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Agnes Jäger: Unterspezifikation am Beispiel des Pronomens was

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Agnes Jäger:
Unterspezifikation am Beispiel des Pronomens was. Zur Grammatik
eines w-Elements.
Magisterarbeit, Univ. Jena 2000.
Zusammenfassung
Ausgehend von der Beobachtung, daß das Pronomen was eine ganze Reihe syntaktischer und
semantischer Funktionen erfüllt, indem es als Relativpronomen, Relativkomplementierer,
Indefinitpronomen und Interrogativpronomen und in so verschiedenen Bedeutungen wie
'welches Ding', 'welcher Sachverhalt', 'wer', 'wieviel', ja sogar in nicht-argumentalen Lesarten
im Sinn von 'wie (sehr)' und 'warum' auftritt, stellt sich die Frage, wie diese Flexibilität, die
was von den übrigen w-Elementen unterscheidet, linguistisch zu erfassen und zu erklären ist.
Die Annahme einer vielfachen Polysemie von was, ist sowohl theoretisch unattraktiv,
da man von etwa einem dutzend verschiedener Lexikoneinträge für was ausgehen müßte, als
auch wenig plausibel, da zwischen den einzelnen Verwendungsweisen offensichtliche
Zusammenhänge bestehen. Zudem ist die beschriebene Flexibilität von was ein Phänomen,
das auch in vielen anderen Sprachen auftritt und sich über verschiedene Sprachstufen hinweg
verfolgen läßt.
Der in dieser Arbeit gewählte Erklärungsansatz basiert im wesentlichen auf der
Annahme, daß was aufgrund seiner Unterspezifikation so vielfältige Funktionen und
Interpretationen annehmen kann. Diese Unterspezifikation besteht zum einen in
morphosyntaktischer Hinsicht: was ist für die Phi-Merkmale Person, Numerus, Genus nicht
spezifiziert, per Default werden ihm die jeweils unmarkierten Werte zugewiesen, so daß es in
syntaktischen Kontexten als dritte Person, Singular, neutrum auftritt. Darüberhinaus besitzt
was kein vollständiges Kasusparadigma. Eine Dativform kommt nicht vor, was kann
entsprechend nicht als Dativobjekt verwendet werden. Die Genitivform wessen ist auf
Konstruktionen beschränkt, die praktisch außer Gebrauch sind.
Was ist auch semantisch unterspezifiziert: es besitzt keine inhärente Restriktion; weder
ist es auf Dinge, noch auf Unbelebtes oder 'Nicht-Menschliches' beschränkt. (Untersuchungen
zum Operatorenstatus bzw. dem was semantisch zugrundeliegenden Operator legen jedoch
möglicherweise die Annahme separater Lexikoneinträge zumindest für relativisches und
indefinites gegenüber interrogativem was nahe.)
Die jeweilige Restriktion von was ergibt sich aus dem Kontext. Für das
Zustandekommen spezieller Restriktionen sind besondere Kontexte nötig, z. B. bestimmte
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Selektionseigenschaften des regierenden Verbs (für die Wieviel-Lesart), ein bestimmter
Satzmodus
(z.
B.
Exklamativ
für
die
Wie-(sehr)-Lesart)
oder
eine
bestimmte
Sprechereinstellung (Überraschung für die Warum-Lesart), damit verbunden spezielle
Tempora und Modi, bestimmte Arten von Prädikaten, eine entsprechende Intonation oder
unterstützend für die nicht-argumentalen Lesarten das Besetztsein der Argumentstellen des
Verbs.
Die 'Umdeutungen' von was sind dabei i. d. R. nicht wirklich äquivalent zu anderen,
semantisch vergleichbaren w-Elementen wie beispielsweise wer, wie (sehr) oder warum. Sie
sind an besondere pragmatische Bedingungen gebunden und z. T. semantisch eingeschränkt:
was in Warum-Lesart referiert etwa im Unterschied zu warum nur auf Gründe im Sinn von
Rechtfertigungen, nicht auch auf Kausalursachen.
