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Gemeindechronik 1957 und 1907 - Scharmede

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1
1907
1957
2007
Was geschah in Scharmede vor 50 Jahren?
Was geschah in Scharmede vor 100 Jahren?
Die Antwort auf diese Fragen gibt uns die Scharmeder
Gemeindechronik.
Erstmals können Sie die Abschriften der Jahresberichte hier
nachlesen. Die Reihe wird fortgesetzt.
2
Zur Gemeindechronik von Scharmede
1. Geschichte der Chronikführung
Am 12. Dezember 1817 erließ die Königlich Preußische Regierung in Minden eine
Verordnung, die allen Städten und Gemeinden des Regierungsbezirkes zugestellt
wurde.
Es heißt in dem zehn Punkte umfassenden Schriftstück:
„Wir verordnen demnach folgendes:
1. In jeder Gemeinde des Regierungs-Bezirks soll mit dem 1. Januar
1818 ein Chroniken-Buch eröffnet und regelmäßig fortgeführt werden.“
Wie auch anderenorts kam man in Scharmede dieser Aufforderung erst später nach. Die
Chronikführung beginnt mit dem Jahre 1841. Die ersten Jahresberichte sind dabei sehr
kurz; auch scheinen einige Seiten des 1. Chronikbandes zu fehlen. Aus diesem Band
stammt die hier wiedergegebene Jahreschronik 1907.
2. Chronikbestand in Scharmede
Die Gemeindechronik umfasst bisher 6 Bände:
I. 1841 – 1925
II. 1926 – 1967
III. 1968 – 1969
1977 – 1981
IV. 1982 – 1986
V. 1987 – 1996
VI. 1997 – 2005
Die bisherigen Ortschronisten waren: Lehrer Hermeling (bis 1886), Vorsteher Karl
Schulte-Alpmann (bis 1916), Lehrer Johannes Rode (bis 1933), Vorsteher Wilhelm
Schlüter (1933 bis 1935), Vorsteher Heinrich Hupe (1935 bis 1937), Lehrer Klemens
Wollschläger (1938 bis 1940), Josef Volmari (1940/1941),Lehrerin Sophie Lange (1945
bis 1949), Lehrer Josef Fleitmann (1950 bis 1961), Landesoberinspektor Hubert Gees
(1962 bis 1972), Wilhelm Wiehmeier (1977 bis 1996), Josef (Seppel) Gees (1997 bis
2005).
3. Anmerkungen zu den folgenden Chroniktexten
Alle Scharmeder Chroniktexte wurden bisher handschriftlich verfasst, wobei die Texte
bis 1941 in Deutscher Schrift geschrieben wurden. Geplant ist eine Digitalisierung durch
das Kreisarchiv Paderborn, um diese wichtigen Informationsquellen für die Orts- und
Alltagsgeschichte auch in der Zukunft zu sichern.
Zu den folgenden Berichten aus den Jahren 1957 und 1907 haben wir Erläuterungen
und Anmerkungen beigefügt. Sie sollen vor allem der jüngeren Generation und den
Neubürgern weitere Informationen vermitteln.
hcl
12/2006
3
Scharmede vor 50 Jahren
Chronik der Gemeinde aus dem Jahre 19571)
Vorbemerkung: Die handschriftlich verfasste Chronik wurde wörtlich übertragen. Dabei
wurde die damals gültige Rechtschreibung beibehalten.
1957
Januar – Februar
Der Januar war bis zum 15. mild, dann brachte er leichten Frost und etwas Schnee. Bei
mildem Wetter gehen Ende Januar die Feldarbeiten voran.
Im Januar mußten 6 junge Männer des Geburtsjahrganges 1937 zur Musterung für die
Bundeswehr nach Salzkotten. Alle wurden für tauglich befunden. Ob sie aber zum
Dienst für die Bundeswehr eingezogen werden, ist noch sehr fraglich, da die Bundeswehr erst aufgebaut werden muß und nur ein geringer Prozentsatz der Wehrpflichtigen
mit einer Einberufung zum 1. April 1957 zu rechnen haben2). Es fehlen Kasernen und
Ausbildungspersonal. Dies war die erste Musterung seit Ende des Krieges. Während bei
früheren Musterungen die Wehrpflichtigen sich mit Papierblumen schmückten und den
ganzen Tag feierten, merkte ein Außenstehender nicht einmal, daß eine Musterung war.
Zu stark ist noch der unselige 2. Weltkrieg (1939-1945) in aller Gedächtnis.
Der Februar war sehr milde und brachte viel Regen. Für diese Zeit war es viel zu warm.
So war es am Mittag des 2. Februar wärmer als am Mittag des 20. August des Vorjahres.
1)
Der Chronist ist der Lehrer und spätere Schulleiter und Ortsheimatpfleger Josef Fleitmann. Er hat die
Jahresberichte 1950 bis 1961 verfasst. Im Anschluss an die kurze Darstellung des Jahres 1950 findet sich
folgende Anmerkung des Chronisten: „Der Chronist kam erst am 1.1.1951 nach Scharmede und mußte
sich erst 1953 alles zusammensuchen, denn zu dieser Zeit hatte wieder einmal die Chronik geschwiegen.
So hat die Chronik im letzten Kriege schon einmal geschwiegen und über das Leid und die Trauer den
Mantel des Schweigens gelegt.“
Josef Fleitmann hatte über drei Jahrzehnte das Amt des Ortsheimatpflegers inne und war von 1971 bis
1984 Schulleiter der Christophorusschule in Scharmede.
Die Chronik des Jahres 1957 findet sich in Bd. 2, S. 166 -178.
