Mensch aufblühen kann. Dass
er als Mensch seine Potenziale ausschöpft usw. Also,
man würde jetzt als Mensch Auferstehungsfähigkeit
als hohen Begriff nehmen. So was entzieht sich
natürlich dann der empirischen Betrachtung. Aber
es gibt schon Hinweise darüber, dass man auch gut
sterben kann. Dass man gut leben kann, dass man ein
Selbstwertgefühl hat. Wir sagen dann, das ist zwar ein
furchtbarer Begriff, aber mir gefällt er trotzdem. Wir
sagen Produzentenstolz dazu. Ich würde nie Mitarbeiterzufriedenheit messen, wenn ich es vermeiden
kann. Sondern die Mitarbeiter und die Menschen,
auch die Klienten, messen: Wie stolz sind sie? Stolz
auf sich selber, stolz auf die anderen, auf ihre Kollegen, Stolz auf die Firma, auf das Produkt, in der
Werkstatt oder wie auch immer. Und dieser Produzentenstolz ist für mich die richtige Kategorie, um auch
solche Faktoren abzubilden.
| Prof. Dr. Bernd Halfar
Es ist ja auch so: Es gibt natürlich eine Sorge, dass
ich als professioneller Mitarbeiter, bei einer Ineffizienz erwischt werde. Aber genau das ist der Fall. Das
heißt, in der Studie, die ich kurz angedeutet habe, aus
Baden-Württemberg, da haben wir auch eine andere
Perspektive eingenommen und haben gesagt: „Wir
betrachten mal die Wohngruppen und Wohneinheiten,
die besonders tolle Ergebnisse haben.“ Und was
finden wir da, als einzig erklärenden Faktor? Natürlich
die Zusammensetzung, aber wir finden tolle Mitarbeiter. Aber die tollen Mitarbeiter haben die gleiche
Qualifikation, den gleichen Studien-Abschluss wie
die nicht tollen Mitarbeiter. Wenn Sie eine/n richtig
guten Mitarbeiter/Mitarbeiterin haben, haben Sie
eine Produktivkraft. Und deswegen ist das Controlling
wahrscheinlich auch gut geeignet, ohne unmenschlich
zu werden, diese unterschiedlichen Effektivitätsgrade
bei uns aufzudecken.
Fachtagung | Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen? Prof. Dr. Bernd Halfar
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Zwischen Glaskugel und fachlichem Controlling –
Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen?
Prof. Dr. Bernd Halfar,
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Tom Hegermann (Moderator)
| Tom Hegermann:
Das mit der Auferstehungsfähigkeit hat mir gut
gefallen. Also sozusagen die Hölle als Drohkulisse im
betriebswirtschaftlichen Controlling-Prozess.
| Prof. Dr. Bernd Halfar
Ja, genau so habe ich es gemeint.
| Tom Hegermann:
Jetzt habe ich mich mehrfach vorgedrängt, meine
Damen und Herren. Jetzt sind Sie dran mit Ihren
Fragen, mit Ihren Anmerkungen. Ich bitte darum. Ich
komme gerne zu Ihnen. Und wo ich es nicht schaffe,
stehen auch noch Mikrofone. Ja, ich weiß, das ist
erst mal die ganz schwierige Stelle, wo sich zunächst
mal keiner traut und wo der Moderator immer ganz
ratlos ist und sich fragt: „Habe ich bis hierher alles
falsch gemacht oder habe ich im Gegenteil bis hierhin
alles richtig gemacht?“ Sicherheitshalber nehme ich
natürlich immer die zweite Variante an. Also, Sie
wollen noch nicht? Aber nicht, dass sich gleich einer
beschwert. Die Chance hatten Sie. Ich komme gleich
wieder zu Ihnen.
Dann reden wir zunächst weiter,
Herr Prof. Halfar. Dieses Messen, wie viel Arbeit
macht das eigentlich?
| Prof. Dr. Bernd Halfar
Also, ich will jetzt dem Vortrag von Ihnen, Herr
Prof. Jos van Loon, nicht vorgreifen. Ich habe den
Eindruck, die Gegenargumente gegen das Messen –
es ist zu aufwendig, es ist methodisch nicht valide,
nicht reliabel – die haben einen anderen Hintergrund.
Da kommt keine methodische Sorge zum Vorschein,
sondern die Sorge, erwischt zu werden, transparent
zu werden und lernen zu können. Die Frage, wie
man misst und was man misst: Da gibt es verschiedene Verfahren. Eins werden wir heute in aller Ruhe
kennenlernen. Aber wir machen es ja pausenlos.
Wir machen ja Wirkungsmessungen, die mit wenig
Aufwand verbunden sind. Insbesondere gibt es in der
Sozialarbeit eine Kategorie, die häufig vergessen wird,
die man aber gut messen kann. Nämlich die vermiedenen Kosten durch Sozialarbeit. Wir berechnen immer
die Kosten, schämen uns dann fünf Minuten, dass wir
20
so teuer sind. Aber es gibt ja die Kategorie der vermiedenen Kosten. Das heißt, wo wären unsere Klienten,
wenn sie nicht in dieser Einrichtung wären? Dann
wären sie woanders. Mit welcher Wahrscheinlichkeit
wären sie wohl da und was würde das den Sozialstaat
kosten? Das wäre jetzt eine ökonomische Wirkung. Es
gibt Opportunitätsgewinne. Dann sagen wir dazu, das
sind diejenigen Möglichkeiten, Erwerbseinkommen
zu erzielen, weil es soziale Einrichtungen gibt. Es
sind die Angehörigen in der Regel, die Eltern, usw.
Das heißt, wir haben manche Wirkung, die wir relativ
rasch und einfach benennen können. Ich habe den
Eindruck, dass dieses System, was wir heute vorgestellt bekommen, erstens funktioniert. Das wir den
Aufwand vielleicht noch senken können, wenn wir es
richtig eingeübt und routiniert haben. Die Problematik
entsteht dann auf der nächsten Seite: Wird der Kostenträger, wird die Politik diese Lebensqualitätspunkte,
die dann entstehen, akzeptieren? Also, bekommen wir
eine Controlling-Coolness in der Sozialarbeit? Dass
wir sagen: „Wir messen die Qualität und dann gibt
es eben viel, weniger oder wenig. Und wenn diese
Messung okay ist, dann richten wir uns auch in der
Finanzierung, in der Unterstützung danach und tragen
es mit.“ Oder, kommt dann ein Messergebnis, wo
alle Leute sagen: „Das ist okay.“ Und die andere Seite
sagt: „Das mag okay sein, aber wir zahlen es trotzdem
nicht.“ Und die Argumente, die kommen, könnten
dann sein, und jetzt machen wir es mal ganz schlimm:
„Ihr bekommt deswegen diese Punkte nicht groß anerkannt, weil ihr nicht inklusiv seid.“ Und das, glaube
ich, führt uns dann auch zu der Diskussion, dass wir
sagen: „Wie kann das sein, dass wir Menschen haben,
die mit sich zufrieden sind, die mit ihrem Einkommen
zufrieden sind, die mit … Ja, die eine hohe Lebensqualität haben?“ Aber dann bei dem Modul Inklusion
sagen: „Ich bin nicht inkludiert.“ Das könnte ein
Fallstrick sein. Wenn wir sagen: „Wir produzieren
tatsächlich hohe Lebensqualität ...“
Fachtagung | Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen? Prof. Dr. Bernd Halfar
| Tom Hegermann:
Hier war irgendwo eine Frage. Habe ich das
richtig gesehen?
Viele kennen sich untereinander, aber es wäre
nett, wenn Sie sich jeweils mit einem Satz vorstellen ...
Ich halte Ihnen das Mikrofon.
Gast: Ich bin Frau Kalyvas, Einrichtungsleitung
vom Wohnverbund Siegen.
Mich interessiert bei dem Wort Liebe: Wir führen
unsere Mitarbeiter in der Haltung zu den Klienten
immer auf eine professionelle Haltung in Bezug auf
das richtige Verhältnis zwischen Distanz und Nähe.
Mich würde interessieren, wie Sie das Wort Liebe da
mit reinbauen?
| Prof. Dr. Bernd Halfar
Da bin ich jetzt richtig überfragt. Ich verstehe die
professionelle Haltung. Die hat für mich eine methodische Seite. Und die nicht methodische Seite würde
eher das Wort Liebe abdecken. Dass man sagt: „Ich
muss ihn einfach mögen, den Menschen, der bei jedem Frühstück durchdreht und alles umschüttet, usw.
Ich muss ihn mögen.“ Das ist aber so leicht dahergesagt. Weil wir ja alle genügend Menschen kennen,
die wir nicht mögen. In der Regel sind es Kollegen.
Aber natürlich auch andere Menschen. Ich träume jetzt auch sicher nicht von sozialen Einrichtungen,
die so liebegetrieben sind, dass die Professionalität
zu Grunde gerichtet wird. Hatten wir ja auch. Und
trotzdem würden die Patienten eines franziskanischen
Krankenhauses sagen: „Das Wichtigste für uns war
die Liebe von den Franziskanern.“ Bei der Beurteilung
von dem Krankenhaus, wenn die erzählen. Ich will
es Ihnen vielleicht an einem Punkt vom Dienstleistungsmanagement klarmachen: Das entscheidende
Merkmal im Dienstleistungsmanagement sind die
Punkte, wo der Klient und der Dienstleister aufeinandertreffen. Die nennt man Touch-Points. Und dort gilt
es, die richtige Konfiguration zu finden: Was macht
der Klient, was mache ich, wie macht er mit? Fürs
Qualitätsmanagement entscheidend ist, an welchen
Punkten lobt der Klient, der Patient, der Kunde den
Dienstleister? Das nennt man Lob-Management.
An den Punkten, die für den anderen Menschen
wichtig sind, wo er bereit ist, zu loben, das sind in der
Regel nicht die Punkte, wo der andere qualitativ professionell handelt, sondern wo er menschlich handelt.
An den Punkten würde ich das Qualitätsmanagement
ansetzen, weil dort ein christliches Menschenbild
und ein Servicemanagement verschmelzen. Nämlich,
wenn der Mensch bereit ist, zu loben, und wenn er
loben will, dann erzählt er dies auch weiter. Das sind
die wahrgenommenen Aspekte der Dienstleistungsqualität. Und was er weiter erzählt, macht ihn, sagt
man in der Theorie, zum Apostel. Verkünder der
frohen Botschaft: „Dort war es gut.“ Und wenn Sie
unsere Einrichtung angucken, dann wird in der Regel
nicht Professionalität gelobt, sondern irgendwas anderes. Eine Menschlichkeit, eine Mitmenschlichkeit.
Und die ist das eigentliche Qualitätsmerkmal. Und, ich
befürchte, die überlagert auch im positiven Sinne die
Professionalität.
| Tom Hegermann:
Herzlichen Dank, Herr Professor Halfar. Wenn
keine Nachfragen mehr sind, dann danke ich Ihnen
recht herzlich. Wir werden viele Punkte, die Sie angesprochen haben, sicherlich heute Nachmittag noch in
die Diskussion aufnehmen.
Danke schön!
Fachtagung | Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen? Prof. Dr. Bernd Halfar
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Prof. (em.) Dr. Robert Schalock, Hastings College in Nebraska, USA
Quality of Life – Creating Value
through Innovation
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Quality of Life –
Creating Value through Innovation
Prof. (em.) Dr. Robert Schalock,
Hastings College in Nebraska, USA
Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
So, meine Damen und Herren, jetzt werden in
dem nächsten Teil die meisten von uns ihre Kopfhörer
gebrauchen, denn jetzt geht es gleich auf Englisch
weiter. Nun, wir reden heute und insgesamt in Ihrem
Arbeitsbereich ja auch über Hilfeangebote. Sehen Sie
bitte den Kopfhörer und die angebotenen Simultandolmetscher als Hilfeangebot und nutzen Sie das Ganze.
Das also vorab.
Bei alledem, meine Damen, meine Herren, was
wir tun, was Sie tun, geht es im Kern um die sogenannte Qualität des Lebens. Das ist zunächst einmal
eine Floskel. Mehr nicht. Zunächst einmal. Aber dieses „zunächst einmal“ ist im Grunde genommen lange
her. Denn inzwischen wird seit Mitte der 80er Jahre
daran gearbeitet, aus dieser simplen Formulierung ein
komplettes Konzept zu machen. Zu definieren, was
denn bitte schön die Qualität eines Lebens ausmacht.
Was alles dazu beiträgt, wie wir diese Komponenten
überprüfbar machen können. Wie wir aus der Theorie
eine Praxis machen können, ja, sogar eine Methode
des Managements. Derjenige, der in all den Jahren
diesen Prozess in ganz besondere Weise vorangetrieben hat, ist auch derjenige, der diesen Begriff geprägt
hat. Der Qualität des Lebens – der Quality of Life.
Wir freuen uns ganz besonders, dass er heute
bei uns ist. Robert Schalock war viele Jahre Professor
und Share am Department of Psychology am Hastings
College in Nebraska, in den USA. Er ist Präsident vom
Bob Schalock and Associates Planning and Evaluation.
Qualität des Lebens – wie man Wert durch Wandel
erzeugen kann. „Creating Value through Innovation“.
Das ist jetzt sein Thema.
Herzlich willkommen, Prof. Schalock. Wir freuen
uns sehr, dass Sie heute hier sind. Die Bühne gehört
ganz Ihnen. Welcome!
| Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
Guten Tag, meine Herren und Damen,
wie geht es Ihnen? Wissen Sie, es ist ein großartiger
Tag, um lebendig zu sein. Haben Sie je darüber nachgedacht und daran, wie viel Glück jeder von uns hat,
hier zu sein, in diesem sehr faszinierenden Gebäude,
welches eine unglaubliche Geschichte hat. Wirklich
einmal zu überdenken, was es heißt, ein Leben mit
Qualität zu haben.
Meine Ehefrau Sue und ich würden gerne unsere
Dankbarkeit zeigen. Den Klienten, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Sozialwerks St. Georg, die
uns ihre riesige Gastfreundschaft gezeigt und uns auf
so viele liebe Weisen willkommen geheißen haben.
Die so hart gearbeitet haben, um aus dem heutigen
Tag einen Erfolg zu machen, und es wird ein Erfolg
werden. Aber auch dafür, die Vision zu haben, die
uns alle hergebracht hat, zu dieser Session.
Jedem von Ihnen sagen wir: Danke!
Heute ist es mein Job und meine Intention, Ihr
Denken für die kommenden 45 Minuten darauf zu
fokussieren, wie Sie Werte erschaffen können durch
Innovation.
Meine Hoffnung ist es, Ihnen zu helfen, durch
diesen Prozess zu denken, Sie mit einem stabilen
Fundament zu versorgen, das Quality of Life-Konzept
besser zu verstehen. Was es wirklich bedeutet, und
zwar nicht nur für Menschen mit Behinderung,
sondern auch für Sie und mich. Und auch um besser
zu verstehen, was wir mit Change Management
meinen. Letztlich aber auch, um die Veränderung im
Bewusstsein zu verstehen.
Ich würde gerne mit diesen beiden Zitaten
meines Lieblings-Poeten Goethe beginnen:
„Alles hat drei Seiten. Eine, die Sie sehen können,
eine, die ich sehen kann, und eine, die wir hoffentlich
beide gemeinsam erkennen können, die wir in diesem
Moment noch nicht sehen.“ Ich denke, das ist die
Zukunft. Was wir noch nicht sehen können, ist, wie
diese Zukunft vielleicht aussehen wird. Ich hoffe, dass
wir heute jedem von Ihnen einen Einblick verschaffen können, wie diese Zukunft aussehen könnte.
Denn wie der spanische Poet Gose uns erinnert:
„Menschliches Leben ist ein ständiges Vertieftsein in
die Zukunft.“ Das zweite Zitat, welches nicht ganz
vollständig ist, werde ich für Sie vervollständigen.
„Wenn du eine Person behandelst, wie sie ist, wird
sie bleiben, wie sie ist. Behandelst du sie aber, wie sie
sein müsste, so wird sie werden, wie sie sein müsste
und sein könnte.“ Meine Prämisse ist, dass dies, auch
wenn es auf ein Individuum bezogen ist, es doch
genauso zutreffend für eine Organisation gilt.
Fachtagung | Quality of Life – Creating Value through Innovation, Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
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Quality of Life –
Creating Value through Innovation
Prof. (em.) Dr. Robert Schalock,
Hastings College in Nebraska, USA
Denn, behandeln wir eine Organisation, wie sie aktuell ist, wird sie bleiben, wie sie ist. Behandeln Sie Ihre
Organisation aber, als wäre sie, wie sie sein sollte,
wird sie zu dem, was sie sein sollte und sein könnte.
Zweitens: Ich hoffe, Sie werden ein neues Verständnis bekommen für das Konzept des „Alignment“
(Ausrichtung/Anpassung), sowohl von einem horizontalen als auch von einem vertikalen Blickwinkel.
Also, gehen wir weiter. Was ich Ihnen gerne an’s
Herz legen möchte, ist, dass wir in einer „Ära der
Transformation“ leben. Und diese „Ära der Transformation“ hat gewisse Charakteristiken. Sie finden
diese Charakteristiken, ganz gleich wo Sie hinschauen. Schauen Sie einmal in die Industrie, die Bildung,
das Gesundheitswesen, die Medizin oder in den
Bereich der Rehabilitation für Menschen mit Behinderung. Es gibt gewisse Charakteristiken für die „Ära der
Transformation“, in der wir leben.
Drittens: Ich hoffe, dass Sie die leistungsbasierten Perspektiven und Indikatoren besser verstehen
werden.
Der Konsument oder Klient ist zentral. Zweitens:
Organisationen werden immer straffer organisiert.
Informationssysteme werden um verschiedene Perspektiven herum entwickelt, auf die ich in wenigen
Minuten genauer eingehen werde. Es gibt einen
Fokus, nicht nur auf Qualitätssteigerung, sondern auf
beständige Qualitätssteigerung. Qualitätssteigerung ist
ein nie endender Prozess. Und letztlich gibt es eine
signifikante Verschiebung in Sachen Führung, wie wir
mit Führung umgehen, speziell in Richtung partizipative Führung.
Während wir also über diese Charakteristiken
der „Ära der Transformation“ nachdenken, habe ich
für Sie sechs „Take-aways“, die Sie diesen Morgen
mitnehmen können. Eins, zwei, drei etc. Wenn Sie
mehr Details wollen, finden Sie diese im Handout
Ihres Tagungspakets. Und wenn Sie eine Menge mehr
Details wollen, gibt es Bücher, die ich kürzlich
publiziert habe, zu dem Thema „Leadership &
Leadership-Change“.
Hier ist das erste „Take-away“. Und für die unter
Ihnen, die gerne Notizen machen, hier ist das erste
von sechs. Für die von Ihnen, die etwas gelangweilt
sind, es gibt noch fünf zu hören ... In jedem Fall, was
ich hoffe, was Sie von heute Morgen mitnehmen, sind
diese sechs „Take-aways“:
Nummer eins: Ich hoffe, Sie entwickeln einen
Rahmen, ein „Mind Set“ oder eine „Roadmap“ für
Transformations-Strategien. Darauf werde ich gleich
noch eingehen.
24
Meine vierte Hoffnung und Ihr „Take-away“ ist,
dass Ihnen klar wird, dass Qualitätssteigerung ein dauerhafter Prozess ist. Wir werden im Zusammenhang
damit über einen dauerhaften Qualitätssteigerungszyklus sprechen, der diese ganze Idee sehr gut auf den
Punkt bringt.
Fünftens: Wenn Ihnen Ihr Vorhaben wirklich
ernst ist, werden Sie etwas entwickeln müssen,
wenn Sie es noch nicht haben, was ich die „21ste
Jahrhundert-Denkfähigkeiten oder -Stile“ nenne. Aber
Sie müssen auch anders denken. Wir werden darüber
sprechen, was dieser Unterschied im Denken wirklich
bedeutet, als unser fünftes „Take-away“. Und letztlich will ich folgenden Punkt bekräftigen: Sie können
Veränderung schaffen!
Das ist wohl die Hoffnung, die ich vor allem anderen habe: Dass, wenn Sie heute Nachmittag durch
diese Tür gehen, Sie eine Vorstellung haben, wie diese
Zukunft aussieht, Sie ihre Rolle in dieser Zukunft
erkennen und wissen, dass auch Sie, und besonders
Sie, Veränderung schaffen können!
Also, lassen Sie uns als Erstes einen Transformationsrahmen ansehen. Die Details der einzelnen Bereiche bespreche ich entweder in meiner Präsentation
oder sie werden detaillierter im Handout beschrieben.
Wenn es Ihnen ernst ist, den Kunden als zentralen Punkt zu verstehen, wird das persönliche Ergebnis
(Personal Outcome) Ihre Maßgabe sein. Mein geschätzter Kollege Jos van Loon wird heute Nachmittag
über das Messen von Personal Outcomes und dessen
Nutzen sprechen. Sie sind messbar! Sie müssen allerdings die Strategien auf eine zusammenarbeitende
Weise entwickeln, nicht von oben herab.
Fachtagung | Quality of Life – Creating Value through Innovation, Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
Sie müssen darüber nachdenken, was ein System
der Unterstützung (System of Supports) ist. Wissen
Sie, historisch betrachtet, waren Unterstützungen für
Menschen mit Behinderungen immer professionelle
Dienstleistungen.
Wir leben in einer anderen Welt.
Deshalb werde ich kurz darüber sprechen, wie
man anders über Unterstützungen für Individuen
denkt. Hinsichtlich einer strafferen Organisation, und
Organisationen werden straffer organisiert, sie werden
mehr und mehr horizontal organisiert, müssen Sie
darüber nachdenken, was Alignment ist.
Sie müssen auch über Hochleistungsteams (High
Performance Teams) nachdenken. Ich werde später
noch ein Beispiel für ein solches Hochleistungsteam
besprechen.
Sie sollten über die Realität von Information nachdenken. Meine Erfahrung ist, dass alle Organisationen,
die ich kenne, eine Menge Daten haben. Sie sind
datenreich, aber sie sind informationsarm.
In der Konsequenz denken wir anders, ich glaube, weiser, darüber nach, welche Informationen
wir wirklich brauchen. Auf welche Perspektive wir
uns wirklich fokussieren müssen und wie wir Informationen in Bezug auf Beweise und auf beweisbasierende Indikatoren und Informationen nutzen können,
aus der Perspektive des Kunden, des Wachstums der
Organisation, aus der finanziellen und auch aus der
Perspektive der internen Prozesse der Organisation.
Darauf werden wir im Laufe der Zeit noch kurz
eingehen.
Systemebenen
Beitrag
Dauerhafte Qualitätssteigerung beinhaltet eine
Lernkultur, aber auch die Kenntnis der Qualitätssteigerungs-Strategien. Im Handout und im Buch befinden
sich einige Strategien, die Sie vielleicht interessant
und nützlich finden. Und letztlich, in Bezug auf diesen
Transformationsrahmen, müssen Sie darüber nachdenken, wie Sie an Führung herangehen. Effektive
Leitungen sind partizipative Leitungen, nicht autokratische Leitungen. Also, während wir über Führung
und partizipative Führungsstile nachdenken, reden
wir ein wenig davon, das Denken in der Beziehung
zu erweitern, aber auch über einige sehr kritische
Führungsrollen. Das ist das erste „Take-away“.
Das zweite „Take-away“ ist die Bedeutung und
die Macht des Konzeptes, des Alignment zu begreifen.
Die meisten von Ihnen fahren Auto und wissen, was
passiert, wenn das Auto nicht richtig eingestellt ist.
Es fährt nicht sonderlich effektiv oder effizient die
Straße entlang. Manchmal überhaupt nicht. Was aus
logischen Modellen entstanden ist, ist der Rahmen,
den Sie da vor sich sehen (Abb. 6). Auf der individuellen Ebene: Wenn Sie eine ausgerichtete Organisation
sind, die einen logischen Ablauf zwischen dem Input
(Beitrag), dem Throughput (Verarbeitung) und dem
Output (Ergebnis) hat, dann gründen Sie ihren Input
auf das Unterstützungsbedürfnis Ihrer Einzelpersonen.
Verarbeitung
Ergebnis
Individuum
1. Assistenzbedarf
2. Persönliche Ziele
und Bedürfnisse
Unterstützungssystem
Persönliche
Ergebnisse
Organisation
3. Ressourcen
implizit & explizit
Wissen
Zeit
Soziales & finanz. Kapital
Technologie
Organisationsdienstleistung
Zusätzliche
persönliche
Ergebnisse
Fachtagung | Quality of Life – Creating Value through Innovation, Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
Abb. 6
Straffe Organisation
Anpassung von Dienstleistungskomponenten
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Quality of Life –
Creating Value through Innovation
Prof. (em.) Dr. Robert Schalock,
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Das ist die „Supports Intensity Scale“, über die
Jim Thompson noch sprechen wird. Aber Sie gründen
Ihren Input auch auf die persönlichen Ziele und Wünsche der Einzelpersonen. Da beginnt der Prozess. Das
ist, was es bedeutet, klienten- oder kundenorientiert
zu sein. Der Throughput an der Stelle ist ein System
der Unterstützung, auf das ich noch eingehen werde.
Zu begreifen, dass das, was wir tun müssen, ist, mit
Unterstützungen zu reagieren, die sich mit dem
Förderbedarf der Menschen auseinandersetzen, aber
auch mit den persönlichen Zielen und Wünschen
der individuellen Personen. Es gibt einen wichtigen
Unterschied, und Sprache ist hier manchmal ein
Thema. Es ist wichtig, zu unterscheiden, zwischen dem,
was der Person selbst wichtig ist, und dem, was für
die Person wichtig ist. Allzu lange war unser Fokus
darauf gerichtet, was aus unserer Sicht für die Person
wichtig ist, und wir haben die Entscheidungen auf der
Basis dessen getroffen, was aus unserer Sicht für die
jeweilige Person wichtig ist. Eine der Haupt-Denkweisen, die jetzt aufgetreten sind und die damit verbundene Veränderung ist, dass wir jetzt die Wichtigkeit
dessen begreifen, was den Personen selbst wichtig
ist. Letztendlich ist es das, worum es bei persönlichen
Zielen und Wünschen geht. Sie können Menschen
deutlich besser motivieren, wenn Sie sich damit
beschäftigen, was ihnen wichtig ist, anstelle mit dem,
was Sie denken, was für sie wichtig wäre. Der Output
auf der individuellen Ebene ist oder sind die persönlichen Ergebnisse, die Jos heute Nachmittag ausführlich
erklären wird.
Aber hier ist der Schlüsselpunkt, über den Sie
nachdenken sollten: Organisationen müssen auch horizontal ausgerichtet sein. Also müssen Organisationen
auf der Input-Ebene darüber nachdenken, was ihre
Ressourcen sind. Wenn wir eine Menge Zeit hätten,
würde ich auf jede einzelne eingehen. Aber Sie können sie nachlesen und sehen, welche es gibt. Lassen
Sie mich auf eine dieser Ressourcen fokussieren: Zeit.
Lassen Sie mich Ihnen eine simple Frage stellen: Wie
viele unter Ihnen würden gerne auf der Stelle ihre
Ressourcen verdoppeln?… Keiner von Ihnen? … Ein
Kollege von mir, der eine große Einrichtung in Taiwan
betreibt, hat buchstäblich seine Ressourcen verdoppelt, in Bezug auf sein Personal sowie Zeit und Verfügbarkeit, indem er was ganz Simples gemacht hat:
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Er hat Teamsitzungen strukturiert. Nun war ich noch
nie bei einer Teamsitzung in Deutschland. Meine
Erwartung wäre, dass sie ziemlich genauso sind wie
überall auf der Welt. Man kommt zum Meeting, wissend oder auch nicht, warum man da ist. Man kommt
zum Meeting, ohne zu wissen, wie die Tagesordnung
ist oder wer die verantwortliche Person ist. Und
wissen Sie, was der häufigste Beschluss am Ende einer
Teamsitzung ist? Eine neue Teamsitzung abzuhalten ...
Und durch diesen Prozess haben Sie eine unglaubliche
Menge an Zeit verschwendet.
Was Tim (der Kollege aus Taiwan) also gemacht
hat, ist Folgendes: Er hat gesagt: „Gut, es wird ein
60-Minuten-Limit bei allen Teamsitzungen geben, es
wird eine festgelegte Tagesordnung geben, es wird
eine verantwortliche Person geben, es wird keine
Mobiltelefone geben, keine i-Phones, was für Telefone
auch immer, keine i-Pads und keine Computer, und es
wird einen Beschluss geben, egal welches Thema an
der Tages­ordnung ist.“ Er hat buchstäblich seine Effizienz verdoppelt. Er hat seine Ressourcen verdoppelt.
Das heißt, in der heutigen Welt, in der finanzielle
Ressourcen erhalten bleiben oder abnehmen, müssen
wir lernen, die Ressourcen, die wir haben, klüger
einzusetzen.
Auf der Throughput-Ebene, wenn Sie ausgerichtet
(aligned) ist, dann umfassen und unterstützen
ihre Dienstleistungen in der Organisation ihr Unterstützungssystem. Automatisch sind ihre zusammengefassten persönlichen Ergebnisse, welche analog sind
zu den persönlichen Ergebnissen, die gleichen.
Also sind Sie sich einig. Also geht die horizontale
Ausrichtung offensichtlich darin über.
Der Punkt, über den Sie nachdenken sollten, ist,
dass es auch eine vertikale Ausrichtung gibt.
Das heißt, worauf Sie sich und Ihre Ressourcen fokussieren sollten, sind der Förderbedarf und die persönlichen Ziele und Wünsche der Menschen. Was Ihre
Dienstleistungen umfassen sollte, ist ein System der
Unterstützung. Und Sie sollten sicher gehen und darin
konsequent sein, dass die Ergebnisse (Outcomes), die
Sie verwenden, um Personen zu evaluieren, und wie
diese Personen Ihre unterstützenden Dienstleistungen
einschätzen, übereinstimmen mit dem, was Sie als
Organisation berichten.
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Das dritte „Take-away“ ist zu verstehen, falls Sie
es noch nicht tun, dass wir in der Welt des LeistungsManagements an den Punkt gekommen sind, an dem
wir erkennen, dass es diese vier ausschlaggebenden
Perspektiven gibt, die eine Auswirkung darauf haben,
wie wir eine Organisation betrachten. Die vier
Perspektiven, die Sie da betrachten, sind: Erstens, die
Perspektive des Klienten, gefolgt von der Perspektive
des Wachstums, gefolgt von der finanziellen Perspektive und der Perspektive der internen Prozesse.
•D
ie Kundensicht richtet sich auf die Beurteilung
von persönlichen Zielen und Bedürfnissen,
die Versorgung mit einem individuell ausgerichteten Unterstützungssystem und die Bewertung der
persönlichen Resultate.
•D
ie Wachstumsperspektive zielt auf die Aufteilung
der verfügbaren Ressourcen zum Zwecke, geplante Ergebnisse zu erhalten, Programmoptionen zu
entwickeln, leistungsstarke Teams zu nutzen und
zur Bereitstellung von Arbeitsverbesserungsprogrammen.
