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Das Wort gewinnt Gestalt im Tun oder: «Das, was wir machen, soll

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 1 2. Basler Forum für Grenzgängerinnen und Grenzgänger. Christen als Grenzgänger Referat von Irina Bossart: Das Wort gewinnt Gestalt im Tun oder: «Das, was wir machen, soll aussagekräftig sein» (Regula Rother) leicht gekürzte Fassung; alle Rechte bei der Autorin Sehr geehrte Damen und Herren! Lassen Sie mich mit einem Zitat beginnen: «Wer die sittlichen und religiösen Zustände unserer Stadt-­‐Basel, wie sie sich von einem Jahre zum andern immer bestimmter gestalten, mit Aufmerksamkeit beobachtet, dem kann es nicht entgehen, dass mancherlei Grund zu ernsten Besorgnissen für die Zukunft vorhanden ist. Die Bevölkerung wächst rasch und mehrt sich namentlich durch das Zuströmen von Hunderten aus der arbeitenden Klasse. Die Fabriken, die grossen gewerblichen Etablissements, die vielen neuen Bauunternehmungen und der Handel führen uns immer zahlreichere Elemente aus dem Auslande zu. Eben damit schleicht sich auch ein neuer fremder Geist bei uns ein (...) [E]in grosser Teil unserer Miteinwohner [bleibt] von der Kirche fern; (...) sie führen mitten unter dem christlich und kirchlich gesinnten Theil der städtischen Gesellschaft ein Leben für sich, entfremdet von Gott und göttlichen Dingen, versunken in den Strom des Materialismus. Andererseits ist der Unglaube und die sittliche Verführung überall geschäftig (...).» Was Sie soeben gehört haben, sehr geehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, ist ein Ausschnitt aus einem Schreiben, das Albert Ostertag im Namen des frisch konstituierten Leitungskomitees der Evangelischen Gesellschaft in Basel im Jahr 1860 verfasst hat mit dem Zweck, die christlich-­‐
konservative Öffentlichkeit über die neu gegründete Stadtmission zu orientieren und gleichzeitig für finanzielle Unterstützung zu werben. Das Dokument bringt die Sorge der Stadtmissionsgründer über den gesellschaftlichen Wandel und den Bedeutungsverlust des Christentums zum Ausdruck. Die damaligen Akteure wollten den ihnen missfallenden Entwicklungen nicht länger tatenlos zusehen. In der Gründung eines Evangelisationswerks sahen sie die adäquate Antwort auf die Herausforderungen der Zeit. Das Wort von der freien Gnade Gottes versprach Heilung für die diagnostizierten Schäden und Krankheiten in der städtischen Gemeinschaft. Das WORT -­‐ hier durchaus im doppelten Sinn zu verstehen -­‐ galt ihnen als Universalheilmittel. Die Initianten waren überzeugt, dass im Unterschied zu den mannigfaltigen philantropischen und staatlichen Hilfen allein die Re-­‐ Evangelisierung das Übel an der Wurzel zu fassen vermöge. Das hier zu Grunde liegende Axiom lautet: Wenn das menschliche Herz zum Glauben findet und damit gesundet, lösen sich alle anderen Probleme gleichsam automatisch. Entsprechend sollten Missionare und Bibelfrauen solche Familien und Einzelpersonen in den Arbeiterquartieren der Stadt aufsuchen, die von den etablierten Geistlichen nicht erreicht wurden und als dem Glauben entfremdet galten. Im Arbeitsjournal und Rechenschaftsbericht von einem der ersten Stadtmissionare findet sich dieser Auftrag folgenden Widerhall. «Besuche an der Klybeckstrasse. Bei der Faml. [a] noch immer viel Selbstgerechtigkeit; Faml. [b] hört williger auf das Wort als früher; (...) Wittwe [c] im Jmberg [Imbergässlein]. Steckt noch tief in Selbstgerechtigkeit. Dagegen traf ich bei ihr noch eine andere Witwe, schwer gedrückt von der Last des Lebens, sie verhehlte nicht ihre Anfechtungen zum Missmuth u. zum Murren über die so oft ungerecht scheinende Regierung Gottes. Ich wies sie auf die ewige Vergeltung, suchte ihr zu zeigen, was unter dem Schein des Glücks eines Gottlosen liege u. dass der Herr alle seine Kinder durch Trübsal führe, sprach von dem unzerstörbaren Glück eines Menschen, der seiner Erlösung gewiss sei.» (J.J. Lutz, Jan. 1865) [Die Namen wurden durch die Autorin anonymisiert.] Machen wir an dieser Stelle einen abrupten Sprung in die Gegenwart. In einem Interview mit dem Regionaljournal Zürich vom Okt. 2012 sagte Regula