close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Finissage - Steiermarkhof

EinbettenHerunterladen
9.11.2014, Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 1.Thessalonicher.5,1-6
9. November 1938 und 9. November 19891
Predigtmeditation: Annette Muhr-Nelson, Superintendentin, Unna, Friedensbeauftragte der EKvW
Liturgieentwurf: Barbi Kohlhage, Krankenhausseelsorgerin, +Hamm
Eingangslied:
441 Du höchstes Licht, du ewger Schein (Melodie EG 440 All Morgen ist ganz frisch und neu)
Schuldbekenntnis
Gott, das, was ich glaube und was ich tue,
ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Ich möchte auf Deine Hilfe vertrauen und fürchte mich,
weil das Leben nicht kalkulierbar ist.
Ich sehne mich nach einer sicheren Zukunft
und lebe doch mit vollem Risiko.
Ich ahne wie schillernd die Wirklichkeit ist
und will alles schwarz auf weiß.
Ich schwanke zwischen Sorglosigkeit und Resignation.
Dabei wäre mein Glauben und Handeln hilfreicher.
Gott, bring endlich Licht ins Dunkle,
denn in Deinem Licht sieht unsere Welt anders aus.
Wir schenken den trügerischen Versprechen
keinen Glauben mehr, wenn uns Zweifel kommen.
Wir lassen uns nicht weiter einlullen,
sondern stellen die richtigen Fragen.
Wir werden endlich reden,
wo wir gestern noch geschwiegen haben.
Wir werden das Unrecht aufdecken,
anstatt es schön zu reden.
Wir verlassen uns nicht mehr allein auf die Machbarkeit
durch Mensch und Technik, sondern vertrauen
in die Kraft Deiner Güte.
Wir werden klug sein und uns gegenseitig helfen,
damit wir stark sind für die Verletzlichkeit des Lebens,
für die Herausforderungen des Alltags
und unseren Weg mit Dir.
Erbarme Dich unser.
Amen.
Kyrie: EG 178.12
Gnadenspruch:
Kerzenlichter machten Mut zum Aufbruch.
Schweigsame fanden Worte.
Funktionäre hörten auf zu funktionieren.
Zweifelnde lernten Beten.
Wütende sangen ein Lied der Hoffnung.
Gott, Du zeigst uns den Weg des Lebens,
Freude in Fülle ist vor Dir. (nach Ps 16,11)
Gloria: EG 673 Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt
Tagesgebet:
Gütiger Gott,
wir suchen Hoffnung zum Leben.
Wir wollen Resignation und Selbstbezogenheit überwinden.
Wir fragen nach den besten Lebensmöglichkeiten für alle.
Wir brauchen Ermutigung für Veränderung und Aufbruch.
Lass uns hellhörig werden für Dein Wort,
lass uns wachsam und nüchtern sein
für die Erkenntnis, die Du weckst,
für die Freude, die Du schenkst,
für die Liebe, von der wir leben,
für den Glauben, den Du stärkst,
für die Hoffnung, die Du gibst.
Amen.
Glaubensbekenntnis
Wir glauben an Gott,
den Schöpfer der Erde,
die Liebe zur Freiheit,
die Hoffnung der Armen.
Wir glauben an Jesus Christus,
den Freund im Leiden,
die Auferstehung des Lebens,
der Weg des Friedens.
Wir glauben an Gottes Geist,
den Stifter des Lichts,
die Liebe zur Weisheit,
die Kraft der Heilung.
Wir glauben an die Erneuerung des Lebens,
uns gegeben in Brot und Wein,
Gemeinschaft über Grenzen hinweg,
die handelt, tröstet und teilt.
Wir glauben an das ewige Leben
das Kommen Gottes,
die Zukunft einer neuen Welt,
die Gerechtigkeit bringt, jetzt und für allezeit.
Amen.
(Oder: EG 816 Wir glauben an Gott, den Ursprung von allem oder gesungen EG 184 Wir glauben Gott im
höchsten Thron)
Predigttext: 1. Thess 5, 1-6 (Übersetzung Luther 1984)
1 Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst
wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sie sagen werden: Es
ist Friede, es hat keine Gefahr -, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine
schwangere Frau und sie werden nicht entfliehen. 4 Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis,
dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages.
Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern,
sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.
