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Kindergruppe – was dann? Freie Schulen in Österreich

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Nr. 73
Juni 2010
Euro 3,–
Bundesverband Österreichischer Elternverwalteter Kindergruppen
Kindergruppe – was dann?
Freie Schulen in Österreich
¬Editorial
Inhalt dieser Ausgabe
¬
Liebe Leserinnen, liebe Leser!
Sehr treffend skizziert Momo Kreutz,
Geschäftsführerin des Netzwerks Freie
Schulen, die Verbindung von elternverwalteten Kindergruppen und freien
Schulen auf Seite 9: „Bereits im Jahr
1977 fand in Wien ein erstes Treffen
von Eltern statt, um eine neue Schule zu gründen. Fast alle hatten bereits
für die Vorschuljahre alternative Einrichtungen wie selbstverwaltete Kindergruppen gewählt, um sich an der
Erziehung und Entwicklung ihrer Kinder aktiv zu beteiligen. Dies wollten
die Eltern nun auch für die Schuljahre
fortsetzen und für ihre Kinder eine andere Unterrichtsumgebung schaffen,
in der ein respektvoller und achtsamer
Umgang zwischen Eltern, LehrerInnen
und SchülerInnen gelebt wird.“ Demokratische Strukturen, partizipative
Pädagogik und Selbstverwaltung bilden gleichermaßen den Urgrund, aus
dem jede Einrichtung in ihrer Einzigartigkeit erwächst. In der Zusammen-
schau aller Beiträge aus Niederösterreich, Wien, Tirol und der Steiermark
offenbart sich ein enorm kreatives
und selbstbewusstes Potenzial aller
beteiligten SchülerInnen, LehrerInnen,
BetreuerInnen und Eltern.
Ein Beispiel für gelungene Vernetzungsarbeit zeigte sich am NÖ-Reformtag der Plattform ZukunftBildung
im Wasserschloß Pottenbrunn (Seite 7).
Andrea Pisa, Neue Schule Altlengbach,
lädt auf Seite 11 zum Mit-, Quer- und
Vordenken ein über die praktische Anwendung demokratischer Konzepte im
Schulalltag und deren Grenzen. Wie
SchülerInnen der SchülerInnenschule
selbst ihr Recht auf Mitbestimmung
(er)leben, erzählen sie Sabine Lasar im
Interview auf Seite 14. Von selbst erprobten Regeln und Grenzen berichten Petra Flieger und sieben SchülerInnen der Lindenschule in Tirol (Seite
16). Zum Abschluss des Themas geben
AbsolventInnen der Grazer Schule im
Pfeifferhof Einblick in ihre Bildungskarrieren „danach“ (Seite 18).
Kindergruppenbetreuerin
Renate
Delpin führt uns auf den letzten Seiten der frischen BÖE ins Reich der Kreativität: Am Malort kann die eigene
Spur entdeckt und ausgedrückt werden (Seite 20), eine Auswahl dieser
Kunstwerke findet ihr auch als sturmBÖE auf Seite 24.
Was mich besonders an dieser Ausgabe freut, ist die engagierte und unkomplizierte Art der Zusammenarbeit
mit allen AutorInnen – so hat ein großartiges Miteinander ein ausgezeichnetes Heft zustande gebracht. Ein großes
Dankeschön an dieser Stelle!
Euch und allen Lesern und Leserinnen einen sonnigen, erholsamen
Sommer mit viel Eis und (Bade-)Spaß!
Tanja Täuber
2
BÖE aktuell Tanja Täuber und Grete Miklin
4
NÖ-Reformtag in Pottenbrunn: Eine Rückschau Egbert Amann-Ölz
7
Thema: Kindergruppe – was dann? Freie Schulen in Österreich
Netzwerk Freie Schulen – Demokratie im Wandel?!
Momo Kreutz
9
Aktiv mitdenken, kreativ querdenken, ethisch vordenken Andrea Pisa
11
Gelebte Demokratie oder wie viel wollen wir eigentlich mitbestimmen? Sabine Lasar fragt Jasmin, Aaron, Leon
14
Von Schulversammlungen, Führerscheinen und Schwertkampfregeln – Partizipationspädagogik in der Lindenschule 16
Petra Flieger und SchülerInnen
AbsolventInnenporträts aus der Schule im Pfeifferhof, SiP-Knallerbse
Tina Strasser, Jonathan Scheucher, Hanah-Leah Degenhardt
18
Der Malort – ein besonderer Raum für die Gestaltung der eigenen Spur Renate Delpin
20
Thema frische BÖE 74
Bildungszyklus 23
Männer in der pädagogischen Arbeit mit Kindern
sturm BÖE 24
Letztes Jahr wurden die Kindergruppen für das Projekt „elementar – Männer in der pädagogischen Arbeit mit Kindern an der Universität Innsbruck“ beforscht, einzelne Landesverbände und der BÖE kooperierten mit den Initiatoren
Tim Rohrmann und Bernhard Koch. Die brennendsten Fragen zum Thema wollen wir nun in der nächsten frischen
böe ergründen: Wie ist das, als Mann mit Kleinkindern zu arbeiten? Warum ist Elementarpädagogik ein durchwegs
von Frauen bespieltes Feld? Was hat das mit strukturellen Bedingungen (Bezahlung) und gesellschaftlichen Bewertungen („klassischer Frauenberuf“) zu tun?
Und vor allem: Wie kommt es, dass in reformpädagogischen Einrichtungen wie elternverwalteten Kindergruppen
der prozentuelle Anteil männlicher Betreuer mehr als doppelt so hoch ist wie in anderen Einrichtungen? Schreibt uns
doch, was ihr dazu denkt und wie ihr das erlebt.
Bitte schickt eure Beiträge und Artikel per E-Mail an: boe@aon.at, per Fax an: 01 / 409 66 41
oder per Post an BÖE, Neulerchenfelder Straße 8 / 8, 1160 Wien – Danke!
Redaktionsschluss ist der 20. August 2010.
2
Editorial und Thema der nächsten frischen BÖE Die Redaktion
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz / Impressum: Medieninhaber, Herausgeber, für den Inhalt verantwortlich: Verein „Bundesverband Österreichischer
Elternverwalteter Kinder­grup­pen“ (BÖE) · Neulerchenfelder Straße 8 / 8, 1160 Wien · Tel.: 01 / 409 66 40 · Fax: 01 / 409 66 41 · E-Mail: boe@aon.at
Obfrau: Katarina Dennhardt · Grundlegende Richtung: Informationszeitschrift zum „Anderen Umgang“ mit Kindern · Redaktion / Konzeption: Tanja Täuber ·
Grete Miklin · Cristina Maier · Layout / Grafik: Irene Persché, www.irenepersche.at · Für Fotos und Zeichnungen danken wir: Archiv Plattform ZukunftBildung ·
Noël + Mathis Barz · Chiara, KG Bimbulli · KG Bimbulli · Lindenschule · Malort Renate Delpin · Julia Neider · Neue Schule · Bernhard Peball · Joshua Schindler ·
SchülerInnenschule · Schule im Pfeifferhof · Tanja Täuber · Wikipedia · Lektorat: Inga Herrmann · Druck: Fa. Thienel, 1120 Wien Verlagsort: Wien ·
Erscheinungsform: vierteljährlich. Namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht die Meinung der Redaktion wiedergeben.
Alle Urheberrechte liegen bei den AutorIn­nen. Der BÖE wird gefördert aus Mitteln des AMS und des BMWFJ.
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
3
¬Aktuelles
¬
BÖE aktuell
Tanja Täuber und Grete Miklin
nassen Wetters verschoben – schließlich haben sich 40 Jahre Kindergruppen und 30 Jahre Dachverband schon
Sonne verdient!
WM
KG Mit Kindern wachsen, Bad Fi­
schau-Brunn, Tel.: 0699 11 75 39 55
MP
Kärnten
Am 14. Juni fand die Enquete des
Bundesministeriums für Wirtschaft,
Familie und Jugend „Die Familie an
der Wende zum 21. Jahrhundert“
im Schloss Schönbrunn statt. Die Podiumsdiskussion mit Wissenschaftern
und PolitikerInnen brachte Blitzlichter
zu momentanen Lebenswelten von
Familien im europäischen Vergleich.
Von 28. – 30. Mai 2010 präsentierten
13 TeilnehmerInnen aus Salzburg,
Kärnten und Tirol des BÖE-Bildungszyklus ihre Abschlussprojekte vor dem
Prüfungskomitee. Wir freuen uns über
die ausgezeichneten Arbeiten!
TT
Oberösterreich
Der BÖE nahm stellvertretend für alle Nach sechs Jahren ehrenamtlicher
Elternverwalteten
Selbstorga- Tätigkeit schied Susanne Möderl als
nisierten Kindergruppen am 11. Obfrau bei der Generalversammlung
und 12. Juni an der Tagung „Kinder im März aus dem Vorstand aus. Viebrauchen Männer“ an der Univer- len Dank auch an dieser Stelle für dein
sität Innsbruck teil. Neben neuen Engagement!
Forschungsergebnissen wurden unNeuer Obmann ist Gernot Preisinger
ter anderem die Rolle der Träger der von der Kindergruppe Kids & ComBetreuungseinrichtungen zur Unter- pany aus Steyr. Auch die KassierIn
stützung von Gender Mainstreaming und SchriftführerIn wurden neu gediskutiert. Fakt ist, dass in unseren wählt: Schriftführerin ist nun KaroliMitgliedergruppen der Prozentsatz ne Grubmüller aus der Kindergruppe
männlicher Betreuer doppelt so hoch Kunterbunt Linz, der Kassier Günther
ist wie in anderen elementarpädago- Unterberger kommt aus der Kindergischen Einrichtungen. Das liegt in gruppe PINK in Grieskirchen, mit Guerster Linie an den attraktiven Arbeits- drun Wallner aus der Kindergruppe
bedingungen, die anhand der Kinder- Moos ist die Obmann-Stellvertreterin
gruppenstandards umgesetzt werden gleich geblieben. Unsere Arbeit dreht
(niedriger Betreuungsschlüssel und sich derzeit einmal mehr um das oö.
Kleingruppen, Wertschätzung).
Kinderbetreuungsgesetz. Nach einer
Wir vertraten unsere Anliegen bei Zusage von LH Pühringer, dass sich für
der österreichweiten „Vernetzungs- unsere Kindergruppen nichts an der
fachtagung
Kinderbetreuung Finanzierung und den Rahmenbedin2010 – Unternehmen – Gemein- gungen ändern wird, fehlt dafür weiden – Organisationen“ am 10. Juni terhin die gesetzliche Basis. Wir blei2010 im IST Austria Klosterneuburg.
ben weiter in Verhandlung.
GP
4
Niederösterreich
Wien
Nach jahrelangen Verhandlungen des
Dachverbands der Wiener elternverwalteten Kindergruppen mit
dem Magistrat zur finanziellen Besserstellung der Elternverwalteten Kindergruppen, freuen wir uns darüber, dass
die Stadt Wien die Förderungen für
die privaten Kinderbetreuungseinrichtungen erhöht.
Diese Erhöhung ist an folgende Bedingungen gebunden:
Erstens muss sie den BetreuerInnen
zugute kommen, d. h. eine Lohnerhöhung rückwirkend ab 1. Jänner 2010
wird dadurch möglich. Zweitens muss
ein Datenverarbeitungssystem für die
Anmeldung und die Platzvergabe bis
zur Abrechnung von den einzelnen
Trägern der Kindergruppen eingeführt
und bedient werden.
