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Knappe Ressource Wasser / Das Terra Preta Projekt Morbach

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Ringvorlesung des Zentrums für Konfliktforschung der PhilippsUniversität Marburg und des Interdisziplinären Seminars zur Ökologie
und Zukunftssicherung im Wintersemester 2008/2009
„Konflikte in Gegenwart und Zukunft – Bedrohung von Mensch und Natur“
Knappe Ressource Wasser / Das Terra Preta Projekt Morbach
Einführung
von Prof. Dr. Hans-H. Münkner zum Vortrag von Joachim Böttcher, Geschäftsführer und technischer Leiter der Gesellschaft für nachhaltige Wasserwirtschaft
mbH, Hengstbacherhof, am 17.11.2008 in Marburg.
Grundinformationen
Nicht Wasser ist knapp, sondern Süßwasser. Bei Wasser wird deutlich: der
Mensch ist nicht Herr der Natur, sondern Teil der Natur. Er ist von ihr abhängig
und gut beraten, sie als Treuhänder sorgfältig zu behandeln. Wasser ist keine
Handelsware, über die der Mensch nach Belieben verfügen kann, sondern die
Quelle allen Lebens. Zum Thema Wasser werden im Folgenden einige Grundinformationen gegeben, die das Bewusstsein stärken sollen, dass Süßwasser eine
endliche Ressource ist, die nachhaltig genutzt und für die kommenden Generationen einer wachsenden Weltbevölkerung treuhänderisch verwaltet werden muss.
70 % der Erdoberfläche unseres Planeten sind mit Wasser bedeckt. Davon sind
97,5 % Salzwasser. Weniger als 1 % der weltweiten Wasservorkommen ist als
Süßwasser nutzbar. Nach Abzug von Polar-, Meer- und Gletschereis, sauberem
Grundwasser und Bodenfeuchtigkeit bleiben nur 0,3 % des Wassers als erneuerbares Frischwasser aus Seen und Flüssen. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen haben ca. 1,2 Mrd. Menschen, mehr als ein Fünftel der Weltbevölkerung,
keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser. Es wird damit gerechnet, dass in den
nächsten Jahren ca. 135 Millionen Menschen ihre Heimat wegen Trockenheit
verlassen müssen. Hauptverbraucher der weltweiten Wasservorräte ist mit 70 %
die Landwirtschaft, hauptsächlich für Bewässerung.
Im Sahel stehen den Menschen pro Tag 10 bis 15 Liter Wasser zur Verfügung.
Menschen, die weniger als 40 Liter Wasser pro Tag haben, gelten als wasserarm.
Demgegenüber verbraucht der Mitteleuropäer täglich über 100 Liter Wasser,
davon allein für die Toilettenspülung durchschnittlich 50 Liter (Trink-)Wasser
pro Tag. In den USA liegt der Pro-kopf-Wasserverbrauch bei durchschnittlich
900 Liter pro Tag, wird aber nicht individuell gemessen, da es an Wasseruhren
fehlt. Stattdessen zahlen die Verbraucher dem Wasserwerk häufig einen Pauschalbetrag.
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Probleme
Nachhaltige Nutzung der Wasserressourcen ist ein globales Problem, das nur
durch einen fairen Interessenausgleich zwischen den Industrieländern und den
„Entwicklungsländern“, zwischen sorglosem Luxuskonsum und dem Überleben
in Mangelgesellschaften gelöst werden kann, in dem das Menschenrecht auf Zugang zu sauberem Wasser für alle gewährleistet wird. Streit um Wasserrechte
zwischen Staaten könnte künftig häufiger zum Kriegsgrund werden. Das gilt
besonders für Fälle, in denen Flüsse durch mehrere Länder fließen (z. B. Türkei
und Syrien mit Euphrat und Tigris und dem Atatürk Staudamm als Konfliktquelle, Israel, Libanon und Palästina mit dem Jordan, Ägypten und Sudan mit dem
Nil und Indien, Pakistan und Bangladesh mit Ganges und Indus). Schon heute ist
Streit um Wassernutzung der Keim für Konflikte zwischen Ländern (z. B. im
Nahen Osten) und Völkern (z. B. zwischen Ackerbauern und Viehzüchtern im
Sahel und im Sudan). Mangelnder Zugang zu sauberem Wasser ist eine häufige
Ursache für Krankheiten und Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern. Dort
fehlt es häufig an elementaren sanitären Einrichtungen. Von den Vereinten Nationen wird die Zahl von Menschen, die ohne Sanitäreinrichtungen leben müssen, auf 2,6 Mrd. geschätzt. Jährlich sterben ca. 4 Millionen Menschen an
Krankheiten, die durch verschmutztes Trinkwasser verursacht waren; das sind
täglich 10.000 Menschen, davon 4.000 Kinder, mehr Opfer, als durch Kriege
gefordert werden (Süddeutsche Zeitung, 21.03.07).