2)
Die Musterung für rund 100 000 junge Männer des Geburtsjahrgangs 1937 begann am 21. Januar
1957. Nur zehn Prozent von ihnen erhielten den Einberufungsbescheid zum 1. April des Jahres. Aus
Scharmede wurden gemustert Franz Berg, Willi Hüppmeier, Josef Koch, Johannes Prill, Alois Rempe und
Helmut Speckemeier. Franz Berg, Alois Rempe und Helmut Speckemeier erhielten einen Einberufungsbescheid.
4
März – April
Im März hält das milde Wetter an; der Regen läßt nach. Die Straße nach Thüle erhält
nun endlich eine Teerdecke, die eigentlich schon im Vorjahr vorgesehen war. Doch war
zu der Zeit die Finanzierung noch nicht ganz klar.
Da das Aufkommen aus dem Wassergeld nicht ausreicht, um die Rentabilität des Wasserwerkes zu sichern, beschloß der Rat der Gemeinde3) eine Änderung des Wassergeldtarifes, der sich jetzt staffelt nach der Größe des Grundbesitzes. Die Staffelung
beträgt
bei Grundbesitz
bis 3 ha
40, – DM jährlich
3 ha – 6 ha
50, – DM = 100 cbm jährl.
6 ha – 12 ha
65, – DM = 130 cbm jährl.
12 ha – 18 ha
75, – DM = 150 cbm jährl.
18 ha – 24 ha
85, – DM = 170 cbm jährl.
24 ha und darüber 95, – DM = 190 cbm jährl.
Wer mehr als diese Sätze im Jahr verbraucht, muß je cbm 0,30 Pf4) zahlen.
Der April war kühl und sehr trocken. Es regnete nicht. Weißen Sonntag gingen 9 Jungen
und 11 Mädchen zum ersten Male zum Tisch des Herrn.
3)
Der Gemeinderat war im Oktober des Vorjahres neu gewählt worden und bestand aus 13 Mitgliedern:
6 Vertreter der CDU (direkt gewählt), 4 Mitglieder des Zentrum, und 3 Vertreter des BHE.
CDU:
Konrad Fraune, Theodor Gees, Heinrich Hupe, Bernhard Jostmeier, Stefan Rode und
Bernhard Werning
Zentrum:
Wilhelm Wiehmeier, Josef Gees, Johannes Eikmeier und Fritz Becker
BHE:
August Albrecht, Herbert Rossig und Walter Daniel
Über die Bürgermeisterwahl berichtet der Chronist im November 1956: „Da bei der ersten Wahl zum
Bürgermeister Bauer Heinrich Hupe und Eisenbahner Wilhelm Wiehmeier jeder 6 Stimmen erhielten
(1 Stimmenthaltung), war ein zweiter Wahlgang nötig. Wiehmeier erhielt 7 und Hupe 6 Stimmen. Damit
war Wiehmeier zum neuen Bürgermeister gewählt. Gleichzeitig ist er auch Gemeindedirektor. Stellvertreter des Bürgermeisters wurde Josef Gees.“ (Chronikband 2, S. 162f)
4)
Gemeint ist ein Preis von 0,30 DM.
Im Spätherbst dieses Jahres konnten die Arbeiten für eine zentrale Wasserversorgung in Scharmede
nach einer fünfjährigen Vorbereitungszeit endlich zum Abschluss gebracht werden. Im Jahre 1952 heißt
es in der Chronik: „ Heute hat noch jedes zweite Haus seinen eigenen Brunnen. Das Wasser der meisten
dieser Brunnen ist nicht einwandfrei und für den menschlichen Genuß nicht geeignet.“ (Chronik Bd. 2,
S. 124)
Nach erfolglosen Probebohrungen in der Bahnhofsiedlung und am Habringhäuser Weg stieß man am
Mühlenweg in 12 m Tiefe auf ergiebige Wasservorkommen. Im Januar 1954 wurde das Gelände für das
Pumpenhaus (das heutige Vereinsgelände des Rassegeflügelzuchtvereins) im Rahmen eines Tauschvertrages mit dem Landwirt Voß erworben werden. Am 4.11.1954 begannen hier die Bauarbeiten. Das
Pumpenhaus konnte bereits im Mai 1955 fertig gestellt werden.
5
Ostern wurden 9 Jungen und 14 Mädchen aus der Schule entlassen. Eingeschult wurden 10 Jungen und 13 Mädchen. 4 Mädchen und 15 Jungen besuchen weiterführende
Schulen in Paderborn, Geseke, Marsberg oder Warburg. Diese Kinder sind zum Teil auf
Realschulen, Gymnasien oder Oberschulen. Nicht gezählt sind die Handelsschüler.
Mai
Der Anfang des Monats Mai ist sehr kalt. Nachts friert es. Während des Vogelschießens
am 5. Mai hagelte und schneite es den ganzen Nachmittag. Am Abend bedeckte eine
weiße Schneedecke die Landschaft. König beim Vogelschießen wurde Josef Wellige
Nr. 80, der sich Frau Josefine (s. Anmerkung 7) Liekmeier (Siedlung am Bahnhof) zur
Königin erkor. Josef Wellige war erst vor 2 Jahren König. Für ihn war es nicht sehr leicht
eine Königin zu finden, da er bereits mit einem Mädel aus Dahl bei Paderborn verlobt
ist.
Die Bautätigkeit wird sehr rege. Es werden zwar weniger Siedlungshäuser gebaut, dafür
werden die Häuser (vornehmlich Bauernhäuser) umgebaut oder angebaut. So bauten
die Bauern Schulte, Eikel-Pöttens, Kückmann, Temborius, Werning (Ottens). Weiter
bauten im Ort ihr Haus um: Hupe, Dirks, Käuper u. a.