Elf MigrantInnen (aus dem Iran,
Tschetschenien, Russland, Aserbaidschan und Moldawien) konnten beim
Bildungsverein von März bis Mai die
Grundausbildung zur KindergruppenbetreuerIn abschließen, was zusammen mit dem Integrationsfonds und
Mentor umgesetzt wurde.
Das „Freche Kindergruppen-Picknick“ findet am 22. Juni im Augarten statt! Der ursprüngliche Termin
vom 2. Juni wurde wegen des kalten
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
Das AMS Niederösterreich stellt mit
sofortiger Wirkung die sogenannte
KBE-Förderung ein. Diese Förderung
erhielten Kindergruppen, die neu gegründet wurden für den Zeitraum von
bis zu 4 Jahren nach der Gründung; es
wurden jeweils innerhalb der ersten 2
Jahre 50 % und in den folgenden 2
Jahren 25 % der anfallenden Personalkosten übernommen.
In Kärnten fand eine Einschulung und
Die Begründung der zuständigen Zertifizierung zum Umgang mit der
Referatsleiterin Mag.a Mayr-Kirschner, Krippen-Skala (KRIPS-R) geleitet von
die dem NEK das telefonisch mitteilte, TrainerInnen des Charlotte-Bühlerbesteht darin, dass es ganz allgemein Instituts statt. Neun BetreuerInnen
eine Evaluierung der Leistungen des konnten daran, mit finanzieller UnterAMS geben würde, die besonders stützung des Qualifizierungsverbunds,
jene Projekte aussondert, die keinen teilnehmen.
BE
direkten Zusammenhang mit arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen hätten. Tirol
Die Kindergruppen mit bestehenden Nun ist es soweit – der Entwurf des
Verträgen sind nicht betroffen, alle neuen
Kinderbetreuungsgesetzes
neu zu gründenden Gruppen können wurde veröffentlicht; die Begutachnicht mehr mit einem Personalkosten- tungsfrist ist mit 30. 5. 2010 abgezuschuss rechnen.
schlossen worden.
Das NEK-Büro ist vom 1. 7. 2010 bis
Es steht nun fest, dass in diesem
31. 8. 2010 geschlossen.
Gesetz keine Kindergruppen mehr
Wir freuen uns, folgende neue El- vorgesehen sind, sondern alle Kinternverwaltete Kindergruppen bei uns dergruppen mit einer Frist von 5 Jahbegrüßen zu dürfen:
ren zu Kinderkrippen umgewandelt
KG Familienarche, Kleinengersdorf,
werden müssen und damit dann der
Tel.: 02262 747 65
Abteilung Bildung unterstellt werden.
KG Mit Kindern wachsen, Neun­
Für die Kindergruppen kann dies eikirchen, Tel.: 0676 760 95 09
nerseits eine Chance sein, da sie als
Krippen gesetzlich verankert sind und
die Förderung der Abteilung Bildung
etwas höher ist als die der Abteilung
JUFF (Jugend, Frauen und Familie).
Positiv zum neuen Gesetz anzumerken ist auch, dass die Gruppengröße gesenkt und mehr Wert auf die
Ausbildung der BetreuerInnen gelegt
werden soll. Andererseits birgt diese
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
Umstrukturierung, wie schon öfter gesagt, auch viele Knackpunkte, die vor
allem die räumlichen Auflagen und
die Altersstruktur betreffen. Viele der
bestehenden Kindergruppen können
die hohen räumlichen Auflagen der
Krippen nicht erfüllen. Es ist zwar im
Gesetz für bestehende Kindergruppen
eine Ausnahmeregelung vorgesehen,
aber es bleibt abzuwarten, wie diese
dann umgesetzt wird. Eine weitere offene Frage ist, ob die Tiroler Landesregierung notwendige Umbauarbeiten
finanziell unterstützen wird – ansonsten werden einige Kindergruppen
ihre Türen schließen müssen.
Der zweite Punkt ist die Altersstruktur: In Kinderkrippen werden Kinder
im Alter zwischen 0 – 3 Jahren betreut,
während in Kindergruppen hauptsächlich Kinder von 1,5 – 4 Jahren betreut werden. Sollte hier keine flexible
Lösung vorgesehen werden, werden
viele Kinder ihren Betreuungsplatz
verlieren, da es vor allem in den Bezirken noch einige Kindergärten gibt, die
erst Kinder ab 4 Jahren aufnehmen.
Das Gesetz sieht zwar alters- und gemeindeübergreifende Gruppen vor, es
ist jedoch ungenau definiert, wie das
konkret ausschauen soll; und so liegt
es dann in der Hand der Abteilung Bildung, wie sie das umsetzen wird.
Der Dachverband selbstorganisierter
Kindergruppen wurde in die Begutachtung des Gesetzes miteinbezogen,
und wir haben unsere Bedenken auch
klar deponiert.
5
¬Aktuelles
¬
spielt und ein wichtiger Bestandteil
und Wert ist.
Wie die Situation im Herbst für die
Kindergruppen nun wirklich aussehen
wird, entscheidet sich Ende Juni / Anfang Juli. Dann sollte das Gesetz im
Tiroler Landtag beschlossen werden.
Zurzeit hagelt es jedoch noch sehr
viel an Kritik, vor allem von Seiten
der Gemeinden, die den finanziellen
Mehraufwand, den das Gesetz mit
sich bringen wird, nicht tragen wollen.
Es ist also noch offen, wer das neue
Gesetz bezahlen wird, und so bleibt es
bis zum Schluss spannend. EP
Außerdem haben wir im Rahmen einer Pressekonferenz die aktuell sehr
schlechte Fördersituation durch die
Abteilung JUFF (die Förderung wurde seit 12 Jahren weder angehoben
noch an die Inflationsrate angepasst)
aufgezeigt. Es ist unabdingbar, dass
die Finanzierung der Kindergruppen
durch die Abteilung JUFF trotz der
geplanten gesetzlichen Umstrukturierungen zumindest während der Übergangsphase sichergestellt wird.
Prinzipiell wird es eine Herausforderung sein, dass selbstorganisierte Kindergruppen ihre Identität als solche in
einer viel stärker reglementierten Situation bewahren können. Dies wird
auch ein Hauptthema des Dachverbands bleiben. Ein Schritt dazu kann
das Erstellen eines Rahmenkonzeptes
sein, anhand dessen selbstorganisierte Kindergruppen ihre Qualitätskriterien überprüfen können. Eine Gruppe
von StudentInnen der Fachhochschule
für Non-Profit-Organisationen hat hier
gute Vorarbeit geleistet. Sie haben
eine Umfrage zum Thema Qualitätskriterien gemacht, deren Ergebnisse am
22. 6. 2010 präsentiert werden. Davon
werde ich noch berichten, nur soviel
hat sich schon abgezeichnet, dass in
unseren Mitgliedsgruppen Elternorganisation nach wie vor eine große Rolle
6
Vorarlberg
Die Servicestelle ist dieses Jahr vor allem
im Aus- und Weiterbildungsbereich tätig. 150 Personen haben sich für die
Fortbildungsseminare angemeldet, für
die Ausbildung zur Spiel- und KindergruppenbetreuerIn laufen derzeit zwei
Lehrgänge; ein weiterer konnte von
den TeilnehmerInnen im Mai erfolgreich abgeschlossen werden.
Auf besonders großes Interesse stößt
die Waldspielgruppenausbildung. Sie
ist für MitarbeiterInnen von Spielgruppen und Kinderbetreuungseinrichtungen als Aufbau zu einer pädagogischen Grundausbildung konzipiert.
Neben vielen praktischen Themen
rund um die Begleitung von Kindern
im Spielgruppenalter im Wald stellen
wir vor allem die Methodik und die
pädagogische Haltung der Begleitpersonen in den Vordergrund. Wald-
NÖ-Reformtag: Eine Rückschau
Egbert Amann-Ölz
Die NÖ-Plattform ZukunftBildung zeigt: Reformpädagogik lebt in Niederösterreich!
spielgruppen, bei denen sich die Kinder ausschließlich im Freien aufhalten,
sind in den letzten 10 Jahren beinahe
in allen Regionen Vorarlbergs entstanden und sind mittlerweile für viele Eltern eine nicht mehr wegzudenkende
Alternative zu Betreuungsformen, die
sich vorwiegend in Räumen aufhalten.
Aber nicht nur in speziellen Waldspielgruppen wird die Natur vermehrt als
Spiel-, Lern- und Lebensraum für die
Kinder genutzt – WaldspielgruppenbetreuerInnen bieten auch in anderen
Spielgruppen und Kinderbetreuungseinrichtungen vermehrt Waldausflüge,
Waldwochen und Eltern-Kind-Aktionen in der Natur in ihren Jahresprogrammen an.
Im Herbst werden wir das 10-jährige Bestehen der Servicestelle feiern
und freuen uns jetzt schon auf die
rege Teilnahme der MitarbeiterInnen
der Vorarlberger Einrichtungen. AG
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
Welche Innovationskraft in den über
50 NÖ-Reformschulen, -kindergärten
und -gruppen steckt, davon konnten
sich am 24. April 2010, in St. Pölten /
Pottenbrunn an die 1.000 Besucher­
Innen gemeinsam mit dem St. Pöltner
Bürgermeister Matthias Stadler und
Landtagsabgeordneten Franz Grandl
bei einem dichten Programm anlässlich des 20-jährigen Bestehens der
Privatschule „Lernwerkstatt im Wasserschloss“ und des noe:reform.tags
auf der Pottenbrunner Schloss­allee
überzeugen. Veranstalter war die
NÖ-Plattform ZukunftBildung (www.
zukunftbildung.net), die die privaten schulischen und vorschulischen,
reformpädagogischen Bildungsinitiativen in NÖ vereint und politisch vertritt.
Viele interessierte Eltern und Kinder testeten konkrete Angebote wie
Wollespinnen,
Flugzeugmodellbau,
Arbeiten mit Naturmaterialien etc.
und lernten so unzählige neue Lernformen spielerisch kennen. Bürgermeister Matthias Stadler nahm sich
viel Zeit, um die verschiedenen reformpädagogischen Ansätze kennenzulernen. Am Stand der Privatschule
Integratives Montessori Atelier St. Pölten wurde er von einem begeisterten
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
Vater in ein Strategiespiel verwickelt.
Er konnte sich über die finanzielle Ungerechtigkeit ein Bild machen, die den
Privatinitiativen trotz hohem ElternEngagement widerfährt: einerseits als
Steuerzahler die öffentlichen Schulen und Kindergärten zu finanzieren,
andererseits aus dem versteuerten
Nettoeinkommen 200 bis 400 Euro
monatlich Schul- bzw. Kindergruppengeld zu bezahlen.
