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480 Minuten Redezeit Die Tagung „Schärfentiefe – Über was in der

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480 Minuten Redezeit
Die Tagung „Schärfentiefe – Über was in der Kultur zu reden ist“
von Malin Schmidt/Kiel
Dass Kritik nicht immer Gegnerschaft sein muss, zeigten fast 30 Diskutantinnen und
Diskutanten in sechs Gesprächsrunden über kulturelle Fragen im Nordkolleg Rendsburg.
Hier wurde im November 2013 die Tagung „Schärfentiefe“ veranstaltet.
Die sechs Gesprächsrunden „Kultur & Bildung“, „Bewahren“, „Management“, „Schreiben“,
„Wirtschaften“ und „Was soll Politik für Kultur tun? – Was soll sie lassen?“, waren mit
Fachleuten aus den Bereichen Kultur, Wirtschaft, Bildung und Feuilleton besetzt. Sie
warfen durch offene Diskussionen ein aussagekräftiges Bild auf den Zustand der Kultur.
An vielen Gesprächspunkten herrschte rege Uneinigkeit, aber auch immer ein
ausgeprägtes Engagement des Redners für den eigenen Fachbereich.
Der Titel der Tagung sollte Programm sein: Schärfentiefe bei der Betrachtung von Kultur.
Schärfe als Gegenteil von Ungenauigkeit – Tiefe als Gegenteil von Oberflächlichkeit. Auch
wenn viele Fragen offen blieben und Gesprächsrunden teilweise mit oppositionellen
Thesen beendet wurden, so wurden doch Impulse gegeben, über Kultur nachzudenken.
Immerhin sind wir alle in ihr verankert. So offenbart sich in der Kultur, was wir waren und
was wir sind, was wir werden und was wir sein wollen.
Kultur & Bildung
Der Begriff der „kulturellen Bildung“ ist besonders in pädagogischen Einrichtungen stets
präsent. Nach Ansicht der Diskussionsteilnehmer entstehe kulturelle Bildung zum einen
eigenständig durch das Individuum, andererseits würde sie auch durch Vermittler
gefördert. In dieser ersten Gesprächsrunde wurden einige Möglichkeiten der Förderung
diskutiert. Als problematisch wurde die derzeitige Konzentration auf die MINT-Fächer
(die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) in Schulen
gesehen, die auch durch die Pisa-Studien forciert wurde. Diese Fächer wenden sich
inhaltlich ab von kulturellen Bezügen und setzen den Schwerpunkt eher in analytischtechnischer Richtung.
Nach Birgit Mandel, Professorin für Kulturmanagement und Kulturvermittlung an der
Universität Hildesheim, sei kulturelle Bildung noch nicht ausreichend in der
Bildungslandschaft verankert. Kunst und Kultur müssen als etwas Selbstverständliches
verstanden werden. Außerdem sei ein Zugang zur kulturellen Bildung nicht für Kinder
aller sozialer Hintergründe gegeben; Hier bestehe dringender Handlungsbedarf.
Die nächste Frage behandelte das Spannungsverhältnis zwischen Kanon und freier Wahl
der Gegenstände kultureller Bildung. Ein Kanon biete nach Ansicht einiger Teilnehmer
eine vorgegebene Orientierung. Andere Teilnehmer favorisierten die Möglichkeit der
individuellen Auswahl oder eine Kombination beider Modelle.
Weiterhin wurden der Einsatz der kulturellen Bildung in der Bildungspolitik und die
Stärkung der schulischen Repräsentation genannt. Es solle nach Mandel diesbezüglich
keine Noten mehr für das Fach Kunst in Schulen geben, weil die selbstgestalteten
Kunstwerke der Schulkinder ohnehin nicht vergleichbar wären. Erst wenn diese
Wertungsfreiheit gegeben wäre, würde die Kunst und Kultur auch als selbstverständlich
angesehen werden können.
Kultur & Bewahren
So sehr auch die Diskussion und das öffentliche Interesse im Bereich der kulturellen
Bildung in den letzten Jahren stetig an Bedeutung zugenommen hat, scheint der Bereich
des kulturellen Erbes immer mehr ins Abseits zu geraten. Im Nordkolleg widmete sich die
zweite Gesprächsrunde diesem Thema.