Ab 1. Mai wurden die Brötchen um 1 Pf teurer. Sie kosten jetzt 7 Pf. Der Brotpreis stieg
von 1,80 DM auf 1,90 DM.
Das weitere Wetter im Mai war sehr naß und kühl. Die Früchte im Felde wuchsen
prächtig. Nur Obst wird es in diesem Jahr nicht geben, da bei dem kalten Wetter keine
Insekten fliegen. Die Bäume blühen zwar, aber die Blüten werden nicht bestäubt.
Ein Zeitungsartikel vom 16.5.57 berichtet aus der Arbeit des Gemeinderates.5)
Juni
Das Wetter war trocken und heiß. Ende Juni stieg das Thermometer bis 40O an. Alles
sehnte sich nach Regen. Die Badeanstalt 6) in Salzkotten, die noch gar nicht ganz fertig
5)
Der Zeitungsausschnitt vom 16. Mai 1957 mit der Überschrift „Ein ausgeglichener Haushaltsetat 1957“
berichtet über die letzte Sitzung des Gemeinderates, in der Amtsdirektor Bremann den Haushaltsplan
vorstellte und erläuterte. Beraten wurde außerdem die Aufnahme eines Darlehens für den geplanten
Schulneubau, die Errichtung eines neuen Feuerwehrgerätehauses und die Instandsetzung der Straßenabschnitte beiderseits des Brückenbauwerks am Bahnhof.
6)
Bereits 1925 war in Salzkotten ein Freibad als „Volksbadeanstalt“ errichtet worden. Die Bauarbeiten für
den Neubau hatten Ende November 1956 begonnen.
6
gestellt ist, kann kaum die Menschen fassen, die dort baden wollen. Fast alle Scharmeder Kinder sind am Nachmittag dort vertreten. Am Abend fahren viele Jugendliche
und Erwachsene von Scharmede zur Badeanstalt, um sich dort zu erquicken.
Im Felde und im Garten kommt man ohne chemische Mittel, die verspritzt werden,
gegen die tierischen Schädlinge nicht mehr an. So werden Kartoffeln, Runkeln, Bohnen
und andere Gemüsesorten gespritzt.
Am 23. Juni wurde das diesjährige Schützenfest 7) gefeiert.
Die Peter- und Pauls-Prozession wurde in diesem Jahre am folgenden Sonntag
gegangen, da der 29. Juni kein staatlicher Feiertag mehr ist. Viele Arbeiter müßten den
Arbeitslohn für diesen Tag in Kauf geben, wollten sie diesen Tag als Feiertag behalten.
Über den Schulneubau und über die Neugestaltung des Kriegerdenkmals wurde viel in
der Gemeinde diskutiert. (Siehe Zeitungsberichte) 8)
7)
Der beigefügte Zeitungsbericht wird wegen seiner Kürze hier vollständig wiedergegeben:
„In Scharmede gab es auch in diesem Jahre ein schönes Schützenfest. Das Wetter hielt – zumindest am
Sonntag – sein Wort. So war ein Bombenbetrieb im Schützenzelt. Nach dem Zapfenstreich am Samstag
nahm man am Sonntagnachmittag an einer gemeinsamen Andacht teil. Nach der Andacht ging es mit
flotter Musik des Tambourkorps und der Scharmeder Musikkapelle zur Königin Frau Maria Liekmeier in
der Bahnhofssiedlung. Für sie mußten die Schützen einen weiten Weg machen. Schon das Dorf prangte
in festlichem Glanz – aber die Siedlung hatte zu Ehren der Königin ihr schönstes Kleid angelegt. Nach
dem Abholen des Hofstaats gab es eine würdige Gefallenenehrung mit Kranzniederlegung beim
Ehrenmal, ehe sich der Festzug durch das Dorf zum Schützenplatz bewegte. Hier hatten sich viele
Besucher eingefunden, den Tag mit den Schützen zu feiern. Er nahm einen harmonischen Verlauf
genauso wie der Montag. – Zudem hatte Schützenwirt Dahl für das leibliche Wohl bestens gesorgt. Unser
Bild zeigt die Majestäten des Jahres 1957.“
8)
Eingefügt sind drei Zeitungsausschnitte vom 27. Mai, 15. Juli und vom 25. September 1957.
Sie zeigen neben anderen kommunalen Themen drei Schwerpunktaufgaben in den Beratungen des
Gemeinderates auf: den Neubau der Schule, die Neugestaltung des Ehrenmales und das Feuerwehrgerätehaus (s. Anm. 12).
Der Schulneubau war erforderlich geworden, weil am bisherigen Standort (jetzt Ecke Scharmeder
Straße/Triftstraße) für 5 Klassen nur 3 Klassenräume zur Verfügung standen und dadurch Schichtunterricht erforderlich wurde. Im Juni 1955 schreibt der Chronist: „ Der Schulunterricht geht in 2 Schichten von
morgens 8 bis abends um 18 Uhr. Die Gemeinde will zunächst sehen, dass sie Bauland für diesen Zweck
erwirbt...“ (Chronik Bd. 2, S. 150)
Im Rahmen eines Grundstückstausches gegen Ackerland an der Elsener Grenze konnte die Gemeinde
das Grundstück am jetzigen Standort der Grundschule, das dem Bauern Schulte-Alpmann gehörte,
erwerben. Schwierig gestaltete sich die Darlehensbeschaffung, die mehrfach in den Sitzungen erörtert
wurde.
Die Neugestaltung des Ehrenmales wurde als notwendig angesehen, weil bisher nur die Gefallenen und
Vermissten des 1. Weltkrieges erfasst waren. Dieses alte Ehrenmal stand vor dem Lehrerwohnhaus
(Schulbau von 1850, ab 1899 Lehrerwohnung) in der Abzweigung Scharmeder Straße/Schmiedestraße.
