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Feuer, Eis und Wasser, 10.438 KB

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FEUER
EIS UND
WASSER
Streifzüge durch die Landschafts- und
Entstehungsgeschichte der Bodenseeregion
„Eiszeit“ am Bodensee!
Eisflugplatz Nonnenhorn (Seegfrörne 1963). Foto: F. Thorbecke
(AZ) Die im November 1962 einsetzenden tiefen Temperaturen und
Windstille bilden die günstigen Voraussetzungen für die über drei Monate
dauernde „Eiszeit“ im Winter des Jahres 1963. Die Seegfrörne hat sich seit
dem Jahr 875 in unregelmäßigen
Abständen damit aktenkundig bereits
33 mal ereignet. Tausende „Eiswanderer“ betreten zuerst zaghaft, dann
immer mutiger das glatte Eis der „33.
Seegfrörne“. Autos verkehren und
sogar Flugzeuge benutzen die ebene
Eisfläche als Start- und Landebahn. Es
ist der 12. Februar 1963. Die Seegfrörne hat ihren Höhepunkt erreicht.
Einem Brauch entsprechend, der auf
das Jahr 1573 zurück geht, wandern
2.500 Menschen in einer langen Prozession andächtig über den zugefrorenen Obersee von Münsterlingen nach
dem 8 Kilometer entfernten Hagnau.
Die Prozession wird angeführt durch
den stolzen „Reiter vom Bodensee“,
gefolgt von geistlichen Würdenträgern. Weiter hinten wird von fröhlichen Gesellen auf einem „weltlichen“
Schlitten als Gastgeschenk der „Seegfrörniwein ‘63“ gezogen. Es gilt, die
gotische Büste des heiligen Johannes
heimzuholen. Diese wurde letztmals
vor 133 Jahren durch Hagnauer Einwohner aus der Klosterkirche von
Münsterlingen über den zugefrorenen
See in ihre Pfarrkirche getragen.
Inhaltsverzeichnis
„Eiszeit“ am Bodensee! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . U2
Wir wandern durch ein breites, namenloses Tal . . . . . . . . . . . 19
Die REGIO BODENSEE, eine aus Feuer, Eis und
Wasser geformte europäische Landschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
Das thurgauische Seebachtal und seine drei
Gletscherstauseen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
Ätna und Vesuv am Bodensee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
Bodenseerheintal – Rheintalbodensee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
Nur vier Meter für die Menschheitsgeschichte . . . . . . . . . . . . . 3
Die „Rheinnot“ und die Zähmung des größten
„Wildbachs“ von Europa. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
Vom Hegau zum Säntis – das Verbreitungsgebiet der Molasse . . 4
Haiwarnung am Bodensee! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
Safari zu Säbelzahnkatzen und Zwergpferden . . . . . . . . . . . . . . 7
Sintflut am Untersee und der versteinerte Riesensalamander
von Öhningen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
Von Wetzsteinen und falschem Granit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Der Alpstein – vielleicht „das schönste Gebirge der Welt“ . . . 10
Von Schluchten, Bergstürzen und Afrika im Alpenrheintal . . . 12
Von heißem, schwarzem, braunem und echtem Gold . . . . . . . 13
Das Rheindelta . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
Vom größten Wasserfall Europas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
Reise entlang der Thur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
Lebend gebärende Pflanzen, Schneckeninseln und
andere Strandkuriositäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
Wasser, Wasser überall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Von blinden Augen, fleischfressenden Pflanzen und
bodenlosen Untiefen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
Meine Reise mit dem Gletscher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
Von Kristallen, Altsteinzeitmenschen, Höhlenbären
und einem Schneckenloch. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
„Die mit dem Rentier lebten ...“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
Wo geheimnisvolle Quellnymphen tanzen . . . . . . . . . . . . . . . 32
Das Findlingsgedicht und Geschichten über den
„Mörder“, „Salz-“ und „Öpfelfresser“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Landschaft: ein Buch mit sieben Siegeln?
– Ein fiktives Interview.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
Enge Tobel, wilde Schluchten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
Trinkwassergewinnung früher und heute . . . . . . . . . . . . . . . . 35
Die REGIO BODENSEE, eine aus Feuer, Eis und
Wasser geformte europäische Landschaft
Ein Animationsprojekt der Internationalen Bodenseekonferenz im Rahmen des
Bodensee-Geschichtserlebnisses
Die REGIO BODENSEE ist eine der
vielseitigsten Landschaften in Europa.
Das gesamte Wassereinzugsgebiet von
Alpenrhein, Bodensee und Hochrhein
bietet ein nahezu unerschöpfliches
Potenzial an Erlebnis- und Wissensstrukturen.
Die REGIO BODENSEE, eine unglaubliche Vielfalt von Landschaften auf
kleinem Raum: im Süden ragen die zakkigen Gipfel der Alpen auf, im Westen
die bizarren Formen der Hegauberge.
Das Alpenvorland wird durch einen weit
gespannten Moränenbogen vom Allgäu
über Oberschwaben bis fast zur Donau
und nach Schaffhausen umschlossen. In
der Mitte dominiert der Bodensee mit
dem Alpenrhein, der wie ein Baumstamm in den Alpenkörper hineinragt,
und dem Hochrhein, der über den grössten Wasserfall Europas den Bodenseeraum wieder verlässt.
Spannende Geschichten erzählen die
steinernen Zeugen der Vergangenheit.
Die Auffaltung der Alpen hat Teile von
Afrika nach Liechtenstein verlagert und
das nördliche Vorland mit grossen
Mengen an Abtragungsschutt, Molasse
genannt, gefüllt. Zeitweise überschwemmten Vorläufer des heutigen
Mittelmeeres den Bodenseeraum und
hinterliessen Meeresablagerungen mit
Haifischzähnen. Feuerspeiende Berge
warfen vulkanisches Material über’s
Land. Riesige Gletscher stiessen während der Eiszeiten in den Bodenseeraum vor und versuchten, die geologische Vorgeschichte „wegzuhobeln“. Sie
formten die Bodenseelandschaft so, wie
wir sie kennen und lieben – mit zahllosen Seen und Mooren, mit Hügeln
und langgestreckten Moränenzügen.
Das Wasser leistet bis heute die „Feinmodellierung“, gräbt enge Tobel in
steile Felsen, rundet grosse Steine zu
kleinen Geröllen und versetzt von Zeit
zu Zeit die Anwohner des Bodensees in
Angst und Schrecken, wenn es höher
und höher steigt.
Feuer, Eis und Wasser haben die
Bodenseeregion geformt. Die vorlie-
Die maximale Ausdehnung des würmzeitlichen Bodensee-Vorlandgletschers. Bild: W. J. Wagner, Grünbach am Schneeberg (A) aus
„Österreichs 120 Paradiese“
gende Broschüre möchte zu einer Entdeckungsreise einladen, zu den Spuren,
die Vulkane, Gletscher, Wasser und der
Mensch bei uns hinterlassen haben.
Wer sich die Zeit nimmt, einen „Kieselstein“ von seiner Reise mit dem Gletscher erzählen zu lassen, in die geheimnisvollen Tiefen einer Kristallhöhle
vorzudringen oder dem Leben unserer
Vorfahren in einem „Steinzeitdorf“
nachzuspüren, erlebt die Vielfalt und
Einzigartigkeit der Bodenseeregion
einmal aus einer ganz anderen, ungewöhnlichen Perspektive. Und entdeckt
gleichzeitig, dass Geologie, Boden,
Tier- und Pflanzenwelt und der Mensch
aufs engste miteinander verwoben sind.
Die Bodenseelandschaft ist ein
lebendiges Buch voller solcher
Geschichten, und es wird noch Jahrhunderte dauern, bis die im Untergrund versteckten Geheimnisse alle
gelüftet sind. Dieses ist ein Grund dafür
behutsam mit dem Vermächtnis dieser
einzigartigen Landschaft umgehen zu
wollen und zu müssen.
Die Internationale Bodenseekonferenz will mit dieser Broschüre ein
Netzwerk aus Akteuren des Tourismus,
der Landschaftsplanung, der Bildung,
des Denkmal- und Naturschutzes, der
Archäologie, der Museen und aus sonstigen Interessenten animieren, in einer
weiteren Projektzukunft interessante
Erlebnis- und Wissensmodule zu entwickeln, um damit ein möglichst breites Publikum anzusprechen.
Besonders danken möchte ich der
Bodensee-Stiftung für die Projektkoordination und dem Fachbeirat für seine
engagierte Unterstützung.
Dr. Walter Lendi
Vorsitzender Kommission Kultur
Ätna und Vesuv am Bodensee
Hohentwiel.
Foto: F. Thorbecke
2|3
(Me) Im nordwestlichen Hinterland
des Bodensees findet sich eine äusserst
merkwürdige Landschaft mit einzelnen
kuppigen Bergen – „des Herrgotts
Kegelspiel“ genannt. Ein völlig anderes
Bild als die zackigen Alpengipfel im
Süden oder die sanft geschwungenen
Eiszeitformen im Osten. Nähert man
sich diesen seltsamen Bergen, so wird
die Sache noch merkwürdiger, denn
auch die dortigen Gesteine weisen keinerlei Ähnlichkeit mit denen der näheren und weiteren Umgebung auf. Gibt
es tatsächlich Vulkane am Bodensee,
deren Ausbruch in nächster Zeit droht?
Vielleicht hilft ein Spaziergang auf
dem Vulkanpfad auf und um den imposanten Hohentwiel, das Rätsel zu lösen.
Im unteren Bereich des Berges findet
sich ein mit vielen Hohlräumen durchsetztes Gestein. Es sind Tuffgesteine,
d.h. der verfestigte Auswurf vulkanischen Materials. An manchen Stellen
sieht es aus, als ob der Herrgott hier
nicht nur mit Kegeln, sondern auch mit
Murmeln spielt. Kleine Kügelchen finden sich zuhauf. Lapilli werden diese
Gebilde genannt, die beim Durchschneiden einen schönen konzentrischen Aufbau zeigen.
Steigen wir höher, so treffen wir auf
ein völlig anderes Gestein. Dunkelgrau,
sehr dicht und im Unterschied zu den
Tuffen hart und schwer. Mit dem
Hammer angeschlagen, klingt es.
Daher auch der Name Klingstein bzw.
Phonolith. Wer genau hinschaut, findet mit etwas Glück wunderschöne
Mineralien wie den gelben Natrolith.
Nur mit Hilfe einer UV-Lampe sieht
man das intensive grüne Fluoreszieren
des Gesteins. Kein Wunder, bei einem
Urangehalt von bis zu 350 g / Tonne.
Um herauszufinden, was hier passiert
ist, müssen wir die geologische Uhr um
ca. 12 Millionen Jahre zurückdrehen, in
die Zeit des mittleren Tertiärs. Die
Alpen falten sich auf; eine Folge der
Kollision der Kontinentalplatten von
Afrika und Europa. Enorme Spannungen in den Gesteinen führen zur Entstehung von Bruchzonen, an denen
heisses Magma aus dem Erdinnern aufsteigt. In einer subtropischen Landschaft weiden Zwergpferde und Elefanten. Dann beginnt die Erde zu beben;
infernalische Geräusche zerreissen die
Stille, Vulkanschlote mit bis zu 1 km
Durchmesser öffnen sich und schleudern Asche und Lavafetzen in solcher
Menge in die Höhe, dass sich der Himmel verdunkelt. Grosse Gesteinsbrocken krachen zwischen die Tiere,
die in Panik versuchen, dem Weltuntergang zu entkommen. Bis zu 100 m
hoch lagert sich die Vulkanasche im
Verlauf der Zeit über die Landschaft.
Einige Millionen Jahre später schiebt
sich wieder Magma nach oben. Diesmal
ist es aber nicht energisch genug, mit
spektakulären Explosionen bis an die
Vulkanpfad am Hohentwiel. Foto: A. Megerle
Oberfläche durchzubrechen. Es bleibt
in den Deckentuffen stecken und
erstarrt zu riesigen Pfropfen. Erst die
eiszeitliche Abtragung „befreit“ die harten Phonolithkuppen, die heute die
imposanten Kegel der Hegauvulkane
bilden. Das Zusammenwirken von
Feuer, Eis und Wasser hat den eigenwilligen Zauber des Hegaus geschaffen.
Abbaukrater in einem Vulkanschlot (Höwenegg).
Foto: A. Megerle
Steigen wir auf den Gipfel des
Hohentwiel, so stehen wir nicht nur auf
der Ruine eines längst erloschenen Vulkans, sondern auch inmitten der grössten Burgruine Deutschlands. Schon in
frühester Zeit nutzten die Menschen
diese natürliche, quasi uneinnehmbare
Festung. Heute kann man am Südhang
„Mittelmeer am Bodensee“ geniessen.
Es duftet nach Thymian und Ysop, ein
zarter Schmetterlingshaft wiegt sich im
Wind. Die trockenen Hänge und steilen Felsen bieten Lebensräume für
mediterrane Pflanzen und Tiere. Aber
auch für einen ganz besonderen Weinbau, denn wo sonst kann man in einer
eiszeitlichen Landschaft feurigen Vulkanwein geniessen.
Und schon längst besteht keine Gefahr
mehr durch vulkanische Aktivitäten,
höchstens noch durch gelegentliche kleinere Erdbeben und vielleicht durch den
Poppele, einen bösartigen Burgvogt, der
seit Jahrhunderten als Geist am Hohenkrähen umgehen muss.
Ära/Ère
Periode/Période
T E R T I Ä R
T E R T I A I R E
K Ä N O Z O I K U M
C É N O Z O Ï Q U E
Q UA RT Ä R / Q UAT E R N A I R E
Epoche/Époque
Pliozän/Pliocène
Plaisancien
Zancléen
Miozän/Miocène
Messinien
Tortonien
Serravallien
Langhien
Burdigalien
Aquitanien
Oligozän/Oligocène
Chattien
Rupélien
Eozän/Eocène
Priabonien
Bartonien
Lutétien
Yprésien
Paleozän/Paléocène
Thanétien
Danien
obere/supérieur
Maastrichtien
Campanien
Santonien
Coniacien
Turonien
Cénomanien
PA L Ä O G E N / PA L É O G È N E
Sénonien
M E S O Z O I K U M
M É S O Z O Ï Q U E
Néocomien
PERM/PERMIEN
Dogger
Callovien
Bathonien
Bajocien
Aalénien
Lias
Toarcien
Pliensbachien
Sinémurien
Hettangien
obere/supérieur
Rhät/Rhétien
Norien
Carnien
mittlere/moyen
Ladinien
Anisien
untere/inférieur
Olenekien
Induen
oberes/supérieur
Thuringien
unteres/inférieur
Saxonien
Autunien
Silésien
Stéphanien
Westphalien
Namurien
Dinantien
Viséen
Tournaisien
SILUR/SILURIEN
O R D OV I Z I U M / O R D OV I C I E N
KAMBRIUM/CAMBRIEN
PRÄKAMBRIUM
P R OT E R O Z O I K U M / P R OT É R O Z O Ï Q U E
PRÉCAMBRIEN
A R C H A I K U M /A R C H É E N
36
65
Albien
Aptien
Barrémien
Hauterivien
Valanginien
Berriasien
D E VO N / D É VO N I E N
5
55
Tithonien
Kimméridgien
Oxfordien
KARBON/CARBONIFÈRE
Bohrung Kreuzlingen 1
~2
24
Malm
JURA/JURASSIQUE
TRIAS
P A L Ä O Z O I K U M
P A L É O Z O Ï Q U E
untere/inférieur
Ma
0,01
Pleistozän/Pléistocène
NEOGEN/NÉOGÈNE
K R E I D E / C R É TAC É
Stufe/Étage
Holozän/Holocène
88
100
124
140
160
180
210
230
243
250
264
290
336
360
410
440
500
570
2500
= Schichtlücke
Bild: © 2000 Landeshydrologie und -geologie, Bundesamt für Wasser und Geologie,
CH-3003 Bern
Nur vier Meter für die Menschheitsgeschichte
(AZ) Wir schreiben das Jahr 1962. Auf
dem Seerücken oberhalb von Kreuzlingen, etwas nördlich der Bommer Weiher, hört man von weitem Stromaggregate laufen und ein metallisches Vibrieren liegt in der Luft. Der dichte
Herbstnebel verschleiert den Blick auf
das baumhohe Metallgerüst eines Bohrturmes. Das wettergegerbte Gesicht des
Bohrmeisters strahlt Zufriedenheit aus.
Die Erdölbohrung Kreuzlingen 1 hat
in 2550 m Tiefe unter Gesteinen des
Permokarbons den verwitterten Granit
des Grundgebirges erreicht. Die
Zufriedenheit wird getrübt durch den
Umstand, dass nur unbedeutende Spuren von Erdöl angetroffen wurden.
Hingegen liefern tiefe Bohrungen dem
Geologen wichtige Erkenntnisse über
längst vergangene, geologische Zeiten.
Dabei sind die Gesteinsschichten die
Archivseiten der Erdgeschichte, die wir
nachfolgend zurückblättern wollen.
Die Erdgeschichte widmet uns, der
„Krone der Schöpfung“, nur gerade die
obersten 4 m der 2550 m tiefen Bohrung. Wir sind aber nun einmal
Geschöpfe, die den Planeten erst seit
der geologischen Zeit des Quartärs
bevölkern. Die Lebensbedingungen zur
Bildungszeit der obersten 4 m, die aus
Moränenschichten der letzten Eiszeit
(Würmeiszeit) bestehen, waren alles
andere als menschenfreundlich. Der
Seerücken lag damals vor 20.000 Jahren
unter 400 m dickem Eis des Rheingletschers. Zwischen der Moränenschicht
und den darunter liegenden Felsschichten der Oberen Süsswassermolasse fehlen „Archivseiten“ der Erdgeschichte
von über 10 Millionen Jahren. Solche
geologischen „Datenverluste“ werden
als Schichtlücke bezeichnet und entstehen durch Erosion oder „Nicht – Ablagerung“. Bis in 1750 m Tiefe folgen in
der Bohrung Molasseschichten der Tertiärzeit, die während der Bildung der
Alpen abgelagert wurden. Flüsse transportierten damals vor rund 35 – 10
Millionen Jahren den Abtragungsschutt
der werdenden Alpen über Schuttfächer in eine breite Verlandungsebene
(Süsswassermolasse) oder über Deltas
in ein flaches Meer (Meeresmolasse).
Zwischen den Molasseablagerungen
und den Kalken des Oberjuras (Malm
genannt) fehlen die Schichten der Kreidezeit. Damals hob sich der Untergrund
im Bodenseeraum über den Meeresspiegel und während mehr als 100 Millionen Jahren wurden praktisch keine
Schichten abgelagert. Zur geologischen
Zeit des Juras, d.h. vor etwa 210 – 140
Millionen Jahren war der Bodenseeraum von einem tropischen Meer
bedeckt. Am Meeresboden gelangten
Kalke und Mergel zur Ablagerung. In
der vorangegangenen Triaszeit (vor
etwa 250 – 210 Millionen Jahren) wurde
der Bodenseeraum erstmals vom Meer
des Erdmittelalters überflutet. Dieses
trocknete in der Trias zeitweise unter
Ausfällung von Gips aus. Die ältesten in
der Bohrung Kreuzlingen 1 nachgewiesenen Ablagerungen werden als Permokarbon bezeichnet und gehören bereits
dem Erdaltertum (Paläozoikum) an.
Der darunter gerade noch angebohrte
Granit zählt zum Grundgebirge, das
nach Nordwesten ansteigend im
Schwarzwald zu Tage tritt.
Vom Hegau zum Säntis – das
Hohenstoffeln, ein Hegauvulkanberg.
Foto: A. Megerle
Einige Begriffe zur Molasse
Im Französischen bedeutet das Adjektiv mollasse: schlaff,
weichlich. Entsprechend der Wortherkunft bezeichneten
die Schweizer Geologen weiche Sandsteine, Mergel, aber
auch Nagelfluhschichten als „Molasse“, wenn sie noch
zusätzlich folgende Bedingung erfüllten: Die Schichten
stellen den Abtragungsschutt eines werdenden Gebirges
dar. Die den Alpen vorgelagerten Molasseschichten wurden vor ca. 35–10 Millionen Jahren phasenweise im Meer
(Meeresmolasse) und in Verlandungsebenen (Süsswassermolasse) abgelagert. Man unterscheidet von unten nach
oben: Untere Meeresmolasse, Untere Süsswassermolasse,
Obere Meeresmolasse, Obere Süsswassermolasse.
Der Begriff Nagelfluh setzt sich zusammen aus dem alemannischen „Fluh“ für „steile Wand“ und „Nagel“, nach
den wie Nagelköpfe aus einer Wand herausragenden
harten Gesteinsteilen (hier Kiesgerölle) in einer feinkörnigen Grundmasse (hier Sandstein). Es handelt sich
also bei der Nagelfluh um eine, zu festem Stein gewordene, ehemalige Kiesablagerung.
