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05-21-10-Missbrauch - Was ist das.rtf - SWR

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Missbrauch - Was ist das?
Bemerkungen zu einem Enthüllungs-Orkan
Autorin:
Claudia Wolff
Redaktion:
Nadja Odeh
Sendung:
Freitag, 21.05.0 um 10.05 Uhr in SWR2
___________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
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MANUSKRIPT
Angefangen hat es ja, Sie erinnern sich, Ende Januar im Bistum Berlin mit einer
tapferen Aufklärungsoffensive, die der Leiter des Canisius-Kollegs der Jesuiten in
Gang gesetzt hat, indem er alle ehemaligen Schüler aufforderte, ihre Erfahrungen
mitzuteilen.
Das offenbar war der Dammbruch, dann kam die Sturmflut, und jetzt geht es Schlag
auf Schlag.Vier Tage schon nach der Berliner Offensive kommen
Verdachtsmeldungen aus dem Bistum Hamburg, dem Bistum Freiburg, dem Bistum
Hildesheim. Am 5. Februar ist das Bonner Aloisius-Kolleg im Bistum Köln dran, am 9.
Februar das Bistum Aachen, am 12. Februar das Bistum Paderborn, am 19. Februar
das Internat Biesdorf der Missionare von der Heiligen Familie im Bistum Mainz, am
21. Februar gibt es, im Bistum Augsburg, Missbrauchsvorwürfe gegen Mitarbeiter
des ehemaligen Heims der Salesianer Don Bosco und, auch am 21., gerät in
Oggelsbeuren, Bistum Rottenburg,ein Kinderheim der Vinzentinerinnen ins Zwielicht,
gefolgt von einer Behinderten-Einrichtung im Bistum Essen.
Tags drauf, Bistum München, räumt der Leiter des Benediktiner-Klosters Ettal
Missbrauchs-Fälle ein, und wieder einen Tag später gerät im Bistum Speyer das
Gymnasium Johanneum in Homberg/Saar ins Visier.
Am 28. Februar ist ein Pater im Bistum Münster geständig, am 3. März muss man
über mehrere Fälle im Bistum Limburg munkeln, am 4. März bringt sich das Bistum
Fulda in Erinnerung wie auch das Bistum Regensburg samt seinem weltberühmten
Knabenchor, den Domspatzen.
Dann aber - manchmal übt Gott ausgleichende Gerechtigkeit - dann aber, auch
Anfang März, trifft es mit voller Wucht das weltlich-liberale, das antiautoritäre
Gegenmilieu, die Odenwaldschule, abgekürzt OSO, berühmtes Internat im
hessischen Ober-Hambach, Kathedrale der Reformpädagogik, vor 100 Jahren
gegründet. Da werden nun mehrere Lehrer beschuldigt, die familiäre Nähe, die zum
Konzept der Schule gehört, sexuell ausgebeutet zu haben. Im Focus zuvörderst der
ehemalige Schulleiter Gerold Becker. Er, der als charismatischer Pädagoge galt und
gilt, habe zum Beispiel die Gewohnheit gehabt, seine Schüler des Morgens zu
wecken mit einem gezielten Streicheln unter der Bettdecke.
Schon Ende der 90er Jahre hatte es einschlägige Vorwürfe gegen Becker gegeben,
publik gemacht von der Frankfurter Rundschau, damals ohne weitere Resonanz in
der Öffentlichkeit. Jetzt aber, im Sturm der Medien, kam Becker nicht mehr umhin,
auf die Vorwürfe zu reagieren-- und er hat, indem er die ehemals Schutzbefohlenen
um Entschuldigung bat, sexuelle Übergriffe bestätigt:
Zitat: "Schüler, die ich in den Jahren, in denen ich Mitarbeiter und Leiter der
Odenwaldschule war (1969 bis 1985), durch Annäherungsversuche oder
Handlungen sexuell bedrängt oder verletzt habe, sollen wissen: Das bedaure ich
zutiefst und bitte sie um Entschuldigung."
Diese Bitte, so Becker, beziehe sich "ausdrücklich auch auf alle Wirkungen, die den
Betroffenen erst später bewusst geworden sind."