Erörtert wurden die Anbringung einer zusätzlichen Gedenktafel ohne Namensnennungen, die Verbreiterung des bestehenden Denkmals zur Aufnahme der Namen oder die Neugestaltung mit einer
Versetzung in nördlicher Richtung. Realisiert wurde im Jahre 1966 ein Entwurf des Bildhauermeisters
Claes aus Salzkotten, nachdem das alte Lehrerwohnhaus 1964 abgebrochen worden war.
7
Juli
Wetter: anfangs heiß und trocken. Ab 20. Juli bis zum Ende des Monats Regen.
Am 3. Juli war hier ein schweres Gewitter. Ein Blitz (kalter Schlag) trifft das Haus des
Eisenbahners und Kükenzüchters Sonntag (am Bahnhof). Die Brutmaschinen werden
durch diesen Blitzschlag zerstört.
Am 3. Juli wurde die erste Gerste geschnitten. Die Gerste brachte sehr gute Erträge, so
daß 10 dz je Morgen keine Seltenheit war. Mitte Juli wird der Roggen, dann der Weizen
und der Hafer geschnitten. Alles ist bald gleichzeitig reif. Da es am Ende des Monats
Regen gab, stand das Korn 2 Wochen lang geschnitten auf dem Felde.
August
2 Wochen lang war beständiges, sonniges Wetter. In der 2. Augusthälfte regnete es fast
ständig. Das gute Wetter nützten die Bauern und fuhren ihr Getreide in das Haus. Die
Getreideernte war gut. Nur der Hafer war etwas klein geblieben. Die Heuernte brachte
dagegen Rekordergebnisse. Sie kam bei bestem Heuwetter unter Dach und Fach.
Der Musikverein Scharmede feierte traditionsgemäß im August ihr Musikerfest. (Siehe
Zeitungsausschnitt) 9)
Im August ist endlich die Finanzierung des Schulneubaues klar. Obst gibt es in diesem
Jahr sehr wenig. Kaum ein Apfel kann man entdecken, deshalb kann auch nicht wie in
anderen Jahren das Obst an der Straße verkauft werden.
September
Der September ist kühl und naß. Täglich regnet es. Die Zeitung meldet: Der September
1957 ist der zweitnäßeste Septembermonat seit 100 Jahren. Die Bauern können kaum
mit dem Tecker auf das Feld. Sie versinken in dem nassen Boden. Jetzt geht es dem
gut, der noch Pferde hat. Doch davon gibt es nicht mehr viele im Ort. Die Früh- und
Mittelfrühkartoffeln fangen an im Boden zu faulen. Zum Roden ist es aber zu naß auf
den Feldern.
9)
Im genannten Artikel, der die Überschrift „Ein klingendes Fest beim Musikverein trägt“, wird über den
Festzug durch den Ort und das anschließende Konzert in der Schützenhalle berichtet. Vier Mitglieder
(Herrmann Kirchhoff, Heinrich Wiehmeier, Ludwig Koch, Johannes Eikmeier) erhielten aus der Hand des
Kapellmeisters Oskar Bilke eine Ehrenurkunde für ihre 30-jährige Vereinszugehörigkeit.
8
Seit längerer Zeit werben die Parteien durch Plakate, Zeitungen, Druckschriften, Radio,
Versammelungen für ihre Kandidaten zur Bundestagswahl. Alle Masten in den Orten
sind beklebt. Alle Parteien versprechen den Wählern sehr viel. Hoffentlich wird vieles
Wirklichkeit. Die Wahl fand am 15. September statt. Sie brachte für Scharmede
folgendes Ergebnis: 10)
Wahlberechtigte: 844
ausgegebene Wahlscheine: 48
somit waren 796 hier wahlberechtigt
abgegebene Stimmzettel: 749 = 94,22 % Wahlbeteiligung
1. Stimme
Zweitstimme
Jos. Menke
CDU
487
480
Rich. Kinat
SPD
86
86
Walt. Möller
FDP
6
5
H. Birkner
GB/BHE
116
112
W. Mühlen
DP
6
13
M. Meiwes
FU/Zentrum
41
38
BdD
W. Kruse
G. Banszerus
ungültig
-
DRP
-
-
Mittelstand
-
2
DG
-
-
7
12
749
749
______________________________________________________________________
10)
Die heute nicht mehr allen bekannten Abkürzungen bedeuten:
GB
Gesamtdeutscher Block
BHE Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten
DP
Deutsche Partei
FU
Föderalistische Union
BdD
Bund der Deutschen
DRP Deutsche Reichspartei
DG
Deutsche Gemeinschaft
Die FU war 1951 als Zusammenschluss der Fraktionen der Bayernpartei und der Zentrumspartei
entstanden, um den Fraktionsstatus zu erhalten. Bei der Wahl 1957 traten die Bayernpartei, das Zentrum
und die Deutsch-Hannoversche Partei unter der Bezeichnung Föderalistische Union an.
9
In der 2. Septemberhälfte trat hier wie in ganz Deutschland die Grippe in sehr starken
Maßen auf. Da die Ferien am 25. Sept. begannen, wurde die Schule nicht geschlossen,
obschon in den letzten Tagen vor den Ferien 50 % und mehr der Schulkinder fehlten.