Rother, die Leiterin der Zürcher Stadtmission, auf die Frage, was denn heute die Mission der Stadtmission sei: «Das was wir tun, 2 ist unsere Mission», nämlich Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu unterstützen. So betreibt die Stadtmission Zürich, die 18 Sozialarbeiter beschäftigt, zum Beispiel im Niederdorf das Café Yucca für randständige Menschen. Für viele ist das Café zu einer offenen Stube geworden, wo sie günstig eine warme Mahlzeit erhalten und kostenlose Sozialberatung bekommen. In der dazu gehörigen Kapelle lesen Mitarbeitende anstelle von Gottesdiensten etwa die Geschichte des kleinen Prinzen. Rother möchte, dass die Arbeit ihrer Institution die Botschaft ist. Die Leiterin der Zürcher Stadtmission hat sich vom alten Missionsgedanken verabschiedet; festhalten möchte sie allerdings an den christlichen Werten, die dem Werk seit Anbeginn zugrunde liegen. Soweit die Ausgangslage. Mein Referat gliedert sich in drei Teile (Folie): Zunächst möchte ich Ihnen in groben Zügen die Geschichte und das Profil der Stadtmission Basel im 19. Jh. vorstellen. Das konkrete historische Beispiel ist mit einer Versuchsanordnung zu vergleichen. Daran können Ideen und deren Umsetzung, Herausforderungen und Schwierigkeiten, aber auch Erfolge und Misserfolge studiert werden. Daraus lassen sich Einsichten und Anregungen für die Gegenwart gewinnen. Als Historikerin bin ich überzeugt, dass es unabdingbar ist, «die Vergangenheit zu hinterfragen» und aus einem historisch «reflektierten Verständnis der Gegenwart Optionen für das Handeln von heute zu gewinnen» (Jakob Tanner, in: TA 12-­‐7-­‐97). In einem zweiten Teil stelle ich Ihnen ein paar aktuelle Projekte der Stadtmissionen Basel und Zürich vor. Meiner Meinung nach sind sie gelungene Beispiele dafür, wie die gesellschaftliche Relevanz der christlichen Botschaft in die heutige Situation übersetzt werden kann. Mir scheint, dass in einer Zeit, da viele Menschen «aus den alten Hoffnungsbildern» keine tragfähigen oder zufrieden stellenden Antworten mehr zu ziehen vermögen, die Orthopraxie, das richtige Tun bzw. die Ins-­‐Werk-­‐Setzung christlicher Werte einen gangbaren Weg aufzeigt. Diese These scheint eine gross angelegte Umfrage, die 2011 in Deutschland gemacht wurde, zu bestätigen. «Obwohl nur noch sechzig Prozent der Deutschen an Gott glauben, finden neunzig Prozent, christliche Werte wie Nächstenliebe oder Barmherzigkeit seien heute nach wie vor sehr wichtig.» (Neue Wege, 2012, S. 314). Im dritten und letzten Teil möchte ich, im Sinne eines Inputs für die Diskussion, einige mir relevant erscheinende aktuelle Fragen und Herausforderungen aufgreifen und diese skizzenhaft mit theologischen Perspektiven in Verbindung bringen. Zum 1. Teil: Gründung und Profil der Stadtmission Basel Es waren hauptsächlich zwei Entwicklungen, die zur Gründung der Stadtmission Basel führten: Zum einen erste Manifestationen des politischen und religiösen Freisinns, der in Basel im Vergleich zur übrigen Schweiz später in Erscheinung trat. Zum andern die rasante soziale Veränderung der Stadt. a) In den Jahren 1857/58 kam es zu einer religionspolitischen Debatte im Grossen Rat. Die Freisinnigen, auch Radikale genannt, hatten die Revision des Ordinationsgelübdes beantragt und wollten damit die Zulassung von freisinnigen Pfarrern in der Basler Landeskirche durchsetzen. Diese Aktion wirkte wie ein Schock, aber auch als Mahnruf für die konservativen Christen. Sie reagierten jedoch nicht mit Rückzug in einen Quietismus, sondern lancierten die Gründung eines Missionswerks zur Bekämpfung des unliebsamen Gedankengutes und zur Konsolidierung der eigenen Machtbasis. b) Das selbstbewusste Auftreten der Reformkräfte ist ein signifikanter Ausdruck des Wandels, der mit dem Urbanisierungsprozess einherging. Das rasante Wachstum der Stadt und die steigende Mobilität hatten eine ausgeprägte Heterogenisierung der Einwohnerschaft zur Folge und damit auch eine religiöse Pluralisierung und Differenzierung. (Bild; Folie) Die Stadtbevölkerung stieg im Verlaufe des 19. Jh. Auf das Siebenfache an, vor allem als Folge der Migration. Lebten 1798 noch 14'700 Personen in