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Kinder unter drei Jahren – Was die Jüngsten - Zentrum Bildung

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Bericht zum Fachtag „Gesellschaft und Kindertagesstätten im Wandel“
Kinder unter drei Jahren –
Was die Jüngsten brauchen und die Erwachsenen wissen müssen
Fachtag am 3. September 2008 in Wiesbaden
Der Bedarf an institutioneller Betreuung für Kinder unter drei Jahren ist gestiegen. Bundesweit werden derzeit die Betreuungsplätze für diese Altersgruppe
ausgebaut. Auch für die rund 600 evangelischen Kindertagesstätten stellt sich
zunehmend die Frage nach einer qualitativen Gestaltung des Ausbaus. In einigen Einrichtungen gibt es bereits Gruppen mit unter Dreijährigen, andere Einrichtungen sind auf dem Weg oder denken über Familienzentrumsmodelle
nach. Unter dem Titel „Gesellschaft und Kindertagesstätten im Wandel“ machte der Fachtag des Zentrums Bildung der EKHN, die Bildung und Betreuung
von Kindern unter drei Jahren zum Thema. 250 Mitarbeitende und Trägervertreter von evangelischen Kindertagesstätten waren am 3. September nach Wiesbaden gekommen, um fachliche Anregungen zu bekommen. In zwei Vorträgen
und zehn Workshops gab es Gelegenheit hierzu.
„Lassen Sie uns dazu beitragen, dass die Kleinsten ganz groß rauskommen“. Mit
diesen Worten stimmte Sabine Herrenbrück, Leiterin des Fachbereichs Kindertagesstätten im Zentrum Bildung der EKHN, die rund 250 Teilnehmenden auf die Tagung
in Wiesbaden ein. Unter dem Titel „Gesellschaft und Familie im Wandel“ ging es am
3. September vor allem um die Frage, wie Kinder unter drei Jahren lernen und welche Anforderungen die Bildungsbegleitung der Jüngsten an die Fachkräfte stellt. „Mit
dem Ausbau der Betreuung von Kindern unter drei Jahren ist ein neues Arbeitsfeld
entstanden“, sagte Sabine Herrenbrück. Es könne nicht darum gehen, weiter zu machen wie bisher, nur mit Jüngeren. Es gelte sich auf die Einzigartigkeit dieser Altersgruppe einzulassen und sich den vielfältigen Anforderungen zu stellen. „Schließlich
sind die ersten drei Jahre die grundlegendsten und entwicklungsreichsten im Leben
eines Menschen“.
„Nie wieder lernen Kinder so viel, wie in den ersten Jahren und das ganz von selbst,
wenn wir sie lassen“, sagte Kornelia Schneider, vom Deutschen Jugendinstitut in
München. In ihrem Vortrag machte sie das Besondere der ersten Jahre deutlich.
„Kinder sind von Geburt an kompetent. Sie sind Forscher von Anfang an“, betonte
sie. Kinder seien neugierig und bildungshungrig und daran interessiert ihre Umwelt
zu erforschen. „Um ihre Fähigkeiten zu erweitern leisten sie jeden Tag Schwerstarbeit und zwar aus eigenem Antrieb“, erläuterte die Wissenschaftlerin. „Kinder lernen
fortwährend in allem was sie tun und durch alles, was sie erleben“, erklärte sie.
„Wenn wir das Lernen der unter Dreijährigen unterstützen wollen, müssen wir wahrnehmen, was sie schon können und daran anknüpfen.“
„Für die Jüngsten braucht es die höchste Qualifikation“ forderte Schneider. An die
Fachkräfte appellierte sie, jeden Tag selbst ein Stück mit auf Entdeckungs- und Bildungsreise zu gehen. Um das Aufwachsen der unter Dreijährigen in einer Gruppeneinrichtung bestmöglich zu gestalten, brauche es vor allem ein differenziertes Raumangebot, das unterschiedlichen Alters- und Entwicklungsinteressen gerecht werde.
Aber auch ausreichendes und qualifiziertes Personal, die mit gezielten Angeboten
dazu beitragen, dass die Kinder von Anfang an ihre Möglichkeiten entfalten können.
Eine wichtige Quelle für Bildungsprozesse seien aber nicht nur die Beziehungen zu
Erwachsenen sondern auch die Begegnungen mit Kindern. „Kinder lernen durch eigenes Tun und dem Vorbild der Anderen, sie müssen nichts beigebracht kriegen“, ist
Kornelia Schneider überzeugt.