2
Die Aufdeckung des bis dahin Beschwiegenen, Vertuschten - im Reich der Kirche
wie im Reich der Reformpädagogik - begleiten Medien und Publikum mit durchaus
unterschiedlichen Emotionen, je nachdem, welchem Milieu man die Entlarvung am
ehesten gönnt: angesichts so vieler in Verdacht geratener Priester in so vielen
Missbrauchsgeschädigten Bistümern werden kirchentreue Katholiken insgeheim
aufgeatmet haben, als es auch in der Odenwaldschule einschlug - der Zölibat allein
konnte also nicht schuld sein.
Auf der anderen Seite die eher linksliberalen Verehrer der Reformpädagogik, die
vermutlich nicht ganz unglücklich sind, einer derart drastischen Vorführung des
Strauchelns anachronistischer Priesterherrschaft zusehen zu dürfen.
Zumal, wenn es einen rechtskonservativen Gewohnheits-Provokateur wie den
Bischof Mixa trifft, der vor gar nicht langer Zeit bekannt gemacht hatte, dass die
ganze innerkirchliche Missbrauchsschande von den 68ern und ihrer sexuellen
Revolution zu verantworten sei, der ferner sein reines Herz ins Schaufenster legte,
bevor seine Prügelorgien bekannt wurden, die weit über die schließlich
eingestandenen Watschen hinausgingen, weil das zur Austreibung des Satans eben
notwendig war.
Die enthusiastische Empörungsbereitschaft, die der mediale MissbrauchsEnthüllungs-Tsunami ausgelöst hat, ermutigt natürlich auch Trittbrettfahrer und
Fahrerinnen, alte Rechnungen, die noch offen stehen, im Flutlicht der Öffentlichkeit
zu begleichen. Ein Beispiel gibt die 55 Jahre alte Anja Röhl. Sie ist eine Tochter aus
erster Ehe von Klaus Rainer Röhl, der das unter uns Linken in den 60er Jahren sehr
populäre Magazin "konkret" erfunden hat, in zweiter Ehe mit Ulrike Meinhof
verheiratet war, der Journalistin und späteren RAF-Ikone.
Anja Röhl also nutzt die Missbrauchs-Enthüllungs-Stimmung, um in der Illustrierten
Stern mit ihrem Vater abzurechnen, zum Beispiel zu erzählen, dass ihr Vater vor
genau 50 Jahren zu ihr ins Bett gekommen sei, sich von hinten an sie herangedrängt
habe, dass sie dann etwas Hartes gespürt und auch gehört habe, wie er stöhnte und
schluchzte dabei. Das, ja klar, mussten wir endlich ganz genau wissen. Zumal der
daraufhin ausbrechende Stiefgeschwister-Konflikt uns mit weiteren FeuilletonPralinen verwöhnt: Bettina, eine Tochter von Röhl und Meinhof, schlägt mit
begeisterter Wut zurück, während die Meinhof-Biografin Jutta Ditfurth die
Gelegenheit wahrnimmt... na,und so weiter.
Was nun die Missetaten in der Odenwaldschule angeht, so sollen sie stattgefunden
haben in den Jahren zwischen 1965 und 1991. Die heutige Schulleiterin, seit 2007 im
Amt, will rücksichtslos aufklären, lädt alle ehemaligen Schüler ein, sich zu erinnern,
und ihr das Erinnerte mitzuteilen.
Ein Schüler zum Beispiel, berichtet Frau Kaufmann, habe erzählt,dass er täglich im
Sexdienst war, ein anderer habe von 400 Übergriffen in drei Jahren gesprochen, das
seien - fast täglich - Manipulationen am Genital und auch Küsse gewesen. "Darf
man", frag ich mal ganz, ganz vorsichtig, "darf man über diese Aussage stolpern?"
400 Übergriffe? Hat er eine Strichliste geführt? Andererseits: drei Jahre lang fast
täglich? Dann muss es ja bedeutend öfter als 400 Mal passiert sein - oder? Die
Schulleiterin ist nicht irritiert, sofern man dem Gesprächs-Bericht in der "Zeit" trauen
darf: "Wenn mir jemand von seiner Misshandlung erzählt", sagt sie, "dann glaube ich
ihm."
3
Das ist wohl angemessen, es muss eine erst mal bedingungslose Zuwendung
geben, ein prinzipielles Für-Wahr-Halten, wenn jemand von einer Leid-Erfahrung
berichtet. Gleichwohl sollte nicht ganz in Vergessenheit geraten, dass das
Gedächtnis ein unsicherer Kumpan sein kann.
