close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Mama als Hypothek Mama als Hypothek œ Was - Ethik-Zentrum

EinbettenHerunterladen
Mama als Hypothek
Mama als Hypothek –
Was, wenn Klonbaby Eve wirklich existiert? Und als Kopie ihrer Mutter aufwächst?
VON SUSANNE BOSHAMMER*
Es braucht nicht viel Fantasie, um sich durch die Nachricht von der angeblichen Geburt des
ersten Klonbabys an die Schöpfungsgeschichte erinnert zu fühlen: Zwar beginnt der Lauf der
schönen neuen Welt dieses Mal mit der Erschaffung eines weiblichen statt eines männlichen
Wesens, aber dieses trägt immerhin den in Schöpfungszusammenhängen durchaus
traditionsreichen Namen Eve. Wer sich die Umstände ihrer Entstehung vor Augen führt, mag
sich vorstellen, dass Eves Erzeugerinnen und Erzeuger in absehbarer Zeit beschliessen
werden, aus deren Rippe ein neues Geschöpf entstehen zu lassen. Das dürfte freilich kaum
auf den Namen Adam hören, denn Eves Alter Ego wird zwangsläufig weiblich sein. Und wie
sich die Ereignisse im Garten Eden der Verifikation entziehen, ist auch bei Eve bis auf
weiteres unklar, ob es sie tatsächlich gibt.
Was aber wäre, wenn sich in einigen Wochen herausstellen sollte, dass Eve wirklich existiert,
und dass es sich bei ihr, allen Zweifeln zum Trotz, tatsächlich um das erste menschliche
Klonbaby handelt? Was wäre, wenn sie entgegen allen wissenschaftlichen Prognosen
gesund wäre und bliebe, wenn sie den Medienrummel, die zur Vermeidung von Infektionen
notwendige Isolation, die ständige Beobachtung und medizinische Behandlung und all die
besonderen gesundheitlichen Risiken, die sich aus der Art ihrer Herkunft ergeben, wider
Erwarten überlebte? Wenn sie wachsen würde und älter und schliesslich erwachsen werden
würde? Welche Folgen hätte die erfolgreiche Erzeugung des ersten menschlichen Klons für
den Klon?
Die Natur hat uns das Klonen schon vorgemacht mit eineiigen Zwillingen
Wenn sie es tatsächlich schafft, mit den besonderen Bedingungen umzugehen, unter denen
sie ins Leben geschickt wurde, wird Eve ein ganz normaler Mensch sein, eine eigenständige
und einzigartige Person. Denn im Rahmen des Klonverfahrens wird keine existierende
Person kopiert, sondern lediglich die genetische Grundlage eines Menschen.
Doch alles der Reihe nach.
Streng genommen handelt es sich bei Eve nicht um den ersten menschlichen Klon, sondern
lediglich um den ersten technisch verursachten. Jedes eineiige Zwillingspaar ist eine
natürliche Vorlage des Klonvorganges. Diese natürlichen Klone machen uns darauf
aufmerksam, dass die weit verbreitete Befürchtung gegenstandslos ist, ein Mensch, dessen
genetische Eigenschaften mit denen eines anderen Menschen vollständig identisch sind,
könne keine individuelle Identität entwickeln. Eineiige Zwillinge sind zweifellos eigenständige
Persönlichkeiten, und es gibt eigentlich keinen Grund zu befürchten, dass dies nicht auch für
Eve gelten wird.
Im Gegensatz zu ihren natürlichen Vorbildern lebt Eve jedoch nicht zeitgleich, sondern
gegebenenfalls eine ganze Generation zeitversetzt zu ihrem «genetischen Original». Ist
dieser Umstand für das Leben, das auf sie zukommen wird, folgenreich?
Wir laufen Gefahr zu vergessen, dass Eve kein Alien oder Marsmädchen ist
Nun ist die Welt eine ziemlich komplexe Gegend, und es scheint praktisch unmöglich, alle
Konsequenzen unseres Handelns im Voraus zu bedenken und sie noch dazu aus der Sicht
eines Menschen zu betrachten, den wir nicht einmal persönlich kennen. Um herauszufinden,
ob wir tatsächlich tun sollen, was wir (möglicherweise) tun können, sind wir jedoch
aufgefordert, den Versuch zu unternehmen, uns in die Betroffenen hineinzuversetzen und die
Welt mit ihren Augen zu betrachten.
Wir müssen uns also fragen, wie sich die Welt aus Eves Perspektive darstellen wird. Haben
wir Grund zu der Befürchtung, dass sie eines Tages darunter leiden könnte, auf diese
besondere Weise erzeugt worden zu sein? Was erwartet sie, und ist das, was auf sie
zukommt, wünschenswert?
Wenn Eve tatsächlich existiert und überlebt, wird sie mindestens so lange, bis das Verfahren
des Klonens an Extravaganz verliert und gleichsam in Serie geht, ein ziemlich prominentes
Wesen sein: der erste reproduktionstechnisch erzeugte menschliche Klon. Dass das
Prominentendasein ihr Leben nicht eben leichter machen wird, zeigt auch die Geschichte von
Louise Brown, dem ersten so genannten Retortenbaby: Das weltweite Medieninteresse an ihr
verunmöglichte Louise eine unbeschwerte Kindheit.
Weil allein das Wort Klon so sehr nach Sciencefiction klingt, laufen wir Gefahr zu vergessen,
dass es sich bei Eve nicht um einen Alien oder ein Marsmädchen, sondern einen ganz
«normalen» Menschen handeln wird. In zwanzig Jahren wäre sie eine junge Frau, die sich
ganz sicher sein kann, ein Wunschkind zu sein und nicht das Zufallsprodukt einer
unvorsichtigen Liebesnacht. Ihre wahrscheinlich sehr wohlhabenden Eltern haben Himmel
und Erde in Bewegung gesetzt, um sie ins Leben zu holen. Eine erhebliche Anzahl von
Embryonen dürfte erzeugt und wieder vernichtet worden sein, bis es endlich gelang, jenes
Zellgebilde zu kreieren, aus dem am Ende Eve erwuchs.
