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Erzähl mir was. - Karl Milton Halbow

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Erzähl mir was.
Ernste und heitere Geschichten
Karl Milton
Herausgeber: Matthias A. Halbow
Im Sperber 2
60388 Frankfurt/M
Tel. 06109/37168, Fax: 06109/723847
email: karl@halbow.com
Druckerei Joachim Lutz
Bruno-Dressler-Straße 9b
63477 Maintal. Tel. 06109/36818
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 978-3-00-040681-4
Inhaltsverzeichnis.
1. Patres mit großen Bärten
2. Kartoffelpuffer
3. Pfarrer Wessendorft mein
Schutzengel und Lebensretter
4. Schwermut am Weihnachtsbaum.
Was wird aus unserer Seele?
5. Die Pille und ihre Probleme
6. Heiliger Abend in Kajuta
7. Griesgram (2 Weihnachtsgeschichten)
8. Eine Traumreise in die Vergangenheit
9. Chu-Chu der Zwerg, Raumschiff in Not
10. Rückkehr zum Glauben
11. Der Kongress. Dr. Sandon`s Zweifel
12. Utopie, Chris auf Terra
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Literarisches Medley
Die Lebensfrage
Rentner Gus plagen Zweifel an seinem Glauben, obwohl er an
sich recht gläubig ist. Durch Nachdenken und im Gebet findet
er ihn und damit auch seinen inneren Frieden.
Rentner Hagestolz merkt nicht, wie er sich seiner Familie
entfremdet. Er kommt aber zur Einsicht und wird ein Gut- Opa,
den alle lieben.
Chu-Chu ist ein uralter Zwerg, der seit undenklich langer Zeit
Kindern hilft, die in Not sind. Auf dem Planeten Terra will er
einigen helfen. Er schafft es nicht allein. Die Jungen Hein und
Jo unterstützen ihn. Im Nu überbrücken sie alle Entfernungen.
Sie verhindern, dass ein Raumschiff abstürzt und erleben tolle
Abenteuer.
Opa Gustav hat Sorgen.
Seine Enkelin ist schwanger. Sie fragt ihren Opa um Rat. So
beschäftigt er sich mit den Themen der Abtreibung und dem
Gebrauch der Pille. Er hat Gewissensbisse und fühlt sich
schuldig, denn sie hat abtreiben lassen.
Die Geschwister Mike (11) und Walli (9) erleben
Weihnachten in der Fremde. Ihr Vater ist in Südamerika
Leiter einer Sternwarte. An den Feiertagen kann er nicht
heimfahren und seine Familie kommt zu ihm. Die Kinder
erleben tolle Abenteuer, da sich die Sternwarte in einem
Krisengebiet befindet, in dem Gesetzlose sich verstecken. Die
Probleme lösen sich und sie feiern mit den Einheimischen das
schönste Weihnachtsfest ihres Lebens.
Ich hoffe, dass Ihnen das Lesen meiner Geschichten Freude
bereitet
Ihr Karl Milton
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Karl Milton
Als im Jahr 1924 Karl Milton in dem Dorf Bergen bei Frankfurt
geboren wurde, war die Inflation gerade vorbei. Er kann sich
an die Notzeit in seiner Kindheit erinnern. Das Tausendjährige
Reich hat er bis zum bitteren Ende miterlebt. Der 7. Mai 1945
war sein 21. Geburtstag. Dieser war der Tag der Kapitulation,
an dem er volljährig wurde. Vorher hatte er als jugendlicher
Unteroffizier Verantwortung für Waffen gehabt, mit denen er
andere Menschen töten musste.
Nach zweijährigem Studium auf der Frankfurter Universität
arbeitete er vier Jahrzehnte als Wirt und Hotelier in dem
elterlichen Betrieb und hatte keine Zeit für private Gedanken.
Im Ruhestand begann er sich über sein Leben, seinen
Glauben und seine Mitmenschen Gedanken zu machen, die er
in seinen Büchern niederschrieb.
