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Jugendliche Spätaussiedler - Was tun vor Ort? - Grüne Düren

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Jugendliche Spätaussiedler Was tun vor Ort?
Dokumentation eines Fachgesprächs
vom 27. Juni 2003
Bündnis 90/Die Grünen im Landtag Nordrhein-Westfalen
Inhalt
Einführung
Sybille Haußmann, migrationspolitische Sprecherin ..........................................................................3
Grußwort
Pfarrer i.R. Dieter Lohmeyer,
Vorsitzender des Landesbeirates für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätausiedlerfragen ........................4
Ursachen der Aussiedlermigration, Integrationsbarrieren und konzeptionelle Ansätze
Dr. Barbara Dietz, Osteuropa-Institut München.................................................................................6
Aufgaben und Leistungen des Landes zur Förderung der Integration
junger Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler
Anton Rütten, Stellv. Abteilungsleiter im Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie....... 14
Maßnahmen der Jugendsozialarbeit vor Ort
Dr. Elvira Spötter, Landesarbeitsgemenschaft Katholische Jugendsozialarbeit NRW............................... 18
Netzwerkbildung in der Jugendhilfe am Beispiel Düren
Manfred Savelsberg, Leiter des Jugendamtes der Stadt Düren ........................................................... 21
Vernetzte Integrationshilfen für inhaftierte Aussiedler
in der Justizvollzugsanstalt Heinsberg
Wilhelm Kroh Justizvollzugsanstalt Heinsberg ................................................................................ 22
„Aufwind“ - Vernetzte Integrationshilfen für inhaftierte Aussiedler
in der Justizvollzugsanstalt Heinsberg
Peter Bartsch, Dipl. Sozialarbeiter, Diakonisches Werk des Kirchenkreises Jülich .................................. 25
Impressum
Weitere Informationen
Herausgeberin
Bündnis 90/Die Grünen
im Landtag NRW
Platz des Landtags 1
40221 Düsseldorf
gruene@landtag.nrw.de
www.gruene.landtag.nrw.de
Büro Sybille Haußmann MdL
Platz des Landtags 1
40221 Düsseldorf
Telefon 0211/884-2030, -2820
Telefax 0211/884-3524
sybille.haussmann@landtag.nrw.de
Redaktion
Marco Becker, Jessica Heun
Layout
Bettina Tull
Erschienen im Februar 2004
Marco Becker
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Migrationspolitik
Platz des Ladtags 1
40221 Düsseldorf
Telefon 0211/884-2570
Telefax 0211/884-3508
marco.becker@landtag.nrw.de
Diese Broschüre ist als PDF-Datei unter www.gruene.landtag.nrw.de - Aktuell - Publikationen abrufbar.
2
Einführung
Sybille Haußmann,
migrationspolitische
Sprecherin
Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Leserin, Lieber Leser,
in den letzten 15 Jahren sind rund
3,5 Millionen SpätaussiedlerInnen
und deren Verwandte nach Deutschland eingewandert, 700.000 davon
nach Nordrhein- Westfalen. In den
letzten Jahren wird die Gruppe jugendlicher männlicher Spätaussiedler vielerorts als hochproblematisch
empfunden.
Studien1 belegen jedoch den in
höchstem Maße vorhanden Wunsch
jugendlicher Spätaussiedler nach
beruflicher und gesellschaftlicher
Integration. Vielen gelingt dies
auch.
Dennoch ist in der Regel im Zusammenhang mit jugendlichen Spätaussiedlern die Rede von exzessivem
Alkoholkonsum, erheblichen Gewaltdelikten und Drogenmissbrauch.
Die politischen Gremien, Verwaltungen und sozialen Einrichtungen in den Kommunen des Landes
bemühen sich seit einigen Jahren
durch verschiedenste Maßnahmen
der sozialen Arbeit, der Prävention,
aber auch durch Repression und verstärkte Kontrollen den Symptomen
mangelnder Integration entgegen
zu wirken. Inzwischen macht sich
aber in vielen Kommunen die ratlose bis resignative Haltung breit,
dass die Probleme der Jugendlichen
- insbesondere bei anhaltend hoher
Arbeitslosigkeit - nicht zu lösen seien.
Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Landtag NRW hat im Sommer
2003 diese bundesweit gegebene
Ausgangslage aufgegriffen und zum
Thema einer Fachveranstaltung gemacht. Dabei hatten und haben wir
das Ziel, Ursachen für Integrationsprobleme zu beleuchten, konzeptionell sinnvolle Ansätze für die Arbeit
mit jugendlichen Spätaussiedlern
vor Ort bekannt zu machen und
Handlungsoptionen für die Arbeit
in den Kommunen zu eröffnen. Wir
hoffen, dass diese nun vorliegende
Dokumentation dazu einen Beitrag
leisten kann
1) z.B. Heitmeyer/Strobel/Kühnel: „Dazugehörig und ausgegrenzt“,
Institut für Gewalt- und Konfliktforschung Bielefeld 2000
3
Grußwort
Pfarrer i.R. Dieter Lohmeyer,
Vorsitzender des
Landesbeirates für
Vertriebenen-, Flüchtlingsund Spätausiedlerfragen
Sehr verehrte Frau Haußmann, sehr
geehrte Damen und Herren,
der Landesbeirat den Namenszusatz
„und Spätaussiedlerfragen“.
Herzlichen Dank für die Einladung
zu diesem Fachgespräch mit der Bitte um ein Grußwort.
In der Geschäftsordnung heißt
es dazu: „Die Aufgaben des Landesbeirates betreffen vor allem
Fragen der Aufnahme, der Unterbringung, der sprachlichen, schulischen, beruflichen, sozialen und
gesellschaftlichen Eingliederung der
Aussiedlerinnen oder Aussiedler und
Spätaussiedlerinnen oder Spätaussiedler“ und dann noch weiter, als
ein durchaus ernst zu nehmender
Auftrag: Fragen „der Kulturpflege
im Sinne des § 96 Bundesvertriebenengesetzes (BVFG)“.
Es ist gut und richtig, dass Sie dieses Thema „Jugendliche Aussiedler
- Was tun vor Ort?“ aufgegriffen haben. Es ist wichtig und aktuell und
bedarf dringend der Erörterung und
des intensiven Nachdenkens. Die
Damen und Herren, die nach mir zu
Worte kommen, werden das sicherlich mit ihren Beiträgen unterstreichen und verdeutlichen.
Es gehört zu den Aufgaben des
Landesbeirates für Vertriebenen-,
Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen beim Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie,
solche Themen und Fragen aufzugreifen und sie zur Sprache zu
bringen, sowohl gegenüber der Landesregierung wie auch gegenüber
Betroffenen und in der Öffentlichkeit.
Der Landesbeirat soll die Landesregierung entsprechend unterrichten
und sachverständig beraten.
In der jetzt 55-jährigen Geschichte
des Landesbeirates waren es über
Jahre und Jahrzehnte vorwiegend
Fragen und Probleme der inzwischen
realisierten und abgeschlossenen
Aufnahme und Eingliederung der
Vertriebenen und Flüchtlinge aus
den östlichen Vertreibungsgebieten
und der DDR.
In den neunziger Jahren wurde das
Aufgabengebiet des Landesbeirates,
der seine gesetzliche Grundlage im
geltenden Landesaufnahmegesetz
in Verbindung mit dem Bundesvertriebenengesetz hat, um Fragen
der Aussiedler- Aufnahme und Eingliederung erweitert. 1995 erhielt
4
Im Blick auf die Aussiedler kann
man den Aufgabenkatalog wohl
kaum umfassender formulieren: Zuständig in allen Bereichen der Aussiedlerintegration.
Es versteht sich von selbst, dass
der Landesbeirat dabei sich darauf beschränken muss, Fragen und
Probleme aufzugreifen, Themen zu
formulieren und zur Sprache zu
bringen, Informationen einzuholen,
zu sammeln, zu bündeln und auszuwerten, Aktivitäten, die zur Verbesserung und Intensivierung der
Aussiedlereingliederung beitragen,
zu unterstützen und dabei koordinierend zu Kooperationen in der Arbeit anzuregen.
Das kann immer nur stückweise gelingen und hat dann Erfolg, wenn
Integrationsfachleute und -experten
den Landesbeirat bei der Wahrnehmung seiner Aufgaben beratend und
analysierend unterstützen.
Voraussetzung dabei ist vor allem
ein ständiger Kontakt zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im
Ministerium, zum Integrationsbeauftragten der Landesregierung und
zu den auf Landesebene in der Integrationsarbeit tätigen Verbänden
und Institutionen.
Wichtig ist im Übrigen auch die
Gelegenheit zur Teilnahme an den
Sitzungen des Ausschusses für Migrationsangelegenheiten des Landtags.
Experten für den Landesbeirat, der
jeweils für eine Legislaturperiode
von der Landesregierung neu berufen wird, sind seine schließlich
auch und besonders derzeit 28 Mitglieder:
Je ein von den im Landtag vertretenen Fraktionen entsandtes Mitglied,
fünf von den Regierungsbezirken
benannte Mitglieder, 14 aus den Verbänden der auf Landesebene tätigen
Organisationen der Vertriebenen,
Flüchtlinge und Spätaussiedler, davon mindestens die Hälfte Spätaussiedler sowie 7 Mitglieder aus dem
Bereich des kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens des Landes. Alle Mitglieder haben einen
entsprechenden Vertreter bzw. eine
entsprechende Vertreterin.
jeweils eine Fachtagung durchgeführt mit dem Thema: „Eingliederung junger Aussiedlerinnen und
Aussiedler vor Ort und in der Region: Gemeinsames Ziel - gemeinsames Handeln durch Koordination
und Kooperation vor Ort.“
Angesprochen waren alle in der Aussiedlerintegration tätigen Fachleute
und Organisationen, und es hat sich
gezeigt, wie wichtig und hilfreich
es ist, vor Ort miteinander über gemeinsame Aufgaben und Ziele zu
sprechen und Zusammenarbeit und
runde Tische zu vereinbaren.
Im kommenden Oktober ist eine
Fachtagung in Düren für den Bereich des Regierungsbezirks Köln linksrheinisch - geplant, bei der mit
entsprechenden Fachleuten und Betroffenen vor Ort vor allem der Frage
nachgegangen werden soll, in wieweit Aussiedlerinnen und Aussiedler
bereit sind, sich für ein bürgerschaftliches Engagement gewinnen
zu lassen.
Bis auf wenige Ausnahmen vor Ort,
fehlen dem Landesbeirat heute als
Informations- und Beratungsgremien die seit den neunziger Jahren
nicht mehr existierenden Beiräte
auf der Bezirks-, Kreis- und Ortsebene. Um so mehr sind die Mitglieder
des Landesbeirates mit ihrer Kompetenz und ihrem Fachwissen gefragt.
Eine Frage, die auch für die Landesregierung von Interesse ist, und die
sich nicht leicht beantworten lässt.
Entsprechende Fachtagungen sollen
dann in den übrigen vier Regierungsbezirken folgen, um ein möglichst breites, landesweit geltendes
Ergebnis zu erzielen.
Unter anderem zur Information für
die Landesregierung hat der Landesbeirat in der letzten Legislaturperiode in den fünf Regierungsbezirken,
mit zum Teil nachhaltigem Erfolg,
Damit nicht genug. Der Landesbeirat wird auch der Frage nachgehen,
wie es um das Problem Drogen, Alkohol, Sucht und Kriminalität bei
den jungen Aussiedlern tatsächlich
steht. Dabei geht es im Gespräch
mit Experten um die Erörterung und
Auswertung von bisher bekannten
Tagungsergebnissen und um Möglichkeiten der notwendig zu verstärkenden Prävention.
Weiter wird landesweit immer wieder, vor allem von den Betroffenen,
die Frage gestellt, ob und wie es
möglich ist, Ausbildungen und qualifizierte Berufsabschlüsse, die die
Aussiedlerinnen und Aussiedler mitbringen, ohne zusätzliche Qualifizierungsmaßnahmen und -abschlüsse
anzuerkennen und diese innerhalb
unserer Berufs- und Arbeitswelt,
ohne oft erniedrigende Einschränkungen, sinnvoll und nutzbringend
für alle einzusetzen. Es ist ein hohes Potenzial vorhanden, das nicht
ungenutzt brach liegen darf. Der
Landesbeirat wird dieses Problem
aufgreifen und mit den Verantwortlichen im Lande erörtern, mit dem
Ziel einer alle befriedigenden Lösung zu finden.
Das alles, und wenn nötig noch
mehr, kann und möchte der Landesbeirat mit seiner Arbeit als ein von
der Landesregierung berufenes und
beauftragtes Gremium leisten und
bewirken.
