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06-14-11-Ich sag dir mal was.rtf - SWR

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Ich sag‘ dir mal was!
Der laute Dialog mit sich selbst
Autorin:
Regina Burbach
Redaktion:
Nadja Odeh
Sendung:
Dienstag, 14.06.11 um 10.05 Uhr in SWR2
___________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
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1
MANUSKRIPT
Umfrage:
Mann: Manchmal quatscht mir irgendwie was rein.
Frau: Pssst!
Mann: Irgendwas stimmt da nicht. (lacht)
Mädchen: Dann stell’ ich mir die Situation vor.
Mann: Da fehlt noch was.
Mann: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einer nicht tut.
Mädchen: Das mach’ ich dann auch laut.
Mann: Bin das jetzt ich?
Mann: Und nicht irgendwer.
Frau: Und das ist ganz hilfreich.
Dietrich Dörner:
Diese Selbstgespräche, das ist eigentlich der kreative Gebrauch der Sprache, einer
der Hauptmotoren der menschlichen Flexibilität, der menschlichen Autonomie und
der menschlichen Freiheit.
Atmo: Straßenverkehr
Autorin:
Selbstgespräche. - Der da jetzt, der da, rechts, in dem Wagen auf der Nebenspur. Er
dort, ich hier, auf Augenhöhe dahin schleichend auf den zwei von vier Spuren. Auf
den anderen flitzen die Autos vorbei. Er redet. Und merkt nicht, dass ich zu ihm hin
sehe. Da ist kein Knopf in seinem Ohr, kein Mikrofonbügel vor dem Mund, nein, er
telefoniert nicht, er spricht mit sich selbst, laut, so wie’s aussieht, lächelt sogar. Und
merkt immer noch nicht, dass ich ihm zusehe. Und jetzt, jetzt macht er eine
Handbewegung -Finger aufgestellt und gespreizt-, als würde er sagen: „Wär’s das?
Ich denk’, das wär’s also“. Angespannt sieht er nun aus. Und gleich löst sich der
Stau auf unseren Spuren. Schade, ich hätt’ gern sein Gesicht gesehen, wenn er sich
beim Selbstgespräch ertappt weiß.
Es heißt, fast alle führten wir Selbstgespräche, die Einen in Gedanken, die Anderen
laut. Und um diese lauten Dialoge mit sich selbst soll es hier gehen, denn die haben
eine ganz besondere Qualität. - Der Fahrradfahrer:
Christoph B.:
Manchmal quatscht mir was rein … Also erst mal gibt’s eine Frage. Eine Frage, die
mich betrifft.
Autorin:
Christoph Backes.
Christoph Backes:
Also wenn mich wirklich was richtig beschäftigt, und ich auf dem Fahrrad fahre und
mit mir Monologe führe, dann kann’s schon mal sein, dass - wie so ein Schauspieler
- ich dann mich ertappe, dass ich auch laut mit mir selber diesen Text dann sprech’.
Dann sprech ich das aus, und dann erschreck’ ich, dass ich das ausgesprochen
hab’, und dann merk’ ich, wie tief ich in Gedanken versunken bin.
2
Autorin:
Er begann seine Laufbahn als Wirtschaftswissenschaftler und Schauspieler, und
gründete das Junge Theater Bremen. Jetzt ist er Geschäftsführer von Creative
Business Consult und den „Ideenlotsen“ in Bremen, einem Coaching-Programm für
Kleinunternehmer der Kreativwirtschaft.
Christoph Backes:
Wir machen ja Unternehmer-Entwicklung, wir helfen kreativen Menschen
Unternehmer zu werden. Und wenn sie schöpferisch tätig sind, dann haben sie
Umgang mit Kräften, die nicht nur rational sind. Und wenn man mit diesen Menschen
beratend tätig ist, dann muss man immer hinterfragen: Wie denkt jemand, der so
denkt? Aus welchen Quellen schöpft er? Ist er selber derjenige, der denkt, oder ist er
ein Getriebener? Und da hat man mit widerstreitenden Selbstgesprächszusammenhängen zu tun. Gerade dieses Ökonomische und das Künstlerische sind zwei
Gegenpole, die sehr stark im Widerspruch mit einander arbeiten.- „Darf ich Geld
verdienen, oder verlier’ ich meine Kreativität, wenn ich Geld verdiene“. - Das sind
zum Teil innere Selbstgespräche, wo wir den Leuten helfen, mit uns gemeinsam
darüber zu reden.
