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Kreative – was tun? - Berliner Gazette

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Eine Verlagsbeilage zu BQV – Büro für Qualifikation und Vermögen
der Freitag | August 2012
Extra
Kreative –
was tun?
Heute unsere Freiheit, morgen unser Überleben,
ständig aber steht unser Platz in der Gesellschaft
auf dem Spiel. „Kreative“ – was tun? Selbstorganisation ist das Gebot der Stunde! Kürzlich haben
in Berlin über 250 „Kreative“ das „Büro für Qualifikation und Vermögen“ (BQV) zum Leben erweckt.
Einen Ort für Austausch und Allianzen. Warum
gibt es das nicht dauerhaft? Warum gibt es das
nicht auch in anderen Städten? Die Initiatoren
beantworten diese häufig gestellten Fragen mit
einem Appell: Mach dein eigenes BQV! Hier nun
eine Anleitung – in fünf Schritten. Im Netz „BQV –
der Film“ http://berlinergazette.de/bqv
Film-Premiere am 29. August, 19 Uhr
Eberswalder Str. 21, Berlin
02 BQV – Büro für Qualifikation und Vermögen
der Freitag | August 2012
Ikea-Prinzip – politisch gewendet
■■ Krystian Woznicki
E
in BQV ist kein Allheilmittel für
„Kreative“. Aber es ist ein Anfang.
Es ist der Schritt in die Öffentlichkeit – heraus aus der Küche, in der
du mit Freunden sitzt und über Existenzfragen und Zukunftsängste diskutierst.
Warum solltest du das wollen? Vielleicht
hast du genug. Nicht von deiner Küche.
Aber davon, dass die Diskussionen nicht
wirklich vom Fleck kommen. Dass nichts
passiert. Vielleicht willst du etwas bewegen, wenigstens in deinem eigenen Leben,
und denkst, dass das zusammen mit anderen besser geht. Dass andere, die noch
nicht in deinem vertrauten Küchenkreis
verkehren, dich in neuer Weise inspirieren
könnten.
Du schaust dich um in deinem Umfeld,
suchst nach Zeitgenossen und fragst sie
als „ExpertInnen ihrer selbst“ zu Gesprächen an – das ist der erste Schritt beim
selbstgemachten BQV. Dann: Finde einen
Versammlungsort! Es sollte ein Raum
sein, der gewohnte Grenzziehungen aufhebt und neue Vermischungen ermög-
Anzeige
PLZ
licht. Eben nicht die Galerie oder die stets
frequentierte Buchhandlung. Sondern
die Schneiderei oder Bäckerei. Unzählige
solcher Läden haben in deiner Nachbarschaft geschlossen, wenn dein BQV öffnen könnte. Nachdem ein Ladenbesitzer
überzeugt ist, gilt es seinen Laden temporär umzugestalten. Dann kann es auch
schon losgehen: Themen finden, Prozesse
moderieren, Ergebnisse festhalten, weiterdenken. Und dann?
Wir, die MacherInnen von berlinergazette.de haben das BQV initiiert, weil auch
uns Existenzfragen und Zukunftsängste
rotieren lassen. Seit dreizehn Jahren arbeiten wir am Rande des Existenzminimus,
stets im Modus der Selbstorganisation.
Nun haben wir uns eine Grundsatzfrage
gestellt: Wie sehen die ökonomischen
Rahmenbedingungen für unser Schaffen aus? Und: Was halten wir eigentlich
von der „Kreativwirtschaft“ und ihrem
Unternehmer-Ideal? Eine Plattform zur
Auseinandersetzung musste her, irgendwann nannten wir sie humorvoll „Büro für
Qualifikation und Vermögen“, kurz BQV.
Als wir mit dem BQV loslegten, hatten
wir bereits schon einmal eine imaginäre
Einrichtung gebaut – an drei Tagen im Sommer 2011 eröffnete unser „Labor für DIYBildung“. Wie auch damals wollten wir nun
mit dem BQV ein Zeichen setzen. Schaut
her: Das fehlt! Das brauchen wir! Wir
wollten die Leerstelle modellhaft füllen –
temporär, utopisch. Nicht zuletzt um auf
diese Weise zu zeigen: Was fehlt, das können wir auch selber machen. Ja, Selbstorganisation ist möglich! Auch ohne oder
mit sehr begrenzten finanziellen Mitteln.
Das wissen wir aus eigener Erfahrung. Für
unser BQV-Vorhaben haben wir eine Förderung bekommen. Sie hat uns ermöglicht
das Ganze im größeren Stile zu dokumentieren und daraus ein kommunizierbares
Best Practise Case zu machen. Wofür?
Es gibt immer mehr „Kreative“ in
Deutschland. Doch nur die wenigsten
sind organisiert. Ein Dach, unter dem alle
„Kreativen“ zusammenkommen, scheint
undenkbar. Der Theatermacher tickt eben
anders als der Game-Designer. Doch selbst
partikulare Initiativen – in Berlin etwa die
„Koalition der freien Szene“ oder „Haben
und Brauchen“ – lassen sich an einer Hand
abzählen. Wir wenden uns in erster Linie
an alle, die noch nicht Teil einer selbstorga-
nisierten Gruppe sind. Auf den folgenden
Seiten zeigen wir Bilder, die im Mai und
Juni in unserem BQV entstanden. Unser
Prozess wird transparent, nachvollziehbar.