• Die finanzielle Perspektive weist auf einzelne Kosten, den Prozentsatz des Gesamtbudgets bezogen auf
die einzelne Unterstützungsleistung, die Beziehung
zwischen Sozial- und Finanzkapital, die Beurteilung
von fixen und variablen Kosten zur Entwicklung
einer Wirtschaftlichkeit und zur Entwicklung von
Partnerschaften.
• Die Perspektive der internen Prozesse beleuchtet
flache und steile Ausrichtungen, die Nutzung von Informationssystemen, die Übereinstimmung zwischen
Serviceeinheiten und bewerteten Unterstützungsbedürfnissen und die Einführung und Bewertung von
Qualitätsverbesserungsstrategien.
Eine Skala, die wir entwickelt haben, die
„Organisation Effectiveness and Efficiency Scale“, auf
die Prof. Dr. van Loon noch eingehen wird, dient dazu,
sich diese vier Perspektiven im Hinblick auf Beweisindikatoren anzusehen. Und um Organisationen
aufzufordern, entweder auf der strategischen Planungsebene oder auf der Auswertungsebene, sich einmal
selbst zu betrachten und sich zu fragen: „Decken wir
die Perspektive des Klienten hinsichtlich des Leis-
tungs-Managements ab? Tun wir so etwas, wie die persönlichen Ziele und Förderbedürfnisse einzuschätzen?
Bieten wir individuelle Unterstützung? Und beurteilen
wir persönliche Ergebnisse (Outcomes)?“ Wenn wir
das tun, dann nehmen wir tatsächlich die Perspektive
des Klienten ein. Nutzt man heutzutage in der Organisation einen „Balanced Scorecard“-Ansatz, so muss
man auch die Wachstumsperspektive beachten. Woody
Guthrie hat eine wunderbare Aussage getroffen, als er
sagte:„Wenn Sie nicht damit beschäftigt sind zu leben,
sind Sie damit beschäftigt zu sterben.“ Was Organisationen verinnerlichen müssen, ist, dass ihre Nachhaltigkeit im direkten Zusammenhang damit steht, ob sie
in sich als Einheiten wachsen und sich entwickeln.
Also, teilen Sie verfügbare Ressourcen zu, um die von
Ihnen beabsichtigten Ergebnisse zu erzielen? Wenn
die von Ihnen beabsichtigten Ergebnisse auf persönliche Ergebnisse fokussiert sind, dann ist die Frage, wie
viel Prozent Ihres Budgets ist tatsächlich individuellen
Förderungen gewidmet, die diese Ergebnisse optimieren? Entwickeln Sie Optionen, die den Menschen
wirklich ermöglichen, noch mehr Teil ihrer Gemeinschaft zu werden und im Zuge dessen unabhängiger
und produktiver?
Nutzen Sie Hochleistungsteams?
Lassen Sie mich Ihnen nur ein Beispiel geben
für ein Hochleistungsteam. Es nennt sich „Support
Team“. Es gibt verschiedene Arten, und das Buch
erklärt viel darüber. Überall auf der Welt geht es in die
Richtung des Konzeptes eines „Support Teams“.
Es ist kein „Management Team“, es ist kein „Case
(Fall-)Management Team“, es ist ein „Support Team“.
Die entscheidenden Punkte an dem Team sind seine
Komposition und seine Funktionen sowie seine Verantwortungen. Ein „Support Team“ wird primär und in
erster Linie durch die individuelle Person komponiert,
an welche sich die Dienstleistung richtet. Denn wenn
die Person der Mittelpunkt der Dienstleistung ist,
dann muss auch die Person individuell involviert werden, für die im „Support Team“ ihr Förderungsplan
entwickelt wird. Die Professionellen oder die Case
Manager, die notwendig und in gewisser Hinsicht
wirklich erforderlich sind gehören dazu, ebenso wie
die Eltern oder der rechtliche Vertreter.
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Quality of Life –
Creating Value through Innovation
Prof. (em.) Dr. Robert Schalock,
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Die Aufgabe und die Verantwortung dieses „Support Teams“ ist es, einen individuellen Förderplan zu
erstellen. Es ist wirklich interessant, ehrlich, meine
Freunde, unterwegs zu sein und bei Teamsitzungen
dabei zu sein. In diesen Teamsitzungen geht es nur
manchmal (und ich sage das nicht verzweifelt) um
„Person Centered Planning“ (personenzentrierte
Planung). Ihr betreibt alle „Person Centered Planning“?
Fragt sich nur, ob die Person anwesend ist. Und wenn
die Person nicht anwesend ist, betreiben Sie keine
„Person Centered Planning“. Sie betreiben eine Charade.
Also, letztendlich, wenn Sie wirklich ein Hochleistungsteam haben, wie es gemäß eines „Support
Teams“ gedacht ist, dann geben Sie ihm die erste Charakteristik der „Transformation Era“ (Umwandlungszeitalter), nämlich dass der Klient der Mittelpunkt ist.
Machen Sie den Klienten zum Zentrum!
Aus der Wachstumsperspektive, bieten Sie ihren
Mitarbeitern Programme zur Bereicherung der
Arbeitsinhalte? Mein Vorredner sagte eine wundervolle Sache in Bezug auf einige Aspekte: „Entscheidend
ist die Qualität Ihrer Mitarbeiter.“ Ich würde hinzufügen, es ist nicht nur die Qualität, sondern auch die
Mitwirkung Ihrer Mitarbeiter, die den großen Unterschied macht. Nehmen Sie sich für einen Moment,
30 Sekunden, denn mehr Zeit haben wir nicht für
diesen Punkt, für 30 Sekunden. Versetzen Sie sich in
die Position eines – welche Terminologie auch immer
Sie gebrauchen mögen – eines direkten AssistenzMitarbeiters oder direkten Pflege-Mitarbeiters.
Können Sie sich alle in dieser Position visualisieren?
Dann visualisieren Sie, wie diese Person das System
beeinflusst. Was wird von dieser Person erwartet?
Wie viel Einfluss hat die Person wirklich auf den
„Support-Plan“, den sie angeblich implementieren
soll? Wird ihr Wissen geschätzt?
Ich habe bereits unterschieden zwischen „tacit
knowledge“ (stillschweigendes/vorausgesetztes
Wissen) und „implicit knowledge“ (implizites/inbegriffenes Wissen). „Tacit knowledge“ ist die Weisheit,
die aus der Erfahrung kommt. Meine Erfahrung war
immer die, dass, wenn ich viel über einen Menschen
mit Behinderung wissen wollte, ich nicht mit einem
Profi sprechen sollte. Obwohl ich selbst einer bin –
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ich führe übrigens keine Selbstgespräche. Ich rede
mit der Person, um die es geht, oder den Eltern, dem
Betreuer oder den direkten Mitarbeitern. Wenn Ihre
Einrichtung auch nur annähernd so ist wie 99,99 %
aller Einrichtungen der Welt, würde ich, wenn ich ein
Klient wäre, zwischen 85 % und 90 % meiner Zeit mit
direkten Mitarbeitern verbringen. Und wenn wir nicht
die Weisheit, die Erfahrung, die Fachkenntnisse und
den Einblick dieser Leute einfangen, dann verweigern
wir uns selbst eine enorm Ressource. Und bieten wir
dann Programme zur Bereicherung der beruflichen
Inhalte – die sie nicht smarter machen hinsichtlich
der Formulare, die sie ausfüllen müssen, sondern sie
miteinbeziehen in die Entscheidung, welches die angemessensten Unterstützungen sind, für die Personen,
mit denen sie arbeiten – …
Die dritte Perspektive ist die finanzielle Perspektive, und die wurde schon so gut abgedeckt in unserer
vorangegangenen Präsentation. Wir können nicht über
die finanzielle Perspektive hinwegsehen, wir können
nicht über laufende Kosten hinwegsehen, wir können
nicht über das Thema Effizienz hinwegsehen.
Aber das ist nur eine von vier Perspektiven. Wenn wir
nicht aufpassen, wird das aber die einzige Perspektive,
die wir beachten.
Aber wir müssen auch auf die internen Prozesse
achten, die wir nutzen. Fokussieren wir uns auf das
Konzept des Alignment? Nutzen wir Informationssysteme? Denken wir daran, ob es überhaupt eine Relation gibt zwischen dem, was wir sagen, dem, was wir
tun und dem, was wir tatsächlich tun? Und letztlich,
haben wir Qualitätsverbesserungsstrategien?
Für die von Ihnen, die mitzählen, wir sind jetzt
bei Nummer vier.
Ihr viertes „Take-away“ ist als Idee eines Qualitätsverbesserungszyklus zu verstehen oder wenigstens
zu erkennen (Abb. 7).
Der Punkt, den ich betonen möchte ist, dass Qualitätsverbesserung nicht etwas ist, wo ein Komitee sich
hinsetzt und drüber spricht, sondern dass Qualitätsverbesserung mit Ihrem strategischen Plan beginnt.
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Ständige Qualitätsverbesserung
ou
tinu
Con
s Quality Impro
vem
en
t
Strategische Planung
· Beste Methoden
· Informationssysteme
Organisationsbewertung
· Leistungsindikatoren
·V
ersch. Perspektiven
Programmeinführung
· Einführung von
Befragungen
· Versch. Perspektiven
Org
ion
aniz
ation Transformat
Organisationsumwandlung
Fokussieren Sie sich in diesem strategischen Planungsprozess auf bewährte Verfahren? Nicht nur auf die
Klientendienstleistungen bezogen, sondern auch auf
das Organisationsmanagement? Fokussieren Sie sich
auf diese vier Perspektiven hinsichtlich der Informationssysteme? Der Klient, das Wachstum, das Finanzielle und die internen Prozesse? Implementieren Sie
dann Programme, die mit diesen bewährten Praktiken
übereinstimmen und Ihnen Informationen in Bezug
auf Ihre Informationssysteme liefern? Wenn es dann
zur Auswertung der Organisation kommt, nutzen Sie
Leistungsindikatoren und deutliche Perspektiven?
Und das ist in der Tat ein Bild, das Sie heute Nachmittag von Jos sehen werden, das sich damit beschäftigt,
wie diese Dinge zusammenkommen; in einem sehr
schönen Radardiagramm.
„Take-away“ Nummer fünf: Das wichtigste, das es
zu beachten gibt, ist Folgendes: Change Management,
einer der Schwerpunkte dieser Konferenz, benötigt
aus meiner Sicht zwei Schlüsselelemente. Das Erste
sind die „21st Century Thinking Styles“ (Denkstile
des 21. Jahrhunderts) und das Zweite, einfach anders
zu denken. Sie werden sich niemals verändern, wenn
Sie nicht Ihr Denken verändern. Ich weiß nicht, ob
Goethe das jemals gesagt hat, aber wenn nicht, dann
hätte er es sagen sollen: Wir müssen unser Denken
verändern, um uns jemals wirklich verändern zu können. Also, lassen Sie uns kurz einen Blick auf diese
„21st Century Thinking Styles“ werfen.
Abb. 7
Continuous
Improvement Loop
Ständiger Verbesserungskreislauf
Es gibt ein Systemdenken. Da ist nichts Magisches oder Raketenwissenschaftliches daran. Alles,
was Sie tun, ist, zu erkennen, dass das was Ihnen und
mir passiert, nicht wegen Ihnen und mir passiert.
Wir leben in einem System. Wir sind ein Mikroteil
dieses Systems. Dann gibt es noch das Mesosystem.
Und Sie als Organisation haben eine unglaubliche
Macht und Kontrolle darüber, was mit jedem Individuum innerhalb dieses Systems passiert. Aber wir
haben auch das größere System, das sich Makrosystem
nennt, und wir haben heute schon eine Menge
darüber gehört. Das Nationale, das Regionale etc.
Um also wirklich einen Unterschied im Leben einer
Person zu erreichen, müssen wir mit diesen drei
Systemen interagieren. Organisationen, die früher
einmal Organisationen mit einem Standpunkt waren,
müssen überdenken, wo sie sich hinsichtlich ihres
Standpunktes befinden. Eine Organisation sollte niemals nur einen Standpunkt haben. Eine Organisation
sollte multiple Standpunkte haben. Wenn eine Organisation tut, was sie sagt, was sie tun sollte (erinnern Sie
sich an das Zitat), dann werden Organisationen
zu einer Brücke für die Gemeinschaft. Das ist Systemdenken. Die Synthese ist ganz einfach: Wie integrieren wir eine große Menge an Informationen auf eine
Weise, welche die Präzision, die Genauigkeit und die
Gültigkeit jeder Entscheidung, die wir treffen, verbessern wird? Ich denke, unsere Herausforderung, Ihre
Herausforderung, die eines jeden tägliche Herausforderung ist: Wie nutzen wir diese unglaubliche Menge
an Informationen, die über einen Klienten verfügbar
ist? Und wie fassen wir diese Informationen auf eine
solche Weise zusammen (synthetisieren), dass sie zu
einem sinnvollen, individuellen Förderungsplan führen?
Gehen Sie in Ihre Einrichtungen, überprüfen Sie ihre
Akten und schauen Sie nach, wie dick der Ordner
eines beliebigen Klienten ist. Wir haben das gemacht.
Die durchschnittliche Dicke ist 2,4 Zoll. 2,4 Zoll ...
Fragt sich, was mit diesen Informationen passiert?
Werden sie wirklich irgendwo integriert? Oder kaufen
wir einfach nur mehr Aktenordner?
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Also, dann zur Synthese: Unsere Herausforderung
besteht darin, Informationen relevant genug zu machen und welche zu sammeln, die relevant genug
sind, um wirklich einen Unterschied im Leben dieser
Person zu schaffen. Eine meiner wahren Aussagen ist,
weil ich es so oft beobachtet habe, nicht hier, sondern
anderswo: Wie oft muss eine Person evaluiert werden,
um eine individuelle Diagnose zu erhalten, ob sie
intellektuell beeinträchtigt sind? Wie oft?
Und was man so häufig beobachtet, ist: Leute werden
jedes Jahr neu evaluiert! Versetzen Sie sich in die
Lage eines Klienten. Wie oft möchten Sie vor einem
Psychologen sitzen (oder wer auch immer den Test
durchführt), um zu erfahren, dass Sie den Fragebogen
nicht bestehen können? Und wissen Sie, welches die
erste Frage auf den meisten Fragebögen zur Ermittlung
von intellektuellen Beeinträchtigungen ist? Die erste
Frage, die einer Person mit intellektuellen Beeinträchtigungen gestellt wird, ist diese: „Wie weit ist
es von New York nach Paris?“… Wen kümmert`s? …
Aber ich sage Ihnen eins: Wenn Sie es nicht wissen...
Boom! Ein Punkt weniger, um ein normal intelligenter
Mensch zu sein. Also, wie oft muss ein Klient sagen:
„Ich weiß es nicht?“ Und sie werden Ihnen nie sagen:
„Es ist mir egal.“ Der Punkt ist, wir sind wirklich herausgefordert, Information bedeutsam zu machen.
Über Alignment haben wir uns schon unterhalten, aber lassen Sie mich Ihnen ein sehr simples
Beispiel geben, wie einige Support-Teams dieses Konzept der Synthese und der Ausrichtung zur Entwicklung eines individuellen Supports-Plans nutzen. Ich
nehme unser Arduin als Beispiel. Arduin nutzt die SIS,
die „Supports Intensity“-Skala, um eine quantitative,
objektive Maßgabe des individuellen Förderbedarfs
einer Person in verschiedenen Lebensbereichen zu
bekommen, ausgenommen Medizin und Verhalten.
Es verbringt auch eine Menge Zeit damit, die Menschen zu fragen: „Was ist Ihnen wichtig? Was sind
Ihre Ziele?“ Dann nehmen Sie diese Information und
integrieren sie in einen individuellen Unterstützungsplan, der um ein „Quality of Life“-Gerüst, gebaut ist.
Und dieses „Quality of Life“-Gerüst, ist eins, in dem es
„Quality of Life“-Domänen gibt – mit denen wir uns
noch beschäftigen werden. Dann fokussieren Sie nach
Förderbedarf und persönlichen Zielen und Wünschen
30
und richten die Unterstützungen nach den Domänen
in der Qualität des Lebens aus, die Sie schließlich als
Ergebnis bewerten. Sehen Sie, wie schön dieses Alignment ist? Denn die Realität ist, dass man bekommt,
was man bezahlt. Aber man kann nicht bekommen,
worauf man sich nicht fokussiert.
Wenn Sie wirklich die Qualität des Lebens von
Individuen erweitern wollen, wie es hier definiert
wurde, dann müssen Sie den (ISP) Individuellen Unterstützungsplanungsprozess so strukturieren, dass er
auch danach ausgerichtet (aligned) ist. Denn was dann
reingeht und was ein Schlüsselelement des Prozesses
sein wird, wird auch einen signifikanten Einfluss
auf das Ergebnis haben. Das ist Ausrichtung, das ist
Alignment.
Hinsichtlich des Denkens müssen wir noch einen
Schritt weiter gehen, um wirklich anders zu denken.
Wir haben schon über den Konsumenten als Mittelpunkt gesprochen, und ich werde da nicht mehr weiter drauf herumreiten. Aber wir müssen bedenken,
was ein „System of Supports“ ist. Danach kommen wir
wieder zur Qualität des Lebens zurück. Eine der Veränderungen, die im Laufe des letzten Jahrzehnts aufgetreten sind, ist die Erkenntnis, dass wir uns auf die
Bereitstellung von individualisierten Unterstützungen
fokussieren müssen. Doch was bedeutet das? Es geht
darum, zu operationalisieren oder darüber nachzudenken, was ein „System of Supports“ ist. Natürliche
Unterstützungen, Technologie – die wir viel zu wenig
für Menschen mit Behinderungen nutzen –, umweltbasierende Unterstützungen. Das Nächste ist sehr wichtig
und betrifft den vorherigen Sprecher. Es bezieht sich
auf die Mitarbeiter. Bedenken Sie, dass Klienten 90 %
der Zeit mit direktem Support durch Mitarbeiter verbringen. Die Frage ist: Welche Botschaft bekommt der
Klient von diesem Mitarbeiter? Geben die Mitarbeiter
Anreize?
Eines der Dinge, die mich am meisten zum
Nachdenken bringen, ist die folgende Frage (Sind Sie
bereit dafür?): Welchen Anreiz hat ein Klient in Ihrem
Programm, morgens aufzustehen? Wenn Sie diese
Frage mit einem Haufen alternativer Anreize für den
Klienten beantworten können, dann wette ich, haben
Sie keine Probleme, die Leute morgens aus dem Bett
zu bekommen.
Fachtagung | Quality of Life – Creating Value through Innovation, Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
Wenn Sie innehalten und sagen: „Ich weiß es
nicht“, dann haben Sie wahrscheinlich Leute, die sich
über Klienten beklagen, die morgens nicht aufstehen
wollen. Die Anreize, die in den Alltag eines Individuums eingebaut sind, haben nicht nur eine Auswirkung
darauf, wie die Person funktioniert, sondern auch auf
die Hoffnung, die Träume und die Sehnsüchte, die
diese Person ausdrücken wird.
Die Mitarbeiter müssen also involviert sein. Historisch
gesehen sind sie aber immer am untersten Ende der
Leiter. Und dann gibt es die professionellen Dienstleistungen. Und es gibt keine Intention, die professionellen Dienstleistungen zu kürzen. Aber Sie müssen
realisieren, dass sich ein Großteil der professionellen Dienstleistungen auf der Welt geändert haben.
Professionelle in der heutigen Welt sind vielmehr als
Administratoren zu betrachten denn als Praktizierende. Außerdem sind sie viel häufiger Angestellte der
Organisation und damit der Organisation gegenüber
verantwortlich, und nicht von der Organisation unabhängig. Und das bewirkt einen immensen Unterschied
in ihrer Arbeitsweise. Deshalb müssen wir uns weiterhin auf professionelle Dienste verlassen.
Ich schlage nicht vor, dass wir das nicht tun sollten.
Aber wir werden nie da hingelangen, wo wir hinwollen, wenn wir nicht wirklich ernsthaft ein System der
Unterstützung implementieren.
Anders zu denken, erfordert auch, anders über
Qualität des Lebens zu denken. Was Sie hier sehen,
ist ein konzeptionelles Messmodel für Qualität des
Lebens (Abb. 8). (Ich werde mich nicht lange damit
aufhalten, Sie werden es am Nachmittag von Jos erklärt bekommen.) Nur ein paar Schlüsselpunkte sollte
man sich merken. (Ich habe nur noch zehn Minuten.)
Eine Sache, die man sich merken sollte, ist, dass
Lebensqualität nicht eine Sache ist. Denken Sie nur
einen Moment an Ihre eigene Qualität des Lebens. Ich
wette mit Ihnen um ein gutes deutsches Bier (und Sie
haben gutes deutsches Bier!). Ich wette um ein gutes
deutsches Bier, dass, wenn ich fragen würde: „Ist
Ihnen die persönliche Entwicklung wichtig?“, würde
jeder sagen: „Ja!“. Wenn ich frage: „Wie wichtig ist
Selbstbestimmung?“ – „Absolut!“ Was ist mit zwischenmenschlichen Beziehungen? Wie viele Stunden
verbringen Sie mit SMS versenden etc.? Wie wichtig
ist soziale Eingliederung?
Faktor
Domäne
Beispielhafte Indikatoren
Unabhängigkeit
Persönliche Entwicklung
Ausbildungslevel, Pers. Kompetenz, Nutzen
Selbstbestimmung
Autonomie/Selbstkontrolle,
Wahlmöglichkeiten, Entscheidungen
Soziale
Beziehungen
Interaktionen, Beziehungen,
Soziale Netzwerke
Inklusion
Integration in der Gemeinschaft und Teilnahme daran, Aufgaben in der Gemeinschaft,
sozialer Halt
Rechte
Menschlich (Respekt, Würde, Übertragung von
Verantwortung, Eingliederung) und rechtlich
(Bürgerrechte, Zugang, odnungsgemäße
Verfahren, Gleichstellung, Privatsphäre)
Emotionales Wohlbefinden
Zufriedenheit, Selbstverständnis,
Stressfreiheit
Physisches Wohlbefinden
Gesundheitsstatus, Aktivitäten des täglichen
Lebens, körperliche Aktivitäten inkl. Erholung
Materielles Wohlbefinden
Finanzstatus, Arbeit, Wohnverhältnisse
Gesellschaftliche
Teilhabe
Wohlbefinden
Fachtagung | Quality of Life – Creating Value through Innovation, Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
Abb. 8
Domänen von Qualität
des Lebens und beispielhafte Indikatoren
31
Quality of Life –
Creating Value through Innovation
Prof. (em.) Dr. Robert Schalock,
Hastings College in Nebraska, USA
Wer will schon ausgegliedert werden, richtig?
Was ist mit Rechten? Nicht nur legale Rechte, Menschenrechte. Behandelt man Sie mit Würde und Respekt? Was ist mit Ihrem emotionalen Wohlbefinden?
Können Sie sich behaupten? Sind Sie zufrieden mit
sich? Stress? Da geht es übrigens um Zufriedenheit.
Zufriedenheit ist kein guter Maßstab für die Effektivität einer Organisation. Ich sage Ihnen auch warum.
Wir machen eine schnelle Übung an dieser Stelle: Es
geht um eine Studie, die mit ca. 2,4 Millionen Menschen, davon ca. 1.500 Personen aus Deutschland,
gemacht wurde. Ich stelle Ihnen eine simple Frage:
„Auf einer Skala von eins bis zehn, wie zufrieden sind
Sie?“ Eins heißt, Sie sind fürchterlich unzufrieden,
zehn heißt, Sie sind extrem zufrieden. Wie viele sind
ungefähr bei fünf? Wie viele von Ihnen sind bei sechs?
Wie viele haben keine Ahnung, wovon ich rede?
Hier ist der Punktestand – ich will mir nämlich
nicht zu viel Zeit dafür nehmen: Rund um die Welt ist
der Durchschnittswert 7,2. Wenn Sie Leute fragen:
„Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie zufrieden sind
Sie?“, wird der Durchschnittswert 7,2 sein! Egal wer
Sie sind, wo Sie sind oder wie. Fragen Sie die Leute in
diesem Gebäude: „Auf einer Skala von eins bis zehn:
Wie zufrieden sind Sie?“ 7,4 – egal wer Sie sind, wo
Sie sind oder was Sie sind. Der Punkt ist also: Die
meisten Menschen sind zufrieden. Wenn Sie also als
Organisation, und ich hoffe, ich trete jetzt nicht auf
zu viele Füße, aber wenn Sie als Organisation, eine
Zufriedenheitsskala nutzen, um Leute zu fragen, wie
zufrieden sie mit sich selber sind, wissen Sie, was sie
Ihnen sagen werden? „Ja!“ Aber was bedeutet das?
Besonders wenn sie keine Alternative haben ...
Den haben Sie verstanden…
Okay, für unser aller Vorteil, hier ist das sechste
„Take-away“. Der Punkt ist, und diesen Punkt möchte
ich betonen und hoffe, dass Sie ihn alle behalten,
dass Sie in der Tat Veränderung bewirken können!
Und hier ist ein schnelles „How To“: Erstens und
vor allem: Sie brauchen eine sehr klare Vorstellung.
Und hoffentlich haben Sie in den letzten 40 Minuten
(mehr oder weniger) eine Vorstellung über Transformations-Strategien, die Transformations-Charakteristiken usw. bekommen. Zweitens: Benutzen Sie eine
32
simple Kommunikation. Wenn Sie eine klare Vorstellung haben, sollten Sie in der Lage sein, sie recht kurz
zu beschreiben. Wenn Sie keine klare Vorstellung
haben, werden Sie eine Menge Papier brauchen.
Es gibt Studien, die belegen, dass, wenn Sie die Anzahl
der Worte in einem effektiven „TransformationChange-Plan“ zählen, Sie auf etwa 13.400 Worte
kommen sollten. Das ist Ihr Kriterium, das ist Ihr Standard. Es braucht keine fünf Bücher. Ich habe es schon
oft gesagt, und ich glaube fest daran, dass wenn eine
„Change-Strategy“, ein „Change-Plan“ Sinn macht,
sollte er auf eine 3x5-Karte passen. Ich sage dasselbe
über einen ISP: Wenn ein ISP wirklich implementiert
werden soll, sollte er auf einer 3x5-Karte stehen.
Denn das ist in etwa die Zeit, die die meisten Leute
haben, um zu verstehen, was sie tun sollen.
Nicht ein 25-Seiten-Dokument.
Ah, noch eine Studie, die Sie interessant finden
könnten: Wir haben eine Studie in sieben Ländern
gemacht, in der wir einfach auswerteten, wie die
durchschnittliche Länge eines „Individual-SupportPlans“, Hilfeplan, wie immer Sie es nennen, ist. Sie
haben irgendeine Form von Dienstleistungsplan,
Rehabilitationsplan, Programmplan, was immer die
Terminologie sein mag, es macht keinen Unterschied.
Es ist grundlegend das gleiche Dokument.
Wissen Sie, wie die durchschnittliche Länge eines
„Individual-Support-Plan“ in sieben Ländern aus
85 Einrichtungen ist? 34 Seiten! Jetzt sagen Sie mir
bitte, wer wird 34 Seiten lesen? Wer wird 34 Seiten
verstehen? Und vielmehr, was passiert mit diesem
Dokument? Und dann stellten wir die Frage, d.h. drei
Fragen: „Was machen Sie normalerweise mit einem
ISP?“ Wissen Sie was die häufigste Antwort ist? „Wir
legen es ab.“ Die zweite Frage war: „Wie viele Personen lesen dieses ISP?“ „1,2“ Die dritte Frage war:
„Wie viele verstehen das ISP wirklich?“ „Null“
– denken Sie mal drüber nach.
Konstruktives Engagement beinhaltet wirklich
partizipatives Management oder eher Führung.
Wo Leitungen wirklich Teil des Prozesses werden, statt
Direktoren des Prozesses. Sie geben Rat, sie trainieren, sie inspirieren, sie verstärken. Und das ist so ein
wichtiger Punkt. Wenn Sie als Leitungen eine klare
Vorstellung haben, möchten Sie mit Leuten daran
Fachtagung | Quality of Life – Creating Value through Innovation, Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
arbeiten, sie zu verwirklichen, nicht Leute anleiten,
sie zu verwirklichen.
Der vierte „Quickie“ ist, sich wirklich auf schnell
erreichbare Ziele zu fokussieren. Meine Erfahrung über
Jahre hinweg ist, dass wenn man sich Organisationen
ansieht, die sich verändern, effektiv verändern, tun
sie das nicht nur von unten nach oben, sondern auch
durch das, was ich „Pilot-Studien“ nenne. Sie stecken
nicht alle ihre Ressourcen in ein ganz neues Programm, ohne es vorher getestet zu haben.
Und ich habe Systeme sich auf diese Weise verändern
sehen. Nehmen Sie 100 Organisationen in einem System, einer Provinz, einem geografischen Gebiet. Sie
bringen zwei oder drei Organisationen dazu, mit dem
Veränderungsprozess zu beginnen und zu demonstrieren, wie effektiv diese Veränderung sein kann. Und
siehe da, was passiert, ist: Sie sehen Veränderung.
Denn wie Sie wissen, wenn Sie ein Dienstleister sind,
wenn Sie eine Organisation sind, sind Sie neidisch
auf jeden der erfolgreicher ist als Sie. Ist das nicht so?
Im täglichen Ablauf schauen Sie nicht nur auf sich,
sondern auch auf die Organisationen um Sie herum,
und fragen sich, ob die etwas tun, was Sie tun sollten –
besonders wenn sie erfolgreicher sind.
Und nun am Schluss, in den drei Minuten, die ich
noch habe, lassen Sie mich noch betonen, dass es
bei dieser Transformation nicht nur um Veränderungsstrategien geht und darum, Herausforderungen zu
bewältigen und etwas zu bewegen. Was ich Ihnen
wirklich gerne, wirklich gerne, mit auf den Weg geben
möchte, ist die Würdigung von Kreativität und Werten. Denn Kreativität ist kein einsamer Prozess.
Wie Sie sehen, passiert es, wenn talentierte Menschen
zusammenkommen, und Sie sind talentierte Menschen, sonst wären Sie nicht hier. Und wenn Ideen
sich mit der Zukunft verschmelzen. Und ich weiß,
eins der Dinge, die ich versucht habe, zu porträtieren,
sind einige zukunftsorientierte mentale Modelle.
Kreativität braucht auch Zentren und Netzwerke.
Und sicherlich offerieren Programme und ähnliche
Partnerschaften bereits jetzt diese Zentren und Netzwerke und werden es in Zukunft tun, um Veränderung
zu bewirken. Es beinhaltet auch eine Generation
von Ideen, die originell, neuartig und nützlich sind.
Sie sollten sich niemals dafür entschuldigen, dass Sie
anders denken.
Sie müssen außerhalb dieser Kiste stehen, um die
Dinge anders zu sehen, denn so lange Sie in dieser
Kiste sind, sind Sie in dieser Kiste. Voraussetzung
ist abweichendes Denken, d. h., was Sie brauchen
sind Leute, die sehr autonom sind. Es gibt eine ganze
Menge psychologische Literatur darüber. Sie brauchen
Leute, die abweichend denken. Denn wissen Sie, was
wir typischerweise in Organisationen machen?