Die Erwartungen seitens Politik und Zivilgesellschaft sind hoch: Das nationale kulturelle
Erbe gilt es zu schützen, Erinnerungen zu konservieren; regionale Bezüge zu schaffen und
eine Vermittlung kultureller Identität zu etablieren.
Das zentrale Problem des konservatorischen Kulturbetriebs ist neben mangelndem
öffentlichen Interesse eindeutig ein Finanzierungsproblem. Die zum Erhalt geforderten
Mengen an kulturellen Gütern stehen in keinem Verhältnis zu den bereitgestellten Mitteln.
Weder der Erwerb und die Unterhaltung größerer Magazinflächen noch der Ankauf
schützenswerter Kunstwerke sind auch in Anbetracht der fortwährend steigenden
Betriebskosten mit dem gegenwärtigen Geldfluss in Museen und Archiven realisierbar.
Ebenso kann dem kollektiven Bedürfnis nach Sammlungsqualität unter diesen
Bedingungen schwer nachgekommen werden.
Allerdings ist dies auch unter folgenden Gesichtspunkten zu problematisieren: seien es die
defizitären Ausbildungsbedingungen in der Hochschullandschaft oder die Inkompetenz
politischer Entscheidungsträger. In diesem Zusammenhang sind insbesondere einseitig
formulierte Zielvereinbarungen und die sehr verschiedenen politischen Ansprechpartner,
die die Bedürfnisse der sammelnden Stellen teilweise unangemessen verhandeln, zu
nennen.
Abseits dieser außerbetrieblichen Problemstellungen sind auch innerbetriebliche Abläufe
nicht frei von Optimierungsbedarf, so wurde es in dem Gespräch zwischen Claus von
Carnap-Bornheim, Museumsleiter und Landesarchäologe Schleswig-Holsteins, Isabel
Pfeiffer-Pönsgen, Kulturstiftung der Länder, und Ulrich Raulff, Chef des Deutschen
Literaturarchivs in Marbach/Neckar, deutlich. Vor allem die intransparente
Unterscheidung zwischen bewahrenswerten Kulturgütern und solchen, denen dieser Wert
nicht zugeschrieben wird, verdeutliche den Objektivierungsmangel im aktuellen
Museumsbetrieb. Die Ausstellenden haben jedoch ein Interesse daran die
Aufmerksamkeitsspanne für kulturelles Erbe über die akademischen Schichten hinaus zu
erweitern. Hingegen offenbare sich in der vielerorts vorzufindenden „Massendinghaltung“
das fehlende Gespür für eine heterogene Ausstellungsstruktur und damit für ein
attraktives Museumserlebnis.
Kultur & Management
In der Gesprächsrunde „Kultur und Management“ wurde vor allem über die vergangene
und zukünftige Entwicklung des Kulturmanagement als Berufsfeld diskutiert. Dabei kam
die Runde um Patrick Glogner-Pilz, Abteilung Kultur- und Medienbildung der PH
Ludwigsburg und Doreen Götzky, Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, zu
dem Ergebnis, dass das Fach Kulturmanagement selbst einen großen Stellenwert besitze,
was hohe Absolventenzahlen und die mittlerweile selbstverständliche Suche nach
Kulturmanagern auf dem Stellenmarkt unterstreiche. Allerdings könne die bisherige
Leistung des Faches selbst aktuell schwer beurteilt werden, da für diesen Bereich keine
konkreten Forschungen existierten, welche aber nötig seien.
Bei der Umsetzung eines Kulturmanagements gibt es aber deutliche Probleme. So ist die
eigentliche Aufgabe der Kulturmanager im öffentlichen Bereich, durch Beratung und
Hilfestellung, Rahmenbedingungen zu setzen und in gemeinsamer Diskussion mit
Kulturpolitikern Lösungen zu erarbeiten, welche von jenen verwirklicht werden müssten,
schwer umzusetzen, da es an ausreichender Kooperation zwischen Kulturpolitik und
Kulturmanagement fehlt. So forderten die Gesprächsteilnehmer für die Zukunft eine
deutlich bessere Zusammenarbeit der Akteure, woneben auch mögliche Allianzen mit
anderen Branchen postuliert wurden. Weiterhin forderten sie vom Fach selbst eine
Anpassung und Veränderung der vermittelten Inhalte hin zu tieferem, speziellen Wissen
und zu konkreteren Schwerpunkten.
