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Flyer zum Tag gegen Rassismus - Kommunales Integrationszentrum

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Berlin
Mit wem
würden Sie ein
Bier trinken?
Raed Saleh, Fraktionschef
Michael Müller, Senator für Stadtentwicklung
Jan Stöß, Berliner SPD-Parteichef
Wowereit geht, drei Sozialdemokraten stellen sich ihren Mitgliedern zur BürgermeisterWahl. Berlin wäre nicht Berlin, wenn es nur darauf ankäme, dass der Mann mit der bes­
ten Fachkompetenz gewinnt. Wir haben den Test gemacht und sind mit jedem der Drei
durch die Nacht gezogen, um beim Bier den Typen hinter dem Amt zu suchen
Text: benjamin von brackel
26
F o t o s : A n d r e a s S c h o e tt k e
Zit t y 22- 2014
Berlin
Raed Saleh: Der Aufsteiger.
21 Uhr, Café Charlotte
Raed Saleh marschiert auf die Angestellten
zu, gibt einer Bedienung die Hand, umarmt
eine andere, drückt die Schwingtür zur
­Küche auf, lugt hinein. „Hallo!“, ruft er.
Drinnen im Café in der Spandauer Altstadt
läuft Chartsmusik, Jugendliche sitzen vor
ihren Cocktails und Bieren, draußen an den
Tischchen gruppieren sich an dem Spät­
sommerabend ältere Frauen mit Kopf­
tüchern vor Kaffeegedecken.
Saleh hängt sein Sakko über den Stuhl, der
oberste Knopf seines Hemds bleibt den
Abend über geschlossen. Erstmal den Kell­
ner grüßen. Das versuche er immer zu
­beherzigen, erklärt der SPD-Fraktionschef.
„Jeder der Leute, die hier rumlaufen, hat
meine Anerkennung verdient.“ Nicht nur,
weil sie das Café Charlotte mit aufgebaut
haben; er wisse, wie es ist, hinter der
­Theke zu stehen. „Das macht mich ­wütend,
wenn manche Leute sich über andere
­erheben.“
Er zieht das wirklich durch: Keine Hand
bleibt ungeschüttelt, keinem, dem er be­
gegnet, wird ein freundliches Wort verwei­
gert. Und in kaum einer seiner Ausfüh­
rungen fehlt zumindest eine Anspielung auf
seine Botschaft: Aufstieg ist für alle mög­
lich. Das grenzt in seiner Penetranz manch­
mal an Parodie. Aber Saleh kann das un­
terlegen, er verkörpert eine Vision, so wie
es in der deutschen Politik nicht oft zusam­
menkommt.
Zu jeder Station seines Aufstiegs fällt ihm
eine Anekdote ein: Er erinnert sich daran,
wie er mit vier Jahren vor das Tor des
­Elternhauses im Westjordanland tritt und
stolz ist, als der Vater vorfährt, der als
Gastarbeiter in einer deutschen Groß­
bäckerei arbeitet. Dann ist da die Grund­
schullehrerin in Berlin, die ihm nach der
Schule die Sprache beibringt und Nach­hilfe
gibt. „Ich weiß nicht, was aus mir gewor­
den wäre, hätte ich nicht Hannelore Wolf
gehabt, die sich um den kleinen Raed
­gekümmert hat“, sagt Saleh. „Sie hat mei­
nen Aufstieg ermöglicht.“ Und er erinnert
sich an den Abend, als er die Eltern im
Wohnzimmer im Plattenbau in der Heer­
straße Nord belauscht, die über die Emp­
fehlung der Lehrerin reden, Saleh nicht
aufs Gymnasium zu schicken. „Lehrer, das
waren für meine Eltern Heilige, Respekts­
personen. Aber mein Vater ist zum Rektor
gegangen und hat gesagt: Mein Sohn soll
aufs Gymnasium, weil er Arzt werden
soll.“
Zit t y 2 2 - 2 0 1 4
„Ich war immer in allem der jüngste.“ Raed Saleh im Freischwimmer, Kreuzberg
Die Hilfe, die er bekommen hat, will er an­
deren weitergeben, aber nicht zum Null­
tarif. „Ganze Generationen werden doch
in die Perspektivlosigkeit entlassen“, sagt
Saleh. Er meint die 200 Brennpunktschu­
len in Berlin. Den Schülern will er vorleben,
dass es auch anders geht. Er will mehr Geld
in die Schulen investieren, aber auch die
Eltern Bußgelder zahlen lassen, wenn sie
ihre Kinder nicht zum Sprachtest, in die
Kita oder zur Schule schicken. Der 37-Jäh­
rige greift zur Espresso-Tasse. Alkohol
trinkt er nicht, hat noch nie welchen ge­
trunken.