Und regt hoffentlich zur Nachahmung an.
So bieten wir mit dieser FREITAG-Beilage
nicht nur eine Dokumentation, sondern
eine Bauanleitung, die beliebig angewendet und angepasst werden kann: Das BQV
zum Selbermachen – in fünf Schritten.
Natürlich nicht als Selbstzweck. Nicht
als willfährige Reproduktion der IkeaKultur. Sondern, um politische Prozesse
in Gang zu bringen: Debatten, Initiativen,
Petitionen, Kampagnen. Sagen wir: Das
Ikea-Prinzip politisch gewendet.
Weitere Inspirationsquellen finden sich im
Netz: „BQV – der Film“ sowie weitere Ressourcen, Links und Materialen. Last but not
least haben wir einen Email-Verteiler eingerichtet: eine offene elektronische Plattform.
Über diesen Weg können Fragen und Anfragen zum Selbermachen des BQV gestellt
werden. Auch der Erfahrungsaustausch im
Allgemeinen ist hier möglich.
http://berlinergazette.de/bqv
BQV – Büro für Qualifikation und Vermögen 03
der Freitag | August 2012
Schritt I.
Wer sind deine Zeitgenossen?
Braucht das „Büro für Qualifikation und
Vermögen“ (BQV) Experten? Wir sagen:
Ja! Aber wir fügen hinzu: Jeder kann Experte sein – Experte seiner selbst. Jeder
hat einmalige Erfahrungen gemacht. Wer
aber ist bereit sie zu teilen? Für uns, die in
der „Kreativwirtschaft“ tätig sind, gilt der
Imperativ: Wir müssen über den eigenen
Tellerrand blicken. Es geht um grenzüberschreitende Verständigung über gemeinsame Probleme und Ziele. Hier ein Fotograf
und dort ein Crowdfunding-Coach, ein
Barmanager und ein Podcaster, ein Performance-Künstler und eine Tontechnikerin,
ein Kulturtheoretiker und eine Illustratorin. Und so weiter. Und darüber hinaus.
Auf den Fotos oben sind die Experten des BQV vor dem zentralen Projektmotiv Florian
Reischauers „Grüner Anhänger“ zu sehen, das im Schaufenster des Veranstaltungsorts hängt:
Florian Reischauer, Inga Wellmann, Diedrich Diederichsen, Tomoko Nakasato, Alexander
Karschnia, Chris Piallat, Alice Creischer, Dirk Dresselhaus alias Schneider TM, Gabriele Heinzel,
Norbert Kunz, Elisabeth Enke, Tim Pritlove, Alexandra Manske, Ben Pohl, Johannes Paul
Raether, Gabriele Schlipf, Johannes Paul Raether (in Maske), Anna Theil, Oliver Miller, Nicola
Nord, Karsten Wenzlaff, Gertrud Koch, Sascha Sulimma, Susanne Lang.
04 BQV – Büro für Qualifikation und Vermögen
der Freitag | August 2012
Schritt II.
Wo versammeln wir uns?
Die Schuhmacherei, die Schneiderei oder
die Tischtenniskneipe: Als Austragungsort
für ein BQV kommt so einiges in Frage. Es
braucht weder eine besondere Ausstattung
noch spezielle Technik. Wichtig ist, dass der
Laden einen „toten“ Zeitraum hat, der eine
Zwischennutzung möglich macht. Und natürlich ein Ladenbesitzer, der mit sich reden
lässt. Wir haben uns letztendlich für eine
Tischtenniskneipe entschieden: Dr. Pong!
Sie wird seit gut zehn Jahren von dem
Künstler und Unternehmer Oliver Miller betrieben und liegt in der Eberswalder Str. 21.
Auf den Fotos sind Läden im Prenzlauer
Berg zu sehen. Die letzten beiden Aufnahmen
zeigen die Tischtenniskneipe Dr. Pong, sie
war zwischen Mai und Juni Spielort des BQV.
der Freitag | August 2012
BQV – Büro für Qualifikation und Vermögen 05
Schritt III.
Wie eignen wir uns den Ort an?
Die Tischtenniskneipe Dr. Pong öffnet
normalerweise um 20 Uhr. Davor kann
das BQV rund 12 Stunden lang öffnen. Die
Tischtennisplatte ist schnell zusammengeklappt und im Stauraum untergebracht.
Der freigewordene Raum wird zur Bühne
für kreative Prozesse: Workshops und
Performances. Eine modulare Installation des Künstlers Johannes Paul Raether
steckt den ästhetischen Rahmen ab – rote
Fahnen, Symbole des kreativen Kommunismus, die bei Inbetriebnahme des BQV
ausgeklappt werden.