Mergel ist ein Sedimentgestein aus Ton und Kalk, entstanden aus schlammigem Material.
Knauer oder auch Balmen sind durch Kalk verfestigte
Bereiche im Sandstein, die oft brotlaibförmig, aber auch
in Form von wulstigen Säulen oder anderen phantasievollen Gebilden aus den Sandsteinen herauswittern.
4|5
Knauersandstein 2,5 km südöstlich von Steckborn. Foto: A. Zaugg
Glimmersandgrube Wäldi, 6 km westlich von
Kreuzlingen. Foto: A. Zaugg
(AZ) Die Erde bebt seit einiger Zeit
beunruhigend oft. Wir befinden uns im
Hegau vor rund 15 Millionen Jahren, zur
Bildungszeit der Oberen Süsswassermolasse. Die Erde speit aus Spalten vulkanische Aschen in die Luft und 100 km
südlich bewegen sich gleichzeitig, durch
Urgewalten angetrieben, von der Erdkruste abgeschälte Gesteinsschollen
langsam aber unentwegt von Süden nach
Norden. Der afrikanische und der europäische Kontinent nähern sich beharrlich und werden in der lang gezogenen
Kollisionsnaht der Alpen miteinander
verschweisst. Gegen Ende der Alpenbildung brandet das Säntisgebirge als Vorhut der Alpen in unendlicher Langsamkeit an den vorgelagerten Abtragungsschutt (Molasseschichten) der nun schon
seit Jahrmillionen dauernden Gebirgsbildung. In letzten Bewegungsschüben
werden die Gesteinsschichten verfaltet,
übereinandergetürmt und in steile Lagerung gebracht. Der Prellbock der
Molasse ist diesen Kräften nicht gewachsen und muss ebenfalls nachgeben, wird
gestaucht, verfaltet und am Alpenrand
sogar vom festen Untergrund gelöst und
etwas nach Norden geschoben (Subalpine Molasse, Molasse der Stauchzone).
Erst 20 km nördlich der heutigen Alpenfront beginnt dann die von diesen
Gebirgsbildungsprozessen kaum mehr
beeinflusste, flach lagernde, mittelländische Molasse. Die sie unterlagernden
Gesteine des Erdmittelalters sowie das
Grundgebirge steigen von Südosten
nach Nordwesten allmählich an und treten dann im Raum Schaffhausen, in der
Schwäbischen Alb (Kalksteine des Oberjuras) sowie im Schwarzwald (hauptsächlich Granite und Gneise) zu Tage. Der
geologische Profilschnitt vom Hegau
zum Säntis zeigt, dass der felsige Untergrund des Bodenseeraumes vorwiegend
aus Schichten der Molasse besteht. Der
Pfänder oberhalb Bregenz und der
Kronberg oberhalb Jakobsbad (Appenzellerland) werden beispielsweise aus
schief gestellten Molasseschichten aufgebaut und sind beliebte Ausflugsziele.
Die Obere Süsswassermolasse
Ein Grossteil der Bodenseeregion liegt
im Verbreitungsgebiet der Oberen Süsswassermolasse. Der Urrhein lagerte vor
Verbreitungsgebiet der Molasse
Die „Seelaffe“ ist ein harter
Brocken
Nagelfluh der Hörnlischüttung, 2 km südlich von
Steckborn. Foto: A. Zaugg
Schief gestellte Nagelfluhbänke, Spicher westlich
Schwägalp. Foto: A. Zaugg
etwa 17 bis 10 Millionen Jahren in einem
breiten Schuttfächer alpinen Schutt in
Form von Kies-, Sand- und Tonschichten ab. Das Zentrum dieser Schüttung
lag im Gebiet des Hörnliberglandes,
weshalb man von der Hörnlischüttung
spricht. In der Gegend des heutigen
Untersees mündeten die Flussläufe der
Hörnlischüttung in einen breiten, längs
des Alpenvorlandes von Osten nach
Westen fliessenden Strom, dessen Einzugsgebiet in den Tauern lag. Dieser
lagerte glimmerhaltigen Sand ab. Daraus entstand der helle Steinbalmensand,
der in der Schweiz Glimmersand genannt wird. Der graue und kalkreiche
Knauersandstein und die Nagelfluh sind
die typischen Gesteine der Hörnlischüttung.
„Sandplatte“, Bregenzer Ach. Foto: L. Bereuter
Molasseaufbruch „Sandplatte“
(GF) Sonnenbaden an der Bregenzer
Ach – die „Sandplatte“ lädt dazu ein. Ein
steinernes Hindernis ist sie dem Wasser,
entstanden vor 20 Millionen Jahren im
Meer. Ein Fluss brachte Sand, Gezeiten
und Wellen transportierten ihn weiter.
Der tägliche Wechsel von Ebbe und Flut
liess Sandwellen wandern. Gezeitenkanäle durchschnitten das Watt. An ruhigeren Stellen lebten Krebstiere in tiefen
Röhren. Inzwischen hat sich die Landschaft gewandelt. Zuletzt formten Gletscher das Rheintal. Das Eis des Rheingletschers drang seitlich in den Bregenzerwald. Zum Einschneiden in die Tiefe
aber fehlte die Kraft. Und so blieb ein
Felssporn bestehen. Heute frisst sich die
Am Ostende des Rorschacherberges ragt bei Staad ein
Hügelzug namens „Seelaffen“ in die Rheintalebene hinaus. Auf diesem Felsrücken wurden noch bis in die Mitte
des 19. Jh. in einem Steinbruch harte, Muschelschalen
führende Sandsteine der Oberen Meeresmolasse abgebaut. Dieser Baustein erhielt nach der Abbaustelle den
Namen Seelaffe. Der Rheingletscher hat während der
letzten Vergletscherung in der Würmeiszeit vom Hügelzug Seelaffen abgebrochene Felsblöcke bis weit in den
nordwestlichen Bodenseeraum verfrachtet, wo sie heute
noch als Findlinge bestaunt werden können.
Auswurfmaterial aus dem
Meteoritenkrater des Nördlinger Ries im Bodenseeraum
Im Jahr 1945 fand der Geologe Franz Hofmann nördlich
von Bernhardzell an der Sitter in Mergelschichten der
Oberen Süsswassermolasse eine Lage heller und bis
gegen 10 kg schwerer, eckiger Kalksteintrümmer aus
dem Oberjura (Malm). Diese Gesteine sind im Tafeljura
und auf der Schwäbischen Alb weit verbreitet. An der
Sitter ist diese Jurakalkformation aber erst in einer Tiefe
von 3–4 Kilometern zu erwarten. Schockspuren (so
genannte shatter cones) an einigen der gefundenen
Kalkblöcke führten bald zur Auffassung, dass die
Gesteinstrümmer vor knapp 15 Millionen Jahren vom
Meteoriteneinschlag im Nördlinger Ries stammten. Die
Kalkblöcke wurden dabei 200 km weit in die Gegend der
Sitter bei St. Gallen geschleudert.
Bregenzer Ach durch das Gestein. Rinnen und Strudeltöpfe zeugen von dauerndem Abtrag. All dies erzählen uns die
Strukturen im Stein.
© Thurgauische
Naturforschende
Gesellschaft 1999
Haiwarnung am Bodensee!
Haifischzahn aus
der Meeresmolasse.
Foto: L. Zier
Zapfensande.
Foto: L. Zier
6|7
(Me) Am Rande des Waldweges scheint
jemand Sand abgelagert zu haben. Ein
sehr feiner Sand, ideal für die Kinder
zum Spielen, die auch gleich mit dem
Bau von Sandburgen beginnen. Bei
genauerem Hinschauen zeigt sich, dass
der Sand nicht aufgeschüttet wurde,
sondern hier offenbar den Untergrund
bildet. Plötzlich ein Aufschrei, da liegen Zähne im Sand!! Keine Menschenzähne, sondern dunkel, leicht gebogen
und vorne ziemlich spitz. Kleine Exemplare und grosse, die mehrere Zentimeter lang sind. Vorsichtig werden die
Fundstücke untersucht. Frisch scheinen sie nicht mehr zu sein, wie lange
die wohl schon hier liegen? Die Erklärung übersteigt die Vorstellungskraft
der Kinder. Haifischzähne sind es, aus
dem Tertiär. Und das heisst, sie liegen
bereits seit ca. 20 Millionen Jahren hier.
Und das heisst natürlich auch, dass
damals im Bodenseeraum ein Meer
gewesen sein muss, denn schliesslich
haben Haifische noch nie im Wald
gewohnt.
Die tertiären Molasseschichten bilden einen ziemlich weichen Untergrund, den nicht nur die Kinder nutzen, sondern auch Füchse, Hasen und
andere höhlenbauende Tiere. Denn wo
sonst lässt sich so einfach eine ordentliche Wohnhöhle graben. „Pfohsande“
steht auf der Flurbezeichnung des
Wildbienenhöhlen in einer Molassewand.
Foto: A. Megerle
Forstschildes. Eine treffende Bezeichnung, da die Füchse (Pfoh = Fohe vom
schwäbischen Wort für „Füchsin“)
diese Schicht mit Vorliebe für ihre Bauten nutzen. Vom Vorbild Fuchs hat der
Mensch die Idee schon früh übernommen und zum Teil riesige Höhlen in die
weichen, aber erstaunlich standfesten
Sandschichten gegraben. Über Jahrhunderte hinweg wurden sie als Eiskeller zum Frischhalten von Lebensmitteln genutzt, denn auch im Sommer ist
es hier so kühl, dass ein Pullover nicht
schaden kann. Heute freuen sich die
Fledermäuse über ein Quartier, das
zwar im Sommer recht kühl, dafür aber
im Winter eher mild ist.
Berühmt-berüchtigt waren die Molassehöhlen der Überlinger Steiluferlandschaft. Vermutlich schon in vorgeschichtlicher Zeit wurden die Heidenlöcher in den Fels gegraben, um die sich
heute noch Sagen und Legenden ranken. 1944 wurden neue, bis zu 4 km
lange Stollen in die Molassefelsen
getrieben. Hierher sollte die Rüstungsproduktion aus Friedrichshafen verlagert werden, denn das weiche Molassegestein besitzt die Eigenschaft, die durch
Bombeneinschlag erzeugten Schwingungen sehr gut zu absorbieren und bot
daher einen effektiven Schutz gegen
Luftangriffe. Zahlreiche KZ-Häftlinge
bezahlten diese Bauarbeiten mit dem
Leben. Heute werden regelmässige
Führungen durch den sogenannten
Goldbacher Stollen angeboten.
Aber die Molasseschichten bieten
noch viele Überraschungen
An einigen Stellen ragen seltsame
Gebilde aus den Sandwänden. Wie Zapfen sehen sie aus, die jemand künstlerisch angeordnet hat. Aber auch sie
haben einen ganz natürlichen Ursprung:
Kalkeinlagerungen haben zum „Verbkcken“ der Sande geführt und die skurrilen Zapfensande geschaffen.
Bei Überlingen findet sich eine tiefe,
kesselförmige Hohlform. Was auf den
ersten Blick wie eine merkwürdige
Sandgrube aussieht, ist in Wirklichkeit
ein ganz besonderes und seltenes Zeugnis der letzten Eiszeit. Das Schmelzwasser des Gletschers hat mit Geröllen
und Sand wie ein überdimensionaler
Bohrer in wirbelnden Bewegungen
eine so genannte Gletschermühle in die
weichen Molasseschichten gefräst.
An anderen Stellen haben kleinere
„Bohrer“ gefräst. Die Molassewand
sieht aus wie ein Sieb. An warmen Som-
Tierbau im Molassesand. Foto: A. Megerle
mertagen kann man die „Bohrer“ beim
Herumschwirren beobachten. Es sind
Wildbienen, die ihre Wohnhöhlen in
die Sandwände graben.
Auch der Mensch hat in den Molasseschichten gebohrt. Nach Kohle,
Erdöl, Erdgas und sogar Gold! Doch
nicht immer war dieses Bohren erfolgreich …
(Me) Wir sitzen am Rande eines Sees
und beobachten die Herden, die auf
den weiten, offenen Flächen grasen.
Anscheinend sind wir in Afrika, nach
den Elefanten, Nashörnern und Antilopen zu schliessen. Obwohl die Elefanten mit ihren nach unten gebogenen
Hauern etwas seltsam aussehen. Auch
die Raubtiere mit den riesigen Säbelzähnen scheinen eher einem ScienceFiction-Film entsprungen zu sein. Wir
befinden uns in einer anderen Zeit, im
mittleren Tertiär. In einer Landschaft,
die man 12 Millionen Jahre später
„Hegau“ nennen wird.
Gegen Abend kommen viele Tiere
zum Trinken an den See. Ein Trupp
merkwürdiger Tiere nähert sich. Sie
erinnern an Pferde, allerdings an ziemlich winzige Pferde, denn sie sind kaum
höher als Ponys. Eines dieser Zwerg-
Safari zu Säbelzahnkatzen und Zwergpferden
penskelette, Nashörner, Schildkröten
und Fische gefunden, die den Wissenschaftlern die weitgehende Rekonstruktion der damaligen Lebewelt ermöglichen. Dann die wissenschaftliche Sensation: Ein hervorragend erhaltenes
Skelett einer Urpferdstute der Gattung
Hipparion wird entdeckt. Zwischen
ihren Beckenknochen sind die Knochen
eines anderen, noch kleineren Pferdchens erkennbar: ein Fohlen kurz vor
der Geburt. Nach 12 Millionen Jahren
sind die beiden doch wieder ans Tages-
Tertiäre Landschaft am Höwenegg. Foto: Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe
pferde ist offensichtlich trächtig. Durch
heftige Regenfälle ist der Boden am
Seeufer aufgeweicht und rutschiger als
sonst. Die Stute beugt sich nach vorne,
um zu trinken. Dabei rutschen die
Vorderhufe ab, das Pferd fällt ins Wasser. Verzweifelt versucht es wieder ans
Ufer zu klettern, aber im aufgeweichten Schlick finden die Hufe keinen
Halt. Nach einiger Zeit ist das Tier
erschöpft und versinkt. Als sich wenig
später eine Elefantenherde dem Ufer
nähert, ist vom Todeskampf der Stute
nichts mehr zu sehen. Wenige Wochen
später ist ihr Körper vom Seeschlamm
vollständig eingeschlossen.
12 Millionen Jahre gehen ins Land.
Die Sand- und Schlickschichten des
Sees haben sich längst verfestigt. Wir
schreiben inzwischen das Jahr 1950. Am
Höwenegg, einem der Hegauvulkane,
werden vollständig erhaltene Antilo-
licht gekommen. Heute hat die Stute
mit ihrem Fohlen ihre zweite Ruhestätte im Staatlichen Museum für
Naturkunde in Karlsruhe gefunden.
Für die Wissenschaftler sind solche
Fundplätze einmalige Chancen, mehr
über längst vergangene Zeiten zu erfahren, aus denen nur steinerne Zeugen
vorliegen. Allerdings müssen sehr viele
Faktoren zusammenspielen, damit ein
Urpferd nicht den Weg alles Irdischen
geht, sondern über Jahrmillionen
erhalten bleibt. Deshalb könnte die
Stute so ähnlich umgekommen sein,
wie oben beschrieben. Denn nur ein
Körper, der nach dem Tod rasch eingebettet wurde, kann als vollständiges
Skelett erhalten bleiben und wird nicht
umgehend von Aasfressern zerlegt oder
durch die Verwesung langsam zersetzt.
Auch werden die wenigsten Urpferde
eines natürlichen Todes gestorben sein.
Viele von ihnen wurden sicherlich die
Beute von Raubtieren wie den Säbelzahnkatzen. Vom Körper blieb dann
kaum etwas übrig.
Ein vollständig im Schlick eingebetteter Körper ist zwar den Nachstellungen von Aasfressern sicher entzogen,
unterliegt aber Veränderungen durch
die später einsetzende Gesteinsbildung.
Die Setzung des Gesteins und neue
Ablagerungen darüber pressen den Körper mitsamt den Knochen zusammen.
Gesteinsumformungen durch Druck
und Wärme bis hin zum Aufschmelzen
können die Versteinerung verändern,
gar zerstören.
Viele glückliche Umstände sind
beim Höwenegg zusammenkommen,
um eine derartig gute Erhaltung zu
ermöglichen. Entscheidend war auch
die Ausgrabung durch fachkundige
Wissenschaftler. Denn viele wertvolle
Fossilien sind schon unerkannt zerstört
worden, von unkundigen Sammlern
oder durch Abtragung. Aber auch heute
ruhen noch viele Fossilien gut verborgen an bislang unbekannten Fundplätzen.
Hipparion-Skelett.
Foto: Staatliches
Museum für Naturkunde Karlsruhe
Ausgrabung am
Höwenegg in den
50er Jahren.
Foto: Staatliches
Museum für Naturkunde Karlsruhe
Sintflut am Untersee und der
versteinerte Riesensalamander
von Öhningen
Lebensbild Öhninger
See zur Zeit der Oberen Süsswassermolasse. Bild: O. Heer:
Urwelt der Schweiz
8|9
(AZ) Wir denken dabei nicht an den
wasserüberquellenden Untersee im
Sommer des Jahres 1999, sondern an
den Fund des „betrübten Beingerüstes
von einem alten Sünder“, der nach Auffassung des Zürcher Stadtarztes und
Naturforschers Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733) in der biblischen Sintflut umgekommen sein soll. Die versteinerten „menschlichen“ Überreste
des als „homo diluvii testis“ bezeichneten Skelettes haben zur damaligen Zeit
(1706) grosses Aufsehen erregt. Erst
1811 klärte der französiche Anatom
Cuvier den Irrtum auf und erkannte im
Gerippe einen versteinerten Riesensalamander. Schon die Mönche des Klosters Öhningen bauten oberhalb Wangen seit dem 16. Jahrhundert in zwei
Kalksteinbrüchen den plattigen Öhninger Süsswasserkalk für Bauzwecke ab.
Dabei sind sie auch auf Versteinerungen
gestossen, die damals aber nur als
Kuriositäten und Launen der Natur
betrachtet wurden. Im Verlaufe des 19.
Jahrhunderts entdeckte man in Japan
und China heute noch lebende Riesensalamander. So wurde eine weltumspannende Gemeinsamkeit mit dem
kleinen Ort Öhningen geschaffen. Der
Wissenschaftler Oswald Heer (1803–
1883) hat in seinem bekannten Werk
„Urwelt der Schweiz“ (1865) die Lebewelt von Öhningen zur Zeit der Oberen Süsswassermolasse, d.h. vor etwas
weniger als 15 Millionen Jahren, erstmals umfassend beschrieben. Damals
fanden nordwestlich von Wangen
(Ortsteil von Öhningen) erste vulkanische Tuffausbrüche statt. Über dem
Förderschlot bildete sich später ein
Maarsee. Darin wurden die Öhninger
Kalke abgelagert.
Wir versetzen uns gedanklich in die
Zeit der Oberen Süsswassermolasse
zurück und betrachten die Umgebung
des Öhninger Sees: Vor uns liegt eine
mehrere hundert Meter breite Senke.
Sie ist kaum erkennbar, weil ein dichter
Auenwald die Sicht auf den darin
ruhenden See versperrt. Das Klima ist
mild, vergleichbar mit dem heutigen
Mittelmeerklima, und es gedeihen am
Seeufer Weiden, Erlen, Amberbäume,
Pappeln, Ulmen und Wasserfichten.
Auf erhöhten und trockeneren Standorten breitet sich ein Urwald mit Zimtbäumen, Eichen, Nussbäumen sowie
Ahorn und Seifenbäumen aus. Vereinzelt trifft man auch auf Palmen. Blütenbestückte Winden ranken sich entlang
von Ästen in sonnigere Höhen. Mastodon (Urelefant), Nashorn und Hirsch
suchen den See oft zum Trinken auf.
Am Boden krabbeln Käfer, Ameisen,
Tausendfüssler und Asseln, und die Luft
ist erfüllt von Myriaden von Insekten.
Der Öhninger Fuchs ist auf der Pirsch.
Die Affen im Geäst warnen die Tiere
kreischend vor dem listigen Jäger. Der
Hase hoppelt in weiten Sprüngen eilig
davon, das Eichhörnchen rettet sich auf
einen Baum, und der Igel kugelt sich
abwehrend zusammen. Am Seeufer
begegnen wir gut versteckt dem uns
schon bekannten Riesensalamander.
Ein Riesenfrosch springt in weitem
Bogen klatschend ins Wasser und
erschreckt die Familie der Öhningergans. Die räuberische Wasserschildkröte stellt in den seichten Schilfgürteln
Fischen, Kröten und Unken nach.
Unter Wasser ist der Hecht als gefrässiger Räuber gefürchtet. Schleien und
Karpfen versuchen sich, so gut es geht,
zwischen Wasserpflanzen zu verstekken.