Die Zahl der möglichen Interpretationen von was ist begrenzt. Sprachvergleichende
Daten lassen auf eine universelle Menge möglicher Bedeutungen von was schließen. Eine
lokale oder temporale Lesart kommt beispielsweise nicht vor. Möglicherweise liegt dies
daran, daß die beiden nicht-argumentalen Lesarten die pragmatisch gesteuerten DefaultInterpretationen der beiden Satzmodi sind, in denen was auftritt, also des Exklamativ- und des
Fragesatzes, und folglich weitere nicht-argumentale Lesarten nicht zustandekommen können.
Die charakteristischen Restriktionen der syntaktischen Distribution der verschiedenen
Lesarten verweisen auf eine stark-schwach-Unterscheidung im Sinn von Cardinaletti/ Starke
(1999): die nicht-argumentalen Lesarten treten nicht in Koordination oder Isolation auf
(letzteres gilt z. T. auch für argumentale 'Umdeutungen') im Unterschied zur argumentalen
interrogativen 'Standardlesart' und zu anderen w-Elementen. Sprachübergreifend zeigen sich
jeweils vergleichbare distributionelle Beschränkungen für die einzelnen Lesarten. Die
Grundlage der syntaktischen Restriktionen besteht in der defizienten internen Struktur der
schwachen Formen.
(Die Ergebnisse der morphosyntaktischen Betrachtungen legen darüberhinaus nahe, daß
was im heutigen Deutsch, abgesehen von seinem Vorkommen in den weitgehend außer
Gebrauch geratenen Genitivobjektkonstruktionen, generell keine Kasusphrase mehr besitzt,
was möglicherweise auch das Fehlen inhärenter semantischer Restriktionen erklärt, wenn man
diese als Interpretationen des funktionalen Kasusmerkmals auffaßt.)
Um den Mangel an interner funktionaler Struktur auszugleichen müssen schwache
Pronomen in Assoziation mit spezieller funktionaler Struktur im Satz auftreten. (Entsprechend
kommen semantische Restriktionen nicht nur durch eine interne Kasusprojektion zustande,
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sondern auch durch das Auftreten eines Elements an einer besonderen Position in einem
bestimmten Satzkontext, was der Vergleich von was in Warum-Lesart und warum zeigt.)
Was in nicht-argumentalen Lesarten tritt satzinitial in SpecCP bzw. im Spezifizierer
einer der Unterprojektionen (ForceP, EvCP o. ä.) auf und wird dort vermutlich auch
basisgeneriert (- allerdings scheint die Wie-(sehr)-Lesart auch satzintern aufzutreten). Im
Unterschied dazu wird argumentales interrogatives was in einer Argumentposition des Verbs
basisgeneriert und wird anschließend nach SpecCP bewegt oder verbleibt in situ, so z. B. in
Mehrfach- und Echo-Fragen. Auch was in der Verwendung als Indefinitpronomen steht in
situ. Als Relativpronomen muß sich was ähnlich wie in seiner Funktion als
Interrogativpronomen an die Satzspitze bewegen. Auch indefinites und relativisches was wird
als Argument des Verbs basisgeneriert (bzw. als Komplement zu einer Präposition, dann wird
aber eher ein Pronominaladverb gewählt). Dialektal tritt was auch als Relativkomplementierer
auf und steht dann in Co oder einem der Köpfe der aufgespaltenen C-Projektion.
Für die Spezifizierung der jeweiligen Bedeutung von was spielt also neben den
Einflüssen des Kontexts und pragmatisch gesteuerten Default-Interpretationen der Satzmodi,
in denen was vorkommt, auch die Syntax von was eine Rolle: die verschiedenen
Interpretationen ergeben sich zu einem großen Teil bereits aus den unterschiedlichen
Basispositionen, ggf. stattfindenden Bewegungen und den Oberflächenpositionen von was.
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