Veränderungsprozesse brauchen nicht nur
Strategien, sondern Menschen, die mit Kreativität
und Werten den Herausforderungen begegnen.
Wir bekräftigen das, was man konvergentes Denken
nennt. Wir wollen, dass alle zusammenkommen,
und dieselbe Entscheidung treffen. Was aber, wenn
es die falsche Entscheidung ist? Was Sie hinsichtlich
Veränderung wollen, ist abweichendes Denken. Sie
wollen Individuen, die offen sind für neue Erfahrungen und für neue Gedanken, die davon träumen, was
sie schon immer mal tun wollten, und jetzt vielleicht
auch die Gelegenheit dazu haben. Und letztlich dürfen
wir nicht vergessen, dass es bei Transformation um
Werte geht und die Werte die Transformation vorantreiben. Es sind die Werte, die wichtig sind für Menschen mit Behinderungen sowie für Sie und mich. Die
Würde eines Menschen, ganz gleich ob Sie das Gefühl
haben, gleich behandelt zu werden oder gleich zu sein
... Der Wert, der besagt, dass Selbstbestimmung wirklich das ist, was wir wollen, und das Optionen und
Entscheidungen das sind, worum es im Leben wirklich
geht. Wir müssen, wenn wir es noch nicht sind,
familienfreundlich werden. Wir müssen den Familien
das Gefühl geben, dass sie Antworten haben, genau
wie die Professionellen, und dass sie tatsächlich ein
Teil der Partnerschaft sind. Und letztendlich müssen
wir uns wirklich auf die Nichtdiskriminierung und die
Einbeziehung aller Menschen fokussieren.
Lassen Sie mich damit abschließen: Aus meiner Perspektive geht es in diesem Symposium um Kreativität
und Werte. Deshalb sind wir alle hier heute, um über
das Konzept der Qualität des Lebens nachzudenken –
und vielleicht anders darüber zu denken – und über
den Begriff „Change Management“ und im Grunde
genommen eine Veränderung unserer Wahrnehmung.
Und damit, meine Freunde, vielen Dank!
Fachtagung | Quality of Life – Creating Value through Innovation, Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
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Quality of Life –
Creating Value through Innovation
Prof. (em.) Dr. Robert Schalock,
Hastings College in Nebraska, USA
| Tom Hegermann:
Vielen, vielen Dank, Herr Prof. Schalock.
Ich habe immer den Eindruck, Amerikaner haben ein
Gen mehr als die Deutschen. Und das ist das VortragsGen. Ich weiß auch nicht, wie Sie das machen und
dann noch auf die Minute pünktlich, es ist wunderbar.
Herzlichen Dank!
Wir wollen es wieder so handhaben, dass Sie die
Gelegenheit haben, Fragen zu stellen.
| Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
Tom, darf ich auf die Gen-Frage antworten?
Mein Großvater wurde etwa 150 Kilometer von hier
geboren.
| Tom Hegermann:
Herzlichen Dank, dass Sie uns so viel über
Wandel, über Change Management gesagt haben. Ich
denke, wir haben alle den Eindruck, dass wir wissen,
wie schwer das mit dem Wandel gerade in sozialen
Organisationen häufig ist. Ich habe andererseits aber
auch den Eindruck, dass in der anderen Welt, in der
da draußen, in der Welt der Wirtschaft, heutzutage
Wandel – Change – oft so etwas ist wie Selbstzweck.
Es muss sich einfach immer wieder aufs Neue ändern.
Wie können wir verhindern, dass Change, das Wandel, Selbstzweck wird?
| Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
Ich denke, wir beginnen mit dem Folgenden:
Wir müssen uns wirklich mit dem Verhältnis zwischen
externen, regulierenden Behörden und Organisationen beschäftigen. In der Vergangenheit wurden humanitäre Einrichtungen immer in hohem Maße reguliert
und kontrolliert. Davon haben wir schon gehört.
Und das hat teilweise dazu geführt, dass Organisationen stark abhängig von den Externen wurden.
Was wiederum dazu geführt hat, dass sie die Fähigkeit
verloren haben, sich selbstkritisch zu betrachten.
Eine Sache, für die ich mich stark einsetze (und ich
bin damit nicht allein), eine Sache, die ich vertrete ist:
Wenn wir sinnvolle Informationssysteme und Rahmenbedingungen für Organisationen bieten, dann können
sie die Informationen intern nutzen, um einen Unterschied zu bewirken. Denn Qualitätssteigerung ist kein
externer Prozess, sondern ein interner Prozess.
34
Familien wissen dies, aus einer internen Perspektive, sie wissen, dass sie sich ändern können.
Organisationen, die Industrie, die nicht diese externen Faktoren haben, wissen, dass sie sich verändern
können. Letztendlich ist es eine Denkweise, eine
sehr wichtige Denkweise, dass Organisationen sich
als selbstkorrigierende Einheiten betrachten müssen.
Sobald sie das tun, Tom, sehe ich es passieren. Sie
verändern sich.
| Tom Hegermann:
Ich habe sehr viele Fragen, aber lassen Sie uns
sehen, ob das Publikum noch Fragen hat.
Fragen von Ihnen, Anmerkungen von Ihnen an
dieser Stelle? Noch nicht? Dann machen wir noch ein
bisschen weiter.
| Tom Hegermann:
Ich versuche es noch einmal: Veränderungsprozesse in Organisationen werden meistens von einigen
wenigen ausgelöst. Oft ist es so, dass entweder die
Basis sagt: „Wir müssen etwas verändern!“, und es
dann schafft, die Unternehmensleitung mitzunehmen.
Häufig ist es aber so, dass die Spitze beschließt, dass
sich was verändern muss. Und das dann den Mitarbeitern mitteilt. Die Mitarbeiter reagieren meist mit:
„Oh, sehen wir mal.“ Wie bekomme ich Veränderungsprozesse so organisiert, dass alle auch mit einer
gewissen Begeisterung mitmachen?
| Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
Sie haben vorhin Berührungspunkte erwähnt.
Worüber Sie nachdenken möchten ist: Wo sind die
Berührungspunkte für Veränderung? Meiner Erfahrung
nach kommen diese Berührungspunkte, die Katalysatoren, die wirklich die Veränderung vorantreiben,
aus mehreren Quellen. Nummer eins: Menschen mit
Behinderung sind heutzutage eine andere Gruppierung von Leuten. Sie erwähnten, dass 300 Menschen
auf den Stufen Ihres Parlaments sind und Dinge tun,
richtig? Das ist ein Veränderungsagent. Je mehr wir
Leuten mit Behinderungen zuhören, desto mehr
verstehen wir ihre Frustration, ihre Wut und ihre
Hoffnung sowie ihre Forderung, dass sich die Dinge
ändern. Ein großer Impuls zur Veränderung kommt
Fachtagung | Quality of Life – Creating Value through Innovation, Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
von Klienten, ein großer Impuls für Veränderung
kommt aus dem öffentlichen Bewusstsein. Was sie
z.B. an der „Inclusion International“-Bewegung, die
am öffentlichen Bewusstsein arbeitet, erkennen, ist,
dass die Realität und der Glaube eines Großteils der
Gesellschaft, nicht der gesamten Gesellschaft, der ist,
dass Menschen mit Behinderungen Rechte und Werte
haben, genauso wie Sie und ich. Es gibt aber noch
eine dritte Quelle: Die Internationale Gemeinschaft,
die wirklich die Rechte von Menschen mit Behinderungen angegangen ist. Und wenn Ihnen die UN-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen, publiziert in 2006, nicht bekannt ist, sollten
Sie das ändern. Denn was diese UN-Konvention tut,
ist, international, wirklich informativ darzulegen, was
die Rechte eines Individuums sind. Und dieses Stück
Gesetzgebung hat einen enormen Einfluss auf die
Europäische Union, z.B. in diesem Moment, aber es
hat auch einen enormen Einfluss auf Menschen
wie Jos und mich.
Eine Sache, die einige von uns, die an der „Quality of Life“ arbeiten, tun, ist, eine sehr simple Frage zu
stellen: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den
acht Domänen (über die Sie am Nachmittag noch was
hören werden) und den 34 Artikeln der UN-Konvention? Sie sind absolut „aligned“. Ich denke, das gibt
noch mehr Impulse, sich zu bewegen und die Qualität
des Lebens als Veränderungsagent zu nutzen.
Das ist gewissermaßen die vierte Quelle der Veränderung: das Konzept der Qualität des Lebens.
| Tom Hegermann:
Ich würde gerne noch einmal bei den Mitarbeitern
bleiben. Häufig ist es ja so – ich spitze das jetzt mal zu:
Bei Organisationen ist die Organisation im Mittelpunkt. Jetzt reden wir viel darüber, dass die sozialen
Organisationen lernen müssen, viel stärker als bisher
den Klienten in den Mittelpunkt zu stellen.
Sie haben darüber geredet, dass der Klient einen
Grund braucht, um morgens aufzustehen. Der Mitarbeiter braucht auch einen Grund, morgens aufzustehen. Gut, der hat zusätzlich die Not, dass er das Geld
damit verdienen muss, aber trotzdem braucht er
einen Grund, aufzustehen. Wie sehr müssen Organisationen auch darüber nachdenken?
| Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
Ich stimme zu ...
Denken Sie immer an die folgende Aussage: „It all
pays the same.“ (Es zahlt sich alles aus.) Was ich damit
meine, ist, dass, wenn sich das Leben der Mitarbeiter
nicht ändert und sie nicht anders bezahlt werden,
dann werden sie sich, unabhängig von dem, was sie
machen, die gleiche „Wozu morgens aufstehen“-Frage
stellen.
Also müssen wir es anpacken – und es ist nicht
einfach Tom, ich impliziere nicht, dass es einfach,
ist. Aber wir müssen das Thema anpacken: Wie ist
der Status, wie ist die Position der Mitarbeiter und
wie können wir sie mehr wertschätzen? Das ist nicht
einfach. Denn wir sind alle in einem sehr horizontal
orientierten Weltbild aufgewachsen. Wir haben CEOs,
Vize- Präsidenten, Managements, und weiter abwärts ... und irgendwo hier unten ist der „Direct
Support Worker“. Und wenn das der „Direct Support Worker“ ist, hier ganz unten, dann müssen wir
irgendwie eine Veränderung bewirken. Und in meiner
Erfahrung und in der Erfahrung von vielen Menschen
muss man dies zu dem verändern. Und das ist nicht
einfach. Aber das Konzept der Hochleistungsteams
(„High-Performance-Teams“) ist wirklich ein Weg,
über den man ernsthaft nachdenken sollte. Denn was
Hochleistungsteams tun, ist, das Spielfeld zu ebnen.
Und wenn man das Spielfeld ebnet – natürlich muss es
immer noch einen Boss geben, ich sage nicht, da gibt
es keinen CEO – aber wenn man das Spielfeld, so sehr
es geht, ebnet, dann denke ich, löst man das Problem
„Wozu morgens aufstehen?“.
| Tom Hegermann:
Ich könnte noch stundenlang mit Ihnen reden.
Und ich bin sicher, das Publikum könnte stundenlang
zuhören.
… Vielen Dank, Bob Schalock, für Ihre Präsentation
und für Ihre Antworten.
Fachtagung | Quality of Life – Creating Value through Innovation, Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
35
Prof. Dr. James R. Thompson, Department of Special Education,
Illinois State University, USA
Quality of Life –
and the supports
36
Quality of Life –
and the supports
Prof. Dr. James R. Thompson,
Department of Special Education,
Illinois State University, USA
Prof. Dr. James R. Thompson
| Tom Hegermann:
Ich habe an dieser Stelle zwei, drei wichtige
Hinweise für Sie: Es gibt draußen einen Tisch, an dem
es weitere Informationen gibt. Dazu gehört auch diese
Zeitschrift „Einblick“ des Sozialwerks St. Georg. Die
aktuelle Ausgabe beschäftigt sich genau mit unserem
Thema. Die, die diese Ausgabe noch nicht haben,
können sie dort bekommen. Es gibt im Übrigen auch,
vor dem Hintergrund des 60-jährigen Bestehens, ein
Video, das gedreht worden ist. Auch das gibt es auf
DVD.
Wir werden gleich weitere Schwerpunkte setzen.
Wir werden über die „Domains of Life“ Näheres erfahren und darüber reden.
Wir haben jetzt eine relativ kurze Pause.
Willkommen zurück aus dieser – zugegeben zu
knapp bemessenen – Pause; das ist mir schon bewusst.
Jetzt wollen wir uns noch ein wenig genauer
anschauen, was Qualität des Lebens in der täglichen
Arbeit wirklich bedeutet. Gerade auch natürlich aus
der Sicht der Klienten. Was ergibt sich denn aus den
Antworten zu den verschiedenen Domänen, die kurz
schon angeklungen sind, die mit Hilfe der sogenannten „Personal Outcomes Scale“ ermittelt werden? Welche Unterstützungsmaßnahmen sind notwendig? Wie
kläre ich die jeweils unterschiedliche Note/Intensität.
Auch dazu gibt es inzwischen Methoden. Auch die
haben, so ist das nun mal, einen englischen Namen, in
diesem Fall: „Supports Intensity Scale“, also die Skala
der Unterstützungsintensität.
„Quality of Life – and the supports“ – dazu hören
wir jetzt Prof. Dr. James R. Thompson: Er ist Professor am Department of Special Education der Illinois
State University. Und er ist einer von denen, die ganz
zentral die Fackel aufgegriffen haben, die Bob Schalock
entzündet hat, und sie weitertragen.
Herzlich willkommen, schön, dass auch Sie heute
bei uns sind, Prof. Thompson!
| Prof. Dr. James R. Thompson:
Bevor ich beginne, möchte ich Gitta, Dieter,
Wolfgang, Frank, Manja und Udo für zwei Dinge danken. Zunächst einmal, dass sie mich hier ganz herzlich
willkommen geheißen haben.
Und zweitens für ihre Geduld und Nachsicht mit
meiner Aussprache, besonders wenn ich ihre Namen
ausspreche. Es ist meine erste Reise nach Deutschland. Und woran ich mich wohl immer erinnern
werde, ist die Freundlichkeit und Wärme, die diese
feinen Leute mir entgegengebracht haben.
Mein Vortrag heute wird sich darauf konzentrieren, wie Unterstützung letztendlich funktioniert im
Leben der Menschen, mit denen ich zu tun habe. Der
Fokus meiner Arbeit ist der, dass ich eine Behinderung nicht als ein Defizit eines Menschen betrachte,
sondern einfach als ein Zeichen dafür, dass eine
zusätzliche Unterstützung notwendig ist. Unterstützung, die sehr viele andere Menschen nicht brauchen.
Also, ich denke, bevor man über Unterstützung und
Unterstützungsbedürfnisse nachdenkt, sollte man sich
das Leben der Menschen genau anschauen. Ich gehe
davon aus, dass Sie diese Menschen, die ich Ihnen zeigen werde, nicht persönlich kennen. Aber jeder wird
Menschen kennen, die so ähnlich sind. Aber zunächst
beginne ich mit jemandem, den Sie ein bisschen kennen, ich beginne mit: mir! Nun, hier bin ich!
In meinem Leben brauche ich sehr viel an
Unterstützung und meine Familie unterstützt mich in
vielerlei Hinsicht. Welche Art der Unterstützung gibt
mir meine Familie? Nun, zunächst und hauptsächlich
brauche ich Menschen, die mich lieben. Menschen,
die mich daran erinnern, dass ich einen Wert habe
und dass ich wertvoll an ihrem Leben teilhabe. Ich
möchte mich nützlich fühlen und meine Familie gibt
mir einen Lebenszweck. Dr. Schalock sprach davon,
warum man morgens aufsteht. Ich habe Leute, denen
es wichtig ist, dass ich morgens aufstehe, und die
davon abhängig sind, dass ich morgens aufstehe.
Also, die emotionale Unterstützung ist eine
Schlüsselfunktion meiner Familie. Meine Familie bietet mir auch konstruktive Kritik, denn ich brauche
Menschen, die mir sagen, wenn ich mich irre, oder
die mir sagen, dass ich nicht wisse, was ich tue. Insbesondere meine drei Töchter im Teenageralter sind
ganz prima darin, mir zu zeigen, dass ich als menschliches Wesen nicht perfekt bin und mich immer
verbessern kann. Das ist also eine wichtige Unterstützungsquelle hier.
Fachtagung | Quality of Life – and the supports, Prof. Dr. James R. Thompson
37
Quality of Life –
and the supports
Prof. Dr. James R. Thompson,
Department of Special Education,
Illinois State University, USA
Prof. Dr. James R. Thompson
Meine Familie gibt mir tagtäglich substanzielle
Unterstützung (supports). In allen möglichen Aufgaben, die ich tagsüber erlebe oder die sie für mich
übernehmen. Sie kochen für mich, machen sauber, sie
kümmern sich um Rechnungen, die zu zahlen sind,
aber auch umgekehrt: Wir sind abhängig voneinander.
Ich brauche natürlich auch Menschen, die eine starke
emotionale Bindung zu mir haben. Das ist wichtig
dafür, dass ich glücklich bin. Es gibt einen Spruch, der
besagt, dass ein Elternteil immer nur so glücklich ist
wie das am wenigsten glückliche Kind. Und ich finde,
das stimmt wirklich. Natürlich sind solche Beziehungen auch etwas riskant. Der Schmerz eines anderen
wird zum eigenen Schmerz. Menschen können einen
enttäuschen. Für die meisten von uns ist es so, dass
die engsten Freunde und die Familienmitglieder sowohl im Guten wie im Bösen am nächsten sind.
Behinderte Menschen haben häufig nicht die
Möglichkeit, solche engen Beziehungen ihr ganzes
Leben durchgehend zu haben. Und ich denke, wenn
man solche Menschen persönlich nicht kennt, weiß
man gar nicht, wie wichtig diese Beziehungen für sie
sind und wie man diese Beziehungen aufbaut.
Die nächste wichtige Gruppe sind meine
Freunde. Ich habe viele verschiedene Freunde. Hier
sehen wir eine Gruppe, das sind meine Kumpel, die
ich seit 30–40 Jahren kenne. Wir sind zum ersten
Mal zusammengekommen, als wir zusammen an der
Universität waren. Und worin unterstützen sie mich
heute? In erster Linie haben wir Spaß miteinander.
Wir treffen uns und haben eine gute Zeit miteinander,
wir benutzen gegenseitig Kosenamen, um uns „zu
beleidigen“ – wir ärgern uns gegenseitig. Es gibt mir
die Möglichkeit, einen Teil meiner Persönlichkeit
auszuleben und Abstand zu nehmen vom Alltag. Ich
glaube, es gibt kaum jemanden, der diesen Teil meiner
Persönlichkeit so schätzt, wie diese Freunde. Natürlich sind Freunde aus der Kindheit anders als Freunde
von heute, als Erwachsener. Wenn ich ehrlich bin,
sind meine erwachsenen Freundschaften heute nicht
so wichtig für mich wie zu anderen Zeiten in meinem
Leben. Und die Unterstützung, die die Freunde geben,
ist nicht so intensiv. Das ist vielleicht gar nicht so selten in meinem Alter. „Stand by me“ ist einer meiner
Lieblingsfilme. Und da geht es darum, zu zeigen, dass
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Freunde in ein Leben hineinkommen und ein Leben
wieder verlassen, so wie Aushilfen in einem Restaurant. Aber ich hatte später nie wieder Freunde, wie
die, die ich mit zwölf Jahren hatte. Das ist der Zement,
auf den ich gebaut habe. Selbst im Alter von 54 Jahren
schätze ich meine Freunde, alle Arten von Freunden.
Ich habe unterschiedliche Freunde, neue und alte
Freunde. Welche, mit denen ich tagtäglich arbeite,
meine Arbeitskollegen, ich habe Freunde innerhalb
meiner Kirchengemeinde, ich habe Freunde, die ich
lange nicht gesehen habe, und ich habe internationale Freunde. Jede einzelne Freundschaft ist auf eine
bestimmte Art und Weise eine Unterstützung.
Glauben Sie, dass Menschen mit Behinderungen
Zeiten in ihrem Leben haben, wo es eine gute Idee
wäre, das Umfeld zu ändern, neue Freunde kennenzulernen, etwas Neues auszuprobieren? Welche Arten
von Freundschaften haben behinderte Menschen, die
Sie kennen? Wie können die Möglichkeiten, verschiedene Arten von Freundschaften zu haben, unterstützt
werden?
Ein anderes Unterstützungsmittel ist mein Auto,
eine technologische Unterstützung. Das Auto hilft
mir, zu Orten zu gelangen, wo ich sonst gar nicht
hinkäme oder nicht effizient genug, weil es zu lange
dauern würde. Wenn ich mich lediglich auf meine
körperlichen Möglichkeiten verlassen müsste, um mich
innerhalb meiner Gemeinschaft und außerhalb der
Gemeinschaft, in der ich lebe, zu bewegen, wäre ich
sehr begrenzt bezüglich der Orte, die ich erreichen
könnte. Es hat einige Monate gedauert zu lernen,
wie man Auto fährt, als ich jung war. Und meine
Umgebung musste geduldig sein mit mir, bis ich
gelernt habe, ein kompetenter und sicherer Fahrer zu
werden. Wo ich heute lebe, wäre es schwierig, ohne
dieses Unterstützungsmittel Auto zu leben. Eine Sache
bezüglich des Autos ist jedoch: Es ist nicht meine
bevorzugte Art der Unterstützung. Wenn ich meinen
Wünschen nachkommen könnte, hätte ich anstelle
eines Kia-Mini-Vans eine ganze Garage voll anderer
Autos. Vielleicht einen Mercedes. Aber ich habe
gelernt, dass es einen Unterschied zwischen dem gibt,
was man sich wünscht, und dem, was man benötigt.
Und man muss Kompromisse machen. Die Funktionen
dieses Autos sind, meine Familie und mich dahin
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zu bringen, wohin wir wollen, und es trifft unsere
Bedürfnisse. Es ist wichtig zu unterscheiden, ob Dinge
gewählt sind oder nicht. Ich kann mir keinen Mercedes leisten, außer ich würde vieles andere, was mir
wichtig ist, aufgeben. Kennen Sie Menschen mit Behinderungen, die Zugang zu Technologien brauchen?
Wenn ja, muss man ihnen beibringen, wie sie diese
Technologien nutzen? Wird es Zeit kosten, ihnen beizubringen, wie man diese Technologien benutzt? Und,
sind die Unterstützungen, die Menschen mit Behinderungen brauchen, die, die sie auch gerne hätten? Oder
müssen Kompromisse gemacht werden?
Eine weitere Unterstützung ist mein Automechaniker, den ich für seine Unterstützung bezahle.
Ich würde mir wünschen, dass ich ihn nicht bräuchte,
aber ich brauche ihn. Ich kann mein Auto nicht selbst
reparieren, wenn ich eine Panne habe, also muss
ich jemanden dafür bezahlen, dass er mich unterstützt. Also, das ist jetzt nicht wirklich etwas, wofür
ich gerne Geld ausgebe oder womit ich gerne Zeit
verbringe. Aber ich muss es tun. Selbst wenn diese
bezahlte Unterstützung nicht zu meinen bevorzugten
Unterstützungen gehört, weiß ich es zu schätzen, dass
es Leute gibt, die mir diese Unterstützung geben. Sie
machen mir das Leben leichter. In der Autowerkstatt
gibt es Kaffee und Wireless LAN umsonst. Sie fahren
mich zur Arbeit und holen mich wieder ab, wenn sie
an meinem Auto arbeiten. Kennen Sie Menschen mit
Behinderung, die bezahlte Unterstützung brauchen?
Und gibt es dort bezahlte Unterstützung, die die Menschen nicht wollen, aber wirklich brauchen? Ist die
bezahlte Unterstützung weniger ehrenvoll, weniger
bedeutsam?
Ein weiteres Beispiel für Technologie ist ein
Gerät, welches ich benötige für meine Arbeit. Der
Bedarf ist nicht verhandelbar. Noch weniger verhandelbar als das Auto. Ich brauche einen Computer, ich
brauche meinen Computer. Ich brauche ganz andere
Software als vielleicht so manch ein anderer, der den
gleichen Job macht wie ich. Ich arbeite mit einer
Menge Videos und Multimedia und ich arbeite auch
mit statistischer Software. Ich wäre sehr frustriert
gewesen, wenn mein Arbeitgeber den Computer
gekauft hätte, ohne Rücksprache mit mir gehalten zu
haben und ohne mich zu fragen, was ich alles mit dem
Computer machen muss. „One Size fits all“ (Eins/
einer passt für alle) – „was gut genug ist für alle, ist
gut genug für dich“ würde für mich in Bezug auf den
Computer nicht funktionieren. Kennen Sie Menschen
mit Behinderung, die eine Unterstützung benötigen,
bei denen aber wenig Anstrengung unternommen
wird, die Unterstützung zu individualisieren und an
ihre Bedürfnisse anzupassen? Wer hilft den Leuten
herauszufinden, was ihre technologischen Bedürfnisse
sind? Welche Kompromisse sind im Leben vernünftig
und welche Aspekte sollten nicht verhandelbar sein?
Eine weitere Unterstützung – Sie haben ihn
bereits kennengelernt – ist Bob Schalock. Er ist ein
Freund, aber eine andere Art von Freund als meine
Kumpel, die Sie auf dem anderen Bild gesehen haben.
Er ist ein Mentor. Ein Mentor zu sein, bedeutet, ein
vertrauensvoller Berater oder ein Ratgeber zu sein.
Ich kenne Bob schon lange und ich habe ihn bei der
Arbeit mit einer Menge Menschen gesehen. Er ist
wunderbar darin, den Menschen das Gefühl zu geben,
dass sie sehr wichtig sind. Er hat Recht damit. Er sieht
die Talente der anderen und die Menschen lieben es,
mit ihm zu arbeiten. Wenn er sieht, dass jemand Hilfe
benötigt, ist er immer da und hilft. Wir brauchen alle
Mentoren. Mentoren helfen uns, unsere Leidenschaften und unsere Talente zu fördern. Mentoren werden
angetrieben durch die Freude und die Erfüllung, die
sie haben, wenn andere Erfolg haben. Ich hatte viele
Mentoren in meinem Leben. Manche waren sehr
wichtig, manche waren nur im Kleinen wirksam, die
meisten halfen mir bewusst, andere zufällig. In der
Zeit als ich ein Special-Education-Teacher (Sonderpädagoge) war, war mein bester Mentor ein Kind mit
Down-Syndrom, das mich beraten und geführt hat. Es
hat mich sehr ermutigt in meiner Arbeit. Wenn ich
etwas richtig gemacht habe, hat es mich als Lehrer
„wachsen“ lassen. Kennen Sie das Gegenteil eines
Mentors? Ein „Tormentor“ (Peiniger). Ich möchte Eric
Liu für diesen Teil meine Anerkennung aussprechen.
Er hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Guiding
Lights: How to Mentor – and Find Life’s Purpose“,
in dem er über Mentoren und Tormentoren spricht.
Ebenso wie bei Mentoren können Menschen mit oder
ohne Absicht „tormented“ werden. Tormentors sind
die Leute in unserem Leben, die uns entmutigen, die
unsere Träume verhöhnen.
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39
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Manchmal sind sie unglücklich mit ihrem Leben,
weil sie einfach niemanden tolerieren können, der
glücklich ist. Wir brauchen Mentoren, die das Gegengewicht zu den Tormentoren in unserem Leben
sind. Kennen Sie Menschen mit Behinderungen,
die Mentoren brauchen? Kennen Sie Menschen mit
Behinderung, die von Tormentoren runtergezogen
werden? Ist es möglich, dass ein Tormentor einer sein
kann, der dafür bezahlt wird, einem Menschen mit
Behinderung zu helfen? Wie können wir in das Leben
von behinderten Menschen Mentoren bringen und die
Tormentoren loswerden?
Dann gibt es ein weiteres technisches Gerät, ein
Werkzeug, das mir hilft, meinen Kalender aktuell zu
halten und ein GPS hat: ein iPad. Natürlich kann ich
auch Spiele darauf spielen, Musik und Radio hören,
ich kann Bücher lesen und Filme ansehen. Es ist mehr
eine Unterstützung, die ich möchte, als eine, die ich
brauche. Ich hätte es wahrscheinlich gar nicht gekauft,
wenn ich nicht einen Freund gehabt hätte, der so ein
Gerät hat und mich es hat testen lassen. Kennen Sie
Menschen mit Behinderungen, die iPads oder andere
Tablet-Computer nutzen? Haben behinderte Menschen überhaupt die Chance, jemanden zu sehen, der
diese Geräte benutzt, und die Chance, es zu testen,
so wie ich die Gelegenheit dazu hatte? Um auszuprobieren, ob es für sie gut ist? Obwohl es wichtig ist,
zwischen „Wants“ (Wünsche) und „Needs“ (Bedürfnisse) zu unterscheiden, ist es nicht schön, wenn wir
nur einige Wants in unserem Leben haben können?
Es gibt eine weitere Unterstützung, die ich
nennen möchte. Für jeden, der im Bereich der
Weiterbildung/Training tätig ist und eine Idee davon
bekommen möchte, wie Quality of Life ankommt
bei jemanden, den sie trainieren, ist dies eine gute
Übung: Zeichnen Sie einen Kreis in die Mitte und
Kreise drumherum und lassen Sie die Leute über sich
selbst und die Supports nachdenken, die sie benutzen.
Es hilft uns, über Menschen mit Behinderungen auf
gleicher Ebene nachzudenken.
Die letzte Unterstützung ist ein Lebewesen, es
ist ein Hund. Mein Hund ist eine Unterstützung. Er
gehört zur Familie. Er ist von mir abhängig, doch
wir sollten nicht unterschätzen, wie wichtig es ist,
40
zum Glück eines anderen beitragen zu können. Die
Tatsache, dass ein Vierbeiner sich freut, wenn er mich
sieht, und von mir abhängig ist, macht mich glücklich.
Und ich weiß, ich habe einen Beitrag für das Leben
des Hundes zu geben. Mein Hund ist mein Freund, er
ist für den Spaß zuständig, er ist eine Quelle für gute
Geschichten und Lacher. Er ist ebenfalls eine Unterstützung für körperliche Übungen, denn diese spezielle Rasse muss täglich raus, sonst drehen sie durch. Ich
bin sonst gar nicht so sportlich, aber wenn mein Hund
wimmert und mir klarmacht, er muss raus, dann muss
ich mit ihm rausgehen. Und dadurch bekomme ich
auch meine Sporteinheit. Natürlich ist der Hund auch
eine Art soziales Hilfsmittel. Wenn wir in unserer
Gegend spazieren gehen, sprechen mehr Leute mit
dem Hund als mit mir und somit ist es eine Möglichkeit, Leute kennenzulernen. Ich kenne die Namen
aller Kinder aus der Nachbarschaft wegen des Hundes.
Also, kennen Sie Menschen mit Behinderung, die gerne ein Tier hätten, sich gerne um ein Tier kümmern
würden, aber nicht die Gelegenheit dazu bekommen?
Wenn Menschen nicht viel Familie oder viele Freunde
haben, entweder, weil es sich so ergeben hat oder
weil sie es so gewollt haben, würde ein Haustier dann
für sie vielleicht noch wichtiger sein?