Welche wertvollen Impulse aus diesen, mit hoher Autonomie arbeitenden, Bildungsinitiativen hervorgehen,
zeigte eine teilnehmende öffentliche
Volksschule, die seit zehn Jahren
als Schulversuch klassenübergreifend arbeitet: die VS Oed Schule zum
Glück. LA Franz Grandl erinnerte sich
an seine eigene Volksschulzeit, in der
ebenfalls noch klassenübergreifend
sehr effizient sowohl SchülerInnen
mit schneller Auffassungsgabe als
auch langsamere Kinder erfolgreich
unterrichtet wurden bzw. individuell
auf sie eingegangen wurde und die
Jüngeren viel von den Älteren gelernt
haben. Untersuchungen belegen, dass
dieses soziale Lernen deutlich bessere
Lernerfolge hervorbringt und die Konkurrenz und das Vergleichen unter
Gleichaltrigen in den Hintergrund tritt,
wodurch ein entspanntes, lustvolles,
neugieriges Lernen möglich wird.
Diese freudige Lernatmosphäre wurde
an den Gesichtern von Kindern und
Eltern am noe:reform.tag ebenfalls
deutlich sichtbar.
Als Beispiel für den Beginn der Bildungslaufbahn präsentierte sich das St.
Pöltner Eltern-Kind-Zentrum Kids & Co,
welches für Eltern mit Kleinkindern
verschiedene Spielgruppen bei gleichzeitiger Elternbildung anbietet. Bürgermeister Matthias Stadler versprach,
sich für eine angemessene Förderung
von Kids & Co auch vonseiten der
Stadt St. Pölten stark zu machen.
Rechtlich noch gar nicht existent,
aber bereits mit sechs Gruppen in
der NÖ-Plattform ZukunftBildung vertreten sind die Waldkindergruppen –
Waldfexxx Krems, Waldkindergarten
St. Andrä Wördern, Waldkinder Maria
Anzbach, Waldfüchse Münichsthal,
Kinderbetreuung in der Natur Herzogenburg. Statt in geschlossenen
Räumlichkeiten lernen die Kinder hier
in der freien Natur, die Welt zu begreifen – mit ausgezeichneten Ergebnissen, wie Privatschulen als „Abnehmer“
berichten: Die Kinder aus den Waldkindergruppen sind ausgesprochen
ausgeglichen, haben ausgeprägte
7
¬NÖ-Reformtag
motorische Fähigkeiten und deutlich
ausgeprägte neurale Vernetzungsstrukturen aufgebaut, so der Tenor
der LehrerInnen in privaten Schulen.
„Hier muss mit dem Land NÖ noch eine
Lösung gefunden werden, um sie in
die Förderung von Tagesbetreuungs-
einrichtungen zu integrieren“, so der
Obmann der NÖ-Plattform ZukunftBildung, Egbert Amann-Ölz.
Eindrücklich schilderte die Waldorfschule Schönau an der Triesting
8
¬
LA Franz Grandl das deutlich besse-
re Abschneiden der österreichischen
Waldorfschulen beim Pisa-Test in
den naturwissenschaftlichen Fächern.
Fächerübergreifender
Projektunterricht, ein hoher Stellenwert von Theaterspiel, musikalischer Bildung und
kreativem Arbeiten ermöglicht eine
Vernetzung der Gehirnstrukturen, wie
sie durch den klassischen Unterricht
oft verhindert wird. Die derzeitige
parlamentarische Arbeit zur Moderni-
sierung des Privatschulgesetzes soll zu
einer Übernahme der Lehrergehälter
durch den Bund auch für nicht konfessionelle Privatschulen führen. Die
anlaufende konfessionsübergreifende
Arbeit auf diesem Gebiet schilderte der
Bildungssprecher der evangelischen
Kirche Österreichs, Dieter Bergmayr,
von der Freiraumschule Kritzendorf.
Die neu gegründete katholische Privatschule mit reformpädagogischer
und integrativer Ausrichtung in Wolfpassing ist ebenfalls Mitglied der
NÖ-Plattform ZukunftBildung, die
politisch nun auch für das kostenlose
„Gratiskindergartenjahr“ in privaten
Kindergruppen aktiv in Gespräche
mit der NÖ-Landesregierung geht. „Es
geht nicht an, dass engagierte Eltern,
die alles selbst organisieren, nicht die
vollen Kosten der Bildung im letzten
Kindergartenjahr ersetzt bekommen,
wo deren Einrichtung um ca. 20%
niedrigere Gesamtkosten hat als ein
durchschnittlicher öffentlicher Kindergartenplatz“, so Egbert Amann-Ölz.
Das konstruktive Miteinander zwischen öffentlichen Schulen und Kindergärten sowie privaten Trägern war
letztlich auch Thema im Gespräch mit
LA Franz Grandl, der versprach, dieses
Anliegen in seine Parteigremien einzubringen. Ein Treffen mit Dr. Renate
Steger, Abt. Kindergärten, fand am
25. 5. 2010 mit dem Anliegen statt,
einen fairen Kostenbeitrag für die NÖPrivatkindergärten und -gruppen zu
erwirken.
www.zukunftbildung.net
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
Netzwerk Freie Schulen –
Demokratie im Wandel?!
Bereits im Jahr 1977 fand in Wien ein
erstes Treffen von Eltern statt, um eine
Schule zu gründen. Fast alle hatten
bereits für die Vorschuljahre alternative Einrichtungen wie selbstverwaltete
Kindergruppen gewählt, um sich an
der Erziehung und Entwicklung ihrer
Kinder aktiv zu beteiligen. Dies wollten
die Eltern nun auch für die Schuljahre
fortsetzen und für ihre Kinder eine andere Unterrichtsumgebung schaffen,
in der ein respektvoller und achtsamer
Umgang zwischen Eltern, LehrerInnen
und SchülerInnen gelebt wird. Zu dieser Zeit gab es im öffentlichen Schulsektor in erster Linie Frontalunterricht
und kaum reformpädagogische Ansätze. Ebenso beschränkte sich die
Beteiligung der Eltern an der Schule
bestenfalls auf einen Elternverein mit
wenig Gestaltungsmöglichkeiten im
Lebensraum Schule.
Jene engagierten Eltern gründeten
rasch einen Verein und erarbeiteten
erste Konzepte für eine alternative
Schule. Mit wenigen Mitteln begannen sie gemeinsam mit LehrerInnen
im häuslichen Unterricht das erste
Schuljahr. Diese Elterninitiative besteht bis heute – die Ätsch, Verein für
emanzipatorische Erziehung – und ist
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
nur ein Beispiel dafür, wie Freie Schulen entstehen können.
Aus dieser ersten Bewegung folgten
weitere wie die Freie Schule oder die
SchülerInnenschule, mit der erstmals
der Pflichtschulbereich abgedeckt
wurde. Diese Initiativen vernetzten
sich und gründeten den „Wiener
Dachverband der Alternativschulen“.
Durch verstärkte Öffentlichkeits- und
Servicearbeit des Verbands wurden
auch ausländische Kontakte geknüpft
und weitere Vernetzungen hergestellt.
Diese Kontakte führten dazu, neue
ausländische Modelle wie die Pestalozzi Schule in Ecuador, gegründet
von Mauricio und Rebeca Wild, oder
die demokratische Schule Summerhill
in England, von Alexander Sutherland
Neill gegründet, kennenzulernen und
gaben Eltern und Pädagogen/Pädagoginnen Anstöße, diese neuen Formen
des Unterrichts auch in Österreich umzusetzen.
So entstanden in vielen Bundesländern Elterninitiativen mit ähnlichen
Konzepten und Zielrichtungen. Jede
dieser Schulen und Initiativen hat ein
etwas anderes Konzept – einerseits
aufgrund ihrer Geschichte, der räumlichen und personellen Möglichkeiten,
ihres Status (gemeinsam organisierter
häuslicher Unterricht bzw. Privatschule mit oder ohne Öffentlichkeitsrecht)
andererseits selbstverständlich auch
aufgrund der Entscheidungen der jeweils agierenden Eltern, Kinder und
LehrerInnen bzw. BetreuerInnen.
In wesentlichen Fragen, z. B. wie
mit Kindern umgegangen werden soll,
welche Bedeutung etwa Solidarität,
Momo Kreutz
Demokratie, Lernen, Leistung, Beurteilung etc. im Leben haben (sollen),
und welche Rolle unsere Schulen dabei spielen sollen und können, waren
und sind sich die Initiativen jedoch
weitestgehend einig. Entlang dieses
Minimalkonsenses bildete sich ein
breites Spektrum an „pädagogischen“
Konzepten, deren Austausch die Initiativen in inhaltlichen Fragen nach wie
vor bereichert.
Gemeinsam war den Initiativen aber
nicht nur die Kritik an gängigen pädagogischen Zielen und Methoden,
sondern auch an der „obrigkeitlichen“
Verwaltung der Regelschulen, was
dazu führte, dass die Selbstverwaltung
aller Mitglieder ein wichtiges Merkmal
der Initiativen wurde.
Durch die bundesweite Vernetzung
der Initiativen sowie erste Verhandlungen mit dem Bundesministerium
für Bildung wurde bald klar, dass man
gemeinsam mehr erreichen konnte.
Die ersten Treffen zur Gründung des
Bundesdachverbands Netzwerk Freier
Schulen fanden statt, und 1993 wurde der Verband ins Leben gerufen.
9
¬Kindergruppe – was dann? Freie Schulen in Ö
Die Kriterien aus dem
ersten Statut 1993 lauteten:
• Selbstverwaltung: Kinder, Eltern und
LehrerInnen (BetreuerInnen) sind die
TrägerInnen der Initiative – alle wirken
an der Verwaltung gleichwertig mit;
• nicht konfessionell: Die Religion ist
kein Kriterium für die Initiative;
• pädagogisches Konzept: ganzheitliches, soziales, selbstbestimmtes und
integratives Lernen;
• Mitwirkung der Eltern bei der Arbeit
mit den Kindern;
• finanzielle Eigenständigkeit der Initiative.
Vieles hat sich mittlerweile weiterentwickelt. Die pädagogischen Konzepte der Initiativen sind durch die
jahrelangen Erfahrungen ausgereifter,
neue wissenschaftliche Erkenntnisse
fließen in die Didaktik und Methodik
ein, Elternabende und -gespräche
werden professioneller geführt. Auch
die Organisationsstrukturen in den Initiativen haben sich entwickelt, was in
den letzten Generalversammlungen
dazu führte, dass das Thema Demokratie in unseren mittlerweile 43 Schulen intensiver behandelt wurde.
„Demokratie mit den SchülerInnen
leben“ wird in den meisten Schulen
durch regelmäßige Plenen umgesetzt,
wo die Kinder und Jugendlichen den
Schulalltag mitgestalten und mitbestimmen können. Doch wo sind deren
Grenzen? Man muss sicher gerade
bei Kindern darauf achten, dass sie
mit Entscheidungen nicht überfordert
10
werden, und je nach Alter berücksichtigen, dass Erwachsene die Verantwortung tragen und Kinder, auch juristisch
gesehen, noch nicht voll geschäftsfähig sind. Dennoch stellt sich die Frage,
in welcher Form in unseren Initiativen
Kindern und Jugendlichen tatsächlich
bei wesentlichen Entscheidungen eine
tragende Stimme gegeben wird.
Ein wichtiger Aspekt von Demokratie ist Transparenz und Gerechtigkeit
und beruht auf dem Prinzip der freien und gleichberechtigten Willensbildung und Mitbestimmung der Betroffenen in den Organisationen. Diese
Mitbestimmung kann aber sowohl
bedeuten, dass man regelmäßig einen
Vorstand wählen kann, als auch, dass
man selbst Verantwortung übernimmt
und in den entsprechenden Gremien
mitarbeitet.