Die studentischen Zuhörer waren eigentlich sehr gespannt auf diese Gesprächsrunde, weil
der Bereich des Kulturmanagements sicherlich ein mögliches Berufsfeld darstellt, wurden
dann aber aufgrund von fehlender Konkretion der Diskutanten enttäuscht. Fragen wie:
„Wenn die genannten Probleme existieren, wie sehen tatsächliche Ansätze zu einer
Verbesserung der Lage aus? Eine bessere Kooperation ist leicht gefordert, aber wie stellen
sich die Diskutanten diese konkret vor? Wie sieht überhaupt die tägliche Arbeit eines
Kulturmanagers aus?“ konnten nicht gestellt oder gar beantwortet werden. So stand am
Ende der Runde als Ergebnis doch eher eine Art Bestandsaufnahme von Problemen und
oberflächlichen Ideen, wohingegen deutliche Ansätze für die Zukunft ausblieben.
Kultur & Schreiben
In der Diskussionsrunde „Kultur & Schreiben“ wurden vor allem die Funktion und die
Zukunft des Feuilletons behandelt. Bezüglich der Funktion ließen sich primär zwei
wichtige Kontroversen ausmachen. Es wurde zunächst die Unabhängigkeit
feuilletonistischen Schreibens infrage gestellt und anschließend die Aufgabe des
Feuilletons erörtert. Schließlich erfolgte eine kurze Stellungnahme zu den
Zukunftsperspektiven der Zeitung im Allgemeinen und des Feuilletons im Besondern.
Der Einstieg wurde von Richard Swartz geleistet, indem er humoristisch einen fiktiven
und emphatischen Artikel über die Tagung ankündigte. Swartz deutete damit ein allzu
kritikloses und affirmatives Schreiben über immer die gleiche, bereits etablierte Kunst in
den Feuilletons an. Die über Kultur Schreibenden seien derart eng mit den Kulturakteuren
verbunden, dass sie das kulturelle Treiben meist positiv darstellten und nie dessen Sinn
anzweifelten.
Thomas Steinfeld gab Swartz insofern Recht, als er zugestand, dass im Feuilleton eine
kleine Gruppe von Menschen für einen Kleinstteil der Bevölkerung schreibe, allerdings
Autorität einnehme, als vertrete sie die gesamte Republik. Die Verbundenheit der
Schreibenden mit jenen, über die sie schreiben, sah Steinfeld jedoch in anderen Bereichen
der Berichterstattung, wie z.B. der Politik, viel stärker ausgeprägt als im Feuilleton. Dieses
sei eigentlich ein recht unabhängiger und freier Bereich der Zeitung, in dem durchaus
noch wahre Kritik geübt und eine Außenansicht eingenommen werden könne. Dies sei
eine Möglichkeit, die laut Steinfeld im Prinzip für alle Bereiche der Zeitung bestehe.
Gleichwohl gestand er ein, dass oftmals „Hypes“ in den Feuilletons eine unabhängige,
kritische und individuelle Rezeption von Kunst verhinderten. Er schloss diesen ersten
Themenbereich mit der Feststellung, dass zu viel Verknüpfung zwischen
Kulturjournalismus und Kulturakteuren keinem der beiden Bereiche zum Vorteil gereiche.
Der zweite Teil der Diskussion befasste sich mit den Aufgaben des Feuilletons. Dabei ging
es zunächst um die Rolle der Zeitung. Steinfeld beschrieb die Zeitung als Abbild der
Gesellschaft, also als den Ort, an dem sich die widerstrebenden Kräfte der Gesellschaft
begegneten. Swartz widersprach dieser These zwar, gestand aber zu, dass es kein der
Zeitung vergleichbares Forum für die Gesellschaft gebe, denn während die Zeitung eine
Verknappung von Informationen und Meinungen darstelle, sei das Internet in seiner Fülle
kaum zu überschauen.
