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11-21-11-Das Beste, was es gibt auf der Welt.rtf - SWR

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Das Beste, was es gibt auf der Welt?
Die Männerfreundschaft
Autorin:
Stefanie Pütz
Redaktion:
Nadja Odeh
Regie:
Tobias Krebs
Sendung:
Donnerstag, 24.02.11 um 10.05 Uhr in SWR2
Wiederholung:
Montag, 21.11.11 um 10.05 Uhr in SWR2
___________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
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MANUSKRIPT
Christian:
So beste Freunde, mit denen ich mich früher jeden Tag getroffen habe und wirklich
alle Interessen geteilt habe, die habe ich jetzt so würde ich sagen, nicht mehr, aber
Freunde, mit denen ich mich alleine treffe regelmäßig, sind vielleicht drei, vier Leute.
Mehr ist auch nicht drin (Lachen). Man hat halt weniger Zeit, ne.
Matthias:
So eine Freundschaft mit einem Mann habe ich einfach noch nicht gehabt in so einer
Intensität. Jeder darf dem anderen in die Seele blicken, und jeder darf wirklich alles
sagen. Also auch diese schwarzen Seiten, die jeder so in sich hat oder was er
keinem erzählen möchte, noch nicht mal seiner Frau, und das ist wunderbar.
Bernd:
Also ich habe ja 35 Jahre in einer Schule gearbeitet als Schulpsychologe, und das
waren Lehrerkollegen. Und das sind eigentlich so die drei, wo ich weiß, da kann ich
nachts um vier anrufen, und dann ist einer von denen da.
Erzählerin:
Drei Männer sprechen über ihre Männerfreundschaften: Christian, 28, Matthias, 44,
und Bernd, 64 Jahre alt. Alle drei sind verheiratet, die beiden älteren haben Kinder,
Bernd ist bereits Großvater. Natürlich haben auch sie die legendären Geschichten
gehört: von Old Shatterhand und Winnetou, die ihre Freundschaft durch
Blutsbrüderschaft besiegeln. Vom Detektivgespann Sherlock Holmes und Dr.
Watson, das gemeinsam jedes Abenteuer besteht. Oder von Schiller und Goethe,
den Dichterfreunden, die sich vor zweihundert Jahren gegenseitig unterstützten und
zu poetischen Höchstleistungen inspirierten. Diese Geschichten werden seit jeher
flankiert von theoretischen Abhandlungen. Alle berühmten Philosophen singen ein
Loblied auf die Männerfreundschaft. Sie behaupten sogar: Nur Männer sind zu
wahrer Freundschaft fähig. Der 44-jährige Matthias hält das für einen Mythos. Für ihn
hat das Wort "Männerfreundschaft" nicht unbedingt einen positiven Klang.
Matthias:
Eine klassische Männerfreundschaft ist: Wir haben was Bestimmtes, was uns
zusammenführt, was uns aneinander bindet, wir lesen zusammen die klugen Bücher
oder wir spielen zusammen Musik oder wir treffen uns beim Pokerabend, nur ist es
oft dann schon so, wenn diese Sache, über die man die Freundschaft definiert, nicht
mehr da ist aus irgendwelchen Gründen oder einer das Interesse daran verloren hat,
dass dann auch die Freundschaft auf kurz oder lang vorbei ist.
Erzählerin:
Die Männerfreundschaft scheint sich weit von den Idealen der Vergangenheit
entfernt zu haben. In der Romantik teilten Männer einander ihre intimsten Gedanken
mit, schrieben sich seitenlange Briefe, die sie mit der Formel "Tausend Mal geküsst,
innigst umarmt, dein dich Liebender" abschlossen. Heute ist die Leidenschaft einer
nüchternen Zweckorientierung gewichen: Man hat gemeinsame Interessen und
tauscht sich darüber aus.
