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"womit wir ringen, was mit uns ringt", Predigt vom 10. August 2014

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GOTTESDIENST IM BERNER MÜNSTER
10. August 2014
Thema: womit wir ringen, was mit uns ringt
Pfr. Beat Allemand
Lesung I: Markus 10, 13 - 16
Und man brachte Kinder zu ihm, damit er sie berühre. Die Jünger aber fuhren sie an. Als Jesus das sah, wurde er
unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.
Amen, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen. Und er schliesst sie
in die Arme und legt ihnen die Hände auf und segnet sie.
Lesung II: Genesis 32, 23 - 33
Noch in jener Nacht aber stand er auf, nahm seine beiden Frauen, seine beiden Mägde und seine elf Kinder und ging
durch die Furt des Jabbok. Er nahm sie und brachte sie über den Fluss. Dann brachte er hinüber, was er sonst noch
hatte. Jakob aber blieb allein zurück. Da rang einer mit ihm, bis die Morgenröte heraufzog. Und er sah, dass er ihn nicht
bezwingen konnte, und berührte sein Hüftgelenk, so dass sich das Hüftgelenk Jakobs ausrenkte, als er mit ihm rang.
Und er sprach: Lass mich los, denn die Morgenröte ist heraufgezogen. Er aber sprach: Ich lasse dich nicht, es sei denn,
du segnest mich. Da sprach er zu ihm: Wie heisst du? Und er sprach: Jakob. Da sprach er: Du sollst nicht mehr Jakob
heissen, sondern Israel, denn du hast mit Gott und mit Menschen gestritten und hast gesiegt. Und Jakob fragte und
sprach: Bitte nenne mir deinen Namen. Er aber sprach: Was fragst du nach meinem Namen? Und dort segnete er ihn.
Und Jakob nannte die Stätte Peniel. Denn, sagte er, ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und bin mit dem
Leben davongekommen. Und als er an Penuel vorüber war, ging ihm die Sonne auf. Er hinkte aber wegen seiner Hüfte.
Darum essen die Israeliten bis auf den heutigen Tag den Muskelstrang nicht, der über dem Hüftgelenk liegt, denn er hat
Jakobs Hüftgelenk, den Muskelstrang, angerührt.
Predigt
Liebe Gemeinde,
Jedes Grüssen hat etwas vom Segnen an sich. Guten Morgen, guten Tag, Grüss Gott. Jugendliche
grüssen anders als ältere Menschen. Freunde anders als Fremde. Im knappsten Wort, in Haltung
und Geste teilen wir mit: Ich habe dich wahrgenommen. Wir geben Anerkennung, Nähe und
Vertrauen zu verstehen und werden bestärkt. Wer nicht gegrüsst wird, bleibt einsam. Wer
absichtlich nicht gegrüsst wird, erfährt eine schreckliche Missachtung, eine Entwürdigung.
Eine andere Segenssituation im Alltag: Ein Kind erwacht – vielleicht aus schweren Träumen – und
fühlt sich allein, von nächtlicher Dunkelheit umgeben und Angst ausgeliefert. Die vertrauten
Umrisse der Wirklichkeit sind verwischt. Das Kind schreit nach seiner Mutter, seinem Vater. Was
tun die beiden, wenn sie ihr Kind in die Arme nehmen, es übers Haar streicheln, seine Angsttränen
abwischen und ihm sagen: Wir sind bei dir, hab keine Angst, es wird alles wieder gut? Das Kind
wird, wenn nicht bewusst, so unter der Hand, gesegnet. Mutter und Vater geben ihm, indem sie es
in ihren Armen halten, es streicheln, seine Tränen abwischen und zu ihm sprechen, eine
Wirklichkeit zu spüren, die sie umfasst und trägt.
Segenssituationen. Wir stehen am Morgen auf und es gelingt uns, den Tag zu bestehen. Wir
machen Fehler, aber sie holen uns nicht ein. Wir geraten in Gefahr, aber wir werden bewahrt. Wir
fühlen uns elend und schwach, mögen uns am liebsten nicht in die Augen sehen, liegen am Boden
und es wächst uns eine Kraft zu, die uns wieder aufstehen lässt. Segen, das ist hier, wie wenn uns
erst im Nachhinein die Augen aufgehen. Wir sind nicht zerbrochen, wir sind bewahrt, beschützt
worden.