Auch viele Erwachsene sind an Grippe erkrankt. Die Ärzte haben Hochbetrieb. Sie
müssen oft an einem Tag 30 bis 40 Hausbesuche machen, die sich bis tief in die Nacht
hinziehen. Diese Grippe wird die asiatische Grippe genannt, weil sie von Asien nach
Europa eingeschleppt worden ist.11)
Oktober – November
Im Anfang des Monats war es regnerisch, dann wurde es gutes Wetter. Bei diesem
Wetter gingen die landwirtschaftlichen Arbeiten gut voran. Die Runkelernte war gut;
dagegen waren die Stoppelrüben sehr klein geblieben. Klee und Gras wuchsen sehr
gut, deshalb waren die Kühe noch bis Anfang Dezember auf den Feldern. Diese Kleeund Stoppelrübenfelder werden durchweg mit elektrischen Weidezäunen eingefriedigt.
Sehr selten sieht man, daß noch jemand ein Stück Kühe hütet, wie es vor dem 2.
Weltkriege allgemein üblich war. Die Milch muß von den Bauern zur Molkerei Salzkotten
abgeliefert werden. Diese Milchfahrten machen der Bauer Brinkmann und der
Fuhrunternehmer Jostmeier. Ersterer fährt die Milch mit einem Pferdewagen, letzterer
mit einem Lastauto. W. Jostmeier bringt gleichzeitig Trinkmilch zurück, die er dann in
Scharmede verkauft.
Die Nordseite des Kirchendaches wurde neu beschiefert. Die Wasserleitung ist jetzt
ganz fertig und für in Ordnung befunden.
Am 22. Oktober beginnt die Firma Schumacher , Büren mit den Erdarbeiten für die neue
Schule. Zuerst ist nur eine Raupe da, die den Unterboden zusammenschiebt. Einige
Tage später kommt noch ein Bagger hinzu, der die Baugrube aushebt. Die Kanalisation
für die Schule wird gelegt. Anfang November werden die Fundamente des nördlichen
Teiles erstellt (Beton). Die Kellerarbeiten schließen sich an. Der Sockel wird mit dem
Buntsandstein aus Wrexen verkleidet. Die Deckenkonstruktion (Kaiserdecke) wird von
der Gemeinde geliefert.
11)
Die Influenza-Pandemie 1957/58 war die zweitgrößte des vergangenen Jahrhunderts. Sie wurde durch
einen Erreger ausgelöst, der eine Kombination aus einem menschlichen und einem Geflügelpestvirus
darstellte. Weltweit forderte sie mehr als 1 Million Todesopfer, davon rund 30000 in Deutschland.
10
Für die Erd-, Stahl- und Betonarbeiten hatten 15 Firmen Offerten eingereicht. Diese
lagen zwischen 115 275,33 DM und 149 000, - DM.
Das Bauholz wird die hiesige Firma Alpmann zum Preise von 218,-DM je cbm liefern.12)
Die Feuerwehr beschwerte sich über die schlechte Unterbringung der Motorspritze.
Diese steht zur Zeit auf der Scheune der Wwe. Schlüter, Hausnr. 9. Da die Gemeinde
erst andere Sorgen hat, wird der Bau eines Feuerwehrgerätehauses erst wohl noch
aufgeschoben. Das alte Gerätehaus13) mußte ja der Scheune des Bauern Konrad Stelte
weichen. Bei den Ausschachtungsarbeiten zu dieser Scheune wurden sehr viele gut
erhaltene Skelette von Menschen gefunden. Auch einige Urnen wurden gefunden. Doch
wurde diesen Funden vom Bauherrn keine Bedeutung beigemessen. So läßt sich jetzt
nicht mehr feststellen, aus welcher Zeit jene Funde stammen. Ob an dieser Stelle
einmal ein Friedhof war, ist dem Chronist nicht bekannt. Wohl stand hier die
Scharmeder Kapelle, die im Jahre 190614) abgebrochen wurde, als die neue Kirche
errichtet wurde. Heute zeugt ein Steinkreuz von der Katharinen-Kapelle. An dieser Stelle
sei erwähnt, daß Scharmede zur Pfarrkirche nach Thüle gehörte und früher die Toten
von Scharmede dort beerdigt wurden. Sehr wahrscheinlich würde man bei Grabungen
auf dem Hofe von Stelte weitere menschliche Skelette finden.
Das Wetter war im November bis auf einige Regentage trocken und milde. Im November
fand im Jugendheim eine Werbung für das gute Buch statt, die gut besucht wurde.
Dezember
Das Wetter war im Anfang des Monats kalt und naß. Am 14. Dezember schneite es. Der
Schnee blieb 10 Tage liegen. Die Arbeiten an der neuen Schule wurden dadurch unterbrochen. Die Arbeiten waren bis zu diesem Zeitpunkt gut vorangeschritten. Die
Kellerdecke war fertig und große Teile des Mauerwerks für das erste Stockwerk. Der
Baufirma war zur Auflage gemacht worden, täglich 30 Mann auf der Baustelle hier zu
beschäftigen.
12)
Eingefügt ist ein undatierter Zeitungsartikel („Arbeiten für den Schulneubau vergeben“).
Das Spritzenhaus war im April 1956 abgebrochen worden, um Platz für das landwirtschaftliche
Gebäude des Bauern Stelte (Kalksandsteinbau an der Scharmeder Straße) zu schaffen. Historische Fotos
von 1920 und 1950 findet man dazu im Bildband „Scharmede – ein Heimatbuch“ (S. 215 und S. 230). Im
Spritzenhaus befand sich ebenfalls ein Raum als Totenhalle. Nach Abbruch des Gebäudes wurden erst
Jahre später ein neues Feuerwehrgerätehaus (1961) und eine Leichenhalle (1962) errichtet.
14)
Wie die folgende Jahreschronik für 1907 ausweist, wurde die alte Kapelle ein Jahr später abgebrochen.