Mein Gedächtnis, wann immer es die Fühler nach weit zurückliegenden Vorfällen zu
strecken versucht, vermittelt mir ein Gefühl der Ungewißheit, des Schwankens,ein
Gefühl, dessen Plausibilität von der Gedächtnisforschung bestätigt wird: Jedes
Aufrufen einer Erinnerung kann das Bild des Erlebten verändern, je nach dem
Kontext, je nach den Motiven, die das Aufrufen der Erinnerung provozieren. Sich
dieser Unsicherheit des Erinnerns bewusst zu sein, ohne die wirklich und wahrhaftig
Betroffenen durch zur Schau gestelltes Misstrauen zu kränken - das ist die
Gratwanderung, die von allen Aufklärern, auch von den Journalisten geleistet werden
muss. Es kommt auf präzisen Sprachgebrauch an.
Dass sich Tag für Tag neue Opfer melden, lese ich Tag für Tag in der Zeitung obwohl doch die Artikelschreiber nicht wissen können, ob wirklich jeder, der sich als
Opfer jetzt darstellt, das Dargestellte tatsächlich erlebt hat. Bevor die Plausibilität
eines Erlebnisberichts erwiesen ist, kann man ja nur sagen beziehungsweise
schreiben, dass sich Menschen gemeldet haben, die berichten, Opfer sexueller
Übergriffe geworden zu sein.
Die Unschuldsvermutung gehört zu den Grundprinzipien des rechtsstaatlichen
Strafverfahrens; eine Redeweise, die das berücksichtigt, ist also keine Kränkung
derer, die tatsächlich traumatisierende Erfahrungen gemacht haben. Und eine
grobkörnige, jeder Differenzierung sich verweigernde Sprache hilft ihnen nicht.
Der Signal-Begriff "Missbrauch", der alle möglichen Übergriffe, Zudringlichkeiten,
Grenzüberschreitungen zusammenfaßt, ignoriert die höchst unterschiedliche Qualität
der stigmatisierten Taten.
Eine etwas zu zärtlich geratene Umarmung oder Streichelei wird man anders
bewerten, als zum Beipiel eine vergewaltigende Penetration. Das stereotype Wort
"Opfer", indem es den Umarmten ebenso benennt wie denn Vergewaltigten,
verschleiert die moralische wie die strafrechtliche Differenz.
Und was bedeutet es, wenn man sagt, "Ein Kind sei Missbraucht worden?"
Suggeriert diese Redeweise nicht, dass es auch einen angemessenen, nicht
strafwürdigen GEbrauch des Kindes gibt, Gebrauch im Sinne von Benutzung - das
MISSbrauchte und das GEbrauchte Kind als Objekt des erwachsenen Nutzers?
Von "Missbrauch" kann man also sinnvoll nur sprechen, wenn man den Missbrauch
der Macht meint, die ein Erwachsener ausübt, indem er ein Kind sexuell bedrängt
oder vergewaltigt oder verprügelt oder psychisch verletzt durch eine kaltherzige
Erziehungsherrschaft, die, um das Kind zu beschädigen, keiner körperlichen
Berührung bedarf - das gerät jetzt leicht in Vergessenheit.
Zwei Sorten von MachtMissbrauch hat der österreichische Schriftsteller Joseph
Haslinger in den 60er Jahren in einer Klosterschule erlebt: einerseits die permanente
Erniedrigung durch Prügel, andererseits sexuelle Übergriffe.
4
In den Jahren, da draußen über antiautoritäre Erziehung diskutiert wurde, schreibt
Haslinger in der "Welt", wurden wir, Zitat, "Von den Protagonisten der Religion der
Liebe mit dem Stock geschlagen. Die Pädophilen waren in dieser Sphäre von
körperlicher Gewalt eine Oase der Zärtlichkeit. Das Kloster war ein Exzess in dieser
und jener Richtung."
"Die Pädophilen als Oase der Zärtlichkeit" - ist das die Grenzüberschreitung, von der
die "Welt"- Redaktion vermutet, dass sie provoziert und möglicherweise Gefühle
verletzt? So jedenfalls die vorsichtige Warnung im redaktionellen Vorspann. Dann,
als vorweg genommene Quintessenz des nachfolgenden Textes, die Überschrift:
"Jetzt bloß keine Hexenjagd".
