close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

07-2-377 Was geschah mit Schillers Schädel? / alles - SWBplus

EinbettenHerunterladen
07-2-377
Was geschah mit Schillers Schädel? / alles, was Sie über
Literatur nicht wissen / Rainer Schmitz. - Frankfurt am Main :
Eichborn Berlin, 2006. - 1828 Sp. ; 25 cm. - ISBN 978-3-82185775-6 - ISBN 3-8218-5775-7 : EUR 39.90
[9111]
Dieses neue Nachschlagewerk tritt mit dem Anspruch auf, bislang offene
Fragen zu beantworten. „Haben auch Sie sich schon geärgert, daß Sie bisher die Geschichten über Literatur nirgends nachschlagen konnten, die einen Gutteil jeder Konversation über Bücher bilden: welche Bücher besonders langsam oder besonders schnell geschrieben wurden, welche im Gefängnis oder welche im Bett, welcher große Autor ein hundschlechter Schüler war, wer die besten Verträge rausschlug, wer die jämmerlichsten Auflagen hatte oder mit welch hanebüchenen Absagen die Verlage (auch verkäufliche) Weltliteratur wieder an den Autor zurückschickten? Damit ist es
jetzt vorbei, denn es gibt ‚Den Schmitz’“ (aus der Pressemitteilung des Verlages). Rund 1200 (eher feuilletonistische) Stichwörter eröffnen Einblicke in
Dinge, die man in sonstigen (seriösen) Lexika nicht findet: Es geht um
Menschliches, Allzumenschliches, Anekdotenhaftes, Skandalöses, Skurriles, Kurioses, Pikantes, Makabres, Morbides, Unseriöses, Sinnloses, Überflüssiges, es geht um Macken, Mängel und Manien. Die Sammelwut des
ausgesprochen belesenen Autors, Kulturredakteur beim Focus, scheint
keine Grenzen zu kennen. Vom Buchstaben A [Eintrag: „Wenn Schwächlinge anfangen, über den ersten Buchstaben des Alphabets nachzudenken,
können sie ganz schnell dem Wahnsinn verfallen! (Arthur Rimbaud an Paul
Delmeny am 15. Mai 1871)“] über Augenklappe, Autoabgase, Bierkrug, Bigamie, Eislauf, Faustrecht, Giftgas, Jugendsünden, Kokain, Leichentourismus, Mode, Nationalhymne, Plagiat, Potenz, Pseudonyme, Schamhaar,
Schreibneger, Steuerparadies, Titelfindung, Tütenpapier, Verboten, Wannenbad, Wein, Xenien bis Zylinder reicht die breite Palette seriöser und unseriöser Lemmata, unter denen in assoziativer, nicht zwangsläufig logischer
und einsichtiger Reihung die Früchte einer langjährigen Lektüre präsentiert
werden. So erfährt man beispielsweise, daß Hans Christian Andersen unter
Lebensgefahr im Hafen von Kopenhagen schwimmen gelernt hat (Sp.
1303), daß Erich Kästner, während er seine Geschichten schrieb, Unmengen an Gummibärchen vertilgte und Albert Einstein nach ihnen süchtig war
(Sp. 600), daß Ernst Jünger im Alter von achtzehn Jahren in die Fremdenlegion eintrat (Sp. 459), daß die Bestsellerautorin Barbara Cartland 49 Heiratsanträge erhielt, ehe sie sich für ihren ersten Ehemann entschied (Sp.
615), daß Vladimir Nabokov ein Liebhaber der Schmetterlinge und Nachtfalter war (Sp. 1274), daß Jimmy Carter, neununddreißigster Präsident der
USA, 1995 einen Lyrikband publizierte (Sp. 1088) und Marcel Proust erhebliche Verdauungsprobleme hatte (Sp. 235 - 236) usw. usw. Dank Schmitz
wissen wir nun, daß Schiller 1,79 Meter groß und Gottfried Keller 1,40 Meter
klein war. Wir erfahren auch, welche Dichter eine Glatze hatten (Sp. 552),
welche bärtig waren (Sp. 79 ff.) und welches das älteste, das größte, das
kleinste, das schwerste Buch ist (sein soll), welches das längste Gedicht ist,
der längste Roman (das Stichwort Drama/Schauspiel kommt nicht vor) und
der längste Satz. Spaltenweise wird über Bestseller, uneheliche Kinder, erschossene und ermordete Dichter, Selbstmordversuche und -kandidaten,
Söhne und Töchter, geänderte Testamente, Leichentourismus, Fälschungen, über erfolgte und nicht erfolgte Fortsetzungen literarischer Werke
gehandelt. Zum Stichwort Gott ergaben Schmitz’ zahllose Lektüren offenbar
nur Material für drei Zeilen, bei Koran ist es nur eine. Unter dem Stichwort
Ghostwriter werden u.a. auch Goethes Sekretäre und Gesprächspartner
Riemer und Eckermann aufgeführt. Neben Amüsantem, Nützlichem und
Richtigem taucht auch viel Mißverständliches auf, werden Vorurteile transportiert, wird Nebensächliches zur Hauptsache erhoben. Allzu leichtfertig
werden Autoren und Autorinnen Etiketten angeheftet – so unter den Stichwörtern bisexuell (Sp. 147), Lesben (Sp. 839 - 840) und schwul (Sp. 1304 1318 [!]).