Erinnerungen an die Kindheit.
Heiliger Abend.
Patres mit großen Bärten.
In dieser Geschichte will ich Ihnen von dem Heiligen Abend
erzählen, so wie ich ihn als Kind erlebt habe. Weihnachten ist
ein religiöses und somit auch kirchliches Fest. Damit Sie die
Handlung verstehen, muss ich Ihnen erzählen, wie unsere
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Familie in die katholische Kirche unseres Dorfes eingebunden
war.
Elternhaus von Karl Milton
1920 kamen meine Eltern von Amerika und haben 1921 die
Ausflugsgaststätte „Schöne Aussicht“ gekauft. Meine Mutter
war in Fulda geboren und streng katholisch aufgewachsen. In
unserem Dorf gab es nur wenige Katholiken. Die Bewohner
waren Protestanten. Nur die Zugezogenen, die meistens von
der Rhön kamen, waren katholisch.
Zwischen den Dörfern Bergen und Enkheim wurde 1920 eine
kleine katholische Kirche gebaut, hatte aber keinen eigenen
Pfarrer. Jeden Sonntag kam Pfarrer Scherer von Seckbach mit
seinem Fahrrad und hielt die „Heilige Messe“.
Pfarrer Scherer kam auch aus Fulda. Sein Vater war der
Lehrer von meiner Mutter. Wann er in unserem Dorf etwas zu
tun hatte, war er bei uns zu Hause und hat selbstverständlich
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mit uns am Familientisch gegessen, natürlich als Gast. Zu
Weihnachten hat er sich revanchiert und jeden der Familie
fürstlich beschenkt. So bekam mein Vater regelmäßig seinen
Tabakbedarf für ein ganzes Jahr, obwohl meine Mutter immer
dagegen protestierte. Am Heiligen Abend hatte er
Schwierigkeiten. Zur Christmette um Mitternacht konnte er
nicht gleichzeitig in Seckbach und in Bergen sein. Patres aus
Groß-Grotzenburg haben ausgeholfen. Sie reisten schon am
Nachmittag an und haben im Kreis unserer Familie den
Heiligen Abend verbracht.
Ehemalige katholische Kirche
zwischen Bergen und Enkheim
Die Christmette.
Die Christmette in unserer Kirche zwischen den Dörfern
Bergen und Enkheim wurde von Patres
aus GroßGrotzenburg zelebriert. Ich erinnere mich deshalb so genau
daran, da sie große schwarze Bärte trugen. Heute weiß ich,
dass es junge Männer waren, die mir nur durch die Bärte so
alt vorkamen. Sie feierten das Weihnachtsfest mit uns. Sie
kamen schon am Nachmittag an und hielten sich bei uns auf.
Meine Eltern hatten sie auch zum Essen eingeladen. Aber erst
gab es die Bescherung auf der Veranda. Dort stand ein großer
Weihnachtsbaum, der bis an die Decke reichte. Dann saßen
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wir zusammen in unserem Wohnzimmer. Als Kleinkind musste
ich mich bis zur Mitternachtsmesse wieder hinlegen. Aber ich
brauchte nicht ins Bett zu gehen, sondern meine Mutter
machte mir ein Lager auf dem breiten Sofa in unserer
Wohnstube. Ich wollte den Gesprächen der Erwachsenen
zuhören, schlief aber meist bald ein. Ich denke noch heute
daran, da die Patres so richtig lachen konnten und lustige
Späße und Anekdoten erzählten. Sie schienen andere
Menschen zu sein als ein paar Stunden später, wenn sie bei
der Predigt in der Christmette mit feierlicher Miene ernste
Worte sprachen
Kartoffelpuffer
Zum ersten Mal im Leben.
Heiliger Abend in der Fremde.