Ursachen
Die Ursachen für wachsende Spannungen um die Ressource Wasser sind Bevölkerungswachstum bei gleich bleibenden Wasservorräten. 1960 lebten 3 Mrd.
Menschen auf der Erde. In den 1990er Jahren wuchs diese Zahl auf 5,7 Mrd. an.
2008 beträgt sie ca. 6,7 Mrd. In jeder Sekunde werden drei Menschen geboren.
Die Vereinten Nationen rechnen mit weiter wachsenden Bevölkerungszahlen
von 7,9 bis 8,5 Mrd. im Jahre 2025 und 9,2 bis 11,6 Mrd. im Jahre 2050 (Zeitpunkte Nr. 4, 1994, S. 6). Gleichzeitig steigt der Bedarf an Wasser. Dessen ungeachtet bleibt es in den wohlhabenden Industrieländern bei Wasserverschwendung, wenn sich z. B. in Deutschland auch erste Erfolge von Sparprogrammen
zeigen.
Der Klimawandel führt zu Veränderungen des Wasserhaushalts der Erde. Abschmelzen von Gletschern und Polareis sind hier ebenso zu nennen wie Versteppung von Ackerland, Roden von Wäldern, großflächiger Anbau von Monokulturen, Regulierung von Füssen und Auelandschaften, Bau von Staudämmen,
Bohren von Tiefbrunnen und Ausbreitung der Wüsten. Durch derartige geplante
oder ungeplante Veränderungen der Natur wird mit gravierenden Folgen in die
natürlichen Wasserkreisläufe eingegriffen. Überdüngung in der Landwirtschaft,
Intensivtierhaltung (z. B. Krabbenfarmen in Thailand) und Einleitung von belastetem Wasser in Flüsse und ins Meer bedrohen die Wasserqualität.
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Ein besonders abschreckendes Beispiel für fehlgeleitete landwirtschaftliche
Entwicklung ohne Rücksicht auf die Natur ist das Bewässerungsprojekt um den
Aralsee, den ehemals viertgrößten Süßwassersee der Erde, in den 1950er und
1960er Jahren (zu Zeiten der Sowjetunion). Um große Bewässerungsflächen zu
gewinnen, wurden die Zuflüsse in den Aralsee um 94 % verringert. Dadurch
stieg der Salzgehalt des Wassers von 12 % auf 33 % und das Volumen des Sees
verkleinerte sich um zwei Drittel. Die Folgen für das Ökosystem der ganzen Region sind katastrophal.
Zunehmende Industrialisierung und Urbanisierung in den Schwellenländern
lassen dort den Wasserbedarf steigen mit entsprechender Belastung des Weltwasserhaushalts. Im Weltmaßstab beträgt der Wasserverbrauch durch die Industrie und Energiewirtschaft 23 %. In den Industrieländern sind es 60 % und
mehr. Die Industrie verwendet Wasser zur Kühlung, Verarbeitung, Reinigung
und Abfallbeseitigung. Größte industrielle Einzelverbraucher sind die Kraftwerke, die große Mengen von Kühlwasser benötigen, das oft mit Chemikalien und
Schwermetallen verseucht und stark erwärmt wird.
Lösungsansätze
So wie heute Umweltbewusstsein (z. B. Mülltrennung) und Energiesparen in das
Bewusstsein der Deutschen eingedrungen ist, muss auch das Gefühl für die
knappe Ressource Wasser geschaffen werden – Wasserbewusstsein. Kenntnisse
über nachhaltige, ökologisch sinnvolle Wassernutzung müssen von Spezialkenntnissen weniger Experten zu Allgemeinwissen werden. Es muss in den Industrieländern zu Verhaltensänderungen von sorglosem Umgang mit billigem
und scheinbar in beliebiger Menge verfügbarem Wasser hin zu Ressourcen
schonendem, ökologisch verträglichem Wirtschaften kommen. Hier gibt es bereits neue Technologien und Denkansätze, wie z. B. im Terra Preta Projekt
Morbach, neue Formen der sparsamen und effizienteren Wassernutzung, z. B.