Der Verfasser setzt sich pointiert ab von Kritikastern und Besserwissern
nach dem altbekannten Muster „Hier irrt Goethe“ (Sp. 288). Unter dem
Stichwort Irrtum (Sp. 664 - 676) wird denn aber doch der Eindruck erweckt,
als sei in einem literarischen Werk historische Treue – nicht gegenüber dem
Personal, wohl aber den Zeitumständen – unbedingtes Gebot. Dabei setzen
die Fehler und Schnitzer, die Goethe & Co. vorgeworfen und als peinlich
(Sp. 664) empfunden werden, den literarischen Wert der genannten Werke
nicht herab, sie dienen vielfach der Anschaulichkeit und der Aktualisierung.
Schmitz’ Ausführungen über die Irrtümer im Faust lassen den Eindruck entstehen, als sei es Goethe darum gegangen, das Leben des historischen
Faust möglichst authentisch auf die Bühne zu bringen. Ist es für die Wirkung
und das Verständnis von Faust I wirklich wichtig, zu wissen, daß es zu dessen Zeit noch keine Beichtstühle, keinen Champagner, keinen Tabak und
keine Syphilis gab? Und natürlich weiß jeder Kundige, daß Friedrich Nicolai,
auf den in der Walpurgisnacht angespielt wird, ein Zeitgenosse Goethes
und nicht des historischen Faust ist. In diesem Stil geht es spaltenweise
weiter: Schiller, Shakespeare, Balzac, Kleist, Britting, Penzoldt, Golding
u.v.a. werden „Fehler“ nachgewiesen. Noch ein Vorwurf gegen Goethe soll
hier erwähnt werden (Sp. 665): „Die Nacht vom 9. auf den 10. Oktober 1771
sei vom Mondlicht beglänzt gewesen, schreibt Goethe im Werther. In Wirklichkeit war sie eine Neumondnacht.“ Nur gut, daß dies nicht eine neue Art
von Literaturkritik sein soll ...
Man könnte über manches hinweggehen, wenn nicht auch dieses Nachschlagewerk dazu beitrüge, populäre Irrtümer, von denen sich der Autor oft
nur in einem (Halb-)Satz distanziert, Halbwissen und Ungesichertes zu
verbreiten. Der Eindruck bleibt also zwiespältig. Auf der einen Seite bewundert man die große Belesenheit des Autors und das immense Wissen, das
hier ausgebreitet wird. Andererseits möchte man – den Untertitel abwandelnd – den Satz „Alles, was Sie über Literatur nicht zu wissen brauchen“
über viele der Stichwörter schreiben. „Im ‚Schmitz’ finden Sie, was in herkömmlichen Lexika nicht steht. Wer außer Cervantes und Marco Polo seine
Werke noch im Gefängnis geschrieben hat, wer die produktivsten und wer
die faulsten Dichter waren, wer alles von der Syphilis heimgesucht wurde,
welche Dichter sich womit stimulierten und wer alles an Zyankali starb“ (Verlagswerbung; der Autor verzichtet auf ein Vor- oder Nachwort, in dem er
seine Intentionen und sein Verfahren darlegt). Wer sich für solche Fragen
interessiert, findet hier eine amüsante Lektüre – und Antworten, die sicherlich Leute zufriedenstellen, die es nicht so genau wissen und nehmen wollen oder lediglich an Klatsch und Tratsch interessiert sind, mehr aber nicht.
Der Verzicht auf genaue Quellenangaben und Belege, zu viel Widersprüchliches, Sensationsgieriges, das auf der Ebene der Klatsch- und SocietyBerichterstattung abläuft, bewirken, daß das Werk nicht als ernstzunehmendes Nachschlagewerk wahrgenommen werden kann. In den Freihandregalen der Bibliotheken unter den Lexika hat es jedenfalls – wie so viele
populäre Lexika des Eichborn-Verlages – nichts verloren. Der Literaturinteressierte, der es augenzwinkernd und kritisch mit ironischem Unterton zu
lesen weiß, wird es dagegen ungern in seiner Hausbibliothek vermissen. –
Ein Register mit rd. 4000 Namen (Sp. 1723 - 1828), das Goethe mit annähernd 150 Nachweisen, darunter viele mit f. und ff., als klaren Favoriten
ausweist, beschließt den Band.1
Hansjürgen Blinn
QUELLE
Informationsmittel (IFB) : digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und
Wissenschaft
http://ifb.bsz-bw.de/
1
Eine Taschenbuchausgabe ist angekündigt: Was geschah mit Schillers Schädel? : alles, was Sie über Literatur nicht wissen / Rainer Schmitz. - München :
Heyne, 2008 (1. Dez.). - 914 S. ; 25 cm. - ISBN 978-3-453-60080-5 : EUR 16.95. Und wer nicht lesen will, kann auch alles anhören: Was geschah mit Schillers
Schädel? [Tonträger] : alles, was Sie über Literatur nicht wissen ; Dichterleben,
Kunst & Kitsch, Lust & Leid ; die Höredition ; Lesung der autorisierten Hörbuchfassung / Rainer Schmitz. Gelesen von Andreas Fiebig. Regie: Katharina Theml. [Frankfurt, M.] : Eichborn Lido, 2008. - 5 CDs : DDD ; 12 cm, in Behältnis 13 x 15 x
3 cm. - ISBN 978-3-8218-5475-5 : EUR 24.95.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
7
Dateigröße
18 KB
Tags
1/--Seiten
melden