Die Erzählung vom Ringen um den Segen ist anders, schreckt und fasziniert zugleich. Ein Text,
der schwer auszuloten ist und der zugleich eine Kraft ausstrahlt. Es ist eine Erzählung die mich
nicht loslässt. Aber vor allem eine Erzählung, in der einer nicht loslässt. Schliesslich eine
Erzählung, in der ein Gesegneter davon hinkt. „Wo Gott hautnah erfahrbar wird, da steht – so
wussten es die ältesten Deuter – das Leben auf dem Spiel.“
Jakob bleibt allein zurück mitten in der Nacht. Mitten in der Nacht am Fluss. Der Fluss – eine
Grenze. Vielleicht ein Lebensübergang, den es zu überqueren, den es zu bestehen gilt. Das Leben
ist ja keine Autobahn, sondern eher eine Reise, die manchmal unterbrochen wird durch
schmerzhafte Lebensübergänge, Risse, Neuanfänge. Jakob weiss das. Es ist nicht das erste Mal,
dass er den Jabboq – den Spaltfluss – überqueren muss. Jakob der Lügner, der Betrüger. Der
seinen Bruder um den väterlichen Segen betrogen hat und dann fliehen muss vor dem Zorn des
Bruders. Hinaus in die Bruchstelle Welt. Nach langen Jahren in der Fremde will er nun
zurückkehren. Den Fluss der Spaltungen überwinden und Esau, seinem Bruder, begegnen. Mit
Schiss vor der Begegnung mit dem Bruder. Sich mit ihm versöhnen.
Ja, Jakob hat Angst vor diesem Lebensübergang. Und ich habe das manchmal auch – Angst vor
Lebensübergängen, die ich zu bestehen habe. Vor Unsicherheiten oder Angst vor dem, was
unbekannt noch vor mir liegt. Dann fühle ich mich unsicher. Suche Worte und Sätze um Jakobs
Gefühle und die meinen zu benennen. Was ich denke, was ich empfinde und glaube.
Und dann ist plötzlich
- und man hat es nicht bemerkt nur noch Nacht.
„Da rang einer mit ihm, bis die Morgenröte anbrach.“
Wer das ist, wissen wir zunächst so wenig wie Jakob. Irgendjemand überfällt ihn und ringt mit ihm.
Die Religionswissenschaft weist auf einen Flussdämon hin, der diesen Fluss bewacht – lichtscheu
– eine Art Gespenst, ein Geist. Andere haben überlegt, ob die geheimnisvolle Gestalt ein Engel
sei. Oder ringt Jakob mit sich selbst, ist dies ein Kampf mit seinem eigenen Schatten? Oder mit
dem Philosophen Pico della Mirandola: Der Ort von Menschen ist einer zwischen Engel und Teufel
und der Mensch hat etwas von beiden.
Warum waren begnadete Maler wie Chagall so berührt von diesem Moment der Begegnung? Die
Szene hat etwas ungeheuer Berührendes und Geheimnisvolles.
Was ist es, dass ich plötzlich aus einer bestimmten Phase meines Lebens herausgedrängt werde?
Es lief doch eigentlich gut, warum musste das jetzt passieren? Wieso dieser Übergang, wieso
ständig wieder herausgeworfen werden aus etwas, in dem man sich eingerichtet hat? Vielleicht
bestimmen solche Übergänge unser Leben stärker als uns lieb ist.
Kann man um den Segen ringen, frage ich mich. Ist der Segen nicht etwas Unverfügbares? Ist es
nicht Gottes Sache, ob und wann und wen und wie er segnet? Um den Segen beten und bitten, ja
das schon, aber um den Segen ringen, den Segen einfordern, auch einklagen, den Segen
herbeizwingen wollen? Ist das nicht zu vermessen. Ein Versuch, das Unverfügbare verfügbar zu
machen?
Jakob tut es! „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Ist es nicht so, dass auch wir es tun.
Immer wieder. Uns um den Segen mühen, um das Leben, um die Fülle des Lebens. Oft wie Jakob
einsam und allein, oft auch in der Mitte der Nacht, oft auch am Jabbok, an den Übergängen und
Umbrüchen, in der Mitte von Spaltungen und Trennungen.
Ich denke, wir Menschen suchen den Segen. Gelingendes Leben, und manchmal auch nur ein
Lächeln. Wir ringen hin und wieder darum, dass jemand unsere Verletzungen heilt, dass wir fähig
werden, gestörte und zerstörte Beziehungen wieder aufzubauen, dass wir in unserer Traurigkeit
getröstet werden. Ich denke da an leuchtende Gesichter, wie sie uns manchmal bei Kindern
begegnen, und wie wir sie doch so nötig haben. Die uns zugewandt sind, die das Gute in uns
entdecken wollen mit den Augen des Wohlgefallens. Wer so angeschaut wird, entdeckt sich selber
anders, lässt sich zumindest von seiner Sehnsucht berühren, gut zu sein, ein wenig versöhnt zu
sein, mit sich und der Welt.
Ich erinnere mich an eine Hochzeit. Da war ein kleines Mädchen in der Kirche, schwer behindert,
ein Mensch der sich nicht wie andere verhält. Sie war die Schwester der Braut. Und als sie mit
ihrer Aufführung an der Reihe war, fing sie an zu tanzen. Zuerst nur flüchtige Bewegungen, dann
immer freier. Sie brauchte die Füsse, sie brauchte die Hände, sie brauchte die Gesten. Ein Tanz
der Leichtfüsse. Sie verlängerte ihren Tanz und war kaum mehr zu bremsen. Es war so schön.