Auch betreffend der Trägervereine
stellen sich diese Fragen, da sich im
Laufe der Jahre die Organisationsstrukturen in den Netzwerkinitiativen
verändert haben. In vielen Vereinen
hat die Mehrheit der Eltern als ordentliche Mitglieder die Möglichkeit,
Entscheidungen zu treffen; bei einigen Vereinen werden wesentliche
Entscheidungen wie die Wahl eines
Vorstands, Anstellungen von Personal
oder Anmietung von Räumlichkeiten
nur von wenigen ordentlichen Vereinsmitgliedern getroffen.
¬
Aktiv mitdenken,
kreativ querdenken, ethisch vordenken
Bei der letzten Generalversammlung
des Netzwerks im Mai 2010 wurde
versucht, diese unterschiedlichen
Verständnisse von Demokratie in unseren Initiativen klarer zu formulieren, um auch Initiativen, deren Eltern
mehrheitlich nur beratende Funktion
im Trägerverein haben, weiterhin einen Platz im Netzwerk Freier Schulen
zu bieten. Diese als „demokratisch beratenden“ (oder vielleicht sogar besser „Eltern-beratenden“) bezeichneten Initiativen sollten nach Vorschlag
des Vorstands weiterhin als assoziierte
Mitglieder im Netzwerk Freier Schulen
verbleiben, aber mit eingeschränkten
Mitbestimmungsrechten und beratender Stimme im Verband – wie sie
es auch in ihrer Initiative leben.
Der Beschluss der Generalversammlung lautet nun, dass im Netzwerk
Freier Schulen keine Unterscheidung
zwischen „demokratisch beratenden“
und „demokratisch entscheidenden“
Strukturen stattfinden soll, sondern
dass alle Initiativen „demokratische
Strukturen“ aufweisen müssen. Was
dies bedeutet und wie in Folge damit
umgegangen wird, werden wir im
Netzwerk weiter diskutieren müssen –
ein spannender Prozess, der uns sicher
noch einige Zeit beschäftigen wird.
Momo Kreutz ist Geschäftsführerin des Netzwerk Freie Schulen und stv. Vorsitzende EFFE
Österreich, Alternativpädagogin (in der Ätsch)
www.unsereschulen.at
office@unsereschulen.at
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
Diese Forderungen an den modernen Menschen stammen von Frau
Prof. Dr. G. Mautner und sie illustrieren, was von Kindern heute erwartet
wird: Sie sollen nicht mehr zu den
devoten Befehlsempfängern des vorvergangenen Jahrhunderts werden,
sondern sie sollen erlernen, selbst Lösungsstrategien zu entwickeln, um für
die unbekannten Herausforderungen
der Zukunft gerüstet zu sein. Dazu
braucht es Schulen, deren Ziel nicht
die Wissensüberprüfung, sondern das
Ermöglichen von lebensgestaltendem
Lernen mit aktiver Selbststeuerung ist.
Partizipation –
ein modernes Schlagwort
Demokratisierung wird großgeschrieben – nicht nur in freien Schulen.
Kaum eine der (fortschrittlicheren)
öffentlichen Schulen, die den Begriff
„Partizipation“ nicht in ihr Leitbild aufnimmt. Schlagworte sind oft ein guter
Anfang, weil sie Bewusstsein schaffen,
doch was kommt danach?
LehrerInnen öffentlicher Oberstufen verzweifeln an der „Unselbstständigkeit“ ihrer SchülerInnen und
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
Andrea Pisa
sie fordern die Übernahme von mehr ihrer Freude, Einfluss auf ihre Umwelt
(Selbst-) Verantwortung durch die Ju- nehmen zu können.
gendlichen. Doch zur Übernahme von
Kinder wollen verstehen und geVerantwortung ist nur bereit, wer mit stalten. Das Erlebnis, Dinge verändern
seiner Meinung wahrgenommen und zu können, ist eine immens wichtige
respektiert wird. Und nur wer bereit ist, Triebfeder der Entwicklung. „SelbstVerantwortung zu übernehmen, kann wirksamkeitsüberzeugung“
(„selfSelbstständigkeit entwickeln. Auch efficacy convictions“, Bandura, 1994),
das Regelschulsystem hat teilweise nennt die Wissenschaft das Bewussterkannt, wie wichtig diese Kompe- sein eines Menschen, seine Umwelt aktenzen sind, doch die meisten Projekte, tiv steuern zu können. Sie ist eine der
die SchülerInnen Mitbestimmung er- Hauptkomponenten von Motivation. In
möglichen, setzen bei Jugendlichen der Erforschung des Lern- und Arbeitsan. Was sie dabei übersehen: Das Erle- verhaltens nimmt die Selbstwirksamben von Eigenverantwortung beginnt keitsüberzeugung eine wichtige Rolle
nicht mit 15, sondern am besten bei ein, sie ist ein entscheidender Faktor
ganz jungen Menschen.
im Selbstkonzept eines Menschen.
Dieses wiederrum beeinflusst die Art,
Warum Partizipation?
wie er lebt, wie er lernt und wie er sich
anderen Menschen zuwendet.
„Selber!“ ist eine der häufigsten FordePiaget sah die Erfahrungen in der
rungen von Kindern, kaum dass sie ihre Gruppe der Gleichaltrigen als vorranersten Worte sprechen können. Der gig für die Moralentwicklung, und
Wille zur Selbstständigkeit ist ihnen Forscher wie Mead betrachteten die
angeboren. Das Bedürfnis von Kindern, „Partizipation an den größeren sekunihre Umgebung aktiv mitzugestalten, dären Institutionen“ als ausschlagist von Geburt an da, ist der Motor zur gebend für das Entstehen von sozial
Weiterentwicklung und wächst mit ih- kompetentem und ethisch hochsteren Fähigkeiten – und umgekehrt: Die hendem Handeln. Dass aktive InterakFähigkeiten der Kinder wachsen mit tion ein zentrales Element kindlicher
11
¬Kindergruppe – was dann? Freie Schulen in Ö
Moralentwicklung ist, bezweifelt
heute niemand mehr. Inwiefern noch
mehr Unterricht (in Religion oder
Ethik) Kinder zu „besseren Menschen“
macht, bleibt erst zu überprüfen.
Schon Montessori formulierte: „Stets
gab es hohe Ideale und erhabene
Gefühle und stets wurden sie durch
den Unterricht weitervermittelt, doch
die Kriege hörten nicht auf.“ (Maria
Montessori: Kosmische Erziehung, S.
79). Sie sieht die Hoffnung auf Frieden
nur in der Erziehung zu Teilhabe und
Selbstverantwortung.
Ein Kind, das in einer natürlichen
Umgebung aufwächst, erlebt ganz
selbstverständlich, dass es immer
mehr und mehr Einfluss auf seine
Umgebung nehmen kann: Es erreicht immer mehr Kontrolle über
den eigenen Körper, es erwischt immer mehr Gegenstände, es kann die
Reaktionen der Menschen in seiner
Umgebung beeinflussen. Und das ist
eine unglaubliche Freude! Für dieses
höchst befriedigende Erlebnis lohnt es
sich, sich anzustrengen! Junge Kinder
scheuen keine Anstrengung.
Doch für viele von ihnen kommt
bald ein dramatischer Schnitt in dieser natürlichen Entwicklung und Anstrengungsbereitschaft: Sie müssen
sitzen und zuhören, dürfen sich kaum
bewegen, müssen leise sein und je
weniger sie ihre Umgebung gestalten
und beeinflussen, umso besser. Für
viele ist es das Ende des freudvollen
Lernens: Wozu soll ich lernen, wenn
12
ich mit meinem Wissen nichts bewirken kann? Die Konsequenzen, die
die Schule in Form von Noten erfand,
brachte nicht viel Besserung: Sie ziehen vieles nach sich – Konkurrenzverhalten, Stress, Wettbewerb – aber
wenig Begeisterung am eigenen Fortschritt.
Umsetzung in der Neuen Schule
Damit das nicht passiert, ist es notwendig Umgebungen zu schaffen, in
denen die Kinder ihre zunehmenden
Möglichkeiten leben und genießen
können. Umgebungen, in denen ihre
Meinung gefragt ist und in die sie sich
einbringen können. Sie müssen ihre
Ansichten artikulieren, diese an den
Ansichten anderer messen können
und lernen, sich angemessen auszudrücken sowie die Meinungen anderer zu respektieren. Sie müssen erleben, dass nicht alles durchsetzbar ist,
dass es Grenzen gibt, die die Umwelt
und andere Menschen setzen, aber
auch, dass gute Ideen, Kreativität und
Einsatz so einiges möglich machen.
Das ist ein wichtiger Grundkonsens
der freien Schulen: Kindern wird die
Möglichkeit gegeben, ihre Umwelt
mitzugestalten. Die „Werkzeuge“,
die die Neue Schule hier nutzt, sind
nicht neu und nicht von uns erfunden, sondern gängige Praxis in vielen
Schulen: ein Schülerparlament (Forum, Schulversammlung), eine Tafel,
auf der jede/r Themen aufschreiben
kann, die dann diskutiert werden,
eine „Wunschliste“, auf der jede / r
Vorschläge für Angebote, Ausflüge
oder Projekte notieren kann. Was immer möglich ist, wird erfüllt – und fast
alles ist erfüllbar. Sehr selten stellen
Kinder ausufernde Forderungen und
sie entwickeln großartige Lösungsstrategien, wenn man bereit ist, ihnen
zuzuhören.
Die jungen Kinder (in der Neuen
Schule werden sie ab dem letzten
Kindergartenjahr – also ab fünf Jahren – aufgenommen) wachsen völlig
natürlich in dieses Ambiente hinein.
Anfangs sitzen sie natürlich noch still
im Schülerparlament und hören zu,
was die Älteren zu sagen haben. Doch
bald melden sie sich auch schon selber
zu Wort und probieren aus, welche
Reaktionen sie bei den anderen Kindern hervorrufen. Manchmal sind diese sehr positiv: „Super, dass du dich
heute zum ersten Mal gemeldet hast!“
Manchmal nicht: „Wenn du ein Problem mit ihm hast, dann besprich
es bitte mit ihm direkt und nicht im
Schülerparlament.“
Doch Mitverantwortung hat auch
noch andere Seiten: Geräte werden
gemeinsam in Ordnung gehalten,
notwendige Reparaturen werden gemeinsam erledigt. Für Fünfjährige in
der Neuen Schule ist es selbstverständlich, Scherben zusammenzukehren,
wenn ein Teller zu Bruch gegangen ist,
für Achtjährige Fensterscheiben einzukitten, für Zwölfjährige Möbel zu
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
¬
reparieren. Passiert ein Fehler, gibt es schneiden, „Verträge zulasten Dritter“
keine Vorwürfe oder Strafen, aber von sind unzulässig: Keine Mehrheit kann
jeder / m wird erwartet – im Rahmen darüber bestimmen, was ein andeihrer / seiner Möglichkeiten –, den rer zu tun hat, und keine Mehrheit
Schaden in Ordnung zu bringen. Auch kann für sich ein Recht erwirken, das
das ist ein Element der Partizipation sie anderen verwehrt. Beispiele gibt
und fördert das Erleben der eigenen es viele: Die Gruppe, die gemeinsam
Kompetenz. Natürlich findet sich im- gekocht hat, kann nicht durch Mehrmer Hilfe und niemand wird mit Din- heitsbeschluss erwirken, dass ein / e
gen allein gelassen, die ihn überfor- Einzelne / r die Küche aufräumen muss.