Es gibt sicher noch sehr viel mehr Unterstützungen, die ich hätte nennen können. Aber das
soll jetzt mal reichen. Und wahrscheinlich habe ich
Ihnen mehr von mir erzählt, als Sie eigentlich wissen
wollten ...
Also, was können wir nun von diesen Unterstützungen in meinem Leben, die ich Ihnen hier gerade
dargestellt habe, lernen? Zum einen, dass Unterstützungen etwas Universelles und einzigartiges Persönliches sind. Jeder benötigt Supports, um in unserer
Welt funktionieren zu können. Wir leben in einer
voneinander abhängigen Welt: No man is an island.
Die Arten der Unterstützung, die ich hier dargestellt
habe – Familie, Freunde, ein Auto, ein Computer, ein
Mentor, ein iPad und ein Haustier –, sind etwa die
benötigten Unterstützungen, die jeder in diesem Raum
jeden Tag benutzt. Trotzdem sind sie speziell auf mich
abgestimmt. Niemand hat die gleiche Familie, die gleichen Freunde, das gleiche Auto. Und niemand wird
genauso von diesen Dingen und Menschen unterstützt
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wie ich. Deshalb ist es keine Raketenwissenschaft
herauszufinden, welche Unterstützungen Menschen
mit Behinderungen nützlich finden könnten.
Sie brauchen die gleichen Arten von Unterstützungen, die Sie und ich und andere benötigen. Sie
brauchen enge Beziehungen, Menschen, auf die sie
sich verlassen können, die sie unterstützen. Diese Beziehung muss immer in beide Richtungen gehen. Sie
brauchen Menschen, mit denen man lustige Sachen
machen kann, Maschinen, die ihnen helfen, in ihrer
Umgebung mobil zu sein und ihre Arbeit zu tun. Und
sie brauchen etwas kognitive Unterstützung, wie beispielsweise mein GPS, mein iPad oder die Kalenderanwendung, die mich erinnert, wenn ich einen Termin
habe. Sie brauchen Zugang zu Unterstützungen, die
ein Leben mit mehr Freude möglich machen, wie z.B.
einen Hund. Das heißt, Menschen mit Behinderungen
benötigen die gleichen Unterstützungen, wie der Rest
der Bevölkerung.
Dennoch gibt es Unterschiede: Menschen mit
Behinderungen haben intensivere Unterstützungsbedürfnisse. Sie brauchen vielleicht ähnliche Unterstützungstypen, aber quantitativ und qualitativ anders, als
die der sonstigen Bevölkerung. Die Beschaffenheit und
die Anzahl der Supports sind anders.
Ein Beispiel: Ein Mensch mit einer geistigen Behinderung braucht vielleicht einen für diesen Bereich
abgerichteten Hund und nicht einen Hund einfach
nur zum Spielen und Streicheln, wie ich ihn habe. Ein
iPad kann einem Menschen mit Behinderung anders
dienen als mir, und es kann ein sehr wichtiger Teil
der Kommunikation sein. Ein Mensch mit geistiger
Behinderung benötigt eventuell Hilfe, um Freunde
zu finden, und bei der Planung, mit ihnen etwas zu
unternehmen. Deshalb benötigen Menschen mit einer
geistigen Behinderung Zugang zu kreativen Denkern
und Problemlösern. Man kann den Unterschied in den
Unterstützungsbedürfnissen sehen, wenn man die Lücke („Gap“) zwischen der Kompetenz des Menschen
und den Dingen, die der Mensch tun möchte, und den
Orten, an denen die Person sein möchte, untersucht,
um dann brauchbare Lösungen zu finden, die eine
bedeutungsvolle Teilhabe und eine hohe Qualität des
Lebens fördern. Dies ist, was Supports sind: brauchbare Lösungen.
Eine weitere Lehre, die man ziehen kann, ist,
dass Unterstützungsbedürfnisse und -systeme sich
im Laufe der Zeit ändern. Die Unterstützungen, die
ich heute habe, sind nicht die gleichen wie vor zehn
Jahren. Und sie sind noch anders als die, die ich vor
20 Jahren hatte. Sie sind extrem anders als die, die
ich vor 30 Jahren hatte. Unterstützungen sind nicht
statisch, sie sind dynamisch. Wir brauchen Unterstützungen im gesamten Lebensprozess. Die Arbeit,
die Unterstützungsbedürfnisse zu verstehen und sie
aufzubauen und zu adressieren, ist nie zu Ende.
Ich möchte ehrlich zu Ihnen sein: Mein Leben
ist momentan ziemlich „ordentlich“. Trotzdem gibt
es Dinge, die mich wahnsinnig oder traurig machen.
Aber ich bin nicht hergekommen, um mich zu beklagen, denn ich fühle mich eigentlich sehr glücklich,
sehr gesegnet. Und ich kann Ihnen versichern, dass,
wenn wir die Uhr zurückdrehen würden, ich selbst
und jeder hier im Raum Zeiten in unserem Leben hatten, wo alles nicht so „ordentlich“ war, wie es heute
ist. Da gab es Zeiten meines Lebens, wo ich andere
Supports benötigte. Und wenn ich die Uhr vordrehen
würde, weiß ich, dass ich Zugang zu wieder anderen
Supports und neuen Supportsystemen benötigen
werde, welche die, die ich heute nutze, nicht nur in
ihrer Bedeutung ersetzen werden. Ich denke, wenn
ich älter werde, wird sich mein Gesundheitszustand
verändern, und Ärzte, Medizin und Krankenpfleger
werden deutlich wichtiger für mich werden. Meine
Lebensbedingungen, meine Interessen werden sich
ändern. Die Unterstützer, die ich heute um mich habe,
sind vielleicht dann nicht mehr bei mir. Also, die
Unterstützungsbedürfnisse ändern sich mit der Zeit
für mich, für Sie und natürlich auch für Menschen mit
Behinderung.
Ich werde Ihnen gleich die sozialen Netzwerke
einiger Freunde von mir mit einer geistigen Behinderung vorstellen. Jeder einzelne dieser Menschen hat
ein Leben, das sich im Prozess befindet, mit funktionierenden Unterstützungen, die dazu führen, dass er
ein bedeutungsvolles Leben mit hoher Qualität des
Lebens, ein würdevolles Leben hat.
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Natürlich ist es kein „perfektes“ Leben oder
frei von Ängsten. Aber bevor ich sie Ihnen vorstelle,
möchte ich den Unterschied zwischen Unterstützung
und Unterstützungsbedürfnissen und einem aktiven
und erfüllten Leben darstellen.
Hier sind einige Definitionen. Unterstützungsbedürfnisse sind eine Art psychologisches Konstrukt, in
Bezug auf die Muster und die Intensität von Unterstützung, die erforderlich sind im Zusammenhang mit
den Aktivitäten im normalen menschlichen Bereich.
Unterstützungsbedürfnisse liegen in der Person selbst.
Die „Supports Intensity Scale“ als Werkzeug, an der
ich mit Bob und anderen gearbeitet habe, ist eine
Skala für die Intensität der Unterstützungen, die individuell erforderlich sind. Unterstützungen befinden
sich außerhalb der Person. Es sind Ressourcen und
Strategien, die die Entwicklung, Bildung, Ausbildung,
die Interessen und das Wohlbefinden einer Person
fördern und unterstützen und die individuelle Funktionsweise fördern.
Menschen mit Behinderungen sind anders als
Menschen ohne Behinderung, denn sie erfordern
mehr und andere Formen von Unterstützung, damit
sie am Alltag teilhaben können.
Zur Planung möglicher Unterstützungen ist es
nützlicher und zweckmäßiger, die Person mit ihren
Unterstützungsbedürfnissen zu verstehen, anstatt sie
Abb. 9
Die Lücke überwinden
auf dem traditionellen Weg, auf Grundlage ihrer Defizite, einer Ideologie oder Ähnlichem zu beurteilen.
Die Anforderungen der Umwelt: Was erwartet
die Welt von Ihnen? Was müssen Sie tun, um in
Ihrem Umfeld leben zu können und teilzuhaben? Das
bestimmt sich durch Ihre Situation und durch die
Aktivitäten, an denen Sie teilhaben. Bei Menschen
ohne Behinderung ist die persönliche Kompetenz
ziemlich stark an die Anforderungen der Umwelt angepasst. Aber bei Menschen mit Behinderungen klafft
hier eine Lücke („Gap“). Die persönliche Kompetenz
kann durch die Intelligenz, durch die Gesundheit oder
durch problematisches Verhalten beeinträchtigt sein.
Ausgehend von dieser Unterstützungsorientierung
können wir sagen, dass es zwischen der Umwelt
und der persönlichen Kompetenz von Menschen mit
Behinderung eine Lücke gibt,.
Wie kann diese Lücke überwunden werden?
Durch personenbezogene Unterstützung!
Hier kommt mein Witz des Tages: Wir müssen
von unseren britischen Freunden lernen, wo in jeder
U-Bahn gesagt wird: „Please mind the gap!“ (Bitte
beachten Sie die Lücke zwischen der U-Bahn und dem
Bahnsteig.) Wir müssen aufpassen, dass keiner in diese Lücke fällt, dass jeder aufpasst. Es geht also darum,
dass eine nützliche „Brücke“ gebaut wird (Abb. 9).
Anforderungen an die Umwelt
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Achtung Lücke
MIND THE GAP
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Persönliche Kompetenz
42
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b
Pro
Einer meiner Studenten namens Wiley hat über
das Thema menschliche Leistung gesprochen und
hierbei die menschlichen Leistungen unterschiedlichen Faktoren zugordnet. Er sagte auch, dass man
Organisationssysteme benötigt, z. B. Gesetze, um
Rechte einzuhalten, kognitive Unterstützung, Anreize,
Mittel und Instrumente. Man braucht die Organisation
des physischen Umfelds, damit es angenehm ist. Man
braucht Fertigkeiten, Wissen und es ist erforderlich,
die angeborenen Fertigkeiten zu nutzen. Wenn wir
uns die menschliche Leistungsfähigkeit ansehen, dann
gibt es für alle möglichen Leistungsarten die Möglichkeit, die jeweilige Listung durch Unterstützung zu
verbessern. Das Unterstützungsmodell passt sich also
in der Regel den Modellen der Organisationspsychologie an.
Ich möchte gerne, dass Sie über Folgendes
nachdenken: Wir alle möchten nicht, dass Menschen
nur Leistung zeigen, dass sie nur bestimmte Rollen
erfüllen („performen“). Sondern wir wünschen uns,
dass sie ein erfülltes Leben haben.
In Bezug auf das Leben zu Hause braucht der Performer nur einen Schutz. Der erfüllte Mensch braucht
ein zu Hause. Ein Performer geht aus dem Haus und
bewegt sich im Umfeld, um nur das zu tun, was in der
Gemeinschaft gerade nötig ist. Eine erfüllte Person ist
ein aktives Mitglied in einer vernetzten Welt. Sie kennen die anderen in der Gemeinschaft und die anderen
kennen sie. Für Performer sind Lernziele definiert.
Erfüllte Menschen haben Lernziele, die sie nach ihren
Interessen auswählen. Ein Performer tut seine Arbeit,
eine erfüllte Person leistet einen Beitrag. Der Performer versucht, Risiken und Fehler zu minimieren. Ein
erfüllter Mensch will Chancen annehmen und aus
möglichen Fehlern lernen. Ein Performer hat Bekanntschaften, eine erfüllte Person Freunde. Ein Performer
richtet sich nach Gesetzen und Regeln, eine erfüllte
Person ist „sein eigener Held“, er verteidigt seine
Rechte und weiß, dass es eine Zeit gibt, in der man
nimmt, und eine, in der man gibt, sowie eine, um zu
verhandeln und einen Kompromiss einzugehen.
Abraham Maslow war ein Psychologe, der postulierte, dass Menschen eine Hierarchie der Bedürfnisse haben (Abb. 10). Im Bereich der Menschen
mit Behinderung haben wir uns immer nur mit den
„Grund“-Bedürfnissen befasst, wie physiologische
Bedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse oder ob man sich
irgendwelchen Gefahren aussetzt. Soziale Bedürfnisse
und Anerkennungsbedürfnisse waren traditionell nie
im Mittelpunkt der Dienstleistungen, die für diese
Menschen erbracht wurden. Meine „Botschaft“ heute
ist, dass diese sozialen Bedürfnisse ebenso in Betracht
gezogen werden müssen. Nun möchte ich Ihnen Kurt
vorstellen, einen Jungen aus meiner Gemeinde. Er hat
ein Down-Syndrom und lebt mit seinen Eltern, seinem
Bruder und seinen beiden Schwestern zusammen.
Abb. 10
Sind die für Menschen
mit ID bereitgestellten
Unterstützungen begrenzt auf ein niedriges
Level menschlicher
Bedürfnisse?
Erinnern Sie sich an Maslow?
Selbstverwirklichung
SelfActualization
Anerkennungsbedürfnisse
Esteem Needs
Social Needs
Soziale Bedürfnisse
Sicherheitsbedürfnisse
Safety Needs
Physiological Needs
Physiologische
Bedürfnisse
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Prof. Dr. James R. Thompson,
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Wie in allen Familien sind die Familienmitglieder die größte Unterstützung für Kurt. Sie managen
alle Bereiche der Maslowschen Pyramide, ohne sie
aufgeschrieben und beschrieben zu haben. Kurt erfüllt
ihre Anforderungen in Bezug auf Liebe und Zugehörigkeit. Kurts Mutter ist seine hauptsächliche Lehrerin
und seine wichtigste Fürsprecherin, Person. Sie war
Sonderpädagogin, bevor sie die Pflege von Kurt übernahm. Dadurch weiß sie sehr genau, was die Schule
für Kurt machen sollte. Sie hat sehr großen Respekt
vor den Pädagogen, die ihr Bestes tun und ihre Herzensangelegenheit vorwärtsbringen.
Kurts Vater ist der beste Freund von Kurt. Sie
haben eine spezielle Beziehung und machen sehr viele
spaßige Dinge zusammen. Kurt nennt die gemeinsame
Zeit mit seinem Vater „Männer-Zeit“. Kurt ist ein ganz
lieber und netter Junge, aber wie alle Kinder, kann
auch er unartig sein. Wenn es ein Motivationsproblem
gibt in der Schule oder wenn es andere Stolpersteine
gibt. Die „Aussicht“, weniger Zeit mit seinem Vater
zu verbringen, ist ein riesiger Motivationsfaktor, an
seinem Verhalten zu arbeiten. Seine große Schwester
und der kleine Bruder gehen toll mit ihm um. Die Familie hat kürzlich noch eine jüngere Schwester adoptiert, die auch Down-Syndrom hat. Kurt hat sehr viel
Freude daran, ihr großer Bruder zu sein. Also, Kurt ist
sehr glücklich, denn er hat eine großartige Familie.
Jeder professionelle Mitarbeiter sollte beachten, dass
die Arbeit familienzentriert ist. Denn seine Familie ist
seine dauerhafte Unterstützung und gibt ihm Kraft.
Professionelle Anstrengungen sollten immer die Familien als Partner sehen.
An dieser Stelle zeigt Prof. Thompson einen
Videoclip zu „Kurt“.
Also, in diesem kurzen Video haben Sie gesehen,
dass die Familie ihm eine Kommunikations-Unterstützung gegeben hat. Die Familie hat ihn ermutigt, ein
Risiko einzugehen (zu wagen, vom Klettergerüst in
den Schnee zu springen, was Kurt schließlich auch
zum ersten Mal wagt und was ihm gut gelingt). Sie
belohnen ihn dafür, dass er ein Risiko eingeht ... sie
unterstützen ihn mit Liebe. Jeder tut dies auf seine
eigene Weise. Sie versuchen, ihn zu motivieren, ein
Risiko einzugehen und seine Fähigkeiten auszuschöpfen. Das ist das, was die Familie jeden Tag tut.
44
Kurt geht in eine Schule in Illinois. Hier sieht
man ihn mit seinen Lehrern der dritten Klasse. Er
wird unterstützt von einem normalen Lehrer. Und er
ist in der Klasse vollständig inkludiert. Es gibt nur eine
kurze Zeit am Tag, in der er aus dem Klassenverbund
herausgenommen wird, um speziellen Leseunterricht
zu bekommen. Eine Menge der Kinder gehen jeden
Tag zu einem bestimmten Zeitpunkt aus der Klasse,
um andere Kurse zu besuchen. Somit ist dies nichts
Ungewöhnliches.
In der Mitte sehen Sie die Sonderpädagogin. Sie
ist als Co-Lehrerin mit in der Klasse. Normalerweise
ist sie beratend tätig. Das heißt, sie berät dahingehend, wie Stunden und Unterrichtseinheiten angepasst werden können. Kurt benötigt einige Anpassungen im Klassenraum. Auf der linken Seite haben wir
eine Assistenzperson Für die Lehrerin, die Kurt in der
Klasse hilft. Sie hilft aber auch allen anderen Kindern
in der Klasse. Sie schwirrt also nicht den ganzen Tag
wie ein Satellit um Kurt herum.
Kurt ist ein Pionier in seiner Schule, denn die
Schule war nicht darauf vorbereitet, Kinder mit DownSyndrom aufzunehmen. Normalerweise wäre er in einem speziellen Klassenzimmer durch einen speziellen
Pädagogen unterrichtet worden. Aber die Eltern an
dieser Schule waren in der Lage, die Anforderungen
zu lösen, und sind zu der Schlussfolgerung gekommen,
dass diese Umgebung in der Klasse die beste für ihn
ist. Seine Mutter betont, dass alle drei Lehrer große
Erwartungen an Kurt haben. Dies ist also nicht ein Fall
von jemandem, der in einer Klasse ist, sondern Kurt
ist Teil seiner Klasse. Kurt macht genau dasselbe wie
andere kleine Jungen, nur mit etwas Unterstützung.
Wenn es nicht die Schule ist, die unterstützt, dann ist
es die Technik, die Kurt unterstützt. Seinen Computer
nutzt er, weil er Schwierigkeiten hat, zu schreiben,
und die Tafel nicht richtig lesen kann. Aber er hat
sehr schnell gelernt, wie man eine Tastatur benutzt
und deshalb kann er jetzt die meiste Arbeit an seinem
Computer machen. Auch das Edmark-Leseprogramm
ist ein zusätzliches Softwareprogramm, das Kurt
geholfen hat, lesen und schreiben zu lernen, denn die
traditionelle Lernmethode war nicht sehr erfolgreich.
Wie bei allen guten Sonderpädagogen üblich, sind
Fachtagung | Quality of Life – and the supports, Prof. Dr. James R. Thompson
Aufzeichnungen über seinen Lernfortschritt gemacht
worden. Und als die Aufzeichnungen zeigten, dass
er nicht lernt, haben sie neue Dinge ausprobiert. Bei
ihm hat das Edmark-Leseprogramm funktioniert. Er
benutzt es in der Schule und zu Hause. Und obwohl
er nicht auf hohem Niveau lesen kann, kann er es
dennoch und der Zugang zur Welt der Literatur und
der Computer steht ihm nun offen.
Zweifelsfrei kann ich sagen, dass er ohne
Sprachtherapie überhaupt nicht sprechen könnte. Wir
schauen hier auf jemanden, der schon eine sehr lange
Reise hinter sich gebracht hat. Auf jemandem, der
künstlich ernährt werden musste und komplett ohne
Sprache war und sich zu diesem wundervollen Jungen
entwickelt hat, der essen kann und sich gerne mit
Ihnen unterhält.
Das nächste Bild zeigt eine Sprachtherapeutin
von Kurt – Dana. Sie begann mit Kurt zu arbeiten,
als er noch drei Monate alt war. Eigentlich arbeitete
sie mit ihm, weil er, bedingt durch Atemprobleme,
auch Essprobleme und weitere hatte. Wenn er keinen
Sprachtherapeuten gehabt hätte, und daran habe ich
keinen Zweifel, würde er heute teilweise über eine
Sonde ernährt. Seine Gesundheit und Ernährung
wären nicht andeutungsweise so gut, wie sie es jetzt
sind. Zunächst hat sie mit ihm daran gearbeitet, zu
essen, zu kauen und seine Mundmuskulatur unter
Kontrolle zu bringen. Danach hat sie an der Sprache
gearbeitet. Kurt könnte heute mit Ihnen sprechen.
Man muss beim Zuhören etwas geduldig sein, aber er
kann sprechen.
Das zweite Beispiel, das ich Ihnen zeigen wollte,
ist eine Erwachsene mit dem Namen Beth (Abb. 11).
Sie liebt Hunde, genau wie ich. Ich glaube nicht,
dass wir Zeit genug haben, uns ihre Videos anzusehen. Also erzähle ich Ihnen etwas über sie. In dem
Video, was wir überspringen mussten, spricht sie über
ihren Hund und die Dinge, die sie mit ihrem Hund
macht. Die Menschen um sie herum und in ihrem
Appartement kennen sie als Hundeliebhaberin. Dies
ist ihre Familie, bei der sie lebte. Vor kurzem ist sie in
ihre eigene Wohnung umgezogen. Zwar ist das in der
Nähe ihrer Eltern und sie kann sie noch häufig sehen,
aber sie war sehr stolz, dass sie in der Lage war, in ein
eigenes Appartement zu ziehen.
Abb. 11
Meet Beth
Fachtagung | Quality of Life – and the supports, Prof. Dr. James R. Thompson
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Natürlich gibt es Betreuer, die immer wieder nach
ihr sehen. Sie lebt mit ihrer Mitbewohnerin zusammen, die ebenfalls eine Behinderung aufweist. Sie leben beide ziemlich unabhängig. Dies alles sind Freunde von Beth. Die Freundin hat auch eine Behinderung.
Sie helfen sich gegenseitig mit ihren Hunden, wenn
sie im Urlaub sind zum Beispiel. Es ist wahrscheinlich
ihre beste Freundin. Sie wurde auch als Studentin
aufgenommen. Das Mädchen mit der Sonnenbrille ist
eine Freundin aus frühester Jugend. Beth kann zwar
weder schreiben noch lesen, aber sie hält Kontakt mit
ihr durch E-Mails. Durch die technischen Hilfsmittel
eines Spracherkennungssystems kann sie ihr täglich
Nachrichten schreiben, denn ihre beste Freundin ist
aus der Stadt weggezogen. Sie sind sehr gute Freunde
und machen alle möglichen Dinge zusammen. Sie
planen ihre eigenen Ausflüge. Eine Sache, die sie gerne machen, ist – sie leben in der Nähe von Chicago,
Illinois –, dass sie den Zug nach Chicago nehmen.
Es wäre nicht sicher genug für die beiden, wenn
sie auf sich gestellt den Zug nehmen würden, denn es
ist ein verwirrendes System. Aber es gibt Betreuer, die
mit ihnen reisen. Der Punkt dabei ist, dass Beth und
ihre Freundin ihre Ausflüge alleine planen und nur
durch die Betreuer unterstützt werden. Sie sind also
nicht darin begrenzt, nur den Aktivitäten zu folgen,
die die Betreuer für sie planen.
Abb. 12
Welche Informationen
stellt SIS zur Verfügung?
Beth arbeitet in einer Schulcafeteria an einer
High-School. Sie arbeitet fünf Stunden am Tag an
fünf Tagen in der Woche. Sie hatte zu Beginn einen
Job-Coach, der sie begleitet hat, mit ihr gearbeitet hat,
um sie anzuweisen. Heute braucht sie diesen JobCoach nicht mehr. Sie ist einfach Mitarbeiterin dieser
Cafeteria und wird genauso bezahlt wie die anderen
Mitarbeiter auch.
Dies sind Bilder aus ihrer Vergangenheit. Hier
sind Bilder von einer Betreuerin, die sie früher hatte,
als sie noch zu Hause lebte. Jetzt ist die Frau aber
keine bezahlte Betreuerin mehr, sie wird nicht mehr
benötigt. Trotzdem treffen Beth und sie sich hin und
wieder. Manchmal verändert sich auch die Beziehung – von einer bezahlten Betreuerin zu einer guten
Freundin.
Lassen Sie mich in Bezug auf die Beispiele
zusammenfassen: Supports sind ihre Mentoren, ihre
Freunde, Werkzeuge und Strategien.
Freunde, Werkzeuge und Strategien. Sie stellen
sicher, dass die grundlegenden Bedürfnisse, d. h.
Essen, Trinken und Wohnen, erfüllt werden. Sie sind
mehr oder weniger auch die Grundlage für die weitere
Entwicklung. Kurt konnte z.B. dadurch entdecken,
dass er sportlich ist. Beth halfen sie herauszufinden,
dass sie Tiere liebt.
•A
bschnitt 1 benennt eine Reihe von Lebensaktivitäten, bei denen die Unterstützungsbedürfnisse einer Person hinsichtlich der Frequenz,
der Dauer und des Typs eingeteilt werden.
•A
bschnitt 2 fördert die Berücksichtigung von
Unterstützungsbedürfnissen hinsichtlich Schutz
und Fürsorge.
•A
bschnitt 3 identifiziert außergewöhnliche
Unterstützungsbedürfnisse bezogen auf medizinische und verhaltensbedingte Belange.
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Patty van Belle mit Gitta Bernshausen
Sie können helfen zu entdecken, dass man ein
Künstler oder Poet ist. Sie befähigen Menschen, sie
geben ihnen eine Bedeutung, sie geben ihnen den
Grund dafür, morgens aufzustehen. Supports kämpfen
gegen Einsamkeit und das Gefühl, nutzlos zu sein.
Supports zu finden und zu organisieren erfordert
Problemlösungsstrategien. Dafür braucht man kreative
Menschen. Dafür müssen Prioritäten gesetzt werden: Was wichtig für die eine Person ist, muss nicht
unbedingt auch wichtig sein für eine andere. Und
schließlich: Es ist eine niemals endende Suche, es ist
eine Richtung.
Ich habe daran mitgearbeitet die „Supports Intensity Scale“ zu entwickeln. Frank hat mich gebeten,
dies zu erwähnen. Ich mag Frank und Frank mag
mich. Also, dies ist für dich, Kumpel: Die „Supports
Intensity Scale“ (SIS) ist eine standardisierte Skala,
um die Unterstützungsmaßnahme fair, zuverlässig
und validiert zu bewerten (Abb. 12). Die SIS ist dafür
gedacht, in Kombination mit einem individuellen
Unterstützungsplan verwendet zu werden, damit die
Bedürfnisse und Wünsche behinderter Menschen
möglichst direkt in die Arbeit einfließen können. An
den Aktivitäten, die aus dem Verfahren mit der SIS
generiert werden, sollte jede Person direkt und mit
den entsprechend notwendigen Supports beteiligt
werden. Wenn die Beteiligung der Person gelingt,
kann etwas Wertvolles entstehen: Menschen werden
ambitioniert, beginnen zu träumen. Etwas, was bisher
außer Reichweite schien, kommt nun in den Bereich
der Möglichkeiten! Es ist notwendig, wie ich schon
ausgeführt habe, nie den Kontext aus den Augen zu
verlieren, in dem eine Person lebt. Das bringt mich
jetzt zum Ende meiner Präsentation. Ich hoffe, sie war
nicht zu lang.
Vielen Dank.
| Tom Hegermann:
Vielen Dank, Herr Prof. Thompson, für Ihren Vortrag. Mit Blick auf die Uhr haben wir leider keine Zeit
mehr für Fragen an dieser Stelle. Das heißt auch, dass
ich Ihnen jetzt nicht wieder drängend zu nahe treten
muss, um Sie zu bitten.
Supports befähigen Menschen, sie geben Bedeutung und Gründe, morgens aufzustehen.
Für Supports braucht man Organisation und
kreative Menschen.
Herzlichen Dank, Jim Thompson.
Nun haben wir ja, meine Damen und Herren,
heute eins schon begriffen. Dass es ein internationales
Thema ist. Wir haben ja auch internationale Gäste. Es
ist sehr wichtig, sich über die Grenzen hinweg auszutauschen und über seine Erfahrungen zu sprechen.
Wir werden heute Nachmittag ja noch aus Belgien Jos
van Loon bei uns haben. Er arbeitet unter anderem
für eine Organisation aus den Niederlanden, die heißt
Stichting Arduin. Sie kümmert sich in der Region
rund um Middelburg um Menschen mit kognitiven
Beeinträchtigungen. Zu dieser Organisation gehört
auch Patty van Belle, die sie leitet. Sie wollte jetzt kurz
noch vorbeikommen und hat uns etwas mitgebracht.
Was haben Sie uns mitgebracht?
| Patty van Belle
Ja, das erzähle ich später. Ich wollte Gitta
und Wolfgang gratulieren für diesen wunderbaren
Kongress. Es ist sehr schön, miteinander über die
Qualität des Lebens und das Change Management zu
reden. Können Sie nach vorne kommen? Ich wollte
ein Geschenk überreichen. Es ist ein symbolisches
Geschenk. Es ist ein Zuhause, kein Haus, aber eine
Wohnung. Es ist der Anfang der Qualität des Lebens
und ich bin sehr stolz und froh über unsere Zusammenarbeit in der Personal Outcome Scale und ich
freue mich auch auf weitere Entwicklungen. Danke
sehr für die Einladung, und dass wir hier sein können.
Ich wünsche dir und auch jedem hier sehr viel Erfolg
und auch Spaß. Weil Spaß braucht man, um die Energie zu haben, dass alles zu ändern.
Fachtagung | Quality of Life – and the supports, Prof. Dr. James R. Thompson
47
| Tom Hegermann:
Das passt ja im Grunde zu dem, was wir gerade
von Prof. Thompson gehört haben. Auch das ist jetzt
gerade Support: eine Form von Unterstützung für weitere Arbeit und Zusammenarbeit auf ganz, ganz vielen
Ebenen. Ich glaube, so etwas tut auch ganz gut.
Frau Bernshausen, das ist auch wichtig, dass man
sich kennt, miteinander arbeitet, voneinander lernt
und auch emotional Spaß miteinander hat.
| Gitta Bernshausen:
Ich glaube, das ist ein Teil dieser wunderbaren
Entwicklung, die wir zusammen durchmachen oder
durchleben oder auch gestalten können. Seit einigen
Jahren haben wir eine ausgesprochen gute Kooperation mit der Stichting Arduin.
48
Wir forschen, wir diskutieren, wir streiten, aber
wir haben auch ganz viel Spaß miteinander. Ich hoffe,
und ich gehe davon aus, dass dies der Beginn oder
auch die Weiterführung einer einer sehr erfolgreichen
Kooperation ist. Wir haben viel voneinander gelernt.
Ganz herzlichen Dank für Eure Teilnahme.
Ich glaube, wir können eine Menge mitnehmen. Ganz
herzlichen Dank!
| Tom Hegermann:
Ich entlasse Sie jetzt zur Mittagspause und
wünsche Ihnen erstens guten Appetit und zweitens
spannende Gespräche. Um 14 Uhr geht es hier im
Plenum weiter. Bis dahin.