Entschuldigen Sie bitte dieses etwas
längere Grußwort, aber ich war ja
auch gebeten, etwas über die Arbeit
des Landesbeirates zu sagen. Es ist
mir hoffentlich gelungen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
5
Ursachen der
Aussiedlermigration,
Integrationsbarrieren
und konzeptionelle
Ansätze
Dr. Barbara Dietz,
Osteuropa-Institut München
In Deutschland ist die Zahl der Jugendlichen deutlich angestiegen,
die selbst die Erfahrung der Migration gemacht hat, oder die in zweiter
bzw. dritter Generation in Migrantenfamilien aufwächst. Zur erstgenannten Gruppe gehören seit etwa
15 Jahren vor allem junge Spätaussiedler aus der vormaligen UdSSR.
Allein zwischen 1989 und 2002 wanderten 2,7 Millionen Aussiedler nach
Deutschland, 75 % davon kamen aus
der vormaligen Sowjetunion. Etwa
ein Drittel der Aussiedler aus den
Nachfolgestaaten der Sowjetunion war bei der Einreise jünger als
20 Jahre alt. Damit sind seit 1989
ca. 900.000 Aussiedler im Kindesund Jugendalter nach Deutschland
gekommen. Obschon jugendliche
Aussiedler in den meisten Fällen
kurz nach ihrer Einreise die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten,
sind sie ausländischen Jugendlichen
durch Fremdheitserfahrungen und
ein Defizit an Anerkennung vergleichbar. Von den einheimischen
Jugendlichen unterscheidet sie wiederum die Erfahrung der Migration
und die aus den postsowjetischen
Staaten mitgebrachten soziokulturellen Prägungen.
Im folgenden möchte ich die Chancen und Risiken bei der Integration
jugendlicher Aussiedler in Deutschland beleuchten. Als Voraussetzung
dafür wird zunächst der politische
Hintergrund und die Dynamik der
Aussiedlermigration nachgezeichnet. Im zweiten Punkt wird die
Integration junger Aussiedler in wesentlichen Aspekten - wozu auch die
Delinquenzbelastung zählt - dargestellt. Abschließend werden Forderungen an Politik und Gesellschaft
formuliert, die dazu beitragen können, die Risiken bei der Integration
junger Aussiedler zu verringern.
1. Politischer Hintergrund und Dynamik
der Aussiedlerzuwanderung
Aussiedler sind eine besondere Zuwanderungsgruppe in Deutschland,
deren Aufnahme auf der ‘deutschen
Volkszugehörigkeit’ und der ‘Vertreibungssituation’ im Herkunftsland
beruht. Diese Kriterien wurden kurz
nach dem Zweiten Weltkrieg formuliert, als Millionen Deutsche aus osteuropäischen Ländern flohen bzw.
vertrieben wurden. Das Grundgesetz
(Artikel 116, Ab. 1) garantiert die
Aufnahme dieser Personengruppe
als deutsche Staatsbürger und das
1953 verabschiedete Bundesvertriebenengesetz (BVFG) regelt ihren
Status und ihre Integrationsmodalitäten. Dieser besondere Hintergrund
stellt die Aussiedlerzuwanderung in
eine Reihe mit ethnisch bzw. politisch motivierten Migrationen von
Minderheiten, wie beispielsweise der
Wanderung jüdischer Bürger aus der
vormaligen UdSSR nach Israel, oder
6
der von pontischen Griechen aus der
Ukraine, Russland und Kasachstan
nach Griechenland.
Bis zum Fall des eisernen Vorhangs
am Ende der achtziger Jahre hatten
Aussiedler in ihren Herkunftsländern hohe bürokratischen Hürden
zu überwinden, bevor sie ausreisen
durften. Die Ausreisezahlen aus
den wichtigsten Herkunftsländern
- Polen, Rumänien und der UdSSR bewegten sich daher auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Diese
Situation veränderte sich grundlegend mit dem Zusammenbruch der
politischen Systeme in den osteuropäischen Staaten und der Auflösung
der Sowjetunion. Die damit möglich
gewordene Reisefreiheit ließ die
Aussiedlerzuwanderung
drastisch
ansteigen.
Abbildung 1: Die Aussiedlerzuwanderung nach Deutschland (1950-2002)
450.000
400.000
350.000
300.000
250.000
200.000
andere
vorm. UdSSR
Rumänien
Polen
150.000
100.000
50.000
0
1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000
Quelle: Bundesverwaltungsamt
Die Bundesregierung reagierte auf
die dynamische Entwicklung der
Aussiedlerzuwanderung in erster
Linie mit dem Versuch, diese Migration mit Verfahrensänderungen
zu steuern und zu begrenzen. Zunächst wurde das Aussiedleraufnahmegesetz verabschiedet (1. Juli
1990). Dieses legte fest, dass deutsche Aussiedler aus Osteuropa und
der Sowjetunion bzw. später deren
Nachfolgestaaten den Nachweis ihrer deutschen Abstammung, auf
dem laut Grundgesetz ihre Anerkennung in der Bundesrepublik beruht,
vom Herkunftsland aus zu führen
haben. Damit war ein Mechanismus
geschaffen, der eine indirekte Kontingentierung der Aussiedleraufnahme ermöglichte. Im nächsten Schritt
wurde in Deutschland im Dezember
1992 ein Kompromiss zwischen den
politischen Parteien ausgehandelt,
der zum Ziel hatte, die Zuwanderung
von Aussiedlern und Asylbewerbern
zu beschränken. Die Neuregelungen
für die Aussiedleraufnahme wurden
im Kriegsfolgenbereinigungsgesetz,
das am 1.1.1993 in Kraft trat, fest-
gelegt.1 Bis zu diesem Zeitpunkt
ging die Bundesregierung generell
davon aus, dass die deutsche Minderheit in osteuropäischen Ländern
und der vormaligen Sowjetunion
vom Vertreibungsdruck bedroht sei.
Deshalb mussten Aussiedler keinen
individuellen Nachweis dafür erbringen, dass sie in ihren Herkunftsländern aufgrund ihrer deutschen
Volkszugehörigkeit
diskriminiert
worden waren. Seit der Gültigkeit
des Kriegsfolgenbereinigungsgesetzes müssen alle Ausreisewilligen
aus den Staaten Osteuropas, mit
Ausnahme der Deutschen aus der
vormaligen Sowjetunion, individuell glaubhaft machen, dass sie
aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit benachteiligt wurden. Diese
Neuregelung macht es für ausreisewillige Angehörige der deutschen
Minderheit in Polen und Rumänien
nahezu unmöglich, in Deutschland
als Aussiedler akzeptiert zu werden.
Seit Beginn der neunziger Jahre reisen daher über 90% aller Aussiedler
aus der ehemaligen Sowjetunion
ein.
Im Jahr 1996 war erstmals seit Mitte der achtziger Jahre ein deutlicher
Rückgang der Aussiedlerzuwanderung zu verzeichnen. Hierfür ist im
Wesentlichen die im Sommer 1996
eingeführte Prüfung der deutschen
Sprachkenntnisse der Ausreisewilligen im Herkunftsland verantwortlich, mit der die Antragsteller
seither ihre deutsche Volkszugehörigkeit nachweisen müssen. Da die
Deutschen in der vormaligen Sowjetunion nur über eine geringe deutsche Sprachkompetenz verfügen,2
stellt der Sprachtest de facto eine
Einreisebarriere dar. Dies wird durch
die Informationen des Bundesverwaltungsamtes zu den Ergebnissen
der Sprachtests bestätigt. Zwischen
Juli 1996 und Dezember 2002 wurden insgesamt 271.532 Ausreisewillige zu Sprachtests eingeladen,
von denen 53% den Test nicht bestanden. Bemerkenswert ist, dass
der Anteil der Deutschen, die den
Sprachtest erfolgreich ablegten seit
seiner Einführung deutlich gesunken ist: während 74% der Eingeladenen den Sprachtest im Jahre 1996
bestanden, waren es im Jahr 2002
nur noch 43%.
Aussiedler bringen einige Charakteristika mit, die für ihre Integration
in Deutschland von maßgeblicher
Bedeutung sind. Zunächst unterscheidet sich die Altersstruktur der
Aussiedler deutlich von der deutschen aber auch von der ausländischen Bevölkerung in Deutschland.
Im Jahre 1999 waren nur 20,8%
der deutschen Bevölkerung jünger
als 20 Jahre. In der ausländischen
Bevölkerung betrug der Anteil der
unter zwanzigjährigen 26,5%, während diese Altersgruppe bei den im
Jahre 1999 eingereisten Aussiedlern
34,6% ausmachte.
1) Das Gesetz führte auch den Begriff Spätaussiedler ein, der nun an Stelle der Bezeichnung Aussiedler trat. Damit werden alle Personen bezeichnet, die
nach dem 31.12.1992 eingereist sind. Für die weiteren Ausführungen in diesem Text hat die Unterscheidung zwischen Aussiedlern und Spätaussiedlern
keine Bedeutung und wird deshalb nicht berücksichtigt.
2) Den Deutschen in der Sowjetunion war es bis in die sechziger Jahre hinein gebietsweise verboten, die deutsche Sprache zu sprechen. Diese Situation hat
die weitere Entwicklung der deutschen Sprachkompetenz bei der deutschen Minderheit in der UdSSR bestimmt: die deutsche Sprache verlor als Familiensprache an Bedeutung und spielt nur noch als ‘Großelternsprache’ eine Rolle.
7
Abbildung 2: Die Altersstruktur der Aussiedler, der deutschen und der ausländischen Bevölkerung in
Deutschland (1999)
100%
90%
80%
70%
60%
über 45
50%
20 bis 45
40%
unter 20
30%
20%
10%
0%
deutsche Bevölkerung 1999 ausländische Bevölkerung
1999
Aussiedler 1999
Quelle: Bundesverwaltungsamt
Es kennzeichnet die Aussiedler
der letzten Jahre, dass sie im allgemeinen bei der Einreise nur geringe deutsche Sprachkenntnisse
besitzen. Vor allem die Kinder und
Jugendlichen beherrschen die deutsche Sprache kaum. Weiterhin hat
die Zahl von binationalen, zumeist
deutsch/russischen Aussiedlerfamilien, stark zugenommen. Seit dem
Jahr 1993 unterscheidet das Bun-
desverwaltungsamt in seinen Statistiken zwischen Aussiedlern (nach
§ 4(1) des Bundesvertriebenengesetzes), deren nichtdeutschen Ehepartnern und Kindern (nach § 7(2))
sowie deren nichtdeutschen anderen Angehörigen (nach $ 8 (2)). Im
Jahre 1993 war ein verhältnismäßig
großer Anteil (74%) unter den Aussiedlern deutscher Abstammung. Im
Jahre 2002 zählten nur noch 21%
der Aussiedler selbst zur deutschen
Minderheit in ihren Herkunftsländern.
Jugendliche Aussiedler entwickeln
unter anderem vor dem Hintergrund
binationaler Familien weitaus häufiger als noch in den achtziger Jahren
eine bikulturelle Orientierung, die
ihre Integrationssituation maßgeblich bestimmt.
2. Jugendliche Aussiedler in Deutschland: empirische Befunde der Integration
Im letzten Jahrzehnt kamen die
meisten Aussiedler aus Russland und
Kasachstan. In ihren Herkunftsstaaten sind sie mit der russischen Sprache aufgewachsen, ihre Aus- und
berufliche Bildung wurde durch das
(post)sowjetische System geprägt.
Obschon in den meisten Nachfolgestaaten der UdSSR - vor allem in
Kasachstan und Mittelasien - eine
nationalstaatliche Politik dominiert,
haben nur die wenigsten Aussiedler
ethnische Diskriminierungen erlebt.
Allerdings sind die deutsche Sprache
8
und deutsche kulturelle Traditionen
im Alltag der deutschen Minderheit
kaum präsent. Dies ist unter anderem auf das Verbot der deutschen
Sprache in der Nachkriegszeit zurückzuführen, die den Verlust der
deutschen Sprachkompetenz bei der
deutschen Minderheit festschrieb.
Bei der Integration von jungen
Aussiedlern in Deutschland zeichnen sich einige Problemfelder ab,
die hier in drei Aspekten, der kognitiven, ökonomischen und gesell-
schaftlichen Integration betrachtet
werden. Im Bereich der kognitiven
Integration wird nach der sprachlichen Adaption und dem alltäglichen Sprachverhalten gefragt.
Die ökonomische Integration wird
über den Erwerbsstatus und die
Einkommenssituation der Familien
berücksichtigt, die gesellschaftliche Integration misst sich an
schulischen und beruflichen Ausbildungschancen sowie an der Einbindung der Jugendlichen in soziale
Netzwerke. Letztere können sowohl
gesamtgesellschaftlich
definiert
sein oder aber durch Migranten
aus den gleichen Herkunftsländern
bestimmt werden. Im Kontext gesellschaftlicher Integration wird
auch der Frage nachgegangen, wie
die Delinquenzbelastung der jungen Aussiedler zu beurteilen ist, die
zeitweise für große Aufmerksamkeit
in den Medien sorgt.
Im letzten Jahrzehnt kommen nahezu alle jungen Aussiedler ohne
Kenntnisse der deutschen Sprache
nach Deutschland. Die erst langsam
wachsende Vertrautheit der jungen Aussiedler mit der deutschen
Sprache korrespondiert damit, dass
nur in wenigen Aussiedlerfamilien,
die in den neunziger Jahren nach
Deutschland kamen, ausschließlich deutsch gesprochen wird. Viele Familien sprechen im häuslichen
Alltag russisch oder sie nutzen die
deutsche und russische Sprache zur
Kommunikation.
