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Kleiner Mensch, was nun? - Hurtigruten

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XII REISE & FREIZEIT
Die MS „Fram“ vor Uummannaq.
SA MS T A G, 17 . A UGUS T 20 13
Bilderbuchidylle in Sisimiut.
Freundschaftsspiel am Polarkreis in Itelleq.
Schmelzende Märchenschlösser aus Eis.
Kleiner Mensch, was nun?
Grönland zählt zu den letzten touristischen Abenteuern unserer Zeit. Hier kann man dem Klimawandel „bei der Arbeit“ zusehen – man kann
hier aber auch noch suchen, was uns im Alltag oft fehlt: unberührte Natur und unschuldige Menschen. Am besten – man tut beides.
E
isberg voraus!“ Dieser Ruf lässt seit
100 Jahren das Mark jedes Reisenden
gefrieren. Wir sind auf dem Weg in die
Diskobucht. Von dort kam immerhin
jener Eisberg, der die „Titanic“ versenkte. Und jetzt schreit der Typ neben mir
an Bord der MS „Fram“: „Eisberg voraus!“
Gestern lagen wir mit der MS „Fram“ noch
in Sisimiut. Das malerische Nest besteht aus
bunten Holzhäusern im Legoland-Stil, die
auf rostroten Felsen verteilt sind. Es ist die
zweitgrößte Stadt von Grönland, der größten
Insel der Welt. Mehr als 5000 Einwohner leben hier von – ja: wovon eigentlich? Das
Wappen von Sisimiut ist ein weißer Walrosskopf auf blauem Hintergrund. Aber von der
Jagd wird heute niemand mehr reich und
Grönland wird von seiner Schutzmacht Dänemark seit Jahren fit für den Weltmarkt gemacht. Deshalb: Krabben. Und es sind nicht
irgendwelche Krabben, die Grönland exportiert. Es sind die Eismeerkrabben – die besten der Welt. In Sisimiut befindet sich deshalb auch politisch betrachtet die modernste
Krabbenverarbeitungsanlage Europas. Geografisch sind wir ja in Nordamerika. Den Bewohnern von Sisimiut geht es also gut. Bruttosozialprodukt pro Kopf: 26.093 Euro pro
Jahr. Der Österreicher erwirtschaftete im
Vorjahr 36.000 Euro. Grönland holt auf.
Es gibt Unabhängigkeitsbestrebungen, und
die Miete einer 60-Quadratmeter-Wohnung
in Sisimiut beträgt bereits 900 Euro. Im Ortsgebiet gibt es auch schon richtige Straßen und
eine Kreuzung, für die wohl bald eine Ampel
benötigt wird – bei dem Verkehr.
Das Treiben im Hafen war gestern geschäftig wie immer. Hier ist die grönländische
Reederei Royal Arctic wie eine Baufirma zugange. Kräne stapelten Container, die entfernt an eine Skyline erinnerten. Dahinter
flickten Fischer ihre Netze. Die MS „Fram“,
die hier zwischen Fisch- und Krabbentrawlern mit Müh und Geschick Platz gefunden
hat, erhöhte die Zahl der anwesenden Menschen in Sisimiut um 190 Konsumenten. Im
Supermarkt machten alle große Augen: Es ist
alles da, was man von zu Hause kennt. Nur
die Preise waren verrückt: Ein Kilogramm
„heimische Lammkeule“ kostete 40 Euro. Ein
Kilogramm „Rinderfilet aus Neuseeland“
war bereits um 10,60 Euro zu haben. Wir
kauften ein paar Dosen Bier und spazierten
die Küste entlang. Die sieht hier übrigens aus
wie in der Bretagne. Felsküste, Heidematten
und sanfte Wellen, die in die Bucht schwappen. Die Quecksilbersäule zeigte 22 Grad.
Wenn wir nicht gewusst hätten, dass der
Ozean hier nur drei Grad hat – wir wären
glatt baden gegangen. Das war gestern.
„Eisberg voraus!“, hat der Typ neben mir
also eben gerufen. Heute. Einen Tag später.
Wir fahren die Davisstraße entlang und der
Scherzbold hat nicht nur recht: Er ist auch tatsächlich verwundert. „Hier schon?“, sagt er
jetzt. Vor zwei Jahren sei die Davisstraße an
dieser Stelle nämlich noch völlig eisfrei gewesen. Die ersten Passagiere kommen an Deck,
zücken ihre Fotoapparate.