Fachtagung | Quality of Life – and the supports, Prof. Dr. James R. Thompson
Prof. Dr. Jos van Loon, Manager Stichting Arduin in Middelburg, Niederlande,
Department of Special Education, Universität Gent, Belgien
Persönliche Ergebnisqualität
messen, sichern, steigern –
Organisationsstrategien,
Leitlinien und Praxisbeispiele
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Persönliche Ergebnisqualität messen,
sichern, steigern – Organisationsstrategien,
Leitlinien und Praxisbeispiele
Prof. Dr. Jos van Loon, Manager Stichting Arduin in Middelburg,
Niederlande, Department of Special Education,
Universität Gent, Belgien
| Tom Hegermann:
Meine Damen, meine Herren, ich freue mich,
dass Sie so zahlreich an diesem Freitagnachmittag
wieder dabei sind. Das ist für solche Veranstaltungen
nicht selbstverständlich. Insofern ist das der Beweis,
dass Sie alle noch mit großem Interesse dabei sind.
Bevor wir inhaltlich fortfahren, noch zwei wichtige formale Dinge: Ich möchte an dieser Stelle einmal
Dank sagen. Nämlich zwei Personen, die bei solchen
Veranstaltungen gerne vergessen werden, obwohl sie
eine Wahnsinns-Arbeit machen. Die werden auch deshalb gerne vergessen, weil sie in so kleinen Kabinen
weggeschlossen werden, die in diesem Fall oben auf
der Empore stehen. Und das sind die Dolmetscher, die
uns heute viel geholfen haben. Herzlichen Dank!
Dann möchte ich Sie darauf aufmerksam machen,
dass in Ihren Tagungsunterlagen natürlich auch ein
Feedback-Bogen liegt, den wir Sie bitten, auszufüllen.
Diesen können Sie am Ende einfach auf Ihren Plätzen
liegen lassen – bitte ausgefüllt.
Herzlichen Dank!
So, meine Damen, meine Herren, wir haben uns
für den Nachmittag noch eine Menge vorgenommen.
Jetzt wollen wir uns zunächst ganz konkrete Erfahrungen anschauen. Vor allem solche, die mit der Personal
Outcomes Scale gemacht worden sind, mit der die individuelle Qualität des Lebens gemessen werden soll.
Einer derjenigen, der die entsprechenden Domänen, so heißt das, und die Fragen dazu gemeinsam mit
Prof. Schalock in mehrjähriger Arbeit entwickelt haben, ist Jos van Loon. Er ist Professor am Department
of Special Education an der Universität Gent in Belgien, weswegen ich ihn vor der Pause fälschlicherweise
zum Belgier gemacht habe. Aber er ist Niederländer
und Manager bei der Stichting Arduin in Middelburg.
Wir haben die Organisation ja schon kennengelernt.
Sie unterstützt Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Und obendrein gehört er auch dem wissenschaftlichen Beirat des Sozialwerks St. Georg an. Er
stellt uns jetzt Organisationsstrategien, Leitlinien und
Praxisbeispiele dazu vor, wie man persönliche Ergebnisqualität messen, sichern und steigern kann. Und
direkt daran anschließend wollen wir so ein bisschen
über all das reden, nämlich mit Klienten des Sozialwerks St. Georg.
50
Prof. Dr. Jos van Loon
Jetzt zunächst der Niederländer Jos van Loon.
Herzlich willkommen!
| Prof. Dr. Jos van Loon
Ich freue mich, dass ich heute hier stehen kann,
und bedanke mich für die Einladung. Wie Sie hören,
werde ich versuchen, Deutsch zu reden. Das ist nicht
einfach für mich und das wird dann auch nicht so
perfekt sein. Ich hoffe, das nehmen Sie mir nicht übel.
Ich sage immer, mein Deutsch ist das Deutsch von
Tatort und Horst Schimanski. Und das sind keine Fachkollegen, so dass gewisse Wörter nicht immer einfach
sind. Aber wir versuchen es.
Ich arbeite, wie Tom gesagt hat, bei Stichting
Arduin, eine Foundation. Sie war bis 1995 eine Institution mit 360 Bewohnern auf einem Campus, auf
einem Terrain, mit Menschen mit geistiger Behinderung. In der Zeit hat man gesehen, dass die Qualität
der Betreuung nicht gut war. Eltern haben darüber
geredet, sie haben ein Schwarzbuch geschrieben, das
Personal war nicht zufrieden, Klienten haben es zwar
nicht gesagt, aber wir haben gesehen, dass sie nicht
zufrieden waren. Da haben wir von 1995 an einen
neuen Weg eingeschlagen und jetzt ist Arduin eine
Institution, die ganz deinstitutionalisiert ist. Unsere
Klienten wohnen in normalen Wohnungen. Wir haben
etwa 158 Wohnungen, aber das kann auch mehr oder
weniger sein, da es abhängt von der Definition, was
eine Wohnung ist. Aber in ganz normalen Wohnungen in vielen Städten, in vielen Gemeinden, in der
ganzen Provinz Zeeland. Ich glaube, dass viele Leute
von Ihnen schon einmal in Zeeland am Meer gewesen
sind und vielleicht auch etwas von Arduin gesehen
haben. Arduin hat eine Tagesstättenzulassung für 71
Klienten und eine Kindertagesstättenzulassung. Aber
die Kinder, die 20 Kinder, die in der Tagesstätte sind,
die kommen nicht in eine Sonderschule, sondern sie
gehen in normale Schulen und bekommen Unterstützung von Arduin, inklusiven Unterricht, so wie
Jim Thompson es gezeigt hat mit Kurt. Wir haben
ungefähr 1200 Mitarbeiter und wichtig ist auch, dass
jeder Klient vollwertige Arbeit in Form einer VollzeitTagesbeschäftigung hat. Dafür haben wir mehr als 35
Betriebe und zehn Tageszentren. Aber sie alle leben
„normal“ in der Gesellschaft. Sie leben nicht auf
einem Gelände, sie sind meistens innerhalb der Zentren
Fachtagung | Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern, Prof. Dr. Jos van Loon
in kleinen Städten, die wir in Zeeland haben. Wichtig
ist auch in unserer Organisation die Akademie für
die Qualität des Lebens, wo Klienten und Mitarbeiter
sehr viele Kurse bekommen. Die Organisation hat von
95 an eine Entwicklung durchgemacht, die auf eine
Paradigmen-Verschiebung zurückzuführen war. Wichtige Themen in der Paradigmen-Verschiebung waren
vollwertiges Bürgertum und die Selbstbestimmung,
die sehr wichtig für Menschen mit einer geistigen
Behinderung ist. Es hat eine Entwicklung gegeben, in
der Unterstützung anstelle von Pflege Raum gewonnen
hat. Und es geht hier nicht um die Wörter Unterstützung und Pflege, sondern um das Konzept. Und das
bedeutet z.B. bei Unterstützung, dass man nicht fertig
zu sein braucht. Früher, als ich als Heilpädagoge in
einem Institut arbeitete, wurde mir die Frage gestellt:
„Ist der Mann oder die Frau dafür bereit, um vom
Gelände zu gehen und in einer normalen Wohnung
zu wohnen?“ Das ist nicht die Frage, wenn man über
Unterstützung spricht. Da fragt man nicht: „Ist man
fertig?“ Die Frage, die man hier stellt, lautet: „Welche
Unterstützung braucht die Person, um dort zu wohnen, dort zu leben und die Arbeit zu machen?“ Und
wichtig in der Entwicklung ist das Thema Qualität des
Lebens.
Darüber haben wir schon von Bob Schalock
gehört. Qualität des Lebens ist multidimensional, das
heißt, es ist nicht eine Dimension, es ist nicht Zufriedenheit, es ist ein Begriff mit mehreren Dimensionen
und wird durch Personen beeinflusst, durch umweltbezogene Faktoren und wie sie aufeinander wirken.
Damit kann man auch die Qualität des Lebens nach
subjektiven und objektiven Indikatoren evaluieren.
Was wir auch aus Untersuchungen und Studien wissen,
ist, dass der Qualität des Lebens von Menschen mit einer
Behinderung dieselben Faktoren und Bedingungen
zugrunde liegen, die auch für uns, für jeden Menschen
wichtig sind. Es ist nicht so, wie ich einmal in einer
kleinen Studie in Belgien gesehen habe: Wir haben
Erzieher gefragt nach den acht Domänen der Qualität
des Lebens – ich werde sie später zeigen: „Was ist für
dich wichtig, in deinem Leben, und was ist wichtig für
Menschen mit geistigen Behinderungen?“
Und dann haben sie gesagt: „In meinem Leben
ist Inklusion, Selbstbestimmung sehr wichtig. Aber in
dem Leben meiner Klienten ist das gar nicht wichtig. Menschen mit einer geistigen Behinderung und
Selbstbestimmung? Wovon reden Sie denn?“ Nein,
wir haben aus der Forschung gesehen, dass es um
dieselben Domänen geht. Und wenn man die Qualität
des Lebens steigern will, dann soll man Menschen
befähigen, in ihrem Leben selbst zu bestimmen. Man
soll Menschen die Möglichkeit geben, dazuzugehören
in der „normalen“ Gesellschaft. Das sind dann die
acht Domänen der Qualität des Lebens, die Bob Schalock zusammen mit Miguel Angel Verdugo aus Spanien
entwickelt hat. Die sind nicht an einem Schreibtisch
oder in einem Café entwickelt worden, dafür ist viel
Forschung gemacht worden. Diese acht Domänen sind
drei Faktoren zuzuordnen. Zum Faktor Unabhängigkeit
gehören Persönliche Entwicklung und Selbstbestimmung, zum Faktor Gesellschaftliche Teilhabe gehören
Soziale Beziehungen, Soziale Inklusion und Rechte
und zum Faktor Wohlbefinden gehören Emotionales,
Physisches und Materielles Wohlbefinden (Abb. 13).
Unabhängigkeit
• Persönliche Entwicklung
• Selbstbestimmung
Gesellschaftliche
Teilhabe
• Soziale Beziehungen
• Soziale Inklusion
• Rechte
Wohlbefinden
• Emotionales Wohlbefinden
• Physisches Wohlbefinden
• Materielles Wohlbefinden
Fachtagung | Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern, Prof. Dr. Jos van Loon
Abb. 13
Drei Faktoren
der Qualität des Lebens
(Schalock, 2007)
51
Persönliche Ergebnisqualität messen,
sichern, steigern – Organisationsstrategien,
Leitlinien und Praxisbeispiele
Prof. Dr. Jos van Loon, Manager Stichting Arduin in Middelburg,
Niederlande, Department of Special Education,
Universität Gent, Belgien
Und dann komme ich zu dem Modell, das Bob
Schalock schon gezeigt hat. Die drei Faktoren, die acht
Domänen und die Indikatoren, die dazu gehören (Abb.
14). Das ist ein sehr wichtiges Modell, welches Sie
festhalten sollten, immer bei sich tragen sollten.
Abb. 14
QOL-Faktoren
QOL-Domäne
QOL-Indikatoren
QOL-Faktoren
QOL-Domäne
QOL-Indikatoren
Unabhängigkeit
Persönliche Entwicklung
Bildungsstatus, persönliche Fähigkeiten,
Anpassungsfähigkeiten (ADLs/ADLs)
Selbstbestimmung
Wahlmöglichkeiten/Entscheidungen,
Autonomie/persönliche Kontrolle,
persönliche Ziele
Soziale Beziehungen
Soziale Netzwerke, Freundschaften,
soziale Aktivitäten, Interaktionen,
Beziehungen
Soziale Inklusion
Gesellschaftliche Integration/Teilhabe,
gesellschaftliche Rollen, Unterstützung
Emotionales Wohlbefinden
Sicherheit, positive Erfahrungen,
Zufriedenheit, self-concept,
Abwesenheit von Stress
Physisches Wohlbefinden
Gesundheitszustand,
Ernährungszustand,
Erholung/körperliche Betätigung
Materielles Wohlbefinden
Finanzielle Situation, berufliche Situation,
Wohnsituation, Besitz
Gesellschaftliche
Teilhabe
Wohlbefinden
Abb. 15
Wirkungsrichtungen
52
Und ich hoffe noch immer, dass auch die Politik
realisiert, dass das auch wichtig sein könnte. Ebenso
bietet das Modell die Möglichkeit, die Qualität des
Lebens zu messen. Und dafür haben wir die Personal
Outcomes Scale entwickelt. Wenn man messen kann,
dann kann man die Ergebnisse auch zur Verbesserung
Denn, was kann man damit tun? Das Modell gibt
Richtlinien. Für die Politik, für eine Organisation, für
einen individuellen Unterstützungsplan. Wenn wir
als Organisation wirklich an der Qualität des Lebens
arbeiten wollen, dann müssen wir die persönliche
Entwicklung ermöglichen, Selbstbestimmung, Inklusion
ermöglichen. Hier sehen wir, wie unsere Agenda für
die Zukunft ist. Was wir machen sollen, wenn wir das
Konzept der Qualität des Lebens ernst nehmen wollen.
Und das bedeutet auch, dass, wenn wir einen Unterstützungsplan für eine Person machen wollen, man
hieran auch sieht, welches die Themen sind, die einen
Platz in einem Unterstützungsplan bekommen sollen.
Wie können wir mehr Selbstbestimmung, Inklusion
und Wohlbefinden im Leben eines Menschen unterstützen? So kann man hier aus dem Modell der Qualität
des Lebens wichtige Richtlinien bekommen.
individueller Unterstützungspläne, zur Management Information und für Forschungszwecke nutzen (Abb. 15).
Das Modell für Qualität des Lebens
I. Gibt Richtlinien:
• Makroebene: für die Politik
• Mesoebene: für die Organisation
• Mikroebene: Format für einen
Unterstützungsplan
II. Ermöglicht Messen von Qualität des Lebens
(z.B. mit der Personal Outcomes Scale) für:
• Verbesserung der individuellen
Unterstützungspläne
• Management-Information
• Forschungszwecke
Fachtagung | Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern, Prof. Dr. Jos van Loon
Prof. Dr. Jos van Loon
Abb. 16
Wie kann man die Ergebnisse auf der Ebene der
Organisation (Mesoebene) nutzen? In Arduin haben
wir z.B. bezüglich der Selbstbestimmung die Idee, dass
jeder Mensch in seinem Leben die für ihn richtige
Wahl treffen kann. Das kann jeder. Auch ein Mensch
mit einer schweren geistigen Behinderung kann sich
entscheiden, welche Sachen in seinem Leben wichtig sind. Mein Enkelkind mit einem Jahr kann auch
selbst bestimmen, denn er hat auch seine Wünsche. In
Arduin haben wir z.B. gesagt, wir bieten ein Wohnbüro
(-vermittlung) und eine Vakanzbank (Sammlung freier
Arbeitsstellen) an. Wir entscheiden nicht mehr, wo du
wohnen sollst, wo du einen Job bekommen sollst. Wir
geben vielmehr die Möglichkeit, in einer Broschüre
und im Internet nachzusehen, welche freien Wohnungen es gibt. Ein Klient kann dann relativ unabhängig,
unterstützt von einem Persönlichen Assistenten oder
von seinen Eltern, seine Wahl treffen. Also, selbst
bestimmend. Als Organisation sollte man sich sagen,
dass alles – die Regeln, die Methoden usw. – zur Selbstbestimmung beitragen sollte. So auch die Schulung zur
persönlichen Entwicklung. Wir hatten früher die Arduin Schule, jetzt ist das die Akademie für die Qualität des
Lebens. Schulung ist wichtig, aber noch wichtiger ist,
dass Menschen durch Erfahrung lernen, durch Teilhabe
an der Gesellschaft. Ich kann Ihnen garantieren, dass
ich sehr viele Klienten gesehen habe, die erst in der
Institution gelebt haben und jetzt in Wohnungen leben
und in normalen Betrieben in der Gesellschaft arbeiten. Wie sie sich entwickeln können. Fast unglaublich!
Wenn man Menschen die Möglichkeit gibt, dann
nutzen sie die Möglichkeit.
Inklusion: Wir haben normale Wohnungen in
Arduin für alle Klienten. Wir haben niemals spezielle
Wohnungen, sondern bestehende gekauft und angeboten. Natürlich kann man dann die Wohnungen
anpassen, wenn es nötig ist. Wenn es um Kinder geht,
ist es wichtig, dass sie nicht in einer Anstalt, sondern
in einer Familie leben. Wenn die Kinder nicht in der
eigenen Familie leben können, dann unterstützen
wir sie dabei, eine Pflegefamilie zu finden. Auch die
Tagesbeschäftigung/Arbeit soll Platz finden innerhalb
der Gesellschaft.
In der Präsentation sehen Sie einige Bilder von
solchen Wohnungen (Abb. 16).
Fachtagung | Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern, Prof. Dr. Jos van Loon
53
Persönliche Ergebnisqualität messen,
sichern, steigern – Organisationsstrategien,
Leitlinien und Praxisbeispiele
Prof. Dr. Jos van Loon, Manager Stichting Arduin in Middelburg,
Niederlande, Department of Special Education,
Universität Gent, Belgien
Was Sie sehen, sind für niederländische Begriffe
ganz normale Wohnungen, keine speziell gebauten
Wohnungen. Dies sind Beispiele von Arbeit oder
Tagesbeschäftigung. Sie sehen ein Restaurant, einen
Fahrradpark und öffentliche Toiletten – in Middelburg
gibt es die saubersten von ganz Europa, sage ich immer. Sie sehen eine Druckerei, Bäckerei, ein KreativAtelier, einen Lunch-Raum, einen Reiterhof, eine
Theatergruppe, ein Textilatelier, ein kleines Museum
in Veere (Abb. 17).
Wenn Sie mal in Zeeland in Veere sind, dort gibt
es ein nettes kleines Museum zur Überschwemmung,
die wir im Jahre 1944, am Ende des Krieges, gehabt
haben. Darüber hinaus gibt es ein kleines Museum.
Den Besuch dieses Museums bieten Klienten von
Arduin an. Es gibt vieles andere mehr: eine Wäscherei
und für Menschen mit schwerer Behinderung Tageszentren, die auf ihre Bedürfnisse eingehen.
Aber auch die befinden sich mitten in der Gemeinde.
Wir haben auch, wie bereits erwähnt, die Akademie
der Qualität des Lebens.
Abb. 17
Beispiele: Arbeit/Tagesbeschäftigung
in Betrieben und Tageszentren innerhalb der Gemeinde
54
Fachtagung | Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern, Prof. Dr. Jos van Loon
Wenn es um die Mikroebene geht, dann gibt das
Modell der Qualität des Lebens ein Format für einen
Unterstützungsplan. Der Unterstützungsplan, wir
haben es schon gesehen – Input, Throughput, Output,
Alignment – so wie Bob das gesagt hat, soll da stattfinden. Der Output eines personenzentrierten Unterstützungsprozesses soll eine gute Qualität des Lebens
sein. Das messen wir mit der Personal Outcomes Scale
(Abb. 18).
Und wenn wir wissen, was der Outcome sein soll,
dann wissen wir auch, was der Input sein muss. Was
will ich mit meinem Leben? Welche Fragen, welche
Wünsche habe ich in meinem Leben? Und zweitens,
welchen Unterstützungsbedarf habe ich in meinem
Leben? Wenn wir das messen und festlegen, dann
können wir einen Unterstützungsplan machen, der auf
Wünschen, Zielen, den Perspektiven von Menschen
und ihrem Unterstützungsbedarf basiert. Wenn man
einen Unterstützungsplan schreibt, dann stellen sich
zwei Fragen, um herauszufinden, was wir wissen
müssen, um eine Person gut zu unterstützen. Was wir
wissen sollten, ist: Was wünschst du dir in deinem Leben und welche Unterstützung brauchst du in deinem
Leben?
Input
Die Ziele und
Perspektiven einer Person,
Unterstützungsbedarf (SIS) und
Qualität des Lebens
zu einem bestimmten
Zeitpunkt
Die zweite Frage ist: Was soll das Ergebnis der
Unterstützung sein? Das Ergebnis soll – sehr einfach –
eine gute Qualität des Lebens sein. Daran soll sich
ein Unterstützungsplan orientieren. Und das Format
für einen Unterstützungsplan sind die acht Domänen
der Qualität des Lebens und innerhalb jeder Domäne
die entsprechenden Ziele der einzelnen Person und
ihr individueller Unterstützungsbedarf. Das ist der
Rahmen für so einen Unterstützungsplan. Wir nennen
das, weil wir viel mit Bob (Schalock) arbeiten, einen
ISP – Individual Support Plan.
Input sollen die Ziele der Personen sein, ihre
Perspektiven. Wir ermitteln diese in Interviews. Wir
sprechen mit den Klienten. Das macht der Persönliche
Assistent, ich glaube, hier im Sozialwerk übernimmt
diese Aufgabe der Teilhabebegleiter. Der spricht mit
den Klienten kontinuierlich über die Domäne, die
wir aus der „Supports Intensity Scale“ kennen, die
Domäne, in der der Klient Unterstützung braucht.
Das war die erste Komponente.
Throughput
Ein Individueller
Unterstützungsplan
basierend auf Wünschen, Zielen,
Perspektiven und Unterstützungsbedürfnissen.
Output
Qualität des Lebens
Dieses QOL sollte daher als persönliches Ergebnis der Unterstützungsleistungen gemessen werden
Abb. 18
Verbesserung/
Anpassung des
personenzentrierten
Unterstützungsprozesses
Welche Art von
Unterstützung muss auf
• welchen QOL -Domänen
• welchen QOL - verwandten
Unterstützungsgebieten
erbracht werden?
Von rechts nach links
denken (Outcome-based)
Personenbezogene
Erlebnisskala
Fachtagung | Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern, Prof. Dr. Jos van Loon
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Persönliche Ergebnisqualität messen,
sichern, steigern – Organisationsstrategien,
Leitlinien und Praxisbeispiele
Prof. Dr. Jos van Loon, Manager Stichting Arduin in Middelburg,
Niederlande, Department of Special Education,
Universität Gent, Belgien
Die zweite Komponente ist, dass wir den Unterstützungsbedarf messen. Wir messen ihn, weil wir
denken, wir sollen „evidence--based“, d. h. nachweisu. erfahrungsorientiert arbeiten. Was wir machen,
soll nachweisbar sein. Die gut erforschte „Supports
Intensity Scale“ ist ein gutes „Evidence-based“-Instrument. Sie ist gegliedert in drei Abschnitten, welche
49 Lebensaktivitäten in sechs Kategorien einteilt: zu
Hause leben, Leben in der Gesellschaft, Lernen, Beruf,
Gesundheit, Sicherheit und soziale Aktivitäten. In
Abschnitt zwei geht es um Schutz und Fürsorge und
in Abschnitt drei um den speziellen Unterstützungsbedarf in Bezug auf das Verhalten oder medizinische
Aspekte.
Wir fragen den Klienten nach seinem Unterstützungsbedarf. Und der Klient, und meistens auch die
Eltern oder die Familie, bekommen dadurch einen
guten Einblick dazu: „Was ist der Unterstützungsbedarf?“ Und wenn man weiß, was Menschen wollen in
ihrem Leben und was sie brauchen – und das ist, was
Bob Schalock sagt – wenn man das weiß, dann kann
Abb. 19
N.B. In diesem Moment
arbeiten wir an einem
System, das die Korrespondenz zwischen
SIS-Items und den
Domänen der Qualität
des Lebens umfasst:
56
man einen Unterstützungsplan innerhalb der acht
Domänen der Qualität des Lebens schreiben.
Was wir darüber hinaus entwickeln, kann ich
auch noch zeigen (Abb. 19).
Hier habe ich die Items der „Supports Intensity Scale“ den Domänen zugeordnet. Was wir jetzt
machen, ist, dass wir alle die separaten Items (Punkte)
der „Supports Intensity Scale“ an die Domänen der
Qualität des Lebens anknüpfen, um so sehr gründlich
eine gute Einsicht darin zu bekommen, wie man
unterstützen soll und auf welcher Ebene. So dass der
Unterstützungsplan aus Anweisungen und Lernzielen besteht, die auf die gewünschte und benötigte
Unterstützung der einzelnen Person zielen und eine
Antwort auf die Frage geben: „Was wünschst du dir
in deinem Leben und welche Unterstützung brauchst
du?“ Wenn man das macht, bekommt man eine ganz
ausführliche Liste der Unterstützungsbedürfnisse und
Wünsche und Antworten heraus, die so umfassend
ist, QOL-Domain/SIS-Item, dass sie zu komplex ist,
um sie täglich zu gebrauchen. Deswegen haben wir
QOL-Domain
SIS-Item
Personal Development
A1 – A8 (Home Living)
C1 – C6 (Lifelong Learning)
Protection & Advocacy 2
Self -Determination
C 8 (Lifelong Learning)
Protection & Advocacy 1, 5 & 7
Interpersonal Relations
B 4, B 7 (Community Living)
D 3, D 4 (Employment)
F 1 – F7 (Social Activities)
Social Inclusion
B 1, 2, 3, 5, 6, 8 (Community Living)
F 8 (Social Activities)
Rights
Protection & Advocacy 3, 4, 6, 8
Emotional Well - being
C 9 (Lifelong Learning)
E 8
Exceptionals Medical Support Needs
Physical Well - being
C 7
E 1 – E7 (Health and Safety)
Exceptional Behavioral Support Needs
Material Well - being
D 1, 2, 5, 6, 7, 8 (Employment)
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Prof. Dr. Jos van Loon
gesagt, wir nehmen daraus eine sinnvolle Auswahl
für die tägliche Unterstützung. Und dann, noch eine
Ebene weiter, erhalten wir eine sinnvolle Übersicht
zur Person, die auf ihren Wünschen, ihren Zielen
und ihren entsprechenden Unterstützungswünschen
basiert. Diese soll dann eigentlich nur eine Seite lang
sein. Und so nutzten wir das Messen der Qualität des
Lebens dazu, eine bestmögliche Unterstützung zu
bekommen.
Das Modell der Qualität des Lebens bietet auch,
wie gesagt, Möglichkeiten zur Messung. Die Messergebnisse kann man wieder auf mehrere Weisen
benutzen. So, wie ich gesagt habe, für den Unterstützungsplan, aber auch für Management-Informationen
und auch für Forschungszwecke.
Die Personal Outcomes Scale wurde von St. Georg
übersetzt und ist vielen von euch bekannt. Sie ist ein
Instrument, an dem wir einige Jahre gearbeitet haben.
Wie sie entwickelt wurde, kann man nachlesen. Wir
haben sie sehr gründlich ausgearbeitet und haben jetzt
eine Skala, mit der man Klienten zu allen acht Domänen, und innerhalb jeder Domäne mit sechs Indikatoren, befragen kann. Das erfolgt in einem Interview mit
der Person selbst sowie in einem Interview mit einem
„Professional“, einem Mitarbeiter. Das Interview besteht nicht nur daraus, einen Fragebogen auszufüllen.
Das Interview ist ein Gespräch, in dem die Antworten
der Klienten auf die Fragen des Interviewers einer
Skala zugeordnet werden. Mit Hilfe dieser 3-PunkteSkala bekommen wir Scores, Ziffern. Aber wir
erhalten auch qualitative Informationen. Ein solches
Gespräch geht z.B. über die persönliche Entwicklung. Dann sprechen wir mit der Person, was man
darunter versteht, unter Ausbildung, Entwicklung,
Kompetenzen usw. Wir haben acht Items, worüber
wir ein Gespräch führen. Das kann z.B. sein: „Haben
Sie die Möglichkeit, Ihre Fähigkeiten zu zeigen? – Oft,
manchmal, selten oder nie? Benutzen Sie moderne
Kommunikationstechnologie (Computer, Taschenrechner, Handy)? – Oft, manchmal, selten oder nie?“ Aber
es geht nicht nur um das „oft, manchmal, selten oder
nie", sondern es geht auch darum, worüber gesprochen wird. Selbstbestimmung ist auch eine Domäne.
Dabei erklären wir erst einmal, was das bedeutet, und
dann sprechen wir über z. B. „Nehmen Menschen
Ihre Entscheidungen ernst?“ oder „Haben Sie Kontrolle über zumindest einen Teil Ihres Geldes?“, „Haben
Sie die Möglichkeit, Ihre Meinung zu sagen?“, „Wenn
Sie die Wahl haben, entscheiden Sie dann selbst?“
Das sind Themen, die wir besprechen, und am Ende
des Gesprächs haben wir einen Score. Das gleiche
Interview führen wir auch mit den Persönlichen Assistenten. Hierbei benutzen wir dieselben Themen nur
etwas anders formuliert. Aber wir sprechen mit den
Klienten und Mitarbeitern über dieselben Sachen und
können das dann später auch miteinander vergleichen.
Mit Selbstbestimmung machen wir das auch auf diese
Art.
Die Personal Outcomes Scale ist ein sehr
gründlich ausgearbeitetes Instrument, das für
ein Gespräch über die Qualität des Lebens
hervorragend geeignet ist.
Wie kann man die Ergebnisse für einen individuellen Unterstützungsplan nutzen? Dies wird klar,
wenn man Rahmen und Schema Unserer Arbeitskomponenten kennt (Abb. 19). Komponente eins ist
die Befragung der Person: „Was wünscht du dir in
deinem Leben? Welche Wünsche und Träume hast
du?“ Dann machen wir alle drei Jahre einmal ein
Interview anhand der „Supports Intensity Scale“ mit
der Person selbst, und dann wissen wir, was jemand
sich wünscht und wie sein Unterstützungsbedarf
ist. Dann machen wir den Unterstützungsplan. Das
macht eigentlich ein High-Performance-Team, so wie
Bob Schalock das genannt hat. Die Person selbst mit
ihrem Persönlichen Assistenten oder Teilhabebegleiter
haben dann eine Idee: „Wenn das meine Wünsche
sind und das mein Unterstützungsbedarf, wie soll ich
dann unterstützt werden?“ Darüber wird dann auch
noch mit dem Unterstützer, dem Erzieher, mit dem
Begleiter gesprochen. Über das „Wie“ wird dann mit
denjenigen gesprochen, die im Unterstützungsprozess
eine Rolle spielen.
Fachtagung | Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern, Prof. Dr. Jos van Loon
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Persönliche Ergebnisqualität messen,
sichern, steigern – Organisationsstrategien,
Leitlinien und Praxisbeispiele
Prof. Dr. Jos van Loon, Manager Stichting Arduin in Middelburg,
Niederlande, Department of Special Education,
Universität Gent, Belgien
Im Dialog mit dem Klienten wird die Umsetzung
überwacht. Dabei wird insbesondere gefragt, ob er
die Unterstützung, die er braucht, auch tatsächlich
bekommt und – ob er der Erfüllung seiner Wünsche
und Ziele näherkommt. Alle 1,5 Jahre interviewen wir
den Klienten mit der Personal Outcomes Scale (Komponente 6) und erhalten somit Ergebnisse, die für die
weitere Unterstützung wichtig sind.
Abb. 20
Komponenten eines
personenzentrierten
Unterstützungssystems
Die Ergebnisse der Personal Outcomes Scale kann
auch für Management-Informationen genutzt werden,
um die Organisation zu verbessern. Schließlich ist die
Qualität des Lebens das Kernziel sowohl der Stiftung
Arduin als auch des Sozialwerks St. Georg.
Nehmen wir als Beispiel das Profil einer Organisation (Abb. 21). Sie basiert auf 400 Klienten, d. h., 400
haben ihre Ergebnisse abgegeben. Auf der Grundlage
der POS-Ergebnisse von 400 Klienten kann man das
Ergebnis der Organisation sehen. Und wo man sich
verbessern kann, z. B. beim Thema Soziale Inklusion.