Seinem Bild des Feuilletons als gesellschaftlichem Reflexionsmedium entsprechend,
plädierte Steinfeld nun auch für einen breiten Fokus des Feuilletons. Auch populäre Kunst
solle behandelt werden, weil sich in ihr die Gesellschaft widerspiegele. Als Beispiel nennt
er die „Harry Potter“-Romane, deren Held von völliger Vernunft geprägt und in keiner
Weise frei sei. Verglichen beispielsweise mit der rund 70 Jahre zuvor entstandenen „Pippi
Langstrumpf“-Reihe, in der die Protagonistin sich den Konventionen widersetze, zeige
Harry Potter, wie sehr unsere heutige Gesellschaft auf das Funktionieren ausgerichtet sei.
Auch „DSDS“ bezeichnete Steinfeld in Bezug auf die in der Show dargestellten
Bewerbungssituation als „knallharten Sozialrealismus“. Swartz hingegen sprach sich für
eine Beibehaltung von Hierarchien im Feuilleton aus, also für einen auf „Ernste Kunst“
beschränkten Fokus.
Die Prognosen für die Zukunft von Zeitung und Feuilleton fielen bei den beiden
Diskutanten sehr unterschiedlich aus. Für Swartz bleibt die Zukunft sowohl des
Feuilletons als auch der Kultur unbekannt. Für die Papierzeitung sieht er allerdings keine
großen Chancen. Steinfeld ist hingegen in Bezug auf die Zeitung und auch auf die Kultur
optimistisch, deren Bewegungen ohnehin von ständigen Wiederholungen geprägt seien.
Insgesamt beziehen die beiden Journalisten in jedem der in der Diskussion verhandelten
Themenbereiche gegensätzliche Positionen und repräsentieren damit die in der Kultur
zum Teil vorherrschenden Kontroversen.
Kultur & Wirtschaften
Die Verquickung von Kultur und Wirtschaft scheint unabdingbar: So beantworten die
Diskussionsteilnehmer der fünften Gesprächsrunde die Frage, ob Kultur Wirtschaft sei,
eindeutig mit Ja. Doch inwiefern greifen die Konzepte Kultur und Wirtschaft ineinander?
Wie funktioniert Kultur innerhalb des wirtschaftlichen Gefüges?
Rainer Hank, Leiter des Ressorts Wirtschaft und Finanzen bei der Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung, fordert gar direkt zu Beginn der Runde eine Gleichbehandlung von
Kultur und Wirtschaft auf dem Markt. Kunst werde immerhin auch auf dem Markt
verkauft und das allein sei bereits ein wirtschaftlicher Vorgang. So seien auch Verlage
wirtschaftliche Unternehmen, die Kunst produzieren, aber dennoch ihre monatlichen
Rendite abwerfen müssen. Dieser Überlegung folgend müsste Kunst aber auch genügend
nachgefragt werden, um weiterhin auf dem Markt angeboten werden zu können. Dies sei
nach Hank nicht der Fall. Tatsächlich ist Kultur ein meritorisches Gut, das, sehr vereinfacht
gesagt, nur gering nachgefragt wird und trotzdem weiterhin auf dem Markt vertreten ist.
Kulturelle Güter werden gefördert, ihre Kunst bewahrt, um beständig zu bleiben, obwohl
sie nicht genügend gesellschaftliches Interesse finden. Der Vorgang der staatlichen
Subventionierung ist also kaum ein wirtschaftlicher, weil er keinen finanziellen Profit
abwirft. Hier zeichnet sich bereits das ordnungspolitische Dilemma ab, in dem der Staat
sowohl die Rolle des Marktunternehmers, aber auch die des Kulturunternehmers
einnimmt.
Mit Hanks Forderung der Gleichbehandlung von Kultur und Wirtschaft auf dem Markt
würde staatliche Kulturförderung nicht mehr existieren. Infolgedessen argumentiert
Hans-Julius Ahlmann zu Recht, dass es ohne die Kulturunterstützung durch den Staat
vermutlich auch keine Kultur mehr im Lande gäbe und ein „wüstes Chaos“ herrschen
würde.
Doch wenn es trotz höherer finanzieller Unterstützung von kulturellen Stätten überhaupt
nicht mehr Besucher dieser Orte gibt und die Kultur weiterhin gering nachgefragt wird,
hat dann nicht die staatliche Kulturförderung gänzlich ihren Sinn verfehlt?