2
Männer gehen zusammen ins Jazzkonzert und fachsimpeln über die Musik. Oder:
Sie treffen sich nach der Arbeit in der Kneipe und erzählen sich beim Bier von ihren
neuesten Börsendeals. Fußballfans gehen zusammen ins Stadion und feuern ihre
Lieblingsmannschaft an. Alte Sandkastenkumpel treffen sich einmal im Jahr, um
gemeinsam Berge zu besteigen. Häufig treten sie in Gruppen auf, seltener zu zweit.
Der 28-jährige Christian, von Beruf Wirtschaftsprüfer, beschreibt, wie er seine
Freundschaften organisiert.
Christian:
Grundsätzlich treffe ich mich nach Lust und Laune mit Freunden, dann überlege ich,
worauf habe ich Lust, auf wen habe ich Lust, dann zücke ich mein Handy, schau,
wen ich anschreiben kann, und dann gucke ich, wer dabei ist, dann verabreden wir
uns, und dann machen wir was. Billard spielen gehen, einen Spieleabend machen,
ein Video gucken, ins Schwimmbad gehen oder joggen gehen zusammen, so was,
nur zum Quatschen eher weniger. Also ich sag mal, wenn wir ins Café gehen, dann
quatscht man da natürlich, aber dass man sich zu Hause nur zum Quatschen trifft,
kenne ich eher von Frauen (lacht), muss ich sagen.
Erzählerin:
Bernd ist 64 und seit einem Jahr pensioniert. Zwei seiner drei Freunde sind ebenfalls
im Ruhestand.
Bernd:
Da gibt es schon mal ein gemeinsames Frühstück, das wird aber dann immer
gekoppelt an irgendeine andere Aktivität, also dann frühstückt man ausgiebig, auch
mit allen Schikanen und dann macht man eine Wanderung in Anführungsstrichen,
also einen längeren Spaziergang oder so und geht noch irgendwo Kaffee trinken.
Und da man ja auch noch die gemeinsame berufliche Vergangenheit hinter sich hat,
ist das natürlich auch so, dass man da eben auch noch unterschiedliche Bezüge jetzt
aktuell in den Laden hat und dementsprechend auch immer viel zu klatschen und zu
tratschen hat. Oder auch zu sagen, was war das schön, als wir das selber noch
gemacht haben.
Erzählerin:
Der dritte, Bernds bester Freund, ist noch berufstätig. Er ist der Patenonkel seiner
Tochter und deshalb eine Art Familienmitglied. Zunächst waren sie eine reine
Männerclique. Dann heiratete einer nach dem anderen, was ihrer Freundschaft aber
keinen Abbruch tat, sagt Bernd. Im Gegenteil: Die Ehefrauen verstehen sich gut und
haben auch untereinander Kontakt. So hat sich über die Jahrzehnte ein fester
Freundeskreis gebildet, der sich häufig trifft, aber ohne Zwang und Vereinsmeierei.
Silvester feiern die Paare fast immer zusammen. Hin und wieder machen sie eine
gemeinsame Radtour. Mit den Männern trifft sich Bernd auch einzeln, meistens
spontan. Dann ruft einer den anderen an: "Ich bin gerade in der Stadt, sollen wir
zusammen einen Kaffee trinken?" Sie reden über Fußball, alte Zeiten und ihre
Familien.
Bernd:
Bei mir ist das eine besondere Situation, meine Tochter ist behindert, und das war
natürlich immer ein Thema von Anfang an. Und insofern erkundigen die sich auch
nach wie vor, wie der Stand ist oder was sie gerade macht.
3
Aber immer so, dass, das finde ich unterdessen auch sehr angenehm, weil man will
ja auch nicht immer drüber reden, weil es einem manchmal einfach nur so bis dahin
steht, mit einer sehr hohen Sensibilität, also wenn dann so eine Frage kommt und
Gesichtszüge werden entsprechend interpretiert: Dann ist schon okay, komm, heut
nicht, lass uns über was anderes reden, so.
Erzählerin:
Allzu häufig finden diese Treffen nicht statt, etwa alle vier bis sechs Wochen.