13)
11
Am 3. war die allgemeine Viehzählung. Sie brachte nebenstehendes Ergebnis. (Im
Zeitungsausschnitt, der in die Chronik eingefügt wurde, sind die folgenden Angaben für
Scharmede unterstrichen:) 1358 Schweine bei 126 Haltern, 711 Stück Rindvieh bei 85
Haltern, 64 Pferde bei 43 Haltern. Zum Vergleich sind auch die Ergebnisse der übrigen
Gemeinden des Amtes angeführt. Weiter wurden hier gezählt: 0 Schafe, 58 Gänse,
3044 Hühner, 195 Enten, 43 Bienenstöcke.
Der ordentliche Haushaltsplan sah 144 450,- DM an Einnahmen und 144 450,- DM an
Ausgaben vor. Der außerordentliche Haushaltsplan wurde auf 502 000,- DM festgesetzt. Diese Höhe ist durch den Schulbau bedingt. Die Hebesätze für die Gemeindesteuern waren die gleichen wie im Vorjahr.
Scharmede hatte am 1. Dezember 1590 Einwohner. Das Standesamt in Salzkotten
registrierte für Scharmede: 28 Geburten, 20 Todesfälle, 7 Ehen. Da diese Zahlen nur ein
bedingtes Bild ergeben, sei noch die Meldung für 1957 vom Pfarrvikar am Jahresende
genannt: 26 Taufen – 14 Knaben und 12 Mädchen, 11 Beerdigungen – 4 Männer und 7
Frauen, 7 Trauungen.
Viele Scharmeder arbeiten auswärts. Außer den Beschäftigten an der Bundesbahn
pendelten täglich 78 nach Paderborn, 21 nach Neuhaus (Benteler-Werke) und 21 nach
den übrigen Gemeinden in der Umgebung außerhalb des Kreises Büren. 21 auswärtige
Arbeiter kamen nach Scharmede.
Die Preise (Dez. 57) waren folgende: Ferkel 6 Wochen alt ca. 40,- DM, Schweine 1,10 –
1,15 DM je Pfd. Lebendgewicht, gute Kühe bis 1300,- DM, gute Pferde 1200,- bis 1300,DM. Je Zentner wurden gezahlt: Roggen 20,20 DM, Weizen 21,20 DM, Hafer 17,00 DM,
Gerste 18,00 DM. 1 Liter Milch kostet je nach Fettgehalt 30-35 Pf, ein Ei 20-23 Pf, 1 Brot
(5 Pfd.) 1,90 DM, 1 Brötchen 7 Pf, 1 Pfd. Margarine 1,02 DM - 1,30 DM, 1 Pfd. Butter
3,40 DM, 1 Pfd. Schmalz 1,20 - 1,40 DM, 1 Pfd. Schweinefleisch 2,60 - 3,00 DM, 1 Pfd.
Rindfleisch 2,60 DM, 1 Pfd. Zucker 0,58 DM.
1 Zentner Steinkohle kostete 5,20 DM, 1 Zentner Briketts 3,70 DM.
Bei einer Treibjagd südlich von Scharmede wurden 52 Hasen erlegt. Dieses
Jagdergebnis war sehr gut und war kaum erwartet worden.
Scharmede, im Januar 1958
Josef Fleitmann
Die Gemeindevertretung
Wiehmeier, Bürgermeister
12
Scharmede vor 100 Jahren
Chronik der Gemeinde aus dem Jahre 19071)
Vorbemerkung: Für eine bessere Lesbarkeit wurden die Schreibweise der Wörter und
die Zeichensetzung den heute gültigen Rechtschreibregeln angepasst. Ergänzungen
sind durch Klammern gekennzeichnet.
Jahr 1907
Der Monat Januar fing mit geringem Frost und Schnee an. Abwechselnd trat Tauwetter
dabei ein, bis (es) zum 21. abends sich aufklärte und gegen Mitternacht am 22. eine
plötzliche Kälte eintrat, dass am Morgen fast kein Mensch draußen im Freien arbeiten
konnte. Den anderen Tag am 23. fror es noch schlimmer, so dass die Kälte auf 16 Grad
stieg. Seit langen Jahren haben wir eine so starke Kälte hier nicht erlebt als diese
beiden Tage. Am 24. Januar nahm die Kälte ab und (es) gab Schneewetter. Am 29.
Januar war Reichstagswahl im ganzen Königreich Preußen und zwar in Folge, daß der
noch bestehende Reichstag am 13. Dezember 1906 aufgelöst war und zwar von Seiner
Majestät dem Kaiser. Im hiesigen Orte waren 140 Wähler in die Wahlliste eingetragen.
Von diesen erschienen 136 Wähler, welche ihre Stimme abgaben. Sämtliche
abgegebenen Stimmen erhielt der frühere Reichstagsabgeordnete Landrat Carl von
Savigny2) zu Büren als Zentrumsmann für den Kreis Büren und Paderborn. Savigny hat
im Kreise Büren und Paderborn 16800 Stimmen erhalten (und wurde) mithin als
Reichstagsabgeordneter mit Stimmenmehrheit gewählt.
Der Monat Februar brachte von Anfang bis zum Ende fast jeden Tag Schnee. Ab und zu
trat Tauwetter ein. Dieses dauerte kaum einen Tag, alsdann gab es darauf wieder eine
Menge Schnee. Somit war die ganze Erde in diesem Monat mit Schnee bedeckt.
