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1 Grußwort Eröffnung Gott weiblich Was schmiegt sich - St. Stephan

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Grußwort Eröffnung Gott weiblich Was schmiegt sich in die Nischen unserer Kirche? Was gibt es in den Nebenräumen zu sehen? Vollbusige steinzeitliche Idole, kleine Göttinnenfigürchen mit Kind auf dem Schoß, etwas zum Segen der Brüste und der Inszenierung der Haare. Dazwischen moderne Kunst und sogar ein Gipsabguss der Artemis von Ephesus. Damit will die Ausstellung „Gott weiblich“ der weiblichen Seite Gottes auf der Spur sein und sich – wie im Vorwort zum Katalog zu lesen ist – an die Seite der Emanzipation der Frau stellen, die so viele Jahrtausende durch männliche Gottesbilder und die Auslöschung des Weiblichen verhindert wurde. Archäologische Funde, altorientalische Göttinnen im Dienst der Frauenbefreiung. An ihrer Seite stehen Werke moderner Kunst, die sich mit dem Thema „Frau“ auseinander setzen. Und das alles in einer Kirche, in den Nischen und Nebenräumen. Eine Kirche, unsere Kirche, die auch von einem Kunstwerk dominiert wird. Von einer Kreuzigungsszene. Der gekreuzigte Gott, an dessen Seite Johannes und Maria stehen, ein Mann und eine Frau, eine Mutter und ein Freund. Dieses Bild ist in unserer Kirche beherrschend, auch wenn jetzt für einige Wochen in den Nischen und Nebenräumen die Göttinnen eingezogen sind. Eine Ausstellung in einem starken Kontrastgefüge. Etwas, das mich als Frau, als Christin, als Mutter und als Pfarrerin dieser Kirche sehr nachdenklich stimmt. Bilder von Frauen also in unserer Kirche. Viele nackte, vollbusige Frauen mit sichtbaren Geschlechtsteilen. Eine bekannte Feministin hat gesagt: „Frauen müssen nackt sein, um ins Museum zu kommen.“ Sie schaffen es in eine Ausstellung als Objekt männlichen Kunstschaffens, als Anziehungspunkt für männliche Blicke und als Muse eines Künstlers. Selten als Künstlerinnen, Bildhauerinnen und Malerinnen. Wie das wohl im alten Orient war, wo es vor allem um Fruchtbarkeit, gute Ernte und viele Kinder ging? Ob das so die Interessen der Frauen von heute sind? So ganz verlässt mich ein gewisses zwiespältiges Gefühl nicht, wenn „das Weibliche an sich“ oder „die weibliche Seite Gottes“ zum Objekt einer Ausstellung gemacht wird. Geht es vielleicht schon wieder um die Frau als ein Objekt der Betrachtung, der Analyse und Darstellung, der Erforschung? Wer ist schon gerne Objekt qua Frausein? Ist doch unsere Vorstellung von Emanzipation eher eine der gleichberechtigten Begegnung und gesellschaftlichen Teilhabe von Subjekten. Wenn es in unserer Gesellschaft um einen so genannten „Ehrenmord“ geht, dann wird gerne von der jeweiligen Zeitung betont, dass das Opfer eine moderne Frau war, die gerne Minirock trug und in die Disco ging, als ob das der Gipfel der Freiheit ist. Warum wird nicht gesagt, dass sie bildungsbewusst war und eine wirtschaftlich eigenständige Existenz anstrebte? Ein bisschen unmittelbar wird mir auch geschlossen von den altorientalischen Göttinnenfigürchen auf den biblischen Gott und die daraus folgenden gesellschaftlichen Auswirkungen. Ob diese hübschen uralten Ausstellungsstücke wirklich aus einer glücklicheren, gleichberechtigteren Zeit kamen? Das Reden von Gott ist doch etwas sehr Kompliziertes. Über Gott kann ich nicht reden wie über einen Menschen, er ist alles in allem, der Zusammenfall der Gegensätze, höchste Ruhe und höchste Bewegung, schöpferische Macht, der ganz andere. Für Gott gilt: „Think big“ und „Think different“. Ich kann ihn nicht zum Objekt machen, sonst wird er ein Götze und kann sich mühelos in eine Reihe stellen mit den kleinen oder auch größeren Kunstobjekten aus den Nischen und Nebenräumen unserer Kirche. Wenn ich ein Bild für ihn benutze, dann doch als Vergleich oder als Analogie. 1
Nun sind wir also hier in unserer Kirchenraum. Und da gibt es in der Hauptsache dieses ganz große Kunstwerk. Christus am Kreuz, unter dem Kreuz ein Mann und eine Frau, Johannes und Maria. Das weist auf eine andere Quelle der Rede von Gott. Auf die Offenbarung in Jesus Christus. Für mich als Frau überhaupt die Quelle der Ermutigung und Ermächtigung mich als gleichberechtigtes Subjekt – als Tochter Gottes und Schwester Jesu Christi – zu verstehen. Wie offenbart sich Gott? Als Mann. Aber als Mann, der sich herabbeugt zu den Niedrigen und Geringen, der zu den Leuten sagt, die die Ehebrecherin verklagen: „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein auf sie“. Eine kluge Frau hat gesagt, dass Gott sich als Mann offenbaren musste, damit seine Selbsterniedrigung in ihrer Größe und befreienden Wirkung deutlich wird. Wenn er sich als Frau offenbart hätte, wäre es nichts Besonderes gewesen, denn dass Frauen erniedrigt werden, ist der Alltag. Aber Gott hat sich in Jesus Christus in die Tiefe des Lebens von Männern und Frauen herabgebeugt und sie zu sich gezogen, damit sie Jüngerinnen und Jünger, also Freundinnen und Freunde werden, gleichberechtigt teilhabende Subjekte. Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen. Deshalb heißt es auch im Galaterbrief: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ Ich denke, es ist gut so wie es heute Abend ist. Wir wollen in unserer Kirche, in der ganz eindeutig zu sehen ist, wer uns Freiheit und die Kraft zum Ringen um Gleichberechtigung und Teilhabe schenkt, gerne gute Gastgeberinnen und Gastgeber sein für alle diese Figuren und Kunstwerke aus den verschiedenen Epochen und Zeiten, die uns die Schönheit von Rollsiegeln und Isisfiguren sehen lassen und uns zum Nachdenken und Diskutieren über das Verhältnis von Männern und Frauen anregen. Ich wünsche der Ausstellung einen guten Verlauf, uns allen viele gute Gespräche und zahlreiche interessierte Besucherinnen und Besucher. Vielen Dank. Dr. Edda Weise, Dekanin 2
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Seele and Geist
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