Zwischendurch wird zwei oder dreimal telefoniert. Mit seinem besten Freund
telefoniert Bernd häufiger, etwa einmal pro Woche. Das reicht ihm vollkommen aus,
sagt er. Der 44-jährige Matthias hat eine engere Beziehung zu seinem besten
Freund.
Matthias:
Also wir haben schon täglich Kontakt, also was nicht heißt, dass wir uns jeden Tag
sehen, aber wir schreiben uns dann zumindest mal eine SMS, was auch ein
bisschen blödsinnig ist, weil wir direkt nebeneinander wohnen, aber doch eigentlich
haben wir jeden Tag Kontakt, und sei es nur, dass wir uns eben mal auf dem Balkon
treffen und hallo sagen, also wenn wir proben in der Woche, dann sehen wir uns und
ansonsten sehen wir uns oft auch abends, dass mal einer zum anderen rübergeht.
Erzählerin:
Matthias kennt seinen Freund seit etwa vier Jahren. Beide sind Musiker und haben
sich auf einer Konzerttour kennen gelernt. Inzwischen spielen sie in derselben Band.
Vor einem halben Jahr ist sein Freund in die Nachbarwohnung gezogen.
Matthias:
Meistens läuft es so ab, dass sich einer von uns beim anderen meldet: Hör mal, hast
du Lust, ein Bier zu trinken? Männer trinken ja immer Bier zusammen, und meistens
gehe ich zu ihm rüber, dann reden wir kurz über die Band, über die Musik und
machen ein Bier auf, und dann irgendwann sind wir dann aber auch direkt am
Quatschen. Über eben das, was so jeden von uns wirklich persönlich betrifft. Und
das dauert dann immer. Ich hab natürlich auch eine Frau und zwei Kinder, und da
kann ich auch nicht jedes Mal sagen: „Will ich auch nicht, hör mal, ich geh jetzt
wieder rüber und lass mich nicht mehr blicken“, aber das kann unter Umständen
auch bis zum Morgengrauen dauern, das ist unterschiedlich.
Erzählerin:
Für Männer eine ungewöhnlich enge Freundschaft. Das Münchner Institut für
Rationelle Psychologie hat in einer Studie folgende Zahlen ermittelt:
Männerfreundschaften basieren nur zu 19 Prozent auf Gesprächen über Privates
und Persönliches. 24 Prozent entfallen auf Gespräche über Arbeit, Karriere und
Politik. Das wichtigste in einer Männerfreundschaft mit 54 Prozent sind gemeinsame
Unternehmungen. Das heißt: Das Miteinander-Machen ist für Männer wichtiger als
das Miteinander-Reden. Bei Frauen scheint es umgekehrt zu sein. Freundinnen
sitzen stundenlang zusammen im Café, plaudern und lachen. Das ist jedenfalls das
typische Bild, das uns zum Begriff Frauenfreundschaft einfällt.
Christian, der 28-jährige Wirtschaftsprüfer, meint, Frauen seien euphorischer in ihren
Freundschaften als Männer. Deshalb würden sie sich auch häufig im Streit trennen.
4
Christian:
Und ich glaube, bei Jungs entwickelt sich alles einfach. Das ist da viel
unspektakulärer, man macht halt mal was zusammen, man trifft jemanden, man
hängt zusammen ab, und irgendwann hängt man vielleicht nicht mehr zusammen ab
(lacht), ohne dass da jetzt irgendjemand drüber gesprochen hätte, da macht man
sich aber auch keine Gedanken, das ist nicht vorbei oder so, man könnte ihn ja
wiedertreffen und dann ist man halt wieder befreundet.
Erzählerin:
In der Zeitschrift Stern beschreibt ein Mann den Unterschied zwischen Männern und
Frauen so: "Wenn meine Frau vom Tennis-Training nach Hause kommt, erfahre ich
alles aus den Familien der Mitspielerinnen. Wenn ich zurückkomme, weiß ich oft
nicht einmal, ob die anderen Männer verheiratet sind." Aber stimmt es wirklich, dass
Männer nur oberflächliche Gespräche führen? Dass sie keine nahen Beziehungen
aufbauen können oder wollen - und lieber als "Lonesome Cowboy" durchs Leben
gehen? Die Wissenschaft spricht inzwischen sogar vom Mann als "einsamem
Geschlecht".