In den beiden ehemaligen Öhninger
Steinbrüchen am Schienerberg wurden
bis in die 1950er Jahre über 500 Pflanzen- und 900 Tierarten aus der Zeit der
Oberen Süsswassermolasse wissenschaftlich beschrieben. Die Öhninger
Süsswasserkalke stellen wegen der Vielfalt der beschriebenen Funde ein einzigartiges erdgeschichtliches Dokument dar, welches uns eine spannende
Geschichte längst vergangener Zeiten
erzählt. Im „Fischerhaus“, dem Heimatmuseum von Wangen, ist eine
kleine, aber schöne Sammlung von Versteinerungen aus den Süsswasserkalken
von Öhningen ausgestellt.
Riesensalamanderskelett. Foto: V. Griener, Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe
Von Wetzsteinen und
falschem Granit
Einlegen der Rohlinge in die Mühle. Foto: Archiv
Vorarlberger Naturschau
Nicht Korn, sondern Stein wird
gemahlen!
(GF) In engen Kurven windet sich die
Strasse durchs Schwarzachtobel. Kaum
zu glauben: Die enge Schlucht beherbergte einst ein heute fast ausgestorbenes Gewerbe. Die Kraft des rauschenden Baches half, Wetzsteine zu schleifen. Für den Bauern waren sie
unentbehrlich. Zu schnell wurden die
Sensen stumpf. Doch ohne den Export
hätte das Handwerk nicht überlebt: Bis
nach Japan wurden Wetzsteine aus
Schwarzach verkauft! Und so liefen seit
Beginn des 17. Jahrhunderts unermüdlich die Schleifmühlen.
Gleich im Tobel wurde der Sandstein
gebrochen. Leicht können wir uns 25
Millionen Jahre in die Zeit seiner Entstehung zurückversetzen: Das Hin und
Her der Meereswellen formt den Sand
zu Rippeln. Palmen wiegen sich im
Wind, der Zimtbaum verbreitet exotische Düfte. Die Eichen sehen fremd
aus und Faulbäume wachsen am Ufer.
Im Sand sind Herzmuscheln vergraben. Unweit der Strasse finden wir
heute den versteinerten Strand, verfe-
stigt und steil gestellt. Im Steinbruch
wurden Abdrücke von Blättern gefunden, die über längst vergangene Zeiten
berichten.
Dunkelgrün und zäh ist der andere
Stein, schwer zu bearbeiten, aber als
Wetzstein dauerhafter und härter. Auch
er ist ein Sandstein, vor 100 Millionen
Jahren im tieferen Meer entstanden.
Strömungen brachten den Sand, liessen
ihn liegen, nahmen ihn wieder mit.
Wenig wurde dauerhaft abgelagert. Ein
neues Mineral konnte sich bilden, der
Glaukonit. Benannt ist er nach dem
grün-blauen Glanz von Himmel und
Meer, nach dem weissagenden Meergott Glaukos der griechischen Sage.
Glaukonitsandstein fand als Baustoff
und Pflasterstein Verwendung. In unterirdischen Steinbrüchen in einer steilen
Felswand bei Hohenems wurde er
gewonnen. Im zweiten Weltkrieg sollten in den Kavernen Flugzeugmotoren
gefertigt werden. Heute erinnert nichts
mehr daran. Im modernen Steinbruch
wurden die Höhlen weggesprengt.
Der „Appenzellergranit“ ist gar kein
Granit
(AZ) Es ist schon eine Besonderheit,
wenn in der Oberen Süsswassermolasse, die überwiegend aus weichen
Sandsteinen und Mergeln besteht,
plötzlich eine besonders harte, verwit-
Eisenbahnbrücke der Bodensee-Toggenburg-Bahn aus „Appenzellergranit“ (Wissenbachtobel, östlich
Degersheim). Foto: A. Zaugg
Klosterkirche Fischingen: Portalbauwerk aus
„Appenzellergranit“. Foto: A. Zaugg
terungsbeständige Nagelfluhbank auftritt. Wenn sich dieses Gestein zudem
noch vorzüglich für Bauzwecke eignet
und die ehemals bedeutendste Abbaustelle bei Schachen westlich Herisau im
Kanton Appenzell lag, so erscheint uns
der irreführende Name „Appenzellergranit“ gar nicht mehr so verfehlt. Korrekterweise müsste der Name lauten:
feinkonglomeratische bis brekziöse,
stark zementierte Kalknagelfluh. Weil
diese harte Nagelfluhbank zwischen
Bodensee und Zürichsee über weite
Distanzen vorkommt, hat sie je nach
Region verschiedene Namen erhalten:
Abtwiler Kalknagelfluh, Degersheimer
Kalknagelfluh oder Hüllisteiner Nagelfluh. Die Bodensee-Toggenburg-Bahn
folgt zwischen St. Gallen und Rapperswil praktisch dem Verbreitungsgebiet
des „Appenzellergranits“ und so
erstaunt es nicht, dass die vielen Bahnbrücken mit diesem harten Gestein
gebaut wurden. Der „Appenzellergranit“ wurde auch für Treppenstufen,
Gebäudesockel, Brunnentröge und
Taufbecken verwendet. Die Krönung
der Verwendung des „Appenzellergranits“ als Baustein dürfte das durch
toskanische Säulen getragene Portalbauwerk am Eingang zur Klosterkirche
Fischingen darstellen.
Der Alpstein – vielleicht „das
der Alpen dem interessierten Naturfreund auf überschaubarem Raum eine
Fülle von geologischen und naturkundlichen Besonderheiten. Als weiträumiges Naturschutzgebiet beherbergt es neben einer reichen Pflanzenwelt auch Steinböcke, Gemsen,
Murmeltiere und Adler.
Der Alpstein ist ein Faltengebirge
mit bedeutenden Überschiebungs- und
Schuppenzonen. Die vorwiegend kalkigen, z.T. mergeligen und untergeordnet auch sandigen Schichten gelangten zwischen rund 130 bis 50 Millionen Jahren hauptsächlich in der
Kreidezeit in einem flachen Schelfmeer
zur Ablagerung. Diese am Nordrand
eines bis nach Afrika reichenden Ozeans (Tethys) abgelagerten Schichten
wandelten sich in Festgesteine um und
wurden vor rund 20 bis 10 Millionen
Jahren von den Schubkräften des nach
Norden drängenden afrikanischen
Kontinentes erfasst und in die komplizierten Gebirgsbildungsprozesse der
werdenden Alpen einbezogen. Dabei
entstanden Gesteinsfalten, Überschiebungen und Brüche, wie der einzigartige Sax-Schwende-Bruch. Dieser
quert das Alpsteingebirge von der Saxer
Lücke bis nach Wasserauen. Der Ostteil des Gebirges ist dabei um mehrere
Säntis mit Frontkette
des Alpsteins.
Foto: Wild/Leica,
Heerbrugg
Säntis im Winter.
Foto: H. Haltmeier
10 | 11
(HH, AZ) Dieses Zitat stammt aus
berufenem Munde, vom bekannten
Schweizer Geologen Albert Heim
(1849 – 1937). Gleicher Meinung ist
wohl auch jeder, der auf Schusters Rap-
pen oder einfacher per Luftseilbahn die
einzigartige Bergwelt rund um den
2.503 m hohen Säntisgipfel erlebt hat.
Tatsächlich bietet der das Mittelland
überragende Alpstein als Frontgebirge
Ein geologischer
Wanderweg
Auf der südlichen Kette des Alpsteins, hoch über dem Rheintal,
führt ein Höhenwanderweg vom
Hohen Kasten (Luftseilbahn ab Brülisau) zur Saxer Lücke. Auf 16 Schautafeln und Panoramen werden die
jeweils sichtbaren geologischen
Phänomene erklärt. Daneben fasziniert die stets wieder wechselnde
Rundsicht ins Rheintal, in die Allgäuer und Vorarlberger Höhen wie
auch in die Ostschweizer Alpen.
Gute Ausrüstung und Trittsicherheit
sind Voraussetzung. Weitere Informationen zu Beobachtungen in der
Natur im Alpstein finden sich in der
Talstation Schwägalp der Säntisbahn und auf dem Säntis-Gipfel.
schönste Gebirge der Welt“
Wildhuser Schafberg ein markanter
Gebirgspfeiler, in dessen Westfront der
Faltencharakter des Alpsteingebirges
gut erkennbar ist. Für die Geologen
sind die Gipfel „Öhrli“ und „Altmann“
von besonderer Bedeutung, weil Felsschichten (Öhrlikalke, Öhrlimergel
und die Altmannschichten) nach diesen
Bergen benannt wurden (sog. Typuslokalität). Landschaftlich reizvoll sind die
steil aufgerichteten Schrattenkalkfelsen der Kreuzberge (Kletterberge nur
für geübte Alpinisten) und die Bergtafeln der Ebenalp (Wildkirchli) und Alp
Sigel (Blumenparadies des Alpsteins).
Kreuzberge (links) und Saxer Lücke.
Foto: A. Zaugg
hundert Meter abgesenkt und gegen
Norden verschoben worden. Blickt
man von Gams (St.Galler Rheintal)
Richtung Norden, so erkennt man die
wie mit einer Hacke aus dem Felsgrat
gehauene Saxer Lücke.
Erst die jüngeren erosiven Prozesse
durch Gletschereis, Verwitterung durch
Frost, Wasser sowie durch chemische
Gesteinslösung haben die SW-NO verlaufenden Gebirgsgrate und Täler mit
Seealpsee, Fälensee und Sämtisersee
aus dem Felskörper des Alpsteins herausmodelliert.
Neben dem dominierenden Säntisgipfel und dem Hohen Kasten ist der
Säntis und Wildhuser Schafberg. Foto: Wild/Leica, Heerbrugg
Karst
Seealpsee oberhalb Wasserauen. Foto: A. Zaugg,
Frauenfeld
Der Alpstein ist ein typisches Kalkgebirge. Der Kalkstein
wird durch Regenwasser, das stets gelöste Kohlensäure
enthält, in einem langsamen Prozess aufgelöst. An der
Erdoberfläche entsteht dadurch ein vielfältiger Formenschatz. Die Gesteinsoberfläche wird zu bizarren, scharfkantigen Graten geformt: Karren oder Schratten. Im Alpstein finden sich mehrere grosse Karrenfelder. Oft trifft
man auf den Matten auch rundliche Vertiefungen an, so
genannte Dolinen, wo der Boden über aufgelöstem
Gestein eingesackt ist.
Das in die Tiefe sickernde Wasser erweitert dünne Klüfte
zu Spalten und Höhlen. Der Alpstein weist ein weitverzweigtes, aber kaum zugängliches Karsthöhlensystem
auf. Das Wildkirchli unterhalb der Ebenalp und die Kristallhöhle Kobelwald bei Oberriet im St.Galler Rheintal
sind touristisch erschlossen.
Der Fälensee und der Sämtisersee haben keinen Oberflächenabfluss. Sie entwässern unterirdisch und speisen die ergiebige Karstquelle des Mülbachs oberhalb
Sennwald im Rheintal. Karstquellen weisen grosse
Ergiebigkeitsschwankungen auf. Sie reagieren schnell
auf Schneeschmelze oder Gewitterregen, können bei
Trockenheit aber auch versiegen wie z.B. die Tschuderquelle bei Wasserauen (Kanton Appenzell Innerrhoden).
Karren oder „Schratten“
im Kalkfels.
Foto: H. Heierli, Trogen
Von Schluchten, Bergstürzen
und Afrika im Alpenrheintal
die Schlucht erst richtig eng. In den
Kalkfelsen gesprengt wurde der Weg,
in einem Tunnel passiert er die Enge.
Ein Blick hinauf: In schwindelnder
Höhe überspannt eine Brücke den
Abgrund. Kühl ist es zwischen den Felsen. Sich aufbäumende Pferde, Rappen,
wollen manche in ihnen sehen. Doch
den Namen gab ein Vogel, der Waldrapp. Dann kommt die Staumauer,
dahinter ein Talkessel. In die weicheren
Mergel grub sich die Dornbirner Ache
leicht ein. Am anderen Ende des Sees
summen Turbinen des ältesten Kraftwerks des Landes. Eine zweite
Schluchtstrecke wartet, das Alploch.
Ein Steg an die Felswand geklebt – fast
kann man die andere Wand ergreifen.
Versteinerte Muscheln beweisen: Einst
war der harte Kalkstein der schlammige
Grund eines Meeres. Zementiert, verfaltet und gehoben wurde er später. Und
dann schnitt das Wasser sich ein. Nur
10.000 Jahre genügten, um dieses
Kleinod zu schaffen.
Rappenlochschlucht.
Foto: A. Stock
Bergsturz SalezSennwald, im Hintergrund Stauberengrat
mit Abbruchkante
des Bergsturzes.
Foto: A. Zaugg
Rappenlochschlucht
(GF) Gleich hinter Dornbirn beginnt
der Weg in das Rappenloch. Von einer
genieteten Rohrleitung, das Eisen zum
Schutz mit Teer überzogen, wird er
zunächst begleitet. Nicht die Schönheit
der Schlucht, nein, wirtschaftliche
Interessen bewogen zum Bau des
Weges. Die Wasserkraft wollte genutzt
werden. Bald schwebt der Steg über
schäumendem Wasser. Doch dann wird
Der Hirsch sah als letzte Möglichkeit
nur noch den rettenden Sprung über
die tiefe Felsschlucht unter ihm. Ob
wahr oder nur Legende, jedenfalls
ziert der kühne Hirsch das Gemeindewappen von Rüthi im St.Galler
Rheintal. Die strassenbreite Felsschlucht des Hirschensprungs entstand durch reissende Wasserfluten
und Geschiebemassen des Rheingletschers während der Würmeiszeit.
Der Bergsturz von Salez – Sennwald
Beim Bau des Werdenberger Binnenkanals (1882–1885) stiessen die Arbeiter
plötzlich auf harte, Kubikmeter grosse
Felsblöcke. Diese behinderten die weiteren Arbeiten sehr. Der Schlosswald
zwischen Salez und Sennwald ist ein
Hirschensprung. Foto: A. Zaugg
Liechtenstein,
Treffpunkt zweier
Kontinente
Liechtenstein ist landschaftlich, aber
auch geologisch ein Kleinod. Wer
denkt schon daran, dass das schroffe
Dolomitgebirge der Drei Schwestern
vor 100 Millionen Jahren noch 500
km südlich des tief unter ihm sanft
aus der Rheintalebene aufsteigenden Schellenbergrückens lag! Oben
ein Rest des fernen, unbekannten
Afrikas, unten das alte Europa. Zwei
Kontinente, durch fremde Kräfte
zusammengefügt zur einzigartigen
Geologie von Liechtenstein.
12 | 13
Der Hirschensprung
weit in die Rheintalebene reichendes
kleinhügeliges Gelände. Bewaldete,
chaotisch aufgetürmte Trümmerhaufen
wechseln mit grasüberzogenen Senken
und Ebenen. Wir befinden uns inmitten einer Bergsturzmasse! Vor 4.000
Jahren sind 150 Millionen Kubikmeter
Fels vom 1.700 m hohen Stauberengrat
des Alpsteins niedergebrochen. Die östliche Abbruchkante ist oberhalb Frümsen gut erkennbar. Auch an anderen
Stellen im Rheintal ereigneten sich in
der Nacheiszeit bedeutende Bergstürze:
Triesenberg (400 Millionen Kubikmeter), Tamins (1,3 Milliarden Kubikmeter) und Flims (mit 13 Milliarden
Kubikmetern der grösste Bergsturz
Europas).
Von heissem, schwarzem,
braunem und echtem Gold
(Me) Ein eiskalter Januarabend. Die kahlen Bäume biegen sich im Wind, der
immer wieder kleine Schneewolken aufwirbelt. Dampfschwaden steigen aus
dem Wasserbecken auf, in dem ein Pärchen gemütlich seine Schwimmrunden
dreht. Was nach einer heissen Quelle auf
Island klingt, ist ein typisches Winterbild
der Thermalbäder des Bodenseeraums.
Den entspannenden Badegenuss verdanken wir hier einer besonderen Form des
Grundwassers, dem sogenannten Thermalwasser. In Tiefen von vielen hundert
Metern finden sich in wasserlöslichen
Gesteinen, wie den Jurakalken, wassergefüllte Hohlräume. Durch die erhöhten Temperaturen im Erdinneren weist
das Thermalwasser Temperaturen auf,
die auch im Januar ein angenehmes und
gleichzeitig gesundes Bad im Aussenbereich ermöglichen. Denn meistens ist
das Thermalwasser nicht nur wunderbar
warm, sondern auch angereichert mit
Mineralstoffen. Sie wirken heilend bei
verschiedenen Erkrankungen. In Abhängigkeit von den Gesteinsschichten, aus
denen es über Bohrlöcher gefördert
wird, kann das Thermalwasser z.B.
Schwefel oder Fluorid enthalten. Zahlreiche Orte im Hinterland des Bodensees haben sich zu viel besuchten Kurund Badeorten entwickelt. Das Thermalwasser hat sich hier als „heisses Gold“
erwiesen. Kein Wunder, dass der Bau
weiterer Thermalbäder in Planung ist.
Aber nicht nur „heisses Gold“ wurde
im Bodenseeraum erbohrt, sondern
auch schwarzes Gold. Nicht besonders
viel, aber immerhin. Erdöl und Erdgas
sind Umwandlungsprodukte tierischer
und pflanzlicher Organismen unter
Luftabschluss und erhöhten Druckund Temperaturbedingungen. Diese
ergaben sich durch die Ablagerung
mächtiger Schichten, bestehend aus
dem Abtragungsschutt (Molasse) der
aufsteigenden Alpen. Undurchlässige
Schichten bilden sogenannte Erdölfallen, indem sie das Aufsteigen des spezifisch leichteren Öls und Gases unterbinden. Gleichzeitig müssen darunter
poröse Gesteine vorhanden sein, in
deren Poren sich Öl und Gas sammeln
können. Seit den 30er Jahren setzte man
grosse Hoffnungen in die Erdölvorkommen im Molassetrog, die sich aber
nicht erfüllt haben. Allerdings wurde
zeitweise 10% des deutschen Erdgasverbrauchs aus Feldern in der Molasse
gedeckt. Und die zahlreichen Tiefbohrungen haben den Geologen viele neue
Erkenntnisse über die Molasseschichten im Untergrund vermittelt.
Früher wurde aus den Schichten der
Süsswassermolasse auch noch „braunes
Gold“ gefördert. Braunkohle entstand
aus Pflanzenresten, die sich im Laufe
der Jahrmillionen durch hohen Druck
und Temperaturen umwandelten. In
manchen Molassetobeln sind Kohlespuren, zum Teil sogar Ästchen und
ganze Baumstämme zu erkennen. Der
Abbau lohnt sich heute wirtschaftlich
nicht mehr, da die Molassekohle zwar in
Sonnenhoftherme in Saulgau. Foto: Kur- und Gästeamt Saulgau
Dünnschliff eines Glimmers aus der Molasse. Foto: H. Borger
relativ vielen, meist aber geringmächtigen Flözen ansteht. Die dauernde „geologische Unruhe“ während der Alpenfaltung verhinderte die Entstehung
grosser Flöze, wie sie beispielsweise in
den Schichten des Karbons im Ruhrgebiet zu finden sind. Noch um die Jahrhundertwende und während der Weltkriege wurde am Menelzhofener Berg
bei Isny und im Wirtatobel am Pfänder
Braunkohle bergmännisch abgebaut.
Die Pfänderkohle wurde damals u.a. zur
Beheizung der Bodensee-Dampfschiffe
verwendet. Heute sind die Stolleneingänge grösstenteils eingestürzt oder
verschlossen, nur die alten Halden kann
man mit etwas detektivischem Spürsinn
noch entdecken.
Goldrausch?
Der Name „Goldach“, eines Flusses
östlich von St. Gallen, ist durchaus
berechtigt, denn sogar dem echten
Goldrausch kann man im Bodenseeraum erliegen. In Molasseschichten,
aber auch in Eiszeitschottern und
selbst in heutigen Flussablagerungen finden sich an manchen Stellen
Goldflitter. Noch heute wird von
„Hobbygoldsuchern“ mit speziellen
Pfannen dem „Waschgold“ nachgespürt. Doch sind die gefundenen
„Rheingold“-Mengen meistens sehr
gering und stehen in keinem Verhältnis zur anstrengenden Arbeit
des Goldwaschens...
Meine Reise mit dem Gletscher
Gletscherexpedition.
Foto: S. Löffler
14 | 15
(Me) Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist „Kiesel“. Ich
stamme aus der Geröllfamilie und ich
möchte Ihnen heute meine Lebensgeschichte erzählen.
Geboren wurde ich sozusagen vor 180
Millionen Jahren, zu einer Zeit, als das
Jurameer das Gebiet bedeckte, welches
heute als Bodenseeraum bekannt ist.