Predigtmeditation:
Der 9. November ist ein „deutscher Schicksalstag“. In der Regel wird er als Gedenktag an die
Novemberpogrome 1938 begangen. Er war aber auch der Tag der Maueröffnung vor 25 Jahren und
markiert so den Beginn der Wiedervereinigung Deutschlands.
Lassen sich beide Ereignisse im Lichte des Predigttextes miteinander verbinden?
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in Deutschland die Türen zu Synagogen
eingetreten, ihre Fenster eingeworfen, das Inventar auf die Straße geschleudert. Thorarollen wurden
verbrannt und jüdische Gotteshäuser angezündet. Jüdinnen und Juden wurden aus den Betten geklingelt,
auf die Straßen gezerrt und verprügelt, ihre Wohnungen wurden verwüstet, ihre Einrichtungen zerstört,
ihre Geschäfte geplündert.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 ertrotzten sich Tausende von Ostberliner Bürgern den
Zugang in den Westen der Stadt, nachdem gegen 19.00h der Sprecher des SED-Zentralkomitees Günter
Schabowski eine Neuregelung der Reiseverordnungen bekannt gegeben und auf die Nachfrage eines
italienischen Journalisten, ab wann sie denn gelte, „ab sofort“ geantwortet hatte. Damit begann der
„Eiserne Vorhang“ zwischen Ost und West endgültig zu fallen. Noch in der Nacht begannen
„Mauerspechte“ die 1961 in Berlin errichtete Mauer abzutragen.
„Ihr wisst, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht“, schreibt Paulus an die
Thessalonicher. Der „Tag des Herrn“ bezeichnet die erwartete Wiederkunft des Messias. Dieser Tag ist in
der Tradition mit ambivalenten Gefühlen belegt: er gilt als Tag des Gerichts und löst daher Schrecken und
Angst aus, er gilt aber auch als „Tag des Heils“, als Tag der Erlösung und Befreiung von Ungerechtigkeit
und Unterdrückung, als der Tag, an dem sich alles zum Guten wendet.
Der 9. November 1938 markiert den Übergang von der Ausgrenzung und Diskriminierung der jüdischen
Mitmenschen im nationalsozialistischen Deutschland zur systematischen Verfolgung und zum
Völkermord. Unter der deutschen Bevölkerung und in der evangelischen Kirche herrschte zu den
Ereignissen mehrheitlich Schweigen, Wegschauen oder gar offene Zustimmung. Nur wenige nannten die
Verbrechen beim Namen. Im Nachhinein fragt man sich wie es so weit hat kommen können. Das
Judentum war zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland gut etabliert und assimiliert. Der
Umschwung in der Stimmungslage der Bevölkerung, der mit der Machtergreifung sichtbar wurde, kam für
viele überraschend, „wie ein Dieb in der Nacht“.
Die Mahnung des Paulus „lasst uns nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern
sein“ trifft ins Schwarze. Die evangelische Kirche muss sich bis heute vorwerfen lassen, die Zeichen der
Zeit nicht erkannt zu haben und entweder die absehbaren fatalen Entwicklungen in der Zeit des
Nationalsozialismus geflissentlich übersehen oder gar offen unterstützt zu haben.
Deshalb ist der 9. November für uns zum einen ein Tag des Gedenkens an die Leiden der Opfer, zum
andern aber auch ein Tag der Buße und Umkehr aus der langen Geschichte christlicher Judenfeindschaft.
Angesichts der aktuellen Erstarkung von deutschnationalem und rechtem Gedankengut haben wir hier
eine bleibende Aufgabe, die in der Predigt nachdrücklich dargelegt werden sollte.
In der friedlichen Revolution, die zur Maueröffnung und zum Niedergang der SED-Diktatur führte, haben
die Kirchen in der DDR eine wichtige Rolle gespielt. Aus den Friedensgebeten in Leipzig gingen die
Montagsdemonstrationen hervor. Ihr gewaltfreier Charakter, durch Lieder und Kerzen sichtbar nach
außen getragen, wirkte auf wundersame Weise so einschüchternd auf das SED-Regime, dass auf den
Einsatz von militärischen Mitteln verzichtet wurde.