Er sei, schreibt der 1955 geborene Haslinger, 12 Jahre alt gewesen, als erstmals ein
Priester sich für seinen, Zitat, "kleinen Penis interessierte" und dabei ganz
offensichtlich in Erregung geriet. Dann habe es intime Annäherungen gegeben, die
er zugelassen habe.
Zitat: "Ich ging mehrere Etappen der Ausweitung dieser Spielchen mit. Es kam mir
nicht in den Sinn, ernsthaft etwas dagegen zu unternehmen. Und deshalb war ich
auch nicht in der Lage, sie abzustellen."
Sein erster, so wörtlich, "sakraler Erotikpartner" sei ihm abhanden gekommen, da ein
anderer Schüler den Pater verpfiff, der dann aus der Klosterschule entfernt wurde.
Den verpfeifenden Mitschüler habe er einerseits mutig gefunden, andererseits als
Verräter betrachtet - und gleichzeitig kapiert, dass er, Haslinger, die Macht habe, zu
erpressen. Als Internatsschüler entwickle man einen strategischen Sinn.
Zitat: "Man kann fies sein gegen jemanden... Ich kannte dieses Mittel. Ich habe es oft
eingesetzt. Aber nicht gegen die Priester, die mit mir sexuelle Spiele veranstalteten."
Nach der Entfernung des ersten priesterlichen Sexualspielpartners habe es bald
andere gegeben, die an die frei gewordene Stelle nachrückten.
Zitat: "In mir hatten sie die richtige Wahl getroffen. Ich schwieg beharrlich."
15 Jahre nach diesen Erfahrungen schreibt Haslinger eine Kurzgeschichte, darin der
Ich-Erzähler mit pornographisch aufgeladenen Details von einer Vergewaltigung
durch den Religionslehrer berichtet und von seiner Flucht aus dem Internat. "Gerade
diese Szene", so Haslinger heute, "weiche am weitesten ab von der erinnerten
Realität. Er habe es der Schule heimzahlen wollen - nicht wegen der Sexspielchen,
sondern wegen der Prügel."
Haslinger versucht sich und uns zu erklären, warum er, trotz vieler Möglichkeiten,den
sexuellen Kontakten nicht ausgewichen sei: er habe sie in gewisser Weise als
Auszeichnung empfunden. Zitat: "Gefühle, die man gehabt hat, sollte man im
Nachhinein nicht einfach zugunsten einer moralischen Empörung abschütteln, als
habe es sie nie gegeben. Es war nicht nur eine Last, ein solches Geheimnis zu
haben, es war auch etwas Besonderes."
Ich bin beeindruckt von Haslingers Selbstreflexion. Er kratzt an dem Opfer-Status,
der ihm ja zusteht, bekennt sich zur Ambivalenz der Gefühle.
5
Er will den Jungen, der er mal war, nicht auf die Rolle des unschuldigen, des reinen,
des asexuellen, des machtlosen Opfers reduzieren, ihm vielmehr ein gewisses Maß
an Autonomie, ja sogar Gegenmacht zuschreiben - Gegenmacht, die ihm durchaus
erlaubt hätte, sich zu wehren.
Aber - Moment mal! Hier muss ich mir wohl ins Wort fallen. Hab ich nicht eben noch
von der Schwierigkeit gesprochen, bei lang zurückliegenden Erlebnissen dem
eigenen Gedächtnis zu trauen? Wie kann ich dann jetzt, im Fall Haslinger, dessen
heutige Erinnerung an seine Knabengefühle für eine getreue Abbildung der
damaligen Befindlichkeit halten ? Hatte er das Gefühl von Gegenmacht tatsächlich
damals - oder ist es vielleicht ein Nachtrag, der das Ohnmachtsgefühl von damals
bemänteln, verdrängen soll?
Ich weiß es nicht. Aber diese Ungewißheit, oder dieser Selbstwiderspruch kann
nichts dran ändern, dass mir Haslingers Text, weil er Ambivalenz zuläßt, ganz
besonders imponiert.
In dieser zwiegespaltenen Klosterschul-Erzählung also repräsentieren die PrügelPriester die alte, schwarze Pädagogik. Da ist der Macht-Missbrauch so schmerzhaft
evident, dass, verglichen damit, der andere Macht-Missbrauch, also die Zuwendung
der Pädophilen, offenbar als freundliche Alternative erlebt werden kann.