Andreas Heek:
Tendenziell würde ich schon sagen, dass so einen besten Freund, mit dem man so
intensiv sprechen kann, dass es den bei vielen Männern nicht gibt.
Erzählerin:
Andreas Heek ist Referent in der katholischen Männerseelsorge. Seiner Meinung
nach unterschätzen Männer den Wert von Freundschaften. Vor allem im Alter
zwischen 30 und 50 konzentrieren sie sich fast nur auf den Beruf, an zweiter Stelle
folgt die Familie. Für Freunde nehmen sie sich kaum Zeit, sagt der Theologe.
Außerdem lernen sie schon auf dem Schulhof, dass sie besser eine gewisse Distanz
zu ihren Geschlechtsgenossen wahren. Ansonsten heißt es gleich: "Ey, bist du
schwul?"
Andreas Heek:
Homophobie unter Männern ist schon noch weit verbreitet, also die Angst davor,
wenn ich jetzt wirklich sage: „Den mag ich“, dass das so eine sexuelle Komponente
haben könnte, obwohl es das vielleicht gar nicht hat, sondern einfach nur eine
Zuwendung der Seele oder des Herzens so, auch wie die Philosophen das oft
beschrieben haben, das spielt bestimmt eine Rolle. Wobei glaube ich noch ein
größeres Hindernis ist, dass Männer ihrer Gefühlsseite nicht so richtig trauen und
sich auch dieses Bedürfnis nicht so gerne eingestehen, dass ich einen Freund nötig
hab. Oder dass ich jemanden brauche, der mir beisteht, der mir zuhört, weil doch die
meisten Männer doch eher das Gefühl haben, sie müssten alleine ihren Mann
stehen. Und das verhindert oft glaube ich auch Männerfreundschaften.
Erzählerin:
Enge und vertrauensvolle Beziehungen pflegen die meisten Männer nur zu ihren
Partnerinnen, sagt Andreas Heek. Erst wenn ihre Liebesbeziehung in eine Krise
gerät, fällt manchen von ihnen auf, dass sie niemanden haben, mit dem sie darüber
sprechen können. Der 28-jährige Christian sagt, in einer Notsituation würde er sich
am ehesten an seine Eltern oder seinen Bruder wenden. Ansonsten sei seine Frau
seine engste Vertraute.
5
Christian:
Meine Frau ist auf jeden Fall mein bester Freund, aber sie ist halt auch eine Frau und
kein Mann, das macht auch einen Unterschied. Also was den Intimitätsgrad angeht,
ist sie auf jeden Fall natürlich ganz oben, auch so, was ich ihr erzähle und was sie
mir erzählt, dafür gibt es dann aber auch wieder Sachen, für die sie nicht so zu
haben ist. Sie ist halt auch nicht so abenteuerlich, so wie ich, ich suche halt aktiv
Abenteuer und da muss ich mir dann eher Jungs suchen. Mit Jungs kann man
meistens mehr unternehmen, so actionreichere Sachen, dafür kann man mit Frauen
besser reden, wenn man selber dafür zugänglich ist, sage ich mal. Also ich glaube,
ich bin relativ einfühlsam (lacht), und da kann man dann ganz gut mit Frauen
quatschen, und dafür sind viele Männer halt nicht so zu haben.
Erzählerin:
Die typisch männliche Prägung: Der Mann sucht das Abenteuer, geht hinaus in die
Welt, um sie zu entdecken und zu erobern. Das ist auch heute noch so - trotz aller
emanzipatorischen Bemühungen der letzten Jahrzehnte. Die Politik des Gender
Mainstreaming basiert zwar auf der Idee, dass sich geschlechtstypische
Verhaltensweisen auflösen lassen. Doch zurzeit ist das nur wohlklingende
Zukunftsmusik, sagt der Erziehungswissenschaftler Dr. Michael Obermaier. Denn die
alten Prägungen sitzen extrem fest und werden nach wie vor an Kinder
weitergegeben.
