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"Uns Atheisten glaubt ja zur Zeit keiner was" (taz vom 15.03 - InselX

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"Uns Atheisten glaubt ja zur Zeit keiner was"
(taz vom 15.03.85)
--- "Religions"-Diskussion auf der Leserbriefseite, verursacht von Harry S ---
(...) Seit knapp einem halbem Jahr findet in der Leserbriefspalte eine Schlacht
um den Herrgott statt (...). Diese Briefwelle ist nicht vom Himmel gefallen,
sondern korrespondiert mit einer Reihe von meist doppelseitigen Mystizismus-Artikeln,
entweder neu-heidnischen, neu-pietistischen oder neu-brahmanischen Inhalts. Da
sind gewisse Sammelbezeichnungen solcher Strömungen ganz bewußt zu vermeiden. Die
Druiden möchten das einem Atheisten wohl nachsehen.
In dieser Diskussion werden die Erkenntnisse der etablierten Theologie beiseite
gelassen. Das hat gewiß auch seinen guten Sinn, sieht man einmal von der Tatsache
ab, daß sie in der Regel den Beteiligten einfach unbekannt ist. Es ist ja gerade
deren Charakter als etablierte Wissenschaft, der allzu verständlich Mißtrauen in
Ihre Aussagekraft für jene sät, die nach neuen Ufern suchen. Aber kritisches
Überwinden ist eines und Ignorieren ein anderes.Der Preis für letzteres ist der
Rückfall in Oberflächlichkeiten und Feld-, Wald- und Wiesen-Theologien, die als
Schlagworte alle schon einmal da waren und zum ideologischen KalenderspruchRüstzeug des nur locker mit seiner Kirche verbundenen Durchschnittschristen
gehörten. Unsere Eltern also.
Auf diesem als spontane Religiosität getarnten Niveau der Phrase sickern jetzt im Gegensatz zu unseren Eltern- scheinbar alternative Mysterien ein. Es sind in
Wahrheit wieder die alten Weisheitslehren, nur dümmer. Ich sehe in diesem Phänomen,
die ich für künstlich im Sinne eines Religionsmarktes konstruiert halte, eine Gefahr.
Sie sind nicht die Alternative zu gegenwärtigen beschädigten Leben. Sie sind die
Vorboten der Bewußtseinsindustrie des nächsten Großen Bruders.
Dieser Religionsdebatte merkt man an, daß ihre Teilnehmer ehemalige Atheisten waren;
- Atheisten freilich, die nicht wußten, weshalb sie welche waren, weil sie sich von
etwas abgrenzten, das sie nicht kannten - Feld-, Wald- und Wiesen-Atheisten also.
Heute kehren sie zu dem zurück, was sie damals für Religion hielten und wissen
diesmal nicht, was Atheismus ist (...)
Wenn sich diese Strömung in irgendeiner Form als alternative Bewegung dartut, dann
ist das schon eine tolle Bewegung! Sie kommt mir vor wie ein Columbus, der ausfährt,
Amerika zu entdecken, und der bei Klein-Zitzewitz an der Panke wieder herauskommt,
weil er ohne Kompaß und Navigationskenntnisse loszog. Wer einmal die äußerste
Behutsamkeit kennengelernt hat, mit der die theologische Bibelexegetik sich der
Aussagemöglichkeit biblischer Texte nähert, der kann nur mit tiefem Abscheu auf
die hemmungslosen ideologischen Vergewaltigungen blicken, mit denen diese Texte
oder Zitate in der quasi-religiösen Debatte instrumentalisiert werden.
Wer nur einmal die im besten Sinne des Wortes wissenschaftliche Anstrengung der
Exegetik nachvollzogen hat, mit der das dem Interpreten immanente, an den Text
herangetragene Vorverständnis abgebaut werden soll, damit der Text selbst reden
kann, den packt die kalte Wut angesichts der rücksichtslosen bornierten Einordnung
biblischer Inhalte, Symbole, Zitate in vorgefertigte weltanschauliche Matrizen von
Schrumpf-Gurus. Und ich wage die Annahme, daß mit dem historischen Material anderer
Religionen genauso umgegangen wird. Man kann wohl die funktionelle Gleichung
aufstellen: Je "spontaner", also unkritischer der Umgang mit religiöse Erkenntnis
eher aufgebrochen werden sollte (...)
Uns Atheisten glaubt ja zur Zeit keiner was. Wir müssen warten, bis die pneumatische
Hysterie sich wieder einmal den unbenutzten Kopf eingerannt hat. Aber gegen das
Wuchern der Trivialkulte muß etwas getan werden. Sie sind sozial und politisch im
Grunde affirmativ gegenüber der Macht. Wenn die Flut dieser Diskussion in der tat
für längere Zeit nicht abebnen sollte, könntet Ihr dann nicht ab und zu einen
Artikel erscheinen lassen, in dem die theologische Forschung einmal von zuverlässiger
Seite zu Worte kommt?