Damals wurde ich aus unzähligen Kalkschalenresten kleiner Organismen
gebildet. Als Kalkstein ruhte ich lange
ruhig und friedlich im Untergrund, bis
es eines Tages ganz gewaltig zu rumoren begann. Ehe ich mich versah, wurde
ich emporgehoben und konnte nach
über 100 Millionen Jahren zum ersten
Mal die Sonne sehen. Alpenbildung
nennen Sie heute diesen Vorgang, der
mich damals regelrecht krank gemacht
hat. Das war so ein Zerren und Ziehen,
dass ich einfach in Stücke gebrochen
bin, ein „gequältes“ Gestein, und
genauso habe ich mich auch gefühlt.
Zum Glück konnten die Wunden spä-
ter durch Kalkausscheidungen wieder
geschlossen werden, und heute sehe ich
mit meinen schönen weissen Kalzitadern richtig attraktiv aus. Zuerst war
ich enttäuscht, dass ich nicht ganz nach
oben auf den Gipfel gekommen war,
aber so bin ich wenigstens der Abtragung und der Zermahlung zu Molassesand entgangen. Eigentlich war das
Tertiär trotz dieser anstrengenden
Gebirgsfalterei sehr angenehm, da es
herrlich warm war und wunderschöne
Pflanzen und Tiere, wie immergrüne
Lorbeergewächse, Urpferdchen und
Säbelzahnkatzen lebten. Nur gelegentlich rauchte und rumorte es drüben im
Hegau. Aber dann wurde es immer kälter. Von meinem Ausguck konnte ich
den Schnee sehen, der sich in Mulden
an der Seite der Berge sammelte und
auch im Sommer nicht mehr wie früher verschwand. Im Gegenteil, die
Schneefläche wurde immer grösser und
fester und allmählich verwandelte sich
der Schnee in Eis. Die schönen Pflanzen und Tiere waren schon längst in
wärmere Gefilde abgewandert, als das
Eis aus seiner anfänglichen Sammelmulde, dem Kar, abzufliessen begann.
Langsam schob es sich als Gletscher ins
Tal hinunter. Mir wurde die ganze
Sache allmählich mulmig, denn durch
den dauernden Wechsel von Auftauen
Eiszeitliche Nagelfluh. Foto: A. Megerle
und Gefrieren hatte ich mich aus meinem Gesteinspaket gelockert. Eines
Tages ging es mir dann wie Tausenden
meiner Freunde zuvor. Ich stürzte
hinab und fand mich auf dem Eis liegend wieder. Können Sie sich vorstellen, wie unangenehm kalt das war! Und
wie unheimlich! Eine Unmenge an
Gestein schleppte dieser Gletscher mit
sich herum: oben auf dem Eis, an den
Seiten, eingefroren im Eis und am
Grunde. Vor sich schob er – wie eine
Tenderlokomotive – einen ganzen Wall
an Gestein her. Moränen nennt man
diese Gesteinsmassen. Und mit diesen
Grund-, Ober-, Seiten- und Endmoränen funktionierte dieser Gletscher wie
ein überdimensionales Schmirgelpapier. Überall, wo er vorbeischrammte,
hobelte er die Talwände regelrecht ab.
Aus den v-förmigen Flusstälern wurden u-förmige Trogtäler, denn das Eis
folgte den alten Flussläufen. Auch am
Boden wurde gewaltig geschürft und
verdichtet. Sie müssen sich vorstellen,
wie schwer so ein Gletscher ist, bringt
doch schon ein einziger Kubikmeter
900 kg auf die Waage! Die flacheren
Täler waren irgendwann ganz mit Eis
angefüllt. Der Gletscher quoll über die
kleineren Hügel und Kuppen, die er
glatt polierte. Zurück blieben Rundhöcker. Nur die Gipfel, die das Eis über-
Gletscherlandschaft in den Alpen. Foto: A. Megerle
ragten, blieben zackig und kantig. Sie
werden nach einem Eskimowort Nunatak genannt. Jeder Einzelne von uns
wurde von anderen Steinen gekratzt
und geschliffen – die Spuren sehen Sie
bei vielen heute noch. Gekritzte
Geschiebe werden wir genannt.
Nach vielen tausend Jahren – so ein
Gletscher ist schliesslich kein Porsche,
mehr als 50 m im Jahr schafften wir nie
– erreichten wir den Rand der Alpen.
Das Eis schob sich unaufhaltsam weiter
in eine flachere Landschaft, die nur
wenige niedrige Pflanzen aufwies und
seltsame Tiere, die sich wegen der grossen Kälte in dichte Zottelpelze gehüllt
hatten. Wollnashörner und Mammut
werden sie genannt und gelegentlich
konnte ich ein merkwürdiges Wesen
auf zwei Beinen sehen, das mit langen
Holzstöcken diese grossen Tiere jagte.
Immerhin hatte ich oben eine hervorragende Aussichtsplattform, da der
Gletscher fast 1000 m hoch war.
Es hat wohl nochmals mehrere Jahrtausende gedauert, bis ich allmählich
das Gefühl bekam, als ob es ein kleines
bisschen wärmer werden würde und der
Gletscher müde würde. Er schob sich
nicht mehr weiter nach vorne, sondern
begann abzutauen. Wenn Sie sich ans
letzte Wintertauwetter erinnern, können Sie sich vielleicht vorstellen, welche unglaublichen Schmelzwassermengen freiwerden, wenn ein solcher
Eiskoloss von 1000 m Höhe abtaut. Es
war unvorstellbar. Ich selber geriet in
den Wasserstrudel und wurde mitgerissen. Vor dem Gletscher hatte sich ein
riesiger Eisstausee gebildet, da der
Abfluss durch die Eismassen versperrt
war. Dort hinein wurde ich mit Tausenden
von
anderen
Steinen
geschwemmt, nachdem das Schmelzwasser uns vorher noch etwas gerundet
und nach Grössen sortiert hatte. Nicht
sortiert hatte es uns aber nach Herkunftsgebieten. Das war ein babylonisches Durcheinander, sage ich Ihnen.
Molassebrocken vom Pfänder lagen
neben einem Diorit vom Schwarzhorn
und ein grüner Verrucano von Ilanz
neben einem Granatschiefer vom
Rothorn. Und ich mitten drin. Da war
erst mal Völkerverständigung gefragt.
Und zu allem Überfluss stürzte auch
noch ein vor einem Steinzeitmenschen
fliehendes Mammut zwischen uns und
verendete. Im Winter waren die
Schmelzwässer schwächer und deckten
uns mit dünnen Sandlagen zu.
Oberschwaben während des Gletscherrückzugs. Bild: Wagner/Koch 1961
Am Gletschertor. Foto: A. Megerle
Wie die im nächsten Sommer neu
hinzugekommenen Gerölle und
Geschiebe erzählten, sah es auf dem
Lande geradezu fürchterlich aus. Der
Gletscher hatte die gesamte Landschaft
umgestaltet und umgeformt. Seine
Endmoränen sah man als geschwungene Hügelketten dort, wo den Gletscher die Kraft verlassen hatte – mit
zurücknehmen konnte er sie nicht
mehr, folglich liess er sie einfach liegen.
So aber störten sie den geregelten
Abfluss des Wassers, das sich überall
staute und die gesamte Gegend in ein
riesiges Sumpf- und Moorgebiet verwandelte. Also wenn ich immer höre,
dass die Stechmücken heute so lästig
seien, dann hätten Sie damals aber nicht
hier leben dürfen!
Noch immer war die Tundrenlandschaft übersät mit bis zu mehrfamilienhausgrossen Eisbrocken, die der Gletscher bei seinem Rückzug verloren
hatte. Mit Schutt bedeckt, der gegen
Wärme isolierte, und so riesig, wie sie
waren, konnte es Jahrhunderte dauern,
bis sie abschmolzen. Zurück blieben
wassergefüllte Vertiefungen im Boden,
die sogenannten Toteislöcher. Dazwischen lagen zum Teil ebenfalls riesige
Gesteinsbrocken, die der Gletscher aus
den Alpen herausgerissen, mittransportiert und jetzt als sich zurückziehender
16 | 17
„Schwächling“ verloren hatte. Als sogenannte Findlinge lagen sie etwas verloren in der Gegend. Einige von ihnen
waren so gewaltig, dass die Menschen
sie später als Steinbrüche nutzten.
An anderen Stellen lagen langgestreckte Hügel wie ein Schwarm grosser Walfischrücken beieinander. Auffällig ist, dass die eine Seite des Hügels
sehr steil, die andere dagegen deutlich
flacher ist. Hier hatte der Gletscher
Gerölle und Geschiebe zusammengeschoben und beim Vorstoss überfahren. An der Längsrichtung dieser
Strukturen, Drumlins genannt, können
Sie heute noch die Bewegungsrichtung
des Eises erkennen.
Die Landschaft, die ich damals von
meinem Ausguck auf dem Gletscher
gesehen hatte, als wir aus den Alpen
herauskamen, sah jetzt, während sich
der Gletscher allmählich wieder in die
höchsten Höhen der Berge zurückzog,
völlig verändert aus. Zum Glück wurde
es fühlbar wärmer. Wollnashorn, Mammut und Rentier waren immer seltener
zu sehen, dafür kamen Elche und Hirsche und es begannen wieder Bäume zu
wachsen. Im Verlauf der folgenden
Jahrtausende verwandelte sich die Tundrenlandschaft in die grüne Wald- und
Wiesenlandschaft, die Sie heute kennen. Schon vor meiner Reise war es so
einige Male hin und her gegangen. Eiszeiten und Warmzeiten hatten sich
abgewechselt. An die genaue Zahl kann
ich mich nicht mehr erinnern, aber
mindestens fünf Eiszeiten dürften es
schon gewesen sein.
Der Eisstausee, in dem ich lag, war
schon längst trockengefallen, nachdem
die wegtauenden Eismassen den
Abfluss nach Süden freigegeben hatten.
Inzwischen kamen wir verschiedenen
„Kiesel“ so gut miteinander aus, dass
ich mit wachsendem Entsetzen
bemerkte, wie wieder Bewegung entstand. Diesmal war es ein fliessendes
Gewässer, das sich mit Gewalt durch
uns hindurchzwängte und ein Tal in
uns einzugraben begann. Bei einem der
Hochwässer im Frühjahr wurde ich von
meinen Freunden weggerissen und mit
den wirbelnden Fluten mittransportiert. Zum Glück konnte ich mich auf
einer schön besonnten Schotterinsel
halten, die sich mitten im Fluss gebildet hatte. Hier liege ich nun mit vielen
Schicksalsgenossen zusammen und
vielleicht lernen wir uns einmal kennen, wenn Sie im Sommer barfuss
durch die Argen waten – so haben die
Kelten meinen Fluss genannt – und sich
dann die Gerölle auf der Schotterinsel
genauer betrachten. Ich könnte Ihnen
nämlich noch so manche Geschichte
aus meinem langen Leben erzählen.
Graureiher auf einem Findling am Bodenseeufer.
Foto: A. Megerle
„Die mit dem Rentier lebten …“
(Me) Es war einmal im Herbst vor
14.000 Jahren im heutigen Oberschwaben, gegen Ende der letzten Eiszeit.
Eine Gruppe von Rentierjägern hatte
sich an einem ihrer bevorzugten Lagerplätze niedergelassen und wartete auf
Beute. Der Platz war äusserst günstig,
denn die Rentierherden konnten die
weiten versumpften Flächen nur auf
wenigen Landbrücken queren, um zu
ihren Wintereinstandsgebieten zu
gelangen. Die Jäger hatten sich darauf
spezialisiert und folgten in ausgedehnten Wanderungen den Herden durch
eine Landschaft, die heute mit den nördlichen Bereichen Kanadas vergleichbar
wäre. Langgestreckte Hügelzüge bildeten die einzigen „Verkehrswege“, denn
schien langsam zurückzuweichen.
Grosse Risse und Spalten durchzogen
das Eis. Einzelne Eisbrocken in Hausgrösse brachen ab und blieben vor dem
Gletscher liegen. Denn es war tatsächlich ein Gletscher, der seine eisige Zunge
in das Revier unserer Jäger schob.
Die Landbrücke, auf der die Jäger auf
die Rentiere warteten, ist eine Moräne,
ein Hügelzug, den der Gletscher aus
dem Gesteinsschutt, den er vor sich herschob, geschaffen hatte. Taute der Gletscher, so formten die zurückbleibenden
Schuttberge die Gletscherzungen nach.
Da sie das abfliessende Wasser stauten,
bildeten sich entlang der Moränenzüge
ausgedehnte Sumpfgebiete und Seen.
Die weiten, tundrenartigen Landschaf-
Zur Freude der heutigen Archäologen blieben auch schon zur damaligen
Zeit Abfälle, Teile von Waffen und Rentiergeweihe an den Lagerplätzen zurück,
die im Wasser und im lehmig-feuchten
Boden die Jahrtausende überdauerten.
Und so war es 1866 eine wissenschaftliche Sensation, als das späteiszeitliche
Lager unserer Rentierjäger an der
Schussenquelle entdeckt wurde. War
dies doch der erste Nachweis, dass
bereits in der eiszeitlichen Tundra Menschen zusammen mit heute hier ausgestorbenen Tierarten gelebt hatten.
Diorama Kesslerloch.
Foto: Museum zu
Allerheiligen,
Schaffhausen
Grossangelegte Treibjagden auf Rentiere wurden auch am Petersfels bei
Engen durchgeführt. Neben über
100.000 Feuersteinabschlägen fanden
die Archäologen hier zahlreiche fertige
Steinwerkzeuge, mit Zeichnungen verzierte Harpunen, Lochstäbe aus Rentiergeweih und wunderschöne Venusstatuetten aus Gagat, einem schwarzen,
fossilisierten Holz.
In nur 15 km Entfernung finden sich
mit Kesslerloch und Schweizersbild bei
Schaffhausen weitere herausragende
steinzeitliche Fundstellen.
Gravur eines weidenden Rentiers,
Fundort Kesslerloch,
Alter ca. 12–13.000
Jahre.
Foto: Rosgartenmuseum Konstanz
Eiszeitgemälde. Bild: H. Strobel
die flacheren Bereiche waren alle versumpft und unpassierbar oder von weiten Wasserflächen bedeckt. Bis zum
nördlichen Horizont war kaum ein
baumartiges Gewächs zu sehen. Niedrige Krüppelbüsche, Zwergsträucher,
Moose und Flechten bildeten eine Vegetation, ähnlich der heutigen Tundra.
Richtete man den Blick nach Süden, so
sah man eine riesige dunkelgraue Mauer,
die sich Hunderte von Metern hoch
erhob. Vor ihr türmten sich Schuttberge
aus unterschiedlichsten Gesteinen.
Durch eine Art Tor ergossen sich Flüsse
in ein Vorland ausgedehnter Kies- und
Sandflächen.
Die merkwürdige Mauer bestand aus
kompaktem Eis, das von einer dicken
Schuttschicht überzogen war. Das Eis
ten boten wandernden Tierarten wie
Rentieren oder Wildpferden, optimale
Lebensbedingungen. Die Jäger hatten
sich mit der Erfindung der Speerschleuder an diese Jagdbedingungen angepasst. Nach erfolgreicher Jagd wurden
die Rentiere an der Lagerstätte zerlegt,
das Überleben der Jäger war für die
nächste Zeit gesichert. Das Fleisch
wurde für den Winter getrocknet, das
Fett lieferte Tran für Lampen. Auch
Sehnen, Knochen, Geweih und Fell
wurden vielseitig verwertet. Bei Jahresdurchschnittstemperaturen von 3 bis
6º C unter den heutigen Werten und
ohne feste Behausungen mit Zentralheizung und Einkaufszentrum ums Eck,
war das Überleben der Sippe schwierig
genug.
Das Findlingsgedicht und Geschichten über
den „Mörder“, „Salz-“ und „Öpfelfresser“
Das Findlingsgedicht
Zur Eiszeit war’s als auf des Gletschers Rück
ich glitt hierher und glaubte, das Glück
einer ewigwährenden Ruhe zu finden.
Das Gletschereis sah ich unter mir schwinden.
Doch menschlicher Unverstand und kleinlicher Neid
im 19ten Jahrhundert mir brachten viel Leid;
denn mit wuchtigen Schlägen und Pulverkraft
ward Stück um Stück mir vom Leib gerafft.
Dem Häuserbau war’n sie geweiht.
Nur ein Stück bin ich noch aus der Gletscherzeit.
Grauer Stein, Ermatingen. Foto: A. Zaugg
Herkunft und Wege der mit dem
Rheingletscher hierher transportierten Findlinge
(AZ, HH) Der „Graue Stein“ oberhalb
Ermatingen – zwischen Fruthwilen und
Wolfsberg gelegen – klagt uns diese
Geschichte. Eine Tafel weist darauf hin,
dass es sich um einen tertiären Muschelsandstein – Seelaffe – vom Rorschacherberg handelt, zugleich grösster Findling
im Kanton Thurgau.
Findlinge galten auch als alte Grenzmarken, wie der „Grosse Stein“ an der
Hauptstrasse in Kreuzlingen. Eine im
Jahr 1874 eingemeisselte Inschrift
erzählt uns folgende Geschichte: „Der
grosse Stein, Grenzmarke der Vogtey
uff der Eggen, Richtstätte der neun
Knechte des Mangold von Brandis 1368.
Rednerstuhl des Stiftsdekan Tschudi im
Kampfe für den alten Glauben 1528.“
Im Rheinbett zwischen Untersee und
Schaffhausen lagern seit dem Rückzug
des Rheingletschers an mehreren Stellen grössere Findlinge, die bei Niedrigwasser z.T. aus den Wasserfluten ragten.
Sie erhielten Namen, dienten als Marken für Hoheits- und Fischereigrenzen
und waren bei den Rheinschiffern
gefürchtet. Bei der Insel Werd (Eschenz)
liegt der „Werdlistein“ (Grenzstein zwischen den Kantonen Thurgau und
Schaffhausen). Es wird vermutet, dass
die Stadt Stein am Rhein ihren Namen
diesem Findling verdankt. Von Stein am
Rhein nach Schaffhausen transportierte
man auf Schiffen Güter und Waren.
Findlingsgarten
Schwaderloh
Aus Hantke, R. & Wiesmann, A. (1994)
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Grosser Stein, Kreuzlingen. Foto: A. Zaugg
Findlingsgarten Schwaderloh. Foto: A. Zaugg
Weil an einer Stelle jenseits des Dorfes
Hemishofen mehrere Schiffe an einem
Findling sanken, wurde dieser „Mörder“ genannt. Das grösste und gefährlichste Hindernis im Rhein war der
„Salzfresser“, an dem ein mit Salz beladenes Schiff zerschellte. Wenig strom-
Grösster Findling
Deutschlands
Der grösste Findling des gesamten
Bodenseeraumes und Deutschlands
liegt im Allgäu, „im Moos“, 2 km
westlich von Ellhofen. Ihm ist es ähnlich schlecht ergangen wie dem
„Grauen Stein“ von Ermatingen.
Ursprünglich mass der Allgäuer Kalkstein 3.000 bis 4.000 Kubikmeter. Er
wurde bis ins Jahr 1900 für Bau- und
Bildhauerzwecke abgebaut. Heute
sind oberirdisch noch rund 500
Kubikmeter Fels sichtbar. Der Felsblock stammt vermutlich von den
Drei Schwestern und ist durch den
würmzeitlichen Rheingletscher hierher verfrachtet worden.
abwärts folgte zwischen Bibermühle und
Schupfen der „Öpfelfresser“, an dem
wohl ein mit Äpfeln beladenes Schiff
sank. Diese beiden Findlinge wurden
gesprengt.
Beim Bau der Autobahn Frauenfeld –
Schwaderloh (A7) wurden viele Findlinge ausgegraben. Die schönsten von
ihnen sind in einem Findlingsgarten
zusammengestellt worden. Dieser befindet sich bei der Brücke über die A7 an
der Strasse Schwaderloh – Tägerwilen.
Enge Tobel, wilde Schluchten
(Me) Ein Sonntagnachmittagsspaziergang ist das plötzlich nicht mehr. Die
weite, offene Landschaft mit grünen,
sanft gewellten Wiesen und einem herrlichen Ausblick über den Überlinger
See verengt sich dramatisch. Links und
rechts rücken die Seiten des Tales
immer näher an den Wanderweg. Es
wird dunkler. Der Weg windet sich waghalsig auf einer Talseite nach oben.
Dann ist es gar kein Weg mehr, sondern
Treppenstufen aus Holz, die am Talhang befestigt wurden. Zum Bach hinunter schauen wir lieber nicht. Schaumgekrönt schiesst er durch sein Felsenbett. Immer wieder stürzt er über kleine
Wasserfallstufen. Auch die Vegetation
ändert sich. Farne hängen über den
Weg. Der klebrige Salbei streckt seine
gelben Blüten aus dem überquellenden
Grün. Es ist feucht und auch im Hochsommer dunkel und kühl hier. Zahlreiche Quellen stürzen aus den Seitenwänden. Mit gemischten Gefühlen
durchklettern wir die enge Klamm. Für
Menschen mit Platzangst völlig ungeeignet, aber die Kinder sind begeistert.