Michael Obermaier:
Jungs werden anders erzogen, haben andere Erfahrungsmöglichkeiten gemeinsam
als Mädchen. Aufgrund der Sittengefährdung werden Mädchen seit jeher mehr im
Haus gehalten als Jungs, also Jungs können wesentlich mehr Explorationsverhalten
zeigen, haben gemeinsam andere Erlebnisse, dadurch auch andere Themen,
Mädchen hingegen, so die bisherige geschlechtsspezifische Stereotypisierung, sind
dann eher auf diesen emotionalen Bereich bezogen, auch auf ein gewisses Setting,
was zu erzeugen ist, mehr auf die sichere Basis. Das spiegelt sich auch in der
Bindungstheorie wieder, dass Mütter eher als sichere Basis gelten, das heißt, die
Affekte regulieren, und Väter eher diese Spielfeinfühligkeit zeigen, eher auf
Exploration und nach außen und Neues entdecken.
Erzählerin:
Hinzu kommt: Jungen und Männer sind gerne die Größten, Stärksten, Klügsten und
Reichsten. Auch dieser Ehrgeiz wird ihnen anerzogen, wie wir aus der Forschung
wissen.
Christian:
Ich hatte früher einen Freund, mit dem habe ich mich fast jeden Tag getroffen und
wir hatten exakt die gleichen Interessen, und wir waren beide recht ehrgeizig, haben
immer Wettkämpfe veranstaltet, zusammen Fußball gespielt, wir waren auch bei fast
allem fast gleich gut, wurde dementsprechend immer spannend, und so was
vermisse ich schon.
Bernd:
Wo das ganz stark ausgeprägt war, als wir noch viel Sport miteinander gemacht
haben. Oder als wir diese Männerradtouren gemacht haben. Da war das so. Und da
habe ich immer schlechte Karten gehabt, weil das alles Sportlehrer waren. (lacht)
6
Und von daher hab ich mir dann irgendwann so eine Konstruktion zurechtgelegt, so
nach dem Motto: Fahrt ihr vor - und ganz gemein war es dann, wenn die sozusagen
aus Mitleid eine Truppe zurück geschickt haben, die mich dann wieder irgendwie ans
Feld ranführen sollten, das fand ich immer ganz gemein. Aber das hatte nie so
dieses Schienbeintreten-Phänomen. Also ich glaube, das war da, aber jetzt nicht so
extrem, dass das diese Beziehung irgendwie gestört hätte.
Erzählerin:
In der Wissenschaft spricht man von "männlichem Dominanzverhalten", erklärt
Michael Meuser, Professor für Soziologie der Geschlechterverhältnisse. Das heißt:
Männer streben nicht nur eine Überlegenheit gegenüber Frauen an, sondern tragen
auch untereinander ständig Konkurrenzkämpfe aus.
Michael Meuser:
Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat mal das so formuliert, dass er gesagt
hat: Männlichkeit konstituiert sich in den ernsten Spielen des Wettbewerbs, die die
Männer unter sich austragen. Also Männlichkeit ist immer schon etwas gewesen,
was Männer beweisen müssen, was sie erwerben, wenn sie unter sich sind.
Schauen Sie nur etwa auf Trinkrituale, wie sie in vielen männlichen Gemeinschaften
gegeben sind, wie sie zum Beispiel auch in studentischen Verbindungen nach wie
vor gepflegt werden, und dort ist es so, dass man gewissermaßen miteinander und
gegeneinander trinkt. Ja, also man steht in einem Wettbewerb miteinander, und
gleichzeitig wird über diesen Wettbewerb aber auch wechselseitige Solidarität
erzeugt. Und das ist das Spannende daran, also das Wettbewerbsmäßige führt nicht
zu einem Auseinanderdriften der Gemeinschaft, sondern stärkt unter Umständen
auch die Gemeinschaft.