_____________________________________________________________________
1)
Erster Chronikführer in Scharmede war Lehrer Hermeling, der sie 45 Jahre lang führte. Sein Nachfolger
ist der Verfasser der nachfolgenden Chronik von 1907. Karl Joseph Alpmann war als Vorsteher der
Gemeinde 1886 mit dieser Aufgabe betraut worden und führte die Chronik 30 Jahre bis zu seinem Tode
im Jahre 1916. (s. a. Anmerkung 8)
Der Bericht über das Jahr 1907 stammt aus dem ersten von inzwischen sechs Chronikbänden (Bd. 1,
S. 169-172).
2)
Carl von Savigny (1855-1928) war von 1895 bis 1912 Landrat des Kreises Büren.
13
Am 1. März, wo der Schnee sich weg machte, zeigte (es) sich, dass die Früchte,
namentlich der Weizen und Wintergerste, sehr unter dem tiefen Schnee gelitten hatten.
Dieselben scheinen durch den starken Frost und tiefen Schnee erstickt zu sein. Die
Schweinepreise3) fielen in diesem Winter von 56 Mark Lebendgewicht pro 100 Pfd.
anfangs Dezember 1906 auf 40 Mark Ende Februar 1907. Sechs Wochen alte Ferkeln
kosten per Stück 12 bis 15 Mark.
Monat April 1907: Vom 7. bis 14. April wurde zum ersten Male in unserer neuen Kirche
von den hochwürdigen Franziskanerpatres aus Düsseldorf die hl. Mission
gehalten, woran sich die ganze Gemeinde vollzählig beteiligt hat. Diese schönen Tage
werden noch lange Jahre in Erinnerung bleiben. Es wurden von 2 Patres täglich drei
Predigten gehalten.
In diesem Monate war ständig gutes Wetter. Somit konnte die Frühjahrsbestellung gut
ausgeführt werden. Der harte Winter hat der Winterfrucht viel Schaden gebracht, indem
der Weizen gänzlich wieder umgesät werden musste, auch zum Teil auch noch (der)
Roggen. Der noch übrige Roggen steht dünn, weshalb auf eine schlechte Roggenernte
zu rechnen ist. In Folge dieses Ausfalles stiegen die Getreidepreise stark in die Höhe.
Es kostete der Weizen pro Zentner 10 bis 11 Mark, der Roggen ebenfalls 10 bis 11
Mark. Dabei war auch in unserer Gegend kein Korn mehr zu kaufen.
Dagegen fielen die Viehpreise jeden Tag, namentlich für Schweine. Fette Schweine
kosten nur pro 100 Pfund Lebendgewicht 32 bis 36 Mark. Junge Ferkel, 6 Wochen alt,
6 bis 9 Mark pro Stück, und konnte man für selbe kaum mehr einen Abnehmer finden.
Der Monat Mai war kalt und nass. Die Früchte konnten gut aufgehen, jedoch bei der
kalten Witterung gedeieten selbe schlecht. Ende Mai gab es einige warme Tage, wobei
es viel Gewitter gab. Am 24. Mai, Nachmittags 2 Uhr, kam ein Gewitter von Verne her,
anfangend mit starkem Hagel, wobei das Sandfeld4) und ein Teil des Dorfes zu zwei
Dritteln verhagelt ist. Der Roggen in diesem Bezirke ist fast gänzlich verloren gegangen.
Leider hatten nur wiederum wenige Landwirte versichert.
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3)
Zur Einschätzung der im folgenden Text aufgeführten Preise für landwirtschaftliche Produkte:
Ein Handwerksgeselle verdiente in dieser Zeit zwischen 15 und 25 Mark wöchentlich. So ist 1907 für
Paderborn der Stundenlohn von 35 Pfennig für Tischlergesellen überliefert. Das entspricht bei üblichen 60
Stunden einem Wochenlohn von 21 Mark.
4)
Sandfeld ist eine alte Bezeichnung für die Flur westlich des Dorfes.
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Monat Juni: Dieser Monat war wie sein Vorgänger kalt und rau, ohne Wachstum und
Gedeihen.
Am 12. Juni war Betriebs-, Gewerbe- und Volkszählung. In unserer Gemeinde sind
vorhanden in 103 Haushaltungen 310 männl. und 308 weibliche (Einwohner).
Mithin zählt unser Ort 618 Einwohner.5)
Der Monat Juli war nass und dabei kalt. Mithin reiften die Früchte schlecht. Somit konnte
erst in den letzten Tagen im Juli mit dem Roggenschneiden begonnen werden.
Die Futterkräuter Klee und Heu, welche in diesem Monate bei der kalten Witterung erst
zum Schneiden gebracht werden konnten, lieferten einen geringen Ertrag, kaum die
Hälfte des Jahres 1906. Mithin sind die Futterkräuter für diesen Winter für das Vieh sehr
kurz, weshalb der Landwirt mit bangen Sorgen mit seinem Vieh in den Winter ziehen
muss.
Der Monat August war anfangs ebenfalls nass und kalt. Jedoch besserte sich das
Wetter soweit, dass der Roggen noch ziemlich trocken eingebracht werden konnte.
Derselbe hatte gutes Stroh und lieferte auch an Korn eine gute Ernte. Weizen wurde
dieses Jahr hier gar nicht geerntet, indem derselbe im Winter sämtlich verfroren war,
und (es) mussten die Weizenäcker mit Hafer oder Sommerweizen umgesät werden. Nur
der Roggen hat den Winter nur ziemlich gut überstanden.
September: In diesem Monate wurde es wärmer und milde, wonach die Sommerfrucht,
welche durch den kalten Sommer in dem Wachstum ganz zurückgekommen
(war),allmählich zur Reife befördert (wurde). Und (es) konnte erst Ende dieses Monates
bei gutem Erntewetter eingefahren werden. Sämtliche Sommerfrucht lieferte eine gute
Ernte, besonders der Hafer.