„Kindheit wird immer mehr zur Institutionenkindheit weil Familie als zentraler Ort für
frühe Bildung, immer weniger gelingt.“ Diese Position vertrat Dr. Remi Stork, Referent für Familienpolitik und Jugendpolitik bei der Diakonie Rheinland - Westfalen Lippe. Er zeigte in seinem Vortrag auf, wie vielfältig Familie heute ist und informierte
über wichtige Aspekte des Strukturwandels. Der Wandel der Gesellschaft nehme
Einfluss auf die Familie. Familien müssten sich mehr öffnen, denn sie könnten aufgrund zunehmender Umwelteinflüsse immer weniger ihrer Funktion gerecht werden,
ihre jüngsten Mitglieder „zu schützen, zu versorgen, zu fördern und auf das Leben in
der Gesellschaft vorzubereiten“. „Das Bild von der Familie als Keimzelle der Gesellschaft greift nicht mehr“, sagte Stork. Moderne Familien seien von Anfang an auf die
Zusammenarbeit mit professionellen Systemen angewiesen, um die komplexen Anforderungen bewältigen zu können. „Den Eltern bleibt heute nichts anderes übrig als
Erziehungspartnerschaften einzugehen.“ Diese Kooperation mit den Familien sei für
die Bildungs- und Erziehungssysteme neu, sie seien mit ihren speziellen Systemlogiken nicht auf wirkliche Zusammenarbeit angelegt ,so Stork. „Der Kindergarten wurde
ohne Eltern erfunden.“ Pädagogische Professionalität sei lange dem Ideal der famili-
enfernen und familienfreien Erziehung gefolgt. Unter dem Stichwort der „Erziehungspartnerschaft“ versuchen heute die Systeme in einer neuen Qualität zusammenarbeiten. Es gehe für Fachkräfte nicht nur darum die Kinder verstehen zu lernen, sondern
auch die Eltern. Erziehungspartnerschaft so verstanden erfordere: wechselseitige
Öffnung, Abstimmung in Erziehungsfragen und –haltungen, gemeinsame Verantwortung für das Wohl des Kindes.
Auch wenn sich noch nicht alle Träger mit dem Gedanken angefreundet haben, dass
Bildungs- und Erziehungsinstitutionen zunehmend mehr die Aufgaben übernehmen,
die bislang traditionell von Familien geleistet wurden, gilt das Familienzentrum als
zukunftsweisendes Modell. Davon ist Katrin Steinforth überzeugt. Die Pädagogin
wurde im Dekanat Kronberg mit der Entwicklung eines Familienzentrumskonzeptes
beauftragt. Im Workshop „Von der Kindertagsstätte zum Familienzentrum“ stellte sie
ihre Erfahrungen aus der Projektentwicklung des Evangelischen Kinder- und Familienhauses Hofheim-Langenhain vor. „Familienzentren erweitern das klassische Angebot einer Kindertagesstätte und bündeln die Angebote in einem kooperativen und
unterstützendem Netzwerk“, erklärte Steinforth. Idealerweise setze man sich zusammen, plane die Angebote und entwickele eine gemeinsame Haltung. „Aus Koexistenz muss Kooperation werden“ betonte die Pädagogin. Erst dann könne das
Ganze zu mehr als zu einer Summe seiner Teile werden. Katrin Steinfurt räumte ein,
dass wirkliche Kooperation und Vernetzung sehr arbeits- und zeitintensiv sei und ein
hohes Maß an Frustrationstoleranz erfordere. „Und man kann sich auch nicht endlos
vernetzen, sonst wird es irgendwann nicht mehr handhabbar.“ Kooperation gelinge
am Besten dann, wenn alle Seiten einen Gewinn draus ziehen können und sich gegenseitig wertschätzen und achten.
„Mit einem lebendigen Familienzentrum kann auch die Kirchengemeinde an Attraktivität gewinnen“, meinte Katrin Steinforth. Es gehe darum, genau hinzuschauen was
vor Ort gebraucht wird und was realistisch geht. „Das A und O ist die Sozialraumanalyse“, ergänzte, Inge Wetter, Fachberaterin für Kindertagesstätten. „Das Angebot
muss bedarfsgerecht an den konkreten Familien in der Region orientiert sein.“ Und
das bedeute: Jedes Familienzentrum sei anders.
Den Beiträgen der Workshop-Teilnehmenden war zu entnehmen, dass an einigen
Orten bereits Prozesse in Gang kommen, die eine neue Kultur des Aufwachsens auf
den Weg bringen wollen. Kindertagsstätten seien die geeigneten Ausgangspunkte für
Familienzentren. Was fehle, sei ein klares politisches Signal von Seiten des Landes
und auch der Kirche, damit es nicht nur bei Einzelversuchen bleibe, die unkoordiniert
nebeneinander herlaufen, monierte Inge Wetter.
Weitere Workshops widmeten sich der Eingewöhnung der Kinder unter drei Jahren,
der religiösen Bildung, der Sprachentwicklung den Bedingungen für Bindungssicherheit, der Raumgestaltung und der „beziehungsvollen Pflege nach Emmi Pikler. Weiter
ging es um Fragen der Trägerqualität, um Aspekte der Tagespflege um Resilienz und
um Beobachtung und Dokumentation von Kindern unter drei Jahren.
Elke Heldmann-Kiesel / Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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Seele and Geist
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