close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

"Was ich auf jeden Fall steuern möchte, ist eine gegenseitige

EinbettenHerunterladen
 24. / 25. / 26. August 2012 > Wandelkonzert durch Raum und Zeit > Villa Elisabeth und St. Elisabeth Kirche / Berlin "Was ich auf jeden Fall steuern möchte, ist eine gegenseitige Bereicherung" Von Frederika Haug, 17 Schon während des Konzerts, im Grunde genommen seit dem Moment, in dem wir, die Jungen Musikjournalisten, das Programm in unseren Händen halten, fragen wir uns, wie man auf eine solche Stückauswahl kommt. Am zweiten Aufführungstag bietet sich uns die Möglichkeit, mit dem Cellisten Marcus Hagemann zu sprechen, der das Projekt initiiert hat. Schon an Marcus‘ Auftreten kann man erahnen, dass wir einen offenherzigen Menschen vor uns haben, der sich auch nicht davor scheut, neue Wege einzuschlagen – ohne jedoch das „Andersartige“ als Effekthascherei zu benutzen. Unkonventionell einfach in T-­‐Shirt und Jeans gekleidet schlägt er vor, das Interview nicht in der Villa zu führen; draußen sei es doch viel schöner. So sitzen wir auf den Stufen vor der Kirche und er beginnt von sich und von der Komposition Exitus sowie dem ganzen Projekt zu erzählen. Wir fragen ihn, wie es zu dieser außergewöhnlichen Zusammenstellung der Stücke gekommen ist. Marcus berichtet, er habe die Auswahl der Musik nach Bauchgefühl getroffen. „Alle Komponisten haben, obwohl sie sehr unterschiedlich sind, Parallelen.“ Die Gemeinsamkeit sei, dass diese „neuen und alten Komponisten alle zeitlos sind“. Er habe eine „Idee der Symmetrie“, die sich schon in Bachs Werken, beispielsweise den in der Kompositionsstruktur gespiegelt angelegten Goldberg-­‐Variationen finden lasse, die er aber auch in sein Konzertprogramm einbauen wollte. Uns interessiert vor allem auch, wie es zur Kombination von Bach und Kurtág gekommen ist. Zwei Werke, die in ihrer Kompositionsweise eigentlich nicht unterschiedlicher sein können – verständlich, wenn man bedenkt, dass die Entstehung der beiden Zyklen etwa 200 Jahre auseinander liegt. Gerade die Verbindung dieser gegensätzlichen Musik sei das Interessante, erzählt uns Marcus und gestikuliert währenddessen mit seinen Händen, passend zu seinen Aussagen. Wenn ihm die richtigen Worte fehlen, verstärken sich die Bewegungen, als begebe er sich voll und ganz auf die Suche nach dem perfekten Ausdruck und das macht uns deutlich, dass er uns seine Intention wirklich nahe bringen will. „Ich glaube, wenn du den ganzen Abend nur Bach spielst, oder komplementär dazu, einen ganzen Abend nur Kurtág, kann das bestimmt spannend sein, aber was mich reizt, ist, dass du im Kopf Räume öffnest, Konzentrationsräume, wenn du gewisse Dinge, ohne sie sich selbst gegenseitig beschränken zu lassen, gegenüberstellst.“ Gerade der Kontrast beider versetze den Zuschauer in einen Ausnahmezustand, und in den Momenten des Wechsels sei das Wahrnehmungsvermögen dann um ein vielfaches intensiviert. Das führe dazu, dass man die Stücke anders wahrnehme, viel bewusster. Das sei auch der Effekt, den er mit seinem Projekt beim Zuhörer auslösen wolle. Sicherlich habe jeder Konzertbesucher seine eigene, individuelle Erlebniswelt, aber die bewusstere Wahrnehmung sei schon bezweckt. Auch als Interpret selbst entdecke er völlig neue Seiten an Bach, wenn er ihn mit Musik des 20. Jahrhunderts verbinde. Nachdem wir das erfahren haben, können wir auch nachvollziehen, warum er sich selbst nicht als Schubladendenker bezeichnen würde. „Es gibt nur gute und schlechte Musik“, verkündet er, und was man für das eine oder andere halte, könne jeder selbst entscheiden; das müsse sich dann auch nicht nur auf eine Musikrichtung beschränken. Marcus erzählt, dass er selbst auch nur wenig klassische Aufnahmen bei sich im Regal stehen habe. „Ich habe eine Zeitlang sehr viel Punkrock gehört… Und ich tanze auch gern Salsa, ich tanz ja nicht nur Bachsuiten“, sagt er und lacht. Deshalb habe er auch schon mit sehr vielen unterschiedlichen Musikern gespielt. „Wenn Musiker gut sind und Lust haben auf einander einzugehen, ist es in dem Moment egal, wo der einzelne herkommt… Das macht mir Spaß.“ Während er von seinem Musiker-­‐ und Projektleiterdasein berichtet, schaut der Cellist uns abwechselnd in die Augen. Gegebenenfalls hakt er nach, wenn er sich nicht sicher ist, eine Frage richtig verstanden zu haben und gibt uns zufriedenstellende Antworten auf alles, was uns interessiert. Als wir schließlich wagen ihn zu fragen, was er denke, wenn er spiele, muss er lachen. „Das ist 'ne gemeine Frage…sicherlich auch an Organisatorisches“, lautet letztendlich die Antwort, aber er denke auch „in Stimmungen“. Jedoch dürfe man sich dem nicht zu stark hingeben, denn man solle ja nicht sich selbst überzeugen, sondern das Publikum. Als wir am Abend noch einmal das Konzert anhören und Marcus live erleben, stellen wir fest, dass ihm das bei uns gelungen ist. Exitus lebt von seinen Kontrasten, vereint diese aber zur selben Zeit. Die einzigartige Kombination aus Kurtág und Bach, der erklingenden Aura eines Raumes mit dem realen Spielgeschehen, überzeugt uns auch, wenn nicht noch mehr, beim zweiten Anhören. Vor allem nach dem Gespräch nehmen wir die Mischung noch intensiver wahr, die Vorstellungen aus dem Diesseits und Jenseits, Verzweiflung und innerer Ruhe, Angst und Spiritualität und die jeweils sehr eigene Akustik zweier ganz verschiedener Räumlichkeiten verbindet. Als die letzten leise verklingenden Takte des Konzerts von einer Polizeisirene draußen auf der Invalidenstraße gestört werden, durchfährt es einen zunächst – dann folgt das Schmunzeln. Die Ironie und Tiefgründigkeit der Szenerie ist unter der Oberfläche: Ein Hilfeschrei, aus der eigenen Welt zu entfliehen, der in einer anderen „Welt“ erschaffen wurde und sich nun allmählich aufgrund der unstillbaren Sehnsucht in Hoffnungslosigkeit verwandelt, wird erhört und beantwortet – in der realen Welt. > Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne die ausdrückliche Genehmigung des Autors/der Autorin nicht veröffentloct werden. 
Document
Kategorie
Bildung
Seitenansichten
5
Dateigröße
97 KB
Tags
1/--Seiten
melden