Wenn man dieses Profil sieht, kann man sich fragen,
wie man die Inklusion der Klienten verbessern kann.
Komponente 2
Befragung der Person zu Form und Intensität
des Unterstützungsbedarfs.
Interview mit Supports Intensity Scale.
Komponente 1
Befragung der Person zu erwünschten
Lebenensperspektiven und Zielen.
Komponente 3: Entwicklung des individuellen Unterstützungsplans
a. Der Klient gleicht mit Hilfe des Persönlichen Assistenten Wünsche und Ziele mit seinen Unterstützungsbedürfnissen
ab und kommt so zu einer Idee für einen individuellen Unterstützungsplan: Wie will ich unterstützt werden?
b. Diese Idee wird diskutiert mit den Betreuern und seinen Heilpädagogen.
c. Zusammen entscheiden sie mit Hilfe eines ISPs, wie die Person unterstützt werden soll, um vollständig an der
Gemeinschaft teilnehmen zu können.
Komponente 4
Implementation
Komponente 5: Überwachung
Inwieweit wurden die
Wünsche und Ziele
realisiert?
Dialog mit
dem Klienten
Hat die Person die Unterstützung bekommen, die
sie braucht?
POS: Evaluation des individuellen Unterstützungsplans
(Rückkehr zu Komponenten 1 & 2, wenn erforderlich)
58
Fachtagung | Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern, Prof. Dr. Jos van Loon
Dies ist nur ein Beispiel, wie man die Ergebnisse für das Management als Informationen nutzen
kann. Dieselben Ergebnisse kann man auch in einem
Radardiagramm abbilden (Abb. 22 links). Dann kann
man erkennen, dass die Organisation zwar bei den
Domänen emotionales, physisches und materielles
Wohlbefinden gut ist, aber bei den Domänen Soziale
Beziehungen und Inklusion offensichtlich Analyseund Handlungsbedarf besteht
ONAFHANKELIJKHEID
pers. ontw.
Dies ist ein Beispiel, wie man Management Informationen bekommen kann. Man kann die Ergebnisse
nicht nur in Bezug auf die Organisation, sondern auch
für kleinere Organisationseinheiten wie Wohnungen
anwenden, womit man als Manager eines Bereichs
einen guten Überblick und Impulse für die weitere
Arbeit bekommt. Man kann die Ergebnisse natürlich
für einzelne Klienten darstellen und bekommt Hinweise für die Überarbeitung des Unterstützungsplans
(siehe Abb. 20).
SOCIALE PARTICIPATIE
zelfbepaling
pers. rel.
soc. incl.
TOTAALSCORE
WELBEVINDEN
rechten
emotioneel
materieel
lichamelijk
144
18
12
max
Abb. 21
Beispiel POS-Profil
einer Organisation
12
zelf object
13
13
zelf object
12
11
zelf object
13
9
13
14
14
14
14
14
101 98
13
8
zelf object
zelf object
zelf object
zelf object
zelf object
max
zelf object
Aantal clienten met POS: 400
Personal Outcomes Scale Profile
Personal Outcomes Scale Profile
Personal
Material
Well - Being
18,00 Development
16,00
14,00
Self - 12,00
Determination
10,00
8,00
6,00
Interpersonal
Relations
Physical
Well - Being
Emotional
Well - Being
Rights
Social
Inclusion
Personal Outcomes Scale Profile
Abb. 23 (rechts)
Personal
Material
Well - Being
Abb. 22 (links)
18 Development
16
14
Self - 12
Determination
10
8
6
Interpersonal
Relations
Physical
Well - Being
Emotional
Well - Being
Rights
Social
Inclusion
Personal Outcomes Scale Profile
Fachtagung | Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern, Prof. Dr. Jos van Loon
59
Persönliche Ergebnisqualität messen,
sichern, steigern – Organisationsstrategien,
Leitlinien und Praxisbeispiele
Prof. Dr. Jos van Loon, Manager Stichting Arduin in Middelburg,
Niederlande, Department of Special Education,
Universität Gent, Belgien
In diesem Zusammenhang möchte ich darauf
hinweisen, dass mit Kollegen aus verschiedenen
Ländern an einem Instrument zur Messung des Outcomes einer Organisation gearbeitet wird. Gemeinsam
mit Michel Angel Verdugo aus Spanien, Tim Lee aus
Taiwan und Bob Schalock gehen wir Fragen der Effektivität und Effizienz einer Organisation nach. Auch
mit Herrn Meyer vom Sozialwerk St. Georg habe ich
schon darüber gesprochen.
Effektivität und Effizienz einer Organisation
haben wir in vier Bereichen dargestellt. Wir sehen die
Perspektive des Klienten (Customer), die Wachstumsperspektive (Growth), die Finanzperspektive Financial) und die Perspektive der internen Geschäftsprozesse (Process), dargestellt in einem Radardiagramm
(Abb. 23). An dem dargestellten Beispiel einer Organisation kann man sehen, dass in den Bereichen
Finanzen und interne Geschäftsprozesse Analyse- und
Handlungsbedarf besteht. Die Organization Effektiveness and Efficiency Scale befindet sich noch in der
Entwicklungsphase und sucht noch „Mitstreiter“.
Abb. 23
Ein neues Instrument für
Organisations Outcomes:
Organisational Effectiveness and Efficiency Scale
Das Sozialwerk St. Georg steht für Interessenten
als Ansprechpartner bereit.
Die dritte Art der Nutzung von Personal Outcomes: Man kann die Scores/Outcomes auch in der
Forschung nutzen. Man kann damit sehr viel machen. Eigentlich werden in Organisationen sehr viele
Variablen festgelegt, und wenn man die Outcomes von
allen Klienten hat, hat man sehr viele Daten, die man
miteinander vergleichen kann. Man kann vergleichen,
wie die Daten der Personal Outcomes Scale sich z.B.
zu der Gruppe, in der jemand lebt, verhalten. Oder innerhalb der Niveaus der geistigen Behinderung, usw.
Organization Scale Profile
Score Overview
Effectiveness Indices
Customer Perspective
Growth Perspective
Effectiveness Index
8
7
15
Efficiency Indices
Financial Perspective
3
Internal Process Perspective 3
Efficiency Index:
6
Sustainability Index
Effectiveness Index +
Efficiency Index
Customer
10
9
8
7
6
5
4
3
2
1
0
Process
21
Financial
2012 – 3
60
Fachtagung | Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern, Prof. Dr. Jos van Loon
Growth
Von links: Prof. Dr. James R. Thompson, Prof. Dr. Bernd Halfar,
Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
So können wir nach Einflüssen der Qualität des Lebens
suchen. Wir haben voriges Jahr in Arduin eine Studie
gemacht und haben gesehen, dass die Verfügbarkeit
von Support-Strategien im Bereich Wohnen, z.B. wie
die Wohnanordnung ist, wie groß die Wohnung ist,
der Beruf und der Grad der Behinderung, wie das alles
die Qualität des Lebens beeinflusst.
Ein weiteres Beispiel ist die Betrachtung der Personal Outcomes nach Gruppen, z.B. nach der in den
Niederlanden üblichen Einteilung von Klienten in acht
Leistungsgruppen. Die Einteilung ist für die Finanzierung relevant, unabhängig von Arduin, und gruppiert
Klienten nach Intensität von Pflege („Sorge-Paket“).
Jeder Klient in unserer Organisation ist jeweils einer
der acht Leistungsgruppen zugeordnet. Die Zuordnung
erfolgt unabhängig von Arduin und ist maßgeblich für
die Refinanzierung der Unterstützung. Ich habe hier
einen Vergleich zwischen den Leistungsgruppen und
den Scores auf der Personal Outcomes Scale (Abb. 24).
Man sieht, dass je größer der Unterstützungsbedarf
ist – das ist das, was man sieht –, desto niedriger ist
der Score auf der Personal Outcomes Scale. Sechs
und sieben sind Leistungsgruppen für Menschen mit
Verhaltensproblemen. Das ist eine andere Dimension,
das ist der Unterstützungsbedarf gemäß des amtlich
eingeschätzten Niveaus.
Die nächste Abbildung (Abb. 25) ist ein Beispielvon Scores von Leuten zwischen 20 und 30 Jahren
und dies ist ein Beispiel von Klienten-Scores von 61
bis 70 Jahren. Damit zeige ich, dass das Instrument
auch benutzt werden kann um z. B. Einsicht darin zu
bekommen, welches die typischen Profile für Leute
sind, die älter werden.
Man kann die Anwendung des Instruments
weiterhin für den Vergleich verschiedener Gruppen
nutzen. Was sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede
zwischen Menschen mit einer physischen Problematik, mit persönlichem Budget, mit geistiger Behinderung, in verschiedenen Lebensphasen. Hier bieten
sich viele Möglichkeiten für die Forschung, Fragen
zu stellen.
125,00
Zelfbeoordeling
Geobjectiveerde beoordeling
120,13
120,00
118,00
115,00
Abb. 24
Beispiel: POS - Ergebnisse nach Gruppen
(„Sorge - Paket“)
116,62
115,10
110,69
108,51
110,00
103,68
102,78
105,00
100,00
103,33
102,09
100,59
98,69
97,89
96,85
95,00
94,64
92,90
90,00
85,00
80,00
VG 1
VG 2
VG 3
VG 4
VG 5
VG 8
VG6
VG 7
Fachtagung | Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern, Prof. Dr. Jos van Loon
61
Persönliche Ergebnisqualität messen,
sichern, steigern – Organisationsstrategien,
Leitlinien und Praxisbeispiele
Prof. Dr. Jos van Loon, Manager Stichting Arduin in Middelburg,
Niederlande, Department of Special Education,
Universität Gent, Belgien
Was man schließlich auch machen kann, ist,
die Personal Outcomes von Menschen mit und ohne
Behinderung zu vergleichen. Ich habe mit Studenten eine Untersuchung gemacht, um die Personal
Outcomes der Klienten von Arduin mit den Personal
Outcomes der Eltern, Freunde und Bekannten dieser
Studenten zu erfassen (Abb. 25). Man erkennt, dass in
allen Altersphasen die Qualität des Lebens bei Menschen mit geistiger Behinderung niedriger ist.
Lassen Sie mich ein abschließendes Wort an Sie
richten. Was ich Ihnen zeigen wollte, ist, dass das
Modell Qualität des Lebens auf allen Betrachtungsebenen nutzbar ist. Heute habe ich dargestellt, welche
Bedeutung Qualität des Lebens dafür hat, einen
individuellen Unterstützungsplan für die Klienten
gut aufzustellen und kontinuierlich zu verbessern.
Dies lässt sich auf der Grundlage der Erfahrungen
der Stiftung Arduin untermauern. Aber auch auf der
Ebene der Organisation (Mesoebene) ist das Modell
für Management-Informationen sehr gut geeignet.
Hier habe ich Ihnen die Organization Effectiveness
and Efficiency Scale vorgestellt. Ebenso ist das Modell
Qualität des Lebens auch für vertiefte Einblicke und
Forschungszwecke bestens geeignet.
Abb. 25
Einsatzmöglichkeiten
für Vergleiche
Ich gratuliere dem Sozialwerk St. Georg für die
Entscheidung, die Personal Outcomes Scale einzusetzen!
Danke!
| Tom Hegermann:
Ganz herzlichen Dank, Jos van Loon. Ich selber will an der Stelle keine inhaltlichen Nachfragen
stellen, weil Jos van Loon gleich in der abschließenden
Diskussionsrunde auch noch einmal dabei ist. Aber
natürlich sollen Sie die Gelegenheit haben, wenn Sie
einige Nachfragen haben an Jos von Loon, diese jetzt
zu stellen.
Behinderung/ohne Behinderung
POS-Index – Alter
135
130
127
130
130
128
127,717
124
125
120
115
110,234
110
105
101,792
103,250
101,706
102,694
103,400
100
95
90
85
80
<30
31-40
41-50
clients of Arduin
62
51-60
61-70
>71
people with no intellectual disability
Fachtagung | Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern, Prof. Dr. Jos van Loon
Tom Hegermann (Moderator) im Interview mit dem Gast Clemens Rusell
| Gast:
| Gast:
Mein Name ist Hans-Jürgen Haase, ich komme
vom Eric-Schopler-Haus, ich bin der Beiratsvorsitzende. Was Sie so bringen, erinnert mich an die
Pharma-Industrie, von der ich komme. Da gibt es auch
Guidelines und SOPs. Das deckt sich eigentlich auch
mit dem, was Sie hier bringen. Aber ich hätte gerne
auch mal so eine Anweisung gesehen.
Ja, das ist auch so ein Beispiel. Sie schreiben ja
auch Anweisungen, habe ich den Eindruck bekommen. Also, dass Sie das auch schriftlich niederlegen.
Das Ganze wird ja per Interview erarbeitet, d. h., das
wird dann auch schriftlich festgehalten. Stehen dann
diese Sachen auch in dem Dokument drin, dass man
sagt, was man tun soll?
Haben Sie hierfür ein Beispiel?
| Prof. Dr. Jos van Loon:
| Prof. Dr. Jos van Loon:
Ja.
Ich weiß nicht, ob ich Sie verstehe.
| Gast:
Der allgemeine Begriff ist ja theoretisch: Guidelines und SOPs (Standard Operating Procedures).
Ich hätte dies gerne gewusst, mal konkret ...
| Prof. Dr. Jos van Loon:
Für einen Unterstützungsplan zum Beispiel?
| Gast:
Genau. Welche Anweisungen stehen da drin,
als Beispiel.
| Prof. Dr. Jos van Loon:
Zum Beispiel habe ich vor einigen Wochen eine
Personal Outcomes Scale als Auskunft gesehen von
einem Mann mit einem niedrigen Score im Punkt
Beziehungen, zwischenmenschliche Beziehungen.
Und dann bin ich mit der Teilhabebegleitung ins
Gespräch gegangen (ich bin auch der Heilpädagoge für
den Mann) und wir haben darüber gesprochen, wie
wir das erklären können. Dann haben wir über seine
Familie, seine Beziehung mit seiner Familie, aber
auch über seinen Platz in dem Dorf, in dem er wohnt,
gesprochen. Wir haben Ideen entwickelt, wie wir dem
Mann helfen können, einen besseren Platz zu bekommen, in seiner Familie und in dem Dorf.
Ist es das, was Sie fragen als Beispiel?
| Gast:
Zum Beispiel der Vorschlag, dahin zu gehen.
Das steht da drin?
| Prof. Dr. Jos van Loon:
Der Unterstützungsplan, ich habe das nicht hier
gezeigt, der ist ganz elektronisch gemacht. Die Wünsche und Ziele werden eingefügt in eine elektronische
Anwendung. Die Auskünfte aus der „Supports Intensity Scale“ werden in einer elektronischen Applikation
festgehalten, und der Unterstützungsplan wird auch in
einer Anwendung festgehalten. Dann bekommt man
eine ganze Liste von Instruktionen, Anweisungen,
wie man diese Person unterstützen kann, wenn man
die Wünsche und Ziele und den Unterstützungsbedarf
sieht. Das ist ein geschriebener Plan in einer Internetapplikation. Ich kann das jetzt nicht zeigen, aber so
machen wir das.
| Tom Hegermann:
Ich glaube, wir müssen jetzt ganz kurz an der
Stelle, um Missverständnissen vorzubeugen, über den
Begriff der Anweisung reden. Weil jetzt sicher viele
denken, wenn da Anweisung steht, dass ich dann den
anweise und der hat das zu tun. Anweisung heißt,
gemeinsam zwischen dem Teilhabebegleiter und dem
Klienten etwas erarbeiten, was in einem Ziel mündet.
| Prof. Dr. Jos van Loon:
Ja, das ist manchmal die Sprache, die das
schwieriger macht.
| Tom Hegermann:
Ja, nur um dem Missverständnis vorzubeugen.
Fachtagung | Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern, Prof. Dr. Jos van Loon
63
Persönliche Ergebnisqualität messen,
sichern, steigern – Organisationsstrategien,
Leitlinien und Praxisbeispiele
Prof. Dr. Jos van Loon, Manager Stichting Arduin in Middelburg,
Niederlande, Department of Special Education,
Universität Gent, Belgien
| Prof. Dr. Jos van Loon
Ja, okay.
| Tom Hegermann:
Gibt es weitere Fragen an Herrn van Loon? Da ist
noch eine, ich komme zu Ihnen. Wenn Sie sich auch
mit einem Satz vorstellen würden, das wäre nett.
| Gast 2:
Clemens Rusell aus Mecklenburg-Vorpommern für
den Landesverband der Lebenshilfe, aber auch Mitarbeiter der XIT GmbH. Es ist eigentlich keine Frage,
eher eine Beschreibung eines Gefühls. Die Darstellung
von Mr. Thompson zur Beschreibung seiner persönlichen Unterstützung und Unterstützungsbedarfe am
Anfang seiner Ausführung fand ich sehr stark, weil sie
sehr individuell und sehr persönlich war. Die Beschreibung dessen, wie Sie mit dem Instrumentarium,
das Sie vorgestellt haben, fachlich und politisch durchaus legitim, versuchen, die Unterstützungsbedarfe
bei Menschen mit geistiger Behinderung zu erfassen,
die fand ich dann schon mehr technokratisch. Vom
Gefühl her. Und was Sie ganz zum Schluss beschrieben haben, den Unterschied von der Lebensqualität
von nicht behinderten Studenten und behinderten
Menschen, das fand ich auch wieder sehr stark. Und
ich habe bei Thompson gelernt: „Mind the gap“ ist
die einzige Methode, im Grunde eine technokratische
Methode, wie wir diese Lücke schließen. Indem wir
eben sehr genau die Kriterien oder die Indikatoren
„Was macht Lebensqualität aus?“ definiert haben und
entsprechend dann versuchen, die Anpassung hinzukriegen. Oder müssen wir nicht noch ein bisschen
mehr Individualität und Flexibilität zulassen? Das war
ein Gefühl, was ich bei beiden Vorträgen hatte.
Prof. Dr. James R. Thompson,
Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
Information gehen. Die andere Seite ist aber, dass ich
glaube, dass wir in ein Zeitalter gekommen sind, in
dem man keine Angst vor Beweisen haben sollte. Ich
versuche, basierend auf qualitativen Informationen,
auch Evidence festzulegen und dann die Evidence
zu benutzen, um zu guten Entscheidungen für eine
individuelle Unterstützung zu kommen und für das
Management. Ein Management, das Entscheidungen
trifft auf der Grundlage von Outcomes der Qualität
des Lebens ist besser, als eines, das nur am Ende des
Jahres auf „keinen Verlust“ blickt.
| Tom Hegermann:
Und ich glaube, wir müssen noch mal eins
deutlich machen, Herr van Loon. Das sind ja nicht
drei unterschiedliche Konzepte, die wir heute kennengelernt haben, die neben- oder gegeneinander gestellt
werden. Sondern das ist ein Gesamtpaket, das wir
heute kennengelernt haben, das aufeinander aufbaut.
Das, was Sie vorgestellt haben, was dann einer als
technokratisch empfunden hat, gehört aber zu dem,
was bei Bob Schalock wurzelt und von Jim Thompson
weiterentwickelt wurde. Das müssen wir, glaube ich,
noch mal deutlich machen.
| Prof. Dr. Jos van Loon
Ja, genau.
| Tom Hegermann:
Herzlichen Dank, bis hierhin. Gleich sind Sie ja
noch bei der Abschlussrunde. Danke Ihnen erst mal
bis hierhin.
| Prof. Dr. Jos van Loon
Ich danke Ihnen für die Bemerkung. Das gibt
mir die Möglichkeit, zu reagieren. Es ist nicht meine
Absicht, und vielleicht ist es falsch rübergekommen,
ein technokratisches System vorzustellen. Gerade weil
Bob Schalock und Jim Thompson auch sehr deutlich
das Qualitative gezeigt haben, bin ich davon weggegangen. Es ist sicher so, dass auch die qualitative
Information sehr wichtig ist, um einen Unterstützungsplan zu schreiben. Das kann nicht ohne qualitative
64
Fachtagung | Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern, Prof. Dr. Jos van Loon
Moderation Tom Hegermann
Diskussion mit Klienten
zur Qualität des Lebens
65
Diskussion mit Klienten
zur Qualität des Lebens
Moderation Tom Hegermann
Von links: Tom Hegermann (Moderator), Kerstin Kretschmar,
Hans-Dieter Beuker, Peter Noswitz, Jörg Lau
| Tom Hegermann:
Wir wollen uns das schon etwas genauer ansehen,
was das denn ganz praktisch heißt, was da jetzt in der
Arbeit vorgestellt worden ist. Wir wollen das gleich
tun im Gespräch mit einigen Klienten des Sozialwerks
St. Georg.
Überleitend will ich aber ein paar Erläuterungen
zu dem Veränderungsprozess, der hier gerade stattfindet, geben. Ich bitte um Verständnis, dass ich den
Teil ablesen muss, weil ich diesen wirklich dezidiert
richtig wiedergeben will, als jemand, der eigentlich
ein Außenstehender ist.
Also: Das Sozialwerk St. Georg hat sich auf den
Weg gemacht mit dem Konzept der Qualität des
Lebens, sein bisheriges Fundament der personenzentrierten Assistenz weiter zu entwickeln. Ziel des Sozialwerks ist es, für jeden seiner Kunden noch bessere
Voraussetzungen dafür zu schaffen, die individuell
angestrebte Qualität des eigenen Lebens zu erreichen.
Dazu wurde eine neue Mitarbeiterfunktion geschaffen,
der sogenannte, den Begriff haben wir gerade schon
gehört, Teilhabebegleiter. Teilhabebegleiter arbeiten
nicht unmittelbar im Assistenzdienst der Einrichtung,
sondern einrichtungsübergreifend. Sie unterstützen
und stärken die Klienten dabei, die Planung ihrer
persönlichen Entwicklung und Zukunft noch selbstbestimmter in die Hand zu nehmen – und eben auch
selbstbestimmter die Erbringung der benötigten
Unterstützungsleistungen zu steuern. Gemeinsam mit
seinem neuen Teilhabebegleiter bereitet der Klient
seine Ziele und Maßnahmenplanung vor, die dann in
der sogenannten Zukunftskonferenz mit dem ihm in
der jeweiligen Wohneinrichtung zur Seite stehenden
Persönlichen Assistenten besprochen und für einen
festgelegten Zeitraum vereinbart wird.
Ich finde es spannend zu sehen, wie das, was wir
hier eher theoretisch gehört haben, in ganz konkrete
Arbeit mündet.
Die Ziele werden hierbei immer den jeweils
passenden Domänen des Konzeptes der Qualität des
Lebens zugeordnet und in jährlich wiederkehrenden Interviews auf der Grundlage der sogenannten
Personal Outcomes Scale, der persönlichen Ergebnisskalen, kann dann geschaut werden, ob sich durch
66
die Assistenz an den Zielen und die Umsetzung der
vereinbarten Assistenz, die Qualität des Lebens, auch
tatsächlich verändert hat.
So weit a) die Überlegungen beim Sozialwerk,
aber auch, b) was jetzt praktisch an Umbruchprozessen
wirklich stattfindet. Über dieses Thema will ich ein
Gespräch führen mit vier Klienten des Sozialwerks.
Diese darf ich Ihnen vorstellen und sie jetzt auf die
Bühne bitten.
Da ist zunächst Kerstin Kretschmar. Sie kommt
aus dem Bereich der Viktoria Suchtkrankenhilfe des
Sozialwerks St. Georg. Herzlich willkommen, Kerstin
Kretschmar.
Dann, Hans-Dieter Beuker. Er kommt aus der
Außenwohnung der Einrichtung Katharinenstift in
Ascheberg. Auch Ihnen, Herr Beuker, herzlich willkommen!
Der Nächste steht schon bereit: Peter Noswitz
von der Außenwohngemeinschaft des Kastanienhofs
in Lennestadt. Schön, dass auch Sie mit in der Gesprächsrunde dabei sind.
Und schließlich noch Jörg Lau aus der Außenwohngemeinschaft in Bestwig. Auch er ist bei dieser
Runde dabei. Herzlich willkommen!
Ich will mit Ihnen beginnen, Herr Lau. Sie haben
mir eben in der Mittagspause gesagt, dass Sie sowohl
im Werkstattrat sitzen als auch im Klientenbeirat. Also
eine Menge Posten, eine Menge Arbeit. Was machen
Sie in dem Bereich? Was können Sie tun im Werkstattrat, im Klientenbeirat?
| Jörg Lau:
Ja, erst einmal muss ich sagen, wir haben jeden
ersten Mittwoch im Monat in der Werkstatt eine
Sprechstunde, die früh genug bekannt gegeben wird,
so dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
darauf einstellen können. Es kommen dann selbstverständlicherweise Beschwerden, aber auch Verbesserungsvorschläge, die wir gerne entgegennehmen
und dann mit den jeweiligen Gruppenleitern usw.
besprechen. Die werden das dann an die höhere
Position weiterleiten.
Fachtagung | Diskussion mit Klienten zur Qualität des Lebens, Tom Hegermann
Tom Hegermann (Moderator)
Jörg Lau
| Tom Hegermann:
| Tom Hegermann:
Jetzt kommt ja noch etwas Neues dazu zu dieser
Arbeit. Nämlich für jeden Einzelnen auch noch dieser
Teilhabebegleiter. Haben Sie selber schon einen?
An welcher Stelle sind Sie denn jetzt mit der
Teilhabebegleiterin? Ist inzwischen beiden klar, dass
man etwas miteinander anfangen kann?
| Jörg Lau:
| Jörg Lau:
Ich habe eine Teilhabebegleiterin, ja.
| Tom Hegermann:
Wie war das für Sie, sie kennenzulernen? War für
Sie von Anfang an klar, was die jetzt von Ihnen will
und was Sie von ihr wollen?
| Jörg Lau:
Ja, das ist eine komplizierte Geschichte ...
Ich will mal so sagen: Ganz grob gesagt, sie ist mir
praktisch zugeteilt worden.
| Tom Hegermann:
Ja, auf jeden Fall. Zunächst haben wir besprochen,
was meinen Arbeitsplatz angeht. Ich möchte gerne
auf dem ersten Arbeitsmarkt wieder in meinem alten
Beruf arbeiten, wenn es möglich ist. Dann habe ich in
erster Linie meinen Umzug in meine eigene Wohnung
vorgezogen. Das geht jetzt erst einmal vor, danachmüssen wir sehen, wie es dann wird.
| Tom Hegermann:
Was für einen Beruf haben Sie gelernt?
| Jörg Lau:
Handelsfachpacker.
Aha. angeordnet, sagt Herr Beuker. Angeordnet,
sozusagen.
| Tom Hegermann:
So ungefähr. Nein, aber ich bin sehr damit einverstanden.
Handelsfachpacker, ja. Und das ist jetzt quasi, da
haben wir eben drüber geredet, als Ziel vereinbart
worden, dass sie beide gemeinsam versuchen, das hinzubekommen?
| Tom Hegermann:
| Jörg Lau:
| Jörg Lau:
Das heißt ja ganz praktisch, es war nicht vom ersten Moment für Sie klar, was das eigentlich soll. Das
mussten Sie erst mal mit ihr besprechen, das musste
erst mal klar werden.
| Jörg Lau:
Ja, richtig. Die Aufgaben, die sie jetzt mir gegenüber hat, das musste erst einmal alles klargemacht
werden.
| Tom Hegermann:
Das heißt, das macht auch für Sie jetzt Arbeit?
| Jörg Lau:
Ungefähr, ja.
Ja, richtig.
| Tom Hegermann:
Aha, spannend. Lassen Sie mich mal Frau Kretschmar über ihre Erfahrungen befragen. Sie haben auch
gerade Ihren neuen Teilhabebegleiter kennengelernt.
Wie war das denn bei Ihnen, Frau Kretschmar?
| Kerstin Kretschmar:
Wir wurden vorher schon informiert. Ich hatte
da schon eine Idee. Vor etwa drei Monaten wurde
schon einmal ein Interview geführt.Was ich da toll
fand, war, es kamen Fragen, die für mich ein bisschen
überraschend waren. Ich habe nie damit gerechnet,
dass jemand von außen mich fragt: „Haben Sie denn
eventuell Kontakte in Ihrer Hausgemeinschaft?“ Darüber habe ich mir vorher keine Gedanken gemacht.
Ich habe diese Fragen beantwortet, dann gingen drei
Monate ins Land. Letzte Woche hatte ich das erste
Fachtagung | Diskussion mit Klienten zur Qualität des Lebens, Tom Hegermann
67
Diskussion mit Klienten
zur Qualität des Lebens
Moderation Tom Hegermann
Kerstin Kretschmar
Gespräch mit meiner Teilhabebegleiterin. Die Ziele,
die wir da festgesetzt haben, die habe ich im Grunde
vorher schon mit meinem Bezugsbetreuer – ich nenne
ihn extra so, das Recht nehme ich mir – festgelegt, die
decken sich. Jetzt muss ich dazu sagen, wichtig ist ...
Ich bin jetzt über zwei Jahre in der Einrichtung und
das Wichtigste war für mich am Anfang im Grunde
viel mehr, der Realität wieder näherzukommen. Das
heißt, Lebensqualität hatte ich gar nicht mehr. Die hat
sich langsam wieder entwickelt. Aber das hat ganz,
ganz viel mit meiner eigenen Arbeit (der Arbeit an
mir selbst) auch zu tun gehabt. Weil ich ganz viel an
meinem Verhalten ändern musste. Und deshalb finde
ich, diese Teilhabebegleiterin, die ist für mich einfach
noch mal so ein Pünktchen oben drauf. Je mehr mich
begleiten auf diesem Weg, von außen, die mich neutral beobachten, desto besser ist es für mich.
Mir ist da vor zwei Tagen so ein Bild durch den
Kopf gegangen: Ich habe mich lange, lange auf einer
Straße befunden, wo nur Kopfsteinpflaster war. Und
in der Zeit, die ich jetzt in der Einrichtung lebe, sind
links und rechts kleine neue Pfade, die ich beschreite.
Und je mehr Menschen am Wege stehen, die helfen
mir dann – ich sag mal –, wenn ich stolpere. Denn auf
diesen eingefahrenen Weg komme ich immer noch
recht häufig. Und damit ich da nicht mehr ganz hinfalle, ich sage das wirklich, und mir den Kopf komplett
einschlage, ist das für mich nochmal eine gute Sache.
| Tom Hegermann:
Sehen Sie denn eine Chance, um in Ihrem Bild zu
bleiben, dass die Teilhabebegleitung sozusagen beim
Asphaltieren vom Kopfsteinpflaster helfen kann?
| Kerstin Kretschmar:
Ja, also, da bin ich 100-prozentig von überzeugt.