Autorin:
Und seine eigenen Selbstgespräche, wie laufen die ab, und zu welchen Anlässen
spricht er mit sich?
Christoph Backes:
Immer, wenn’s Fragen gibt, die einen sehr stark betreffen. Da gibt’s eben so was, wo
plötzlich so ein Bauchgefühl dazu tritt. Also irgendwie denkt man, hm, irgendwas
stimmt da nicht, da fehlt noch was, so. Und dann beginnt so ein inneres Lamentieren
und Durchkneten, warum hab’ ich da jetzt so ein Gefühl. Wie kriege ich raus, was
mich stört? Und dann fängt so ein Prüfzusammenhang an, wo hat’s ähnliche
Entscheidungssituationen gegeben hat und wie hab’ ich sie getroffen. Und da sich in
höchstem Maße alles, was war, extrem nüchtern anzuschauen. Und deswegen gibt’s
diese ganzen Erfahrungsmomente, die sich melden, aus der Vergangenheit, und die
Hoffnungsmomente aus der Zukunft, die sich melden und sagen: Du willst doch
eigentlich da-und-da hin, und bist noch auf dem Weg, und so.
Autorin: Redet der denn auch so? Ja, der redet so. Das ist eine Stimme, die ganz nüchtern versucht, alles zu bewerten.
Und dann gibt es eben auf der anderen Seite eine Stimme, die sagt: „Ach komm, ist
doch ganz egal wie, mich zieht’s doch da hin, dann machen wir das halt jetzt so.“
Also so die letzte Instanz ist diese widerstreitende Stimme, die überhaupt nicht
rational ist, die dann sagt: das ist es jetzt.
Atmo: Gemurmel im Saal
Autorin:
Es ist ganz viel, was wir immerzu mit uns selbst erörtern müssen. Hier im Saal sind
rund 200 Menschen. Wenn sie alle ihre sonst im Geheimen geführten
Selbstgespräche öffentlich von sich geben würden, dann könnte sich das so wie jetzt
anhören.
Dietrich Dörner:
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einer nicht tut.
3
Autorin:
Dietrich Dörner, emeritierter Professor an der Universität Bamberg, erforscht seit
vielen Jahren die Handlungsweisen von Menschen, warum sie Dinge tun und andere
nicht tun und wie sie sie tun.
Ich würde doch zu gerne wissen, von einem Menschen wie Ihnen, der so gut
Bescheid weiß über menschliches Handeln, über die menschliche Seele und so
weiter - worüber haben Sie denn zuletzt ein Selbstgespräch geführt?
Dietrich Dörner:
Zuletzt? - Das geht bei mir eigentlich ständig. Also ich führe ständig Selbstgespräche
und, na ja, das letzte ist sehr unspektakulär für Sie, das betraf die Frage der Lösung
eines Programmierproblems, und zwar die Frage, wie man ein künstliches System
dazu bringen kann, dass es ein Protokoll seines Verhaltens anlegen kann. Darüber
hab’ ich mich heute Nacht mit mir selber anderthalb Stunden unterhalten. Also das
System soll lernen, sich selbst zu reflektieren. Man könnte sagen, es soll lernen, mit
sich selbst Selbstgespräche führen zu können.
Autorin:
Was ist es denn eigentlich, wenn Menschen mit sich selbst reden, wer spricht denn
eigentlich da mit ihm oder mit ihr?
Dietrich Dörner:
Na ja, letztens Endes geht es wohl meistens so, dass Leute sich in zwei Parteien
aufteilen, gewissermaßen der Staatsanwalt und der Richter, oder der Staatsanwalt
und der Angeklagte, und ich sage mir beispielsweise: Na ja, vielleicht solltet ihr doch
in diesem Jahr nach Frankreich in Urlaub fahren. Und dann sagt der andere: Nee,
nee, ach Frankreich, lieber Himmel, da ist es im August so voll und überhaupt ist es
so heiß dort, warum nicht lieber nach Schweden? - Also das ist dann der
Gegenanwalt. Und ich diskutiere auf diese Art und Weise einen Konflikt aus. Ich
simuliere gewissermaßen beide Anwälte. Und auf diese Art und Weise bekomme ich
mehr Klarheit.