Hinaus in die Spandauer Altstadt. Die Fuß­
gängerzone mit dem Laub auf dem Kopf­
steinpflaster ist aufgeräumt und leer. Als
sich in die Abendluft der Geruch von Grill­
fleisch und Fett mischt, bleibt Saleh stehen.
Mit 17 habe er angefangen, bei Burger
King zu arbeiten, erzählt er und zeigt auf
den Vorplatz des Schnellimbisses – Terras­
sen aufbauen, morgens in der Kälte, dann
Fleisch-Pakete auspacken. „Es war hart,
aber schön.“
22.40 Uhr, Burger King, Spandau
„Hallo!“, grüßt Saleh die Mitarbeiter ne­
ben der Eismaschine, auf der ein Zettel mit
der Aufschrift „defekt“ klebt. Zwei be­
leibte Mädchen mit Pappkronen in
Schwarz-Rot-Gold auf dem Kopf beginnen
zu kichern. „Sah viel größer aus in meiner
Erinnerung“, sagt Saleh, während er sich
umschaut. Er zeigt den Tisch, an dem er
sich nach der Arbeit ausgeruht hat. Dann
grüßt er einen jungen Mann mit East-Pack-
Rucksack, weißen Turnschuhen und
schwarzer Randbrille. „Ihn kenn’ ich noch
von der Arbeit. Er hat immer Pommes ohne
Ketchup und Burger ohne Sauce gegessen“,
lacht Saleh. „Und bei Dir, alles okay?“ Der
Gast nickt. Saleh hatte sich hier hochge­
arbeitet zum ersten Mann an der Kasse,
dann zum Filialleiter. Wie im Aufzug ging
es nach oben, genau wie in der Berliner
SPD. „Ich war in allem immer der Jüngste“,
sagt Saleh und tritt hinaus. „Ein Eisbre­
cher.“
Während Klassenkameraden die Nächte
durchfeiern, trägt Saleh als Jugendlicher
Zeitungen aus oder brät Burger, liest, trifft
sich mit Freunden, um bis in die Nacht
über Politik zu diskutieren oder neue Ideen
auszutüfteln – etwa die „Bombay-Box“,
indisches Essen „to go“, oder die Berliner
Fassbrause als Clubgetränk, abgefüllt in
Flaschen, ähnlich der Bionade. Aus einer
der Ideen entwickelt sich ein Start Up, das
Druckereiprodukte im Internet anbietet,
weswegen Saleh sein Medizinstudium
schmeißt. „Ich war kein typischer Party­
gänger“, erzählt Saleh. Wenn er mit seinen
Freunden mal abends ausgeht, ist er derje­
nige, der fährt. Heute machen das andere
für ihn.
Vor dem Café Charlotte steht ein schwar­
zer Audi mit getönten Scheiben, der Licht­
kegel in die Nacht wirft. Innen laufen
Schlager im Radio – Salehs erstes „Laster“.
Aufgewachsen mit der Schlager-Parade, die
im Wohnzimmer der Eltern im Fernsehen
lief, gründete er als Jugendlicher einen
„Biene-Maja-Schlagerclub zur Erhal­ u
27
Berlin
ein wunder Punkt: Er hat alles dafür getan,
da zu stehen, wo er jetzt ist, war deutscher
als viele Deutsche, hatte trotz 14 Punkten
im Deutsch-Leistungskurs weiter an sich
gearbeitet, Sprachtraining genommen. Und
dennoch: Wieder und wieder die Sache mit
der Sprache. „Ich werde das zu meinem
Wahlspruch machen: ‚Bist du so weit?‘“,
sagt Saleh trotzig. Er muss es hier eben
­wieder sein, sagt er mehr zu sich: „ein Eis­
brecher“.
23.52 Uhr, am Schlesischen Tor
Schlager im Dienstwagen und Sorge um den Fahrer: „Aber es nervt Sie nicht, Herr Knoll?“
tung des deutschen Liedguts“, zu einer
Zeit, als nur englische Lieder im Radio lie­
fen. „Ich mag bis heute Schlager, Helene
Fischer, Peter Maffay, Roland Kaiser.“
Aber auch Arbeiterlieder, Hannes Wader.
23.15 Uhr, im Dienstwagen
„Ist das zu ihrem Leidwesen?“, fragt Saleh
lachend seinen Fahrer, einen jungen Mann
mit blonden Haaren. Saleh präsentiert eine
CD, auf der „Arbeiterlieder 2“ steht und
summt „Heute hier, morgen dort …“ Dann
wieder die Frage an den Fahrer: „Aber es
nervt Sie nicht, Herr Knoll?“
Beim Thema Sprache verliert Saleh das
erste Mal am Abend seine gute Laune. Die
Zeitungen schreiben von seinen „Isch’s“,
denen man Salehs Herkunft anhört. „Das
ist Akzent“, sagt Saleh. „Jeder Berliner re­
det anders. Das gehört zu meiner Identität,
dass ich anders spreche.“ Gegner wie Par­
teikollegen würden ihm bescheinigen: Gute
Arbeit, guter Charakter, aber die Sprache
und der Migrationshintergrund – ist Berlin
schon so weit?