Im Monat Oktober und November war das schönste Herbstwetter, wodurch die
Erdfrüchte Kartoffeln (und) Runkeln eingebracht werden konnten, und (sie) lieferten
einen mittelmäßigen Ertrag.
Die Herbstkornpreise waren hoch: Saatweizen per Zentner 12 Mark, Roggen per
Zentner 10 bis 11 Mark, Hafer 8 Mark 50.
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5)
Zum Vergleich: Chronist Hermeling führt 25 Jahre früher für 1882 536 Einwohner auf.
15
Fette Schweine, 100 Pfd. Lebendgewicht, (kosteten) 42 – 44 Mark.
Ferkeln waren sehr billig zu haben, 6 Wochen alt 5 bis 7 Mark pro Stück.
Kühe und Schafe waren auch viel billiger wie das Jahr 1906.
Kartoffeln (kosteten per) Zentner 2 Mark 80 bis 3 Mark, Heu (per) Zentner 2 Mark 50 - 3
Mark, Stroh (per) Zentner 2 Mark 30.
Am 2. Dezember 1907 wurde die allgemeine Viehzählung im ganzen Reiche
vorgenommen. In unserer Gemeinde sind vorhanden 80 Pferde, 448 (Stück) Rindvieh,
159 Schafe, 692 Schweine, 29 Ziegen, 1908 Hühner und Gänse, 34 Bienen(völker).
Geschlachtet ohne Schlachtvieh- und Fleischbeschau sind im Jahre 8 Schafe, 339
Schweine (und) 1 Ziege in 101 Haushaltungen.6)
Im Sommer d. J. wurde in unserer neuen Kirche eine neue Orgel von dem Orgelbauer
Eggert7) in Paderborn geliefert zum Preise von 5000 Mark. Desgleichen wurde ein
neuer Fußboden unter die Kirchenbänke angefertigt. Auch wurde in diesem Jahre die
alte Kapelle abgebrochen und das alte Holz und (die) Steine zum Gesamtpreise von
350 Mark meistbietend verkauft. Der Kirchplatz wurde abgeräumt und liegt heute noch
öde.
In diesem Monat wurde die Schulwiese auf den Dämmen, welche bisher sehr nass und
uneben war, von dem Wiesenbaumeister Obergassel in Thüle umgebauet. Die Kosten
betragen mit Einschluß der Düngung mit Kunstdünger 484 Mark, wovon die Hälfte als
Beihilfe aus den Westfonds8) gezahlt wird.
In diesem Jahre wurde auch über die Gunne nach der Bleiche und (den) Wiesen hin
eine Brücke gebauet, welche 1400 Mark kostet, wozu uns die Hälfte vom Staate als
Beihilfe gegeben ist. Auch sind zugleich von der Gemeinde Thüle 2 Brücken über die
Gunne gebauet (worden). Früher musste man, um nach den Rietenbruchwiesen zu
kommen, mit Mann und Wagen durch das Wasser gehen und fahren, welches Übel jetzt
Gott sei Dank abgeholfen ist.
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6)
Zum Vergleich: In der Chronik werden für 1882 folgende Angaben gemacht: 83 Pferde, 227 Stück
Rindvieh, 388 Schweine, 682 Schafe, 20 Ziegen und 24 Bienenstöcke.
7)
Der Paderborner Orgelbauer Franz Eggert (geb. 1849) hatte den väterlichen Betrieb im Jahre 1874
übernommen. Seine Orgeln sind weit über die Grenzen des Hochstifts hinaus zu finden, so z. B. in der
Herz-Jesu-Kirche in Berlin Mitte (1899), in der Kirche St. Blasius in Fulda (1900) oder in der Pfarrkirche
St. Josef in Gelsenkirchen-Ückendorf (1902). 1902 übergab er seinen Betrieb an Anton Feith, der ihn
erfolgreich weiterführte.
8)
Zuschüsse der Landwirtschaftskammer für die Provinz Westfalen (seit 1899)
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Auch wurde in diesem Monat auf den neuen Kirchplatz um die Kirche eine Reihe
schöner Linden angepflanzt. Das Wetter in diesem Monat war gelinde und schön.
Jedoch war es an den beiden Weihnachtstagen rau und nasses Wetter ohne Frost.
Nach Weihnachten gab es Schnee und Frost.
Der Haushaltsetat für das Jahr 1908 blieb wie das Jahr 1907 zur Gemeindesteuer
von 320 % bestehen. Beim hiesigen Standesamte wurden 23 Geburten, 5 Heiraten und
9 Todesfälle9) angemeldet.
In der heutigen Gemeindeverordnetensitzung wurde die Chronik
pro 1907 vorgelesen und für richtig befunden.
Scharmede, den 3. Januar 1908
Die Gemeindeverordneten Temborius, Fecke, Eikel, Werning, Westermeier, Stelte
Der Vorsteher Alpmann10)
9)
Zum Vergleich: 25 Jahre früher macht der Chronist für 1882 folgende Angaben: 21 Geburten, 9
Heiraten, 7 Todesfälle.
10)
s. auch Anmerkung 1). Der 1837 geborene Vorsteher und Chronist hat in Scharmede die Jahrzehnte
um die Jahrhundertwende entscheidend mitgestaltet.
In seine 40-jährige Amtszeit als Bürgermeister, die mit einer nur zweijährigen Unterbrechung von 1872 bis
in das Jahr 1914 reichte, wurden in Scharmede entscheidende Vorhaben auf den Weg gebracht wie die
Errichtung des Stationsgebäudes (1884), der Bau der Vikarie (1892), der Chausseebau zwischen Salzkotten und Bentfeld (1899), der Bau der Kirche (1906) und die Errichtung der Schützen- und Kriegerhalle
(1912).
hcl 12/2006
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