Ja.
| Tom Hegermann:
Mögen Sie uns, nur wenn Sie wollen, ein, zwei
Ziele sagen, die Sie vereinbart haben?
| Kerstin Kretschmar:
Oh ja. Das ist vielleicht ganz spannend, weil die
so klein geworden sind. Ich sag mal so: Erstens nehme
68
ich mir den Druck damit und mein Ziel, das nächste
Ziel, ist ein Praktikum. Wenn ich Ihnen erzähle, von
welch großem Ziel ich vor zwei Jahren jetzt zu einem
Praktikum komme. Damals hatte ich Vorstellungen
von „ich studiere noch mal“. Nur um einmal zu
zeigen, mit welchen riesig großen Zielen ich da total
krank ankam. Für mich ist nun wichtig, dass ich jetzt
mit einem Praktikum beginne und überhaupt einmal
sehe, was noch möglich ist. Das ist für mich ganz
wichtig.
| Tom Hegermann:
Danke, dass Sie uns das erzählt haben.
| Kerstin Kretschmar:
Bitte schön!
| Tom Hegermann:
Herr Beuker, als Sie das erste Mal davon gehört haben, dass da jetzt noch ein Teilhabebegleiter
kommt, was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?
| Hans-Dieter Beuker
Ja, ich hatte das Privileg, dass ich mit in dem Ausschuss war, der dieses Berufsbild mit entwickelt hat.
| Tom Hegermann:
Sie sind von Haus aus Diplomsozialarbeiter,
muss man dabei sagen.
| Hans-Dieter Beuker
Ich bin Diplomsozialarbeiter. Und in diesem Ausschuss haben wir die Kriterien der Teilhabebegleitung
diskutiert und da habe ich auch unter anderem gesagt,
dass der Begleiter sehr qualifiziert sein sollte, mindestens die Qualität eines Sozialarbeiters oder Sozialpädagogen. Dann sollte er auch therapeutische Kompetenz,
Gesprächskompetenz haben. Erstaunlicherweise sind
diese Kriterien – glaube ich – mit in dem Berufsbild
enthalten. Dann bekam ich noch meine Teilhabebegleiterin, aber nicht Frau Oberliesen, weil die mit
in dem Ausschuss war, wegen der Unbefangenheit,
sondern Frau Hörbelt. Da musste ich mich im ersten
Gespräch ganz schön zurücknehmen, damit ich nicht
kritisch als Ausschussmitglied da herangehe.
Fachtagung | Diskussion mit Klienten zur Qualität des Lebens, Tom Hegermann
Hans-Dieter Beuker
Peter Noswitz
| Tom Hegermann:
| Tom Hegermann:
Wie ist das denn jetzt für Sie? Es geht ja dabei
auch darum, dass man sozusagen wieder mehr daran
denkt, dass jeder auch der Experte für das eigene
Leben ist.
Ich bin erstaunt bei Ihnen allen Vieren, was Sie
für einen Terminkalender haben. Das ist eine tolle
Geschichte.
| Hans-Dieter Beuker
Ja, ich habe den Vorteil, dass ich 15 Jahre lang als
Berater tätig war. Daher kenne ich die Vertrautheit.
Und diese Vertraulichkeit war sofort gegeben. Ich
habe also sehr umfangreich aus meiner Anamnese
erzählt, dass ich praktisch vier Monate in einer Klinik
war, mir dann Ascheberg ausgesucht habe, das war
ganz prima. Ich habe in einer stationären Wohngruppe
gelebt. Dann wurde ich fit genug, dass mir eine eigene
Wohnung angeboten wurde bei vollstationärer Unterbringung. Das heißt, ich fahre zu den Mahlzeiten
immer ins Katharinenstift. Die gesamte Anbindung ist
da, jegliche häuslichen Arbeiten, Waschen, alles. Das
heißt, ich kann mich nur mit meinen eigenen Ideen
befassen.
| Tom Hegermann:
Ist das auch immer Ihr Ziel gewesen, wieder
mehr Verantwortung zu übernehmen? Ich könnte
mir vorstellen, dass, wenn man jetzt mit der Teilhabebegleitung Ziele vereinbart, heißt das ja auch, dass
man möglicherweise ein bisschen mehr Arbeit hat als
früher.
| Hans-Dieter Beuker
Nein, mehr Arbeit habe ich nicht. Nein, ich hatte
ein Gespräch, dass mein Status so bleibt, weil er mir
unerhörte Sicherheit gibt. Ich habe praktisch einen
Wochenplan von dienstags bis freitags. Jeden Tag muss
ich schauen, ob ich irgendetwas habe. Dann wurde
ich in den Seniorenbeirat gewählt, zum Beispiel, in
Ascheberg, die haben aber vorher angerufen: „Was ist
das für ein Kerl?“ Zum Beispiel solche Dinge.
Lassen Sie mich den Herrn Noswitz mal fragen,
über seine Erfahrungen. Sie hatten ja inzwischen auch
die erste Zukunftskonferenz, glaube ich.
| Peter Noswitz
Ja, Zukunftskonferenz habe ich gehabt.
| Tom Hegermann:
Wie war das für Sie? Erzählen Sie mal.
| Peter Noswitz
Ja, ich habe meinen Teilhabebegleiter kennengelernt. Tobias Schönekäs. War sehr erfreut. Er hat mir
ein bisschen was über sich erzählt, z.B. dass er auch
viel Sport macht und so. Dann habe ich ihm auch
etwas über mich erzählt. Dann haben wir geplant,
was ich noch in Zukunft machen will, z.B. meine
Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt beginnen.
Und dass ich auch bald ausziehen muss, in 2014, und
zwar in das Ambulant Betreute Wohnen, weg von der
Außenwohngruppe. Er hat mich auch nach freizeitlichen Aktivitäten gefragt, ob ich da irgendwelche Fortschritte machen würde, in ein Fitnessstudio gehen,
oder sonst etwas. Ja, und da haben wir ein bisschen
geplant, was wir demnächst so machen wollen. Diese
Ziele halt, Auszug und Arbeit, und wie wir diese langsam angehen. Zum Beispiel dass ich erst einmal einen
externen Arbeitsplatz in der Werkstatt bekomme und
dass ich dann, wenn das alles klappt mit dem externen
Arbeitsplatz, wird man in so einer richtigen Firma
angestellt, so als Behinderter bekommt man leichte
Hilfsarbeiten. Wenn das alles klappt, Pünktlichkeit und
so weiter und so fort, dann könnte man irgendwann
einmal nach einer Lehre schauen.
| Tom Hegermann:
Aber das war Ihnen von Anfang an klar, oder?
Dass das natürlich ein paar Chancen bietet, dass das
aber auch Arbeit macht für Sie.
Fachtagung | Diskussion mit Klienten zur Qualität des Lebens, Tom Hegermann
69
Diskussion mit Klienten
zur Qualität des Lebens
Moderation Tom Hegermann
Von links: Martina Hoffmann-Badache, Prof. Dr. Jos van Loon,
Prof. Dr. James R. Thompson, Prof. Dr. Bernd Halfar
| Peter Noswitz
| Tom Hegermann:
Ja, sicher, aber ich bin damit zufrieden. Ich will
jetzt gar nicht den ganzen Tag im Sozialwerk rumhocken und ich habe da auch nichts. Ich gehe zwar
in eine Werkstatt (für Menschen mit Behinderung).
Aber da ist die Arbeit auch nicht so anspruchsvoll. Wir
machen halt ganz einfache Arbeit. Wir stecken Teile
zusammen und so etwas. Das macht man halt den
ganzen Tag. Dann kommt man von der Arbeit, dann
mache ich meinen Kraftsport – ich habe ein Paar Hanteln zu Hause im Zimmer. Und dann ist der Tag schon
fast wieder vorbei. Das ist halt alles. Und da dachte
ich, das wollte ich nochmal ein bisschen steigern, dass
ich noch einmal an richtige Arbeit komme, dass ich
mehr Geld verdiene, in ein Fitnessstudio gehen kann
und solche Sachen. Was ich mir jetzt halt nicht leisten
kann, das wollte ich dann nochmal erreichen.
Ich glaube, das Bild, das Bob Schalock heute Morgen geprägt hat, das werden wir alle im Kopf haben,
das ganze Wochenende und noch weiter. Dass es
einen Grund geben muss, morgens aufzustehen.
Es liegt auch viel an mir, ob es jetzt (mit dem
Konzept der Qualität des Lebens) vorwärts geht
oder ob das stagniert, stehen bleibt …
Ich danke Ihnen, dass Sie mir so bisschen über
Ihre Gründe erzählt haben und was Ihnen das alles
bringt. Herzlichen Dank. Ich wünsche Ihnen für den
weiteren Weg ganz viel Erfolg, von Herzen. Danke
schön.
| Peter Noswitz
Danke!
| Tom Hegermann:
Meine Damen und Herren, ich habe jetzt eine
Überraschung für Sie. Im normalen Ablauf wäre jetzt
eine Kaffeepause vorgesehen. Die entfällt. Dafür
machen wir die abschließende Diskussion direkt im
Anschluss und hoffen, Sie sind einverstanden??
Danke schön!
| Tom Hegermann:
Haben Sie den Eindruck, dass Ihnen der Teilhabebegleiter, dass Ihnen die Zukunftskonferenz dabei
auch ein bisschen helfen kann?
| Peter Noswitz
Ja, ich werde sehen, ob wir die Ziele jetzt erreichen können. Es liegt auch viel an mir, ob wir die
Ziele erreichen. Wenn ich jetzt immer morgens liegen
bleibe und nicht aufstehe und immer zu spät komme,
dann dauert es natürlich wesentlich länger das Ganze.
Also, es liegt auch viel an mir, ob das jetzt vorwärtsgeht oder ob das stagniert, stehen bleibt.
70
Fachtagung | Diskussion mit Klienten zur Qualität des Lebens, Tom Hegermann
Moderation Tom Hegermann
Podiumsdiskussion
„Im Brennpunkt –
Die Zukunft der
Eingliederungshilfe“
71
Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt –
Die Zukunft der Eingliederungshilfe“
Moderation Tom Hegermann
| Tom Hegermann:
Wir wollen zum Ende der Veranstaltung über die
Zukunft der Eingliederungshilfen unter dem besonderen Aspekt all dessen, was wir heute schon gehört
haben, diskutieren. Es wäre schön, wenn sich der
eine oder andere gleich an der Diskussion beteiligen
würde.
Ich darf meine Gesprächspartner vorstellen: Da
ist zunächst der Landesbehindertenbeauftragte hier in
Nordrhein-Westfalen. Herzlich willkommen, Norbert
Killewald.
Die Dezernentin für Soziales und Integration
beim Landschaftsverband Rheinland, die Landesrätin
Martina Hoffmann-Badache.
Schön, dass Sie bei uns sind.
Gitta Bernshausen vom Sozialwerk St. Georg.
Schön, dass Sie an der Schlussrunde ebenfalls
teilnehmen.
Ich habe es schon erwähnt: Prof. Jos van Loon
wird an dieser Runde auch teilnehmen. Um auch ein
bisschen mehr von seinen Erfahrungen zu berichten.
Frau Hoffmann-Badache, lassen Sie mich mit
Ihnen beginnen. Wohlwissend, dass die Zukunft der
Eingliederung ein größeres Thema ist als das, was wir
möglicherweise in dieser Runde an Schwerpunkten
diskutieren wollen.
Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, den Weg hinzubekommen, weg vom – was wir dann doch, wenn
wir ehrlich sind, bis heute ja noch haben –, weg vom
Klienten als Objekt von, sicher häufig gut gemeinten
und nicht selten auch funktionierenden, Unterstützungsmaßnahmen, hin zu Menschen, die möglichst
umfassend selbst über ihr Leben entscheiden. Wie
wichtig ist dieser Weg?
| Martina Hoffmann-Badache:
Das ist absolut wichtig und es ist eins der wesentlichen Ziele beider Landschaftsverbände, dahin
zu kommen, dass der Mensch mit Behinderung selber
gestaltendes Subjekt ist und dass es insgesamt auch
im Leistungsgeschehen zu einer Personenzentrierung
kommt, so wie das ja eben auch beschrieben wurde.
72
Das ist unser erklärtes Anliegen als Leistungsträger.
| Tom Hegermann:
Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das in der
Vergangenheit nicht immer einfach gewesen ist,
um es zurückhaltend zu formulieren?
| Martina Hoffmann-Badache:
Ja, das hat sicherlich auch eine historische
Dimension. Das war in den vergangenen Jahrzehnten
auch Ausdruck von Fürsorge. Wie es ja immer heißt:
„Wir wissen, was gut ist für die uns anvertrauten
Menschen mit Behinderungen …“ Diesen Paradigmenwechsel jetzt zu vollziehen, das beginnt seit einigen Jahren in kleinen Schritten. Wir sind schon sehr
weit gekommen durch die Schaffung des Sozialgesetzbuches IX, und wir hoffen sehr, dass mit einer Reform
der Eingliederungshilfe auch rechtlich festgelegt wird,
dass die Personenzentrierung mit dem Menschen mit
Behinderung als steuerndem Subjekt eine Verpflichtung für uns alle wird. Für uns als Leistungsträger wie
auch für Sie und alle anderen Leistungsanbieter in
Deutschland. Mal schauen, ob es klappt.
| Tom Hegermann:
Herr Killewald, ich würde Sie das gerne auch
noch fragen. Warum aus Ihrer Sicht es bisher doch
sehr schwierig ist, den Klienten dann tatsächlich
immer in den Mittelpunkt zu stellen?
| Norbert Killewald:
Wenngleich mit dem SGB IX diesbezüglich eine
deutliche Weiterentwicklung im Hinblick auf die
aktive Mitwirkung und Teilhabe von Menschen mit
Behinderung am Leben in der Gesellschaft erzielt
wurde – z.B. mehr Eigenverantwortung durch erweiterte Wunsch- und Wahlrechte, Gleichbehandlung
aller Menschen mit Behinderung bei Leistungen zur
medizinischen Rehabilitation und zur Teilhabe am
Arbeitsleben, Anspruch auf notwendige Arbeitsassistenz, schneller und unbürokratischer Zugang zu den
Leistungen durch feste Fristen für Entscheidungen
und Begutachtungen –, dominiert bei den Kostenträgern nach wie vor noch das ehemalige Fürsorgerecht
gem. SGB XII und die hiermit verknüpfte Sichtweise.
Fachtagung | Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt – Die Zukunft der Eingliederungshilfe“, Moderation Tom Hegermann
Die hier handelnden Personen sind mit dem ehemaligen BSHG und dem SGB XII groß geworden, und
das spüren Klienten ebenso wie die Akteure der
Entwicklung einer zukunftsgerichteten Eingliederungshilfe. Ich bin der Auffassung, dass sich hieran etwas
verändern würde, wenn es gelänge, das Leistungsrecht
in das SGB IX zu integrieren und dieses hierdurch zu
stärken.
| Tom Hegermann:
Nun ist es ja, Frau Bernshausen, nicht so, dass
bisher alles falsch gemacht worden wäre, sondern es
ist unendlich viel nicht nur gut gemeinte, sondern
auch gut gemachte Arbeit in den letzten Jahren und
Jahrzehnten geleistet worden. Warum reicht es trotzdem nicht aus, einfach so weiterzumachen wie bisher?
| Gitta Bernshausen:
Ja, Sie haben völlig Recht. Es ist seit vielen Jahren
eine sehr erfolgreiche Arbeit geleistet worden, nicht
nur beim Sozialwerk St. Georg, sondern auch bei allen
anderen Trägern in der Eingliederungshilfe. Vielleicht
ist es so: Nichts ist beständig – nur der Wandel. Das
ist das eine Thema. Das andere Thema ist, um das
wir, denke ich, nicht mehr umhinzukommen, und
hier lag ja auch ein Schwerpunkt in den Vorträgen
des heutigen Tages: uns zu kümmern um die Wirksamkeit von Dienstleistungen. Es wird in Zukunft
nicht mehr ausreichen, zu messen, was investieren
wir in das System hinein. Sondern wir müssen uns
fragen: „Was kommt am Ende heraus?“ Das, was Frau
Hoffmann-Badache gerade deutlich gemacht hat, die
Steuerung durch den Nutzer, die Steuerung durch den
Kunden, die Steuerung durch das Subjekt selber, kann
aus unserer Sicht nur gelingen, wenn wir uns darauf
vereinbaren, dass wir diese Dienstleistung messbar
machen wollen. Damit verbunden ist natürlich die
Hoffnung, und ich hoffe, dass die Hoffnung nicht trügt,
dass wir im Sinne der Klienten ein Commitment mit
den Leistungsträgern dahingehend herstellen können:
„Welche Qualität ist wichtig und welche Qualität
müssen wir uns leisten?“
| Tom Hegermann:
Herr van Loon, bei alldem, was da im Moment
passiert, auch über Ländergrenzen hinweg, aus Ihrer
Sicht: Wie wichtig ist eigentlich die UN-Behindertenrechtskonvention? Um da nochmal Druck zu machen,
der bisher vielleicht nicht in ausreichender Weise da
war, um so einen Veränderungsprozess einzuleiten?
| Prof. Jos van Loon:
Ja, ich glaube, jetzt haben wir von 2006 an die
UN-Konvention und jetzt ist es deutlich, das eigentlich international, die ganze Welt, sagt, wie wichtig
Inklusion ist, wie wichtig Partizipation ist. Da kann
man nicht mehr umhin. Und bisher, auch in den
Niederlanden, auch in Belgien und, ich glaube, auch
in Deutschland und anderen Ländern, war es möglich
zu sagen: „Ja, das ist eine nette Idee. Aber nicht so
geeignet für unser Land, für unsere Umstände.“ Jetzt
kann man das nicht mehr sagen. Es ist international
festgelegt. Wir haben miteinander, die ganze Welt, hat
gesagt: „Dafür treten wir ein.“ Ich glaube, das ist sehr
stark, sehr wichtig. Ich bin vor einigen Monaten auf
einer internationalen Konferenz gewesen, und da ist
auch die UN-Konvention so stark betont worden, man
kann da nicht mehr umhin. Auch weil andernfalls der
individuelle Anspruch der betreffenden Personen entgegen ihrem Recht gemäß der Konvention nicht erfüllt
werden würde. Wenn Kinder nicht zugelassen werden
zum inklusiven Unterricht, dann kann man jetzt auch
sein Recht einklagen. Das ist auch neu. Man hat auch
als Eltern z.B. mehr individuelle Rechte bekommen.
| Tom Hegermann:
Ist, Frau Hoffmann-Badache, mein Eindruck richtig, dass das, was Herr van Loon gerade beschrieben
hat, aber in den Köpfen ganz vieler Menschen noch
überhaupt nicht angekommen ist, selbst bei zahlreichen Leuten, die in diesem Bereich arbeiten, die
immer noch denken: „Ja, mein Gott. Dann sagen wir
halt künftig statt Integration Inklusion und machen
ansonsten weiter unsere Arbeit …“ Ist der Eindruck
ganz von der Hand zu weisen?
Fachtagung | Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt – Die Zukunft der Eingliederungshilfe“, Moderation Tom Hegermann
73
Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt –
Die Zukunft der Eingliederungshilfe“
Moderation Tom Hegermann
Martina Hoffmann-Badache
| Martina Hoffmann-Badache:
Also, ich bin da ein wenig optimistischer als Sie,
was die Menschen anbelangt, die mit Menschen mit
Behinderungen regelmäßig zu tun haben. Ich habe das
Gefühl, dass bei uns, seien es die Einrichtungen und
Dienste, seien es die Leistungsträger, sei es auch das
Ministerium oder auch der Behindertenbeauftragte,
dass wir uns alle schon sehr intensiv damit beschäftigen. Ich merke aber, dass die Bürger und Bürgerinnen
der Städte und Gemeinden dann, wenn es z.B. um das
Stichwort „‚inklusiver Sozialraum“ geht, dass die doch
noch alle sehr wenig davon wissen und auch wissen
wollen. Also, dass die Durchschnitts- und Normalbevölkerung sich doch noch nicht so viel mit dem
Thema befasst hat. Und das Wichtige ist für uns, eben
diesen Schritt, hin zu den Bürgern und Bürgerinnen
einer Stadt, einer Gemeinde, zu gehen..
| Tom Hegermann:
Ich weiß, dass ich an dieser Stelle unbedingt die
Frage stellen müsste, warum es da noch nicht angekommen ist. Ich stelle sie nicht, denn ich kenne die
Antwort: Da versagen die Medien an der Stelle. Das
ist mir persönlich schon bewusst, dass das auch eine
Rolle spielt bei solchen Themen. Die Konzentration
von uns Journalisten nur auf die Bereiche, wo was
schiefläuft, und weniger auf komplizierte Konzepte ...
Mein Gott, im WDR-Mittagsmagazin in drei Minuten
bekommen wir die doch gar nicht dargestellt. Das ist
mir schon bewusst. Glauben Sie mir, ich arbeite heftig
daran, dass sich da etwas ändert.
| Martina Hoffmann-Badache:
Das ist gut.
| Tom Hegermann:
Herr Killewald, zu dem, was wir gerade besprochen haben – wie bekommen wir das denn in der
Praxis auch tatsächlich umgesetzt?
| Norbert Killewald:
Zunächst einmal muss ich feststellen – und ich
bin jetzt seit über 30 Jahren in der Politik –, dass ich
noch niemals zuvor habe beobachten können, dass ein
Thema so rasch an Bedeutung gewinnt wie die Umsetzung der in Deutschland im März 2009 ratifizierten
74
UN-Behindertenrechtskonvention. Das muss ich erst
mal dieser Gesellschaft zugutehalten. Doch sicherlich
haben wir, gemessen an den sich deutlich abbildenden
Aufgaben, noch nicht genug umgesetzt.
Auf der Landesebene haben wir uns intensiv mit
dem Rechtsrahmen auseinandergesetzt und mit den
Bürgern zu den reformrelevanten Bereichen gesprochen. Im Ergebnis hat dies zum jetzt vorliegenden
Aktionsplan geführt, dessen Maßnahmenkatalog die
Regierung bis 2020 umsetzen möchte.
Bereits am Montag werden wir mit einer Bewusstseinskampagne beginnen. Auf diese aufsetzend
werden wir erforderliche Gesetzesänderungen für die
lebensbereiche Wohnen und Arbeiten angehen. Ein
besonderes Gewicht kommt hierbei den Änderungen
des Wohn- und Teilhabegesetzes sowie dem Landespflegesetz zu, welche in den nächsten Monaten veröffentlicht werden. Hierbei ist uns das Verfahren mit
den betroffenen Bürgern selbst sowie den mit Pflege
und Assistenz befassten Verbänden und Institutionen
ein besonderes Anliegen.
| Tom Hegermann:
Welche Rolle spielt denn dabei die Frage, wie
wir von der bisherigen sogenannten Prozessqualität
wegkommen hin zu der Ergebnisqualität?
| Norbert Killewald:
Tja. Vor dem Gesetz ...
| Tom Hegermann:
Fiese Frage, ich weiß es ...
| Norbert Killewald:
Ich kann Ihnen vor Verabschiedung der Gesetzesänderungen natürlich nicht verraten, wie das Verfahren läuft. Dies nicht zuletzt auch, weil wir zunächst
z.B. die Verbände und die Betroffenen anhören möchten, um die ihnen diesbezüglich wichtigen Hinweise
möglichst berücksichtigen zu können. Eine diesbezügliche Antwort könnte ggf. bereits Ende November
gegeben werden.
Fachtagung | Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt – Die Zukunft der Eingliederungshilfe“, Moderation Tom Hegermann
Martina Hoffmann-Badache, Norbert Killewald
| Tom Hegermann:
Die Verpflichtung ist jetzt da und ich bin sehr gespannt, welche Auswirkungen das haben wird.
Das ist, Frau Bernshausen, wenn ich es richtig
verstanden habe, ja einer der ganz entscheidenden
Punkte. Weg von der Prozessqualität (die es auch
weiterhin braucht natürlich, in Zukunft), hin zum
Schwerpunkt Ergebnisqualität, oder nicht?
Frau Bernshausen, Sie wollten nochmal
dazu etwas sagen.
| Gitta Bernshausen:
| Gitta Bernshausen:
Ja, das ist ganz sicherlich so. Wir sind angetreten
mit dieser Idee und Jos van Loon hat sie ja eben auch
noch einmal vorgestellt: Ergebnisqualität messbar machen. Wir wollten uns nicht mehr zufriedengeben mit
diesem sattsam bekannten Thema des Messens von
Struktur- und Prozessqualität, ganze Qualitätsmanagementsysteme leben ausschließlich davon. Wir sind der
Meinung, das kann nicht alles sein. Wir müssen uns
fragen, wie ich vorhin schon sagte, was ist der Sinn,
was ist der Hintergrund und was ist die Wirksamkeit
von sozialen Dienstleistungen, die wir erbringen. Das
ist ein unglaublich anspruchsvolles und kompliziertes
Vorhaben. Hierbei stellt sich ganz klar die Frage nach
der Qualität und natürlich auch die Frage danach,
„was kostet uns die Qualität?“ am Ende. Wir glauben
aber, dass es unausweichlich ist, genau das so zu tun.
Wenn wir uns dahingehend einig sind, dass diese Gesellschaft nicht auf Dauer alle Unterstützungsbedarfe
wird stationär beantworten können, dann werden wir
sehr deutlich und sehr kreativ sein müssen.
Wir sind mit unseren Personal Outcomes Scales
oder auch mit dem Gesamtkonzept der Quality of Life
in einem sehr spannenden internationalen Projekt
unterwegs. Unter anderem haben wir eine gute Kooperation mit Wissenschaftler-Kollegen in Edmonton,
in der Provinz Alberta. Da ist es beispielsweise so,
dass das, was wir heute Morgen gehört haben, die Personal Outcomes Scales, in gewissen Nuancierungen
eine Voraussetzung darstellt, um eine Kostenzusage
von Seiten der dortigen Provinzregierung zu erhalten.
Also, ein Leistungsanbieter muss anhand der Personal
Outcomes Scales die Qualität der Dienstleistungen
nachweisen. Gelingt ihm dies nicht, gibt es auch kein
Geld.
| Tom Hegermann:
| Tom Hegermann:
Herr van Loon, wie wird in den Niederlanden im
Augenblick mit dieser Frage umgegangen? Auch mit
der Finanzierung einer solchen Entwicklung?
Frau Hoffmann-Badache, wie wird das denn aus
Sicht der Landschaftsverbände jetzt weitergehen?
Wir haben ja heute unendlich viel gelernt über das
Konzept Quality of Life, über Change Management,
über Unterstützungsmaßnahmen. Wir haben gerade
über Ergebnisqualität geredet. Gibt es eigentlich von
Ihnen, von einem der beiden Landschaftsverbände,
unterstützt, irgendwelche Modellprojekte, die schon
daran arbeiten?
| Prof. Jos van Loon:
| Martina Hoffmann-Badache:
Ja (lacht). Ich muss erst mal sehr ehrlich und
beschämt sagen, dass die Niederlande die Konvention
noch nicht mal ratifiziert hat. Das ist leider so. Das
„Ergebnisqualität-Denken“ ist schwierig, das in den
Niederlanden hinzubekommen. Was ich hier erzählt
habe, habe ich von unserer Organisation aus erzählt.
Man kann das nicht als Beispiel für die Niederlande
sehen. Es ist noch nicht üblich, dass Menschen über
Ergebnisqualität nachdenken. Aktuell gibt es jetzt eine
Entwicklung, dass von Januar 2013 ab alle Organisationen verpflichtet werden, Ergebnisse zu messen.
Ich denke, ein wichtiger Punkt ist der, den Sie gerade angesprochen haben, dieses Modell, was uns jetzt
vorgestellt wurde, das anzuwenden auf die Kriterien
der Leistungsträger zur Finanzierung von Leistung.
Also, sowohl eine personenzentrierte Finanzierung
von Leistung sich vorzunehmen als auch eine personenzentrierte Erbringung der Leistung. Auch finde ich
es einen sehr wichtigen Ansatz, zu messen, was die
angestrebte oder auch erreichte Ergebnisqualität einer
Leistung ist. Ich denke, die beiden Landschaftsverbände haben sich da auf den Weg gemacht.
| Tom Hegermann:
Fachtagung | Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt – Die Zukunft der Eingliederungshilfe“, Moderation Tom Hegermann
75
Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt –
Die Zukunft der Eingliederungshilfe“
Moderation Tom Hegermann
Martina Hoffmann-Badache, Norbert Killewald
Durch ihre Überlegungen zur individuellen Hilfeplanung. Die sind etwas unterschiedlich im Rheinland
und in Westfalen, aber es sind personenzentrierte Ansätze, die beide Verbände verfolgen. Und das gemeinsam auf den Weg zu bringen, als Finanzierungskonzept
für alle Leistungen, die von uns zu finanzieren sind,
das ist eine Herausforderung, der wir uns gemeinsam
stellen müssen. Ich erwarte auch, dass im Rahmen
des zu erwartenden Landesgesetzes zumindest zum
Thema Wohnen, diese Thematik auch vom MAIS
(Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des
Landes NRW) aufgegriffen wird. Insofern finde ich es
ermutigend, wenn jetzt hier das Sozialwerk St. Georg
sagt: „Wir wollen uns auf diesen Weg begeben.“
Wohlwissend, dass das kein einfacher Weg ist für alle
Beteiligten, und ich denke, dass ist auch eine Herausforderung für die Landschaftsverbände.
| Tom Hegermann:
Im Grunde genommen bräuchten wir nach all den
Modellen, über die wir heute geredet haben, die
aufeinander aufbauen, jetzt den nächsten Schritt: über
Finanzierungsmodelle nachzudenken. Damit meine
ich nicht, wo das Geld herkommt, sondern, wie wir
das wirklich aufbauen und im Alltagsgeschäft hinbekommen.
| Martina Hoffmann-Badache:
Ja, die Arbeit von St. Georg wird ja heute schon
von uns weitgehend finanziert. Meines Erachtens geht
es um eine andere Art der Finanzierung. Dass die
Finanzierung sich an dem orientiert, was der Mensch
mit Behinderung benötigt und wünscht. Und nicht
an irgendwelchen Pflegesätzen, die irgendwann mal
vereinbart wurden und jedes Jahr pauschal fortgeschrieben werden. Das ist die Finanzierungsmethode
in unseren stationären Wohneinrichtungen, Rheinland
wie Westfalen. Oder man geht von Leistungstypen
oder Hilfebedarfsgruppen aus. Im gesamten Bereich
Wohnen die Finanzierung umzustellen, das ist meines
Erachtens das Ziel – die Leistung anzupassen an die
individuellen Bedarfe. Das ist gar nicht so einfach, und
da muss man sich gemeinsam auf den Weg machen.
Man muss es modellhaft erproben, insofern gebe ich
Ihnen Recht. Und daran wären wir auch sehr interessiert.
76
| Tom Hegermann:
Herr Killewald, Sie wollten, glaube ich, auch noch
etwas dazu sagen und danach sehe ich mal, ob da
nicht vielleicht doch Redebedarf im Saal ist.
| Norbert Killewald:
Also, die Diskussion passt im Moment in die Diskussion und den Vorschlag der Bund-Länder-Arbeitsgruppe, der am Montag in Hannover diskutiert wurde.
Da wurde nämlich vorgeschlagen, dass gemeinsam
mit den betroffenen Menschen und nicht über deren
Köpfe hinweg, mit allen Beteiligten, „ein diesbezügliches Verfahren entwickelt und anschließend gesetzlich gesichert wird“ – ob als Bestandteil von SGB IX
oder XII, das sei jetzt einmal dahingestellt – Die sich
hieran anschließende Diskussion verläuft kontrovers.