Die Älteren können nicht durch Mehrdern.
Partizipation hat viele Facetten – sie heitsbeschluss bestimmen, dass den
äußert sich ebenso in der Konfliktlö- Jüngeren der Zutritt zu einem Raum
sung wie in der Freiarbeit (die Eigenini- verwehrt wird. Niemand kann durch
tiative des Kindes hat immer Vorrang), Abstimmung einen anderen dazu verin der Freizeitgestaltung, im gemein- pflichten, ihre / seine Wünsche aussamen Umgang und im gegenseitigen zuführen. Abstimmungen sind meist
kein gutes Mittel zur Konfliktlösung
Respekt.
und dürfen nicht verwendet werden,
um gegen Einzelne vorzugehen. Diese
Grenzen der Demokratie
„Gesetze“ der Demokratie müssen unDemokratisierung ist ein entschei- verrückbar gelten.
Idealerweise sollte Mitbestimmung
dender Teil des Schulalltags, doch sie
hat auch ihre Grenzen, und es ist Auf- auch immer mit der Übernahme von
gabe der Erwachsenen, diese deutlich Verantwortung gekoppelt sein: Letztes
zu machen. Keine Mehrheit darf das Jahr wünschten sich die Kinder ein hö„Menschenrecht“ einer Minderheit be- heres Ballauffangnetz rund um den
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
Ballspielplatz. Die Eltern waren einverstanden zu helfen, aber auch die
Kinder arbeiteten mit. Man traf sich in
den Sommerferien und stellte in zweitägiger Arbeit das Gitter auf. Heuer
haben die Kinder ein Fest organisiert.
Die Schule streckte das Geld vor, doch
die Kinder mussten es aus ihren Einnahmen rückerstatten. Wo immer es
geht, sollten Menschen – auch und gerade junge Menschen – ihren Lebensraum aktiv mitgestalten, weitgehende
Rechte haben und sowohl in Arbeiten
als auch in Entscheidungen eingebunden sein. Das Mitmachen bei Abstimmungen allein fördert allerdings noch
nicht Demokratieverständnis, Teilhabe
und Verantwortungsbewusstsein.
Andrea Pisa ist Schulleiterin der Neuen Schule
in Altlengbach, www.neueschule.at
13
¬Kindergruppe – was dann? Freie Schulen in Ö
Gelebte Demokratie oder wie viel
wollen wir eigentlich mitbestimmen?
Ein Gespräch mit Jasmin, Aaron und Leon, geführt von Sabine Lasar.
Projekt „Steine der Erinnerung“
Die freie SchülerInnenschule im Wiener Werkstätten- und Kulturhaus
(WUK) gibt es nunmehr seit fast 30
Jahren. Derzeit besuchen 45 SchülerInnen im Alter von 10 bis 18 Jahren
die Sekundarstufe bzw. das Werkcollege, welches nach der 9. Schulstufe
angeboten wird. Seit jeher war und
ist die SchülerInnenschule bekannt
für ihre nicht nur in den Konzepten
niedergeschriebene, sondern sehr intensiv gelebte Mitbestimmung und
demokratische Struktur. Die Eltern
und das Lehrpersonal beschließen als
Mitglieder des Vereins „Gemeinsam
lernen“ den Großteil der Schulangelegenheiten gemeinsam. Die Schüler­
Innen wiederum haben neben der ohnehin sehr freien Wahl, was und wie
viel man lernen will, Plenen, Stammgruppentreffen, das Schülerparlament
(Schulcouncil) und auch Klausuren als
Räume der Mitsprache.
Hin und wieder wird beschlossen,
am öffentlichen politischen Geschehen teilzunehmen, wie z. B. Beiträge
für Gedenkveranstaltungen zu gestalten oder Besuche bei Demonstrationen oder Streiks zu organisieren. Im
14
Demokratie in der Schule: das Plenum des Schulcouncils
Unterricht werden die Themen ausführlich vor- und nachbesprochen.
Wir haben drei SchülerInnen zu ihren
Erfahrungen mit Demokratie und Mitbestimmung an ihrer Schule befragt
und dabei selbstbewusste, manchmal
kritische, aber auch widersprüchliche
Antworten erhalten, die im Wortlaut hier abgedruckt sind. Im Grunde
wünschen sich die SchülerInnen noch
mehr Freiheit im Bereich Projektgestaltung oder Selbstbestimmung des
Lernstoffs, manchmal wollen sie sogar weniger diskutieren müssen.
Was ist das Schulcouncil
oder das Schülerparlament?
Plenum sagt oft, das Thema soll das
Schulcouncil machen, aber dieses sagt
wiederum, das ist kein Fall für uns.
Dann müssen es wieder alle im Plenum diskutieren.
Aaron: Ein Problem ist auch die Zeit.
Viele der Vertreter sind ältere SchülerInnen, die gewisse Unterrichtseinheiten einhalten müssen und sehr
viel machen für die Schule. Da ist es
schwierig, einen gemeinsamen Termin
zu finden.
Wie gestaltet ihr sonst eure Schule mit? Wie und wo ist Mitbestimmung im Bereich Lernen oder bei
Projektveranstaltungen möglich?
Aaron: Das ist eine Gruppe aus drei Leon: Wir bestimmen weitgehend,
Mädchen und fünf Burschen, die wie die Schule aussieht, welche RäuKonflikte lösen sollen. Wenn das Ple- me wofür verwendet werden und wie
num umfangreichere Dinge an das diese gestaltet sind.
Parlament abgibt, können die in einer
Jasmin: Oft werden Projekte aber
kleineren Runde schneller im Schul- auch ohne lange Besprechungen vorcouncil bearbeitet werden. Die Per- gegeben.
sonen werden für ein Schuljahr vom
Leon: Das „Wann?“, „Wie lange?“,
Plenum gewählt.
„Mit wem?“ wird nicht gemeinsam
entschieden, wir sind aber im GeHat das Schulcouncil viel zu tun? spräch, das zu ändern.
Leon: Im Moment nicht, denn das
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
¬
Wie kommen eure Schulregeln
zustande?
hen wir mit den Neuaufnahmen von
Kindern um?
Leon: Am Anfang des Jahres gibt es
Leon: Da sind wir nicht einmal mit
eine Schulregelgruppe, die Schulre- einem Thema fertig geworden, dabei
geln erfindet und dann ins Plenum hätten wir drei Themen gehabt, und
bringt.
zu jedem Thema gab es noch drei UnJasmin: Teilweise werden die Regeln terthemen.
auch aus dem letzten Schuljahr so
Aaron: Das Problem war, dass wir
zu wenig Zeit hatten, denn wir hatten
übernommen.
Aaron: Sie werden aber immer wie- uns nur bis zur Mittagspause Zeit reserviert.
der neu überarbeitet.
Jasmin: Alle reden zwar viel, aber
es kommt ziemlich wenig dabei raus.
Wie geht ihr mit
Dann kamen die LehrerInnen noch auf
Regelverletzungen um?
Leon: Beim 1. Mal abwaschen, beim 2. die schwachsinnige Idee, Gruppen zu
Mal 2x abwaschen, beim 3. Mal darf machen! Die sich dann wieder zusamman auf einen Tagesausflug nicht mit mensetzen müssen und noch einmal
und dann auf einen Wochenausflug darüber reden.
Aaron: Die Themen kamen von uns
wie Schikurs, dann ein Gespräch mit
und die LehrerInnen hatten dann noch
den Eltern und dann fliegt man raus.
Aaron: Das ist schon öfters passiert. Themen, die sie auch besprechen
Letztes Jahr sind SchülerInnen aus der wollten, die haben sie dazugegeben.
Schule ausgeschlossen worden.
In eurer Schule ist es durchaus
Findet ihr, dass viele
üblich, gemeinsam eine DeRegelverletzungen stattfinden?
monstration zu besuchen oder
Leon: Ja, es finden total viele statt, Solidarität mit einem politischen
aber es kommt nicht jede ins Plenum. Anliegen zu zeigen. Wie steht ihr
Es missachtet jeder Mensch einmal dazu?
eine Regel.
Aaron: Vieles wird zwischendurch
untereinander geregelt, wenn Jüngere
sich noch nicht so auskennen und das
erst lernen. Im Grunde werden selbst
aufgestellte Regeln weniger gebrochen als solche, die von Autoritäten
aufgestellt werden; darum funktioniert das bei uns sicher besser als in
öffentlichen Schulen.
Ihr hattet vor kurzem eine
Schüler­Innenklausur. Wie ist
denn das abgelaufen und was
war das Ergebnis?
Leon: Es ist gut, dass es keine Pflicht
ist, da mitzugehen. Aber sonst finde
ich das cool, weil wir da sehr viel von
Politik mitkriegen, wie z. B. bei der
Ausländerabschiebung. Da lernen wir
viel dabei, wie das abläuft.
Werden die Aktionen besprochen
oder nachbearbeitet in der Schule?
Aaron: Es geht nicht nur darum, dass
wir dort waren, es wird vorher und
nachher besprochen. Das ist auch
wichtig.
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
Macht ihr bei so einem Projekt
alle mit?
Leon: Dieses Projekt war eine Geschichtsstunde. Meist wird beim Plenum gefragt, wer wo mitmachen oder
mitgehen will.
Gibt es etwas, das ihr im Bereich
Demokratie und Mitbestimmung
in eurer Schule noch verbessern
oder erweitern würdet?
Leon: Dass wir mehr mitbestimmen
können: Nicht wie der Unterricht abläuft, sondern was wir machen. Bei
Projekten würden wir gerne mehr
mitbestimmen. Außerdem würden
wir gerne auch ein bissl Wind davon
bekommen, was die LehrerInnen unter sich machen, was da so außerhalb
des Unterrichts abgeht.
Aaron: Ich würde mir wünschen,
dass wir ohne Leitung funktionieren.
Dass man jeden ausreden lässt, ohne
aufzeigen, dass jeder weiß, ich komm
nach dem dran. Die meisten Dinge
sind – für mich zumindest – selbstverständlich, auch wenn ich gegen viele
Dinge trotzdem verstoße. Wenn man
das kann, das wäre dann wirklich demokratisch.
Das Gespräch führte Sabine Lasar mit Jasmin
(13), Aaron (18) und Leon (12). Sabine Lasar ist
Mutter, leitet die PR-Gruppe und ist Obfrau der
Letzte Woche wart ihr bei einer
Jasmin: Es hat eine lange Liste gege- Gedenkveranstaltung für eine
ben, was alles hätte besprochen wer- jüdische Familie?
den sollen, aber eigentlich haben wir
nur eine Frage besprochen: Wie ge-
milien aus der ganzen Welt, um den
von den Nazis ermordeten Familienmitgliedern zu gedenken.
Aaron: Da haben wir zwei Wochen
vorher schon darüber geredet. Wir
haben dann beschlossen, Blumen zu
kaufen. Wir haben Briefe geschrieben
und sie dort vorgelesen.
Leon: Ja, die hieß „Steine der Erinnerung“. Da kamen Verwandte der Fa-
SchülerInnenschule. Aufnahme: Michaela Brodl.
Michaela Brodl ist Mutter, in der PR-Gruppe
und vertritt die Schule im Dachverband der
freien Schulen.