Einige Zeit später ändert sich das Bild
genauso plötzlich. Wir stehen auf einer
lichtüberfluteten weiten Hochfläche
mit Wiesen und Buchenwäldern. Etwas
überrascht schauen wir zurück: ein weiter Blick über den Überlinger See öffnet sich, direkt vor uns ein bewaldeter
Hang, von Schluchten mit waghalsigen
Treppenwegen ist nichts zu sehen. Gut
versteckt in den Steilhängen rund um
den Bodensee finden sich noch eine
ganze Anzahl sogenannter Tobel, wie
der Hödinger Tobel bei Überlingen,
den wir eben durchquert haben.
„Schuld“ an der Entstehung solch
spektakulärer Landschaftsformen sind
die Molasseschichten des Tertiärs in
Verbindung mit den Eiszeiten. Durch
die Ausräumarbeit der Gletscher bildeten sich Steilhänge aus Molassesedimenten vor allem an den Ufern des
Überlinger Sees. Bei Höhenunterschieden von 110 m auf 650 m Länge, wie
bei der Marienschlucht, erreichen die
von der Hochfläche kommenden Bäche
ein Gefälle von bis zu 20% und eine
beeindruckende Erosionskraft. So
konnten die herabstürzenden Bäche
nach dem Rückzug des letzten Gletschers tiefe Schluchten in die aus relativ weichem Sandstein bestehenden
Molassefelsen eingraben. Quellhorizonte wurden angeschnitten, aus denen
Seitenzuflüsse herabstürzen. Ein ausgeglichenes Mikroklima mit hoher Feuch-
tigkeit, aber kaum Fröste, ist ein Paradies für Lurche, jedoch siedlungsfeindlich für die Menschen. Nicht umsonst
nennt man Eigenbrödler und eigenwillige Käuze „die, die aus dem Tobel kommen“.
Hödinger Tobel.
Foto: A. Megerle
Wir wandern durch ein breites, namenloses Tal
(AZ) Es ist schon merkwürdig. Vor uns
liegt ein breites Tal. Auch auf der Landkarte tritt es markant in Erscheinung,
aber es trägt keinen Namen. Warum ?
Uns fällt auf, dass kein Fluss und auch
kein bedeutender Bach durch diese
grosszügig geformte Talung fliesst. Ein
Tal ohne Fluss oder Bach scheint es
schwer zu haben einen Namen zu kriegen. Wir befinden uns zwischen dem
Thurtal bei Wil und dem Tösstal. Das
namenlose Tal wird von Fachleuten als
Trockental Rickenbach – Littenheid –
Dussnang – Bichelsee – Turbenthal
bezeichnet. Wie ist dieses entstanden ?
Der abschmelzende Rheingletscher
trennte sich vor ca. 16.000 Jahren bei
Wil vom Thurgletscher, der sich ins
Toggenburg zurückgezogen hat. Der
Rheingletscher versperrte den Schmelzwässern und der Thur den Abfluss
nach Norden und es bildete sich bei
Wil ein Eisstausee. Dieser entwässerte
nach Westen. Die Wasserfluten erreichten eine grosse Erosionskraft. Sie
schnitten in kurzer Zeit ein beachtlich
breites, in Schlaufen gelegtes Tal in den
Molassefels. Die abschmelzenden Eismassen gaben den Schmelzwässern
allmählich andere Fliesswege frei. Die
Murg z.B. konnte nun bei Dussnang
unbeirrt geradeaus nach Norden
fliessen. Schon bald floss kein Wasser
mehr durch das breite, trockengelegte Schmelzwassertal. Schutt- und
Schwemmkegel füllten es zum Teil auf.
Zur Erinnerung an die eiszeitlichen
Wasserfluten zirkuliert heute, tief verborgen unter dem Talboden in kiesigen
Schichten Grundwasser, das den malerischen Bichelsee bei Seelmatten speist.
Ein kleiner Trost mag der Hinweis sein,
dass den zehnmal breiteren Urstromtälern am Südrand des skandinavischen
Blick von Dussnang nach Westen ins Trockental
Richtung Bichelsee. Foto: Chr. Herrmann
Eisschildes im Norden Deutschlands
das gleiche Schicksal wie unserem
„namenlosen“ Tal beschieden war.
Das thurgauische Seebachtal
und seine drei Gletscherstauseen
ten, mit Flechten und Steppenrasen
überzogenen Moränenwall gegen den
eisigen Ostwind wagte, sah eine mit
Zwergbirken gesäumte, langgezoge
Wasserfläche der vereinigten Nussbaumer- und Hüttwilerseen sowie daneben
den kleinen Hasensee. Am Ostende verliess der Seebach die Wasserfläche und
schuf sich einen Abflussweg durch den
engen Einschnitt der Ochsenfurt zum
Thurtal hinunter.
Siegfried-Karte 1883
(AZ) Die Sonne steigt langsam und
noch schlaftrunken, rotgoldig leuchtend über den Horizont. Ein Entenpärchen landet leise zischend, Kielwasserspuren ziehend, auf der spiegelglatten
Wasserfläche des schilfgesäumten
Nussbaumersees. Ein neuer Sommertag im lieblichen Seebachtal nördlich
Frauenfeld hat begonnen. Ein schwacher Windstoss weht aus der Morgenstille einen Hauch der bücherfüllenden
Landschaftsgeschichte an unser Ohr. Es
lohnt sich, die Augen zu schliessen und
genau hinzuhören.
Vor gut 16.000 Jahren lag hinter dem
Moränenkranz beim heutigen Oberstammheim die schrundige Eisfläche
eines Gletscherlappens. Das Eiswasser
floss in einem gewundenen Tälchen
durch die Endmoräne und lagerte in der
Talebene zwischen Stammheim und
Waltalingen Kiese und Sande ab. Tausend Jahre später ist der Wasserstrom
schon längst versiegt, weil sich der
Rheingletscher in den Raum Bischofszell und Konstanz zurückgezogen hat.
Wer den Blick über den windgepeitsch-
Spuren eines
Vulkanausbruchs
Vor rund 11.000 Jahren ereignete sich
in der Eifel im Laachersee 350 km
nordwestlich des Seebachtales ein
gewaltiger Vulkanausbruch. Winde
verfrachteten die Bimstuffasche bis
in den Bodenseeraum. Diese Vulkanasche konnte 1962 erstmals für die
Schweiz vom Geologen Franz Hofmann in einer Bohrung zwischen
dem Nussbaumer- und Hüttwilersee
in 4 m Tiefe nachgewiesen werden.
Das Klima verbesserte sich jahrhundertweise. Im Sommer erwärmte sich
das Seewasser und im Seetrog lagerten
sich nach Ton- und Sandlagen erstmals
auch Seekreideschichten ab. Einige Tausend Jahre später ist ein Grossteil der
Seefläche zu einem Moor verlandet, das
den Nussbaumer- vom Hüttwilersee
trennt. In der Nacheiszeit grenzte an die
ufersäumende Verlandungszone ein
dichter Urwald. Zunächst suchte der
Steinzeitmensch das Seebachtal nur zur
Blick nach Osten in das thurgauische Seebachtal. Foto: Chr. Herrmann
20 | 21
Eisvogel. Foto: H. I. Isler
Jagd auf. 3.840 Jahre vor Chr. errichtete
er am Nussbaumersee eine erste Ufersiedlung, die bis in die Bronzezeit
bestand. Die Römer besiedelten dann
das nun vollständig zur Kulturlandschaft
gewandelte Seebachtal (Römischer
Gutshof Stuetheie). Die Mönche der
Kartause Ittingen deckten ihren Fischbedarf aus dem Nussbaumersee (früher
Ittingersee).
Der moderne Mensch drängte im Seebachtal die Natur in einen engen Ufersaum zurück. Die Siegfriedkarte (1883)
zeigte um die drei Seen noch ausgedehnte Sumpf- und Moorflächen. Torfabbaue, eine Wasserspiegelabsenkung
(1943) sowie die stetige Verschlechterung der Wasserqualität bedrohten zusehends diese Landschaft von nationaler
Bedeutung. Im Jahr 1994 wurde zum
Schutze des thurgauischen Seebachtales
die Seebachtalstiftung gegründet. Unter
Beachtung gewisser Regeln steht das
Seebachtal mit seinen zum Bade ladenden Seen auch den Erholungssuchenden
zur Verfügung. Wer weiss, vielleicht sieht
man in der Ferne den Kopf eines Bibers
aus dem Wasser ragen, oder man kann
dem korundblauen Eisvogel und staunend dem Zick-Zack-Kurs der Libellen
nachschauen.
Ufer des Hasensees. Foto: M. Hertzog
Der Rheintalsee
nach Abschmelzen
des Gletschers.
Bild: H. Strobl
Bodenseerheintal – Rheintalbodensee
(GF) „Das ganze Rheintal, erzählt die
Sage, war früher ein einziger See, der
dann immer kleiner wurde, bis er
zuletzt nur noch das Gebiet des Bodensees umfasste, wie er jetzt ist. Die alten
Leute sagten, dass vor Zeiten am Götzner Kobel oben noch die Ringe zu
sehen gewesen seien, an die man damals
beim Landen die Schiffe gebunden
habe. Heute ist jede Spur davon verschwunden. Vom Kobel wurde ja viel
weggesprengt seit jener Zeit.“
Ist dies wirklich nur eine Sage? Vom
Paradies in grauer Vorzeit wird mehrfach berichtet. Seen sollen die Alpentäler erfüllt haben, während Weizen
und Wein auch in den höchsten Bergesregionen wuchsen. An vielen Orten
soll es Ringe gegeben haben zum Vertäuen der Schiffe. Gesehen hat sie freilich noch niemand. Aber könnte nicht
doch ein Körnchen Wahrheit in dieser
Geschichte stecken?
Tatsächlich war das Alpenrheintal
nach der letzten Eiszeit ein See. Der
Rheingletscher hatte ganze Arbeit
geleistet, hatte das Tal ausgehobelt und
eine riesige, übertiefte Senke geschaffen: Erst in 600 Meter Tiefe – 200
Meter unter Meeresniveau – trifft man
zwischen Hohenems und Lustenau auf
gewachsenen Fels. Doch dann wurde es
wärmer, und das Eis musste weichen.
Bis Chur war es vor 14.000 Jahren
zurück geschmolzen. Seine Schmelzwässer füllten das nun freie Tal. Gleichzeitig begann die Auffüllung. Die
Flüsse brachten gewaltige Mengen an
Schotter, Sand und Ton. Rasch hatte
das vereinte Delta von Ill und Frutz den
„Ur-Bodensee“ geteilt. Am meisten
trug der Rhein selbst zur Verlandung
bei. Zwischen natürlichen Dämmen
baute sich die Flussrinne nach Norden.
Der neu geschaffene Talgrund war mit
Mooren und flachen Seen bedeckt.
Hochwässer brachten Sand und förderten so die Verlandung. Am Talrand
schütteten Nebenbäche ausgedehnte
Schuttkegel, an denen die Wellen knabberten. Noch heute erkennt man im
Norden von Götzis den einstigen
Strand.
Wie Inseln ragen Berge aus der Talebene. Sie widerstanden der ausschürfenden Kraft des Eises. Nicht willkürlich hatte der Gletscher seinen Weg
gebahnt, sondern er folgte alten Strukturen. Das Gestein ist in Falten gelegt,
die ihrerseits wieder verfaltet und zer-
brochen sind. Sie bilden im Rheintal
eine natürliche Mulde. In deren weiche
Gesteine frass sich der voreiszeitliche
Rhein und bestimmte so den Weg des
späteren Eises. Die Inselberge hingegen sind Aufwölbungen aus hartem
Gestein.
Unsicher war der urgeschichtliche
Talgrund: Überschwemmungen waren
alltäglich, unberechenbar waren die
Sümpfe und Moore. Unzählbare
Schwärme von Mücken schwirrten über
dem feuchten Grund. Die Malaria war
eine alltägliche Krankheit. Die ersten
Bewohner des Landes suchten sicheren
Boden. Älteste Siedlungsspuren der
Mittleren Steinzeit um 4700 v. Chr. fanden sich unter überhängenden Felsen
am Fuss des Kummen bei Koblach.
Doch bald zogen die Menschen die
sicheren Höhen der Inselberge dem Talboden vor. Schellenberg, Neuburghorst
und Kadel trugen jungsteinzeitliche und
bronzezeitliche Siedlungen. Auch die
Römer mieden die Ebene. Die Strasse
nach Westen, die das Rheintal bei Hard
durchqueren musste, war als Knüppeldamm befestigt. Die Stadt Brigantium –
das heutige Bregenz – aber lag auf einer
Schotterterrasse über dem See.
Die „Rheinnot“ und die Zähmung des
grössten „Wildbachs“ von Europa
108 Jahren haben die Wasserbauer dem
Stand der Technik und dem Zeitgeist
entsprechend den wilden Rhein
gezähmt. Die beiden Durchstiche bei
Fussach (1900) und Diepoldsau (1923)
führen den Fluss nun auf kürzestem
Weg in den Bodensee. Durch die
Begradigungen wurden die Diepoldsauer Rheinschlaufe und der Alte Rhein
vorerst zu zwecklosen Landschaftsteilen degradiert. Mit der Zeit entwickelten sich daraus aber ökologisch wertund landschaftlich reizvolle Lebens-
Der begradigte
Rhein im St. Galler
Rheintal, alte
Rheinschlaufe bei
Diepoldsau.
Foto: Wild/Leica,
Heerbrugg
(AZ, GF) Es ist schwärzeste Nacht. Seit
Tagen regnet es schon. Dazu entlädt
sich ein heftiges Gewitter. Diese Nacht
werden die wilden, trüben, erdig feucht
riechenden Fluten des Rheins wieder
ihr Bett verlassen, werden Mensch und
Vieh bedrohen. Alles ist auf den Beinen, mit Fackeln ausgerüstet flieht man
auf höher gelegenes Land. Wenige
wagen verzweifelt den hoffnungslosen
Kampf, dem grössten „Wildbach“
Europas zu trotzen. Es ist die Zeit der
„Rheinnot“.
Bei Unwettern sammelt der Rhein
das talwärts eilende Wasser und mit ihm
riesige Mengen an Geschiebe und Holz.
Bild: Staatsarchiv Kanton St. Gallen
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Viele Gesteine in seinem Einzugsgebiet
werden leicht ausgeschwemmt. In früheren Zeiten begünstigten grossflächige Rodungen den Abtrag. An manchen Stellen landete der Rhein auf, und
bei Sargans drohte der Fluss sogar Richtung Walensee zu fliessen!
Der Rhein bescherte an beiden Ufern
die gleichen Nöte. Dem unermüdlichen Einsatz von Fachleuten und
Politikern, aber auch verheerenden
Überschwemmungen ist zu verdanken,
dass am 30. Dezember 1892 der Staatsvertrag zur Rheinregulierung zwischen
Österreich und der Schweiz unterschrieben wurde. In den vergangenen
Felsabbau im Steinbruch um 1913. Foto: Staatsarchiv Kanton St. Gallen
räume. Dämme schützen die angrenzenden Siedlungen und über 100.000
Menschen vor Hochwasser. Rheinufer
und Mittelgerinne hat man mit Blocksteinen befestigt. Bereits im 18. Jahrhundert wurde bei Feldkirch Kalkstein
für die Verbauung gebrochen. Für die
Rheinregulierung wurde in 16 grösseren Steinbrüchen Blockwerk gewonnen. Im grossen, noch betriebenen
Steinbruch beim Kadel in Koblach
wurden über 1 Million Kubikmeter
Fels abgebaut. Wissenswertes über 100
Jahre internationale Rheinregulierung
und verwegene Rheinholzer, düstere
Geschichten rund um die Rheinmühlen und mehr erfahren Sie im Museum
Rhein-Schauen in Lustenau.
Eine Rauchwolke steht über dem Ried.
Ketten rasseln, Eisen reibt kreischend
auf Eisen. Der Dampfbagger frisst sich
durch Lehm und Torf. Zu Dämmen
wird der Aushub geschüttet, mit Felsbrocken stabilisiert. Unermüdlich keuchen die Dampflokomotiven der Feldbahn zwischen Steinbruch und Baustelle, zwischen Bagger und Damm.
Vom See her arbeiten sich Schwimmbagger vor. Der Fussacher Durchstich
soll Überschwemmungen dauerhaft
bannen. Nach 4 1/2 Jahren ist es so
weit: Für den 6. Mai 1900 ist die feierliche Eröffnung des neuen Flusslaufs
geplant. Allein – der Rhein ist schneller. In der Vornacht durchbrechen die
Schmelzwassermassen das Trennwerk.
Ein letztes Mal hat der Rhein seinen
Willen und sucht sich selbst seinen
Weg.
Sein ehemaliges Bett, der Alte Rhein,
scheint seit Jahrtausenden zu bestehen.
Doch der Schein trügt. Der Rohrspitz
ist eine alte Rheinmündung. Damals
fand der Fluss seinen Lauf im
geschwungenen „S“ der heutigen
Lochseen. Durch stetige Erhöhung seines Bettes versperrte der Fluss sich
selbst den Weg und verlagerte die Mündung nach Westen: Der Rheinspitz entstand.
Bis zu 3 Millionen m3 Sand und
Schlamm sowie bis zu 50.000 m3
Geschiebe bringt der Rhein jährlich.
An der unmittelbaren Mündung deponiert er das Grobkorn. Das Feinmaterial schwemmt er weiter in den See.
Dass dieses Material Platz braucht, hat
man vor 100 Jahren zu wenig beachtet.
So vergrösserte der Rhein – wie er es
Schwimmbagger vor der Rheinmündung.
Foto: G. Friebe
Das Rheindelta
Frühling im
Rheinholz.
Foto: M. Grabner
gewohnt war – vor der künstlichen
Mündung sein Delta. Die Fussacher
Bucht und der Hafen von Hard drohten zu verlanden. Und schlimmer:
Sogar die Bregenzer Bucht lief Gefahr,
vom See abgetrennt zu werden. Neue
Dämme wurden geschüttet. Sie werden
weit in den See hinaus gezogen, um die
Gesteinsfracht in tieferes Wasser zu leiten. Dennoch muss in der Mündung
gebaggert werden. Kies und Schotter
wird abgelagert, sobald die Strömungsgeschwindigkeit abnimmt. Dadurch
wird das Gefälle verringert, und die
Auflandung setzt sich flussaufwärts
fort. Was der Mensch auch tut – bei
gleichbleibenden Klima- und Landschaftsverhältnissen wird der Bodensee
in etwa 100'000 Jahren aufgefüllt sein!
Nicht nur der Fussacher Durchstich,
auch die Trockenlegung hat das Delta
verändert. Wo noch vor Jahrzehnten
nach dem Frühjahrshochwasser die
Fische laichten, weiden heute friedlich
die Kühe. Der Polderdamm schützt seit
1963 das Delta vor Überflutung. Pumpwerke regulieren das Grundwasser.
Dennoch ist das Rheindelta ein
Naturparadies ersten Ranges, das zu
Recht unter Schutz steht. Auf engem
Raum finden sich unterschiedlichste
Lebensräume. Zum Delta gehören die
grössten Flachwasserbereiche des
Bodensees. Im Uferbereich wächst
Röhricht.
Tümpel
und
überschwemmte Wiesen locken Amphibien
an. Landeinwärts folgen Streuewiesen,
das blaue Blütenmeer der Sibirischen
Schwertlilie. Am Alten Rhein bildet das
Rheinholz den grössten Auwald Vorarlbergs. Die Vielfalt der Landschaft
macht das Rheindelta zum Rastplatz
für Zugvögel.
Während vor der Rheinregulierung
die Landschaft sich ständig veränderte,
wurden danach stabile Verhältnisse
angestrebt. Dieser Verlust an Land-
Ein Kiesschiff wird entladen. Foto: G. Friebe
schaftsdynamik wurde zu einem der
grössten Probleme für den Naturschutz. Bei den heutigen Baumassnahmen zur Rheinvorstreckung ist eine
gewisse natürliche Landschaftsentwicklung erlaubt. Dadurch entstehen
weiterhin neue Flachwasserbereiche,
Schlickflächen, Röhrichte und Auwälder. Die gesteuerte Landschaftsgestaltung an der grössten Flussmündung
Binneneuropas bietet die einmalige
Chance, die Dynamik der Lebensräume zu beobachten und zu studieren.