Einsatz von Regenwasser im Haushalt zum Waschen und zur Toilettenspülung.
Gefragt ist hier die Setzung ökologisch orientierter Rahmenbedingungen für
Wassernutzung durch die Politik und nicht zuletzt die Bereitschaft des Einzelnen
zum Umdenken und zur Änderung seiner/ihrer Lebensweise als kritischer, verantwortungsbewusster Verbraucher. An konkreten Vorschlägen und Modellen
für eine sparsamere, nachhaltige Wassernutzung, die weltweit möglichst Vielen
den Zugang zu sauberem Wasser ermöglicht, fehlt es nicht. Woran es fehlt ist
deren flächendeckende Umsetzung in die Praxis, zur Herstellung von Wassergerechtigkeit.
In der Landwirtschaft konzentrieren sich die Innovationen auf die Reduzierung des Wasserbedarfs z. B. durch neue Formen der Tropfenbewässerung in
Trockengebieten oder durch Züchtung salzwasserverträglicher Pflanzensorten
und solchen mit geringem Wasserbedarf. Als Wasser schonende Strategie wird u.
a. empfohlen, statt in wasserarmen Gebieten Nahrungsmittel anzubauen, sich
dort auf andere, den natürlichen Verhältnissen besser angepasste wirtschaftliche
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Aktivitäten zu konzentrieren, z. B. Erzeugung von Solarenergie oder Extremund Öko-Tourismus im Sahel, die zu Erträgen führen, mit denen man Nahrungsmittel aus wasserreichen Gebieten importieren kann (virtuelles Wasser).
Neues Problembewusstsein auf internationaler Ebene
Allgemein wächst das Bewusstsein von der Wichtigkeit der Ressource Wasser
für das Überleben der Menschen. Die Vereinten Nationen haben die Jahre 2005
bis 2015 zur Dekade des Wassers (International Decade for Action – Water for
Life) erklärt. Im August 2008 fand in Stockholm die 18. Weltwasserwoche statt,
an der sich 2.500 Wissenschaftler und Praktiker aus 140 Ländern mit der Notwendigkeit eines nachhaltigen Managements der weltweiten Wasservorräte befassten. Der mit 150.000 US$ (ca. 100.000 €) dotierte jährliche Wasserpreis
ging an John Anthony Allen vom Kings College, UK, für seine Arbeiten zur
Ermittlung des Wasserverbrauchs für die Erzeugung von Verbrauchsgütern. Danach werden für die Erzeugung einer Tasse Kaffee vom Pflanzen der Kaffeesträucher bis zum Verkauf des Kaffees an den Konsumenten ca. 140 Liter Wasser verbraucht.
Entsprechende Verbrauchszahlen lauten:
• Für eine Hamburger
• für 1 Kilo Rindfleisch
• für 1 Kilo Kartoffeln oder Mais
• für 1 Hemd aus Baumwolle
• für 1 Jeans Hose
2.400 Liter Wasser,
16.000 Liter Wasser,
900 Liter Wasser
2.700 Liter Wasser
10.850 Liter Wasser
Wer sich vegetarisch ernährt verbraucht täglich 2,5 qm Wasser gegenüber einem
Fleischesser mit 5 qm Wasser pro Tag.
Empfohlen wird die Berechnung virtueller Wassermengen für die Herstellung
von Gütern als Basis für den Import und Export zwischen Erzeuger- und
Verbraucherländern. Empfohlen wird ferner die Kennzeichnung von Wasserverbrauch bei der Herstellung von Gütern, wie sie heute bei Nahrungsmitteln in
Bezug auf Fett- und Zuckergehalt bereits üblich ist.
(Quelle: FAZ.Net vom 11.10.2008).