Kontakt: www.schuelerInnenschule.at
15
¬Kindergruppe – was dann? Freie Schulen in Ö
Von Schulversammlungen,
Führerscheinen und Schwertkampfregeln
Partizipationspädagogik in der Lindenschule
Die aktive und selbstbestimmte Teilhabe der Kinder und Jugendlichen
ist eines der grundlegenden pädagogischen Prinzipien der Lindenschule.
In einer großzügig vorbereiteten Umgebung wählen, entscheiden und planen die SchülerInnen selbst, womit sie
sich befassen bzw. wie sie tätig werden wollen. Dabei orientieren sie sich
an ihren aktuellen Interessen, den laufenden Angeboten und nicht zuletzt
daran, was ihre Schulkolleginnen und
-kollegen gerade spannend finden.
Den Rahmen dafür bilden neben dem
konkreten räumlich-materiellen Angebot und der Begleitung durch die
LehrerInnen klar definierte Regeln für
Abläufe und soziales Miteinander.
Die allgemeinen Regeln für den
Schulbetrieb beschließen SchülerInnen
und LehrerInnen gemeinsam in der
Schulversammlung. Regeln für spezielle Bereiche oder Aktivitäten entwickeln die involvierten SchülerInnen
jeweils nach Bedarf. Je nachdem, ob
und wie sich Regeln in der Praxis bewähren, werden sie beibehalten oder –
wenn notwendig – geändert. Die LehrerInnen nehmen dabei eine unterstützend begleitende bzw. beratende
Rolle ein, nur im Notfall greifen sie direktiv ein. Einige praktische Beispiele
sollen veranschaulichen, wie dies im
Lindenschulalltag konkret aussieht:
Die Schulversammlung
Die Woche in der Lindenschule beginnt mit der Schulversammlung. Alle
SchülerInnen aus der gesamten Schu16
Petra Flieger und SchülerInnen
wird. Je nachdem, wie viel diskutiert
wird, dauert eine Schulversammlung
zwischen 15 Minuten und einer halben Stunde.
Die Seku-Versammlung
In der Schulversammlung wird
ein Redestab herumgereicht.
le, die daran teilnehmen wollen, treffen sich im Montessoriraum. Meistens
nehmen sehr viele SchülerInnen teil,
aus der Primaria und der Sekundaria.
Eine Lehrerin begrüßt alle und stellt
vor, was in der kommenden Woche alles Besonderes passieren wird, wie z. B.
schwimmen gehen, Eislaufen oder
Hüttenwoche. Auch Projekte werden
angekündigt wie das Elektro-, Amerika- oder Taschennäh-Projekt. Zu all
diesen Punkten können jederzeit Fragen gestellt werden. Danach wird ein
sogenannter Redestab herumgereicht:
Wer den Redestab hat, kann einbringen, was ihr oder ihm wichtig ist: z. B.,
dass etwas verloren oder dass etwas
wiedergefunden wurde, dass ein Projekt zu einem bestimmten Thema gemacht oder eine Regel geändert werden soll. Weil etwa vor kurzem eine
Lehrerin über die gesamte Schule ein
Süßigkeitenverbot verhängt hat (Notfall!), wird demnächst eine Schülerin
einen Antrag gegen diese Regelung
stellen, weil sie von einigen SchülerInnen als sehr unfair empfunden
Seku-Versammlung auf
der Seku-Couch.
Jeden Montag nach der Schulversammlung findet die Seku-Versammlung statt, die Versammlung aller
SchülerInnen der Sekundaria. Die
Seku-Lehrerin schreibt auf, welche
Punkte sie in die Versammlung einbringen will, dann setzen sich alle
auf die Seku-Couch. Zu Beginn fragt
die Lehrerin nach, ob jemand etwas
sagen möchte. Meistens ist das nicht
der Fall, aber manchmal sagen SchülerInnen z. B., dass sie ein Projekt zu
einem speziellen Thema machen oder
dass sie eine Regel ändern wollen. Im
vergangenen Schuljahr wurde gemeinsam eine Regelung entwickelt,
wann und wie lange am Computer
Spiele gespielt werden darf. Danach
stellt die Seku-Lehrerin ihre Punkte
vor. Es werden zum einen Fragen zum
Praktikum besprochen, zum anderen
Projekte, die in der nächsten Zeit stattfrische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
¬
finden, vorgestellt oder Exkursionen
angekündigt. Auch Änderungen für
die wöchentlichen Arbeitsgruppen
werden bekannt gegeben. Alle SchülerInnen bringen ihre Überlegungen
und Kommentare ein, die, wenn möglich, berücksichtigt werden. Eine Seku-Versammlung kann zwischen zehn
Minuten bis zu einer halben Stunde
dauern.
Führerscheine
Für spezielle Regeln in einzelnen Bereichen hat sich in der Lindenschule
das Modell des Führerscheins sehr bewährt, und zwar:
3. Wer das Spielfeld während des
Spiels verlässt, muss auf das
nächste Spiel warten, bis sie bzw.
er wieder mitspielen darf.
4. Die MitspielerInnen dürfen nicht
ständig angestänkert werden
(1 – 5 Punkte).
5. Schlagen und treten ist unfair
(5 Punkte).
6. Die Regeln des Führerscheins
gelten ab der Garderobe in der
Schule und enden an der Bushaltestelle um 13:20 Uhr.
Schwertkampfregeln
denschule nach und nach die Tradition des Schwertkämpfens, das alleine,
zu zweit oder in einer Gruppe praktiziert werden kann. Es sieht lustig
aus, wenn ein Schwertkämpfer einen
imaginären Feind in der Luft angreift
oder verschiedene Positionen trainiert.
Wenn zwei geübte Schwertkämpfer
gegeneinander antreten, kann dies
äußerst kunstvoll, fast tänzerisch aussehen. Aber es kommt auch vor, dass
der Schwertkampf zum Kräftemessen
wird und dass sich Kämpfer verletzen.
Daher wurden auch für diesen Bereich
Regeln vereinbart und ein Punkteführerschein eingeführt.
Führerschein Fußballhalle
Petra Flieger, die für Öffentlichkeitsarbeit zu-
Einmal in der Woche geht eine große
Gruppe von LindenschülerInnen in
eine Turnhalle Fußballspielen. Es spielen Buben und Mädchen, große und
kleine SchülerInnen miteinander. Weil
es dabei immer wieder zu Konflikten
gekommen ist, haben sie den Führerschein für die Fußballhalle entwickelt.
Das läuft folgendermaßen ab: Jede
und jeder erhält einen Führerschein
mit 10 Punkten. Es gibt Regeln, die
eingehalten werden müssen. Wer findet, dass jemand die Regeln verletzt,
kann sich an ein Komitee aus vier Die Fotos auf dieser Vereinbarung
SchülerInnen wenden, das über einen stammen nicht aus der Lindenschule!
Punkteabzug entscheidet. Wer alle
Punkte verloren hat, darf vier Wochen Das Leben im Mittelalter taucht als
nicht mehr beim Fußballspielen in der Thema in der Lindenschule immer wieHalle dabei sein; danach erhält er oder der auf – es hat dazu schon mehrere
sie wieder einen neuen Führerschein Projekte gegeben. Einmal kamen Exmit zehn Punkten.
perten für das Mittelalter in die SchuHier sind die Regeln für die Fußball- le zu Besuch. Sie brachten Kleidung,
halle. In der Klammer steht, wie viele Musikinstrumente und Schwerter mit,
Punkte das Komitee bei einem Verstoß wie sie damals verwendet worden waabziehen kann:
ren, und führten vor, wie man mit den
1. Man darf während der Fußballzeit
Waffen umgeht, ohne einander zu
nicht allein in die Schule zurückge- verletzen. Wer wollte, konnte selbst
hen (10 Punkte).
ein Schwert aus Holz herstellen, und
2. MitspielerInnen dürfen nicht beaus leeren Bierkisten wurde eine Burg
schimpft werden (2 – 5 Punkte).
gebaut. So entwickelte sich in der Lin-
ständige Mutter, hat diesen Beitrag gemeinsam
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
mit folgenden LindenschülerInnen gestaltet:
Lorenz Proksch, Hannah Schubert, Veronica
Sequeira-Taxer, Viola Thaler, Lea und Ronja
Vettori, Silvana Walterskirchen.
Die selbstverwaltete freie Lindenschule in
Sistrans bei Innsbruck gibt es schon seit
19 Jahren, derzeit absolvieren hier insgesamt
31 SchülerInnen im Alter zwischen sechs und
15 Jahren ihre Schulpflicht. Nähere Informationen über die Lindenschule gibt es auf der
Homepage: www.lindenschule.at
BÖE-Bildungszyklus 2010 – 2011
für Tirol und Salzburg
Nächster Lehrgang: ab Oktober
Es sind noch einige Plätze frei!
Der Bildungszyklus ist eine berufsbegleitende, anerkannte Aus- und
Fortbildungsreihe für Menschen, die
in Kinderbetreuungseinrichtungen
tätig sind. Die Ausbildung befähigt
die AbsolventInnen zur selbstständigen Leitung einer Kindergruppe.
Infos: Ursula Jennewein, Verein
Selbstorganisierter Kindergruppen
Tirol, www.kindergruppen-tirol.at
17
¬Kindergruppe – was dann? Freie Schulen in Ö
AbsolventInnenporträts aus der Schule
im Pfeifferhof, SiP-Knallerbse
allen Ecken und Enden an Geld gefehlt hat ... Dass es in den Lernzeiten
an manchen Tagen relativ laut war ...
Dass die Schultage immer so schnell
vorbei waren ... Und der große Mülldienst.
Wie kam es zur Entscheidung
für den nächsten Schritt
nach der SiP?
Tina Strasser:
Was hat mir in der Knallerbse
besonders gefallen?
Woran erinnere ich mich gerne?
Besonders gefallen hat mir, dass ich
immer das lernen konnte, was mich
gerade interessiert hat und dass ich
jederzeit zu den LehrerInnen gehen
konnte, wenn ich was gebraucht habe –
egal ob schulisch oder nicht. Und dass
sich alle LehrerInnen so bemüht haben, auf die einzelnen SchülerInnen
einzugehen. Und dass – zumindest
aus meiner Sicht – alles so stressfrei
abgelaufen ist.
Ich erinnere mich gerne an die
ganzen Sachen, die wir in der Freizeit aufgeführt haben, an die Sommerwochen und Schulfeste, an die
netten LehrerInnen und überhaupt
an alle netten Leute, an die Projekte,
die wir gemacht haben, und an die
Gesichter der Leute, wenn ich gesagt habe „Ich geh in die Knallerbse...“ – okay, eigentlich an fast alles.
Was hat mir weniger
gut gefallen?
Dass die Schule so wenig Förderungen
bekommt und dass es teilweise an
18
Gute Frage ... Für mich war eigentlich ziemlich klar, dass ich schon nach
dem achten Schuljahr wechseln will.
Ich hatte Lust auf neue Herausforderungen – außerdem waren die meisten
Leute, mit denen ich mich gut verstanden habe, auch schon weg. Anfangs
wollte ich gar nicht in die „Ortwein“,
ich hab mich mehr für eine Pferdeschule begeistert. Aber dann bin ich
irgendwie darauf gekommen, einen
Zeichenkurs zu machen, und dann
hab ich mir gedacht, ich schau mal,
ob ich die Aufnahmeprüfung schaffe.