Saleh redet jetzt in kurzen knappen Sätzen,
schaut aus dem Fenster, wo die Sieges­säule
und der Tiergarten vorbeiziehen. Das ist
Saleh steigt aus und ihm fällt noch was ein.
Er biegt in den Keksladen an der Schle­
sischen Straße, fragt den Verkäufer, wie es
ihm geht. „Machst du uns so ‘ne kleine
Tüte gemischt?“ Sein zweites Laster:
­Süßigkeiten. „Ist bei mir manchmal ein
bisschen viel Konsum“, gibt er zu. Aber
auch hier hat er an sich gearbeitet: Regel­
mäßig geht er ins Fitnessstudio, hat 20 Kilo
abgenommen.
Saleh bummelt die Schlesische Straße
­hinunter, blickt aus dem Augenwinkel auf
einen Mann, der mit ausgemergeltem Ge­
sicht in einer Bushaltestelle sitzt und nach
unten auf seine Bierflasche stiert, geht an
Kneipen, Dönerbuden und Hostels vorbei
und bleibt auf der Brücke nach Alt-Trep­
tow stehen, wo eine Gruppe Spanierinnen
vorbeiflaniert. Saleh breitet die Arme in der
sommerlichen Abendluft aus und sagt, wie
toll das doch sei, so viele Sprachen zusam­
men an einem Ort. „Das ist Berlin!“

Michael Müller: Der Routinier.
Osteria Numero Uno, 21.30 Uhr
Michael Müller betritt mit seiner Pressefrau
die Osteria in der Kreuzbergstraße. Die
Kerzen wärmen das Restaurant, das
schlicht und gemütlich zugleich ist. Der
­Senator nimmt Platz und bestellt einen hal­
ben Liter Rotwein für die Runde.
Nur 800 Meter und der Kreuzberg trennen
ihn von seiner Mietwohnung in Tempelhof,
den Hügel hinauf, hinter dem Platz der
Luftbrücke. „Viele finden’s vielleicht tod­
langweilig“, sagt Müller. Er schätzt das
Grüne, die Ruhe und die „funktionierende
Geschäftsstraße: Bäcker, Reinigung, Zei­
tungsladen – ist alles da.“ Keine HipsterGegend, das gibt der 49-Jährige zu, so wie
die Bergmannstraße hier unten. Aber genau
das gefalle ihm: Nah am Geschehen sein
und doch etwas abseits am Rand, mit Über­
blick von oben.
28
Früher Feiern im Far Out, heute Rotwein beim Italiener um die Ecke
Zit t y 22- 2014
Berlin
Zwischenstopp: Curry 36. „Wowereit kopieren“, sagt Müller – das funktioniert nicht.“
Aufgewachsen ist er in der Tempelhofer
Druckerei der Eltern und den Geschäften
der Verwandten, wo er nach der Schule ein
und aus ging. „Meine Eltern waren ja im­
mer da“, erzählt Müller. Eine unbeküm­
merte Kindheit. Eingesperrt habe er sich nie
gefühlt, nicht durch seine Eltern, beide 68er
und seit Willy Brandt SPD-Mitglieder, auch
nicht durch die Stadt: Westberlin mit seiner
Insellage und „morbiden Atmosphäre“ habe
er wegen all der Freiräume geschätzt.
Müller erzählt von einer Freifläche neben
dem Martin Gropius-Bau, wo man ohne
Führerschein Auto fahren durfte. Heute
­beste Innenstadtlage, sei das damals „ne
­riiiesige freie Fläche“ gewesen, sagt Müller,
breitet die Arme aus und touchiert die
­Bedienung, die Wasserflasche und Gläser
festhält, erschrickt, dann lächeln muss.
„Das war wie ein Verkehrskindergarten für
Erwachsene!“, freut sich der Senator. Seine
Pressesprecherin runzelt die Stirn. „Ein Ver­
kehrs-Übungsplatz also?“ – „Ab 16 konn­
te man da Auto fahren!“, erklärt Müller
Zit t y 2 2 - 2 0 1 4
ungebremst. Mit seinem ersten Auto war
er da, einer hellblauen Ente. „Ein Verkehrs­
kindergarten für Erwachsene!“
Die Bedienung schenkt mit der rechten Hand
Wein ein, die linke angewinkelt auf dem Rü­
cken. Müller träufelt Öl auf den Teller,
streut Salz drauf und tunkt Weißbrot hinein.