Dass es friedlich blieb, ist für Historiker nicht zu erklären. Allenfalls, sagen sie, kann man eine Verkettung
glücklicher Umstände als Ursache benennen. Als solcher gilt z.B. ein Defekt in der Telefonverbindung mit
der SED-Zentrale in Ostberlin, über die das Militär den Einsatzbefehl für die in Leipzig in Position
gebrachten Wasserwerfer und Panzerfahrzeuge erwartete. Es war vorgesehen, so wird erzählt, die
Montagsdemonstration am 9. Oktober gewaltsam zu beenden. Als die Verbindung wiederhergestellt war,
zog sich der Demonstrationszug von 50.000 Menschen schon über den gesamten Innenstadtring, und
aufgrund der Aufmerksamkeit der internationalen Presse wurde das Militär zurückbeordert.
Als Christen können wir hier vielleicht die Kraft Gottes am Werke sehen. Zumindest können wir davon
ausgehen, dass die zahlreichen Gebete und Mahnungen der christlichen Gemeinden zu Zurückhaltung,
Nüchternheit und Besonnenheit das Ihre zur friedlichen Wende beigetragen haben.
„Ihr alle seid Kinder des Lichts und Kinder des Tages.“ – Im Gespräch mit Mitgliedern des
Kirchenvorstands der Leipziger Nicolaikirche wurde mir deutlich, dass sie die Rolle ihrer Kirche bei der
Wende sehr nüchtern sehen. Sie haben miteinander sehr gerungen um die Öffnung ihrer Kirche für die
Montagsgebete. Diese fingen sehr klein an, es erforderte langen Atem, sie durchzuhalten und auch heute
noch zu feiern – zu anderen Themen gesellschaftlicher Bedrängnis und längst nicht mehr gut besucht. Sie
waren selber erstaunt über das, was sich entwickelt hat. Zwischen Hoffen und Bangen hin- und
hergerissen haben sie gebetet und zur Gewaltlosigkeit gemahnt, manches Mal sehr daran zweifelnd, ob
sie verantworten können, was sie tun. Die Angst vor dem, was passiert, wenn die Menschen auf die
Straße gehen, war groß. Hier wirkten biblische Worte wie dieses ermutigend und tröstend. Im Nachhinein
sprechen sie von einem Wunder. Für sie steht der 9. November dafür, dass Gott nach wie vor in die
Geschichte eingreifen kann und will.
Die Erinnerung an den 9. November 1989 kann unseren Glauben darin bekräftigen, dass Gott das Schreien
und Leiden der Unterdrückten hört und der Verheißung des Friedens Räume eröffnet. Das gilt auch für die
aktuellen Konflikte in dieser Welt: Gewaltfreiheit ist der verheißungsvollere Weg zu Frieden und
Gerechtigkeit.
Fürbitten2
EineR: Gott, Du bewahrst in uns die Verheißung auf den Tag,
an dem alles Leid ein Ende hat und die Gerechtigkeit siegen wird.
In dieser Hoffnung bitten wir Dich für alle Menschen,
die sich in den Unrechtsregimen der Welt für Freiheit und Demokratie (Rechtsstaatlichkeit) einsetzen.
Lass sie der Gewalt nicht zum Opfer fallen.
Stärke ihre Kraft zu einem friedlichen Zusammenleben.
Schenk Ihnen Ausdauer und Vertrauen, dass der Tag der Befreiung kommt.
Alle: Du hast uns mit Glauben, Liebe und Hoffnung ausgestattet.
Lass uns wachen und nüchtern sein, damit wir Mauern überwinden.
EineR: Wir sind dankbar für das Wunder der politischen Wende,
für die Menschen, die Inhaftierung riskiert haben und
sich durch gewaltfreien Widerstand für die friedliche Revolution eingesetzt haben.
Gott, Du schenkst unserem Handeln den richtigen Augenblick.
Du hältst mit uns an Veränderung und Zukunft fest.
In dieser Hoffnung bitten wir Dich für mehr Würde, Tatkraft und Respekt weltweit.
Lüge, Betrug und Bespitzelung, all das hat bis heute kein Ende.
Gott, lass uns das Recht eines Menschen auf seine eigene Geschichte achten,
hilf uns, die Intims- und Privatsphäre von Frauen, Männern und Kindern gegen alle Angriffe der
Überwachung und Manipulation zu verteidigen!