Für die Beurteilung der ökonomischen Integration von Aussiedlerfamilien sind Arbeit und Einkommen
von grundlegender Bedeutung. Die
Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die berufliche
Integration sowohl die Aussiedlerfamilien als auch die Aufnahmegesellschaft Deutschland vor enorme
Herausforderungen stellt.3 Ein Grund
dafür ist, dass Aussiedler ihre Arbeitsmarkterfahrungen in den Herkunftsländern auf die Mechanismen
des Arbeitsmarktes in der Bundesrepublik Deutschland nicht übertragen können. Erwerbstätig gewesene
Aussiedler bringen in den wenigsten
Fällen berufliche Abschlüsse und Erfahrungen mit, die den in Deutschland nachgefragten Qualifikationen
entsprechen. Dazu treten sprach-
liche Defizite, die in den meisten
Fällen durch einen sechsmonatigen
Sprachkurs nicht ausgeglichen werden können. Aussiedlerinnen sind
besonders stark von Arbeitslosigkeit
bedroht bzw. betroffen. Neben den
durchgängig größeren familiären
Verpflichtungen haben sie zu einem
weitaus höheren Anteil als Männer
in Berufen gearbeitet - wie z.B. in
Organisations-, Verwaltungs-, Sozial- und Erziehungsberufen - die sie
hier ohne Zusatzqualifikationen und
ohne gute Sprachkenntnisse nicht
mehr ausüben können. Die Arbeitsmarktchancen der im Herkunftsland
üblicherweise berufstätig gewesenen
Aussiedlerinnen sind in Deutschland
auch aufgrund der unzureichenden
bzw. kostspieligen Kinderbetreuung
schlechter als die der Männer.
Als Folge der Schwierigkeiten am
Arbeitsmarkt müssen zahlreiche
Aussiedler und noch mehr Aussiedlerinnen
beim
beruflichen
Neubeginn in der Bundesrepublik
Deutschland den Beruf wechseln
und/oder eine berufliche Dequalifizierung in Kauf nehmen. Nicht
selten haben sie zeitlich befristete
Arbeitsverträge als Aushilfskräfte
oder Gelegenheitsarbeiter. Besonders problematisch ist die berufliche
Integration für gutausgebildete Erwerbstätige, vor allem Akademiker.
Vor dem Hintergrund der schwierigen Eingliederung der Aussiedler in
das Erwerbsleben ist davon auszugehen, dass ihr Haushaltseinkommen
in den ersten Jahren in Deutschland
im Vergleich zu einheimischen Familien mit ähnlichen Voraussetzungen
niedriger ist. Die Schwierigkeiten
bei der Integration in das Berufsleben schlägt sich bei Aussiedlerfamilien auch darin nieder, dass sie
in höherem Maße auf Sozialhilfe
angewiesen sind als einheimische
Haushalte. Eine Untersuchung zum
Sozialhilfebezug privater Haushalte in Westdeutschland zeigte, dass
15% aller Aussiedlerhaushalte im
Jahre 1995 Sozialhilfe bezogen, im
Vergleich zu 3% aller einheimischen
Haushalte.4
Der Alltag der Jugendlichen aus Aussiedlerfamilien wird häufig durch
die beruflichen Integrationsprobleme und finanzielle Schwierigkeiten
der Eltern belastet. Die Jugendlichen leiden nicht nur unter den
materiellen Problemen infolge der
Arbeitslosigkeit und der beruflichen
Dequalifikation, sondern erleben
auch die psychischen Belastungen
mit. Arbeit und Einkommen haben
bei Aussiedlern - wie bei den meisten Migranten - einen sehr hohen
Status, beides signalisiert, „es in
Deutschland geschafft zu haben.“
Auch für zahlreiche jugendliche
Aussiedler ist die berufliche Integration von Schwierigkeiten begleitet.
Mit vergleichbar schlechten deutschen Sprachkenntnissen und einer
häufig nicht übertragbaren schulischen bzw. beruflichen Ausbildung
können sie in der Konkurrenz mit
einheimischen und ausländischen
Jugendlichen nur schwer bestehen.
Dabei scheinen bestimmte Faktoren
einen verzögerte beruflichen Einstieg bzw. die Arbeitslosigkeit bei
jugendlichen Aussiedlern besonders
zu begünstigen. Jugendliche, die in
nicht schulpflichtigem Alter nach
Deutschland kommen, hier keine
weitere Ausbildung oder berufliche
Förderung mehr durchlaufen (außer
dem Sprachkurs) und die deutsche
Sprache nur schlecht beherrschen
sind vorrangig von Arbeitslosigkeit
betroffen, selbst wenn sie aus dem
3) Vgl. dazu Bauer, T. und K.F: Zimmermann, (1995): Arbeitslosigkeit und Löhne von Aus- und Übersiedlern, in: Steiner, V. und L. Bellmann (Hg.), Mikroökonomik des Arbeitsmarktes, Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 192, 89-113; Koller, B. (1997): Aussiedler der großen Zuwanderungswellen
- was ist aus ihnen geworden? Sonderdruck aus: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 4, 766-789.
4)
Vgl. dazu Frick, J., F. Buechel und W. Voges (1997): Sozialhilfe als Integrationshilfe für Zuwanderer nach Deutschland. DIW Wochenberichte, 48, 767-775.
9
Herkunftsland eine vergleichsweise
gute Ausbildung mitbringen. Eine
fehlende Schul-, Aus- und Weiterbildung in Deutschland mindert die
Chancen der jugendlichen Aussiedler auf einen Arbeitsplatz bzw. das
berufliche Weiterkommen. Hier liegt
der Schlüssel für potentiell unstabile Erwerbsbiographien mit hohen
Beschäftigungsrisiken und Unterbrechungen durch Arbeitslosigkeit,
die auch für zahlreiche ausländische
Jugendliche in Deutschland typisch
sind.
Die Integration jugendlicher Zuwanderer in Bildungs- und Ausbildungssysteme gehört zu den wichtigsten
Voraussetzungen dafür, dass sie am
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben in Deutschland teilnehmen und sich hier eine Zukunft
aufbauen können. Es gibt jedoch
eine ganze Reihe von Anzeichen dafür, dass zugewanderte Jugendliche
- dies gilt für Ausländer wie Aussiedler gleichermaßen - im Bezug
auf die Partizipation an Bildung und
Ausbildung Defizite im Vergleich zu
einheimischen Jugendlichen aufweisen.
Die Bildungsbeteiligung der ausgesiedelten Schüler ist allerdings nur
schwer zu beurteilen, da wenig offizielles Zahlenmaterial zur Verfügung steht.5 Die vorliegenden Daten
zeigen aber in der Tendenz, dass
die jugendlichen Aussiedler zu einem weitaus höheren Anteil als die
deutschen Schüler eine Hauptschule
besuchen. In Nordrhein-Westfalen
lernten im Schuljahr 1998/99 insgesamt 28,1% der Aussiedlerschüler an einer Hauptschule, während
unter allen Schülern der Anteil der
Hauptschüler nur bei 11,9% lag. Gerade umgekehrt sieht die Situation
bei den Gymnasien aus: 23,3% aller
Schüler aber nur 9,4% der Aussied-
lerschüler erhielten eine gymnasiale Ausbildung. Die schulische
Bildungssituation von Aussiedlern
und Ausländern zeigt starke strukturelle Ähnlichkeiten.
Es gibt keine Informationen darüber, zu welchen Anteilen jugendliche Aussiedler die in Deutschland
besuchten Schulen mit einem Abschluss beenden. Empirische Studien weisen allerdings daraufhin, dass
jugendliche Aussiedler immer häufiger die Hauptschulen ohne einen
Abschluss verlassen. Dies hat für
ihre Chancen auf dem Lehrstellenund Arbeitsmarkt äußerst negative
Auswirkungen und macht sie mit
jungen Ausländern vergleichbar,
die häufiger als junge Einheimische
ohne Abschluss von Hauptschulen
abgehen. Im Jahr 2000 verließ ein
Fünftel der ausländischen Schüler die allgemeinbildenden Schulen
ohne Hauptschulabschluss; der Anteil war damit zweimal so groß wie
bei deutschen Schulabsolventen.
An beruflichen Schulen sind jugendliche Aussiedler und Ausländer tendenziell eher an solchen Zweigen zu
finden, die ein geringeres Prestige
besitzen und die geringere berufliche Startchancen signalisieren. In
Deutschland waren im Jahr 2000 nahezu zwei Drittel (83%) aller Schüler an beruflichen Schulen in einer
Lehre, während es unter den ausländischen Jugendlichen nicht einmal
jedem Zweiten (44%) gelungen war,
eine Lehrstelle zu bekommen. Die
Aussiedlerjugendlichen sind von der
Lehrstellensituation mit den ausländischen Jugendlichen vergleichbar.
Vor diesem Hintergrund stellt sich
die Frage, wie die gesellschaftliche
Integration junger Aussiedler einzuschätzen ist. Dabei ist grundsätzlich
zu klären, in welche Bereiche der
Gesellschaft sich die jungen Aussiedler integrieren. In den letzten
Jahren hat es vermehrt Anzeichen
dafür gegeben, dass jugendliche
Aussiedler in erster Linie unter sich
bleiben und nur in geringem Maße
an einheimischen Institutionen partizipieren bzw. an den sozialen Aktivitäten einheimischer Jugendlicher
teilnehmen.
Die starke Einbindung der jungen Aussiedler in die eigene Gruppe hängt unter anderem damit
zusammen, dass viele unter ihnen in
Wohnquartieren leben, die in abgelegenen Gebieten angesiedelt sind.
Hier gibt es nur wenig Gelegenheiten, mit einheimischen Jugendlichen in Kontakt zu kommen. Dazu
kommen eingeschränkte deutsche
Sprachkenntnisse, die es den jungen
Aussiedlern erschweren, Beziehungen zu einheimischen Gleichaltrigen
aufzubauen. Nicht zuletzt spielen in
diesem Zusammenhang auch Werte
und soziale Normen eine Rolle: viele
junge Aussiedler legen stärkeres Gewicht auf die Einbindung in einen
loyalen Freundeskreis, während jungen Einheimischen häufig individuelle Freiheiten wichtiger sind.
Für die soziale Integration von Zuwanderern ist es von entscheidender Bedeutung ob die einheimische
Bevölkerung den Immigranten ablehnend oder aber akzeptierend
gegenübersteht. Eine Umfrage des
Osteuropa-Instituts wies daraufhin,
dass vergleichsweise viele jugendliche Aussiedler in Deutschland
Diskriminierungserfahrungen
gemacht haben. Über die Hälfte der
befragten Jugendlichen gaben an,
sie wären wegen ihrer Herkunft aus
der vormaligen Sowjetunion häufig
(15,8%) oder gelegentlich (43,1%)
abgelehnt worden.6 Diskriminierungserfahrungen verstärken in der
5) Eine entsprechende Statistik führt nur das Bundesland Nordrhein-Westfalen.
6) Vgl. dazu Dietz, B. und H. Roll (1999): Jugendliche Aussiedler: Porträt einer Zuwanderergeneration, Frankfurt/Main.
10
Regel die Neigung der jugendlichen
Aussiedler in der eigenen Gruppe Sicherheit und Stabilität zu suchen.
In verschiedenen Gebieten Deutschlands haben sich inzwischen
Ballungszentren für Aussiedler herausgebildet. Dort, wo Aussiedler
konzentriert leben haben sich eigene Netzwerke herausgebildet, die
auf Strukturen und Kontakten aus
den postsowjetischen Herkunftsgesellschaften beruhen. Die jugendlichen Aussiedler formieren hier ihre
eigenen Gruppen, in denen sie sich
akzeptiert fühlen.
Mehrere Studien haben darauf hingewiesen, dass die Kriminalität junger Aussiedler in den letzten Jahren
merklich zugenommen hat.7 Dabei
ist jedoch zu beachten, dass es keine bundesweite Statistik gibt, die es
zulässt, die Kriminalitätsbelastung
von Aussiedlern gesichert einzuschätzen.
Vieles spricht dafür, dass jugendliche Aussiedler - auch in Abgrenzung zu einer ablehnenden Umwelt
- vornehmlich in der eigenen Gruppe soziale Kontakte suchen. Dies
kann zunächst eine stabilisierende
Wirkung haben und dazu beitragen,
Selbstvertrauen aufzubauen und
den deutschen Alltag zu meistern.
Die Gefahr dabei besteht, dass sich
der Rückzug in die eigene Gruppe
verfestigt und die soziale Einbindung in die deutsche Gesellschaft
lange hinausgezögert wird.