Und als ich die dann geschafft hatte,
war eigentlich klar, dass ich in die HTBLVA Ortweingasse gehen will.
Was möchte ich zukünftigen
SchülerInnen oder Eltern
mitgeben?
Ich würde mir nicht so viele Sorgen
über den Umstieg in die „schreckliche“
Regelschule machen und die Zeit in
der „Knallerbse“ genießen. Ich glaube, dass „Knallerbsen“-SchülerInnen
anderen, die nur das Regelschulsystem kennen, einiges voraus haben.
„Knallerbsen“ lernen das Lernen und
den Spaß am Lernen, sind interessiert,
haben Selbstvertrauen und kommen
daher vielleicht auch in Stress- und
Prüfungssituationen besser zurecht. In
der „Knalle“ lernt man fürs Leben – in
jeder Hinsicht. Mir haben schon zweieinhalb „Knallerbsen“-Jahre gereicht,
um eine ganz andere Einstellung zur
Schule zu gewinnen. Wie muss es
dann erst den Kindern gehen, die von
Anfang an in die „Knalle“ gehen dürfen?!
Jonathan Scheucher:
Was hat mir in der Schule
besonders gefallen?
Wie ist es mir beim Wechsel
in die Regelschule ergangen?
Eigentlich sehr gut. Das mag vielleicht
daran liegen, dass ich vor der „Knallerbse“ schon eineinhalb Jahre in ein
Gymnasium gegangen bin und wusste,
was mich ungefähr erwartet. Die ersten Wochen waren schon recht hart,
weil wir da teilweise schon ziemlich
lang Schule gehabt haben, aber ich
hab mich schnell eingelebt und dran
gewöhnt und jetzt find ich es total toll
in der „Ortwein“.
Die Freiheit, alles zu jeder Zeit selbst
entscheiden zu können. Da wir aus
unserem eigenen Wissensdurst heraus
lernen durften, konnten wir Inhalte
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
¬
um ein Vielfaches schneller, v. a. aber
bleibender, aufnehmen.
Was hat mir weniger
gut gefallen?
Der Geschmack des Leitungswassers
:-) Dessen Qualität ist verbesserungswürdig.
Wie war die Entscheidung
für den nächsten Schritt
nach der SiP?
Durch verschiedene Projekte wie Filmdrehs, Theater- und Radioarbeit in
unserer Schulzeit ist mein Interesse
an Medien stark gewachsen. Die Entscheidung, in die HTBLVA Ortweingasse zu wechseln, ergab sich so wie von
selbst. Zwischen 2003 und 2008 besuchte ich dort die Abteilung für Film,
Video und MultimediaArt.
War die Entscheidung
aus heutiger Sicht richtig?
Ohne jeden Zweifel! Und das beziehe
ich auf beide Schulen. Ich bin der Meinung, die HTBLVA Ortweingasse ist für
jede / n SchülerIn – unabhängig von
Interesse oder Talent – die einzig richtige Wahl im Anschluss an die Schule
im Pfeifferhof, Knallerbse.
Wie geht es mir jetzt im Beruf?
Nach dem Abschluss mit der Matura
geht es mir hervorragend. Ich fühle
mich befreit, bin voller Tatendrang
und freue mich auf alles, was da noch
kommen mag. Mein nächstes großes
Ziel ist eine Aufnahme an der Berliner
Filmakademie. Mindestalter: 21 Jahre.
Leider muss ich mich da mit meinen
19 Jahren noch ein wenig gedulden.
Auf folgende weitere Informationen möchte ich verweisen:
Alle AbsolventInnen der Schule im
Pfeifferhof, Knallerbse, die im Anschluss die HTBLVA Ortweingasse befrische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
sucht haben, konnten bei ihrer Matura im schlechtesten Fall mit einem
guten Erfolg abschließen! Das erste
im Ausland gedrehte und finanziell
aufwendigste Diplomprojekt der HTBLVA Ortweingasse entstand in Zusammenarbeit von vier ehemaligen
„Knallerbsen“. Es handelt sich dabei
um einen Dokumentarfilm über das
Leben der türkischen Schriftstellerin
Esmahan Aykol zwischen Berlin und
Istanbul.
Genauere Informationen hierzu finden
Sie unter: www.berlin-istanbul.at
Was möchte ich zukünftigen
SchülerInnen oder Eltern
mitgeben?
Das Wichtigste, aus Perspektive eines
Schülers, ist das unerschütterliche Vertrauen seiner Eltern; sowohl in seine
Leistungen (die messbar oft später,
dafür in ganz anderer und bleibender
Form kommen) als auch in die Kompetenz der Schule (die keinem Zweifel Raum lässt). Dieses Vertrauen erscheint mir besonders dann wichtig,
wenn die / der SchülerIn allgegenwärtiger, aber unbegründeter Skepsis von
außen (Verwandte, RegelschülerInnen
etc.) ausgesetzt ist. Ich möchte alle
Eltern einladen, dieses Vertrauen zu
leben. Wenn das vorhanden ist, bin
ich überzeugt, kommt alles andere
wie von selbst!
nen, viel Stress, vielleicht blöde LehrerInnen eingestellt, überrascht waren
die LehrerInnen dann, wie gern wir im
Vergleich zu den MitschülerInnen lernen. In der „Knalli“ haben sie uns das
Lernen nicht abgewöhnt.
In der Rückschau ist mir bewusst geworden, wie sehr in der „Knalli“ vernetztes Denken gefördert wurde. Und
wie viel Zeit da war, sich für Neues, Interessantes zu begeistern: Wann soll
man das denn sonst machen als in
dem Alter? Ich würde sowieso wieder
in die „Knalli“ gehen, weil der Stress,
der fängt halt dann später an, dann,
wenn man es schon gut aushält.
Den SchülerInnen der Schule im Pfeifferhof
(kurz: SiP-Knallerbse) wird die Möglichkeit
geboten, in neun Pflichtschuljahren eine ganzheitliche Bildung zu erwerben. Als Basis dienen
uns die Montessori-Pädagogik, die durch
weitere reformpädagogische Ansätze (FreinetPädagogik, Jenaplan, R. u. M. Wild ...) ergänzt
wird, sowie unsere eigenen Erfahrungen, die
wir in den letzten zehn Jahren gesammelt
Hanah-Leah Degenhardt:
„Unsere Neugierde
wird nicht unterdrückt“
Wir haben vermittelt bekommen, dass
wir‘s sicher schaffen, wenn wir wollen.
Den Umstieg in das Regelschulsystem
der HTBLVA Ortweingasse habe ich
gut geschafft, meine positive Einstellung zum Lernen, mein Ehrgeiz und
die Zeit war einfach reif, raus aus
der „Knalli“ und sich bewähren. Wir
SchülerInnen haben uns auf viel Ler-
haben. Diese Grundlagen befähigen unsere
SchülerInnen, selbstbestimmte und gestaltende
Mitglieder der Gesellschaft zu sein und entsprechend ihren Bedürfnissen zu kooperieren
und zu kommunizieren. Als Ausgangspunkt
dienen folgende Prinzipien: Innerer (Lern-)Plan,
vorbereitete Umgebung und freie Wahl
der Themen und ArbeitspartnerIn / Innen.
Infos unter www.knallerbse.at
Sämtliche Portraits sind zu einem früherem
Zeitpunkt in der Knallerbse, der SiP-Schulzeitung, erschienen. Kontakt: office@knallerbse.at
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¬Der Malort
¬
Der Malort – ein besonderer Raum
für die Gestaltung der eigenen Spur
Was ist der Malort
und wie entstand er?
Der Malort ist eine für das freie Malen
besonders vorbereitete Umgebung.
Den Mittelpunkt bildet der Palettentisch mit 18 Gouachefarben, denen
jeweils drei Naturhaarpinsel zugeordnet sind.
Dieser Raum wurde von Arno Stern
entwickelt, dem am Ende des 2. Weltkriegs die Aufgabe übertragen wurde,
Waisenkinder mit dem Malen zu beschäftigen.
Die Kinder malten im Stehen, an
der Wand. Aus Platzmangel begann
er, auch die Fenster mit Platten zu verhängen. So ist durch Zufall eine Raumatmosphäre entstanden, die reizarm
ist (es gibt keinen Blick nach draußen)
und somit eine erhöhte Konzentration
ermöglicht.
Das Vertiefen in den eigenen schöpferischen Prozess wird zusätzlich noch
dadurch erhöht, dass die Malenden
„bedient“ werden.
Bedienen heißt, dass der Malortleiter alles so herrichtet, dass der Ma20
Renate Delpin
lende sich nicht mit technischen oder
materiellen Problemen beschäftigen
muss und so im Fluss des Malens bleiben kann.
Welche Forschungen und
Entdeckungen liegen dem Malort
zugrunde?
Arno Stern entdeckte in seinem Malort in Paris, dass es bestimmte Entwicklungsschritte gibt, die bei allen
Kindern auf sehr ähnliche Weise geschehen.
Um dieser Beobachtung auf den
Grund zu gehen, reiste er in verschiedene Kulturkreise, nach Afrika, Asien,
Südamerika etc. und ließ auch dort
Kinder malen. Dabei suchte er v. a.
jene Völker auf, deren Kinder noch
keine Schule besucht hatten, um einen unverfälschten Eindruck gewinnen zu können.
Und er stellte fest, dass auf den Bildern aller Kinder – gleichgültig ob sie
aus Paris, Algerien oder Afghanistan
kamen – gleiche Bildelemente zu sehen waren. Diese bei allen Kindern
vorkommenden Prozesse nannte er
Formulation.
Welche Bedeutung hat
das Malen im Malort für
die kindliche Entwicklung?
Kinder lernen und entwickeln sich v. a.
auch beim Spielen.
Das freie, also das vom Erwachsenen nicht gelenkte, Spiel ist eine der
wesentlichen Faktoren, die eine gesunde Entwicklung mit bedingen.
Das Kind gestaltet im Spiel seine eigene Welt, es lebt nach authentischen
Bedürfnissen. Im Zuge des Spiels geschieht dabei eine Entwicklung hin zu
einem autonomen Selbst, und es werden innere Potenziale freigelegt.
Im Malort können Kinder, aber auch
Erwachsene, mit den in ihnen angelegten „Requisiten“ das Malspiel erleben. Sie breiten ihre Welt auf dem
Blatt aus – sie erleben ein Abenteuer,
das ihr eigenes ist.
Und weil sie mit dem Geschehen
auf dem Blatt eins sind, weil sie ein
Spiel spielen, in dem nichts Fremdes
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
an sie herangetragen wird, vertieft
und erweitert sich nicht nur der kreative Ausdruck, sondern es wirkt auch
stärkend auf die Person.
Da das Malen und Zeichnen ursprünglich eben auf ähnliche Weise geschieht
gen beginnen: Ist das richtig so? Was
soll ich malen? Wie malt man …?
Auch das Loben und Bestaunen
stört das Malspiel. Das malende Kind
kann nicht mehr bei sich sein, es malt
für einen anderen, wird abgelenkt
Rhythmus aufzubauen. Es wird auf diese Weise ein innerer Schatz angelegt,
der als lebendige Ressource erhalten
und verfügbar bleibt.
wie das Spielen, fragen Kinder normalerweise nicht danach, ob etwas
richtig oder falsch ist, genauso wie
sie im Rollenspiel nicht danach fragen
würden, ob sie diese oder jene Figur
„richtig“ gespielt haben.