Die Zeit drehe ich zurück. Es ist ein Tag vor dem Heiligen
Abend 1942 und ich feierte zum ersten Mal Weihnachten
nicht bei meinen Eltern. Um das Vaterland zu retten, hatte ich
mich als Kriegsfreiwilliger gemeldet. Zehn Monate trug ich nun
schon die Uniform und befand mich bei einer kleinen Truppe in
Südfrankreich, was gerade besetzt worden war. Wir hatten die
Aufgabe in Istres bei Marseille auf einem Flugplatz die von
Marokkanern benutzten Kasernen bewohnbar zu machen. Die
Verpflegung war miserabel. Wir hatten Hunger oder
Kohldampf, wie es in der Landsersprache heißt. Neben unser
täglichen Ration bekamen wir zum Mittagessen ein halbes
Kochgeschirr mit dünner Suppe, in der einige Brocken
Kartoffeln und Kohl schwammen.
Am Tag vor dem Heiligen Abend gab es „Helle Aufregung“.
Unsere Stube bewohnten wir mit zwölf Mann. Zwei von uns
hatten an diesem Tag einen Lastwagen mit Kartoffeln
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abgeladen und die Säcke in den Keller der Kantine geschleppt
und das knapp über dem Boden liegende Fenster offen
gelassen. Das war die Chance, um einmal satt zu werden.
Gemeinsam wurde beschlossen, zwei kleine Säcke mit
Kartoffeln zu organisieren. Für den, der es nicht weiß,
“organisieren“ ist die vornehme Bezeichnung für das Wort
“stehlen“, das so kriminell klingt. Es wurden Lose gemacht.
Jeder konnte wählen, welches er nehmen wollte. Ich habe
vorher schon geahnt, dass ich das Glückslos ziehen würde
und die Kartoffeln klauen müsste. Lieber hätte ich zwei Tage
Schwerstarbeit gemacht, als mich als Einbrecher zu betätigen.
Aber es gab kein zurück. Meinem Kollegen und mir drückten
sie ein Säckchen in die Hand, die wir mit etwa je 15 Pfund
füllen konnten. Wir schlichen uns nach außen. Wegen der
Verdunkelung gab es zwischen den Kasernen nur eine ganz
dürftige Notbeleuchtung. Um keiner Streife oder dem
wachhabenden Offizier in die Hände zu geraten, bewegten wir
uns äußerst vorsichtig. Bald standen wir vor dem kleinen
Kellerfenster. Da die Kollegen die Flügel nur leicht angelehnt
hatten, konnten wir sie leicht aufdrücken. Die Öffnung war
nicht groß. Aber wir waren sportlich und gelenkig und
gelangten ohne Schwierigkeiten zu den Kartoffeln, obwohl es
finster war. War hatten zwar eine Taschenlampe, benutzten sie
aber nicht. Wir schnitten einen der großen Säcke auf und
füllten unsere kleinen. Mit größter Vorsicht traten wir den
Rückweg an. Die Kameraden haben uns als Helden gefeiert,
als hätten wir eine Festung gestürmt.
Kartoffelpuffer.
Nun konnten wir uns Kartoffelpuffer machen. Wir benutzten
zum Heizen unserer Stube einen kleinen Kohlen oder
Kanonenofen, wie er auch genannt wurde. Die Ofenplatte
brachten wir zum Glühen. Die Kartoffel wurden geschält und
mit einer Reibe zerrieben. Die Masse füllten wir in einen
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kleinen Sack, damit die Flüssigkeit abtropfen konnte, und
würzten sie mit einer kleinen Prise Salz. Ohne Fett oder
sonstigen Zusätze wurde die Masse in kleinen Plätzchen auf
die
glühende
Ofenplatte
gelegt.
Die
hergestellten
Kartoffelpuffer schmeckten so gut, dass wir glaubten, nie
bessere gegessen zu haben.
Schlussgedanken.
Wenn der Landser satt ist, ist er zufrieden. So haben wir mit
unserem Schicksal nicht gehadert und freuten uns auf den
kommenden „Heiligen Abend“, der mir etwas besonderes
gebracht hat, womit ich nicht rechnete. Das werde ich Ihnen
noch erzählen.