Es muss auch berücksichtigt werden,
dass offizielle Statistiken die Delikte
von Aussiedlern - vor allem im Bereich der Gewaltkriminalität - bei
weitem nicht vollständig erfassen,
da allen bisherigen Erkenntnissen
nach eine Reihe von Straftaten, an
denen Aussiedler beteiligt sind, von
den Betroffenen nicht angezeigt
werden. Hier handelt es sich in den
meisten Fällen um Delikte, bei denen
auch die Opfer Aussiedler sind. Aus
verschiedensten Gründen verständigen Aussiedler nicht die Polizei:
wegen des bereits in den Herkunftsländern erfahrenen problematischen
Umgangs mit Polizei und „Obrigkeiten“, aus Furcht davor, als Aussiedler aufzufallen oder aus der Haltung
heraus, dass Konflikte ohne Hilfe
von außen zu regeln sind.
Über Jahrzehnte hinweg gab es keine Hinweise darauf, dass es unter
Aussiedlern eine bemerkenswerte
Delinquenzbelastung geben würde.
In der jüngsten Zeit mehren sich jedoch die Anzeichen dafür, dass die
Delinquenz bei Aussiedlern nicht
nur gestiegen, sondern teilweise
auch höher ist als die bei einheimischen Deutschen. In diesem Zusammenhang ist allerdings nur von der
Gruppe der unter Dreißigjährigen
die Rede.
Trotz der lückenhaften Datensituation zeigten Pfeiffer et al. schon
im Jahr 1997 in einer Untersuchung
auf der Basis der polizeilichen Kriminalstatistik, dass die Kriminalität
jugendlicher Aussiedler in Niedersachsen mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich angestiegen ist und
die der jungen Einheimischen übertrifft.8 Dazu stellte die Studie die
Kriminalitätsentwicklung in Regionen mit hohen Aussiedlerzuzügen derjenigen in Regionen mit
niedriger
Aussiedlerzuwanderung
gegenüber. Im Resultat ergab sich
für Regionen mit hoher Aussiedlerzuwanderung ein merklich stärkerer
Anstieg an registrierten Delikten.
Für die Altersgruppe der 14- bis
21-Jährigen fielen in Regionen mit
hoher Aussiedlerzuwanderung besonders die vergleichsweise starken
Zuwächse bei Ladendiebstahl, Gewalt- und Raubdelikten auf. Pfeiffer et al. argumentieren, dass der
Anstieg der Jugendkriminalität
und der Jugendgewalt eine Folge
der wachsenden sozialen Ungleichheit sei. Zudem wären vornehmlich
solche jugendlichen Immigranten
gefährdet eine kriminelle Karriere einzuschlagen, die bereits eine
gewisse Zeit in Deutschland leben,
die aber keine oder nur sehr eingeschränkte Chancen der sozialen und
ökonomischen Partizipation sehen.
Die Zunahme der Kriminalität junger
Aussiedler wird von einer Untersuchung in 19 Jugendvollzugsanstalten in 10 westlichen Bundesländern
bestätigt. Danach lag der Anteil
der Aussiedlerjugendlichen (am
30.4.1998) bei 10%, d.h. deutlich
über ihrem Anteil an einheimischen Gleichaltrigen.9 In fünf Jugendvollzugsanstalten (Adelsheim,
Neuburg-Herrrenwörth, Siegburg,
Wittlich und Schifferstadt) wurde
zudem eine Lanzeitstudie zur ethnischer Zusammensetzung der jungen
Strafgefangenen durchgeführt (vgl.
Abb. 3). Hier zeigte sich ein deutlicher Anstieg der Aussiedlerjugendlichen zwischen 1992 und 1998. Im
Gegensatz dazu fand eine Studie der
Kriminologischen Forschungsgruppe
beim Bayerischen Landeskriminal-
7) Vgl. dazu Kawamura, G. (2001). Kriminalität und Kriminalisierung junger Aussiedler, iza, 2, 48-53.
8) Vgl. dazu Pfeiffer, Ch., Brettfeld, K. & Delzer, L. (1997). Kriminalität in Niedersachsen - 1985 bis 1996. Eine Analyse auf der Basis der Polizeilichen Kriminalstatistik. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, Forschungsbericht 60.
9) Pfeiffer, C. & Dworschak, B. (1999). Die ethnische Vielfalt in den Jugendstrafvollzugsanstalten. Ergebnisse einer Umfrage aus dem Sommer 1998. DVIJJournal, 164, 184-187
11
Abbildung 3: Die Veränderung der ethnischen Zusammensetzung junger
Strafgefangener (1992, 1995, 1998)
100%
80%
Ausländer
Türken
Deutsche
Aussiedler
60%
40%
20%
0%
1992
1995
1998
Quelle: Pfeiffer und Dworschak (1999), 186
amt zwar keine Hinweise auf eine
Besorgnis erregende Kriminalität
bei Aussiedlern, sie stellte jedoch
fest, dass die registrierte Kriminalität junger Aussiedler in den letzten
Jahren merklich angestiegen ist.10
Die Bereitschaft zur Delinquenz
von Jugendlichen in modernen Gesellschaften wurden vielfach untersucht. Dabei kristallisierten sich
einige Erklärungsansätze heraus, die
Ursachen aufzeigen, warum Jugendliche delinquent werden. Familiäre
Belastungen (beispielsweise kaputte
Familien oder familiäre Gewalt) sind
eine mögliche Ursache - ebenso wie
das Aufwachsen in unterprivilegierten Bedingungen (Armut, ungünstiges Wohnumfeld). Eine mögliche
Determinante delinquenten Verhaltens kann auch in der Migrationsbiographie gesehen werden. Diese
bedingt, dass junge Immigranten
oder Aussiedler in vielen Bereichen
andere Erfahrungen gemacht haben
und eine andere soziale Prägung
mitbringen als Jugendliche, die in
Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Kritische Lebensereignisse, wie beispielsweise einen
Schulwechsel, den Abbruch einer
schulischen bzw. beruflichen Ausbildung, Umzüge, Arbeitslosigkeit der
Eltern und finanzielle Probleme in
der Familie haben junge Aussiedler
häufiger erfahren als einheimische
Jugendliche. Biographische Brüche
- wie oben beschrieben - gelten
als Faktoren, die im Jugendalter
Delinquenz hervorbringen können.
Ein anderes Erklärungsmuster stellt
den Mangel an sozialer Anerkennung und Achtung im Zusammenhang mit jugendlicher Delinquenz
heraus. Schließlich ist noch auf
die Geschlechtsspezifik jugendlicher Delinquenz hinzuweisen. Über
90% der jugendlichen Gewalttäter
sind männlich, was die bedeutende
Rolle von Männlichkeitsmustern im
Gewaltkontext unterstreicht. Delinquenz - so kann zusammenfassend
festgestellt werden - ist nicht als
Eigenschaft von Personen anzusehen, sondern als Resultat sozialer
Interaktionsprozesse und gesellschaftlicher Strukturen. Vor diesem
Hintergrund müssen die Ursachen
für die mögliche Delinquenz von
Aussiedlerjugendlichen in den sozialen Bedingungen des Herkunftsund Aufnahmelandes und in der
Qualität ihrer sozialen und familiären Beziehungen gesucht werden.
3. Forderungen an Politik und Gesellschaft
Die hier in Teilaspekten aufgezeigten Integrationsbedingungen junger Aussiedler weisen einerseits auf
spezifische Risiken hin, zeigen aber
auch Chancen im Integrationsprozess auf.
Unter den Risikofaktoren stehen die
schlechte Sprachbeherrschung und
der de facto Minderheitenstatus, der
bei Aussiedlerjugendlichen durch
die aus den Herkunftsländern mitgebrachte soziokulturelle Prägung
und teilweise durch den bikulturellen familiären Hintergrund bedingt
ist, an erster Stelle. Im letzten Jahrzehnt waren junge Aussiedler nicht
selten von materiellen Schwierigkeiten bzw. damit einhergehender
sozialer Randständigkeit bedroht.
Dies schränkt ihre Chancen auf eine
gleichberechtigte Partizipation an
Bildung, Ausbildung, am beruflichen und sozialen Leben ein. Auf
der Positivseite verfügen die jungen
Aussiedler über eine - im Vergleich
zu anderen Migrantengruppen in
Deutschland - höhere Bildung bzw.
Ausbildung sowie über einen gesicherten rechtlichen Status. Weiter-
10)Luff, J. (2000). Kriminalität von Aussiedlern: Polizeiliche Registrierungen als Hinweis auf misslungene Integration? München, KFG, Bayerisches Landeskriminalamt.
12
hin wird ihre schulische, berufliche
und soziale Integration durch eine
Reihe staatlicher Unterstützungsmaßnahmen gefördert. Von den ausgesiedelten Jugendlichen wird dabei
- vor dem Hintergrund der ethnisch
motivierten Aufnahmebedingungen
- eine hohe Anpassungsbereitschaft
an die Anforderungen der deutschen
Gesellschaft erwartet.
Dennoch ist festzuhalten, dass Aussiedler sich im Laufe ihrer Migra-
tionsgeschichte immer stärker an
die Situation anderer Migrantengruppen in Deutschland angenähert
haben. Die Politik steht deshalb vor
der Aufgabe, die Aussiedlerzuwanderung und -integration als Element
der Migrations- bzw. Gesellschaftspolitik zu formulieren. Dies bedeutet, dass es eine migrationspolitisch
diskutierte Regelung der Aussiedlerzuwanderung geben muss und dass
die Integrationspolitik sich um die
chancengleiche Partizipation der
Aussiedler in Arbeitsmarkt und Gesellschaft bemüht. Dies verlangt die
Unterstützung der Aussiedler beim
Erwerb der deutschen Sprache, die
Etablierung von Rahmenbedingungen in Wirtschaft und Gesellschaft,
die der Integration förderlich sind
(z.B. den Abbau von formalen Kriterien bei Einstellungen) und die
Betonung von Integrationsmaßnahmen, die auf die Eigeninitiative und
die Kompetenzen der Aussiedler setzen.
13
Aufgaben und
Leistungen des Landes
zur Förderung der
Integration junger
Spätaussiedlerinnen
und Spätaussiedler
Anton Rütten,
Stellvertretender
Abteilungsleiter im
Ministerium für Gesundheit,
Soziales, Frauen und Familie
Ich werde zunächst einige statistische Angaben machen zur Gruppe
der Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler und danach etwas zu den
Integrationskonzepten des Landes.
Zahlen
Zunächst beziehe ich mich auf die
mir vorliegenden Zahlen zur Zuwanderergruppe der Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler in
Nordrhein-Westfalen. Alleine seit
1989, also seit der Öffnung des sog.
Eisernen Vorhangs, sind in Nordrhein-Westfalen rund 700.000 Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler
eingewandert.
Das heißt auch: In Bezug auf die
Herausforderungen, vor denen wir
gesellschaftspolitisch stehen, also
den demographischen Wandel, den
Perspektiven des Arbeitsmarktes der
Zukunft, der Stabilität der sozialen
Sicherungssysteme etc., stellt gerade diese Gruppe ein m.E. noch viel
zu wenig wahrgenommenes Potential dar.
Da es sich bei dieser Gruppe um
Zuwanderer mit deutscher Staatsangehörigkeit handelt, können wir
immer nur sagen, wie viele in einem
bestimmten Zeitraum gekommen
sind. Wir wissen aber nicht, wie
viele insgesamt hier leben. Denn
innerhalb der deutschen Wohnbevölkerung werden Menschen mit
Migrationshintergrund nicht besonders ausgewiesen. Also bleiben Veränderungen der Population durch
Geburten, Todesfälle, Binnenmigration oder auch Remigration nicht
nachvollziehbar. Das gleiche Problem erschwert es, statistisch Belegbares zur sozialen Situation der
Spätaussiedler, also z.B. zu ihrer Arbeitslosigkeit, zur Quote der Sozialhilfeempfänger etc. zu sagen.
Und um nicht weniger als dieses Potential zu nutzen im Interesse der
Zugewanderten und im Interesse der
gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt,
geht es in der Integrationspolitik.
Die spät ausgesiedelte Bevölkerung
ist unterdurchschnittlich alt respektive überdurchschnittlich jung. Bis
vor 2,3 Jahren waren 33,3 % und
mehr, also ein gutes Drittel der Spätaussiedler, jünger als 18 Jahre. Im
Vergleich dazu: Bei den Jugendlichen ohne deutschen Pass liegt diese Quote durchschnittlich bei 25 %,
bei den deutschen Gleichaltrigen bei
etwa 20 %.
14
Leider liegt mir kein vorgefertigtes
Manuskript vor, das ich den Veranstaltungen zur Verfügung stellen
konnte. Ich bitte dafür um Nachsicht.
In den letzten Jahren hat sich für
NRW der Zuzug bei ca. 20.000 zugewanderten Spätaussiedlern jährlich
eingependelt. Darunter sind zuletzt
nicht mehr ganz 1/3, sondern rund
30 % jünger als 18 Jahre. Aber auch
das heißt immer noch, dass zwischen 6.000 und 7.000 minderjährige Spätaussiedler pro Jahr nach
Nordrhein-Westfalen kommen und
hier eine sichere Zukunft suchen.
Schon lange stellen die türkischen
Staatsangehörigen die größte Zuwanderergruppe in Nordrhein-Westfalen dar. Das Gesagte macht aber
deutlich, dass von der Größenordnung die Spätaussiedlerinnen und
Spätaussiedler mittlerweile „im Bestand“ vergleichbar der Gruppe der
türkischen Staatsangehörigen sind.