Streit mit den Eltern gab es erst, als er mit
16 beschloss, nicht mehr in die Schule zu
gehen. Vater und Mutter hofften, dass er –
anders als sie – Akademiker wird. Erst als
sie merkten, dass er nicht rumhängt, sondern
eine Lehre beginnt und in der Druckerei des
Vaters anfängt, „war alles gut“. Später habe
ihn das schon auch geärgert, dass er kein
Abitur und Studium habe. „Inzwischen bin
ich mit mir im Reinen“, sagt Müller.
Mit 16 tritt Müller bei den Jusos ein, liest
Hesse und Kästner statt Abenteuerromane
und Science Fiction, hört die Beatles, nicht
die Rolling Stones. Sein erstes Konzert?
„Kool and the Gang – im ICC“. Wenn die
Freunde in der Diskothek am Ku’damm
waren, stieß er erst nach den Parteisitzungen
dazu, in den Dschungel, ins Far Out oder in
die Neuköllner Top-Disko. Heute geht er
mit Freunden in Kneipen, vorige Woche war
er auf einer Oktober-Feier in Berlin, die ein
Freund organisiert hatte. „Wahnsinn, war
eine Begegnung der dritten Art“, sagt Mül­
ler. „Muss man mögen.“
Die Weinkaraffe ist leer – wohin jetzt? „‘36
wär ne Möglichkeit. Hätt’ jetzt auch Ap­
petit drauf.“ Von hinten nähert sich ein
Mann über 50 mit Pullover überm Hemd
dem Tisch und legt seinen Arm auf die Se­
natorschulter. „Sie machen das schon.“ –
„Meinen Sie?“, fragt Müller, während er
den Mann durch seine randlose Brille
­fixiert. – „Ich frag’ Sie!“ Müller lacht. „Na,
ich hoffe! Ich will ja!“ – „Nee, ich meine,
was soll denn passieren? Wir wollen das
doch nicht auf das ganze Desaster rauslau­
fen lassen.“ – „Nö. Woll’n wa nich’“, sagt
Müller. Er amüsiert sich. Der Mann warnt
den Senator: „Die Lösung kann nicht ein
Kleinkrieg in eurer Partei sein.“ – „Das se­
hen wir auch alle drei so“, sagt Müller.
„Wir haben unterschiedliche Ansätze und
Profile – aber einen Krieg gibt’s nicht.“ –
„Wir wissen ja, was eine nicht vorhandene
Kontinuität für die Stadt gebracht hat.“ –
„Sehr gut. Seh’ ich auch so“, sagt Müller,
bedankt sich beim Mann, schließlich hat der
gerade sein Programm auf den Punkt ge­
bracht, und wünscht einen schönen Abend.
Müller greift zum Glas Rotwein. „Das pas­
siert jetzt immer öfter“, sagt er. Besonders
beim Einkaufen müsse er sich noch dran
gewöhnen: Da schaue er sich etwas an und
merke, dass neben ihm jemand immer en­
gere Kreise zieht. Müller ahmt beim Erzäh­
len das Posieren vor dem Spiegel nach.
„Und dann steh ich so: Nehm’ ich nun den
blauen oder den schwarzen Anzug? – und
dann kommt schon mal: Nehm’se mal den
Schwarzen, der ist besser.“
Curry 36, 23:10 Uhr
Der Regen hat aufgehört. Über den Mehrin­
gdamm führt Müller zur Currywurstbude.
Hier lässt er seinen Fahrer oft anhalten, um
sich „eine mit Darm“ zu genehmigen. Mül­
ler bestellt zwei Würste, die zweite für seine
Presse­dame, von deren Wurst er die Hälfte
dann noch isst. „Ha’m se noch so’n Pie­
ker?“, fragt er an der Ausgabe.
Hat er sich schon ausgemalt, wie die ersten
Tage als Bürgermeister sein würden? Müller
lehnt sich an den Stehtisch und piekt in eine
Wurst. Der Kalender sei so voll, mit Termi­
nen meist bis nach 22 Uhr, sagt er, da
komme er gar nicht in diese Versuchung.
Als er den Mehringdamm zurückläuft, sagt
er, dass er sich im Klaren sei, dass man als
Bürgermeister eine andere Beziehung zur u
29
Berlin
Außenwelt bekomme. Ges­tern, bei der
Einweihung der „Berlin Mall“ am Leip­
ziger Platz, sei er mit ­Wowereit ein paar
Schritte abseits gegangen, da bemerkte er
einen Schatten über sich. Der Mikrofon­
galgen von Pro 7, der ihnen gefolgt war.