Erzählerin:
Ein ewiges Spiel um Macht und Ansehen. Es geht um körperliche Stärke, um Wissen
und wirtschaftlichen Erfolg. Junge Männer prügeln sich um begehrte Frauen. Sie
machen Mutproben, pinkeln um die Wette, veranstalten Autorennen. Beim Sport
messen sie ihre Muskelkraft, ihre Schnelligkeit und Ausdauer. Berufstätige Männer
legen gerne ihr Smartphone oder ihre Autoschlüssel auf den Tisch, um ihren Status
zu demonstrieren. Wissenschaftler übertrumpfen sich gegenseitig mit intellektuellen
Höchstleistungen, Topmanager und Politiker rangeln um Posten und einflussreiche
Positionen.
Matthias:
Ja, es ist immer eine gewisse Art von Konkurrenz da, auch wenn man zusammen
nur Scherze macht oder dies oder jenes, das schwingt immer so ein bisschen mit
und kommt immer wieder rauf, und man hat immer das Gefühl, man muss ein
bisschen so den harten Kerl raus lassen, und ich glaube, das passt eigentlich keinem
Mann wirklich, also die allermeisten, die kämpfen eigentlich damit und die leiden da
drunter. Sagen wir mal, im Grunde haben sie alle auf der Stirn stehen, hör mal, ich
bin auch nur ein armes Seelchen und ich fühle mich total klein und ich möchte gerne
ein bisschen anerkannt und bewundert werden, aber keiner bringt's über die Lippen.
Weil er auch immer damit rechnen muss, dass er dafür dann einen reingewürgt
kriegt. Also mit den meisten Männern geht es ans Eingemachte wirklich nur, wenn
sie schon ein bisschen was getrunken haben oder wenn es ihnen so schlecht geht,
dass sie auch wirklich nicht mehr anders können.
7
Erzählerin:
Die meisten machen mit bei dem ständigen Gerangel, vielleicht auch nur widerwillig.
Sensiblere oder emanzipiertere Männer entziehen sich und betrachten die Kämpfe
ihrer Geschlechtsgenossen wie ein endloses Theaterstück nach dem immer gleichen
Textbuch. Diese Männer haben selten männliche Freunde, sie pflegen eher
freundlich-distanzierte Bekanntschaften. Christian und Matthias erzählen, dass sie
beide eine Zeitlang nur mit Frauen befreundet waren, weil sie mit ihnen besser reden
konnten. In den 1980er Jahren gab es für solche Männer eine ganze Liste von
Schimpfwörtern: Frauenversteher, Softi, Warmduscher, Weichei und so weiter und
so fort. Diese Begriffe sind etwas aus der Mode gekommen. Dafür sind
Freundschaften zwischen Männern und Frauen heute normaler und häufiger als
früher. Dennoch: Matthias ist froh, dass er einen männlichen Freund gefunden hat.
Das typische Konkurrenzgehabe gibt es zwischen ihnen nicht, sagt er. Und: Ihre
Freundschaft sei sogar intensiver als eine Liebesbeziehung.
Matthias:
Also in einer Beziehung mit einer Frau ist ab einem bestimmten Punkt irgendwann
eine Grenze da. Ab einem bestimmten Punkt gibt es kein Verständnis und keine
Toleranz mehr, dann versteht man sich einfach nicht mehr und es gibt einfach immer
wieder Sachen, die möchte ich als Mann meiner Frau lieber nicht erzählen. Weil sie
das in den falschen Hals kriegt oder eben einfach nicht versteht oder dann direkt der
feministische Hammer kommt oder was auch immer, und ihm kann ich das sagen.
Und er kann das mir sagen. Ja, und dadurch, dass er ein Mann ist, weiß jeder genau,
wovon der andere redet und weiß genau, was der andere meint. Und versteht, was
der andere gerade fühlt, das ist eine bedingungslose Offenheit. Ohne Verurteilung,
ohne irgendwelche Angst.