Bezüglich der jungen Neuzuwanderer, also der Seiteneinsteiger, stellen
die Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler ganz eindeutig die größte
Gruppe dar.
Zur Arbeitslosenquote kann ich nur
sagen, dass wegen der statistischen
Ungenauigkeiten diese Zahl in NRW
seit einiger Zeit nicht mehr in den
Monatsmeldungen des Landesarbeitsamts angegeben wird.
Einbindung der Aussiedleraufnahme und Aussiedlerintegration in die Migrationspolitik
Die nordrhein-westfälische Integrationspolitik hat es schon sehr
früh als erforderlich angesehen, die
Aussiedleraufnahme und Aussiedlerintegration in die allgemeine Zuwanderungs- und Integrationspolitik
des Landes einzubinden. In dieser
Hinsicht sind wir in Nordrhein-Westfalen wesentlich weiter als die Bundespolitik und die meisten anderen
Landesregierungen. Immerhin gibt
es hier den einzigen Migrationsausschuss eines Landesparlaments in
Deutschland, in dem die Fragen von
spät ausgesiedelten Zugewanderten
und ausländischen Zugewanderten
seit 1995 kontinuierlich behandelt
werden. Dieser Weg hat sich als erfolgreich erwiesen und sollte fortgeführt werden.
Auch auf der Landesregierungsseite
haben wir 1994 die ersten Konzeptionen für die Zusammenführung der
beiden Zielgruppenpolitiken, die bis
dahin auch in unterschiedlichen
Organisationseinheiten der Landesregierung bzw. Des Sozialministeriums verortet waren, angedacht
und ab 1995 auch umgesetzt. Dabei konzentriert sich die Politik der
Landesregierung auf die Vernetzung
verschiedener Institutionen. Seit
1995 gibt es u.a. die Interministeri-
elle Arbeitsgruppe Zuwanderung, in
der sowohl Fragen zur Integration
von Ausländern als auch von Aussiedlern konsequent in Kooperation
aller Ressorts der Landesregierung
betrachtet und einer Lösung zugeführt werden. Aber in Bezug auf die
Bundesebene und die meisten anderen Länder stellt sich dies aufgrund
der dortigen administrativen Traditionen derzeit noch sehr schwierig
dar.
In der Folge heißt das u.a. z.B. Folgendes: Wenn wir heute als Länder
zusammenkommen in der Argeflü,
der Arbeitsgemeinschaft der Landesflüchtlingsverwaltungen, treten
stellvertretend für einige Länder
die Innenministerien auf, die die
Spätaussiedlerintegration
betreiben, sowie die Sozialministerien,
die für die Integration von Ausländern zuständig sind. NRW zählt zu
der Minderheit der Länder, in denen
Spätaussiedler- und Ausländerintegration in einem Ressort gebündelt
sind.
Das Zuwanderungsgesetz könnte
auch in dieser Hinsicht die Integrationspolitiken im Bund und in den
Ländern deutlich weiterbringen.
Denn das Zuwanderungsgesetz stellt
auch den Versuch dar, auf Bundesebene beide angesprochenen Bereiche stärker zusammenzuführen.
Doch auch, wenn das Zuwanderungsgesetz so kommen würde,
wie es die Bundesregierung jetzt
erneut ins Gesetzgebungsverfahren
eingebracht hat, wären wir zwar
auf dem richtigen Weg, aber noch
lange nicht an dem Ziel angelangt,
Hilfeleistungen sinnvoll und systematisch zusammenzuführen. Es
bliebe noch Einiges zu tun. Nur
ein kleines Beispiel dafür: Die Integrationskurse, die das Zuwanderungsgesetz vorsieht, sollen auch in
Eigenleistung der Zugewanderten finanziert werden. Dies gilt allerdings
nur für die ausländischen Zugewanderten und nicht für die ausgesiedelten Zugewanderten. Ein anderer
Punkt, der nach wie vor vorhandene
Unterscheidungen verdeutlicht: Wir
haben eine Integrationsbeauftragte
der Bundesregierung und gleichzeitig einen Aussiedlerbeauftragten.
Sie sind beide in unterschiedlichen
Häusern verortet, während wir in
NRW einen Integrationsbeauftragten haben, der für Spätaussiedler
und für Ausländer zuständig ist.
Aufgaben und Leistungen
Nun möchte ich zu den Aufgaben
und Leistungen unseres Ministeriums kommen. Was tun wir konkret?
Das Spektrum der Aufgaben, die
wir hier in Nordrhein-Westfalen
wahrnehmen, ist größer, als es die
vom Land eingebrachten Fördermittel annehmen lassen. Denn der
Bund finanziert bislang über den
Garantiefonds in einer großen Breite und mit erheblichem Einsatz die
Förderung vor allem junger spät
Ausgesiedelter. Das Land ist bei
der Umsetzung dieser Förderung
konzeptionell und organisatorisch
ebenfalls stark engagiert.
Die primäre finanzielle Zuständigkeit des Bundes ergibt sich – nicht
nur im Hinblick auf die Förderinstrumente des Garantiefonds - vor allem daraus, dass Vertreibung, Flucht
und Aussiedlung bzw. Spätaussiedlung Kriegsfolgen sind, für deren
soziale Folgelasten der Bund die Verantwortung trägt. In der Zuständig-
15
keit des Bundes ist deshalb bereits
recht früh ein systematisches Integrationskonzept entwickelt worden,
das zahlreiche Hilfestellungen in
unterschiedlichen Lebenslagen vorsieht.
Im Rahmen dieser Förderung
ist bereits in der Vergangenheit
Sprachförderung in einem größeren Umfang und mit einer längeren
Dauer erfolgt, als dies nach dem Zuwanderungsgesetz vorgesehen ist.
Deshalb ist aus der Sicht derer, die
Spätaussiedlerarbeit betreiben, das
Zuwanderungsgesetz eine Nivellierung auf niedrigem Niveau. Für diejenigen, die aus der Tradition der
sog. Ausländerarbeit kommen hingegen, bringt das Zuwanderungsge-
setz Verbesserungen der Standards.
Die Landesregierung ist bereit, bei
der Umsetzung des hoffentlich kommenden Zuwanderungsgesetzes in
dem eben genannten Sinne dazu
beizutragen, dass für beide Gruppen
bzw. für das gesamte professionelle
Handlungsfeld ein Optimum realisiert werden kann.
Darüber hinaus sind in diesem Zusammenhang als Landesaktivitäten
zur Integration von Spätaussiedlern die enge Kooperation mit dem
Landesbeirat für Heimatvertriebene, Flüchtlinge und Spätaussiedler und die aus meiner Sicht hoch
qualitative Arbeit der Landesstelle
Unna-Massen zu benennen. Hier
ist in den letzten Jahren aus der
einstmals reinen Aufnahme- und
Unterbringungsstätte eine ServiceEinrichtung geworden, die erste
Grundlagen für eine gelingende Integration legt und die in Zusammenarbeit mit den Kommunen nach den
besten Möglichkeiten für eine sozial
verträgliche Verteilung sucht.
Weitere Aktivitäten sind z.B. Förderungen von Spätaussiedler-Organisationen im Rahmen des Programms
für Migrantenselbstorganisationen.
Nicht zu vergessen ist auch die Einbeziehung von Spätaussiedlerinnen
und Spätaussiedlern in die Arbeit
der einstmals nur für Ausländer
tätigen Regionalen Arbeitsstellen
(RAA).
Integrationspolitische Grundsätze
Ich will nicht die integrationspolitischen Grundsätze der Landesregierung im Detail wiederholen, die
Sie als Fachleute bestimmt schon
seit Längerem kennen. Aber soviel
möchte ich diesbezüglich doch erwähnen. Mir erscheint es besonders wichtig, dass nicht nur die
volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung von Migrationsprozessen, sondern auch jeweils
deren individuelle Dimension bei der
Konzeptionierung von Handlungsansätzen mit gedacht werden. Die
individuellen Integrationsprojekte,
also die Auswanderungsmotive und
mit der Einwanderung verbundenen
Ziele sind für die Entwicklung von
Hilfen zur Integrationsförderung ein
wichtiger Fundus.
Wenn wir die „klassischen“ türkischen Gastarbeiter aus den 60-er,
70-er Jahren betrachten, so haben
viele nach wie vor auch heute noch
die Vorstellung: „Eigentlich gehöre
ich in die Türkei“.
16
Kurdische Flüchtlinge hingegen, die
aus der Türkei mit türkischer Staatsangehörigkeit gekommen sind, aber
nie wussten, ob sie jemals zurückkehren könnten, haben dementsprechend andere Zielvorstellungen
und Haltungen zu dem Leben in
Deutschland entwickelt.
Die Spätaussiedler, vor allem aber
die Aussiedler, die in den 60-er, 70er und 80-er Jahren nach Deutschland gekommen sind, kamen hierhin
in der Erwartung, dass ihre Einwanderung eine Rückkehr in die eigentliche Heimat sei. Integration war im
üblichen Sinne insofern nicht erforderlich, als man mental ja schon
hierhin gehörte.
Dies hat sich aber bei den Spätaussiedlern der letzten Jahre vielfach
verändert. Für viele von ihnen ist
die Einwanderung nach Deutschland
nicht mehr in diesem beschriebenen
Sinne die Rückkehr in die Heimat,
sondern durchaus auch vermischt
mit wirtschaftlichen Motiven. Dass
dies so ist, lässt sich auch an den
Veränderungen festmachen, die sich
hinsichtlich des jeweiligen Status
der einzelnen Spätaussiedler aufzeigen lassen. Noch 1992 waren 3/4
% der zuwandernden Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler solche,
die selbst die Volkszugehörigkeit
nachweisen konnten und den Spätaussiedlerstatus für sie und ihre
Familie begründeten. Heute sind
3/4 derjenigen, die im Rahmen der
Spätaussiedlung kommen, Kinder,
Ehepartner oder sonstige Angehörige der den Status begründenden
Volksdeutschen. Das Verhältnis hat
sich also genau umgekehrt. Integrationsbedingungen und –chancen
werden von dieser Entwicklung tangiert. Dies muss eine effektive Integrationspolitik berücksichtigen.
Ansprache der Menschen und Integrationsangebote müssen entsprechend entwickelt werden.
Zentrales Prinzip der Integrationspolitik in Nordrhein-Westfalen ist
es, dass sowohl Integration durch
Qualifikation als auch Integration durch Partizipation zu erfolgen
habe. Beides, Qualifikation und angemessene Formen der Partizipation,
sind auch in Bezug auf die jeweiligen Zuwanderungshintergründe und
„Migrationsprojekte“ der einzelnen
Migranten zu entwickeln. Deshalb
macht es Sinn, dass im Sinne von
Integrationsvereinbarungen und Integrationslotsen auch an mehreren
Stellen in Nordrhein-Westfalen mittlerweile Modellprojekte laufen, die
die Grundlagen für eine möglichst
rasche und erfolgreiche Integration
der neu kommenden Spätaussiedler
ermöglichen. Eines dieser Projekte,
das der Stadt Dortmund, fördern wir
im Übrigen gemeinsam mit der Bundesregierung.
Problem der öffentlichen Kommunikation
Abschließend möchte ich auf ein
mir besonders am Herzen liegendes
Problem hinweisen. Die Wirklichkeit
von alltäglicher Integration und
die Art und Weise, wie darüber öffentlich kommuniziert wird, liegen
häufig weit auseinander. Zurzeit
beobachte ich, dass, wie wir es in
früheren Jahren bei Ausländerjugendlichen bereits hatten, nunmehr
junge Spätaussiedler öffentlich als
nicht integrierbar und „geborene
Loser“ stigmatisiert werden. Öffentlich wird sehr gerne über junge
Migranten dann gesprochen, wenn
sie gescheitert sind oder wenn sie
erhebliche soziale Probleme haben
bzw. machen. Und die Öffentlichkeit hält es für relativ normal und
deshalb nicht erwähnenswert, wenn
sich eben Jugendliche der gleichen
Gruppe positiv hervortun und wenn
sie etwas erreichen.
Ich will nicht leugnen, dass es vor
allem unter jungen männlichen
Spätaussiedlern nicht einmal quantitativ, aber qualitativ besondere
Probleme hinsichtlich von Gewalt-
bereitschaft und abweichendem
Verhalten gibt. Aber dies betrifft
nur einen kleinen Ausschnitt der
Gesamtgruppe. Nicht zuletzt die vor
einigen Jahren von uns in Auftrag
gegebene und veröffentlichte Studie
von Herrn Prof. Heitmeyer hat aber
auch belegt, dass die überwiegende
Mehrheit der jungen Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler unauffällig und vielversprechend integriert
ist.