Gebraucht werden Zukunftsmodelle auf der Basis eines globalen Konsensus über die notwendigen Schritte zu sinnvoller Nutzung von Wasser
• für möglichst Viele,
• für die künftigen Generationen,
• mit gleichen Rechten und Pflichten,
Viele kleine Verbesserungen an der Basis können sich zu großen Einsparungen
an Wasser summieren, z. B.:
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• Toilettenspülung mit Spartaste, Einsatz von Regenwasser,
• Automatische Wasserabschaltung in öffentlichen Waschräumen,
• Hinweis auf sparsamen Umgang mit Wasser in Hotels, Werbung für
mehrfache Benutzung von Bade- und Handtüchern,
• Einbau von zwei Wasserkreisläufen in Gebäude (für Trinkwasser und Regenwasser).
• Wasserrecycling bei der Autowäsche aber auch z. B. bei der Wäsche von
Gemüse und Obst in der Landwirtschaft.
• Herstellung von Kleingeräten zur Trinkwasseraufbereitung (Kobold).
Große Verbesserungen
• Internationale Regeln über die gemeinsame Nutzung von Wasser grenzüberschreitender Flüsse.
• Erneuerung veralteter Wasserleitungssysteme mit hohem Wasserverlust
durch undichte Leitungen, z. B. in London, wo die Wasserleitungen noch
aus der Zeit von Queen Victoria - Ende des 19. Jahrhunderts - stammen
• Speicherung und Nutzung von Regenwasser in Trockengebieten während
der Regenzeiten, das heute überwiegend ungenutzt abfließt (Sahel)
• Weiterentwicklung der Technologie von Meerwasserentsalzungsanlagen,
die bereits große Fortschritte gemacht hat, aber energieintensiv bleibt.
• Weiterentwicklung und Verbreitung Wasser sparender Bewässerungsmethoden in der Landwirtschaft.
• Aufforstung und Renaturierung von Flussläufen.
• Vermeidung des Anbaus von wasserintensiven Kulturen in ariden Gebieten (Baumwolle im Sahel).
• Bekämpfung von Korruption im Wassersektor, z. B. bei der Beantragung
von Hausanschlüssen sowie bei der Erteilung von Aufträgen für den Bau
städtischer Anlagen und von Kanalisation.
• Auflage von Fonds für die Finanzierung von wasserwirtschaftlichen Projekten.
Nach einem Bericht des Umweltbundesamts von 2007 ist der Wasserverbrauch
in Deutschland seit 1991 durch effizientere Wassernutzung ständig zurückgegangen, bis 2004 um 22 %. Zwischen 2004 und 2007 sank der Trinkwasserverbrauch der Haushalte und des Kleingewerbes um 9%. Zwischen 1991 und
2007 betrug die Einsparung im Trinkwasserverbrauch 12,5%. Der Verbrauch
privater Haushalte liegt bei ca. 115 Liter pro Person und Tag, davon 4% als
Trinkwasser, 63 % für Körperpflege und Toilettenspülung (Toilettenspülung
allein: 27%) (Umweltbundesamt (UBA) 2007, S. 89).
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Einsparungen in der Landwirtschaft 2004 gegenüber 1995 durch erhöhte Mehrfach- und Kreislaufnutzung betrugen 52 % (UBA 2007, S. 112).
Wassernutzerorganisationen gehören zu den ältesten bekannten Kooperationsformen. Heute erreichen immer wieder Nachrichten von der Gründung von
Wassernutzergenossenschaften auf Kommunaler Ebene die Presse.
Quellenhinweise
Barth, Peter: Wasser – eine knappe Ressource, Vorlasung an der Bayerischen
Beamtenfachhochschule der Polizei in Fürstenfeldbruck, Herbst 2002,
http://www peterbarth.de/wasser_2002 html
Drach, Marcus C. Schulte von: Kriegsgrund Wasser? http://www sueddeutsche.de/wissen/spezial/90/59031/5/.
FAZ.NET 11.Oktober 2008, Erde, Wasser: Management für eine knappe Ressource.
Uken, Marlies: Im Strudel von Krise und Korruption – Wasser bleibt knapp, aber Rendite verspricht es noch lange nicht, in: DIE ZEIT Nr. 44 vom 23.10.2008,
S. 40.
Umweltbundesamt für Mensch und Umwelt et al. (Hrsg): Umweltdaten
Deutschland – Nachhaltig wirtschaften – Natürliche Ressourcen und Umwelt
schonen, Ausgabe 2007, Dessau 2007.
Zeit-Punkte Nr. 4/1994: Weltbevölkerung – Wird der Mensch zur Plage, DIE
ZEIT, Hamburg 1994.
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