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1 Kultur – Erlebnis – Kirche. Was Tourismus und Kirche am Ort

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Kultur – Erlebnis – Kirche. Was Tourismus und Kirche am Ort gemeinsam haben
Prof. Dr. Thomas Schlag
Theologische Fakultät der Universität Zürich
Vortrag auf der 4. Netzwerktagung natur- und kulturnaher Tourismus in Graubünden.
26. Mai 2011, Andeer
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
erst einmal möchte ich Ihnen aus Sicht eines Theologen zu dieser gemeinsamen Initiative zu
diesem gemeinsamen Treffen von Vertretern aus Politik, Kirche und Tourismus herzlich
gratulieren. Dass Sie sich heute hier versammelt haben, lässt darauf schliessen oder
wenigstens darauf hoffen, dass Sie ein gemeinsames Interesse haben und möglicherweise
sogar schon ein gemeinsames Ziel verfolgen, auch wenn Ihnen dies noch gar nicht in allen
Einzelheiten deutlich vor Augen steht. Ich gratuliere somit nicht aus Höflichkeitsgründen,
sondern weil hier aus meiner Sicht eine überaus sinnvolle, um nicht zu sagen, natürliche
Verbindung gemeinsamer Wert-Schöpfung neu bedacht wird:
Ich wähle für meine These einer unverzichtbaren Partnerschaft zwischen Tourismus und
Kirche ein Ihnen sicherlich vertrautes Bild: das der traditionellen schweizerischen BergwegMarkierung: Weiss-rot-weiss.
Die Schweizer Wanderwege als die Dachorganisation der kantonalen Wanderwegvereine
klassifiziert Wege mit dieser Markierung folgendermassen: „Bergwanderwege, markiert
durch weiss-rot-weisse Richtungspfeile und weiss-rot-weisse Farbstriche, sind überwiegend
steil und schmal und teilweise exponiert, besonders schwierige Passagen sind aber mit Seilen
oder Ketten gesichert. Feste Schuhe mit griffiger Sohle, der Witterung entsprechende
Ausrüstung und das Mitführen topografischer Karten werden vorausgesetzt. Die
Markierungen sind in rot-weiss gehalten, um auch von ferne und in der Dämmerung gut
sichtbar zu sein“.
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Ich übertrage einmal dieses Bild auf die gemeinsame Interessenlage von Tourismus und
Kirche, wie ich diese wahrnehme: beiden Institutionen geht es darum, den Menschen, Ihren
Gästen“, die mit Ihrer Region nicht vertraut sind, einen bestimmten, sicheren und attraktiven
Weg zu eröffnen und dies durch einen sichtbaren Wegweiser. Links und rechts mag
unwegbares Gelände sein, terra incognita, vielleicht sogar Gefahr lauern, in der Mitte aber
geht der rot markierte Weg, auf den es alle Aufmerksamkeit zu richten gilt. Als
Verantwortliche sind Sie sich sicher, dass sich gerade dieser Weg lohnt: denn kaum irgendwo
anders ist die Aussicht besser, die Herausforderung bei überschaubarer Gefahr spannender
und der Weg an immer wieder neuen Stellen überraschender. Jedenfalls unterscheidet sich
dieser Weg doch erheblich von den üblichen, manchmal etwas biederen gelben
Wandermarkierungen und auch von den blau-weissen Alpinwegen für die Vollprofis.
Das Rot, die Mitte, könnte man sagen, hat es in sich, eröffnet eine besondere Tour und
ermöglicht den Begehenden ein besonderes Erlebnis. Theologisch und touristisch gesprochen,
geht es jetzt vielleicht auf einen erhabenen, gar einen heiligen Ort zu.
Der Unterschied besteht nun darin, dass das sichtbare Zeichen im einen Fall eben wirklich
diese Wegmarkierung ist, im anderen nun aber die Kirche, die in den allermeisten Fällen
immer noch deutlich sichtbar ist und ein wesentliches Zentrums des Ortes darstellt.