Alle Fotos oben zeigen den Innenraum des
Dr. Pong: einerseits mit Tischtennisplatte –
vor der Umgestaltung in das BQV; andererseits
mit den roten Fahnen des BQV: der erste Workshop am 19.6. (oben rechts) und die Eröffnungsperformance von andcompany&Co. „Creatives
Like Us“ (darunter).
06 BQV – Büro für Qualifikation und Vermögen
der Freitag | August 2012
Schritt IV. Machen wir
Stammtisch? Seminar? Atelier?
So locker wie am Stammtisch, so konzentriert wie im Seminar und so kreativ wie im
Atelier. Diese inspirierende Atmosphäre
ergibt sich im BQV von selbst. Vorausgesetzt, es gibt hier keinen Frontalunterricht,
sondern gleichberechtigten Austausch auf
Augenhöhe – ohne eine starre Trennung
zwischen künstlerischen, journalistischen
und wissenschaftlichen Einlassungen.
Crossover rules!
Das Foto ganz oben zeigt Johannes Paul
Raether bei seiner Performance Lecture im
BQV. Das Foto links unten zeigt „Kreative“
aus Griechenland beim Diskutieren im
BQV-Workshop. Das Foto rechts unten zeigt
Tomoko Nakasato bei ihrer Performance im
BQV (gemeinsam mit Dirk Dresselhaus alias
Schneider TM).
BQV – Büro für Qualifikation und Vermögen 07
der Freitag | August 2012
Schritt V.
Wie halten wir unsere Ideen fest?
Die besten Ideen entstehen häufig im Gruppengespräch. Doch die Entstehung will
dokumentiert und die Ideen selbst in irgendeiner Form festgehalten werden. Das
Graphic Recording, also das visuelle Protokollieren von Diskussionen und kreativen
Prozessen, kann dabei enorm hilfreich sein.
Man braucht dazu nicht unbedingt eine
Ausbildung als Illustrator, ganz sicher aber
eine Wandfläche, Papier, Gaffa-Tape und
Filzstifte. Bei geringem Abstand des Zeichners zu den Sprechern stimmt die Akustik.
Das wiederum ermöglicht detailiertes Verfolgen aller Vorgänge und eine Übersetzung
in die Sprache der Bilder. Die Verbildlichung
bringt Sachen auf den Punkt. Gleichzeitig
inspiriert sie uns selber zu übersetzen: Denke ich in Bildern? Oder in Wörtern? Wenn
ich eine (politische) Kampagne entwerfe,
tue ich vermutlich beides.
Gabriele Schlipf (Foto oben links) protokollierte gemeinsam mit Gabriele Heinzel alle Prozesse im BQV. Sie nutzten dabei bunte Filzstifte. Das untere Bild zeigt das Graphic Recording,
das am 9. Juni im BQV entstand (mehr davon unter berlinergazette.de/bqv). Die Leitfrage
des Tages war: „Was wollen wir vom Staat?“ Und die Antworten drehten sich größenteils um
Rechte, die „Kreativen“ und anderen Menschen ein Schaffen jenseits der Markttauglichkeit
ermöglichen sollten. Die „Kreativen“ sollten, so der Konsens, einen Rechtsanspruch auf Förderung von künstlerischer Arbeit haben – eine Förderung, die nicht an die Wirtschaftlichkeit
dieser Tätigkeit geknüpft ist. Alle Menschen, nicht nur die „Kreativen“, brauchen ein Recht
auf freie Berufswahl. Und ein Grundeinkommen. Weltweit.
08 BQV – Büro für Qualifikation und Vermögen
Das Team
Die Fotos zeigen einen Teil des BQV-Teams
vor dem zentralen Projektmotiv Florian
Reischauers „Grüner Anhänger“, das im
Schaufenster des Veranstaltungsorts
hängt: Sarah Curth, Maki Miura, Leonie
Geiger, Annika Bunse, Magdalena Taube, Anne-Christin Mook, Markus Wahl,
Florian Kosak, Marcel Eichner, Krystian
Woznicki, Martina Dietz, Andi Weiland.
Auf Seite Eins ist Dirk Dresselhaus alias
Schneider TM vor dem BQV zu sehen.
Das von berlinergazette.de initiierte „Büro
für Qualifikation und Vermögen“ (BQV) fand
zwischen Mai und Juni 2012 in der Berliner
Tischtenniskneipe Dr. Pong statt und war
ein Projekt des Berliner Gazette e.V. Gefördert
durch den Hauptstadtkulturfonds.
Impressum: Herausgeber der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG, Hegelplatz 1, 10117 Berlin,
Tel.: (030) 250 087-0, Dr. Christiane Düts (V.i.S.d.P.)
Redaktionelle Leitung Sarah Curth, Magdalena Taube, Krystian Woznicki Produktionsleitung Florian Kosak, Johann Plank
Lektorat Ulrike Bewer Layout Inke Cron Fotos Leonie Geiger, Andi Weiland
Druck BVZ Berliner Zeitungsdruck, Am Wasserwerk 11, 10365 Berlin, www.berliner-zeitungsdruck.de
„BQV“ ist ein Projekt des Berliner Gazette e.V. und wird vom Hauptstadtkulturfonds gefördert.
der Freitag | August 2012
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