Vom grössten Wasserfall Europas
Bootsfahrt zum mittleren Felsen. Foto: B. + E. Bührer
(AZ) Eine herrliche Frische weht uns
im gischtspeienden Kessel des
Rheinfallbeckens entgegen. Wir erahnen angesichts dieser weissschäumenden Wassergewalten, welchen furchtbaren Gefühlen Seeleute im Sturmwind kurz vor dem zerstörerischen
Aufprall ihres Schiffes an den schroffen
Küstenklippen ausgesetzt gewesen sein
müssen. Doch keine Angst: unser
Bootsführer, der den mittleren Felsen
im Rheinfall anpeilt, hat alles unter
Kontrolle. Bei Hochwasser wälzt sich
über den Rheinfall ununterbrochen
eine riesige Wasserflut von über 1.000
Kubikmeter pro Sekunde über eine
mehr als 20 m hohe und 150 m breite
Felsstufe. Könnte der Rheinfall doch
nur sprechen und uns seine bewegte
Geschichte erzählen! „Nun, vor mehreren Zehntausend Jahren existierte ich
Der Rheinfall. Foto: B. + E. Bührer
24 | 25
noch nicht. Ihr Menschen habt euch
übrigens damals in dieser Gegend auch
noch nicht oft blicken lassen! Als das
Klima das letzte Mal vor ca. 25.000 Jahren in der Würmeiszeit rauher wurde,
habt ihr euch in wärmere Klimazonen
zurückgezogen. Meine beiden Partner,
der Rhein und der eiskalte Rheingletscher haben gemeinsam gute Arbeit
geleistet. Sie hobelten und feilten mit
grossem Eifer an der widerspenstigen
Landschaft herum. Besonders das
Nadelöhr bei Schaffhausen hat ihnen
während jeder Eiszeit mächtig zu schaffen gemacht. Früher bestand eine
durchgehende Felsverbindung zwischen dem Cholfirst und dem Randen
und der Rhein floss von Osten nach
Westen. Später gelang meinen beiden
Verbündeten endlich der Durchbruch
in den Klettgau (Klettgaurinne). Bei
aller Hochachtung dieser Meisterleistung muss doch eines bemängelt werden: Der Rhein und der Rheingletscher
hatten das Abfallproblem nicht im
Griff! Sie produzierten bei ihrer Arbeit
immer so viel Geschiebe aus Lehm,
Sand, Kies und Blöcken, das ihnen dann
die mühsam geschaffenen freien
Abflusswege innert kürzester Zeit wieder verfüllte. Der Rhein und der Rheingletscher erzählen nicht gern von ihrem
grössten Missgeschick. Es geschah,
wenn ich mich recht entsinne, in der
vorletzten Eiszeit, der Risseiszeit. Der
Rheingletscher stiess mit einem schmalen Eislappen über Schaffhausen bis in
den Klettgau vor und hat so diesen Ab-
flussweg versperrt. Aus unerklärlichen
Gründen fiel gleichzeitig viel Schmelzwasser an, das nicht mehr über den
Klettgau abgeführt werden konnte und
daher in südliche Richtung zur Thur
strömte. Dabei wurde die tiefe Schlucht
der Rheinfallrinne unter der Altstadt
von Schaffhausen nach Flurlingen und
Neuhausen geschaffen. Der Ärger des
stolzen Rheins, dabei der unbedeutenden Thur tributig zu werden, ist
verständlich. Mit Unterstützung des
Rheingletschers wurde diese Felsrinne
schnell mit Kies (Rinnenschotter) verfüllt. Die anfallenden Geschiebemengen waren zu gross und es bildeten
sich zudem die mächtigen Engeschotter westlich von Schaffhausen, die
nun endgültig den Abflussweg in den
Klettgau versperrten. Der letzte Versuch, diese Barriere aus dem Weg zu
räumen, misslang vor rund 20’000 Jahren, während der Würmeiszeit. Der
Rheingletscher,
ermüdet
durch
Schwerarbeit der vorangehenden Eiszeiten, schaffte es gerade noch bis
Schaffhausen. Das Klima verbesserte
sich, und die beiden Freunde wurden
endgültig getrennt. Der Rheingletscher schmolz dramatisch schnell und
der Rhein musste selber schauen, wie er
die anfallenden Wassermassen und
Geschiebemengen bewältigen konnte.
Da gab es nicht viel zu überlegen. Er
frass sich bei Schaffhausen durch
Geschiebeansammlungen und folgte
der ihm bekannten Rheinfallrinne. Bei
Flurlingen hat er dann im Übereifer
einen etwas zu südlichen Verlauf
genommen. Die weichen Felsschichten
der Unteren Süsswassermolasse waren
ja auch leichter abzutragen als die zu
Nagelfluh verkitteten Rinnenschotter.
Harte Jurakalkschichten stoppten aber
die Tiefenerosion des Rheins. Bei Laufen kämpfte sich der Rhein vor ca.
16.000 Jahren in einer engen, nach
Norden verlaufenden Flussschlaufe
durch diesen Felsriegel, bis er, zu seinem Glück, die alte Rheinrinne im heutigen Rheinfallbecken wiederfand und
mühelos nach Süden abfliessen konnte.
Seither stürzen sich die tosenden
Rheinfluten unermüdlich über meine
harten Schultern aus Kalkstein in das
Rheinfallbecken und begeistern die
staunende Besucherschar.“
Reise entlang der Thur
Die Thurquelle, Thurwis. Foto: H. Heierli
(AZ) Die weiss schäumenden Wassermassen fallen wie ein Hochzeitsschleier über die steile Felsplatte und
vereinigen sich um Steine und Wiesenflecke windend in einem Bachgerinne. Die Thur entspringt als Karstquelle im Alpsteingebirge auf einer
Höhe von 1.240 m ü.M. In der sumpfigen Thurwies sammelt sich das Wasser zum Gebirgsbach der Säntisthur.
Die 125 km lange Reise bis zum Rhein
kann beginnen. Nach überstürzter Talfahrt auf glatten Kalkfelsen nach
Unterwasser versucht die noch junge
Thur in der Talebene bei Alt St. Johann
die ersten übermütigen Flussschlaufen
Thur auf Nagelfluhschichten.
Foto: P. Hochstrasser
zu drehen. Sie windet sich bei Burg
elegant durch die letzten Kalkgesteine
der Alpen und ruht sich in der Ebene
bei Stein kurz aus. Danach zwängt sich
die Thur in die engen Felsschluchten
und über Wasserfälle durch die schiefgestellten Nagelfluhschichten. Über
die flache Talebene bei Ebnat Kappel
taucht die Thur bei Wattwil in eng
gewundenem Slalomlauf tief in die
flach gelagerten Nagelfluhschichten
der Hörnlischüttung ein. Sie überspült
spielerisch in pendelndem Lauf die mit
Geröllen gespickten Nagelfluhbänke
und vergisst im Fliessen, dass sie sich
in wenigen Tausend Jahren schon so
tief in die Felsen des Toggenburgs eingegraben hat. Als der Gletscher bei
Bischofszell vor etwa 15.000 Jahren
endlich den Weg nach Kradolf-Schönenberg freigab, frass sich die Thur
mit Unterstützung der Sitter schnell
durch den Felsriegel. Der Durchbruch
erfolgte so rasant, dass dabei die Talhänge bei Halden ins Rutschen gerieten. Westlich Kradolf-Schönenberg
öffnete sich dem kräftigen Thurfluss
eine breite Ebene, die von Weinfelden
an in den langgezogenen Thurtalsee
überging. Hier lebte die Thur richtig
auf. Zusammen mit der Murg, die bei
Frauenfeld ein schönes Delta bildete,
füllten sie den Thurtalsee allmählich
mit Kies und Sand auf. Während Jahrtausenden schwang sich die Thur in
eleganten, sich überschneidenden
Flussschlaufen (Mäander) nach Westen. Sie lagerte Geschiebe ab und überschwemmte die Auenwälder. Durch ein
weiteres Nadelöhr bei Andelfingen
schlängelnd mündete die Thur dann in
den Rhein.
Den Menschen drängte es immer
mehr in die fruchtbare Thurebene.
Obschon wiederkehrende Überschwemmungen existenzbedrohende
Ausmasse annahmen, wurde das Land
ackerbaulich bewirtschaftet. Die Überschwemmung im Jahr 1876 hat aber
dem windenden Lauf der Thur ein
jähes Ende bereitet. Sie wurde westlich
Kradolf-Schönenberg begradigt. Seit
über 100 Jahren fliesst die gezähmte
Thur in einem 50 m breiten Gerinne,
flankiert von zwei Hochwasserschutzdämmen. Diese hielten den Hochwasserfluten des Jahres 1978 nicht stand.
Die seit Mitte der 1990er Jahre begonnene, zweite Thurkorrektion erhöht
die Hochwassersicherheit und gibt der
Thur in aufgeweiteten Streckenabschnitten eine gewisse Freiheit zurück.
Durch Begleitmassnahmen werden der
Thurlauf und die Auenwälder zusätzlich ökologisch aufgewertet. Der
Kiesbank am Thurufer bei Halden.
Foto: A. Zaugg
Zustand wie ihn das Thurgauer Lied
beschreibt: „O Land, das der Thurstrom, sich windend durchfliesst, ...“
wird aber nie mehr erreicht werden.
Erfreulich ist die Einwanderung der
Biber aus dem Seebachtal in Altwasserläufe und Binnenkanäle beiderseits der
Thur.
Erhohlung an
der Thur.
Foto: R. Hasenfratz
sich die Samen ausbilden, wenn der
Bodensee wieder gesunken ist und die
kleinen Pflänzchen wieder auftauchen.
Die Strandschmiele hat sich hierfür
eine besonders raffinierte Überlebenstechnik ausgedacht – sie ist lebend
gebärend! Bereits an der Mutterpflanze
entwickeln sich die Samen so weit, dass
sie bei gesunkenem Wasserspiegel
sofort einwurzeln und wachsen können.
Nähern wir uns dagegen bei Wollmatingen dem Ufer, so schimmert kein
zartblauer Strand, sondern es erhebt
sich eine gelb-braune, im Wind
wogende Grasmauer. Die äussersten
Pflanzen wachsen noch im Wasser.
Danach zieht sich eine geschlossene
Schilffläche bis weit ins Land. Spitzige
„Neuemporkömmlinge“ spriessen aus
Wollmatinger Ried. Foto: J. Resch
Lebend gebärende Pflanzen,
Schneckeninseln und andere
Strandkuriositäten
(Me) Erstaunlich tief ist die offene Seefläche des Bodensees. Erst in Strandnähe steigt der Seegrund steil an. Die
Uferbank, auch Wysse genannt, der flache Randbereich des Sees, hebt sich insbesondere aus der Luft in einem deutlich helleren Farbton von den dunklen,
tiefen Bereichen ab. Daher auch der
merkwürdige Namen, der sich vom alemannischen Begriff für „weiss“ ableitet.
Im Bereich der Wysse ist das Wasser nur
Bodensee-Vergissmeinnicht. Foto: A. Megerle
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noch maximal 10 m tief, die Wassertemperaturen sind im Sommer spürbar
höher. Endlich ist das Ufer erreicht!
Kein Karibiksandstrand, sondern
eine Fläche aus Geröll, Sand und
Schlamm und je nach Jahreszeit sehr
unterschiedlich breit. Denn der Wasserstand des Bodensees schwankt so
deutlich, dass der Strand im zeitigen
Frühjahr zum Teil doppelt so breit ist
wie im Sommer. Ungünstig für die
Badetouristen, aber eine Herausforderung für eine einmalige Pflanzenwelt,
die es in dieser Artenkombination nur
am Bodensee gibt – die Strandschmielengesellschaft. Im Frühjahr schimmern einige Strandabschnitte in einem
zarten Blau. Kein Wasser, sondern ein
winziges Vergissmeinnicht, das ohne
Stängel direkt aus den Steinen emporzuwachsen scheint. Den Niedrigwasserstand im Frühjahr nutzt es, zusammen mit der Strandschmiele, zum Blühen. Ein Wettlauf mit der Zeit, denn
danach geht es im wahrsten Sinn des
Wortes unter. Erst im Herbst können
dem Schlamm, der Untergrund ist
sumpfig, kein Weg weit und breit. Dies
ist das Reich der Wasservögel, die hier
ungestört brüten können. Einen Einblick ins Schilfmeer gibt es später auf
speziell angelegten Bohlenwegen im
Naturschutzgebiet Wollmatinger Ried.
Hier zeigt sich, vor allem im Sommer
beim Wasserhöchststand, ein äusserst
ungewöhnliches Bild. Aus den grösstenteils vollständig überfluteten Riedbereichen ragen einzelne, kleine Inseln.
Die grösste unter ihnen, der so
genannte Diechselrain, trägt mehrere
hundert Quadratmeter trockenheitsliebende „Steppenheide-Vegetation“ und
die gelbblühenden Ginsterbüsche bilden einen eigenartigen Kontrast zu den
anbrandenden Wellen. Um diesem
Phänomen auf die Spur zu kommen,
müssen wir aber erst an einer anderen
Stelle an Land.
Hier hat es keine Schilffront, dafür
aber merkwürdige Steine, oder sind es
gar keine Steine? Genau betrachtet
sehen sie eigentlich wie überkrustete
Schnegglisand, Wollmatinger Ried. Foto: A. Hafen
Schneckenhäuser aus. Und so heissen
sie auch tatsächlich – Schnegglisande –
„kleine Schnecke“ auf alemannisch.
Millionen von Schneckenhäusern, von
kalkabscheidenden Algen in konzentrischen Schichten überkrustet, bilden hier
regelrechte „Sandbänke“. Am Ostrand
des Ermatinger Beckens sogar die über
1200 m lange und bis 300 m breite Insel
Langenrain. Eine absolute Besonderheit, eine von Pflanzen aufgebaute Kalkinsel, die in dieser Form aus keinem
anderen See bekannt ist und am ehesten
noch mit den Koralleninseln der tropischen Ozeane verglichen werden kann.
Und genau diese Schnegglisande sind
auch der Grund für die Trockeninseln
mitten im ansonsten feuchten Wollmatinger Ried. Bis zu zwei Meter können
sie sich über ihre Umgebung erheben,
und da sie sehr wasserdurchlässig sind,
haben sie den ökologischen Charakter
von Trockengebieten. Trockenheitsliebende Pflanzen wie Küchenschelle oder
gar Heidekraut finden so einen Lebensraum am Bodenseestrand.
Gelegentlich finden sich am Strand
noch andere merkwürdige Steine. Mit
ihrer zerfurchten Oberfläche erinnern
sie an die Struktur eines Gehirns und
werden daher „Hirnsteine“ genannt.
Auch hier waren Algen am Werk, die
diese Steine so bizarr geformt haben.
Dazwischen liegt ein Stein, der an die
Pfeilspitzen im archäologischen Museum erinnert. Sollten hier eventuell
schon die Steinzeitjäger auf schmackhafte Enten und Fische gepirscht
haben? In der Tat finden sich rings um
den See Überreste steinzeitlicher Siedlungen und Lagerplätze. Die meisten
sind für den Laien nicht zu sehen, liegen sie doch unter Wasser und müssen
von spezialisierten Unterwasser-Archäologen mit Tauchgeräten erforscht
werden. Über Wasser aber befindet sich
eines der schönsten Freilichtmuseen im
Bodenseeraum – das Pfahlbaumuseum
Unteruhldingen. Fünfzehn Pfahlbauhäuser von der Stein- bis zur Bronzezeit wurden hier so originalgetreu wie
möglich nachgebaut und eingerichtet,
weitere sind in Planung. Inzwischen
weiss man, dass die Pfahlbausiedlungen, die sich an vielen Voralpenseen
nachweisen lassen, nicht direkt im Wasser standen, sondern am Ufer. Aufgrund der grossen Wasserspiegelschwankungen, die bis zu 3 m betragen
können, wurden sie jedoch auf Pfählen
gebaut. Heute führt „Uhldi“, der Steinzeitmann, die Besucher mit speziellen
Aktionen zurück in die Steinzeit. Wer
es wohl schafft, mit Feuersteinen tatsächlich ein Feuer zu entzünden und
dann sein Steinzeitmenü zuzubereiten?
Norwegische Fjordlandschaft und
trockenfallender Seeboden
(Me) Unmittelbar westlich von Überlingen gab es vor einiger Zeit noch
grössere Probleme, überhaupt an Land
zu kommen. Wie in einem norwegischen Fjord stiegen die Molassefelsen
der Überlinger Steiluferlandschaft
unmittelbar aus dem See Dutzende von
Metern auf. Einsiedler hatten sich hier
in Höhlenwohnungen mit „Seeblick“
niedergelassen. Zahlreiche Sagen und
Legenden rankten sich um diese „Heidenlöcher“, die, heute unverständlich,
zugunsten einer Strassenbaumassnahme weggesprengt wurden.
Eine völlig andere Strandform findet
sich bei Eriskirch. Die Schussen und
die Rotach haben hier in den letzten
10.000 Jahren ein grosses Delta aus
Sand und Geröll in den Bodensee hineingeschüttet. Heute zeigt das Eriskir-
Im Wollmatinger Ried. Foto: J. Resch
cher Ried alle Elemente der Bodenseeuferlandschaft: Auwald, Streuwiesen,
Schilfgürtel und Flachwasserzonen. Im
Mai und Juni lockt ein Eiszeitrelikt die
Besucher von nah und fern ins Ried:
Zehntausende Sibirische Schwertlilien
verwandeln die Streuwiesen dann in ein
lila Blütenmeer.
Im Winterhalbjahr, solange grosse
Teile des Niederschlags in den Alpen als
Schnee gebunden sind, sinkt der Seespiegel deutlich ab, und weite Bereiche
der Flachwasserzone fallen trocken. Ein
Paradies für überwinternde oder rastende Wasservögel, von denen sich bis
zu 30.000 Exemplare im Eriskircher
Ried aufhalten. Wie im norddeutschen
Wattenmeer sieht es am Bodenseestrand im Februar aus. Ein unvergessliches Erlebnis ist ein Winterspaziergang
bei Langenargen über den trockengefallenen Seeboden, akustisch begleitet
von einem „Konzert“ der nordischen
Singschwäne, die im benachbarten
Naturschutzgebiet überwintern.
Steinzeitmann
„Uhldi“ im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen.
Foto: Pfahlbaumuseum Unteruhldingen
Wasser, Wasser überall …
Federseeried.
Foto: A. Megerle
28 | 29
(Me) Der Weg führt durch eine urwaldartige Pflanzenwelt. Der Boden ist
moorig und gibt unter den Füssen etwas
nach. Plötzlich scheint der ganze Wald
zu schwingen. Er bewegt sich auf dem
schwankenden Moorboden nach unserem Hüpfrhythmus. Wir stehen auf
einem Schwingrasen über freiem Wasser! Eine dicke Schicht von Moorpflanzen und Torf trägt uns und auch den
Wackelwald. Ganz in der Nähe beginnt
ein Holzbohlenweg, der uns durch ein
riesiges Schilfmeer führt. Die hohen
Halme nehmen uns jede Aussicht und
schliessen uns in einer Welt der Geräusche ein. Das sanfte Rauschen der
Wedel im Wind wird übertönt vom
gelegentlichen Kreischen einer Wasserralle. Endlich erreichen wir die
offene Wasserfläche des Federsees, auf
die wir uns mit dem Boot hinauswagen
können.
Eine ganz andere Bootsfahrt erwartet uns am landseitigen Ende des Holzbohlenweges. Ein schwankender Einbaum transportiert uns in die Steinzeit.
Im Aussenbereich des Federseemuseums hat ein Steinzeitdorf seine Pforten geöffnet. Schon damals lebten die
Menschen gerne an Seen, die meist klimatisch begünstigt waren und durch
den Fischfang eine gute Nahrungs-
grundlage boten. Heute können sich
die Besucher hier Tausende von Jahren
zurückversetzen lassen und im
„Museum zum Anfassen“ dem Leben
unserer Vorfahren nachspüren.
Wasser dominiert den gesamten
Bodenseeraum. Aus der Vogelperspektive erscheint diese Landschaft wie ein
mit Tausenden von grösseren und kleineren Wassertropfen übersäter Teppich. Von grossen Wasserflächen wie
dem Bodensee oder dem Zürichsee bis
hin zu Minigewässern, die nur wenige
Quadratmeter Wasserfläche aufweisen.
Allein in Oberschwaben finden sich
noch heute rund 2000 Seen.
„Schuld“ an diesem Wasserreichtum
war zuerst einmal die letzte Eiszeit. Wie
ein Bulldozer schürfte der Gletscher
tiefe Mulden aus, die sich nach dem
Rückzug der Eismassen mit Wasser füllten. An anderen Stellen stauten die vom
Gletscher zurückgelassenen Moränenzüge die abfliessenden Wassermengen.
Einzelne Eisblöcke, beim Gletscherrückzug „verloren“, tauten im Laufe der
Zeit ab und hinterliessen Toteislöcher,
die sich ebenfalls mit Wasser füllten und
zu kleinen und kleinsten Seen wurden.
Unser Spaziergang am Federsee zeigt
uns allerdings auch, dass die eiszeitliche
Seenlandschaft eine vergängliche
Schönheit ist. Das Einschwemmen von
Geröllen und Schwebstoffen führt allmählich zur Verlandung dieser Stillgewässer. Am Ende der letzten Eiszeit war
der Federsee 30mal grösser als heute
und bildete sogar ein 10 m hohes Brandungskliff im Osten. Ausgedehnte
Schilfflächen umgeben heute die immer
kleiner werdenden offenen Wasserflächen. Irgendwann „erblindet“ der See.