Ganz anders der Zwiespalt, von dem sogenannte "Altschüler" der Odenwaldschule
berichten: da sind die sexuellen Übergriffe ein schwerer Makel, der aber nicht
vergessen machen kann und soll, dass das pädagogische Projekt Odenwaldschule
so vielen Heranwachsenden gut getan hat.
Amelie Fried etwa, Autorin und Fernsehmoderatorin, erzählt staunend von
Mitschülern, die, obwohl sie Opfer sexueller Übergriffe geworden seien, heute noch
sagen, die "OSO" hätte ihnen das Leben gerettet. Trotz alledem? Ja, sagen diese
Zeugen, zu Hause wäre es noch schlimmer gewesen.
Sie müßte, schreibt Amelie Fried in der FAZ, zum 100. Geburtstag der OSO zwei
einander widersprechende Texte liefern, einen feiernden und einen enthüllenden.
Der erste Text würde eine glückliche 70er-Jahre-Jugend beschreiben, davon
erzählen, wie toll es war, in sogenannten "Familien" unter gleichaltrigen Kameraden
zu leben, Tür an Tür mit Lehrern, die man duzen durfte, die sonntags zum Frühstück
in ihre Wohnung einluden, die Schüler ernst nahmen, mit ihnen diskutierten,sie
herausforderten. Zitat: "Hier war ich richtig, hier bekam mein rebellischer Geist die
Nahrung, die er suchte."
Der zweite Text würde dann davon erzählen, wie der "Familienvater" sich in den
Duschraum der Mädchen gedrängt, sie zu Strip-Poker-Runden in seiner Wohnung
genötigt habe, wie er die Autorin höhnisch als schwäbische Spießerin bezeichnete,
weil sie keine Lust hatte, mitzumachen, wie sie dann doch mitmachte, sich furchtbar
schämte, die Erinnerung daran für Jahrzehnte verdrängte. Heute nennt sie die
Übergriffe, die ihr widerfuhren, vergleichsweise harmlos - gleichwohl bereut sie es,
sich nicht gewehrt zu haben.
6
Der Journalist Tilman Jens, der 1972 zur Odenwaldschule kam, schwärmt von der
wunderbaren Einführung in diese so ganz andere Schule, die ihm der damalige
Leiter Gerold Becker habe zuteil werden lassen: Becker sei das freundliche Gesicht
der OSO gewesen. Zitat: "Hier wurde kein Arrest abgebrummt, niemand eingesperrt,
hier wurden Utopien gesponnen, Freiräume geschaffen. Lehrer sind fehlbar, und
Schule kann auch Freude machen - das war die Lektion, die da einem
Siebzehnjährigen mit Selbstironie und Souveränität vorgetragen wurde. Ich hätte,
nach acht Jahren der Qual, der Erniedrigung am Tübinger Uhland-Gymnasium die
Welt umarmen können."
Nun, 38 Jahre später sieht er Becker wieder auf einem Schwarz-Weiß-Foto aus dem
Archiv, mit einem Ganoven-Balken über den Augen unkenntlich gemacht, als Drehund Angelpunkt eines widerwärtigen Missbrauchs-Skandals. Die Frage, die ihn
umtreibt, Zitat: "Was haben wir gewusst damals? Und vor allem: Warum haben wir
den Mund nicht aufgemacht? Nachgefragt zumindest, analytisch gestählt, wie wir
waren? Wir studierten in unsern Oberstufenkursen Horkheimer, Freud oder Beckett,
erregten uns über die Folgen bürgerlicher Herrschaft, wir saßen im SchülerParlament und erprobten recht weitreichende Modelle der Mitbestimmung, waren mit
17, 18 Jahren bereit, die Welt zu verändern. Wir liebten und lasen. Und schauten
weg."
Seine Erinnerungsbruchstücke zusammenklaubend, kommt Tilman Jens nicht umhin,
einzuräumen, es sei ein offenes Geheimnis gewesen, dass Becker und andere
Lehrer was mit Schülern hatten - dann - großes ABER! - stellt er das
Weggeschauthaben in den Kontext des Weltgefühls der 70er Jahre.
Zitat: "Aber war die Schwulenhatz der Adenauer-Zeit nicht schlimmer als ein paar,
wie wir das sahen, harmlose Spiele, die doch vermutlich allen Freude machten. Der
Paragraph 175 fiel Stück für Stück, der Kuppelei-Paragraph war abgeschafft. Wir
wähnten uns in einem südhessischen Summerhill. Begriffe wie "Missbrauch" oder
"Unzucht mit Abhängigen" existierten nicht in unseren Köpfen."