Der Erfolg von Integrationsarbeit
ist auch davon abhängig, dass die
öffentliche Kommunikation nah an
der Realität bleibt und dementsprechend differenziert und fair ist. Darauf hinzuwirken, dass dies mehr als
bislang geschieht, sehe ich auch als
eine Aufgabe der Landesregierung
an. In diesem Zusammenhang nenne ich unsere Kampagne „Zugewanderte als Chance“, mit der wir, wie
ich finde, sehr erfolgreiche Wege
beschritten haben, die Potentiale,
also die Chancen, zu zeigen, die
die jungen Zuwanderer mitbringen.
Dies müssen wir der allgemeinen Öf-
fentlichkeit gegenüber tun, es ist
aber auch sinnvoll und notwendig,
dies gegenüber den Zugewanderten
selbst zu machen. Ich bin von der
Ausbildung her Sozialwissenschaftler und Pädagoge. Ich habe einmal
Folgendes gelernt: Wenn man jemandem regelmäßig vorhält, seine
Beiträge zum Miteinander, seine
Leistungen seien schlecht, dann
wird das Selbstbild des Betreffenden berührt und im Zweifel werden
dann auch tatsächlich Selbstbewusstsein,
Leistungsbereitschaft
und Leistungsvermögen erheblich
geschwächt. Bestärke ich hingegen,
also melde ich zurück, was positiv
vorhanden ist, dann werden Motivation und Selbstvertrauen gefördert.
Ich denke, dass dies eine Erkenntnis
ist, die nicht nur für den individuellen pädagogischen Bezug, sondern
auch für den gesellschaftlichen und
politischen Umgang mit Gruppen
von Bedeutung ist. Und in dieser
Hinsicht ist noch ganz besonders
viel zu tun.
17
Maßnahmen der
Jugendsozialarbeit vor
Ort
Dr. Elvira Spötter,
Landesarbeitsgemenschaft
Katholische
Jugendsozialarbeit NRW
Das Thema, das heute in diesem
Gremium behandelt wird, ist aktuell und zukunftsorientiert. Es geht
um junge Menschen, um die Zukunft
unserer Gesellschaft. Ich freue mich
der Möglichkeit, einen Beitrag aus
der Sicht der Jugendsozialarbeit machen zu können und bedanke mich
für die Einladung.
Die Jugendsozialarbeit ist überall
da gefordert, wo soziale Benachteiligung und individuelle Beeinträchtigungen die schulische und
berufliche Ausbildung, die Eingliederung in die Arbeitswelt und die
soziale Integration junger Menschen
infrage stellen.
Da bietet sie, immer im Rahmen ihrer Möglichkeiten, Beratung, Hilfe,
sozialpädagogische Begleitung und
berufsbezogene Maßnahmen an.
Zur Erfüllung ihrer Aufgaben, die
gesetzlich in § 13 KJHG/ SGB VIII
geregelt sind, hat die Jugendsozialarbeit ein beachtliches Angebot an
berufs- und integrationsfördernden
Einrichtungen, Diensten und Maßnahmen entwickelt und aufgebaut.
Die Schwerpunkte liegen in drei
Handlungsfeldern:
• Im Bereich der Jugendhilfe eine
ganze Palette von berufsbildenden, beschäftigungsfördernden
und schulbezogenen Maßnahmen,
• im Bereich des Jugendwohnens
Jugendwohnheime und unterschiedliche Formen sozialpädagogisch begleiteten Wohnens,
• im Bereich der Integration von
jungen Zuwanderern die Jugendgemeinschaftswerke, mit
Beratungs- und Begleitungsangeboten, mit sprachlichen,
schulbegleitenden und berufsorientierenden Maßnahmen mit
integrationsspezifischem Charakter.
18
Vom Ziel der JSA, jungen Menschen
zu helfen ihre Chancen wahrzunehmen, wahrnehmen zu können, in
dieser Gesellschaft Fuß fassen zu
können, leiten sich auch die Aufgaben und Angebote der Jugendsozialarbeit ab. Da stehen die berufliche
und soziale Integration und die
Entwicklung einer eigenverantwortlichen, gemeinschaftsfähigen
Persönlichkeit, die ihr Leben selbstständig gestalten kann, in dem Vordergrund.
In meinem Statement möchte ich
auf den Bereich „Integration“ näher
eingehen.
Zurzeit fungieren in NRW 47 Jugendgemeinschaftswerke und 18
Außenstellen, in der Hand der freien
Träger mit mehr als 200 Mitarbeiter/
innen, die jährlich bis zu 20.000
junge Menschen in schulischen, beruflichen, sozialen und persönlichen
Fragen beraten und Hilfestellungen
zu Fragen und Problemen anbieten.
Die Jugendgemeinschaftswerke haben ihre Wurzeln in der Arbeit mit
den Aussiedlerjugendlichen. Auch
nach der Öffnung der Zielgruppe im
Jahr 2001, bilden die Spätaussiedler und ihre Familienangehörigen
die größte Gruppe der Betreuten.
Die meisten Jugendlichen, die von
den JGW beratet und begleitet werden, sind zwischen 14 und 25 Jahren alt.
35% der betreuten Zuwanderer
waren im vergangenen Jahr noch
Schüler, 9,7% waren in Ausbildung
und weitere 10% waren berufstätig, 17,6% junger Menschen waren
arbeitslos gemeldet, wobei bei den
Hausfrauen/-männern, sowie in den
außerschulischen Maßnahmen zusätzlich eine versteckte Arbeitslosigkeit vorhanden ist.
Zur Zeit sind die Jugendgemeinschaftswerke bundesweit im Umstrukturierungsprozess zu modernen
Jugendmigrationsdiensten und werden auch zukünftig in den Netzwerken vor Ort durch jugendspezifische
Angebote die Integration der jungen Zuwanderer maßgeblich mitgestalten.
Einige Überlegungen zur Gruppe
der Spätaussiedler. In den letzten
Jahren wird immer wieder behauptet, dass die Integration der jungen
Spätaussiedler immer schwieriger
wird. Die Fachkräfte der Regeldienste, die in der Integrationsarbeit
beschäftigten Lehrer und nicht zuletzt die Medien, sprechen von einer
„schwierigen Gruppe“ von jungen
Zuwanderern. Es handelt sich um
die jungen Menschen aus der ehemaligen UdSSR, die überwiegend
aus Russland und Kasachstan kommen. Dass sie bei der Umsiedlung
auf eine neue, ihnen weitgehend
unbekannte Gesellschaft mit fremder Kultur, Werten, Normen, Sprache und Handlungsmustern treffen,
ist nicht neu. Es stellt sich die Frage
, warum die Integrationsbemühungen mit so vielen Schwierigkeiten
konfrontiert sind ?
Es werden Vergleich zu den früheren Zeiten, wo die Integration der
Spätaussiedler fast reibungslos lief,
gezogen und immer wider Fragen
in den Raum gestellt, warum es so
schwierig ist, die Neuankömmlinge
zu erreichen, warum sich die Spannungen und Missverständnisse im
sozialen Raum häufen, warum sich
vermehrt Jugendcliquen bilden, die
russisch sprechen und sich immer
mehr abschotten.
Dabei wird oft übersehen, dass
dieses Phänomen aus dem Zusammenspiel von sehr vielen Faktoren
resultiert, die aus den heutigen
Rahmenbedingungen im Herkunftsland und in der Aufnahmegesell-
schaft stammen. Auch der Ansatz,
die Jugendlichen der 80-90er Jahre
mit denjenigen, die heute zuwandern, zu vergleichen, ist nicht korrekt. Hier einige Belege:
1. Die jungen Menschen, die zurzeit
aus dem russischsprachigen Raum
kommen, sind in der Zeit der Perestrojka und der wirtschaftlichen Krise, der Bürgerkriege, Werteverluste,
sozialer Armut und Orientierungslosigkeit aufgewachsen.
2. In der Zeit solch tief greifender
Veränderungen, wo Brüche in der
Schul-, Ausbildungs- und Lebensbiographie zu einer Art von Normalität werden, vertraute Mechanismen/
Institutionen wie Familie, Schule
und Kollektivgeist nicht mehr tragen, müssen neue Fähigkeiten, die
zum sinnvollen Leben notwendig
sind, erlernt werden.
3. Der Perspektivwechsel ( das Leben
und Gesellschaft mit den Augen anderer zu sehen), der von den Zuwanderern in der neuen Heimat erwartet
wird, ist ein komplexer Prozess, der
zum Gelingen Zeit und professionelle Unterstützung benötigt.
Es ist eine Herausforderung für alle,
die es mit dieser Gruppe der Zuwanderer zu tun haben, sich Integrationsfähigkeiten, wie die Fähigkeit
mit Unterschieden, mit Brüchen,
mit Vielfalt, mit Unübersichtlichkeit
kreativ umzugehen, anzueignen,
sowie notwendige Kontakte aufzubauen und damit gezielte Hilfe zu
leisten.
Um diesen Herausforderungen entgegen zu kommen, entwickeln die
Einrichtungen oft in Kooperation
eine breite Palette von zusätzlichen
Angeboten, die auf Belange der Jugendlichen und der Kommune abgestimmt sind. Diese Auflistung von
zusätzlich entwickelten Angeboten
einzelner JGW in Kath. Trägerschaft
soll Ihnen einen Einblick verschaffen.
Abschließend möchte ich noch einige Aussagen von jungen Menschen
anführen, die aus meiner sicht treffend sind und zum Aktuellen Bild
der jungen Zuwanderer aus der ehemaligen UdSSR gehören. Im Rahmen
der Feststellungsprüfung in Russisch, Anfang Juni dieses Jahres,
haben die Schüler der 9. und 10.
Klassen der Haupt- und Realschulen
im Erftkreis unter anderem folgende
Äußerungen gemacht:
Beispiel 1.
NN ist 18 Jahre alt, kam vor, Jahren
aus Kasachstan. Ist gewohnt Verantwortung zu übernehmen, viel und
hart zu arbeiten. Das erste Jahr in
Deutschland war für ihn „ eine einzige Katastrophe. Ich kam in eine
Vorbereitungsklasse, wo die Schüler
zwei Jahre jünger waren als ich. Auf
einmal entschwand alles Bekannte
und Vertraute und ich stand unbeholfen und dumm da. Alles, was die
Lehrerin erklärte, konnte ich nicht
verstehen. Die einzige Hilfe waren
die Aussiedler in der Klasse. Die haben übersetzt und erklärt, wie sie es
verstanden haben. Heute sehe ich,
dass sehr vieles falsch war. Ich habe
mich sehr über mich geärgert, dass
ich so dumm und schwach bin. Alles was ich konnte und worauf ich
stolz war (gut in Mathe und Chemie,
in Musik), wurde nicht gefragt. Ich
stand täglich als Schwächling vor
der Klasse.
Zum Glück traf meine Mutter eine
Deutschlehrerin aus Kasachstan
und sie hat mir in Privatstunden
das Deutsch beigebracht. Um diesen Unterricht zu bezahlen, arbeite
ich als Aushilfe in einem Geschäft.
Jetzt bin ich in einer Regelklasse
und schaffe bestimmt die FOR.
Mein Wunsch ist es: so früh wie
möglich den Neuangekommenen
19
die wichtigsten Info in einer verständlichen Form anzubieten!“
uninteressant und oft primitiv gestaltet.
Beispiel 2.
NN ist siebzehn Jahre alt, kam vor
sieben Monaten aus Petersburg, wo
sie ein Gymnasium besuchte und
vom Lehrerberuf träumte. Sie hatte
im Unterricht Englisch und Französisch, Deutsch sprach sie in der Familie nur in Mundart.
Außer dem Unterricht wird nichts
angeboten. Die Lehrer sprechen nur
von „schneller Deutsch lernen“, als
ob alles andere nicht wichtig wäre.
„Ich will mich nicht unbedingt
ändern, damit integriert bin. Ich
denke gern an meine Kindheit und
meine Schule zurück. Ich will diese Erinnerungen nicht verlieren, ich
hänge auch an meinen „spezifischen
Verhaltensweisen“, die meine Lehrerin so stören.“
In der Vorbereitungsklasse, wo sie
zur Zeit lernt, bekommt sie nur Unterricht in Deutsch. Sie hat Angst,
dass sie die Fremdsprachen inzwischen vergisst.
Das Wissensniveau der Schüler in
der Vorbereitungsklasse ist sehr unterschiedlich, der Unterricht wird
20
Die meisten Aussagen der jungen
Menschen klingen sehr besonnen,
zielstrebig und oft zu erwachsen für
ihr Alter, wenn sie über eigene Erfahrungen der Integration reden.
Deren Wünsche als Empfehlungen
für die Dienste und Gesellschaft
können folgendermaßen zusammengefasst werden:
• so früh wie möglich ausreichende und gut aufbereitete Informationen für sie und ihre
Eltern (Film, Spiele)
• jugendspezifische Angebote in
der Nähe der Wohnorte
• Autoritätspersonen, mit denen
sie sich verständigen können
• Wertschätzung der mitgebrachten Erfahrungen und Kompetenzen
• Förderung der russischen Sprache
• Akzeptanz von Lehrern und Bevölkerung
Netzwerkbildung in
der Jugendhilfe am
Beispiel Düren
Manfred Savelsberg,
Leiter des Jugendamtes
der Stadt Düren
Damit die Kooperation zwischen unterschiedlichen Trägern und Trägerinteressen sowie zwischen öffentlicher
und freier Jugendhilfe innerhalb
der Jugendhilfeplanung einer Stadt
überhaupt gelingen kann, sind einige Bedingungen notwendig.