Autorin:
Mitmenschen erfahren ja selten genau, was in den Selbstgesprächen anderer so
gesagt wird, auch in der eigenen Familie, außer vielleicht mal zufällig ein paar Worte,
Zusammenhangloses meist. Möchten Sie mal hören?
Atmo: Tür geht auf
Christoph Backes:
Wir wollten doch eigentlich in diesem Haus hier Ordnung halten. Warum klappt das
nicht? Wer von Euch macht mir denn hier das Leben schwer, Jungs? So, und dann
können die sich alle melden.
Atmo: Tür zu
Ah, wo ist denn der Zimt? - Mist, der muss hier doch irgendwo sein.
4
Kim Kaya:
Es gibt unterschiedliche Situationen, in denen ich so einen Dialog benutze. Also es
gibt so was, wo ich Sachen suche, wo ich dann anfange, laut mit diesen Sachen zu
reden, dass sie schneller auftauchen sollen. Also so kleine Dinge. Und dann gibt es
aber auch Dialoge, die irgendwie bedeutsamer sind, wo das tiefer geht.
Autorin:
Kim Kaya arbeitet als Verkehrspädagogin und ist Musikerin, schreibt eigene Songs,
singt, und begleitet sich auf Akkordeon oder Klavier. Ich hatte einen Song von ihr
gehört, und dessen Text kam mir vor wie ein Selbstgespräch. Ich dachte, vielleicht ist
er ja sogar im Selbstgespräch entstanden.
Kim Kaya:
Er hat nicht direkt etwas mit Selbstgesprächen zu tun, es ist eher so ein Gefühl, was
aber in die Richtung geht. Dieses Lied fängt ja so an:
„Ich bin am liebsten für mich da
mit all meiner Liebe und all meinem Geld
ich bin bekannt und berühmt
ein 1-Zimmer-Star“.
Und es geht da um diese Beziehung mit mir selber, ja, dass ich mir selber den Raum
gebe, um mehr ich zu werden.
Autorin:
Und das ist aber auch das, was die Selbstgespräche bewirken?!
Kim Kaya:
Ja. Es verleiht einer kleinen Stimme in mir größeren Raum draußen.
Und das ist ganz hilfreich. Ein Beispiel? - Ich glaube, es ist besonders in Situationen,
wo es mir nicht so gut geht. Da nutz’ ich das ganz oft, das Selbstgespräch. Wo ich
mir selber damit Trost gebe und so was sage wie: Ach, wird schon alles wieder gut,
ist nicht so schlimm, Kim, das schaffst du schon. Oder wenn ich auch mich ärgere
über irgendwas oder irgendwen, wo ich dann laut vor mich hin schimpfe, und das
dann irgendwie besser los werde oder überhaupt besser fühle, weil ich es
ausdrücke. Und dass ich mehr dahinter komme, was da eigentlich noch ist, hinter
dem einen Gefühl verstecken sich ja oft noch andere Gefühle und - mir hilft es. Mir
hilft es irgendwie, authentischer zu werden.
Autorin:
Als Kinder haben wir ganz ungehemmt mit uns selbst geredet, egal, ob es jemand
hörte.
Christoph Backes:
Und dann erschreck’ ich, dass ich das ausgesprochen hab’, und dann merk’ ich, wie
tief ich in Gedanken versunken bin.
Autorin:
Wir waren so versunken wie Christoph Backes beim Radfahren. Jetzt aber, wo wir
keine Kinder mehr sind, erschrecken wir, wenn wir merken, dass wir laut mit uns
reden. Und wenn andere es mitbekommen, ist es uns peinlich. Abgesehen davon,
dass nicht alle Welt wissen muss, was wir uns zu sagen haben, erschreckt uns auch
- und vielleicht mehr noch - die Tatsache, dass unsere Selbstkontrolle aussetzt.