(...) Es werden sich doch ein paar fortschrittliche Leute als Textlieferanten finden
lassen. (...) Noch deutlicher gesagt: Der religiöse Infantilismus hat solche Ausmaße
angenommen, daß wir Atheisten die Großkirche um Hilfe angehen müssen (...)
Was ist das überhaupt für ein Gott, mit dem Harry S. dort ringt? Wer ist es, dem er
dort das Theodizee-Problem anhängt?
Es ist der Perry Rhodan-Gott der Science Fiction-Literatur. Es ist die kosmische
Intelligenz, die ihre universellen Fäden zieht. Daran zappelt denn auch die irdische
Historie (Gott ist der Herr der Geschichte", Helmut Schmidt, Bundeskanzler a.D.,
auch so ein Perry Rhodan-Fan). Eine Gehirn-Chimäre ist es, wie sie einem vor Augen
tritt, wenn man einen halben Liter pangalaktischen Donnergurgler gesoffen hat. Es
ist der buchstäblich von außen in den Weltzusammenhang eingreifende Superagent, dem
gegenüber sich nur allerdings die Frage erhebt, weshalb er in eine Wirklichkeit
eingreifen muß, die er selbst hervorgebracht hat. Aber der Gott der Bibel ist er
ganz sicher nicht.
Das habe ich wirklich gern, wie es Harry S. macht: Er wettert wie ein Rohrspatz
gegen anthropozentrische Weltbilder; aber er selbst drängt uns seine Probleme mit
anthropomorphen Gottesbildern auf (..)
Der in der Geschichte handelnde Gott verstößt sowohl gegen die statischen bzw.
Kreisläufe widerspiegelnden Urkräfte der Mythologien. Der letztlich Unsagbare ist
allem positiven Begreifen vollständig entzogen und kann nur erfahren werden im
Zerbrechen der von Menschen erzeugten Strukturen (...)
Es ist also der zerbrochene, sein Selbst verloren habende Mensch, in dessen Blick
sich Gott als der Handelnde widerspiegelt, der die als Abwehr errichteten
Selbstverständnisse des vor ihm Flüchtenden durchbricht.
Hier liegt genau der Punkt, an dem das oberflächliche Wischiwaschi der Neu-Religiösen
offenbar wird: Im Alten Testament - also vor ca. 3000 Jahren- werden glasklar die
mythischen Kräfte und zwar alle (auch die patriarchalischen), als Abwehrbastionen
des Menschen gegen den Grund seiner Existenz und nicht etwa - wie derzeit üblichals dieser Grund selbst gedeutet.
Es geht um die sprachliche Suche nach einem Mysterium jenseits der Sprache, das
vielleicht - vielleicht aber auch nicht - für alle das gleiche Mysterium ist. (...)
Das Subjekt in der Theodizee-Frage ("Wie kann Er zulassen, daß...") ist der
anthropomorphe Gott der Philosophen, Bundeskanzler und Perry Rhodan-Fans. Und den
gibt es, da können wir ganz beruhigt sein, mit Sicherheit nicht. Merken diese Leute
eigentlich nicht, welchen tollen Bock sie geschossen haben ? (...)
Es ist die Ordnung des edlen Werkes "Per Anhalter durch die Galaxis" , dessen
satirische Bemühungen um das Leben, das Weltall und den ganzen Rest Harry S.
offensichtlich zum bierernsten Grundstock seine Hausphilosophie benutzt (...)
Zudem, welches Niveau! Die Liebe des biblischen Gottes, heruntergebracht auf die
Kuschelbedürfnisse des klebrigen Softis, dem der Wehr- und Waffeninstinkt versagt,
der sich nicht wehren will, wenn er angegriffen wird. Das wäre dann genau das
Christentum, von dem einer sagte: "- ich nenne es den einen unsterblichen
Schandfleck der Menschheit"; und der Kirche vorhält: "Irgendeinen Notstand
a b s c h a f f e n ging wider ihre tiefste Nützlichkeit, sie lebte von Notständen,
sie s c h u f Notstände, um sich zu verewigen ..." Ich will dem Manne nicht
das Wort reden. Aber wenn der fundierteste Religionskritiker, Karl Marx, zur
Zeit als Medizin nicht anschlägt, weil der Furor mythologicus die Ohren verstopft,
dann hilft vielleicht als Gegengift in den angemessenen Dosen Friedrich Nietzsche,
von dem die beiden Zitate stammen ("Der Antichrist"), (...)
Wie heißt es doch in dem schönen Liede?: "Es rettet uns kein höheres Wesen, kein
Gott, kein Kaiser, kein Tribun uns aus dem Elend zu erlösen, das können nur wir
selber tun!" Amen.
Mit einem kräftigen Hallelujah verbleibe ich
Euer Jörg Greb
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