1. Offenheit für Planung in Politik
und Verwaltung z.B. Jugendhilfe,
Arbeitsverwaltung, Justiz, Polizei,
Sozialverwaltung, Schule, um nur
einige zu nennen sowie bei den
freien Trägern der Jugendhilfe sind
eine wesentliche Voraussetzung für
eine erfolgreiche Arbeit in einem
Arbeitskreis. Wenn die Bereitschaft
fehlt und die Notwendigkeit von
gemeinsamem Planen und Handeln
nicht gesehen wird fehlt die Arbeitsgrundlage. Die vielerorts vorhandene
„Misstrauenskultur“ kann so nicht
erfolgreich abgebaut werden. Dies
sehe ich jedoch als zwingende Bedingung für eine konstruktive und
innovative Zusammenarbeit an
2. Anerkennung und Nutzung der
unterschiedlichen Ressourcen im
Interesse der Zielgruppen ist eine
weitere Bedingung, damit Netzwerke erfolgreich aufgebaut werden und
funktionieren können.
3. Kontinuität in der Zusammenarbeit schafft das erforderliche Vertrauen. In der Stadt Düren wird seit
1988 kontinuierlich Jugendhilfeplanung im partnerschaftlichen Miteinander mit den freien Trägern der
Jugendhilfe und Betroffenen in sog.
Stadtteilkonferenzen und Arbeitsgemeinschaften geleistet. Diese Form
der Kooperation hat sich in all den
Jahren bewährt und ist nach wie vor
ein Ziel. Wenn kontinuierlich gearbeitet wird, hat niemand das Gefühl
vom jeweiligen Gegenüber „über den
Tisch gezogen zu werden“. Diese Vertrauenskultur hilft dabei eine offene
Gesprächsatmosphäre zu schaffen
und zu erhalten.
4. Zielgruppenorientierung bedeutet
auch bedarfsgerechter Ausbau von
Hilfen und Leistungen. Dabei geschieht dies in direktem Bezug zum
Sozialraum, in dem die „Problemoder Zielgruppen“ leben. Die Ressourcen des Sozialraumes erkennen
und nutzen, sichert längerfristig einen integrativen Ansatz auch z.B. in
der Arbeit mit jungen Aussiedlern.
5. Als letzten Punkt möchte ich an
dieser Stelle das Strichwort Prozessorientierung benennen. Diese Form
der Planung ist die Grundlage für
jede Form von Planung. Statische
Pläne, die in den Schubladen verschwinden helfen nicht bei der bedarfsgerechten Weiterentwicklung
der Jugendhilfe sondern führen zu
Stagnation. Prozessorientierung ist
aber auch nicht unbedingt verwaltungsüblich weil man zu Beginn eines Prozesses nicht unbedingt sagen
kann wohin diese Entwicklung führt.
Wir haben in Düren mit dieser Planungsform allerdings bisher sehr
gute Erfahrungen gemacht.
Zur abschließenden Erläuterung
stelle ich Ihnen die in Düren praktizierten unterschiedlichen Planungsebenen vor:
A) Arbeitsgemeischaften nach §§
78/80 KJHG
• Netzwerk Hilfen zur Erziehung
• Familienbildung- und Familienförderung
• Kinder- und Jugendförderung
mit den Planungsbereichen
Kindertagesbetreuung, Offene
Jugendarbeit, Spiel- u. Freiflächenplanung, Jugendhilfe u.
Schule, Mädchenarbeit, Jugendsozialarbeit und Jugendschutz
B) Sozialraumorientierte Planung
• 17 Stadtteilkonferenzen / Regionalkonferenzen (Kreis)
• 3 Sozialraumteams im Jugendamt
C) Zielgruppen- und Themenorientierte Planung
• Fach- und Arbeitskreise wie der
hier vorzustellende Arbeitskreis
Junge Aussiedler
21
„Vernetzte
Integrationshilfen
für inhaftierte
Aussiedler in der
Justizvollzugsanstalt
Heinsberg“
Ausgangssituation,
Entstehungsgeschichte,
konzeptionelle
Fixierung und IstSituation eines
Modellprojektes
Wilhelm Kroh
Justizvollzugsanstalt
Heinsberg
1. Vorwort
Zunächst weise ich darauf hin, dass
die nachfolgenden Ausführungen zu
den Grundannahmen für die Notwendigkeit dieses Projektes, seine
Entstehungsgeschichte, die konzeptionelle Fixierung und die Darlegung der Ist-Situation deskriptiver
Natur sind. Sie sind ausschließlich
auf die Situation und Problematik
der jugendlichen Aussiedler in der
JVA Heinsberg abgestellt. Sie erheben daher keinen Anspruch auf eine
Übertragbarkeit bzw. Allgemeingültigkeit für die übrigen Justizvollzugsanstalten des Landes NRW.
Das nachfolgend dargestellte Projekt
wurde am 01.12.2002 begonnen und
ist auf eine Dauer von 36 Monaten
limitiert.
2. Vollstreckungszuständigkeit
Die JVA Heinsberg ist eine Anstalt
des männlichen Jugendstrafvollzuges mit 254 Haftplätzen. Davon
entfallen 24 auf den angegliederten
offenen Vollzug. Die Vollstreckung
der Jugendstrafe erfolgt überwie-
gend im Wohngruppenvollzug. Die
Vollstreckungszuständigkeit
umfasst derzeit den Oberlandesgerichtsbezirk Düsseldorf und den
Landgerichtsbezirk Aachen.
3. Interkulturelle Entwicklung im Vollzug
Anfang 1999 war in der JVA Heinsberg zunächst ein geringer aber
dennoch stetig steigender Anteil jugendlicher Straftäter aus dem Gebiet
der ehemaligen Sowjetunion bzw.
den GUS-Staaten zu verzeichnen. Zu
diesem Zeitpunkt lag der Anteil der
Jugendstrafgefangenen mit einem
anderen kulturellen Hintergrund
bzw. einer anderen kulturellen Prägung – in der Regel auch verbunden
mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit – relativ konstant bei ca.
32 % bezogen auf die Gesamtbelegung. Die größten Gruppen stellten
zu diesem Zeitpunkt die türkischen
Jugendstrafgefangenen gefolgt von
den sogenannten Nordafrikanern
(Marokko, Algerien) dar.
Im Laufe der folgenden Monate war
jedoch eine deutliche und stabile
Veränderung in der quantitativen
Zusammensetzung dieser Bezugsgruppe festzustellen. Der Anteil
an der Gesamtbelegung blieb zwar
im wesentlichen konstant , jedoch
stieg der Anteil der jungen Aussiedler (bei einem Rückgang primär der
türkischen Jugendlichen) auf mehr
als 10 % an und beträgt derzeit in
der Regel 12 – 14 % bezogen auf die
Gesamtheit der hier inhaftierten Jugendlichen.
4. Situation der jugendlichen Aussiedler im Vollzug
Obwohl sich der Jugendstrafvollzug
in NRW im Laufe der vorausgegangenen Jahre zunehmend besser und
auch erfolgreich auf junge Menschen
mit anderer kultureller Prägung und
deren Integration in die vollzugli-
22
chen Maßnahmen – Schule, Ausbildung, Betreuung und Behandlung
– eingestellt hatte, versagte jedoch
das bestehende Instrumentarium bei
den jugendlichen Aussiedler in weiten Teilen.
Bei der Problemanalyse ergab sich
für die JVA Heinsberg folgende Beschreibung, die auch Bestandteil des
Konzeptes ist:
Innerhalb des Jugendstrafvollzuges
bilden die Aussiedler häufig eine
in sich geschlossene Peer-Group.
Besonders auffällig ist hierbei die
spezifische Gewaltproblematik. Sie
dient insbesondere zur Erhaltung
von Machtpositionen und Privilegien sowie zur Bestrafung bei Regel-
verstößen und damit letztendlich
zur Aufrechterhaltung der PeerGroup selbst. Die Ursachen für die
Integrationsproblematik der jungen
Aussiedler werden u.a. in
• mangelnden Sprachkenntnissen
• unterschiedlichen soziokulturellen Wertmaßstäben gegenüber
anderen Menschen und Gruppen
und
• der Isolation aufgrund fehlender
Integration
- sie fühlen sich ausgeschlossen/
subjektives Empfinden
- sie werden ausgeschlossen/
Realität
- sie schließen sich aus - vermeintlich sicherer Rückzug in
die Peer-Group
gesehen.
Tillmannshöfer) mit der evangelischen Landeskirche im Rheinland
bereits Kontakt aufgenommen hatte, um sie als gewichtiger Partner
und Träger für ein Modellprojekt
zu gewinnen. Der Part der evangelischen Landeskirche wurde in der
Folgezeit in weiten Teilen dem diakonischen Werk des Kirchenkreises
Jülich übertragen.
Die Arbeitsgruppe war dadurch in
der Lage, nicht nur alle Berufs- und
Fachgruppen der Anstalt, sondern
auch externe und in der Betreuungsarbeit mit Aussiedlern erfahrene Mitarbeiter der Diakonie in
ihren Auftrag einzubinden. Bereits
im Frühsommer 2000 lag ein weitgehend ausgereiftes Konzept vor.
• die Vernetzung aller begleitender Hilfen
angeboten werden.
hilfen während des Vollzuges stellt
die Vernetzung aller begleitender
Hilfen
• aus der Zeit vor der Inhaftierung
(sie werden evt. reaktiviert )
• während der Inhaftierung und
• für die Zeit nach der Haftentlassung
dar.
Es ergab sich somit die Notwendigkeit, diese subjektiven und auch
objektiven Kreisläufe zu unterbrechen.
5. Entstehung des Projektes
Im Frühjahr des Jahres 2000 konstituierte sich in der JVA Heinsberg
eine Arbeitsgruppe, die sich der in
Rede stehenden Problematik annehmen wollte bzw. unter dem Druck
der Entwicklung auch annehmen
musste. Für die Arbeitsgruppe kam
begünstigend hinzu, dass der evangelische Anstaltsgeistliche (Pfarrer
6. Projektbeschreibung
Auf eine Gesamtdarstellung des
Modellprojektes und der zugrunde
liegenden Konzeption wird an dieser Stelle verzichtet, da dies den
Rahmen sprengen würde. Ein vollständiges Konzept ist dieser Zusammenfassung beigefügt.
Es werden daher nur die wesentlichen Merkmale und Inhalte zusammengefasst.
6.1 Zielsetzung
Den inhaftierten jugendlichen Aussiedlern soll insbesondere Integrationshilfe durch
• eine differenzierte Sprachförderung
• zielgerichtetes soziales Training
und
Die vorgenannten Integrationsmaßnahmen werden im Rahmen einer
zielgerichteten Hilfeplanung in jedem Einzelfall festgelegt. Abgestimmt auf den Einzelfall können
somit alle oder auch nur Teilbereiche dieser Hilfen zur Anwendung
kommen.
Dafür wird ein individueller Zeitraum / Verbleib im Vollzug von mindestens 12 bis maximal 18 Monaten
vorausgesetzt.
Ein wesentlicher und in weiten Teilen neuer Ansatz der Integrations-
Die Angebote während der Inhaftierung sind z. T. bereits schon seit vielen Jahren integraler Bestandteil des
Jugendstrafvollzuges. Jedoch durch
ihre Erweiterung und Spezifizierung
sowie Einbindung und Zusammenfassung mit den übrigen Komponenten in ein individuell ausgerichtetes
Integrationsprogramm gewinnen sie
an Bedeutung und Wirkung.
23
6.2 Dauer des Projektes
Die jugendlichen Aussiedler sind
erfahrungsgemäß sehr schwer und
nur durch eine stetige Ansprache zu
erreichen. Vor diesem Hintergrund
war allen Mitgliedern der Arbeitsgruppe klar, dass ein ausreichend
langer Projektzeitraum erforderlich
sein würde, um nachhaltige Wirkungen zu erzielen und auch dokumentieren zu können. Somit wurde ein
Zeitrahmen von 3 Jahren zugrunde
gelegt, der einerseits ausreichend
und andererseits auch nach allen Erfahrungen maximal förderungsfähig
erschien. In diesem Zusammenhang
wird auch auf den individuellen
Zeitrahmen (6.2) verwiesen.
6.3 Personelle Ausstattung
Für die Umsetzung der Maßnahme
wurde die Einstellung eines Dipl.
Sozialarbeiters / Sozialarbeiterin für
die Dauer von 3 Jahren mit einem
Beschäftigungsumfang von 38,5 Wochenarbeitsstunden zugrunde gelegt. Das Stellenprofil fordert
• eine mehrjährige Berufserfahrung
• Berufserfahrung im Bereich der
allgemeinen sozialen Beratung
und / oder der Straffälligenhilfe
• eine Zusatzausbildung in
(alternativ) Social Groupwork, Gemeinwesenarbeit,
Gestaltberatung/-Therapie, Sozialtherapie
• Kenntnisse über und den Zugang zu den speziellen Problemstellungen von Migranten in der
Bundesrepublik Deutschland
• Anwenderkenntnisse in EDV gestützter Arbeit.