Tilman Jens meint, die unter der Bettdecke Begrapschten, beim Duschen
Befingerten, als sexuelle Dienstleiter ins Schlafgemach des Lehrers Zitierten sie hätten ihre Traumata über Jahrzehnte tief in sich begraben, damit kein Makel auf
die geliebte OSO falle. Kann es aber sein, will ich jetzt mal ganz vorsichtig fragen, all
meinen Mut zusammen nehmend - könnte es sein, dass die Schüler, die
frühmorgens von Gerold Becker unter der Bettdecke begrapscht wurden, diese
Übergriffe auf ganz unterschiedliche Weise verarbeitet haben? Dass einige
unbeschädigt bis glimpflich davon gekommen sind, andere mittelschwer beschämt,
noch andere ernstlich traumatisiert wurden? Dass man nicht alle individuellen
Erfahrungen über einen Kamm scheren kann?
Der Züricher Psychoanalytiker Peter Passett erzählt eine Episode aus seiner
Schulzeit, die ganz gut zu dieser meiner vorsichtigen Frage paßt. Da habe es einen
Priester gegeben, den sie den "Grabscher" nannten, weil der die Schüler, bevor sie
zur Kirche gingen, ein wenig am Hintern getätschelt habe. Er habe sich dadurch nie
missbraucht gefühlt, sagt Passett, aber es gebe Kollegen von damals, die sagen, der
grabschende Priester habe ihnen die Sexualität verdorben. Ob das so sei, könne er
nicht beurteilen, habe aber seine Zweifel.
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Zitat: "Die Spannbreite zwischen dem, was einige Individuen als normale Nähe auch körperliche Nähe - empfinden und was andere als Überschreitung erleben, ist
viel größer, als es scheint. Ein guter Pädagoge spürt diese variablen Grenzen und
geht mit den Schülerinnen und Schülern unterschiedlich um."
Dieses Gespür, so scheint es, hat dem vielfach verehrten Pädagogen Gerold Becker
gefehlt.
Amelie Fried interpretiert jetzt, wie Tilman Jens, ihre Odenwald-Erfahrungen im Licht
des Nach-68er-Lebensgefühl . Die Lust der sexuellen Befreiung verteidigt sie, indem
sie den Pädagogen vorwirft, die libertäre Sexualmoral, die auf Emanzipation angelegt
sei, zur sexuellen Ausbeutung benutzt, also verraten zu haben. Zitat: "Wir
Jugendlichen waren glücklich, unsere Sexualität in einem angstfreien,
aufgeschlossenen Klima entdecken zu können, ohne die Angst vor strafenden Eltern
oder Erziehern. Das einige dieser Erzieher diese großartige neue Freiheit als
Deckmäntelchen für ihre Übergriffe Missbrauchten - das ist der Skandal."
Allerdings, so muss man hinzufügen, wenn man die Missbrauchsgeschädigten
Bistümer betrachtet, allerdings geht es auch ohne das Deckmäntelchen der 68er
sexuellen Revolution.
Am Ende seines zwischen gemischten Gefühlen, widerstreitenden Erinnerungen
mäandernden Textes plädiert Tilman Jens für einen aufgeklärten Umgang mit der
Vergangenheit.Das rabiate Vorgehen der Schulleiterin Kaufmann, die über den
todkranken Gerold Becker und fünf weitere ehemalige Lehrer ein Hausverbot
verhängt habe, nennt er blinden Aktionismus, ein, so wörtlich, "spätstalinistisches
Säuberungsgewitter." Und was Becker betrifft, so empfiehlt er ein Verfahren, das des
Internats würdig ist. Zitat: "Die Verantwortlichen des Internats täten nun gut daran,
einzuräumen, dass dieser Mann kein Ungeheuer ist, sondern, trotz allem, ein großer
Lehrer war.Seine zwei Gesichter, die kein Balken wird auslöschen können, gilt es
auszuhalten. Eine Herausforderung gewiß,aber das Wesen der Odenwaldschule, die
Einzigartigkeit dieser Anstalt beruht nicht auf Anklage und Abstrafung, sondern auf
souveränem Diskurs."
Bleibt mir noch übrig, zu vermuten, dass ich auf diese Schule gerne gegangen wär.
8
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