5
Man kann ja oft nicht mal sagen, ob man jetzt drei Sekunden laut mit sich
gesprochen hat oder zehn oder mehr.
Stella:
Ja, ich hab schon mit meinem Puppen und so geredet, auch laut. Ja, also, ich
brauch sie ja jetzt auch gar nicht mehr, ich mach’ ja andere Sachen.
Autorin:
Das ungehemmte Mit-sich-selbst-reden beim Versunkensein im Spiel geht schnell
vorbei. Stella, elf Jahre alt.
Stella:
Normalerweise führe ich nicht so oft Selbstgespräche, eher wenn ich halt im Konflikt
mit jemand anderem bin. Ja, dann denk’ ich mir halt schon so aus, was ich sagen
möchte, und das mach’ ich dann natürlich auch laut, und ich rede auch eher mit mir
allein, wenn niemand anderes da ist.
Autorin: Wo machst du das dann, wo redest du mit dir selbst? Normalerweise in meinem Zimmer, auf meinem Bett. Und dabei guck’ ich mir dann
meistens die Uhr an.
Autorin: Und dann redest du aber. Ja, dann rede ich aber. Entweder mit der Uhr, also auf der Uhr sind so viele Tiere,
und dann kann ich ja mit der Uhr reden oder mit den Tieren darauf.
Autorin: Und was würde ich dann hören? Wenn jetzt zum Beispiel ich einen Konflikt mit meiner Freundin habe, rede ich mit mir
selber und zum Beispiel, wenn ich jetzt mit meiner Freundin sozusagen reden würde,
würde ich nur meinen Text sagen, also, das, was ich ihr sagen wollte, und ihre
Sachen würd’ ich mir halt im Kopf denken. Und dann könnte man zum Beispiel
hören: „Martina, tut mir leid“, so heißt sie nämlich.
Atmo: Gemurmel im Saal
Autorin:
Selbstgespräche - Wer tut das, wie viele Menschen tun das, zu welchen
Situationen?
Dietrich Dörner:
Also ich weiß es nicht genau. Ich denke, dass es schon Leute gibt, na ja, ich möchte
fast sagen, dann auf einer fast hinter die menschlichen Möglichkeiten
zurückgehenden Weise lebt, wenn er nicht mit sich spricht. Denn mit sich selbst
sprechen, das heißt letzten Endes Denken. Nicht alles Denken ist nur Sprechen. Das
Denken hat viele unbewusste Anteile. Aber man stößt das Denken durch das mit
sich selber Sprechen an. Beispielsweise, wenn man nicht weiß, wie man eine
bestimmte Sache machen soll, wie man einen Vortrag halten soll oder eine
Vorlesung halten soll, dann ist es ganz gut, wenn man sich abends hinsetzt, nimmt
sich ein großen Bogen Papier, plappert so vor sich hin, schreibt sich’s auf, macht
Diagramme, macht Pfeile und so weiter. Und kriegt ein fürchterliches Wirrwarr von
allen möglichen Idee und Verlaufsmöglichkeiten, und dann geht man schlafen, am
nächsten Morgen wacht man auf und hat zumindest ein besseren Konzept als am
Abend, es ordnet sich.
6
Autorin: Ich muss gerade lachen, denn das passiert manchmal tatsächlich. Ja das hoffe ich. Das passiert den allermeisten Menschen. Wenn man in den
Vorlesungen fragt, wem das so geht, dann melden sich Dreiviertel der Studenten.
Diese Selbstgespräche, das ist eigentlich der kreative Gebrauch der Sprache. Indem
man mit sich selbst diskutiert, und selber auf diese Art und Weise, Dinge, die man
macht, bezweifelt, richtig stellt, verbessert. Diese Selbstgespräche sind einer der
Hauptmotoren der menschlichen Flexibilität. Auf diese Weise werde ich flexibel,
indem ich mich frage, beispielsweise, die berühmte Lichtenberg’sche Frage: „Kann
es nicht auch ganz anders sein?“ Und das ist die Art und Weise, mehr Aufschluss zu
erhalten über das, was man will oder nicht will. Und das ist dann ein Mehr an
Selbstkenntnis und größere Freiheit.