Alle: Du hast uns mit Glauben, Liebe und Hoffnung ausgestattet.
Lass uns wachen und nüchtern sein, damit wir Mauern überwinden.
EineR: Gott, Du siehst unser Leben im Licht des kommenden Tages.
Du lässt uns begreifen, dass unser Reden und Handeln Bedeutung hat.
In dieser Hoffnung bitten wir Dich für uns selbst:
Vergib uns Kraftlosigkeit und Versagen.
Lass uns wach werden, wo politische Maßnahmen Unrecht begünstigen.
Lass Verfolgte unter uns eine Zuflucht finden.
Lass uns Partei ergreifen, wo die Rechte der Menschen eingeschränkt werden
aufgrund von Geschlecht, Religion oder Herkunft.
Alle: Du hast uns mit Glauben, Liebe und Hoffnung ausgestattet.
Lass uns wachen und nüchtern sein, damit wir Mauern überwinden.
EineR: Gott, wenn Dein Tag kommt, schenkst Du den Gefangenen Freiheit und den Sterbenden ewiges
Leben. Wir hoffen auf einen neuen Himmel und eine neue Erde auf der Gerechtigkeit wohnt.
Amen.
Sendung und Segen
Wir reichen uns die Hände und wünschen uns Frieden.
Wir fassen die Hand, die uns angeboten wird, damit der Frieden Christi mit Händen zu greifen ist. Wir
vertrauen einander, weil Gott uns seinen Frieden anvertraut.
Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus
Christus.
Amen.
Lieder:
Sonne der Gerechtigkeit EG 262
Wenn der Herr einst die Gefangnen EG 298
Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt EG 154
O komm, du Geist der Wahrheit EG 136
Komm in unsre stolze Welt EG 428
Die Nacht ist vorgedrungen EG 16,4(+5)
Segenslied:
- Den Segen Gottes sehn und seinen Frieden weitertragen ( Lieder zwischen Himmel und Erde, 80)
Lied: Jesu, meine Freude 3
Melodie: EG 396 (Jesu, meine Freude)
Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide,
Jesu, wahrer Gott. Wer will dich schon hören?
Deine Worte stören den gewohnten Trott.
Du gefährdest Sicherheit.
Du bist Sand im Weltgetriebe.
Du, mit Deiner Liebe.
Du warst eingemauert. Du hast überdauert
Lager, Bann und Haft. Bist nicht totzukriegen;
niemand kann besiegen deiner Liebe Kraft.
Wer dich foltert und erschlägt,
hofft auf deinen Tod vergebens,
Samenkorn des Lebens.
Jesus, Freund der Armen.
Groß ist dein Erbarmen mit der kranken Welt.
Herrscher gehen unter.
Träumer werden munter, die dein Licht erhellt.
Und wenn ich ganz unten bin,
weiß ich dich auf meiner Seite,
Jesu, meine Freude.
Lied: „Weil du unser Leben willst“4
(Melodie EG 331: Großer Gott, wir loben dich)
Weil du unser Leben willst mitten in der Welt des Todes,
gibst du uns die Möglichkeit, dass wir uns einander lieben,
dass sich die begrenzte Zeit füllt mit deiner Ewigkeit.
Weil du unsern Frieden willst mitten in der Welt des Hasses,
gibst du uns die Fähigkeit, Feinde wieder auszusöhnen,
zu verbannen Krieg und Streit bis ans Ende aller Zeit.
Weil du unsre Freude willst mitten in der Welt des Leidens,
gibst du uns die Möglichkeit, dass wir fremde Wunden heilen,
dass auch in der Dunkelheit aufgeht deine Ewigkeit.
1
Links zu diesem Datum: www.chronik-der-mauer.de/ www.archiv-buergerbewegung.de/
www.ddr-aufarbeitung.de
2
Weitere Fürbitten zum 9.11. finden sich hier:
www.ekd.de/download/bittgottesdienst_2009.pdf/www.Brot für die Welt, Fürbitten, Deutscher
Erinnerungstag 9. November
3
Text: Gerhard Schöne – Rechte: Buschfunk-Verlag, Berlin
4
Fundort: www.peterskirche-weilheim.de
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
13
Dateigröße
84 KB
Tags
1/--Seiten
melden