Und nun weite ich es etwas aus: diese rote Signalfarbe kennzeichnet aus meiner Sicht,
wenigstens bildlich, auch den gemeinsamen Erlebnis-und Wert-Schöpfungs-Horizont von
Tourismus und Kirche.
Denn auch – um noch einmal die Passage des Anfangs aufzunehmen: solche Wege durch ihre
Landschaft vor Ort können steil und schmal und teilweise exponiert sein; eine der Witterung
entsprechende Ausrüstung und das Mitführen topografischer Karten werden vorausgesetzt.
Man könnte auch kurz sagen: der Weg in die Kirche ist nicht einfach leicht und vielleicht
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auch nicht ungefährlich, um ihn begehen zu können, braucht es eine gewisse Ausrüstung und
sogar bestimmtes Kartenmaterial. Aber bis in die Dämmerung hinein ist dieser Zentralpunkt
sichtbar und übrigens ja auch hörbar. Dieser Weg und der Ort selbst scheint sich also offenbar
zu lohnen.
Aber lohnend für wen und warum eigentlich?
Ich will dies nun etwas stärker systematisieren und Ihnen dazu einige Aspekte aus der
gegenwärtigen Forschung aufzeigen:
-
In der Tat wird die Schwelle in eine Kirche für viele Menschen in der Regel, in ihrem
ganz normalen Alltag als hoch empfunden. Im Urlaub allerdings stellt sich nicht nur
die Gefühlswelt um, sondern auch Bedürfnisse und alle Sinne. Wofür sonst kaum Zeit
oder Musse ist, das wird von vielen Menschen nun ganz neu erlebt.
-
Kirche wird – wenn auch nur auf kurze Zeit – zum Anziehungspunkt, so wie ein
Urlaub selbst ja im besten Fall die eigenen Gedanken neu zu inspirieren vermag.
-
Gerade in der Anonymität des fremden Ortes wird die Kirche für viele Menschen
wieder begehbar, wohl auch, weil man sich weder auf verbindliche Gemeinschaft
einlassen noch sich unangenehmen Fragen aussetzen muss.
-
Und es sind eben nicht nur und wohl nicht einmal primär die Gottesdienste, zu denen
Touristen diese Orte aufsuchen, sondern oftmals ist dies gerade das ganz andere,
ruhigere, im Sommer sogar kühlende Zentrum des Ortes.
-
Nicht ohne Grund redet man theologisch gegenwärtig von Kirche als Ort bei
Gelegenheit, als gastfreundliche Herberge.
-
Es gibt ein neues Bewusstsein für die kulturelle Geschichte eines Ortes, für die
spezifischen Erinnerungsorte, für das über Jahrhunderte hinweg Gewachsene und
Entstandene;
man
sollte
keinesfalls
unterschätzen,
wie
stark
hier
auch
Urlaubseindrücke nachhaltig sein können, wenn Menschen hier Erlebnisse machen
können, die für sie stimmig sind.
-
Dies schliesst ein, an solchen Orten durchaus auch offen für persönliche Beziehungen
auf Zeit zu sein; man sollte nicht unterschätzen, dass Gäste durchaus auch dazu bereit
und dafür offen sind, vor Ort mit denjenigen ins Gespräch zu kommen, die das Gesicht
des jeweiligen Ortes darstellen.
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-
Wir wissen, dass bestimmte Milieus heute von ihrem Urlaubsort eben nicht nur
inhaltsarme Berieselung erwarten, sondern mit mindestens ebenso niveauvollen
Ansprüchen antreten wie zu Hause. Beobachten Sie einmal Urlaubsberichte von
Freunden oder Verwandten – Sie werden bemerken, dass gerade das Besondere
erinnert wird, dort, wo etwas angeboten wird, womit man nicht gerechnet hat, etwas,
was man als besondere Wertschätzung empfunden hat.