Kim Kaya :
Ich finde es ganz spannend, ich wohne ja in einer WG und eine von meinen
Mitbewohnerinnen, die macht das auch viel mit sich selber, und da hab ich das
schon öfter mitgekriegt, und ich fand das immer sympathisch, oder ich finde das
einfach sympathisch an ihr. Das ist oft dann so ein „Hmhmhm“, so ein Vor-sich-hinbruddeln irgendwie, aber auch, dass sie dann laut mit sich selber spricht, manchmal
- ich mag das. Das sind oft auch so kleine alltägliche Dinge wie zum Beispiel: „Ach,
wo ist denn jetzt der Schlüssel, ich hab den doch hier hingelegt. Ich muss los, oh
mann.“ - Also so eher, einfach das rauslassen, was einen gerade beschäftigt in der
Situation. Ja, es hilft mir, diese verschiedenen Teile in mir - ich glaube, dass jeder
Mensch ganz viele verschiedene Teile hat in sich, die sich zum Teil widersprechen
oder die sich streiten oder die sich aber auch unter einander unterstützen.- Und
diese verschiedenen Teile, ich hab das Gefühl, dass ich eben irgendwie ‘ganzer’
oder irgendwie mehr eins werde, wenn ich die mehr auch ausdrücke und raus lasse.
Christoph Backes:
Also diese widerstreitenden Naturen in Entscheidungssituationen können einen ja
wirklich auch beschädigen. Jeder, der so eine Entscheidung schon mal gefällt hat,
irrational was zu entscheiden: Schauspieler zu werden oder auszuwandern oder sich
ganz verrückt zu verlieben - das hat halt Konsequenzen. Und danach prüft man
möglicherweise, ob man sich das alles noch mal antun will. Also diese
widerstreitenden Kräfte, die haben ganz viel mit einander zu tun, mal setzt sich der
durch und mal der andere, und es geht um das Aushandeln der Balance.
Oder in einer bestimmten Phase hatte ich wirklich Angst, dass ich schizophren
werde. Und dann hab ich gedacht: Komisch, irgendwie gibt es aber eine Instanz, die
die beiden mitkriegt. Also sind wir ja zumindest schon mal zu Dritt. Also ich kann auf
keinen Fall schizophren sein. Und dass der, der mitkriegt, dass es diese Stimmen
gibt, der ist irgendwie der Wichtigste. Der muss sagen: Okay, ich hab’ hier ein
Ensemble, ich bin hier der Theaterdirektor, ich entscheide, was hier gespielt wird,
und nicht ihr.
Autorin:
Je nach Thematik der Selbstgespräche ändern sich ihr Ton, der Verlauf und die
ganze Art des Gespräches. Es ist ja auch etwas anderes, ob Konflikte mit anderen
Menschen besprochen werden oder wie man seine Arbeit in den Griff bekommt.
Stella:
Dann würde ich eher nur sagen: „Stella, los, jetzt mach’ mal Hausaufgaben“, oder
„Komm, jetzt mach’ den CD-Player aus“.
7
Autorin: Ach du bist, wenn du Hausarbeiten zu machen hast oder so, dann bist du,
dein eigenes Regulativ, also jemand, der dir dann sagst, was du tun sollst? Ja genau. Dann überrede ich mich sozusagen, nicht mit mir zu diskutieren, und ich
muss dann einfach gleich die Hausaufgaben machen, ja.
Autorin: Gibt es auch eine Stimme hin und wieder, die sich dagegen auflehnt? Ja natürlich gibt es die, aber die sprech’ ich nicht laut aus, sondern ich sprech’ nur
das laut aus, was ich jetzt eigentlich tun soll, und natürlich denk’ ich, ja, es wär’ jetzt
viel schöner wenn ich jetzt irgendwie draußen was machen könnte oder weiter CD
hören könnte, aber, um das halt nicht zu machen, sondern um die Hausaufgaben zu
machen, sprech’ ich nur die aus.
Autorin: Du gibst ihr nicht das Recht, laut zu sein. Nee.