Erzählerin:
Bei Bernd ist es genau anders herum. Er zieht eher Grenzen im Kontakt mit seinen
Freunden.
Bernd:
Ich kenne auch so Sätze wie "Jetzt sag aber bitte nix, ne, das bleibt unter uns". Das
kenne ich auch. Aber das wär zum Beispiel ein Satz, der bei mir nicht käme, denn ich
würde es gar nicht erzählen. Ich glaube, die einzige Person in meinem Leben
überhaupt, zu der ich so was wie absolutes Vertrauen habe, ist meine Frau. Ich
glaube ja sowieso, dass das bei Männern, manchmal so ein bisschen in Extremen
sich bewegt, also entweder es ist dieser permanente Hahnenkampf, wo immer noch
der Beweis ansteht, wer hat den längsten oder wer ist derjenige, der die meiste
Power hat. Oder es ist dann so ein etwas verhalteneres Verhältnis, wo nicht
unbedingt Mauern aufgebaut werden, aber wo man glaube ich seine Seele nicht
unbedingt auf den Tisch packt.
Erzählerin:
Trotzdem fühlt sich Bernd bei seinen Freunden gut aufgehoben. Offenbar hat er eine
gute Balance zwischen Nähe und Distanz zu ihnen gefunden. Und je älter er wird,
sagt der pensionierte Schulpsychologe, desto leichter fällt es ihm, auch seine
Schwächen zu zeigen. Das wirke sich auch auf die Freundschaften aus. Hinzu
kommt: Aus ihrer jahrzehntelangen gemeinsamen Geschichte weiß er, dass er sich
auf seine Freunde verlassen kann.
8
Bernd:
Das aktuellste war, als meine Tochter in diese Psychose rein gekippt ist bzw. vorher
schon, also drei Jahre vorher schon, auch in die Epilepsie, da war das schon wichtig,
dass die da waren. Und damals war auch wichtig, dass die sozusagen vor Ort waren,
sprich also da, wo ich auch gearbeitet habe. Weil es dann auch die Möglichkeit gab,
also nicht den Tag über so zu tun, als wär das kein Problem, sondern auch da die
entsprechenden Rückzugsmöglichkeiten waren, wo man unter vier Augen oder unter
sechs Augen kurz auch mal ein bisschen heulen konnte oder ähnliches. Das gab's
schon. Und ich denke, das sind auch so Situationen, die im Endeffekt so dieses
Vertrauen hergestellt haben, wenn ich sage: Ich kann da nachts um vier anrufen.
Und dann sind die da.
Andreas Heek:
Ich kenne auch einige Männer, wo die Familie zerbrochen ist und wo der einzige Halt
tatsächlich dann ein guter Freund war. Wohl dem, der dann jemanden hat, zu dem er
gehen kann! Und leider ist es ja oft so, dass Männer in so Krisen wieder nach Hause
ziehen, aber das ist natürlich, unter Mamas Tisch wieder zu rücken, ist dann natürlich
die schlechteste aller Lösungen, ja, aber das kommt auch nicht selten vor. Oder sich
in eine nächste Partnerschaft stürzen, also das ist auch oft der Fall bei Männern,
dass Männer selten lange alleine bleiben. Und das ist sicherlich nicht gut. Für die
eigene Entwicklung.
Erzählerin:
Andreas Heek versucht Männern nahe zu bringen, dass Freundschaften eine
Bereicherung für ihr Leben sind. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern auf
subtile Weise. Der Männerseelsorger bietet regelmäßige Diskussionsrunden und
Veranstaltungen an, um Männer miteinander ins Gespräch zu bringen. Väter-KinderArbeit, religiöse Themen und Persönlichkeitsbildung stehen auf dem Programm.