Deshalb ist die Haltung des Malortleiters, und des Erwachsenen im Allgemeinen von großer Bedeutung, um
dieses Spiel zu ermöglichen.
Der Malortleiter bewertet nicht, er
vergleicht nicht, er macht keinesfalls
Verbesserungsvorschläge, er gibt keinerlei Kommentar zu dem Geschehen
am Papier ab: Er lässt spielen.
Es werden auch keine Bewertungen
untereinander zugelassen, denn ein
freies Spiel, eine freie Spur kann nur
dann entstehen, wenn diese Sicherheit, dass niemand das Gemalte kommentiert, gegeben ist.
Wäre es anders, gäbe es Belehrungen, so wäre das Spiel sofort gestört, unterbrochen. Das Kind würde
beginnen in Abhängigkeit von einem
anderen zu malen.
Und es würde, aus einer nun entstandenen Unsicherheit heraus, zu fra-
von der Frage, ob es auch „schön“ sei,
was auf seinem Bild entsteht.
„Die reine Äußerung wird zu einem
zweifelhaften Ergebnis verdorben. Das
Kind erlebt nicht mehr ein Spiel, es
spekuliert auf Erfolg. Was dabei verloren geht, ist unermesslich.“ (Arno
Stern)
Aus diesem Grund bleiben die gemalten Bilder auch für immer im Malort. Sie werden nicht nach Hause mitgegeben, um ein Kommentieren des
Entstandenen, auch im Nachhinein,
zu verunmöglichen. Nur so wird der
freie, unabhängige Ausdruck gewährleistet.
„Im Raum des Blattes entwachsen
der Gebärde des Kindes Gebilde, die
seine Geschöpfe sind. Das Kind ist mit
einem jeden verbunden, so als seien
sie lebendige Teile seines Wesens. Was
sich im Raum des Blattes abspielt, geschieht in Wirklichkeit im Wesen des
Kindes.“ (Arno Stern)
Das Malen als Malspiel erleben zu
können und sich frei von den Erwartungen anderer entwickeln zu dürfen, bedeutet sich selbst im eigenen
Malort: Wien 22
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
Wenn die Malenden in meinen Malort
kommen, finden sie die immer in derselben Weise vorbereitete und schon
vertraute Umgebung vor und so können sie sich gleich in ihr Malspiel hineinbegeben.
Es beginnt damit, dass sie sich ein
Blatt nehmen und einen Platz aussuchen; ich befestige das Papier oben
mit zwei Reißnägeln, der / die Malende holt sich inzwischen zwei weitere
für den unteren Teil des Blattes.
Die Kinder wissen bald, dass der
sorgsame Umgang mit dem Material
wesentlich ist. Neben jeder Farbe liegen drei Pinsel und sie werden immer
wieder dorthin abgelegt – der große
oben, die zwei kleinen darunter; dieser genaue Ablauf ist ebenfalls Teil des
Spiels. Sie wissen auch, dass es wichtig
ist, mit der Spitze des Pinsels zu malen,
denn freies Malen bedeutet nicht, sich
mit den Materialien auszutoben, sondern der inneren Spur zu folgen.
Besonders die ganz jungen Kinder
sind sofort „im Fluss“, während von
21
¬Der Malort
den älteren Kindern manchmal die
Frage gestellt wird, was sie wohl malen könnten.
Arno Stern antwortete einmal auf
solch eine Frage: „Frag den Pinsel, er
weiß schon, was er malen möchte.“
Und tatsächlich ist es wesentlich, diese
momentane Leere niemals mit einem
Vorschlag zu beantworten, denn nur
so kann der / die Malende das Eigene
wieder entdecken und entfalten.
Bisweilen lässt sich das Angelernte
auch deutlich erkennen. Einem Kind
wurde beispielsweise einmal erklärt,
der Kamin müsste gerade und nicht
schief auf das Hausdach gesetzt werden (Kinder malen Kamine zunächst
immer schief auf Dächer, erst im Laufe
der Zeit stellt sich der Kamin sozusagen von selbst auf). Daraufhin malte
es den Kamin tatsächlich gerade, allerdings in einem deutlichen Abstand
zum Haus, sodass der Eindruck entstand, er gehöre nicht dazu. Dieses
Angelernte war also wie ein „Fremdkörper“ im Bild zu sehen.
Ein anderes Kind hatte im Zeichenunterricht die Vorgabe gehabt, das
Bild eines Künstlers nachzumalen;
es suchte sich ein Pferd aus, das von
vorne zu sehen war. Allerdings malen
Kinder im Alter von acht Jahren Tiere
üblicherweise in der Seitenansicht.
In dem entstandenen Bild war zum
einen zu sehen, dass die Proportionen
nicht stimmten, und zum andern,
dass die Mähne an einer „falschen“
Stelle war, nämlich dort, wo sie gewesen wäre, wenn das Kind sein Tier in
Seitenansicht gezeichnet hätte.
Das Abmalen von Vorgegebenem
ist ebenso wie das Belehren und Ausbessern eine ganz unnötige Belastung
für das Ausdrucksgeschehen. Es ist so
ähnlich, wie wenn man ein Kind, das
noch nicht gehen kann, an den Händen hochzieht, damit es seine ersten
Schritte macht. Es ist für das Kind kein
22
¬Bildungszyklus
Und natürlich gibt es Veränderungen,
Evolution. Ein Mädchen, das mit etwa
drei Jahren zu mir gekommen war,
malte anfangs viele rosa Spuren auf
sein Blatt, bis sie immer gegenständlicher wurde und mit verschiedenen
Bilddingen spielte.
Wenn es auch für manche Kinder
noch ungewohnt ist, sich nicht zu
vergleichen und nicht danach zu fragen, wie schön oder gut ihnen etwas
gelungen ist, so spüren sie doch nach
und nach die Wohltat und die Freiheit,
so ganz bei sich und ihrem/seinem
Ausdruck bleiben zu dürfen.
Gewinn – vielmehr wird es in eine Entwicklungsstufe hineingezwungen, für
die es innerlich noch nicht bereit ist.
Diese Vorwegnahmen und diese
Vorgaben führen nicht selten dazu,
dass eine Unsicherheit beim Kind entsteht, die zum einen den Ausdruck
behindert und zum anderen auch das
Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten
vermindert.
Und wie beim gewöhnlichen Spielen gibt es auch beim Malspiel bestimmte immer wieder beobachtbare
Elemente.
Das eine ist die Wiederholung einer
Darstellung oder einer Farbe, die so
oft geschieht, bis eine andere innere
Notwendigkeit, ein anderes Bedürfnis
an deren Stelle tritt. Ein Kind malte
beispielsweise auf beinahe jedes Blatt
einen Regenbogen, immer und immer wieder, aber in einer stets anderen Umgebung; ein anderes eine über
drei Blätter in die Höhe „wachsende“
Blume.
Ein weiteres Element des Spiels ist
die Gleichzeitigkeit. Es kommen zu
den bekannten und schon vertrauten
Darstellungen immer neue hinzu.
„Es könnte für jeden so sein wie für die
Kinder im Malort. Hier gibt es keine
Aufgaben, keine Vorbilder, keine Zielsetzung, nur Unterstützung des wahren Impulses. Hier entsteht die Spur
unbelastet von fremden Einflüssen
und unabhängig von fremden Erwartungen. Hier blühen echte Blumen anstatt dekorativer Kompositionen, und
es wachsen Bäume durch den ganzen
Raum mit endlosen Ästen und Zweigen (…) warum diese Welt betrüben?
Ist sie nicht die wohnlichste, die zu
retten eine dringende Aufgabe ist?“
(Arno Stern)
BÖE-Bildungszyklus
Tirol/Salzburg (Anmeldungen unter: 0512 / 58 82 94)
17. – 19. 9. 2010 Sozialisation und geschlechtliche Sozialisation
Mag. Beate Einetter
8. – 10. 10. 2010 Einführung in den BZ
Mag. Andrea Kirchtag,
Mag. Ursula Jennewein, Grete Miklin
8. – 10.10. 2010 Bücher in der Arbeit mit Kindern und Kreativität
Dr. Christine Mechler-Schönach
BÖE (Anmeldungen unter: 01/409 66 40)
10. – 12. 9. 2010 Teamarbeit und Organisation
Mag. Ingrid Rothbacher-Stastny
24. – 26. 9. 2010 Bücher in der Arbeit mit Kindern und Kreativität
Dr. Christine Mechler-Schönach
Dr. Gerlinde Kaufmann
8.10. 2010 Reflexionstag I
8. – 10.10. 2010 Entwicklungspsychologische Grundlagen
Dr. Gerlinde Kaufmann
15. – 17.10. 2010 Musik und Tanz erzählen Geschichten
Mag. Monika Niermann
Wien (Anmeldungen unter: 01/ 585 72 44)
Grundausbildung
9. – 10. 7. 2010 Fachlich-rechtliche Grundlagen
Mag. Barbara Turin, Mag. Anna Maria Beitel
24. – 26. 9. 2010 Anderer Umgang I
Fede Brodar, Karin Pleschberger
8. – 9.10. 2010 Fachlich-rechtliche Grundlagen
Mag. Barbara Turin, Mag. Anna Maria Beitel
24. – 25. 9. 2010 1. Hilfe und Kinderkrankheiten
Dr. Susanne Skriboth-Schandl
22. – 24.10. 2010 Teamarbeit und Organisation
Dr. Maria Menz
Fortbildung
8.10. 2010 „Ich wurde erzogen, also erziehe ich“ Lisa Kolb
Das frische BÖE-Abo …
… gibt’ s einfach und schnell im Internet unter:
Renate Delpin ist Malortleiterin,
www.kindergruppen.at/magazin.html
Montessoripädagogin, Kindergruppen­
betreuerin und Erziehungsberaterin.
Kontakt: renate.delpin@gmx.at
Literaturhinweise:
… in folgenden Varianten:
• Jahres-Abo: 4 Nummern um 12 Euro
• Multiplikator-Abo: 4 Nummern, je 3 Exemplare, zum Auflegen oder Weitergeben, um 36,– Euro
• Förder-Abo: 4 Nummern um 36,– Euro (inkl. einmaligem Förderbeitrag)
Arno Stern, Das Malspiel
und die natürliche Spur.
Drachen 2008.
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Redaktion frische BÖE, Neulerchenfelder Str. 8 / 8, 1160 Wien, Fax 01 / 409 66 41, boe@aon.at
Daimon 1998.
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ISBN 3-85630-573-4
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Arno Stern, Der Malort.
frische BÖE Nr. 73 / Juni 2010
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Preise gültig bis 31.12.2010, inkl. Versandkosten und der aktuellen Ausgabe der frischen BÖE zusätzlich gratis.
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Bundesverband Österreichischer Elternverwalteter Kindergruppen
INFO Nr. 2/ 2010, Information des Vereins Wiener Kinder
Zulassungsnummer: 02 Z 031 396 M
P.b.b. Verlagspostamt 1170 Wien, Aufgabepostamt 1150 Wien
Bei Unzustellbarkeit bitte zurück an frische BÖE, 1160 Wien, Neulerchenfelder Str. 8 / 8
¬sturm BÖE
von Kindern für Kinder
„Frag den Pinsel,
er weiß schon,
was er malen möchte.“
Arno Stern, der Malort
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