Die weitere und von der JVA zu
leistende personelle Ausstattung
sieht den Einsatz von Dipl. Sozialarbeitern / Sozialarbeiterinnen zur
Durchführung
• zusätzlicher sozialer Trainingskurse und
• den Einsatz von Lehrkräften
zur Durchführung besonderer
Deutschkurse
für diese Zielgruppe vor.
6.4 Trägerschaft
Träger dieses Projektes ist das Diakonische Werk des Kirchenkreises Jülich, in Kooperation mit der
Justizvollzugsanstalt
Heinsberg.
Der eigens für dieses Projekt eingestellte Diplom-Sozialarbeiter (s.
6.3) ist Mitarbeiter der Diakonie. Ihr
obliegt auch die Dienst- und Fachaufsicht. Eine Abgleichung der von
den Projektpartnern (Diakonie und
JVA) zu leistenden Aufgaben erfolgt
in regelmäßigen Besprechungen, an
denen auch Mitglieder der konstituierenden Arbeitsgruppe teilnehmen.
Unbeschadet der Trägerschaft bzw.
des Dienstherrn steht der externe
Mitarbeiter in enger Kooperation
mit dem Sozialdienst der Anstalt.
6.5 Finanzierung
Die Personal- und Verwaltungskosten für den Mitarbeiter der Diakonie
werden von
• der Diakonie (15 %)
• dem Bundesverwaltungsamt (
42,5 %)
• dem Innenminister NRW (21,25
%) und
• dem Justizminister NRW (21,25
%)
getragen.
Darüber hinaus trägt der Justizminister des Landes NRW durch die
Justizvollzugsanstalt Heinsberg die
Kosten für die Deutschkurse in Höhe
von ca. 32.000, -- Euro und das soziale Training in Höhe von voraussichtlich ca. 33.000, -- Euro.
7. Bisherige Erfahrungen
Wie bereits dargelegt, hat das Projekt erst am 01.12.2002 begonnen. Der ursprünglich vorgesehene
Termin, 01.01.2002, konnte nicht
realisiert werden. Ausschlaggebend
dafür waren die letztendlich sehr
umfangreichen Verhandlungen zwischen den Kostenträgern. Zu Beginn wurde zunächst noch einmal
die konkrete Aufgabenverteilung
zwischen dem Mitarbeiter der Diakonie und den Fachdiensten der
Anstalt abgestimmt. Nach zum Teil
sehr mühevollen Einzel - und Gruppengesprächen mit den jungen Aussiedlern stehen derzeit 14 von ihnen
in einem regelmäßigen, wenn auch
24
unterschiedlich intensiven Kontakt
mit dem Projektmitarbeiter. Die
Zusammenarbeit mit den Verbänden der freien Wohlfahrtspflege/
Straffälligenhilfe wurde hergestellt.
Dabei konnte zum Teil auf bereits
bestehende Kontakte zurückgegriffen werden. Im Kreis Heinsberg,
insbesondere in der Stadt Erkelenz
- aber auch unmittelbar in Heinsberg - lebt eine größere Anzahl von
Aussiedlerfamilien. Ein Teil der inhaftierten Jugendlichen stammt
aus diesen - zum Teil hochproblematischen - Wohngegenden. Der
Mitarbeiter der Diakonie hat bereits
Zugang zu einigen Familien inner-
halb und auch außerhalb des Kreises
Heinsberg gefunden. Vernetzungen
der Integrationshilfen sind in dieser
frühen Projektphase schon deutlich
erkennbar. Die besonderen Vorkommnisse und Auffälligkeiten aus
den Reihen der inhaftierten Aussiedler sind seit Anfang des Jahres
merklich zurückgegangen. Es bleibt
abzuwarten und in der Folgezeit zu
prüfen, ob sich diese Entwicklung
als dauerhaft bzw. stabil erweist und
zumindest in Teilen auf das Projekt
der vernetzten Integrationshilfe zurückzuführen ist.
„Aufwind“
Vernetzte
Integrationshilfen
für inhaftierte
Aussiedler in der
Justizvollzugsanstalt
Heinsberg
Projekt des
Diakonischen Werkes
des Kirchenkreises
Jülich in
Kooperation mit der
Justizvollzugsanstalt
Heinsberg
Peter Bartsch, Dipl.
Sozialarbeiter, Diakonisches
Werk des Kirchenkreises Jülich
Junge Aussiedler werden oft als
Gruppen erlebt, die sich Angeboten
der Jugendhilfe entziehen. Wahrgenommene Verschlossenheit, Sprachbarrieren, eine kaum ersichtliche
Bereitschaft, sich auf Angebote
zur Zusammenarbeit und Hilfe einzulassen sind Ausdruck einer eher
randständigen Situation. Auffällig
werden sie jedoch oft erst dann,
wenn sie in Gewalttaten und Drogendelikte verwickelt werden. Die
Erklärung dieser Phänomene, die
sich von entsprechendem Verhalten
einheimischer Jugendlicher wesentlich unterscheidet, scheitert oft an
mangelndem Wissen über soziokulturelle Hintergründe und sozialpsychologische Ursachen.
Im Dezember 2002 begann ich als
Sozialarbeiter meine Tätigkeit im
Modellprojekt „Vernetzte Integrationshilfen für inhaftierte Aussiedler“ in der Justizvollzugsanstalt
Heinsberg Zu Beginn meiner Tätigkeit stand zunächst einmal das
Kennen lernen der Arbeitsabläufe
und Strukturen innerhalb der JVA,
andererseits das Bekannt machen
des Projektes und meiner Person unter den Justizvollzugsbeamten, was
sehr positive Auswirkungen zeigte.
Wegen der Kürze der Zeit möchte ich
hier jedoch auf diesen Aspekt nicht
näher eingehen.
Da eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Gelingen des Projektes die Akzeptanz des Mitarbeiters
durch die jungen Aussiedler ist, begann ich gleichzeitig mit der Kontaktaufnahme zu ihnen. Hierbei
waren mehrere Umstände von sehr
großem Vorteil:
• Der Mitarbeiter des Projektes
ist kein Angehöriger der Justiz,
sondern der Evangelischen Kirche
• russische und polnische Sprachkenntnisse des Mitarbeiters
• Kenntnisse über die Lebensumstände und Sozialisation in ihren Herkunftsländern
• Ein gewisser „Bekanntheitsgrad“ des Mitarbeiters bei einigen Inhaftierten aus seiner
vorherigen Arbeit mit Aussiedlern
• Freiwilligkeit bei der Zusammenarbeit
Seit Anfang dieses Jahres biete ich
zweimal wöchentlich eine allgemeine Sprechstunde für Aussiedler an.
Stehen zunächst innerhalb dieser
Sprechstunde allgemeine Hilfestellungen
(wie Hilfen bei Behördenschreiben
und Anträgen; „Übersetzung“ von
amtlichen Schreiben in eine für Aussiedler verständliche Sprache; Hilfe
bei der Wohnungsauflösung u. ä.)
im Vordergrund, kommt es jedoch
im Verlauf der Gespräche bei Kaffee
und Tee über ihre Heimat und ihre
Erinnerungen daran häufig in den
Bereich der persönlichen Erfahrungen und Probleme.
Gleichzeitig bot ich, auf Initiative
einiger Inhaftierter, die Möglichkeit
an, bei besonderen Anlässen sich
in kleinerem Kreis zu treffen. Damit soll eine Individualisierung der
einzelnen Person gefördert werden.
Seit einigen Wochen wird zusätzlich
das Angebot einer Spielgruppe gemacht. Diese Formen des Kontaktes
sind für den Zugang zu den Jugendlichen unabdingbar.
Diese Angebote dienen zunächst
einmal der Freizeitgestaltung innerhalb der Anstalt für die Aussiedler.
Sie sollen jedoch auch dazu dienen, weiteren Zugang zum Klientel
zu finden und eine Vertrauensbasis
aufzubauen, sowie Distanzen abzubauen.
Ein weiterer klassisch-professioneller Ansatz ist die Einbindung in das
25
von der Justizvollzugsanstalt durchgeführte soziale Training.
Aufgrund der bisher gemachten Erfahrungen zeichnen sich zunächst
einmal innerhalb der Gruppe der
Aussiedler vier Hauptproblembereiche ab:
• unzureichende Sprachkenntnisse
( fast alle beherrschen nur zwei
„halbe“ Sprachen)
• mangelnde Schulbildung
• mangelnde berufliche Bildung
• eine erhebliche Sucht bzw. Drogenproblematik
Da bisher allgemein von Aussiedlern
die Rede ist könnte der Eindruck
entstehen, dass Aussiedler innerhalb der Justizvollzugsanstalt eine
homogene Gruppe darstellen. Dies
ist jedoch zumindest in Heinsberg
so nicht der Fall. Nach meinen Beobachtungen und Kenntnissen gibt es
zumindest drei Gruppen:
1) eine Gruppe (hierbei handelt
es sich um die größte), die ein
ausgeprägtes subkulturelles Verhalten zeigt (dazu gehören der
ausschließliche Gebrauch der russischen Sprache zur Verständigung
untereinander; spezielle Rituale;
eine stark ausgeprägte Hierarchie;
ein großes Angstpotential innerhalb
der Gruppe; Strafen bei Verstößen
gegen Regeln; keine Kooperationsbereitschaft mit der Institution
Justizvollzugsanstalt, da dies als
Schwäche angesehen wird; ein hohes Unterdrückungs- und Gewaltpotential)
2) eine zweite Gruppe, deren subkulturelles Verhalten weniger ausgeprägt ist (ihre Hierarchie ist
wesentlich geringer, es gibt keine
Rituale, das Gewaltpotential ist wesentlich geringer)
26
3) eine dritte Gruppe, die den Kontakt zu den beiden anderen Gruppen
nach Möglichkeit vermeidet und den
Kontakt zu Nichtaussiedlern sucht.
Diese Gruppen sind natürlich nicht
starr. Ihre Zusammensetzung verändert sich, unterliegt einem stetigen
Wandel z. B. durch Entlassungen
und Neuzugängen.
Parallel zu meiner Arbeit mit den
jungen Häftlingen nahm ich Kontakt zu Personen und Institutionen
sowohl innerhalb als auch außerhalb der Anstalt auf, die einen Integrationsprozess während und
nach der Haft fördern könnten. Dies
waren innerhalb der JVA das Vollzugspersonal, der Sozialdienst, der
psychologische Dienst, der Bereich
der schulischen und beruflichen
Ausbildung, die anstaltsinterne
Suchtberatung. Außerhalb der Haftanstalt waren dies insbesondere
Institutionen, (z. B. Bewährungshilfe, Streetworker, Jugendgemeinschaftswerke für junge Aussiedler,
Suchtberatungsstellen, stationäre
Therapieeinrichtungen, Wohnheime, Volkshochschulen, Jugendwerkstätten, Schuldnerberatungsstellen
usw.), die nach der Haftentlassung
als mögliche Ansprech- bzw. Kooperationspartner für vernetzte Hilfe in
Frage kommen könnten.
Aktive Vernetzungen gibt es jeweils in konkreten Einzelfällen
derzeit mit der Bewährungshilfe
und der Volkshochschule Aachen,
in der Stadt Erkelenz mit dem für
Aussiedler zuständigen Straßensozialarbeiter, einer stationären Drogentherapieeinrichtung in Kerpen
sowie dem Jugendgemeinschaftswerk für junge Aussiedler Kreis Düren - Heinsberg.
Welche Veränderungen sind nun inzwischen eingetreten?
Nach knapp sieben Monaten Laufzeit des Projektes sind derzeit deutliche Anzeichen zu sehen, die wie
folgt dargestellt werden können :
• Die Gruppe der inhaftierten Aussiedler konnte erreicht werden
• Ansätze zur Bereitschaft junger
Aussiedler, sich zu öffnen, sind
erkennbar
• ihre Bereitschaft, Hilfsangebote
anzunehmen und mit ihnen zu
entwickeln ist gestiegen
• das Interesse von Bediensteten
des Allgemeinen Vollzugsdienstes an den Lebensbedingungen
der Aussiedler und ihren spezifischen Problemen ist gestiegen
• „Wände“ haben sich einen Spalt
geöffnet
• ein zielgerichtetes und schnelleres Handeln ist durch die Vernetzung möglich geworden
• Konflikte in der Anstalt sind weniger geworden bzw. die disziplinarischen Auffälligkeiten von
Aussiedlern
• Das Klima hat sich verbessert
• Eine teilweise Öffnung der Aussiedler gegenüber ihren Mitgefangenen ist zu beobachten
Die nächsten wesentlichen Schritte
in naher Zukunft sind:
• Ausbau der Vernetzung intern
und extern
• Verstärkte Kooperation mit den
Eltern der Aussiedler
Nach erfolgter Analyse und Auswertung werden dann weitere Handlungsschritte erarbeitet.
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