Andreas Heek:
Also da passiert schon eine ganze Menge. Da entdecken Männer manchmal erst,
dass es auch noch mehr gibt als Beruf. Dass es tatsächlich auch spirituelle
Bedürfnisse gibt, jetzt im weitesten Sinne. Also in den Seminaren, die wir anbieten,
da sind durchaus Leute dabei, die, ja, eigentlich so die kraftstrotzenden Kerle sind
und die dann so ihre weiche Seite dann entdecken, und dadurch müssen sie
eigentlich gar nicht so viel verändern, sie müssen nur die andere Seite, die auch
schon da ist, müssen sie irgendwie kultivieren, und das ist eigentlich so das Ziel, und
dadurch entsteht dann oft die Offenheit und die Öffnung auf den anderen hin.
Erzählerin:
Besondere Aha-Erlebnisse gibt es im Zeltlager für Väter und Kinder, erzählt Andreas
Heek. Dort sehen die Teilnehmer, dass andere Männer im Umgang mit ihren Kindern
auch manchmal hilflos und überfordert sind. Der harte Kerl, der immer alles im Griff
hat, entpuppt sich hier als Idealbild, dem niemand wirklich entspricht.
Das entlaste die Männer und fördere das gegenseitige Verständnis. Wenn sie
regelmäßig zu Veranstaltungen kommen, knüpfen manche auch freundschaftliche
Beziehungen, sagt der Theologe. Offenheit und Vertrauen im Umgang miteinander
zu erleben, scheint tatsächlich eine Seltenheit bei Männern zu sein. Matthias, der
44-jährige Musiker, bestätigt diesen Eindruck.
9
Matthias:
Also ich wusste nicht, ob es so was wirklich gibt. Aber ich glaube, ich habe da schon
sehr lange nach gesucht, weil mir das immer gefehlt hat. So eine intensive
Beziehung gerade mit einem Mann.Eine Freundschaft eben, eine richtige
Freundschaft. Nicht immer dieses Stückwerk. Mit dem einen Freund kannst du gut
saufen, mit dem anderen kannst du gut reden, mit dem nächsten kannst du gut
Fußball spielen und mit dem anderen kannst du das, aber dieses wirklich eben
Freundschaft mit allem Drumherum, das hat mir schon gefehlt, also jetzt im
Nachhinein denke ich, habe ich das gesucht.
Erzählerin:
"Die Freundschaft tanzt um die Welt und fordert uns alle auf, aufzuwachen zum Preis
der Glückseligkeit", schrieb der Philosoph Epikur in der Antike. Die meisten Männer
von heute befinden sich allerdings noch im Dornröschenschlaf: Nur vierzehn Prozent
gaben in der Studie des Instituts für Rationelle Psychologie an, einen Freund zu
haben, auf den sie sich wirklich verlassen können. Die anderen 86 Prozent brauchen
wohl noch einen Weckruf, um zur Glückseligkeit zu gelangen.
Das kann ein Paukenschlag wie ein plötzliches Einsamkeitsgefühl in einer Krise sein
- oder auch nur der Mut, leise Töne anzuschlagen und ohne Kampfgeheul auf andere
Männer zuzugehen.
Christian:
Mir hat ein (lacht) einer meiner besten Freunde ein Geschenk gemacht vor zwei
Jahren, das ist diese Kette hier, ja, bedeutet mir doch irgendwas, ne. Also ich trag sie
regelmäßig, aber wenn sie mir nicht gefallen würde, würde ich sie wahrscheinlich
auch nicht tragen, ja, das war schon eine nette Geste. Aber ich glaube, das ist auch
das einzige Mal, dass mir einer was geschenkt hat. (lacht)
Bernd:
Also wir haben jetzt zum Beispiel ein gemeinsames Opern-Abo. Wobei ich da
allerdings sagen muss, das ist eine Initiative der Frauen, und wir haben da nicht
richtig aufgepasst (lacht). Und von daher hängen wir da jetzt mit am Haken, aber das
hat zum Beispiel die Konsequenz, dass der eine, der sich völlig geweigert, da
überhaupt einzusteigen, unterdessen mitkriegt, dass das nette Abende sind, und er
jetzt so ein bisschen traurig ist, dass er nicht dabei ist. Weil man eben hinterher auch
noch irgendwo was trinken geht.
10
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Seele and Geist
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