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058. Ed. Fagan – oder wo ist noch was zu holen?

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058.
Ed. Fagan – oder wo ist noch was zu holen?
Südafrika auf dem Weg in die Zukunft
Ende März durfte ihr Berichterstatter mit dem letzten Swissair-Flug nach Cape Town
mitreisen. Statt die Weingebiete zu besuchen fuhr ich einem persönlichen Verdikt
folgend zur Gefangenstätte Robben-Island, wo Nelson Mandela über 18 Jahre in fast
völliger Isolation verbracht hatte.
Es war gerade Mandela, der nach gesamthaft rund 27 Jahren Gefangenschaft
erkannt hatte, dass nur eine friedliche Bereinigung den Weg zu einer wirklichen
Zukunft mit Chancen überhaupt freimachen könnte. So zeigte Südafrika der ganzen
Welt einen völlig neuen Weg auf: „JEDER möglicherweise schuldhafte Bewohner
Südafrikas bleibt straffrei, sofern er seine Taten vollumfänglich der WahrheitsKommission mitteilt“ hiess das Konzept.
Sind wir uns wirklich bewusst, was das in jeder Konsequenz bedeutet? Da haben
Weisse die Möglichkeit erhalten, den Bürgern Südafrikas mitzuteilen, wie und unter
welchen Umständen sie ihren früheren Mitbewohner gedemütigt, gefoltert und
getötet hatten und wo ihre sterblichen Überreste verscharrt worden waren, ohne eine
Strafe zu riskieren (mit einigen wenigen Einschränkungen).
Ein im ersten Anblick unvorstellbares Gebaren: Sage mir was du getan hast und du
gehst straffrei aus! Aber nur mit diesem Vorgehen war es möglich, dass Südafrika
den Sprung in die Zukunft überhaupt ins Visier nehmen konnte. Tausende von
Schwarzen Bürgern erhielten erst auf diese Weise abschliessende Gewissheit, was
mit ihren vermissten Lieben geschehen war.
Und wer unterstützte Südafrika?
Gerade auf Robben-Island lernte ich eine Schwarze Führerin der Gedächtnisstätte
kennen, welche selber einige Jahre in einem Gefängnis für politische Häftlinge
verbracht hatte. Zuerst lachte sie, als ich mich als Schweizer zu erkennen gab und
meinte spontan, die Schweiz hätte schon zum Fortbestand des Weissen Regimes
auch beigetragen. Anderseits müsse eine Situation, welche einen Übergang, wie er
jetzt möglich geworden war, zuerst reifen, sonst wäre es unweigerlich zu einem
Bürgerkrieg gekommen. Und man dürfe auch nicht vergessen – zum Beispiel wie im
Irak – dass Boykotte in erster Linie die untersten Schichten treffen würden und die
Führungsschicht die Einschränkungen kaum zu spüren bekämen. Und schliesslich
sei gerade für einen Neuanfang es auch niemandem gedient, wenn dieser Start auf
einer völlig am Boden liegenden Wirtschaft erfolgen müsse.
Kurzum, obwohl persönlich sehr betroffen, fasste sie zusammen, dass mit reinen
Boykottaktionen und verbalen Protesten, sich viele andere Länder die Aufgabe ja
auch sehr einfach gemacht hätten. So hatte kaum ein Land die Möglichkeit ins Auge
gefasst, die Weissen Südafrikaner ausserhalb ihres Landes zu packen, sei es in
Sachen Reisen, Geschäfte oder Bildung. Man beschränkte sich nur auf Boykotte bei
gewissen Lieferungen an Südafrika. Gold und De Beers Diamanten fanden immer
den Weg in die internationalen Märkte, auch ohne die Schweiz.
Sicherlich ist es durchaus auch für die Aufarbeitung unserer Geschichte dienlich,
wenn wir heute bei Wahrheitsfindung Südafrika helfen, die Geschehnisse zu klären.
Und für die Zukunft?
Man stelle sich mal vor, was passieren würde, wenn wir und andere selbst ernannte
Superdemokraten uns streng vornehmen würden, sämtliche Beziehungen – ich sage
sämtliche – mit den Ländern einzustellen, die nicht völlig demokratisch regiert
werden und nicht alle Menschenrechte strikte einhalten ? Wir müssten uns dann auf
eine Minderheit von etwa 20-30 Nationen, der rund 200 beschränken.
Und wäre den betroffenen Menschen in den ausgegrenzten Ländern damit wirklich
gedient? Man kann das getrost mit einem sicheren NEIN beantworten. Mit einer
Mischung von Beziehungen pflegen zu Nationen im sogenannten Graubereich und
unermüdlich sie an Reformen zu erinnern, erreichen wir schlussendlich am meisten.
Zudem gibt es Nationen, wo Staatsformen auf Grund von Religion oder Traditionen
bestehen, bei denen wir uns schon ethisch schwer tun werden, ihnen unsere
demokratischen und christlichen Werte per Dekret aufpfropfen zu wollen.
Sonst müssten wir uns jetzt sofort – USA sei gegrüsst – entsetzt von den Afghanen
zurückziehen, die ihrem Staat als Fundament das Gesetz der Scharia unterlegen
wollen. Wäre das für einen Neustart sinnvoll? Oder müssen wir Europäer eines
Tages Milliarden an die Angehörigen von zu Unrecht in den USA hingerichteten
Menschen ausrichten, weil wir es versäumten, diese Nation zu boykottieren?
Und nun kommt Fagan...
Eigentlich sollte man diesem USA - honorarbeflissenen Leichenfledderer keine Zeile
widmen. Man muss zuvor wissen, dass bei Erfolg gemäss USA-Recht Honorare um
die 30-50% der Streitsumme winken. Die Holocaust-Auseinandersetzung lässt
grüssen! Da kann man ja brav auf jegliche Schadensersatzansprüche weltweit
aufspringen. Herr Fagan wurde in Zürich ausgebuht, in Österreich in Sachen
Seilbahnunglück aus dem Gericht gejagt.
Aber Herr Fagan, wir hätten ihnen da einen wunderbaren Typ:
Da sind noch wirkliche Prozessbereiche unbeackert geblieben mit Möglichkeiten für
wirkliche und – so leid es uns tut – Trillionen-Dollarforderungen. Wo das ist?
Ganz einfach: stöbern sie mal ganz naiv in den zugänglichen Akten über den schon
fast vergessenen Vietnam-Krieg, oder Laos, Kambodscha, fragen sie doch mal nach
Agent Orange oder wie wäre es mit Chile oder anderen Bananen-Republiken, in
welchen ihr Heimatstaat, intrigierte, mordete oder vernichtete, einfach so, aus
Staatsräson. Möchten sie nicht einmal im eigenen Tümpel – gestatten sie mir die
Präzisierung – Sumpf fischen, oder gefällt Ihnen das nicht? Ja dann ...
Robert-Roger Martin
19.06.2002
+++
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Seele and Geist
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