Von ihren Mitmenschen unterscheidet sie sich «technisch» lediglich durch die Art ihrer
Entstehung. Aber für unser individuelles Selbstverständnis ist der Vorgang unserer Zeugung
eher unbedeutend. Auch wenn wir ihm in gewisser Weise unsere Existenz verdanken: Eine
biografische oder gar identitätsstiftende Bedeutung hat er eher selten. Er ist das Ergebnis
einer höchst zufälligen Konstellation von Umständen und wird in der Regel nicht als Teil
dessen wahrgenommen, was wir als unser Leben bezeichnen.
Eve ist ein Abbild ihrer Mutter, mehr noch ein zeitversetzter Zwilling
In Eves Fall jedoch scheint das anders zu sein. Hier, so wird jedenfalls häufig vermutet, hat
der besondere Vorgang der Zeugung schon aus psychologischen Gründen eine
entscheidende Bedeutung für die Biografie und beeinflusst das Leben des Klons in
massgeblicher Weise. Wenn Eve in den Spiegel blickt, sieht sie ein Gesicht, das dem ihrer
Mutter, ihres zeitversetzten Zwillings, sehr ähnlich ist. Sie weiss so gut wie ihr Mutter-Zwilling
und ihre gesamte soziale Umgebung, dass diese Ähnlichkeit kein Zufall, sondern beabsichtigt
ist. Eve ist zum Abbild ihrer Mutter gemacht worden, einer genetischen Kopie, die mit dem
Original hinsichtlich aller vererbbaren Eigenschaften vollständig identisch ist.
Welche unserer Eigenschaften tatsächlich im genetischen Sinne erblich sind, weiss freilich
niemand so genau. Und weil die meisten von uns offenbar gern und sehr bereitwillig an die
Macht der Gene glauben, werden die Menschen in Eves Umgebung und möglicherweise
auch sie selbst weitaus mehr Ähnlichkeiten zwischen ihr und ihrer Mutter zu erkennen meinen
als bloss die der Gesichtszüge, der Körpergrösse und des Geschlechts.
Tatsächlich besteht unter diesen Umständen die Gefahr, dass die Biografie des MutterZwillings zum Modellfall für Eves Leben wird: Wenn Eve in den Spiegel blickt, mag sie
irrtümlicherweise glauben, die Vergangenheit ihrer Mutter vor Augen zu haben. Ähnliches ist
auch mit umgekehrten Vorzeichen möglich: Wenn die Mutter Eve ansieht, mag es ihr
fälschlicherweise scheinen, als blicke sie in einen Spiegel, der ihre eigene Zukunft reflektiert.
Es liegt nahe zu vermuten, dass aus diesem Umstand ein erheblicher Erwartungsdruck
resultiert, der auf Eves Lebensgestaltung lastet.
Wer als Kopie betrachtet wird, hat es nicht leicht, ein Original zu werden
Ethikerinnen und Ethiker, die sich über die Folgen des Klonens aus der Sicht der Geklonten
Gedanken gemacht haben, sind zu dem nahe liegenden Schluss gekommen, dass das
Klonverfahren schon allein deswegen als moralisch verwerflich gelten muss, weil es den Klon
in ein Leben entlässt, das zu führen sich rationalerweise niemand wünschen kann. Es ist das
Wissen um die Absicht, die hinter der eigenen Erzeugung stand, das die Ausbildung von
Selbstbewusstsein und eigener Identität erschweren mag. Wer als Kopie gedacht ist und
betrachtet wird, hat es nicht eben leicht, ein Original zu werden. Eve weiss, dass nicht ihr
blosses Sein, sondern ihr spezifisches So-Sein gewünscht war. Wie soll sie herausfinden, ob
sie um ihrer selbst willen geliebt oder nur auf Grund von Eigenschaften geschätzt wird, die
eben nicht nur sie, sondern auch ihren Mutter-Zwilling auszeichnen? Und wie soll sie einen
unabhängigen Lebensentwurf gestalten und realisieren, wenn sie täglich mit einer Person
konfrontiert ist, die ihr eigenes identisches genetisches Potenzial schon mit Leben gefüllt hat?
Kann man einem anderen menschlichen Wesen unter diesen Umständen wirklich wünschen,
ein Klon zu sein?
Falls Eve tatsächlich existiert, ist ihr angesichts der erschwerenden Umstände, die mit der
Premiere ihrer Zeugung einhergehen, nur zu wünschen, dass sie die Chance erhält, ein freier
Mensch zu werden, dem es gelingt, eine eigenständige, autonome Persönlichkeit zu
entwickeln und sich von den repressiven Erwartungen anderer an die eigene Person zu
emanzipieren. Das freilich ist für jedes Menschenkind eine lebenslange und anspruchsvolle
Aufgabe. In Eves Fall erfordert ihre erfolgreiche Bewältigung, eines nicht zu vergessen: Das,
was wir als die Individualität einer Person zu schätzen gewohnt und zu schützen verpflichtet
sind, lässt sich nicht auf deren genetische Grundausstattung reduzieren.
*Susanne Boshammer ist Philosophin und Ethikerin. Sie arbeitet als Oberassistentin an der
Arbeits- und Forschungsstelle für Ethik am Ethik-Zentrum der Universität Zürich.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
4
Dateigröße
78 KB
Tags
1/--Seiten
melden