Atmo: Tür zu
Christoph Backes:
Wer spricht denn mit wem, wenn man mit sich selber spricht? Und da rauszukriegen:
Bin das jetzt ich?
Autorin:
Man könnte auch denken: Na wer denn sonst? - Lässt man aber die eigenen
Selbstgespräche Revue passieren, dann merkt man vielleicht, dass man oft
Argumente bringt, die gar nicht die eigenen sind, sondern antrainiert oder angewöhnt
oder den vermeintlichen Pflichten geschuldet. Und dann liegen solche Fragen nahe
wie Christoph Backes sie sich stellt, wenn er Unternehmer berät, wie er anfangs
erzählte:
Christoph Backes:
Ist er selber derjenige, der denkt, oder ist er ein Getriebener?
Autorin:
Oder sie?- Ob geschäftlich oder privat ist es doch also gut, sich klarzumachen, dass
man nicht immer rational ist, und auch nicht im Selbstgespräch, und man deshalb
auch im eigenen Selbstgespräch womöglich nicht immer sich selbst heraushört.
Christoph Backes:
Die Irrationalität zuzulassen und ganz normal, so wie wir das jetzt machen, darüber
zu reden, das finde ich total gut und wichtig, und darüber mal nachzudenken: Wer
spricht denn mit wem, wenn man mit sich selber spricht.
Ich hab das Gefühl, dass das sehr bei mir ist. Also das bin auch ich und nicht
irgendwer. Manchmal quatscht mir irgendwie was rein, also, jeder hat ja irgendwas,
was einen bestimmt, und das muss man erstmal prüfen, also bin ich jetzt besonders
eitel oder verletzt, gekränkt, und zwar da rauszukriegen, bin das jetzt ich, oder ist
das eine Kraft, die auf mich wirkt, die erstmal gar nicht so sehr mit mir etwas zu tun
hat, sondern ne starke Versuchung hat, also wie, eben, ne Eitelkeit.
Autorin:
Besonders bei komplexeren Aufgaben können Selbstgespräche sehr von Vorteil
sein. Professor Dietrich Dörner hat beispielsweise Untersuchungen mit
Ingenieurstudenten durchgeführt, die eine bestimmte Konstruktion herstellen sollten.
8
Die eine Gruppe war aufgefordert worden, bei der Lösung der Aufgabe mit sich
selbst zu sprechen, die andere nicht.
Dietrich Dörner:
Es zeigte sich ganz einfach, dass die Leute, die Selbstgespräche führten, viel mehr
der Seitenaspekt, der Vorteile und der Nachteile der einen oder anderen Lösung mit
sich selbst diskutierten, und aufgrund dieser Tatsache die besseren Lösungen
brachten. Also ehrlich gesagt, ich wüsste kaum einen Bereich, in dem das nicht der
Fall ist. Man sollte sich immer mal zurücklehnen und sagen: Was machst du?
Warum machst du es so? Warum nicht anders? Pausen einschalten und sich
selbstkritisch betrachten bei dem, was man macht.
Autorin:
Manche Leute sprechen im Selbstgespräch nur mit sich, andere mit ihrem Chef, mit
Kollegen, dem Kind, der Freundin, dem Freund, der Frau, dem Mann.
Ist das dann dasselbe, kann man sagen, das ist ein Selbstgespräch?
Dietrich Dörner:
Ja doch, es ist ein Selbstgespräch, ich rede ja nicht wirklich mit meinem Ehemann,
sondern mit meiner Idee von meinem Ehemann. Aber ansonsten, warum soll man
sich nicht auf den Standpunkt des anderen einstellen und versuchen, dessen
Argumente einfließen zu lassen. Das ist unter Umständen sogar eine sehr
vernünftige Methode, um frei zu werden von den eigenen Voreinstellungen - so man
die richtigen Bilder hat von dem anderen.