„Da muss man auch Grenzen setzen, nicht
alles mit sich machen lassen.“
Ø Berlin, 23.50 Uhr
„Kriegen wir hier noch ein Bier?“, fragt
Müller, als er ins Ø, Kreuzberger Restau­
rant und Bar, eintritt. Nur ein paar Gäste
sitzen noch an den Tischen unter den De­
signerlampen. Müller setzt sich auf einen
Barhocker und bestellt Andechser-Bier,
auch wenn er die Norddeutschen Biere lie­
ber hat. Passt auch eher zu seinem Typ?
„Ich mache auch gerne an der Nordsee
Ferien, ja.“
„Na, da kann man ja schon ‚Moin’ zu Dir
sagen“, schaltet sich der glatzköpfige Kell­
ner ein. „Ich komm’ aus Oldenburch.“ –
„Echt?“, fragt Müller und schwärmt: „‘N
schönes Rührei und Krabben und dazu ein
Bier – oder?“ Der Kellner verdreht die
­Augen. „Feierabend! Ich muss mal schnell
an die Nordsee!“, ruft er. „Nordseekrab­
ben mit Rührei, Alder, ich hab grad Bil­
der im Kopp! Zum Wohl“, sagt er und
stellt die Biere auf den Tresen.
5.000 waren bei der Eröffnung der Mall
of Berlin. Wie ist das für ihn, vor so vie­
len Leuten zu reden – er galt ja lange als
jemand, der das Rampenlicht scheut?
„Ich will als Senator nicht ins Rampen­
licht?“, fragt Müller gespielt verdutzt, der
Mund wie ein Strich. „Dann hätte ich den
falschen Job. Das ist Quatsch.“ Man müs­
se es aber nicht überziehen, nicht auf jede
Veranstaltung gehen. „Ich will mich nicht
verstellen.“ Überhaupt könne das nicht
funktionieren: Wowereit kopieren.
Seine Kontrahenten stellen Müller als
Mann der Vergangenheit dar, ohne
Schwung für Neuanfang. Müller dreht den
Vorwurf um: Nach Jahren der Verände­
rung, nach einem extrovertierten Bürger­
meister brauche es jemanden, der für
Kontinuität und Sachlichkeit stehe. „Ich
glaube, dass die Berliner zuviel Neuan­
fang gar nicht wollen. Sie wollen mal
durchatmen nach 25 Jahren, in denen
sich wahnsinnig viel verändert hat. Was
Wowereit getan hat, war wichtig, aber
die Welt hat inzwischen gelernt, dass Ber­
lin eine tolle Stadt ist. Und jetzt haben wir
ein paar Probleme, die wir in Ordnung
bringen müssen.“ Müller klopft auf den
Tresen, steht lachend auf und geht nach
draußen, wo sein Fahrer wartet. Er muss
noch eine Rede für morgen durchlesen. 
30
Jan Stöß: Der Neue.
Gorgonzola Club 21 Uhr
Am Eingang taucht der Glatzkopf von Jan
Stöß auf. Mit einem Lächeln tritt er die
Holztreppe hinunter ins hintere Ende des
Restaurants. Stöß trägt eine schwarzran­
dige Mitte-Hornbrille, Funktionsjacke,
Poloshirt, Jeans und Vans. Keiner der
Gäs­te blickt auf. Stimmengewirr, Teller­
geklapper, Kerzen auf weißem Tischtuch:
Seit er 1996 aus Göttingen nach Berlin
gezogen ist, kommt er hierher, erzählt
Stöß, früher noch häufiger als Ausgangs­
punkt für die Nacht. „Der Gorgonzola
Club ist eine Institution in ‘36.“
Testfrage an die Bedienung, die den Rot­
wein bringt: „Kennen Sie Herrn Stöß?“
Sie biegt den Kopf, um dessen Gesichtsfeld
zu studieren, ohne dass sich eine Regung
tut. „Nee“, greift Stöß vor. „Ihre Kollegin
kenne ich, die vorne die Plätze vergibt.“
– „Die Rosa?“ – „Ja, aber wir haben uns,
glaube ich, noch nicht kennen gelernt.“ –
„Nein. Hallo. Laura“, stellt sich die Be­
dienung vor und reicht ihre Hand. –
„Jan.“
Wenn der 41-Jährige erzählt, klingt er ein
bisschen wie Gerhard Schröder, nur
sanfter. Den damaligen Ministerpräsi­
denten habe er früher als Juso unterstützt.
Damals, als er noch in Niedersachsen
wohnte, erst am Stadtrand im katho­
lischen Hildesheim, dann in Göttingen.