Heiliger Abend 1942.
Für Heimweh hatte ich keine Zeit, da wir immer auf Trab
gehalten wurden. Nach dem Dienst wurde mir schwer ums
Herz. Ich hätte heulen können. Vor dem Abendessen legte ich
mich noch einmal kurz hin.
Ich dachte an meine Eltern, die vermutlich traurig zu Hause
saßen und grübelten. Ich war tief bedrückt, als ich zu unserer
Kantine ging. Aber ich wurde überrascht. Jeder von uns
bekam eine Essensmarke, denn heute am Heiligen Abend
sollte es etwas besonderes geben. Erwartungsvoll stellte ich
mich an. Es gab Rippchen mit Kraut und Kartoffelbrei.
So eine Riesenportion hatten wir seit Wochen nicht
bekommen. Als ich mich auf meinen Platz setzte, staunte ich
noch mehr. Meine Essensmarke hatte ich noch in der Hand.
Warum? Das wusste ich nicht. Was tun?
Heute könnte ich um keinen Preis eine zweite Portion essen.
Aber ich war jung. Ohne zu zögern holte ich mir noch eine
zweite Portion.
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Mit dem Hunger waren alle trübseligen Gedanken
verschwinden und ich dachte wieder mit Optimismus an die
kommende Zeit.
Wieder Optimismus
Heiliger Abend 1944.
Pfarrer Wessendorft war mein Schutzengel und
Lebensretter.
Der Krieg war auf seinem Höhepunkt. Tausende Bomber
flogen täglich nach Deutschland, um unsere Städte zu
zertrümmern. Feindliche Heere näherten sich vom Osten und
Westen unseren Grenzen. Tod und Elend, wohin man schaute.
Deserteure wurden ohne Gnade und ohne Prozess
standrechtlich erschossen. Beinah wäre ich in diesen Trubel
geraten, denn ich hatte mich von meinem Flaktrupp entfernt,
um kurz meine Eltern zu besuchen und konnte meine
Kameraden nicht mehr finden. Aber ein Schutzengel hat mich
am Heiligen Abend gerettet. Im Einzelnen will ich davon
berichten.
Pfarrer Wessendorft mein Schutzengel.
Der Schutzengel erschien mir in der Gestalt von Pfarrer
Wessendorft, der mir in meiner größten Not geholfen hat. Karl
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Wessendorft war Pastor der evangelischen Kirche in Bergen.
Für Generationen war er der Mann, der die Heiratswilligen
traute oder die tröstenden Worte bei der Beerdigung sprach.
Er wirkte in seiner Erscheinung aufrecht, ernst, zurückhaltend
und väterlich. Da meine Familie katholisch war, hatten wir
keinen persönlichen Kontakt. Ich grüßte ihn zwar, aber näher
kannte ich ihn nicht, obwohl ich ihn fast täglich sah, wenn er
mit aufrechtem Gang zur Kirche ging, die sich unmittelbar
neben unserem Haus befand. In den letzten Kriegsjahren
arbeitete Herr Wessendorft als Hauptmann der Wehrmacht auf
der Bahnhofskommandantur am Frankfurter Ostbahnhof.
Zu unserer Geschichte:
Militärtransport nach Frankfurt.
