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Bäuerin im Rollstuhl – was nun? - Neues Land

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FRAUENSACHE
Freitag, 21. Juli 2006
13
Bäuerin im Rollstuhl – was nun?
Von Renate Prettner
Immer wieder passieren Arbeitsunfälle, die einen Menschen komplett unvorbereitet aus dem
Alltag reißen. Eine große und schwierige Herausforderung für den Betroffenen und die Umwelt.
ie es bei den meisten
landwirtschaftlichen
Betrieben der Fall ist,
wird viel und hart gearbeitet
und alles bis aufs Letzte optimiert. Jeder der Familie hat sein
fixes Betätigungsfeld, ein perfekter Haushalt, großer Garten mit
viel Gemüse, die Bäuerin unabkömmlich vom Betrieb, und
Zeit für Kur oder Urlaub gibt es
sowieso nicht. So war es auch
bis zum Herbst des vorigen Jahres bei Familie Zinggl aus dem
oststeirischen Dechantskirchen.
W
Schicksalsschlag
Doch mit dem 14. Oktober
2005 war alles anders. Katharina Zinggl, eine aktive Vollerwerbsbäuerin, die sowohl für
den Haushalt als auch für die
Außenarbeit und im Stall zuständig war, hatte plötzlich einen Unfall. Die 42-Jährige wollte Äpfel vom Baum pflücken.
Eine Arbeit, die sie nicht zum
ersten Mal machte, doch das
wurde ihr zum Verhängnis. Sie
fiel zirka 2,5 Meter von der Leiter. Diesen Tag und diese erlebten Augenblicke wird sie wohl
nie mehr in ihrem Leben vergessen. „Ich konnte nichts bewegen. Keine Füße, keine Arme
und schon gar nicht den Körper, aber ich war bei vollem Bewusstsein. Ich musste dort ungefähr eine dreiviertel Stunde
warten, bis Andreas, einer meiner Söhne, von der Schule heim
gekommen ist“, erinnert sie sich
zurück. Der Mann half zu dieser Zeit beim Silieren bei ihrem
Elternbetrieb. Der Schwiegervater schnitzte in der Werkstatt
und bemerkte nicht, was passiert war. Andreas verständigte
sofort den Vater und den Notruf
und brachte seiner Mutter eine
Decke zum Wärmen. Innerhalb
kürzester Zeit waren Notarzt
und der Rettungshubschrauber
zur Stelle.
Noch am selben Tag wurde sie
im UKH operiert. Diagnose: inkompletter Querschnitt. Große
Ungewissheit, ob sie sich jemals
wieder bewegen kann oder ab
nun ein Leben als querschnittgelähmte Frau verbringen muss.
Auch die Ärzte konnten keine
konkreten Aussagen machen,
abwarten war die Devise. Die
Hoffnung lag darin, dass das
Rückenmark nur geknickt und
nicht völlig durchtrennt worden war. Nach der Operation
sahen die Ärzte, dass sich eine
Zehe bewegte. Das war ein gutes Zeichen! Große Schmerzen
und schlaflose Nächte bereiteten ihr anfangs Gefühle, in ihrer eigenen Haut nicht Platz zu
haben. „Es war, als ob jemand
einen Gürtel um meinen Körper
ganz fest zusammenziehen würde, einfach schrecklich.“
Die ersten drei Wochen verbrachte Katharina Zinggl im
UKH, wo sie nur am Rücken lag.
Auf jegliche Hilfe angewiesen,
musste sie gefüttert und gewaschen werden und bekam einen
Katheder eingesetzt. Sie konnte auch nicht läuten, wenn sie
die Krankenschwester brauchte,
da sie ja die Hände nicht aufheben konnte. Eine prägende Erfahrung, was es eigentlich bedeutet, wenn man komplett auf
fremde Hilfe angewiesen ist und
sich selbst nicht helfen kann.
„Ich habe mich nie aufgegeben.
Mein Mann besuchte mich jeden zweiten Tag und gab mir zu
essen – das gab mir zusätzlich
Kraft“, erzählt die starke und
kämpferische Frau.
Rehabilitation
Nach dem Krankenhausaufenthalt wurde sie nach Tobelbad
zur Rehabilitation überstellt, wo
sie insgesamt mehr als vier Monate verbrachte. Bereits nach
zwei Wochen konnte sie endlich
ihre Finger und Zehen bewegen.
Täglich machte sie Fortschritte!
Voll motiviert startete sie Anfang Dezember die ersten Gehversuche. Auch schon vor ihrem
Unfall bemitleidete Katharina
Zinggl Menschen im Rollstuhl.