„Das ist schon eine behütete Kindheit ge­
wesen“, sagt Stöß. Schützenfest, Schützen­
umzug gehörten dazu. Irgendwann war es
ihm zu eng geworden. Als er mit 16 einen
SPIEGEL mit Walther Momper auf dem
Titel in den Händen hielt, wusste er schon,
wohin es gehen soll. „War nie ‘ne Frage,
dass ich nach Berlin gehen würde.“
„Der Magnetismus Berlins darf nicht verschwinden“, sagt Stöß beim einem Efes im Südblock
Zit t y 22- 2014
Berlin
Unterwegs auf der Oranienstraße. Stöß nennt sie „ein Schlachtfeld der Umwandlung“
1996 zog er mit Freunden als Untermieter
von „Grieneisen Bestattungen“ in eine
Bruchbude am Sophie-Charlotte-Platz.
„Erdgeschoss, Hinterhof, mit Blick auf die
Mülltonnen und so dunkel, dass man nicht
wusste, ob draußen Tag oder Nacht ist.“
Abends ging es nach Prenzlauer Berg oder
nach Mitte in die Tucholskystraße. Bis
heute sei er Nachtmensch und komme
ohne viel Schlaf aus, anders ginge es in der
Politik auch gar nicht.
Die Bedienung bringt Spaghetti Ragu. Stöß
reicht die Platte mit dem Besteck, legt sich
eine Serviette auf den Schoß, so dass sie
über die Tischkante hinausspitzt. Beim net­
ten Geplauder vergisst man schnell, wer
einem gegenübersitzt: Vor zwei Wochen
hat der Verwaltungsrichter mit Doktortitel
sein Richteramt abgelegt, um sich ganz auf
die Bürgermeister-Kandidatur zu konzen­
trieren. Vor ein paar Stunden saß er noch
im Bundestag und präsentierte seine Vor­
schläge zum Finanzausgleich.
Stöß ist Spätstarter. Erst 2005 entschied er
sich, in die Politik einzusteigen, gerade als
Schröder Neuwahlen ausgerufen hatte. Als
er das erste Mal bei der Kreuzberger SPD
vorbeischaute, wurden gerade die Delegier­
ten für den Bundestag aufgestellt. Auch er
habe gleich kandidieren wollen, erzählt
Stöß, bekam aber nur die Stimmen seiner
fünf Nachbarn, die mitgekommen waren.
„Völlig naiv“, sagt er und lacht. Wie er
Mehrheiten bekommt, hat er inzwischen
gelernt: Vor zwei Jahren rang er Michael
Müller den SPD-Landesparteichef-Posten
ab. Nun will er ihn bei der Wahl zum Bür­
germeister ein zweites Mal besiegen. „Mi­
chael Müller ist ein erfahrener Verwalter.
Die Politik, wie sie die vergangenen Jahre
Zit t y 2 2 - 2 0 1 4
war – dafür steht er“, stellt Stöß sein ver­
giftetes Lob aus. Er legt Wert darauf, dass
er nicht sein Leben lang nur Politik ge­
macht hat. Das mache ihn unabhängig und
frei, etwas zu bewegen.
22.30 Möbel Olfe
Am Eingang hängt das Schild „HomoBar“. Dass auch Jan Stöß schwul ist, inte­
ressiert nach Wowereits Bekenntnis nie­
manden mehr – eher konservativ wirkt da
schon, dass Stöß seit 17 Jahren mit seinem
Freund zusammen ist. Im Olfe stehen die
Männer dicht an dicht, viele im Muskelshirt
und mit Drink in der Hand, und begutach­
ten Stöß, wie er durchs Spalier drängt. Zu
voll – wieder raus. Aber wohin jetzt? Schon
kommt der bullige Türsteher und motzt:
„Entweder reingehen oder weitergehen!“
22.40 Südblock
Über die Baustelle am Kotti führt der SPDChef in den Südblock. Vor drei Jahren
habe er hier mal Geburtstag gefeiert. Dis­
kokugeln schicken lila und rote Licht­
punkte über den Boden, die Wand an der
Bar ist holzvertäfelt, am Tresen stecken
Schilfwedel in Blumenvasen und auf dem
Spirituosen-Regal klebt das Schild „queer
saufen“. „Sieht eher aus wie ein Hobby­
keller“, kommentiert Stöß. Bei einem Effes
geht es ums Große und Ganze von Berlin.
„Das Freiheitsversprechen darf nicht ka­
putt gemacht werden“, sagt Stöß. Die
Menschen müssten ihre Wohnungen be­
zahlen können und die Straßen, U-Bahnen,
die Kitas und Schulen müssen instand ge­
setzt werden. Berlin müsse aber auch seine
Freiräume behalten. „Der Magnetismus
darf nicht verschwinden.“
Wieder raus, die Adalbertstraße hinauf.
Über den regennassen Asphalt biegt Stöß
in die Oranienstraße ein. Er kann sich noch
an den Kiez erinnern, den er vorfand, als
er nach Berlin kam: düster, sozial schwie­
rig. Heute gebe es hier mit die höchsten
Mieten Berlins. „Ein Schlachtfeld der Um­
wandlung“, sagt Stöß und zeigt auf Eigen­
tumswohnungen. Um zu verhindern, dass
immer mehr Mietswohnungen verschwin­
den, müsste deren Umwandlung verboten
werden.