-
Es darf im guten Sinn zu denken geben, dass gegenwärtig die Rolle von Pfarrerinnen
und Pfarrern auch als die des Fremdenführers bestimmt wird – als Profi, der Wege in
Kirche und Glaube hinein bahnt. Eine solche Bezeichnung als Fremdenführer kann im
positiven Sinn zu denken geben.
Kurz gesagt: Kirche als Ort und Raum und Herberge für eine bestimmte Zeit ist aus Sicht
Ihrer Gäste bedeutsam und folglich auch für Sie als Repräsentantinnen und Repräsentanten
schlechterdings nicht zu unterschätzen. Sie haben da nach wie vor ein erhebliches kulturelles
und besonderes Gut.
Demzufolge möchte ich gerne vor zwei Albernheiten auf beiden Seiten warnen:
Die erste, die kirchliche Albernheit besteht darin, sich einer stärkeren Tourismusöffnung zu
verweigern, weil man dies nicht für eigentlich bedeutsam hält, womöglich gar mit der Kritik
an denen, die finanziell von dieser Einnahmequelle profitieren und leben. Man sollte sich nun
aber auch gerade nicht geringschätzig über Urlauber äussern, die Kirche vielleicht wirklich
nur sehr punktuell nutzen; das ist ihr gutes Recht und schon allein ein solches punktuelles
Aufsuchen ist von erheblichem Wert. Ich halte es jedenfalls für albern, würde sich die Kirche
und ihre Vertreter hier in einer nur noch kritischen Distanz zeigen: Und dies übrigens nicht
nur, weil die Kirche selbst auch von florierendem Tourismusgut lebt, sondern weil der
kirchliche Auftrag vor aller Welt hier eindeutig ist.
Es wäre für die Kirche massiv fahrlässig, würden sie sich nicht im wahrsten Sinn des Wortes
für diejenigen öffnen, die Kirche gleichsam „bei Gelegenheit“ aufsuchen. Es gehört zum
kirchlichen Grundauftrag, prinzipiell für alle Menschen da zu sein, im Übrigen sogar
unabhängig von ihrer konfessionellen Orientierung und überhaupt unabhängig von der Frage
einer offiziellen Mitgliedschaft. Es gibt die schöne theologische Rede von der „Kirche für
andere“, und damit sind in unserem Fall eben tatsächlich alle potentiellen Besucher einer
Kirche gemeint. Man könnte auch sagen: es kommt nicht darauf an, warum Menschen eine
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Kirche betreten, sondern es kommt darauf an, was sie darin finden. Kurz gesagt: die kirchlich
Verantwortlichen sollten weder zu den Gästen auf Zeit auf Distanz bleiben, noch zu all den
Profis vor Ort, die sich in ihrer Gemeinde um gelungene touristische Angebote bemühen.
Die zweite, die touristische Albernheit ist es, wenn kirchliche Angebote mehr oder weniger
als Privatveranstaltungen angesehen werden, die für eine Gemeinde unwesentlich seien.
Albern wäre und ist dies, weil es die Touristen auf der Suche nach ihrer besonderen Zeit und
ihren intellektuellen und spirituellen Ansprüchen nicht ernst nimmt, albern auch, weil die
dabei viel beschworene religiöse Neutralität in Wahrheit ein Verzicht auf Wesentliches wäre.
Kurz gesagt: Sie sollten als Tourismusverantwortliche keine Angst vor gemeinsamer
Information, vor Kooperation und Öffnung haben, und erst recht keine Furcht davor, die
Kirche als bedeutsamen Ort Ihrer Gemeinde auch in das rechte Licht zu stellen. Es ist
immerhin unverkennbar auch Teil Ihrer eigenen Identität, auf den Sie schlechterdings nicht
verzichten sollten und auf den Sie so sichtbar wie möglich hinweisen sollten. Ist ein
ayurvedisches Wellnessangebot religiös neutral? Sind die unterschiedlichen kommerziellen
Sinnstifter eigentlich neutral? Was soll überhaupt neutral bedeuten? Es wäre somit auch für
den Tourismus grob fahrlässig, würde er diesen Teil seiner örtlichen Kultur und Geschichte
und seiner gegenwärtigen geistigen und geistlichen Wertschöpfung aussen vorlassen oder
diesen auf blossen Folklorismus reduzieren.