Nur, was es tatsächlich heißt,
darin zu sitzen, kann sie erst
jetzt so richtig nachvollziehen.
Die Muskeln hatten komplett
abgebaut, sie musste jede Bewegung neu erlernen. Sie musste lernen, wieder zu greifen, und
konnte es kaum erwarten, sich
endlich selbst und ohne Hilfe
anzuziehen. Ein großer Erfolg
war auch, alleine auf die Toilette
gehen zu können! Am 15. März
durfte sie nach Hause und begann somit einen neuen Lebensabschnitt. Die Hauswirtschaftsmeisterin geht heute wieder flott
passiert wie bei mir, muss es
auch anders gehen!“
Zeit der Abwesenheit
Gewisse Arbeiten kann Katharina Zinggl nach ihrem folgeschweren Unfall schon wieder selbst verrichten. Der Garten ist ein großes Liebkind von
ihr.
Foto: Prettner
über ihren Hof, kocht wieder für
ihre Familie und freut sich über
das Gelingen einer Biskuitroulade, was vor Wochen noch undenkbar war.
„Es geht alles sehr langsam,
und bei gewissen Dingen brauche ich nach wie vor Hilfe, da die
Feinmotorik noch nicht ganz in
Ordnung ist. Somit schälen eben
meine Männer die Kartoffeln und
schneiden mir den Zwiebel, aber
auch das werde ich noch schaffen. Vor allem die rechte Hand
ist noch ziemlich starr und unbeweglich. So passiert es einfach,
dass mir manchmal etwas durchrutscht und hinunterfällt.“ Eines
Morgens machte ihr Sohn dazu
eine nette Bemerkung: „Wenn‘s
tscheppert in der Küche, ist wenigstens jemand da – und das ist
ein gutes Zeichen!“
Momentan besucht sie regelmäßig die Physiotherapie, denn
ihr oberstes Ziel ist es, so gesund
wie möglich zu werden und zukünftig mehr für sich selbst zu
tun. „Ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen, und möchte dies
auch anderen Bäuerinnen nahe
legen. Man soll sich nicht einbilden, unabkömmlich zu sein.
Spätestens dann, wenn so was
Wer verrichtete eigentlich ihre
Arbeit in diesen fünf Monaten Abwesenheit? „Ich bin neben meinem Mann, unseren drei
Söhnen und dem Schwiegervater die einzige Frau am Betrieb.“
Das bedeutete für die Männer
einiges an Umorganisation und
Planung, damit es trotzdem täglich ein warmes Mittagessen gab
und alle frische Wäsche hatten.
Lächelnd bemerkte sie, dass die
fünf Herren daheim viel selbständiger wurden beziehungsweise werden mussten. „Wir
holten uns Betriebshilfe vom
Maschinenring, unsere Nachbarn haben uns tatkräftig unterstützt, und die Geschwister beiderseits haben fleißig mitgeholfen“, fügt der Mann Johann hinzu. „Große Hilfe war auch Elisabeth, die Freundin unseres Hofübernehmers. Sie hat oft vorgekocht, damit die Männer die
Woche über verpflegt waren.“
Auch beim Heimkommen war
es für Katharina Zinggl sehr beruhigend zu wissen, dass jemand
da ist, der ihr bestimmte Arbeiten abnimmt. Denn es ist durchaus eine große nervliche Belastung, wenn man sieht, was es
alles zu verrichten gibt, aber es
nicht oder nur begrenzt und viel
langsamer schafft. Zur Arbeitserleichterung wurde heuer auch
ein Rasenmäher gekauft - vorher
war das Mähen rund ums Haus
Katharinas Aufgabe mit der Sense. Da das Aufhängen der Wäsche noch sehr mühsam und beschwerlich für ihre Finger ist,
wurde in einen Wäschetrockner
investiert. „Den Krautgarten,
wo ich immer Erdäpfel, Kraut
und sonstiges Gemüse angebaut
habe, gibt‘s heuer auch nicht.
Und obwohl ich gerne viele Blumen rund ums Haus mag, habe
ich diese etwas reduziert, damit
ich‘s leichter schaffe!“
Der Glaube und die Familie
gaben Katharina Zinggl großen
Halt in den schwierigen Situationen. „Ich hätte auch ein Pflegefall bleiben können. Es gibt
wenig Beispiele, wo so viel wieder zurückkommt wie bei mir –
ich hatte einfach Glück und bin
sehr dankbar dafür!“
Bitte beachten Sie, dass die Inhalte (speziell Inserate) dieser Archivseite
zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Gültigkeit mehr aufweisen müssen!
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Seele and Geist
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