Ein Moor hat sich gebildet. Der
schwankende Moorboden lässt Phänomene wie den Wackelwald entstehen.
Selbst der Bodensee ist vor Verlandung
nicht geschützt. Noch in der Römerzeit
war das Delta der Bregenzer Ach mehr
als einen Kilometer weiter im Landesinneren. Geht es so weiter, wird es in
einigen zehntausend Jahren kein
Schwäbisches Meer mehr geben.
Inzwischen hatte jedoch der Mensch
eingegriffen. Im Mittelalter begann die
zweite Epoche der „Seen“-Entstehung.
Trotz der vielen Eiszeitseen wurden
zahlreiche Stillgewässer vom Menschen künstlich angelegt: Mühlweiher,
um einen gleichmässigen Antrieb von
Mühlen und Sägen zu gewährleisten,
Röstweiher zur Weiterverarbeitung der
Flachsernte und Fischweiher für die
Klöster, um die langen fleischlosen
Fastenperioden zu überstehen. Noch
heute werden die Metallschieber, die
den Wasserabfluss der künstlichen
Gewässer regulieren, deshalb „Mönch“
Steinzeit erleben am Federsee. Foto: A. Megerle
genannt. Um Schädlinge zu vernichten
oder landwirtschaftliche Nutzflächen
zu gewinnen, wurden die Weiher regelmässig abgelassen. Viele sind inzwischen für immer verschwunden. In jüngerer Zeit aber entstanden nochmals
neue Gewässer durch den Abbau der
Kies- und kleinräumig der Torfvorkommen.
Heute sind viele Stillgewässer, ob
natürlicher See oder künstlicher Weiher, Paradiese für die heimische Tierund Pflanzenwelt: quakende Frösche
erreichen im Frühsommer beachtliche
Lärmwerte, Libellen segeln als Juwelen
der Lüfte vorbei und äusserst seltene
Pflanzen konnten hier teilweise seit der
Eiszeit überdauern. Viele dieser Stillgewässer stehen unter Naturschutz,
andere sind zu Paradiesen für Badegäste geworden. Wo sonst kann man sich
Laubfrosch in einem
Bodenseeried.
Foto: A. Megerle
auf dem Rücken im kühlen Nass treiben lassen, den Ausblick auf die Alpenkette geniessen und vielleicht sogar
einer kleinen Ringelnatter in die Augen
schauen, während Schwimmpflanzen
an den Füssen entlang streifen.
Von blinden Augen,
Fleisch fressenden Pflanzen
und bodenlosen Untiefen
(Me) Ein undurchdringlicher Bergkiefernwald erschwert das Vorwärtskommen. Die Füsse drohen selbst auf dem
Weg im Morast zu versinken. Nebelschwaden lassen diese ohnehin schon
merkwürdige Landschaft so unheimlich erscheinen, dass jederzeit auch
Schrättle und Irrlichter auftauchen
könnten. Wir stehen in den letzten
Wildnisresten der Bodenseelandschaft,
den Mooren und Rieden.
Zu verdanken haben wir diese ungewöhnlichen Lebensräume dem Wirken
der letzten Eiszeit. Der Gletscher
schürfte tiefe Mulden aus und liess
Moränenwälle als „Staudämme“ in der
Landschaft zurück. Mit der sogenannten Gletschermilch, einem trüben
Schmelzwasserausfluss, gelangten feinste Tone in die Mulden und dichteten
diese ab. Zahllose Feuchtgebiete bildeten sich. Flüsse trugen Schwemmmaterial in die Seen, Pflanzen siedelten sich
an, starben ab und sanken auf den Seegrund. Im Lauf der Zeit füllte sich der
See immer mehr. Schliesslich wuchs
auch das letzte Wasserauge zu, der See
erblindete. Phänomene wie der Wackelwald am Federsee entstanden. Die
Pflanzenreste bildeten dicke Torfpakete. Darüber wuchsen Moose, die das
Regenwasser wie Schwämme speichern
können, ein Moor war entstanden.
Nicht nur eines, sondern Tausende,
allein im oberschwäbischen Hinterland
weit über 2000.
Und dies ist eigentlich nur ein kümmerlicher Rest, denn früher war der
halbe Bodenseeraum ein Moor- und
Sumpfgebiet. Allerdings nur solange,
bis der Mensch Techniken entwickelt
hatte, den Mooren ihr sorgsam gespeichertes Wasser zu entziehen, um neue
landwirtschaftliche Nutzflächen zu
gewinnen. Andere Moore wurden
regelrecht abgebaut, um den Torf zu
gewinnen, der als Heizmaterial, als
Dünger und Einstreu und vor allem in
diesem Jahrhundert zu gesundheitlichen Zwecken als Badetorf genutzt
Birkenwald im
Ruhestetter Ried.
Foto: A. Megerle
wurde. Viele Moore verschwanden so
vollständig. Von anderen, wie dem
Pfrunger Ried, blieben von 2.600 ha
Moorfläche gerade noch 10 ha erhalten. Heute versucht ein Naturschutz-
Moorlehrpfad im
Pfrunger Ried.
Foto: A. Megerle
zentrum mit anschliessendem Moorlehrpfad die Besucher hier für den
Schutz der Moore zu sensibilisieren.
Denn Moore sind einmalige Lebensräume für hochspezialisierte Tier- und
Pflanzenarten. Nicht jede schafft es,
Sonnentau wartet auf Beute. Foto: A. Megerle
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mit ständig nassen Füssen oder einer
äusserst unzureichenden Nährstoffzufuhr zu überleben. Manche Pflanzen
haben zu Hilfsmitteln gegriffen, die
sonst nur aus dem Tierreich bekannt
sind – sie sind zu „Fleischfressern“
geworden! Am bekanntesten sind die
Sonnentau-Arten. Wunderschön sehen
sie aus der Fliegenperspektive aus mit
ihren glänzenden Kügelchen, die an
Tau- oder Nektartropfen erinnern.
Aber jedes Einzelne ist ein zäher
Schleimtropfen, der für die Fliege zur
tödlichen Falle werden kann. Der Sonnentau saugt sein Opfer aus und verschafft sich so die Nährstoffe, die ihm
das Moor nicht in ausreichender
Menge bieten kann.
Moore als Arche Noah für die
Zukunft? Sicher, denn sie bieten vielen
Tieren Lebensräume, die auf der Roten
Liste der gefährdeten Arten geführt
werden und sonst nirgends mehr anzutreffen sind, z.B. dem HochmoorGelbling, einer Schmetterlingsart, oder
der Hochmoor-Mosaikjungfer.
Hautnah erleben kann man das
grösste, im Kerngebiet noch intakte
Hochmoor Mitteleuropas (1.812 ha
Fläche) in Bad Wurzach. Eine Ausstellung mit Gletschermodell, Video
und Vogelstimmen nimmt den Besucher virtuell mit ins Moor. Danach
geht’s mit wetterfester Kleidung hinaus in die Urlandschaft. Dort soll einst
eine verfluchte Stadt untergegangen
sein, und noch heute färbt sich das
Moorwasser durch die Tränen der versunkenen Einwohner rot.
Moore und Sümpfe sind nicht nur
die letzten Wildnisreste, sondern auch
ein einmaliges Archiv der Landschaftsund Siedlungsgeschichte. Im Torf unter
Luftabschluss eingeschlossene Pflanzenreste, wie z.B. Pollen und Samen,
blieben nahezu unverändert bis zum
heutigen Tage erhalten. Durch die Pollenanalyse lässt sich die Entwicklung
der Vegetationsgeschichte von der Zeit
des Gletscherrückzugs bis heute dokumentieren. Aber nicht nur Pollen haben
sich im „Geschichtsbuch“ Moor erhalten, sondern auch Reste von Tieren
und Spuren unserer Vorfahren, wie
Geräte, Waffen und sogar Abfallhaufen
mit Speiseresten. Ein einmaliges
„Dokumentationszentrum“ unserer
Ur- und Vorgeschichte ist das Federseemoor, in dessen Schichten Spuren
der Rentierjäger im Eiszeitalter bis hin
zu Opfergaben aus der Keltenzeit
gefunden wurden. In Norddeutschland
konnten sogar vollständig erhaltene
Moorleichen mit Bekleidung geborgen
werden.
Auch heute noch umgibt die verbliebenen Moore ein geheimnisvoller Zauber. Denn immer noch sind sie wild
und ungezähmt und stellenweise fast
bodenlos tief.
Geheimnisvolle Kristallhöhle
Kobelwald
(AZ) Es wird emsig diskutiert, geschubst, gestossen, gekichert und
gelacht. Die Schulklasse wartet gespannt
auf die Besichtigung der geheimnisvollen Kristallhöhle Kobelwald. Endlich
begleitet uns die Höhlenwärterin unter
sachkundigen Erläuterungen in den
angenehm kühlen, felsigen Untergrund.
Die hallenden Stimmen der fröhlichen
Kinderschar überdecken das leise Rauschen des Höhlenbachs. Das warme
Kalzitkristallfeld, Kristallhöhle Kobelwald.
Foto: Verkehrsverein Kobelwald, Oberriet
Licht der Höhlenbeleuchtung spiegelt
sich an den ersten, ebenflächig begrenzten Kristallgebilden eines grossen Feldes aus Kalzitkristallen. Weniger häufig
sind Tropfsteine, die, wenn vorhanden,
bei entsprechender Beleuchtung und
Schattenspiel manch fabelhaftes Wesen
zum Leben erwecken. Kohlensäurehaltiges Sickerwasser hat entlang von Rissen und Spalten während Jahrtausenden
den Kalk aus dem Fels herausgelöst und
so die 625 m lange Höhle geschaffen.
Der Höhlenbach wurde gestaut und im
vorderen Höhlenteil begann der im
Wasser gelöste Kalk an den Kalkwänden
in Form von Kalzit auszukristallisieren.
Gelblicher Höhlenlehm und Sand deckten die Kalzitkristalle zu und haben sie
vor späterer Zerstörung geschützt.
Das Wildkirchli, Jagdsitz des
Altsteinzeitmenschen
(AZ) Zielstrebig eilt das fellbekleidete,
gebeugte Wesen der schützenden Felshöhle entgegen. Düstere Gewitterwolken nähern sich rasend schnell und tür-
Von Kristallen, Altsteinzeitmenschen,
Höhlenbären und einem Schneckenloch
men sich bedrohlich an der Frontkette
des Alpsteingebirges. Doch ein aus der
finsteren Höhle aufsteigender, in der
Nase leicht beissender Geruch, lässt
die hetzende Gestalt unverzüglich
innehalten. Für unseren Altsteinzeitjäger wäre eine Begegnung mit dem
Höhlenbären unter diesen Umständen
tödlich. Diese Szene hätte sich ohne
weiteres vor rund 30 – 40.000 Jahren
auf der Ebenalp beim Wildkirchli
abspielen können. Funde von primitiv
behauenen Steingeräten aus den Höhlenablagerungen dieser Karsthöhle
zeugen von der zeitweisen Behausung
des Wildkirchlis durch den Menschen.
Im Sommer stiegen die Altsteinzeitmenschen zur Jagd bis in die felsigen
Regionen des Alpsteins hinauf. In älteren Höhlenablagerungen des Wildkirchlis fehlen menschliche Spuren,
aber man fand neben Höhlenbärenknochen auch Überreste von Höhlenlöwen, Höhlenpanthern und Höhlenhyänen. Die Steinwerkzeug führende
Schicht wird oben von einer moränenartigen Lage bedeckt, die dem Höhepunkt der Würmeiszeit vor 20.000 Jahren zuzuschreiben ist, als die Front des
Rheingletschers bis weit nach Oberschwaben und Schaffhausen reichte.
Schneckenloch
(GF) Es ist ein eigenartiges Gefühl,
hundert Meter Fels über sich zu wissen.
Das Schneckenloch erlaubt einen Blick
ins Innere der Berge. Im Bregenzerwald liegt Vorarlbergs längste Höhle.
Ein fast dreieckiges Portal öffnet sich
in der Felswand. Kühl dringt die Luft
aus dem Berg. Knapp 7º C beträgt die
Temperatur in der Höhle. Eine lange
Halle leitet ins Innere. Ihr Ende bildet
eine Art Trichter, der an einer Wand
endet. Mit Leitern ist sie leicht zu
erklettern. Später teilt sich die Höhle.
Fast 950 m führt der Hauptgang in die
Unterwelt. Wie ist die Höhle entstanden? Wechselnde Lagen von Kalkstein
und Mergel sind daran schuld. Der
Kalkstein ist hart und spröde, wurde
gezerrt und zerbrochen. Viele der Spalten sind längst mit Kalkspat verheilt.
Doch andere stehen dem Wasser offen.
Es löst den Kalk und weitet die Spalten. Doch darunter wird es an undurchlässigem Mergel gestaut. An Felswänden tritt es an der Gesteinsgrenze
zutage. Tropfsteine wird man im
Schneckenloch vergeblich suchen. Zu
schnell sickert das Wasser und hat keine
Zeit, seine Kalkfracht abzuladen.
Rekonstruierter
Höhlenbär aus dem
Wildkirchli.
Foto: U. Oberli
Sicht auf das Wildkirchli heute.
Foto: E. Grubenmann
Wo geheimnisvolle
Quellnymphen tanzen
Weiher der Kundelfinger Hauptquelle.
Foto: H. Spiess,
Schlatt
(Me) Staunend stehen die Steinzeitmenschen an einer kreisrunden Wasserfläche, die keinen erkennbaren
Zufluss, aber einen beeindruckenden
Abfluss hat. Wie in einem brodelnden
Kochtopf scheint das Wasser aus unergründlichen Tiefen emporzuquellen,
erreicht den Rand des tiefblauen „Topfes“ und fliesst über. Nur mit übernatürlichen Kräften konnte ein solches
Phänomen in Verbindung stehen.
Genauso wie die geheimnisvollen Öffnungen an Talhängen, aus denen selbst
im Winter frisches klares Trinkwasser
herausströmt.
Bis in die jüngste Zeit waren Quellen,
die Austrittsorte lebensspendenden
Wassers, der Schauplatz zahlreicher
Sagen und Märchen. Der vorsichtige
Beobachter konnte angeblich nachts
Nymphen tanzen sehen, aber auch in
die unergründlichen Tiefen hinabgezogen werden.
Aber irgendwann wurde die übernatürliche Herkunft des Quellwassers in
Frage gestellt. Des Rätsels Lösung war
32 | 33
gar nicht so schwierig: Regenwasser
fällt auf die Erdoberfläche, sickert
durch Gesteinsspalten und fliesst als
Grundwasser so lange durch wasserdurchlässige Gesteinsschichten, bis es
auf wasserstauende Schichten trifft. Auf
diesen fliesst es bis zu einem Geländeanschnitt und tritt dort wieder zu Tage.
An Steilhängen stürzt es fast wasserfallartig aus dem Gestein und bildet
eine Sturzquelle. Ist eine entsprechende Gesteinsschicht (Quellhorizont) angeschnitten, so treten die Quellen regelrecht in Reih und Glied aus.
Stösst die wasserstauende Schicht nicht
an einen steilen Hang, so sickert das
Quellwasser eher unspektakulär aus
Spalten im Gestein. Häufig staut es sich
und bildet dicht bewachsene Quellsümpfe. Diese Sickerquellen besitzen
auf den ersten Blick wenig der geheimnisvollen Aura der anderen Quelltypen.
Komplizierter war die Erforschung
der Tümpelquellen und Quelltöpfe.
Die immensen Wassermengen, die
z.B. den Aachtopf verlassen (über
24.000 Liter pro Sekunde bei Hochwasser), konnten beim besten Willen
nicht nur aus Regenfällen stammen,
auch wenn das Einzugsgebiet dieser
Karstquelle rund 280 qkm umfasst! Erst
aufwändige Färbeversuche brachten
einen erstaunlichen Nachweis: rund
zwei Drittel der Quellschüttung besteht
aus Donauwasser! Damit war endlich
auch das Rätsel der „Donauversinkung“
geklärt. Ohne Vorwarnung scheint sich
bei Immendingen ein ganzer Fluss in
Luft aufzulösen – trockenen Fusses kann
man an 150 Tagen im Jahr im DonauFlussbett spazieren gehen. In Wirklichkeit versickert das Wasser in die ausgedehnten Hohlräume der vom Wasser
teilweise aufgelösten Weissjura-Kalkgesteine und tritt nach einigen Tagen in
der grössten Karstquelle Deutschlands
wieder zu Tage. Über die Aach fliesst so
Donauwasser in den Bodensee. Auf
Kosten des Schwarzen Meeres gewinnt
die Nordsee durch diese unterirdische
Umgehung der Wasserscheide zwischen Donau und Rhein immer mehr
Wasser. In gewagten Tauchexpeditionen wird heute der grossen Unterwasserhöhle, die sich unter dem Aachtopf
verbirgt, nachgespürt.
Wo aus Wasser Steine werden
(Me) Sofern sie nicht zur Trinkwasserversorgung gefasst wurden, sind Quellen Lebensräume für hochspezialisierte
Tier- und Pflanzenarten. Nur im
gleichmässig kühlen Quellwasser konnten sich Eiszeitrelikte wie die Quellschnecke bis zum heutigen Tage halten.
Eine geologisch-biologische Rarität
stellen die Kalkquellen mit harten
Quellsintern dar. Im Quellwasser gelöster Kalk fällt aus, umkrustet Moose und
andere Pflanzen und bildet so einen früher sehr begehrten Baustein, den Travertin Kalktuff. Aus Wasser werden
Steine! Fossilien entstehen vor unseren
Augen, wenn Blätter und Ästchen von
Kalk überkrustet werden. Und strenggenommen ist der ganze Kalktuff eine
zum Teil wunderschöne Fossiliensammlung. Solche Kalkquellen, die genauso
wie andere nicht gefasste Quellen noch
einen kleinen Rest Urlandschaft darstellen, sind heute streng geschützt.
Früher wurden Quellen in erster Linie
wegen der Versorgung mit dem lebensnotwendigen Trinkwasser geschützt.
Brunnenvergifter wurden mit drakonischen Strafen belegt, denn bereits eine
einzige tote Maus in der Quellstube
konnte tausende von Litern Wasser
ungeniessbar machen.
Wasser als Symbol des Lebens führte
auch zu einer Verehrung der Quellen.
Moostuffpolster in einer Kalkquelle.
Foto: A. Megerle
Sinterbaldachin.
Foto: Archiv Vorarlberger Naturschau
Quellkulte sind aus zahlreichen Religionen und Epochen bekannt. Keltische Heiligtümer fanden sich oft an
Quellen, und diese Standorte wurden
für die christlichen Kirchen gerne
übernommen – der Kölner Dom wurde
angeblich über 70 Quellen erbaut.
Quellen, ihren spezialisierten Bewohnern, ihren Nutzungen sowie den
Sagen und Märchen nachspüren kann
man auf den neu angelegten Quellenerlebnispfaden rund um Stockach. Vielleicht zeigt sich ja eine der geheimnisvollen Quellnymphen. Ein besonderes
Erlebnis ist auch eine „Wasserprobe“,
denn abhängig vom durchflossenen
Gestein, schmeckt jedes Wasser ein
wenig anders.
Quelltuffhang Lingenau
(GF) Eigentlich wollten wir nur die
barocke St. Anna-Kapelle besuchen.
Doch dann fällt unser Blick auf die Tafel
„Zum geologischen Lehrpfad“. Neugierig folgen wir dem Weg. Auffallend
eben ist das Gelände um Lingenau, eine
Schotterterrasse der Eiszeit. Dann
gehen wir einen kleinen Einschnitt hinunter. Um eine Felsnase herum, und
vor uns liegt ein gelbweisser Hang, der
– von Wasser überflossen – in der
Sonne glitzert. Wo kommt das Wasser
her? Durch die Eiszeitschotter sickert
es mühelos hindurch, löst Kalkgerölle
an und nimmt Mineralstoffe mit. Dann
trifft es auf stauenden Sandstein und
Konglomerat. Dieser Grenze fliesst es
entlang. Wo sich ein Tal eingeschnitten
hat, tritt es wieder zutage. 40 Meter
unter uns tost die Subersach. Zu diesem Bach stürzt das Quellwasser hinunter. Kohlensäure entweicht in die
Luft und der mitgebrachte Kalk muss
kristallisieren. Der Holzsteig führt uns
näher heran, und wir erkennen: Der
weisse Hang besteht aus Pflanzen und
Blättern, die von einer dünnen Kalkschicht überzogen sind. Algen und
Moose entziehen dem Wasser das Kohlendioxid – und sind selbst nach kurzer
Zeit überkrustet. Sogar auf den Pfählen
des Pfades entdecken wir schon eine
dünne Kalkhaut. Der Stein ist leicht
und porös, er lässt sich gut bearbeiten.
So schliesst sich bei der Kapelle der
Kreis: etwa 250 m3 Kalktuff wurden zu
ihrem Bau verwendet.