Autorin: Ja aber das kann man nie wissen, ob man den andern richtig sieht, nicht? Man kann nie wissen, ob man recht hat. Das gilt ganz generell für alles auf der Welt,
aber es bringt trotzdem weiter. Es bringt weiter, weil man andere Aspekte sieht, und
aus dem eigenen Musstopf herauskommt. Das ist der ganz entscheidende Punkt. Es
ist natürlich gut, wenn das Bild möglichst realitätsgetreu ist. Wir haben immer die
Tendenz, uns die Welt nach den eigenen Wünschen einzufärben, affirmativ
wahrzunehmen, als wäre die Welt genauso wie wir meinen, dass die Welt sein
müsste, und das gilt auch für Ehemänner und Kinder. Und das ist eine günstige
Methode, um sich selbst weiterzubringen, also diese Gegenperson nicht als
abstrakten Anwalt auftreten zu lassen, wie wir das vorher gesagt hatten, sondern als
ganz konkrete Person - als Chef, Freund, Feind, als Ehemann, Kind und so weiter.
Autorin:
Ganz gleich wie man im Detail mit sich redet, was man sich von den längeren
Selbstgesprächen fast immer wünscht, ist Aufschluss über etwas, über das eigene
Handeln oder wie man schwierige Aufgaben lösen kann oder Konflikte.
Das Sprechen mit sich selbst räumt den Kopf auf. In Gedanken mit sich reden geht
natürlich auch, allerdings verkürzt man da gern, man ‚sagt’ nicht alles. Und deshalb
ist das gedankliche Selbstgespräch meist oberflächlicher als das laut Gesprochene.
Auf jeden Fall ist es von Nutzen, die Selbstgespräche in einem wesentlichen Punkt
gut vorzubereiten:
Dietrich Dörner:
Versuche, dir möglichst konkrete Kontrahenten zu suchen bei deinen
Selbstgesprächen, also Leute, die eine dezidiert andere Auffassung von der Welt
haben als du, so dass du wirklich Contra kriegst bei deinen Selbstgesprächen und
eben nicht nur im eigenen Mustopf sitzt.
9
Wenn man beispielsweise an schwierigen Aufgaben dran ist, dann mag man gerne,
wenn man eine treue Gefolgschaft hat, die alles genau macht, was man sagt. Aber
günstiger sind dann Leute, die einen ärgern, die sagen: Hör mal’, warum machen wir
das denn so?
Um jetzt in meinem Bereich zu bleiben: Warum programmierst du in Delphi, das ist
doch viel besser, du machst das in C-Plus-Plus. Das will man gar nicht gern hören,
wenn man festgelegt ist. – Es ist egal, ob wir von Programmiersprachen sprechen
oder sonst was. - Lieber Himmel, wenn wir jetzt umstellen, das kostet ja, und lohnt
sich das wirklich? Schwere Entscheidung. Und da sind besser Leute, die sagen:
Lieber Herr Dörner, ich versteh’ ja ihre große Vorliebe für Ihr seit 40 Jahren
betriebenes Programmieren in Pascal, aber das taugt einfach nichts.
Autorin: Sagen Sie, haben Sie denn jetzt auf sich gehört? Ich bin noch dabei.
Autorin: Also so einfach ist es nicht!? Nein, nein, überhaupt nicht. Aber wenn man nur Leute hat, die Jasager sind -die
sehr beliebt sind, Sie wissen ja, man kommt durch nichts besser voran als durch
Schmeicheleien.
Autorin: Meinten Sie jetzt die reale Welt oder die Selbstgespräche-Welt? Ich meine das für die reale Welt und die Selbstgespräche-Welt. Also das
Selbstgespräch ist nur dann wirklich tauglich, wenn man sich selbst gegenüber nicht
loyal ist. Naja, diese Frage von Georg Christoph Lichtenberg: „Bedenke, dass es
immer auch ganz anders sein kann“ - nicht muss, aber kann.
Die Autorin dankt den Mitwirkenden
Literaturtipps:
Dietrich Dörner
Bauplan für eine Seele
Rowohlt Verlag Reinbek 2001
832 Seiten für 14,95 Euro
ISBN 978-3-499-61193-7
Dietrich Dörner
Die Logik des Misslingens
Strategisches Denken in komplexen Situationen
Rowohlt Verlag Reinbek 1989
352 Seiten für 9,99 Euro
ISBN 978-3-499-61578-9.
10
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