Hierbei geht es auch um die Fragestellung, ob in
solche trägerinitiierten Konzepte wie die der Qualität
des Lebens investiert werden soll, weil sie versprechen, dass hierdurch mehr beim Menschen mit
Behinderung ankommt, damit er im Rahmen professioneller personzentrierter Assistenz selbstbestimmter,
eigenverantwortlicher und glücklicher leben kann und
wir uns somit vom Fürsorgeprinzip verabschieden.
Ich jedenfalls unterstütze diesen Ansatz, wenngleich
die weiteren diesbezüglichen politischen Debatten
sicherlich noch spannend werden.
| Tom Hegermann:
Ich komme auf die Geldfrage gleich noch einmal
zurück. Denn wir wollen uns hier ja nicht in die Tasche lügen. Finanzierung ist eine ganz, ganz wichtige
Frage dabei.
Jetzt schaue ich dann doch einmal, ob inzwischen
jemand aus dem Publikum eine Frage stellen, eine
Anmerkung machen möchte …
Fachtagung | Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt – Die Zukunft der Eingliederungshilfe“, Moderation Tom Hegermann
Von links: Prof. Dr. Jos van Loon, Martina Hoffmann-Badache,
Norbert Killewald
| Gast:
| Tom Hegermann:
Hallo, ich bin Christian Schwabe, komme aus
dem Haus Gellinghausen im Sauerland. Und mit der
Finanzierung wollte ich gefragt haben: Seit es Teilhabebegleiter gibt, haben wir auch Post bekommen
vom LWL, dass die Finanzierung erhöht werden soll,
die Heimplätze also teurer werden. Meine Meinung
von Teilhabebegleitern ist ... ich habe auch einen
angeboten bekommen, ich habe auch zwei Gespräche
gemacht und … Ich weiß nicht, meine Wege kann ich
auch mit den Betreuern im Haus weiterführen und
brauche eigentlich keinen Teilhabebegleiter, sage ich
mal. Das ist meine Meinung dazu.
Also, eine gute, und nicht etwa eine schlechte
Nachricht, wie es möglicherweise falsch verstanden
worden ist?
Gut, weitere Fragen? Ja, Sie möchten noch etwas
dazu sagen?
| Tom Hegermann:
Die will ich Ihnen auch nicht nehmen an der
Stelle. Gut. Kann zu dem finanziellen Aspekt, der da
gerade erwähnt worden ist, einer von den Teilnehmern auf dem Podium etwas sagen?
| Martina Hoffmann-Badache:
Ich habe es leider akustisch nicht ganz
verstanden.
| Tom Hegermann:
Dann frage ich noch einmal nach: Also, dieser
Brief, den Sie da erwähnt haben, was genau wird
teurer, Ihrer Meinung nach?
| Gast:
Ja, der Heimplatz wird teurer. Der komplette
Heimplatz wird teurer. Stationär.
| Martina Hoffmann-Badache:
Was Sie möglicherweise meinen könnten, ist, dass
der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, wie auch
der Landschaftsverband Rheinland, die Zahlungen
um einen bestimmten Prozentsatz erhöht hat, jetzt in
diesem Jahr. Und darüber bekommt man dann auch
eine Mitteilung. Also, das heißt im Ergebnis, dass St.
Georg mehr Geld bekommt vom Landschaftsverband
Westfalen-Lippe.
| Gast:
Ich wollte damit sagen, seitdem Teilhabebegleiter
da sind, wurden die Prozentsätze erhöht. Ich meinte
damit, dass das wegen den Teilhabebegleitern erhöht
worden ist.
| Martina Hoffmann-Badache:
Also, das können Sie besser sagen als ich. Der
Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat die Kostensätze für die Heimplätze erhöht, weil ja auch die Mitarbeiter mehr Geld bekommen, und St. Georg muss das
ja auch refinanzieren, die erhöhten Personalkosten.
Deswegen haben die Verbände, denen St. Georg angeschlossen ist, mit den Landschaftsverbänden verhandelt, und wir haben uns dann auf einen bestimmten
Prozentsatz der Steigerung der Entgelte, so nennen
wir das, geeinigt, weil eben überall die Personalkosten
gestiegen sind. Dieses Konzept des Teilhabebegleiters,
was hier umgesetzt wird, ich glaube nicht, dass der
LWL speziell dafür mehr Geld gegeben hat.
| Gitta Bernshausen:
Nein, leider nicht. Es ist so, wie Sie es beschrieben haben. Es handelt sich um die normale Pflegesatzerhöhung im Rahmen der tariflichen Kostensteigerung.
| Tom Hegermann:
Also, es wird nicht deswegen teurer – ist die
Erklärung.
Danke, haben Sie weitere Wortmeldungen?
Fachtagung | Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt – Die Zukunft der Eingliederungshilfe“, Moderation Tom Hegermann
77
Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt –
Die Zukunft der Eingliederungshilfe“
Moderation Tom Hegermann
Norbert Killewald
| Gast 2:
Thorsten Tüllmann von den St. Augustinus
Kliniken, Bereich Qualitätsmanagement. Ich habe jetzt
in der Diskussion mitbekommen, dass es eigentlich
auch um die Finanzierung geht – und so, wie ich
das verstanden habe, gibt es ja auch das persönliche
Budget. Was ja eigentlich die absolut passgenaue Hilfe
wäre und auch die passgenaue Refinanzierung. Im
Endeffekt ist es so, dass das persönliche Budget ja in
der Realität sehr wenig genutzt wird, was, so wie ich
es mitbekommen habe, daran liegt, dass es halt sehr
schwierig in der praktischen Umsetzung ist. Meine
Frage ist daher: Wird da irgendetwas gemacht, um das
zu vereinfachen, zu verbessern?
| Tom Hegermann:
Danke schön.
| Martina Hoffmann-Badache:
Meines Erachtens geht es dabei nicht nur um das
persönliche Budget, sondern es geht um die personenzentrierte Ermittlung des individuellen Unterstützungsbedarfes. Das sollte man meines Erachtens – und
Herr Killewald sprach das ja eben auch an – zukünftig
grundsätzlich immer machen. Dass man personenzentriert schaut, was benötigt derjenige. Dann ist die
zweite Frage: Wer ist zuständiger Leistungsträger? Da
kommen ja, zumindest im Prinzip, mehrere Leistungsträger in Frage. Die dritte Frage ist dann die Art
der Finanzierung. Das persönliche Budget ist ja nicht
mehr und nicht weniger als eine Finanzierungsart.
Ob ich die Leistung, die ich brauche, eben bei St.
Georg einkaufe, als Sachleistung, oder mir das Geld
auszahlen lasse vom Landschaftsverband Rheinland
oder Westfalen-Lippe und mir dann selber die Leistung
einkaufe, vielleicht eben auch woanders als bei St.
Georg oder auf einem anderen Weg, mit St. Georg z.B.
in Verhandlung trete über eine bestimmte Leistung.
Aber es ist in der Tat immer noch ein ziemlich
komplizierter Prozess. Da haben Sie Recht. Aus unserer Sicht wird es aber auch deswegen noch so wenig
in Anspruch genommen, weil es auch nicht so sehr
attraktiv ist. Das persönliche Budget lebt eigentlich
dann oder ist dann interessant, wenn es zu einem
leistungsträgerübergreifenden persönlichen Budget
78
kommt. Also, wenn z.B. wir und die Pflegekassen
unser Geld zusammen in einen Topf tun könnten für
ein persönliches Budget. Das ist bisher rechtlich nicht
möglich. Dann erst würde es, gerade für Menschen
mit Behinderungen, interessant. Weil die Pflegekassenleistungen und die Leistungen des Sozialhilfeträgers eben eigentlich die wesentlichen Leistungen sind,
um die es meistens geht.
| Norbert Killewald:
Ich will da noch ergänzen: Wir haben seit 2001
das SGB IX. Dort wird den antragstellenden Personen
ein schneller und unbürokratischer Zugang zu den
Leistungen durch feste Fristen für Entscheidungen
und Begutachtungen gesetzlich zugesichert. Festzustellen ist allerdings, dass sich dies in der Praxis deutlich
anders darstellt. Hier ist in der Praxis dringender
Änderungsbedarf angezeigt.
Ein Weg hierzu könnte das Bundesteilhabegeld
sein, welches auch die Landesregierung in ihrem Koalitionsvertrag favorisiert. Wir wollen die Stärkung des
persönlichen Budgets. Aus meiner Sicht ist allerdings
noch bei weitem nicht klar, ob dies dann tatsächlich
auch so eintreffen wird. Denn nach wie vor ist das
sogenannte Töpfchendenken zu überwinden. Krankenkassen, Pflegekassen, Sozialhilfeträger und weitere
Kostenträger tun sich weiterhin schwer, diesen Kurs
zu verlassen.
| Tom Hegermann:
Ich habe noch eine Wortmeldung aus dem Saal.
Sie haben noch eine Frage?
| Gast 3:
Und zwar kommt mir doch zu sehr immer der
Begriff „Pflege“ vor. Also, es geht eben nicht um
Pflege, unser Sohn, der braucht mehr Unterstützung
als Pflege, und es heißt noch immer Pflegekasse. Und
der Landschaftsverband sagt auch immer noch Pflege.
Mir geht es wirklich um Unterstützungsleistung, den
Begriff Pflege sollten wir ganz streichen. Wir haben
dann auf einmal Krankenkassen, Pflegekassen und
noch andere Kassen. Also, es geht um die Gesamtsicht
und die gesamte Unterstützungsleistung, die einer
braucht.
Fachtagung | Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt – Die Zukunft der Eingliederungshilfe“, Moderation Tom Hegermann
Tom Hegermann (Moderator) mit einem Gast
Die sollte in der Tat aus einer Hand kommen. Da
sollte meines Erachtens nicht zwischen Pflege, d.h.
Hygieneleistung, und Unterstützungsleistung für
Demenzkranke z.B. Vorlesen, Unterstützung beim
Spazierengehen, unterschieden werden ...
| Tom Hegermann:
Danke schön. Ich glaube, da sind wir uns relativ
schnell einig, wenn es um solche Begrifflichkeiten
geht.
Ich möchte aber nochmal auf das Thema Geld
zurückkommen, Herr van Loon. Damit hier nicht so
der Eindruck entsteht, weil wir heute tolle Konzepte kennengelernt haben, die für viele neu sind, die
umfangreich sind, das müsse automatisch auch mehr
Geld kosten. Ist das wirklich so, dass dieser Weg automatisch ein teurerer wäre?
| Prof. Jos van Loon:
Nein, das ist absolut nicht so. Ich kann über
einen Prozess reden, den wir in unserer Organisation gemacht haben: Wir waren eine zentralisierte
Institution. 360 Klienten auf einem Campus. Jetzt
leben sie alle in normalen Wohnungen. Ich habe das
erzählt. 150 oder mehr Wohnungen, Tagesbeschäftigung für alle. Das kostet nicht mehr. Wir machen das
mit demselben Geld. Aber was wichtig ist, ist, dass
man das ganze Konzept ändert. Man kann nicht das
Bestehende erhalten und dann neue Ideen hinzufügen. Man soll das ganze Konzept ändern. Deshalb wird
über eine Paradigma-Verschiebung gesprochen. Es
geht um ein Unterstützungsmodell. Und dann kostet
es nicht mehr.
| Tom Hegermann:
Mh. Sie kommen aus dem Nicken gar nicht mehr
raus, Frau Hoffmann-Badache. Was möchten Sie dazu
sagen?
| Frau Hoffmann-Badache:
Nein, ich finde das ganz wichtig, was Herr van
Loon gesagt hat. Es wird durch diese andere Denke
nicht teurer, sondern es wird anders.
Ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Es kann kein
additiver Ansatz sein, sondern es muss eine völlige
Veränderung des Ansatzes sein.
Der Arbeit der Professionellen, der Finanzierung
durch die Leistungsträger und eben auch der Stellung
des Menschen mit Behinderung selbst.
| Tom Hegermann:
Aber eigentlich sind wir doch im Moment gesellschaftlich und politisch in einem Zustand, dass, wenn
jemand sagt, „hier wird nichts teurer, im Gegenteil,
es kann noch etwas gespart werden“, dann müssten
sich doch alle begeistert auf den Weg machen. Warum
klappt es trotzdem so nicht?
| Martina Hoffmann-Badache:
An uns liegt es nicht ...
| Tom Hegermann:
Herr Killewald?
| Norbert Killewald:
Also, wir haben gehört, die Sozialhilfe hat keine
Schuld daran, dass sie mit den Krankenkassen, der
Rentenversicherung und mit den anderen Versicherungen keine richtungsweisende Lösung findet.
Meines Erachtens kann es nicht sein, dass z.B.
beim Übergang von der Schule zum Beruf bis zu
drei Leistungsträger in Förderungen investieren,
bis schließlich klar ist, dass die hiermit avisierten
Maßnahmen die jeweilige Person überfordern und
nicht zum Erfolg führen. Tragisch ist, dass dies auch
bei jungen Menschen geschieht, bei denen dies von
vornherein klar ist.
In solchen Fällen wäre es doch wesentlich
sinnvoller, z.B. das aus der Bildungsförderung, der Berufsförderung und der Eingliederungshilfe kommende
Geld zusammenzunehmen und hiermit eine Maßnahme zu fördern, die individuell auf die jeweilige Person
zugeschnitten ist.
Hier ist die Politik gefordert, Einhalt zu gebieten.
Ein übergeordnetes Gesetz wäre hierzu ein möglicher
Weg.
Fachtagung | Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt – Die Zukunft der Eingliederungshilfe“, Moderation Tom Hegermann
79
Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt –
Die Zukunft der Eingliederungshilfe”
Moderation Tom Hegermann
Gitta Bernshausen
| Prof. Jos van Loon:
Ich glaube, dass wir nicht vergessen sollten,
dass wir in der Vergangenheit Menschen mit einer
Behinderung segregiert, aus der Gesellschaft genommen und dann 24 Stunden pro Tag gepflegt haben.
Das kostet viel Geld. Wenn wir eine Entwicklung
eingehen, in der wir die Wünsche der Menschen ernst
nehmen und auch die Wünsche der Menschen, dass
sie an der Gesellschaft teilnehmen, dann sehen wir,
dass Menschen mit einer Behinderung nicht nur partizipieren, sondern auch einen Beitrag zur Gesellschaft
leisten. Und dann kosten Menschen nichts, dann
haben Menschen dazu beigetragen. Ich glaube, dass
ist sehr wichtig. Finanziell bedeutet das, dass institutionelle Pflege eigentlich mehr kostet, als wenn wir
Menschen die Möglichkeit geben, in der Gesellschaft
zu partizipieren.
| Tom Hegermann:
Aber dann sind wir doch, wenn ich das Revue
passieren lasse, Frau Bernshausen, an einem ganz
spannenden Punkt. Wir haben Konzepte, die, nach
allem was wir wissen, das Leben der Klienten deutlich verbessern. Was zwangsläufig dazu führt, dass
diejenigen, die ihre Teilhabebegleiter und sonstigen
Unterstützer sind, auch ein bisschen mehr Spaß an
ihrer Arbeit haben werden, weil es größere Erfolge
gibt. Das obendrein in der Situation, wie sie mir jetzt
alle versichert haben, die nicht mehr Geld kostet. Ich
könnte mir sogar vorstellen, wenn die Maßnahmen
effektiver ausgeführt werden, sogar langfristig Geld zu
sparen. Dann müssten wir jetzt alle gemeinsam in der
Lage sein, die nächsten Schritte zu gehen, oder nicht?
| Gitta Bernshausen:
Ja, möglicherweise geht es um die Radikalität,
die Herr Killewald gerade angesprochen hat. Bei
einer stringenten Organisation im Sinne von „Money
follows the person“ wäre das der Fall. Wenn wir uns
an einem individuellen, ganz persönlichen Unterstützungsbedarf eines Menschen orientieren, der dann
anschließend natürlich zu quantifizieren und deren
Zielsetzung auch mit Qualität zu hinterlegen ist. Aber
wenn wir sagen, wir quantifizieren den individuellen
Unterstützungsbedarf eines Menschen, und dieser
80
Mensch hat beispielsweise eine bestimmte Anzahl
von Fachleistungsstunden als Bedarf, dann wird er
sich einen entsprechenden Anbieter suchen. Und erst
dann werden diese Strukturen freigesetzt werden. Ich
glaube auch, dass der Einzelfall möglicherweise kostengünstiger zu organisieren ist als bisher. Allerdings
wird es so sein ... Jedoch haben wir bei einem solchen
System natürlich auch Menschen, die sehr, sehr viel
teurer sind, als die aktuellen Durchschnittspflegesätze
vorsehen. Die Radikalität müsste dann von Seiten der
Leistungsträger auch an dieser Stelle eingegangen
werden. Hinzu kommt, dass wir einen wachsenden
Nutzerkreis haben. Immer mehr Menschen sind auf
Leistungen der Eingliederungshilfe angewiesen – und
ich denke, dass ist der Hintergrund, weshalb das System insgesamt nicht preisgünstiger werden kann.
| Martina Hoffmann-Badache:
Da sprechen Sie jetzt zwei verschiedene Themen an. Beide Landschaftsverbände sind sehr wohl
bereit, bei einer personenzentrierten Finanzierung der
Leistung, also Gestaltung von Leistung und Finanzierung, auch zu sehen, dass es Menschen gibt mit
einem hohen individuellen Unterstützungsbedarf. Das
gilt für beide Landschaftsverbände. Gleichzeitig gilt
aber genau das, was Sie, Herr van Loon, gesagt haben:
Diese Perspektive auch zu entwickeln. Das ist unsere
Erwartung. Das insgesamt die Zahl der Menschen mit
Unterstützungsbedarf in den nächsten Jahren weiter
steigen wird, das ist ja noch eine weitere Thematik.
Das ist denen, die die Landschaftsverbände finanzieren, nicht immer ganz bewusst. Aber da gibt es eine
ganz klare Rechtslage: Dass in Deutschland Menschen
mit Behinderung auch einen Rechtsanspruch auf
Unterstützung haben und wir als Landschaftsverbände
diesen Rechtsanspruch zu befriedigen haben. Das ist
unsere Rolle und die erfüllen wir.
Aber natürlich gibt es auch eine politische
Diskussion zu den steigenden Kosten der Eingliederungshilfe, die wir, mein Kollege Herr Münning und
ich, auch immer führen müssen. Die ist nicht leicht,
die ist sehr schwierig angesichts der leeren Kassen
der Kommunen in Nordrhein-Westfalen, insbesondere
hier im Ruhrgebiet. Das ist natürlich ein Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen und wo wir uns auch
Fachtagung | Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt – Die Zukunft der Eingliederungshilfe“, Moderation Tom Hegermann
Prof. Dr. Jos van Loon
mit denen auseinandersetzen müssen, die mich immer
fragen: „Warum wird das denn immer teurer?“ und
warum ich das nicht endlich mal verhindern kann, das
es immer teurer wird.
| Tom Hegermann:
Herr Killewald, Sie wollten noch was dazu sagen.
| Norbert Killewald:
Ja, man muss, wenn man über die zukünftige
Anzahl von Menschen, die die Hilfe empfangen oder
die Unterstützung benötigen, spricht, unterscheiden.
Also, die Eingliederungshilfe ist das eine. Das sind
einige Milliarden. Der höhere Anteil wird jedoch
aus der Solidarkasse bezahlt. Der Faktor Arbeit, bei
dem die Solidargemeinschaft nicht die Kommune,
sondern der Sozialversicherungspflichtige und sein
Arbeitgeber sind, zahlt viel mehr. Wenn wir über
Veränderung reden, fokussieren wir uns nicht alleine
auf die kommunale Familie oder das Land oder den
Bund. Vielmehr müssen wir auch immer die Faktoren
der Arbeitslosenversicherung, der Renten-, Unfall- und
Krankenversicherung mitdenken. Die greifen heute
alle. Bis ein Mensch, der aus einem Berufszusammenhang kommt, in der Werkstatt ist oder im ambulant
betreuten Wohnen, hat er alle diese Sozialversicherungen durchlaufen. Vielleicht Pflegeversicherung nicht,
aber alle anderen. Und damit hat der Faktor Solidarversicherung das meiste herbeigeführt. Wenn wir über
Veränderungen reden, dann müssen wir bereit sein,
auch hier Veränderung zu schaffen. Und ich wage
die Prognose, dass es nicht unbedingt teurer werden
muss. Voraussetzung wäre allerdings, dass sich die
Leistungsträger auf gemeinsame Modelle einlassen
und ihr „Töpfchendenken“ überwinden.
Einmal ganz durch von Frau Bernshausen bis
Herrn Killewald: Was sind die nächsten Schritte, die
Sie sich wünschen?
| Gitta Bernshausen:
Die nächsten Schritte, die wir uns wünschen,
sind, dass wir den Weg, den wir eingeschlagen haben,
erfolgreich zu Ende oder weitergehen können. Und
das, was wir uns davon versprechen, nämlich den tiefgreifenden Organisationsentwicklungsprozess, auch
im Sozialwerk St. Georg, unter breiter Beteiligung
aller, erfolgreich bewerkstelligen.
| Tom Hegermann:
Danke schön. Herr van Loon ...
| Prof. Jos van Loon:
Wir stehen erst am Anfang des Prozesses des
Förderns von Inklusion. Ich glaube, dass wir noch
einen langen Weg zu gehen haben. Und dass das Endziel vielleicht ein … Ich sehe eine Gesellschaft, die
zugänglich ist für jeden. Das ist eigentlich das, was ich
als Ziel sehe. Dass die ganze Gesellschaft, der Unterricht, die Restaurants, die Betriebe, für jeden zugänglich sein wird. Der Transport ... Jetzt sprechen wir
immer noch über Menschen mit einer Behinderung,
aber eigentlich, wenn wir weiter gehen, dann soll
unsere Gesellschaft eine Gesellschaft sein, in der jeder
seinen Platz hat, und dann hoffe ich, wenn ich so viel
Jahre weiter bin und einen Rollstuhl brauche, dass es
dann die Möglichkeit gibt, mit dem Bus zu fahren. Die
Gesellschaft soll für jeden zugänglich werden.
| Tom Hegermann:
Danke schön. Frau Hoffmann-Badache ...
| Tom Hegermann:
| Martina Hoffmann-Badache:
Mit Blick auf die Uhr muss die nächste Frage,
weil ich versprochen habe pünktlich zu sein, auch
schon die Abschlussfrage sein. Ich gebe zu, dass ist so
eine typische Journalisten-Frage. Aber vielleicht kann
die ja trotzdem dabei helfen, nochmal darüber nachzudenken, wie es jetzt weitergehen soll.
Dem kann man gar nichts mehr hinzufügen,
dem kann ich mich nur anschließen.
| Norbert Killewald:
Ich wünsche mir für die nächste Bundestagswahl
Wahlprogramme aller Parteien, in denen das Bundesleistungsgesetz drinsteht und eine Neuregelung und
Zusammenführung der Leistungen für Menschen mit
Behinderungen.
Fachtagung | Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt – Die Zukunft der Eingliederungshilfe“, Moderation Tom Hegermann
81
Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt –
Die Zukunft der Eingliederungshilfe”
Moderation Tom Hegermann
| Tom Hegermann:
Meine Damen, meine Herren. Ich möchte
zunächst mal, ich denke auch in Ihrem Namen, allen
Gesprächspartnern dieser Diskussionsrunde noch
einmal recht herzlich danken.
Ich habe die ganze Zeit ein Lied im Kopf. Dieses
Lied „Dieser Weg wird kein leichter sein“. Aber es ist
einer, der gegangen werden muss. Ich habe heute im
Laufe des Tages eine Menge gelernt. Sie hoffentlich
auch. Ich wahrscheinlich mehr als Sie, weil Sie eher
Fachleute sind als ich. Ich fand es sehr, sehr spannend,
von den wirklichen Experten nochmal eine Menge zu
lernen.
Herzlichen Dank zunächst nochmal an Bob Schalock, dass er zu uns gekommen ist.
Wir alle gemeinsam müssen jetzt in den nächsten
Jahren daran arbeiten. Und mit wir alle gemeinsam
meine ich eben nicht nur Sie, die Experten mit den
Klienten. Sondern auch so Leute wie ich. Ich habe
es eben schon erwähnt, mir ist schon bewusst, dass
die Medien eine ganz wichtige Rolle spielen. Aber
eine ganz wichtige Rolle spielen die Menschen in
den Familien, in der Nachbarschaft, in der Stadt, alle
gemeinsam, denn nur alle gemeinsam werden wir das
Ganze hinbekommen.
Ich wünsche Ihnen für Ihre weitere Arbeit, für
Ihr weiteres Leben viel Erfolg. Schönes Wochenende,
kommen Sie gut nach Hause.
Ende
Seine Anreise war 2000 km kürzer, aber trotzdem
auch: Jim Thompson, herzlichen Dank!
82
Fachtagung | Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt – Die Zukunft der Eingliederungshilfe“, Moderation Tom Hegermann
Fachtagung | Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt – Die Zukunft der Eingliederungshilfe“, Moderation Tom Hegermann
83
Mitwirkende
| Gitta Bernshausen
| Prof. Dr. Bernd Halfar
| Tom Hegermann
Gitta Bernshausen,
Vorstand des Sozialwerks
St. Georg e. V.,
Gelsenkirchen
• Prof. Dr. Bernd Halfar,
Professor für Management
in sozialen Einrichtungen /
Organisationsentwicklung an
der Katholischen Universität
Eichstätt-Ingolstadt, Leiter der
Arbeitsstelle für NPO-Controlling /SROI, Leitung der Arbeitsstelle für Sozialinformatik
Tom Hegermann,
Radiomoderator (bekannt aus
dem WDR) und freier Journalist
• Seniorpartner der Unternehmensberatung xit GmbH in Nürnberg
und Berlin
| Hans-Dieter Beuker
Hans-Dieter Beuker,
Klient des Wohnverbundes
Katharinenstift in Ascheberg
des Sozialwerks St. Georg e. V.,
Mitglied des Seniorenbeirates der
Gemeinde Ascheberg / Westfalen
• Mitglied in Aufsichtsräten und
wissenschaftlichen Beiräten sozialwirtschaftlicher Unternehmen
| Martina Hoffmann-Badache
Martina Hoffmann-Badache,
Landesrätin, Leiterin des Dezernates Soziales, Integration des
Landschafts­verbandes Rheinland,
Mitglied des Vorstandes der
Bundesarbeitsgemeinschaft der
überörtlichen Träger der
Sozialhilfe
84
Fachtagung | Mitwirkende
| Norbert Killewald
Norbert-Killewald,
Beauftragter der Landesregierung
für die Belange der Menschen
mit Behinderung in NordrheinWestfalen
| Kerstin Kretschmar
| Prof. Dr. Jos van Loon
Kerstin Kretschmar,
Klientin der Wohngemeinschaften
Viktoria des Sozialwerks
St. Georg e. V., Gelsenkirchen.
• Prof. Dr. Jos van Loon,
Gastprofessor im Fachbereich
Heilpädagogik der Fakultät für
Psychologie und Pädagogik an der
Universität Gent (Belgien)
• Manager (fachlich-inhaltlich) der
Stiftung Arduin in Middelburg,
Niederlande
• Mitinitiator der Plattform für
Inklusion in Zeeland, Niederlande
| Jörg Lau
• Mitglied des Wissenschaftlichen
Beirates des Sozialwerks
St. Georg e. V., Gelsenkirchen
Jörg Lau,
Klient der Außenwohngemeinschaft des Sozialwerks St. Georg
e.V. in Bestwig und Mitglied
des Werkstattrates der Caritas
Werkstatt EnsTec in Meschede
und des Klientenbeirates des
IWO Bestwig
| Prof. (em.) Dr. Robert
Schalock
• Prof. (em.) Dr. Robert Schalock
war vor seiner Pensionierung
Professor und Dekan des Fachbereichs für Psychologie am
Hastings College, Nebraska, USA
• Außerordentlicher Professor an
den Universitäten Kansas (Life
Span Institut und Beach Center
of Disability), Universität von
Salamanca (Spanien), Chonguin
Universität China, Universität
Gent (Belgien)
• Vorstandsmitglied zahlreicher
Verbände, u.a. Präsident der
American Association of Mental
Retardation
| Peter Noswitz
Peter Noswitz,
Klient der Außenwohngemeinschaft der Einrichtung Kastanienhof des Sozialwerks St. Georg e.V.
in Lennestadt
| Prof. Dr. James R. Thompson
• Prof. Dr. Thompson,
Professor für Sonderpädagogik an
der Illinois State University (USA)
• Vorstandsmitglied (PresidentElect) American Association on
Intellectual and Developmental
Disabilities
• Vorstandsmitglied der Arduin
Academy for Quality of Life,
Niederlande
Fachtagung | Mitwirkende
85
Tagungsprogramm
Das Programm an diesem Tag:
09:00 Uhr
Anmeldung/Stehkaffee
09:30 Uhr
Begrüßung und Einführung in das Thema
Gitta Bernshausen, Sozialwerk St. Georg e. V.
09:40 Uhr
Tagungsüberblick
Tom Hegermann (bekannt aus dem WDR)
09:45 Uhr
Zwischen Glaskugel und fachlichem Controlling –
Lässt sich die Qualität sozialer Arbeit messen?
Prof. Dr. B. Halfar, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
10:45 Uhr
Quality of Life – Creating Value through Innovation
Prof. (em.) Dr. R. Schalock, Hastings College in Nebraska, USA
11:45 Uhr
Kaffeepause
12:00 Uhr
Quality of Life – and the supports
Prof. Dr. J. R. Thompson, Department of Special Education,
Illinois State University, USA
13:00 Uhr
Mittagspause
14:00 Uhr Persönliche Ergebnisqualität messen, sichern, steigern –
Organisationsstrategien, Leitlinien und Praxisbeispiele
Prof. Dr. Jos van Loon, Manager Stichting Arduin in Middelburg,
Niederlande, Department of Special Education, Universität Gent,
Belgien
86
15:00 Uhr
Diskussion mit Klienten zur Qualität des Lebens
Moderation Tom Hegermann
15:30 Uhr
Podiumsdiskussion „Im Brennpunkt –
Die Zukunft der Eingliederungshilfe“
Moderation Tom Hegermann (bekannt aus dem WDR)
16:00 Uhr
Verabschiedung und Ende der Veranstaltung
Fachtagung | Tagungsprogramm
Organisatorisches
Tagungsort
Begegnungszentrum Schacht Bismarck
Uechtingstr. 79e
45881 Gelsenkirchen
Catering
Rainbow Catering, Hattingen
87
Gemeinsam. Anders. Stark.
Wir erbringen Dienstleistungen, damit Menschen mit Assistenzbedarf
selbstbestimmt und gleichberechtigt in unserer Gesellschaft leben.
Wir begleiten Menschen mit Assistenzbedarf in Nordrhein-Westfalen
und unterstützen jeden Einzelnen bei seiner Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Wir bieten Angebote in den Bereichen Wohnen & Leben,
Arbeit & Beschäftigung, Alltag & Freizeit, Begleitung & Orientierung,
Bildung & Beratung.
Sozialwerk St. Georg e. V.
Emscherstraße 62
45891 Gelsenkirchen
Tel. 0209 7004-0
Fax 0209 7898-01
info@sozialwerk-st-georg.de
www.gemeinsam-anders-stark.de
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