Ich war bei der Eisenbahntransportflak. Drei Güterwagen
waren bestückt mit einem Vierling und zwei Sologeschützen
2cm. Dieser Flaktrupp fuhr hinter den Lokomotiven und hatten
die Aufgabe, diese und den Zug, meistens Truppentransporte
und Munitionszüge, vor Angriffen feindlicher Jagdflugzeugen
zu schützen. Im Dezember 1944 sollten wir einen
Militärtransport nach Frankfurt begleiten. So stand es auf
unserem Einsatzbefehl. Meine Freude war groß, denn ich
konnte damit rechnen, meinen Eltern einen Blitzbesuch
abstatten zu können. Was so freudig begann, hätte beinah
verhängnisvoll geendet. Am Bahnhof Friedberg stoppte unser
Zug. Es hieß, dass wir unseren Transport nicht direkt in
Frankfurt, sondern in der Nähe abgeben müssten. In der
Regel dauert es ein bis zwei Tage, bis uns wieder eine
Rückfahrt mit einem anderen Transport zugewiesen wird. Mein
Freund Hans, der den Flaktrupp führte, meinte, dass ich die
Zeit nutzen und heimfahren solle. Das war sozusagen ein
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illegaler Urlaub oder in der Militärsprache eine unerlaubte
Entfernung von der Truppe. Ich verabredete mit Hans, dass er
mich anruft, wenn der Flaktrupp ausrangiert wird.
In jugendlicher Unbekümmertheit habe ich mich abgesetzt,und
bin in einen Zug Richtung Frankfurt gestiegen, der an jeder
Station hielt. Aber oh Schreck, ich sah zwei Kettenhunde in
dem Zug. Das waren Soldaten mit Stahlhelmen, die an der
Brust ein Metallschild trugen. Sie hatten die Aufgabe, die
Wehrmachtsangehörigen zu überprüfen, ob sie gültige
Fahrausweise besitzen. Wie in einem billigen Krimi wechselte
ich die Abteile, um den Brüdern nicht in die Hände zu fallen.
Zum Glück hielt der Zug vor dem Frankfurter Hauptbahnhof
auf freier Strecke, da er keine Einfahrt hatte. Schnell sprang
ich heraus. Da ich mich im Vorortbereich von Frankfurt befand,
konnte ich mit der Straßenbahn bis Bergen fahren.
Die Geschichte, die so schön begonnen hatte, wurde mir bald
brenzlig. Obwohl es herrlich war, für ein paar Stunden zu
Hause zu sein, hatte ich mein Abenteuer bald bereut, denn es
drohte einen schlechten Ausgang zu nehmen. Ich saß zu
Hause wie auf heißen Kohlen.
Nach der ersten freudigen Begrüßung meiner Eltern wartete
ich auf den Anruf meines Freundes Hans. Ich musste ja
wissen, wo ich meine Kameraden wiederfinden konnte. Ich
wartete einen Tag, zwei Tage. Am dritten wurde ich unruhig
und machte mir schlimme Selbstvorwürfe. Unser Telefon
besetzten wir Tag und Nacht. Wir wollten das Klingeln nicht
überhören. Am fünften Tag morgens um 8 Uhr kam der
erlösende Anruf. Hans sagte, ich solle sofort zum Bahnhof
Jena- Göschwitz kommen. Dort ging morgen Mittag unser
Transport Richtung Holland. Das Datum weiß ich genau, denn
es war der Vormittag des Heiligen Abends 1944, als ich mit
Hans am Telefon sprach.
Jetzt kam die große Frage, wie man mit öffentlichen
Verkehrsmitteln nach Thüringen kommen kann, ohne
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geschnappt zu werden, wenn man keine Papiere hat. Ich
wollte mich in Güterzügen oder auf Lokomotiven dorthin
schmuggeln. Trotzdem musste man immer damit rechnen,
dass es schief geht. Bei unerlaubter Entfernung von der
Truppe ist mancher erwischte Landser mit dem Tod bestraft
worden, denn am Ende des Krieges wurde mit solchen
Exekutionen nicht lange gefackelt.