„… Forellen aus sprudelnden Quellen“,
die Kundelfinger Quellen
(AZ) Die aus drei Quellen bestehende
Kundelfinger Quelle ist die grösste des
Kantons Thurgau und zudem die bedeutendste Schotterquelle der Nordostschweiz. Sie befindet sich zwischen
Diessenhofen und Schaffhausen. Die
Quellen gingen schon früh in den Besitz
der Klöster Paradies und St. Katharinental über. Bei der Kundelfinger
Hauptquelle stossen aus dem Untergrund mehrere tausend Minutenliter
Grundwasser in einen runden Weiher
auf. Das Quellwasser stammt aus dem
grundwasserführenden Buechbergschotter, der ein Einzugsgebiet von über
20 Quadratkilometern aufweist. Die
Kundelfinger Quelle entwässert somit
ein bedeutendes, kiesiges Grundwasservorkommen. Im Gegensatz zu Karstquellen reagiert die Kundelfinger
Quelle viel ausgeglichener und um
Monate verspätet auf starke Niederschläge. Das über eine moosbewachsene
Kaskade fliessende Quellwasser versorgt
mehrere Fischweiher mit dem kühlen
Nass. Die „Kundelfinger Räucherforellen“ und das täglich frisch gebackene
Holzofenbrot machen den Besuch der
Kundelfinger Quellen zu einem unvergesslichen, genussvollen Erlebnis.
Landschaft:
ein Buch mit sieben Siegeln?
– Ein fiktives Interview
(Me) Der Fernsehsender „GeoBlick“
hatte für ein Wettspiel einen Kandidaten, M, in einer Landschaft ausgesetzt, die dieser nie zuvor gesehen
hatte und wohin er mit verbundenen
Augen gebracht wurde. Nachdem ihm
die Augenbinde abgenommen wurde,
hatte M nur wenige Stunden Zeit herauszufinden, in welcher Landschaft er
sich befand. Menschen anzusprechen
oder Siedlungen zu betreten war ihm
verboten. Zu früh freute der Fernsehsender sich über die gewonnene Wette.
Denn M wusste die richtige Antwort:
er war am Bodensee.
Lesen Sie unser Exklusiv-Interview unseres Reporters R mit dem glücklichen Gewinner M:
R: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem
Wettgewinn!
M: Danke.
R: Wie kamen Sie denn auf die richtige
Lösung?
M: Es war gar nicht so schwierig. Als
erstes habe ich mir einen Überblick über die Landschaft verschafft. Sie ist, wie man so sagt,
äusserst unruhig. Im Norden zieht
sich eine geschwungene Hügelkette entlang, die durchgängig
bewaldet ist. In der Nähe liegen
Dutzende fischrückenförmiger
Hügel wie in einem Schwarm beieinander.
R: Fischrücken?
M: Ja, Fischrücken. Mit einer relativ
steilen Seite und einer deutlich flacheren. Eindeutig Drumlins ...
R: Aber es gibt doch viele Gebiete auf
der Welt, die einmal vergletschert
waren.
R: Drumlins?
M: Richtig. Aber die Pflanzenwelt
spricht eine deutliche Sprache.
Zum einen stiess ich nur auf Wälder, die im mittleren Europa vorkommen, vor allem einige Buchenwaldtypen. Dass wir immer
noch ein wenig vom atlantischen
Klima beeinflusst sind, zeigten
die vereinzelten Stechpalmen an.
Allerdings gibt es auch Pflanzen,
die ihren Verbreitungsschwerpunkt im Gebirge haben.
M: So werden diese von Gletschern
geformten Schuttmassen genannt.
Diese ganzen Oberflächenformen
zusammen liessen nur einen einzigen Schluss zu: Ich war in einem
eiszeitlich geformten Gebiet. Um
sicher zu gehen, brauchte ich einen
Aufschluss, an welchem die Gesteine zu sehen waren. Tatsächlich:
Die Hügelkette war aus den unterschiedlichsten Materialien aufgebaut. Grüne und rote, helle und
34 | 35
dunkle Gesteinsbrocken lagen
wild durcheinander. Einige der
grösseren Brocken zeigten auch
noch deutliche Kratzspuren. Somit war klar: diese Hügelkette war
eine Endmoräne, also Gesteinsmaterial, das der Gletscher aus
unterschiedlichsten Herkunftsgebieten zusammengeschoben hatte.
Da die Endmoräne am weitesten
im Norden lag, die sonstigen Eiszeitformen südlich davon, musste
der Gletscher aus dem Süden
gekommen sein. Das wurde auch
durch die Anordnung der Drumlins bestätigt. Ihre Steilseiten
waren alle nach Süden hin orientiert. Die Himmelsrichtungen zu
bestimmen, war anhand des Sonnenstandes nun wirklich ein Kinderspiel.
R: Können Sie uns Beispiele nennen?
M: Ja, das Alpenfettkraut. Oder die
Enziane in diesem Moor vor uns.
Sie wachsen aber nur an wenigen
Stellen.
R: So, dass Sie wussten, im Gebirge können Sie nicht sein.
M: Richtig. Aber in der Nähe. Und
dann gab es auch noch Pflanzen,
die ich eigentlich in wärmeren
Gefilden vermutet hätte, wie die
Schmerwurz oder die Pimpernuss.
R: Ist das nicht ein Widerspruch?
Gebirgspflanzen und wärmeliebende
Pflanzen nebeneinander?
M: Nicht unbedingt. Denn die Pflanzen wachsen in verschiedenen
Lebensräumen. Und mir war klar:
Gletscher von Süden, Buchenwälder, einige wärmeliebende, einige
Gebirgspflanzen; bei dieser Kombination kommt nur das Alpenvorland in Frage.
R: Und warum Bodensee?
M: Das wiederum sagten mir die
Steine und Mineralien, die ich in
einem anderen Aufschluss fand:
Klingstein und gelber Natrolith.
Die gibt es im Alpenvorland nur
am Bodensee.
R: Wir sind beeindruckt, was Sie aus
einer Landschaft herauslesen können.
Herzlichen Dank für dieses Gespräch.
Der Trinkwasserstollen von Bernrain
(AZ) Es war die Zeit der Bildung von
öffentlichen Wasserversorgungen. Die
aufstrebende, rasch wachsende Gemeinde Kreuzlingen suchte im Jahr
1892 intensiv nach genügend frischem
Trinkwasser. Der Schweizer Geologe
Albert Heim riet den Kreuzlingern u.a.
Quellwasser in einem Felsstollen zu
fassen. Man begann sogleich oberhalb
Kreuzlingen bei Bernrain mit dem
Stollenbau. Im Jahr 1893 hatte man
bereits einen mannshohen, rund 1.000
m langen Stollen aus dem Fels der Oberen Süsswassermolasse gehauen. Es
wurden mehrere grundwasserführende
Sandsteinschichten angeschnitten, die
anfänglich über 200 Liter/Minute
Quellwasser lieferten. Der Ertrag
Trinkwassergewinnung
früher und heute
nahm aber stetig ab. Im Jahr 1897 flossen gerade noch 12 Liter/Minute aus
dem kilometerlangen Stollen. Bereits
im Jahr 1894, als sich der Minderertrag
der Stollenquelle abzuzeichnen begann, planten die Kreuzlinger ein Seewasserwerk. Dieses versorgt seither die
Stadt Kreuzlingen und benachbarte
Gemeinden mit zu Trinkwasser aufbereitetem Bodenseewasser.
Die Bodensee-Wasserversorgung –
Trinkwasser für über 3 Millionen
Menschen
(Me) Das Wasser wird im Überlinger
See aus einer Tiefe von 60 m entnommen und zur Aufbereitungsanlage auf
den 310 m höher gelegenen Sipplinger
Berg gepumpt. Hier wird das Bodenseewasser zu Trinkwasser aufbereitet.
Über ein Leitungsnetz von nahezu
1700 km Länge wird das kühle Nass bis
an die nördliche Landesgrenze (in den
Odenwald und nach Bad Mergentheim)
transportiert. In Baden-Württemberg
gibt es ausgedehnte Wassermangelräume (Karstlandschaft der Schwäbischen Alb und die Keupergebiete mit
ihren oft wenig ergiebigen Wasservorkommen). Deshalb hängt auch fast der
gesamte mittlere Neckarraum sozusagen am Tropf Bodensee. Umso mehr
ist der Gewässerschutz für einen der
größten Trinkwasserspeicher Europas
von höchster Bedeutung.
Grundwasserpumpwerk Warthau. Bild: Städt.
Werke Schaffhausen und Neuhausen am Rheinfall
Der tiefste Grundwasserbrunnen
der Schweiz
(AZ) Der Horizontalfilterbrunnen der
Stadt Schaffhausen (Grundwasserpumpwerk Warthau) ist 70 m tief und
gilt als tiefster Grundwasserbrunnen
seiner Art in der Schweiz. Im nördlichsten Kanton der Schweiz liegen die
grundwasserführenden Kiesschichten
aus geologischen Gründen in grosser
Tiefe. Deshalb ist die Grundwassergewinnung aufwändig. Im Mai 1996
wurde mit dem Bau des aussen 5,5 m
messenden, zylinderförmigen Senkschachtes aus Beton begonnen. Nach
einer schwierigen Bauphase wurden
mit hydraulischen Pressen und anstrengender Handarbeit in über 60 m Tiefe
fünfzehn bis 30 m lange Horizontalfilterstränge aus geschlitzten Edelstahlrohren in den grundwasserführenden,
harten Kies des Rinnenschotters getrieben. Im September 1998 war der
Grundwasserbrunnen im Rohbau
erstellt und konnte im Jahr 2000 feierlich in Betrieb genommen werden. Mit
drei Grundwasserpumpen vermag der
Horizontalfilterbrunnen von Schaffhausen pro Tag über 30.000 Kubikmeter Trinkwasser zu fördern. Einzig das
im Buechthaler Wald östlich Schaffhausen gelegene Pumpenhaus verrät
noch etwas über die „tiefschürfenden“
und anstrengenden Arbeiten im 70 m
tiefen Horizontalfilterbrunnen.
Versteinerte Baumblätter von Bernrain:
Als Trost für die ergebnislose Suche
nach Quellwasser gelten die einzigartigen Pflanzenfunde aus dem Wasserstollen Bernrain. In einer Mergelschicht der Oberen Süsswassermolasse (15 Millionen Jahre alt)
konnten über 67 Pflanzenarten
nachgewiesen werden. Neben Farnen, Rohrkolben und Blättern von
Palme, Ahorn, Pappel, Lorbeer,
Eiche u.a.m. wurden Edelkastanienblätter gefunden.
Bodensee-Wasserversorgung.
Foto: Zweckverband
Bodensee-Wasserversorgung
Erklärungen
Archäologische
Sehenswürdigkeiten
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Petersfels, Gnirshöhle und Drexlerloch
Schussenquelle
Neuburg
Schellenberg
Wildkirchli
Seebachtal (Römischer Gutshof)
Kesslerloch
Schweizersbild
Erlebnis-/Lehrpfade
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Flusserlebnispfad Hegauer Aach
Vulkanpfad Hohentwiel
Quellenerlebnispfade Stockach
Geologischer Lehrpfad bei Sipplingen
Moorlehrpfad Pfrunger Ried
Archäologischer Moorlehrpfad Federsee
Geologischer Lehrpfad Gebhardsberg
Quellsinter Lingenau
Geologischer Lehrpfad Bürser Schlucht
Geologischer Wanderweg im Alpstein
Geotop Kellen, Tübach
Findlingsgarten Umfahrung Arbon
Geoweg Schänis – Weesen – Amden
Findlingsgarten Schwaderloh
Geologische
Sehenswürdigkeiten
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Schiener Berg
Öhningen
Hohentwiel
Hohenstoffeln
Hohenhewen
Höwenegg
Donauversinkung
Aachquelle
Mindelsee
Marienschlucht
Kurfirsten bei Sipplingen
Hödinger Tobel
Molassehöhlen bei Überlingen
Gletschermühle
Pfrunger Ried
Gehrenberg
Raderacher Drumlinfeld
Eriskircher Ried
Schmalegger Tobel
Federsee
Wurzacher Ried
Haidgauer Quelltöpfe
Eistobel
Schwarzer Grat
Grösster Findling Deutschlands
Pfänder
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Molasseaufbruch Sandplatte
Fossiler Strand im Schwarzachtobel
Schneckenloch
Rappenloch - Staufensee - Alploch
Schaufelschlucht
Laternsertal / Frutzschlucht
Gletschertopf Göfis
Strandlinie Götzis
Steinbruch Kadel
Felssturz Spiegelstein
Alte Rheinschlaufe, Diepoldsau
Kristallhöhle Kobelwald
Hirschensprung, Rüthi
Bergsturz Salez – Sennwald
Drei Schwestern
Bergsturz Triesenberg
Saxer Lücke
Wildhuser Schafberg
Säntis
Kronberg
Hügelzug „Seelaffen“, Staad
Malmkalktrümmer, nördlich Bernhardzell
„Appenzellergranit“, Schachen
Vulkanischer Glasstuff und Bentonithorizont, Bischofszell
Grosser Stein, Kreuzlingen
Erdölbohrung Kreuzlingen 1
Toggenburg
Hörnli
Trockental Rickenbach – Dussnang –
Turbental
Grauer Stein, Ermatingen
Findling bei Schifflände Steckborn
Werdlistein
Thurgauisches Seebachtal
HEVA Kiesgrube, Diessenhofen
Kundelfinger Quelle
Rheinfall
Grundwasserpumpwerk Warthau
Seepumpwerk Sipplingen
Museen
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Engen Heimatmuseum
Hegau-Museum Singen
Stadtmuseum Radolfzell
Hörimuseum Gaienhofen
Heimatmuseum „Fischerhaus“
Museum Bodman
Heimatmuseum Allensbach
Museum Reichenau
Pfahlbaumuseum Unteruhldingen
Archäologisches Landesmuseum BadenWürttemberg
Bodensee-Naturmuseum
Rosgartenmuseum
Federseemuseum Bad Buchau
Biberach Braith-Mali-Museum (Städtische Sammlung)
Vorarlberger Landesmuseum
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Heimathaus Schwarzach (Denkmalhof)
Vorarlberger Naturschau
Museum Rhein-Schauen
Museum für Urgeschichte Koblach
Bergwerkmuseum Gonzen und SchauBergwerk in Sargans
Museum im Kornhaus, Rorschach
Historisches Museum Arbon
Museum Appenzell
St. Galler Museen
Dorfmuseum im Blauen Affen, Eschenz
Naturmuseum des Kantons Thurgau und
Museum für Archäologie, Frauenfeld
Sauriermuseum Aathal
Naturmuseum Winterthur
Bergbaumuseum Kohlenbergwerk
Käpfnach
Paläontologisches Museum der Universität Zürich
Geologisch-mineralogische Sammlung
der ETH Zürich
Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen
Gipsmuseum, Schleitheim
Naturschutzzentren mit
Ausstellungsteil
1 NABU-Naturschutzzentrum Mettnau
2 NABU-Naturschutzzentrum Wollmatinger Ried
3 Naturschutzzentrum Pfrunger-Burgweiler Ried
4 Naturschutzzentrum Eriskirch
5 NABU-Naturschutzzentrum Federsee
6 Naturschutzzentrum Bad Wurzach
7 Naturschutzzentrum Isny
8 Rheindeltahaus
Thermalbäder
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Kneippheilbad Überlingen
Bad Saulgau
Bad Buchau
Bad Aulendorf
Bad Schussenried
Bad Waldsee
Kneipp-Sanatorium Jordansbad Biberach
Bad Wurzach
Bodensee-Therme, Konstanz
Maßstab 1: 450.000
Bearbeitung: M. Ewert (Druckerei Konstanz GmbH), U. Jacoby (Bodensee-Stiftung), H. Winkelhausen (Regionalverband Bodensee-Oberschwaben)
Datenquelle: Interreg II-Projekt „Grundlagen für eine Raumkonzeption im
D–A–CH Grenzraum“
© Kommission Kultur der Internationalen Bodenseekonferenz
Impressum:
Herausgeber: Kommission Kultur der Internationalen Bodenseekonferenz
Projektleitung: Ulrich Jacoby (Bodensee-Stiftung, Konstanz)
Autoren: [GF] J. Georg Friebe (Arbeitsgemeinschaft Naturwissenschaften, Dornbirn), [HH] Dr. Hans Heierli (Trogen), [Me]
Dr. Andreas und Heidi Megerle (Universität Tübingen), [AZ]
Alfred Zaugg (Büchi + Müller AG, Frauenfeld)
Die REGIO BODENSEE:
Ein offenes Buch
der Erd- und Landschaftsgeschichte
Mitarbeiter: Ingrid Ackermann (Überlingen), Alexander
Chryssowergis (REGIO-Büro BODENSEE, Konstanz), Martin
Denk (Amt für Kultur, St. Gallen), Bianca Hellriegel (BodenseeStiftung, Konstanz)
Fachbeirat: Matthias Brömmelhaus (Internationale BodenseeTourismus GmbH, Konstanz), Dr. Hans Heierli (Trogen), Dr.
Franz Hofmann (Neuhausen am Rheinfall), Dr. August Schläfli
(Frauenfeld), Dr. Helmut Schlichtherle (Landesdenkmalamt
Baden-Württemberg, Gaienhofen-Hemmenhofen), Nikolaus
Schmidt-Mänz (REGIO-Büro Bodensee, Konstanz), Dr. Herbert Summesberger, (Naturhistorisches Museum Wien), Dr.
Eckhard Villinger (Landesamt für Geologie, Rohstoffe und
Bergbau Baden-Württemberg, Freiburg)
Gesamtherstellung: Druckerei Konstanz GmbH
Layout: Michaela Ewert, Druckerei Konstanz GmbH
Kontakt:
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Für den Inhalt der Artikel zeichnen die zu Beginn des Textes
genannten Autoren verantwortlich.
Dieser Broschüre ist eine Übersicht mit Adressen und Öffnungszeiten ausgewählter Museen, naturkundlicher Institutionen, Erlebniswege etc. aus der Bodenseeregion beigelegt.
Mit Unterstützung der Säntis-Schwebebahn AG und des Tourismus Untersee e.V.
Titelfotos:
[links] Blick übers Rheintal, F. Thorbecke
[rechts oben] Der Hegauvulkan Hohentwiel, F. Thorbecke
[rechts mitte] Winterliche Eisbildung, G. Künkele
[rechts unten] Der Rheinfall, B. + E. Bührer
Eine Anleitung zum Landschaftslesen?
(AZ, Me) Landschaften sind wie Bücher. Um darin lesen
zu können, braucht man nicht viel. Die vorliegende Broschüre gibt Ihnen dazu eine kleine Anleitung. Und schon
geht es los. Blättern Sie durch die Albumseiten der Erdund Landschaftsgeschichte. Und entdecken Sie die
REGIO BODENSEE, auf eine für Sie noch nie erlebte Art
und Weise.
Hier erzählen Versteinerungen Geschichten aus einer
Zeit, in der am Bodensee Palmen wuchsen und in einem
Vorläufer des Mittelmeeres Haifische schwammen. Jedes
einzelne Geröll ist ein steinerner Zeuge unserer bewegten
Vergangenheit. Denn die Landschaft, die wir heute sehen,
ist im wesentlichen der gestalterischen Kraft der Eiszeitgletscher zu verdanken. Die vielen im Bodenseeraum verstreuten Findlingsblöcke sind nur ein Zeuge dieser Kaltzeiten.
Zwar verbergen sich die steinernen Schätze häufig im
Untergrund. Doch durch die zahlreichen „Fenster in die
Erdgeschichte“ werden sie für uns sichtbar. Solche Fenster finden sich in den Tobeln und Höhlen, aber auch an
von Menschen geschaffenen Aufschlüssen wie Wegrandböschungen, Sand- und Kiesgruben. Feinste Sandschichtungen zeigen uns zum Beispiel noch heute, wie ein Gletschersee von unten allmählich aufgefüllt wurde. Und
wenn sich heute in Sandgruben kleine Höhlen finden, so
sind diese sehr ungewöhnlichen Baumeistern zu verdanken: den selten gewordenen Uferschwalben.
Mit dieser Broschüre will die Internationale Bodenseekonferenz ein Netzwerk aus Akteuren des Tourismus, der
Landschaftsplanung, der Bildung, des Denkmal- und
Naturschutzes, der Archäologie, der Museen und weiterer
Interessenten animieren.
Alle, die sich ein wenig Zeit nehmen, und ihre Augen und
Sinne für diese verborgenen Schätze öffnen, belohnt die
REGIO BODENSEE mit ganz ungewohnten Einblicken.
Fotos von oben nach unten:
Uferschwalbenkolonie, HEVA-Kiesgrube, Willisdorf. Foto: A. Zaugg
Hornsteinfindling in Steckborn. Foto: A. Zaugg
Fliessfalten, HEVA-Kiesgrube, Willisdorf. Foto: A. Zaugg
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Seele and Geist
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