Jeder will sein Leben leben, als wäre es möglich. Menschen mühen sich manchmal um den
Segen. Und viele mühen sich und müssen sich mühen um den Segen in den grundlegendsten,
elementarsten Formen: ein Dach über dem Kopf, sauberes Wasser, ausreichende Ernährung,
Frieden, anständige Anstellungsbedingungen. Ein würdiges Leben. „Ich lasse dich nicht, du
segnest mich denn“.
Vielleicht ist Leben nichts anderes als ein Ringen um den Segen, verbunden mit Verletzungen. Der
Wunsch und das Bemühen, dass Leben gelingen möge. Unser Leben. Auch das Leben derer, die
uns nahe sind. Das Leben aller Menschen und Geschöpfe.
Vielleicht ist Leben nichts anderes als die Suche und Sehnsucht nach Segen. Ein ringen mit Gott,
von dem Leben und Segen ausgehen. Auch mit anderen Menschen, die uns zum Segen werden –
oder uns Segen verweigern und entziehen. Und oft kämpfen wir auch mit uns selbst, wenn wir uns
selbst oder anderen beim „Fliessen der Segenskräfte“ im Wege stehen.
Jakob ringt um den Segen. Mit dem Unbekannten. Mit Gott, mit anderen, mit sich selbst. Das
Ringen trug den Segen in sich.
Der Jakob, der schliesslich und endlich als ein Gesegneter den Fluss der Spaltungen hinter sich
lässt, ist ein geschlagener und hinkender. Es ist ein Segen, der an schmerzhaften Verrenkungen
nicht einfach vorbeigeht. Ein Segen, der nicht harmlos und einfach daherkommt.
Ich verstehe in dieser Geschichte, dass der Segen, wenn er kommt, nicht einfach unseren
Erwartungen gemäss kommt. Manchmal eine Verletzung und das Wissen darum, dass es Segen
bedeutet.
Möglicherweise bedeutet das Hinken, dass ich in meiner Seele oder an meinem Körper, auf jeden
Fall für mich deutlich erfahrbar, irgendwelche Narben davon trage. Es gibt kein „unbeschädigtes
Leben“. Ich muss auch nicht der Garant des Lebens sein und es immer auf eigenen Schultern
tragen. Ich muss nicht immer stark, gesund, unanfechtbar und nach aussen mächtig, allmächtig
sein und auch nicht erwarten, dass andere es sind: ich kann auch schwach, berührbar und
gebrochen sein und andere auch.
Dennoch: Jakob ist im Kampf ein anderer geworden. Mensch geworden ist er als Gebrochener.
Erst jetzt sieht er, wer er ist. Er hat sogar einen neuen Namen bekommen. Israel – Gotteskämpfer“
soll man darin hören. Der Name steht im Alten Testament wie in vielen anderen Kulturen für das
innerste Wesen der Person selbst. Jakob wird durch diese Begegnung, in der ihm der Volksname
verliehen wird, zur zentralen Figur der frühen Volksgeschichte Israels.
Das Wort Gott in unserer Sprache kommt übrigens von einem Wort, das anrufen bedeutet. Gott ist
„der Angerufene“, der Anzurufende“. Das ist für mich jener Gott, den viele, wenn sie mit dem
Leben ringen, anrufen. Hören, schweigen, dann den kreatürlichen Schrei in eine Klage
verwandeln, einen Anruf, ein Gebet – und schliesslich in eine Tat. Das Beten. Trotz allem oder erst
recht. Wir halten an Gott fest im Gebet. Wir halten unsere Würde fest im Gebet. „Ich lasse dich
nicht, du segnest mich denn“. Viele lassen Gott ohne Segen gehen. Sie geben auf. Wir müssen
wieder Gott anrufen, ihn anlocken.
Es braucht Mut heute als Christ mit diesem Gott zu kämpfen, ja ihn auch anzugreifen. Mit Gott zu
kämpfen, dass er sichtbar werde. Vielleicht gehören Beten und Kämpfen zusammen. Meine
Zuwendung zu anderen Menschen muss manchmal auch erkämpft sein.
Segen ist mehr als das Glück, das „auf der Hand“ liegt. Risse und Narben, Tränen und Schweigen
gehören dazu. Jakob – gesegnet und gezeichnet – ist ein Hinkender. Es kann vieles fehlen, wo
Gott selbst sich schenkt.
Und das Wunder immer wieder, dass er uns segnen will. Dass er immer wieder auf uns zukommt,
uns in Lachen, Weinen und Bedrohung segnet.
Amen.
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