So radikal wie Rainer Hank seinen Marktliberalismus fordert, wird es real natürlich nicht
umsetzbar sein. Aber der prinzipielle Gedanke, dass kulturelle Förderung durch staatliche
Mittel auch einem wirtschaftlichen Anspruch unterlegen ist, scheint logisch. Die Frage
bleibt nur, was mit denjenigen kulturellen Objekten geschieht, die heutzutage nicht mehr
nachgefragt werden. Hierfür konnte keine Antwort in der Gesprächsrunde gefunden
werden.
Ebenso offen blieb eine weitere essentielle Fragestellung, in der es um den
Förderungswert eines kulturellen Gutes geht. So behauptet Christoph Backes,
Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen in Deutschland: „Der Staat fördert
willkürlich.“ Hier hätten Lösungsvorschläge angeknüpft werden können, wie die
Kulturförderung in Deutschland besser laufen würde. Dies blieb jedoch leider aus.
Was soll Politik für die Kultur leisten – was soll sie lassen?
Eine zielgerichtete Kulturpolitik gilt wegen verschiedener Eigendynamiken im
Kulturbereich als schwierig: Zum einen mangelt es an einer Lösung für das Problem der
gerechten Umverteilung der Kulturfördermittel. Die Politik nimmt sich dieser Problematik
nicht konkret an und beschäftigt sich nicht im Detail mit der Verwendung des Etats. Eine
kulturpolitische Debatte kommt auf diese Weise nicht zustande.
Zum anderen werden notwendige Entscheidungen, z.B. das Schließen einiger kultureller
Einrichtungen schlichtweg nicht getroffen. Durch das Prinzip der Expansion und Addition,
das schon lange nicht mehr nur in den westlichen Bundesländern, sondern auch im Osten
der Bundesrepublik angewendet wird, scheint sich eine konkrete Kulturplanung als
schwierig zu erweisen, da der Bedarf an Geldern das zur Verfügung stehende Budget weit
übersteigt.
Diskussionen der Kulturpolitik scheinen deshalb rückwärtsgewandt und nicht
zukunftsorientiert. Kulturpolitische Diskussionen enden effektiv bei ökonomischen und
finanziellen Fragestellungen, weshalb eine zielführende Kulturpolitik nicht erkennbar ist.
Anreize zur Nutzung kultureller Angebote sollen zwar geschaffen werden, allerdings
besteht eine große Diskrepanz zwischen Proklamation und Umsetzung durch die Politik.
Ein Ziel ist es, ein breiteres kulturelles Angebot zu schaffen, sodass eine „Kultur für die
breite Masse“ entsteht. Der Kulturbegriff als „Freizeitgestaltung für die Elite“ muss
überdacht werden, um verschiedenen Menschen in der Kultur zusammenbringen zu
können. Dies schafft Kommunikationssituationen und einen gesellschaftlichen Dialog.
Da sich als gesellschaftliches Hauptproblem das Auseinandergehen der Bildungs- und
Sozialschere herausbildet, sollte es Aufgabe der Kultur sein, dieser Entwicklung aktiv
entgegen zu wirken, indem sie eben diese Kommunikationssituationen herstellt und
fördert. Die kulturpolitische Diskussion muss also differenzierter geführt werden als
bisher; die Kulturpolitik muss als Gesellschaftspolitik verstanden werden.
Für den Staat nehmen Kunst und Kultur eine wichtige Rolle ein, da sie eine historische
Vergewisserung und Stütze sind, indem in ihnen beispielsweise die Geschichte bewahrt
wird. Auch deshalb sollte es die zwingende Aufgabe des Staates sein, Kunst und Kultur zu
fördern. Dies könnte dem gesellschaftlichen Dialog zu Gute kommen.
Für alle genannten Aspekte ist es notwendig, auch unangenehme, aber immer
zielorientierte Entscheidungen zu treffen, die eine effektivere Kulturplanung ermöglichen.
Die Frage nach der Finanzierbarkeit einzelner kultureller Einrichtungen sollte hierbei im
Fokus stehen.
Fazit
Die Förderung von kulturellen Gütern sorgt nicht zuletzt seit dem Skandalbuch „Der
Kulturinfarkt“ für eine Unausgeglichenheit in der Gesellschaft. Dabei scheint doch die
Umverteilung der staatlichen Kulturgelder ein durchaus logischer Ansatz zu sein.