Damit möchte ich aber auch die immer wieder geäusserte Befürchtung entkräften, als ob eine
offene Kirche zu allererst im Sinn habe, Touristen auf militante Weise zu missionieren oder
sie für ganz andere Interessen zu funktionalisieren.
Ich komme nochmals auf mein Bild des Anfangs zurück: Wie ist nun dieser steile
Bergwanderweg und sein Ziel sinnvollerweise zu gestalten?
Kirche und Tourismus gehen auf diesem signalroten Erlebnis-Weg sinnvollerweise nicht auf
zwei völlig getrennten Wegen: es wäre nicht nur jammerschade, sondern auch eine echte
Verfehlung gegenüber den Touristen, würde man ihnen diesen schönen, aussichtsreichen,
vielleicht ja auch überraschenden Weg und dieses Zentrum des Ortes vorenthalten. Die Kirche
ist durch ihre Architektur, ihre Geschichte und Kultur, aber auch durch ihre nach wie vor
wichtige gesellschaftliche und seelsorgerliche und bildende Funktion ein wesentliches
Erkennungsmerkmal, auf die ein kluger Tourismus keinesfalls verzichten sollte.
Was sind daraus die möglichen praktischen Konsequenzen:
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-
Notwendig ist der regelmässige Austausch zwischen den Verantwortlichen vor Ort
-
Anzustellen sind Überlegungen zu möglichen gemeinsamen Veranstaltungen bis hin
zu einem gemeinsamen Ankündigungskalender
-
In der Frage der personellen, finanziellen und zeitlichen Ressourcen für solche
gemeinsamen Aktivitäten bin ich mir sicher, dass hier auf beiden Seiten Potentiale da
sind, wenn man erst einmal die Chancen dieser Zusammenarbeit erkannt hat.
-
Ich plädiere sehr für die Synergien der unterschiedlichen Kompetenzen: wo kann eine
Kirchenführung von den touristischen Kompetenzen profitieren, wo kann ein örtliches
kulturelles Angebot von der besonderen Atmosphäre eines kirchlichen Raumes
profitieren?
-
Zu fragen ist schliesslich, wie sich Möglichkeiten der persönlichen Begegnung stiften
lassen, sei es durch lokale und regionale Fremdenführer, sei es durch eine gemeinsam
verantwortete Touristenseelsorge, sei es durch gemeinsame musikalische Angebote bis
hin zu entsprechenden Willkommensaperos. Sie sollten sich jedenfalls je an ihrer
Stelle überlegen, worauf Sie in Ihrem Ort eigentlich stolz sind und dies den Gästen
auch entsprechend vermitteln. Natur- und kulturnaher – und ich sage auch ein
geistvoller Tourismus – setzt jedenfalls bei Ihrer inneren Haltung bei den Gästen
selbst ein.
-
Nahe bei Gott und nahe bei den Menschen: das ist das Leitmotto einer grossen
reformierten Landeskirche der Schweiz: das sollte man sich auch für diesen
gemeinsamen
signalhaft
roten
und
lohnenden
Weg
überlegen,
in
aller
Unvoreingenommenheit, unter Verzicht auf die vielleicht liebgewonnenen Klischees
über den je anderen, und schliesslich vor allem im gemeinsamen Interesse all der
Menschen, die Ihre Region und Ihren Ort aufsuchen, um dort für sich Wesentliches zu
finden. Diese Sorge um den Menschen sollte das sein, was Sie als Kirche und
Tourismus vor Ort unbedingt schon jetzt gemeinsam haben und eigentlich nur weiter
auszubauen brauchen. Ihre Gäste auf Zeit werden es Ihnen nachhaltig danken.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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