Das taten sie auch gestern, als der Blas
eines Buckelwals zu sehen war. Ein US-Amerikaner, ausgerüstet mit schwerem fotografischem Gerät, hat die Schwanzflosse erwischt.
Strahlend hat er sie jedem Passagier gezeigt,
der sich ihm näherte. Er war der Held des Tages. Der Mensch ist und bleibt eben Jäger.
Erst recht in Grönland. Erst recht als Tourist.
Steffen Biersack ist einer von acht Wissenschaftern, die im Dienst der norwegischen
Hurtigrutenflotte stehen. Sie halten auf der
MS „Fram“ Vorträge für die Passagiere und
führen auch die Expeditionen zu Land an.
Biersack ist Geologe. Als er die unzähligen
kleinen weißen Krümelmonster auf uns zukommen sieht, schüttelt auch er den Kopf.
„Es werden immer mehr“, sagt er. Wie unser
Kapitän Benny Didriksen das Expeditionsschiff durch die Eisberge steuert, erinnert an
ein Computerspiel, bei denen so lange kleinen Hindernissen auszuweichen ist, bis man
PETER GNAIGER
zum Schluss vor dem Supermonster steht, das
es zu bekämpfen gilt. Das ist in unserem Fall
heute der Gletscher Equip Sermia. Er kann
nichts dafür, dass die westliche Welt ihn zum
Schmelzen bringt wie nie zuvor. Jetzt schickt
er eben wütend seine Eisberge in kleinen Portionen ins Meer. Wir sitzen auf einer vorgelagerten Insel und tun, was schon Angela Merkel auf Grönland tat. „Sie erinnern sich vielleicht, dass sie 2007 nach Illulisat kam, um
dem Klimawandel quasi live bei der Arbeit
zuzuschauen“, sagt Biersack. Nach Illulisat
schaffen wir es tags darauf gar nicht mehr.
Der Kapitän zeigt uns eine Satellitenaufnahme: Die Wasserstraße ist voll mit Eisbergen.
Es gibt kein Durchkommen.
Also lehnen wir uns zurück, genießen die
Annehmlichkeiten an Bord, halten bei Landgängen unsere Nase in den Wind und erfreuen uns jedes Lächelns der Inuit, die hier seit
Generationen zufrieden im Gleichklang mit
der Natur leben. Am Ende der Reise ergab
sich in Itelleq noch ein Fußballmatch. Einige
junge Inuit forderten Reisende und Offiziere
der MS „Fram“ heraus. Das Match lautete
Itelleq gegen eine Weltauswahl, die bunt aus
Norwegern, Deutschen, je einem Polen, Engländer, Kanadier, Dänen, Holländer und ein
paar Österreichern zusammengewürfelt war.
Die Inuit gewannen. Alle waren glücklich.
Grönland ist die größte Insel der Welt. Sie ist 2650 Kilometer lang
und maximal 1200 Kilometer breit. Nur etwa ein Fünftel der Gesamtfläche der Insel ist eisfrei. Die bewohnbare Fläche entspricht
mit 410.000 km² etwa der Größe von Deutschland. Der Rest der
Insel ist mit einem bis zu 3400 Meter dicken Eispanzer bedeckt.
Die hier beschriebene Expeditionsreise an Bord der MS
„Fram“ dauerte neun Tage (inklusive Hin- und Rückflug über Kopenhagen). Angeboten wird sie von Ruefa Seetour Austria (Telefon
01/51 4 45 – 900; E-Mail seetour@ruefa.at; www.ruefa.at). 2014
werden die Touren verlängert. Die Kosten (inkl. Flüge ab Wien):
6890 Euro pro Person in der Doppelkabine (13 Tage) bzw. 6220 Euro
pro Person in der Doppelkabine (11 Tage).
Die MS „Fram“ der Hurtigrutenflotte wurde nach dem Polarschiff
des Entdeckers Fridtjof Nansen benannt. Es verfügt über 136 Kabinen und zahlreiche Annehmlichkeiten.
Die Mitternachtssonne auf der MS „Fram“.
Bilder (6): SN/GNAIGER
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