„Wir könnten halt ins Ballhaus“, sagt Stöß,
nimmt sein Smartphone und versucht, eine
Freundin zu erreichen. „Ich ruf mal kurz
an.“ Ein Hauseingang der Oranienstraße
steht halb offen und ein Mann mit rotem
Hut und eine Frau mit Federboa sind zu
sehen. Oder hier? Lieber weiter bis zur
Roten Harfe, die Freundin ist nicht erreich­
bar. „Da gehen wir jetzt rein“, entscheidet
Stöß, bis er kurz davor steht und fast nur
leere Stühle sieht. „Zu langweilig.“ Also
doch noch mal ins Olfe.
23.15 Möbel Olfe
Die Scheiben sind beschlagen, Wassertrop­
fen kullern herunter. Als Stöß sich durch
die Menge schiebt, bemerkt ihn ein Schwar­
zer mit Locken. Der bekommt ein Glänzen
in den Augen und muss grinsen. „Yeahhh!“,
steigert er seinen Ruf, greift nach der Hand
von Stöß und verschränkt dessen Finger in
den seinen, um die Kandidatenhand in Ju­
belpose in die Luft zu reißen und sie zu
küssen. Stöß muss lächeln. „Der war nicht
bestellt“, witzelt er. Die Luft drückt, das
Stimmengewirr ringt selbst die Bässe aus
den Boxen nieder. Noch zwei Berliner Pil­
sener zum Abschluss – morgen wartet um
acht Uhr die erste ­Telefonschalte.
Wie ist das eigentlich für ihn: Womöglich
die letzten Tage, bevor er zur öffentlichen
Person wird? Die letzten Tage in Freiheit?
Noch werde er auf der Straße selten erkannt.
Nur wenn sein Gesicht auf den ­Titelseiten
war, aber nach ein paar Tagen flaue das
wieder ab. Und als Bürgermeis­ter? „So viel
verändert sich dadurch nicht“, redet sich
Stöß Mut zu. Sein normales L
­ eben wolle
er behalten. Das sei ja das Schöne in Ber­
lin: Dass man auch als Prominenter kaum
angesprochen werde. Dann macht er eine
Pause, hält das Bierglas fest und sinniert.
Ob er in sechs Wochen noch so wie jetzt
hier sitzen kann? Er fasst sich und sagt: „Bei
Klaus Wowereit hat es auch nicht bedeutet,
dass er das Haus nicht mehr verlassen durf­
te. Das belastet mich nicht.“ Kurz vor eins
steigt er in die U8, duckt sich unter der
Haltestange, ohne dass jemand aufblickt,
und fährt zurück nach Schöneberg.

31
Berlin
Und was machen die Frauen?
Drei Männer kämpfen ums Bürgermeisteramt. Schade eigentlich.
Text: Haiko Prengel
Frauenquote: Null Prozent. So sieht bei der
SPD der Dreikampf um die Nachfolge von
Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus
Wowereit aus. Dabei gibt sich die Berliner
SPD beim Thema Gleichstellung besonders
engagiert. Die „Arbeitsgemeinschaft Sozial­
demokratischer Frauen“ (ASF) etwa kämpft
entschlossen für mehr Frauen auch in Spit­
zenpositionen. 13 Jahre lang war Wowereit
im Amt, wenn er im Dezember zurücktritt.
Warum ist es der Berliner SPD in dieser Zeit
nicht gelungen, eine potenzielle Nachfolge­
rin aufzubauen? Schließlich gibt es einige
Sozialdemokratinnen, die durchaus das
Zeug zum Regieren hätten.
Wenn man sich im SPD-Landesverband und
in der Senatsverwaltung umhört, bekommt
man den Eindruck, als hätten die Frauen in
der Berliner SPD durchaus etwas zu sagen.
So gibt es regelmäßig informelle Treffen füh­
render Sozialdemokratinnen, gerne in unge­
zwungener Runde zum gemeinsamen
Abendessen. Manche ziehen eben lieber die
Strippen im Hintergrund. „Es ist nicht so,
dass sich keine Frau in der Berliner SPD das
Regieren zutraut“, sagt einer. Nach der
Rücktrittsankündigung von Wowereit sei
die Frage für einige prominente Sozialdemo­
kratinnen eher gewesen: Will ich das wirk­
lich? Als Regierungschefin für alles und je­
den den Kopf hinhalten und für die nächsten
Jahre vollkommen aufs Privatleben verzich­
ten? Das wollte am Ende keine.