Mit meinen Eltern machte ich einen letzten Gang zum
Friedhof. Dann wollte ich mein Glück versuchen, um meine
Kameraden zu finden. Wir befanden uns auf dem Bürgersteig
der Marktstraße neben dem Gasthof Goldner Engel, als auf
der anderen Straßenseite ein Hauptmann aufrecht daher
schritt. Es war Pfarrer Wessendorft in Uniform. Meine Mutter
rief laut über die Straße: „Herr Pfarrer, Herr Pfarrer“. Jetzt kam
er zu uns. Ich stand zackig und hob die Hand zum
militärischen Gruß. Doch er bat mich, nicht stramm zu stehen
und fragte jovial freundlich, ob wir ein Anliegen hätten. Ich
stammelte mehr als ich sprach und sagte, dass ich nach Jena
müsste und keine Papiere hätte. Er sagte, dass er auf dem
Weg zum Ostbahnhof sei. Ich solle auf der Dienststelle nach
ihm fragen. Selbstverständlich würde er mir helfen. Damit ich
rechtzeitig hinkäme, würde er mir eine D- Zug-Bescheinigung
geben.
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Ev. Kirche in Bergen
Nur ein kleiner Zettel.
Es war nur ein kleiner Zettel, den mir Herr Pfarrer Wessendorft
gegeben hat. Für mich war er mehr als Gold wert. Durch ihn
konnte ich, ohne vor Streifen Angst haben zu müssen,
pünktlich zu meinen Kameraden kommen. Während der Fahrt
wurde unser Abteil dreimal kontrolliert. Ohne die Papiere hätte
ich keine Chance gehabt, unbehelligt mein Ziel zu erreichen.
Wenn ich heute im Neubaugebiet in unserem Stadtteil Bergen
„Karl-Wessendorft- Straße“ lese, werde ich an dieses Erlebnis
erinnert. Ich denke an diesen großartigen Menschen. Ich freue
mich, dass ihm zu Ehren eine Straße benannt wurde.
Er hat mir das denkbar größte Weihnachtsgeschenk gemacht.
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Elternhaus von Karl Milton oben links neben der Kirche
Schwermut am Weihnachtsbaum,
Was wird aus unserer Seele?
Weihnachten mit dem Heiligen Abend und den zwei
Weihnachtsfeiertagen ist für die Familie ein Freudentag. Die
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Augen der Kinder und hier besonders der Kleinen und
Kleinsten leuchten und freuen sich über die Geschenke und
den brennenden Tannenbaum. Es gibt aber auch Menschen,
für die ist es kein Freudentag. Oft denken sie an Verstorbene
und verlorenes Glück und spüren besonders an diesen
Tagegroße Einsamkeit, in der sie leben. Für sie wurde diese
Geschichte geschrieben.
Heiligabend.
Nach Einbruch der Dunkelheit versammelt sich die ganze
Familie, soweit sie noch in der näheren Umgebung lebt, bei
den Großeltern. „Früher war mehr los“, denkt Opa Gus
wehmütig. Seine Gedanken ergreifen von ihm Besitz und
gehen zurück in die Vergangenheit. Die Kinder waren noch
klein und steckten mit ihrer Vorfreude und Aufregung die
Erwachsenen an. Zuerst einmal wurden die Lichter am
Weihnachtsbaum angezündet, richtige Kerzen natürlich, keine
elektrischen. Danach sangen alle gemeinsam ein paar
Weihnachtslieder. Das klang beileibe nicht schön, denn große
Sänger waren sie allesamt nicht. Und dann kam die
Bescherung und danach das Auspacken der Geschenke.
Früher hatte sich Gus immer sehr auf diese unbeschwerten
Feiertage im Kreise seiner Familie gefreut. Aber heute ist er
ein wenig schwermütig.
Wie oft werde ich das Fest noch mit meinen Lieben feiern
können?, fragt er sich. Auch wenn er sich noch jung und rüstig
fühlt, so weiß er doch, dass auch für ihn die Stunde des
Abschieds kommen wird. Einen guten Freund hat er vor zwei
Wochen zu Grabe getragen, man muss eher sagen zur letzten
Ruhe geleitet.
Es war eine Urnenbestattung im kleinsten Kreise. Sie waren
versammelt in einem engen Raum in der Friedhofskapelle.
Platz war gerade ausreichend für zehn Personen. Die Urne
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Seele and Geist
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