Sicherlich sind die Kategorisierung gesellschaftlicher Güter und die Zuschreibung
kultureller Werte kaum eindeutig zu treffen. Aber gäbe es beispielsweise einen Kanon aus
gesellschaftlichen Gütern, denen ein unabdingbarer kultureller Wert zugesprochen wird,
dann wäre der Grundstein für die Umverteilung kultureller Gelder gelegt. Dieser Kanon
würde aus Gütern bestehen, die seit Generationen in der Gesellschaft verankert sind und
insofern bewahrt werden sollen. Damit sie also stets einen Platz im gesellschaftlichen
Leben finden, müssen sie staatlich unterstützt werden. Diese Überlegung folgt der
Intention der Voyager Golden Records von 1977. In diesem Versuch der Menschen, eine
Botschaft an Außerirdische im Weltall zu senden und sie über die menschliche Existenz in
Kenntnis zu setzen, ist ebenfalls ein Kanon an Musik von u. A. Beethoven, Bach und Mozart
vorhanden. Die Kategorisierung kultureller Güter ist also durchaus möglich.
Weiterhin könnten klassische Vermittlungsorte von Kultur ausgetauscht werden, um
Kultur wieder im Zentrum der gesellschaftlichen Rezeption zu etablieren. Der deutsche
Theaterkritiker und Schriftsteller Peter Weiss hat hierzu schon 1967 vorgeschlagen, dass
zum Beispiel Theateraufführungen in Schulen oder Gemeindehallen stattfinden könnten,
um das traditionelle Publikum des Theaters um junge Menschen zu erweitern. Ebenso
könnte dies mit Opern geschehen, denen vielerorts sowohl die Existenzberechtigung als
auch die staatliche Förderung abgesprochen werden, weil sie schlecht nachgefragt sind.
Mit einer erfolgreichen Erweiterung des Publikums würde auch der Aspekt der
Wirtschaftlichkeit eines kulturellen Gutes wieder greifen.
Das wohl am prominentesten diskutierte Thema der Tagung „Schärfentiefe“ war der
Konflikt zwischen Ökonomik und dem Autonomieanspruch der Kunst. Schnell wurde aber
klar, dass es für dieses Spannungsverhältnis keine Pauschallösungen geben kann, die
innerhalb von 480 Minuten gefunden werden könnten. So hatte schon Hans Zitko,
Professor für Wahrnehmungstheorie an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, in
seinem eröffnenden Vortrag über seine 2012 erschienene Studie „Kunstwelt“ eingeleitet,
dass die gesellschaftlichen Konzepte Kunst und Geld seither in einer untrennbaren
Beziehung zueinander stehen und in weiten Teilen sogar voneinander abhängen.
Möglicherweise muss die Problembehandlung des Kulturzustands konkreter
vorgenommen werden als es bisher geschieht. Eine detaillierte Spezialisierung auch
innerhalb der einzelnen Bereiche der Kultur könnte zu einem schnelleren Erfolg führen.
Teilnehmende Studententinnen und Studenten:
Meike Carstensen, Nadja Franke, Carina Hage, Sandra Heuer, Laura Hübner, Gesa Jochem,
Katharina Köhler, Katharina Lieder, Jana Löffler, Grit Loßau, Marta Melnik, Katharina Mertz,
Stefanie Möckel, Sandra Oblegor, Nina Paul, Martin Rubach, Malin Schmidt, Annchristin
Seitz, Marie Sudau, Heinrich Wolf, Mira Wrede, Judith Weixler
Diskutantinnen und Diskutanten, Moderatoren:
Hans-Julius Ahlmann, Christoph Backes, Claus von Carnap-Bornheim, Patrik S. Föhl, Guido
Froese, Patrick Glogner-Pilz, Doreen Götzky, Rainer Hank, Dieter Haselbach, Ingrid Höpel,
Ulrika Holmgaard, Karl-Jürgen Kemmelmeyer, Armin Klein, Pius Knüsel, Martin Lätzel, Kilian
Lembke, Birgit Mandel, Rainer Moritz, Stephan Opitz, Claus-Michael Ort, Kerstin Poehsl,
Isabel Pfeiffer-Poensgen, Gerhard Polt, Yvonne Pröbstle, Ulrich Raulff, Björn Sandmark, Utz
Schliesky, Norbert Sievers, Thomas Steinfeld, Richard Swartz, Peter Vermeulen, Hans Zitko
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