Dilek Kolat
Eva Högl
Sandra Scheeres
Barbara Loth
Die Arbeitssenatorin und Vor­
zeige-Migrantin weiß, wie man
Wahlen gewinnt: Schon 2001
zog Kolat mit dem besten Erst­
stimmenergebnis der SPD ins
Abgeordnetenhaus, 2006 wurde
sie Fraktions-Vize. Im Lan­
desparlament erwarb sich das
eloquente und ehrgeizige Kind
türkischer Gastarbeiter rasch den
Ruf einer kompetenten Fachpo­
litikerin. Nach Wowereits Rück­
tritts-Ankündigung galt Kolat
mit als aussichtsreichste Nach­
folge-­Kan­didatin. Aber niemand
beeilte sich so sehr wie sie, die
Nachfolge-Ambitionen prompt
zu dementieren. Sie stehe als
Nachfolgerin Klaus Wowereits
nicht zur Verfügung, stellte Ko­
lat noch am gleichen Tag in der
Zentrale der Landes-SPD klar.
Warum? „Ich bin sehr gerne und
leidenschaftlich Senatorin in
Berlin“, sagte Kolat der Zitty.
Und: Auch als Frau müsse sie
sich nicht auf jeden frei gewor­
denen Job bewerben.
Die 45 Jahre alte Bundestagsab­
geordnete ist Vorsitzende der
ASF, der Arbeitsgemeinschaft
Sozialdemokratischer Frauen.
Ihr gehören alle weiblichen Mit­
glieder der SPD an – in Berlin
waren das Ende 2013 über
5.700 Frauen. Die Gemein­
schaft setzt sich für eine konse­
quente Gleichstellung ein. „Die
Berliner SPD steht für Ge­
schlechtergerechtigkeit“, unter­
streicht Högl. Beim SPD-Partei­
tag im Mai nominierte die ASF
mit Jan Stöß trotzdem einen
Mann als Wunsch-Parteivorsit­
zenden. Wie passt das zusam­
men? „Für Jan Stöß ist die
Gleichstellung von Frauen ein
zentrales Anliegen“, erklärt
Högl. „Dieses klare Bekenntnis
zur Wichtigkeit der Gleichstel­
lungspolitik ist für mich wich­
tiger als das Geschlecht des
Kandidaten.“ Högl selbst lehnte
eine Kandidatur als Regierende
Bürgermeisterin ab, weil sie lie­
ber im Bundestag bleiben will.
„Das Amt der Bildungssenato­
rin macht mir einfach Spaß“,
sagt Sandra Scheeres. Die 44
Jahre alte Rheinländerin kannte
vor ihrer Berufung zur Bildungs­
senatorin 2011 niemand. Heute
vertritt sie den in der SPD wich­
tigen Bezirk Pankow. „Auch
wenn drei Männer zur Wahl ste­
hen“, meint Scheeres: „Die SPD
ist die Partei, die dafür sorgt,
dass Frauen auch in hohe Ämter
kommen. Beispiele seien die Re­
gierungschefinnen von NRW
und Rheinland-Pfalz, Hannelo­
re Kraft und Malu Dreyer. Auch
in der Berliner SPD gebe es zahl­
reiche Frauen, die Verantwor­
tung übernommen hätten. Aber
ob man für das „allerwichtigste
Amt“ des Regierenden Bürger­
meisters kandidiere oder nicht,
sei eine höchstpersönliche Ent­
scheidung. „Bei aller Beschei­
denheit: Mein Amt als Senatorin
und mein Aufsichtsratsvorsitz
bei der Charité sind ja auch
nicht von schlechten Eltern.“
Viele werden ihren Namen nicht
kennen, dabei ist Barbara Loth
eins der wenigen weiblichen
SPD-Urgesteine. Ihr Parteibuch
besitzt die Arbeits- und FrauenStaatssekretärin seit 1994 – da
war Jan Stöß noch Zivildienst­
leistender in einem Seniorenzen­
trum. Vor allem aber ist Loth
seit 2006 stellvertretende SPDLandesvorsitzende.
Verwal­
tungsrichter Jan Stöß kam erst
2008 in den Landesvorstand.
„Noch immer sind Frauen in
Wirtschaft, Arbeitsleben, Wis­
senschaft, Politik und Gesell­
schaft nicht gleichgestellt und –
vor allem an der Spitze – nicht
ausreichend vertreten“, bemän­
gelt Barbara Loth auf ­
ihrer
Homepage die Situation in
Sachen Gleichstellung. Den
­
Mut, für das Amt der Regie­
renden Bürgermeisterin zu kan­
didieren, hatte sie selbst aber
­offensichtlich nicht. Auch eine
Anfrage der Zitty zum Interview
ließ Loth unbeantwortet.
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Zit t y 22- 2014
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Seele and Geist
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