Basel, waren es um 1900 schon 109'000. Mit der Zuwanderung veränderte sich auch das soziale und religiöse Profil der Stadt. Im Jahr 1860 standen 11'000 Stadtbürgern 16'000 Zugezogene aus andern Kantonen und 11'000 Ausländer gegenüber. Der katholische Bevölkerungsanteil machte damals bereits etwa einen Viertel aus. 3 Das beunruhigte den Kleinen Rat. Die Regierung war der Ansicht, «katholische Bürger brächten Übelstände und Schwierigkeiten für den ungestörten gedeihlichen Fortbestand [der] inneren bürgerlichen Verhältnisse mit sich.» Daneben liess die stark wachsende Industrie ein Arbeiterproletariat entstehen, das in Armut und Elend lebte. Die Wohnverhältnisse und vor allem die sanitäre Situation waren sehr prekär. Arbeitslosenversicherungen, Krankenkassen und andere Sozialwerke gab es, wenn überhaupt, erst in Ansätzen. (Bild) Diesen Entwicklungen stellten die Initiatoren der Evangelischen Gesellschaft ein restauratives und, wie sie hofften, integratives Programm entgegen: Die Evangelisierung der in-­‐ und ausländischen Migranten und der anders denkenden Mitbewohner. Man wollte die vom freisinnigen Geist ‚angesteckten’, aber auch die religiös indifferenten Mitchristen und die katholischen Zuwanderer in die eigene Werte-­‐, Ideen-­‐ und Weltordnung (re-­‐)integrieren; das Evangelisierungskonzept zielte auf Assimilierung. In der christlichen Vergemeinschaftung sahen die damaligen Handlungsträger die Chance und Möglichkeit, Stabilität und Wohlfahrt für das Gemeinwesen herzustellen. Das Programm war nicht nur rückwärts gerichtet; ihm wohnte auch eine transformatorische, in die Zukunft gerichtete Dimension inne; durch die ‚Umgestaltung’ des Individuums mittels Bekehrung und Wiedergeburt und der so gewonnenen neuen Gesinnung sollte das Reich Gottes auf Erden entstehen. Der erhoffte ‚Fortschrittsprozess’ des Gottesreiches entfaltete sich gewissermassen gegen die diagnostizierte Dekadenz-­‐Bewegung der sichtbaren Welt. Die angestrebte religiöse Erneuerung zeigt eine hohe Deckungsgleichheit mit den Zielen der liberalen Volksaufklärer: Wer bekehrt war -­‐ so die Erwartung -­‐, zeichnete sich nämlich nicht nur durch die Hingabe an den Herrn aus, sondern wurde auch «sparsamer», «fleissiger», «pünktlicher» und «ordentlicher». Darin manifestieren sich der Bildungs-­‐ und Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts. Bei der Umsetzung der missionstheologisch begründeten Integrationsstrategie der Stadtmissionsarbeit lassen sich zwei Phasen unterscheiden. In den ersten beiden Jahrzehnten lag der Akzent eher auf dem «ecclesiola»-­‐Modell des Pietisten Johann Jakob Spener. Die wiedergeborenen Christen und Christinnen sollten die wahre Gemeinde (Christi) und damit den bereits erneuerten Teil von Kirche und Gesellschaft bilden. Die Hinzugewonnenen würden nachher, so die Hoffnung, in ihren sozialen Kontexten und Netzwerken selbst evangelistisch tätig sein oder zumindest als Türöffner der Stadtmissionare und Stadtmissionarinnen dienen. Mit der Übernahme des Präsidiums durch den Unternehmer und Politiker Karl Sarasin im Jahr 1878 begann dann eine Periode der sozialdisziplinierenden und gesellschaftsordnenden Verzweckung der Missionsarbeit. Sarasin sah im Werk auch eine Art Hilfsverein der Kirche, die gleichsam einen imaginären Raum darstellte, wo die Klassenunterschiede durch die geistliche Vergemeinschaftung ausser Kraft waren; der kirchlichen Gemeinde kam dabei die Funktion einer symbolischen Einheit der Gesellschaft zu. Bereits hier wird deutlich, dass es der Stadtmission nicht um strukturelle Veränderungen der Gesellschaft oder um den sozialen Ausgleich ging. Ziel der Bemühungen war es vielmehr, die Menschen in die alte Ordnung und in die Kirche einzugliedern, Spannungen zwischen den gesellschaftlichen Klassen abzubauen und durch Nothilfe das Leiden zu mildern. Dahinter stand eine Moral des Mitleids. Die Teilnahme am Schicksal der Unterprivilegierten und die Verantwortung gegenüber den Armen und Elenden, gehörten zum christlichen Selbstverständnis der damaligen Akteure. Neben der christlich-­‐missionarischen Motivation spielte bei den Verantwortungsträgern der Stadtmission auch die republikanische Tradition eine wichtige Rolle für ihr Engagement. Aus ihrem staatsbürgerlichen Verantwortungsgefühl erwuchs die Pflicht, «zum Wohle des Gemeinwesens, des Vaterlandes nach Kräften beizutragen» (Fundamental-­‐Artikel). Mit ihrer Initiative, ein so genanntes Reich-­‐Gottes-­‐Werk zu gründen, wie es die Stadtmission darstellte, lancierten die damaligen Akteure keineswegs eine neuartige Idee. Ein Charakteristikum im damaligen Basel war nämlich das breit gefächerte religiöse Vereinswesen. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert entwickelten sich dichte Netzwerke christlicher 4 Institutionen. Die genauen Ursachen und vielschichtigen Zusammenhänge dieser Ausfaltung sind noch wenig erforscht. Fest steht, dass die religiösen Einrichtungen zu einem wesentlichen Teil dem Engagement von finanzkräftigen Fabrikanten und Handelsherren sowie von gut betuchten Damen zu verdanken waren, die der altbürgerlichen und konservativ gesinnten Schicht angehörten. Das Handeln dieser Leute gründete in pietistisch geprägten Glaubensüberzeugungen. Die enge Verbindung von Frömmigkeit, Kapital und politischem Konservativismus trug dieser Epoche der Basler Stadtgeschichte die Bezeichnung «Frommes Basel» ein und reizte manchen Zeitgenossen zu bissiger Kritik. In einem liberalen Flugblatt von 1886 heisst es: «Aber die Stadtmission handelt ganz anders als der Samariter, den uns Jesus als Vorbild vor die Augen gestellt hat. Sie spendet Geld und ihre Empfehlungen (...) nur solchen Armen, die ihren Einladungen zu den pietistischen Versammlungen aller Art Folge leisten (...). Dabei ist in unserer Stadt Basel zur furchtbaren Wahrheit geworden, was von Mund zu Mund geht und in und ausserhalb der Schweiz dem wohlverdienten Spott begegnet, nämlich, dass es in Basel etwas Leichtes sei, (...) durch Stündlilaufen und dergleichen Scheinheiligkeit sich ein bequemes Leben zu bereiten (...); die Mittel zu dieser traurigsten Parteipropaganda fliessen bei der im reichen Basel festsitzenden pietistischen Mode in Strömen.» Trotzdem kann ich es mir nicht verkneifen, Ihnen eine Kostprobe von der Wohltätigkeit einer frommen Baslerin, nämlich von Margaretha Merian-­‐Burckhardt zu geben. Als die Witwe von Christoph Merian 1886 starb, veröffentlichte die Allgemeine Schweizer Zeitung die von Margaretha selbst verfügten Vergabungen. Sie galt zur ihrer Zeit als reichste Personen der damaligen Schweiz. (Folie) Die Liste vermittelt nicht nur den Eindruck von der Grosszügigkeit und vom Vermögen der Merians, sondern gibt auch einen schönen Einblick in die Vereinslandschaft des ‚Frommen Basel’. Der Zeitungsredaktor kommentierte lakonisch: «Es kann nicht jeder, auch wenn er mit Glücksgütern reich gesegnet wäre, ähnlich grossartige Gemeinnützigkeit entwickeln. Wenn aber jeder Basler nach seinen Kräften in solchem Sinne lebte und stürbe, dann würde unsre Stadt zu einer freundlichen Oase es Friedens mitten im dem unruhigen Europa.» Zurück zur Stadtmission: Die strategische Ausrichtung der Stadtmission lässt sich durch fünf Programmpunkte charakterisieren: 1. Kirche vor Ort bzw. Geh-­‐hin-­‐Kirche: Die StadtmissionarInnen suchten die Menschen dort auf, wo diese im Alltag lebten und arbeiteten. Das neue Vorgehen fand seinen Ausdruck auch in der Etablierung von Stadtmissionsposten. Die Präsenz der Missionare in den neuen Quartieren signalisierte damit eine «Kirche vor Ort», wobei ihre Stützpunkte als Anlaufstellen und geistliche Zentren dienten. 2. Orientierung am Individuum. Im Zentrum der Arbeit stand der Einzelne. Durch die evangelische Erneuerung des einzelnen Menschen wollte man die Gesellschaft als Ganze umwandeln. 3. Evangelisation und Zurückdrängung «falschen» Gedankenguts. Neben die Bekehrung kirchenferner Menschen trat der Kampf gegen misslieblige geistige Strömungen, im Visier waren vor allem der religiöse Freisinn und der aufkommende Sozialismus. 4. Seelsorge und Gemeindeaufbau. Hinzugewonnene mussten durch Pastoralarbeit begleitet werden, um Nachhaltigkeit zu erreichen. Diesbezüglich hatte die Stadtmission das Tätigkeitsfeld kontinuierlich ausgeweitet: Die Aufgaben umfassten nebst den bisherigen Hausbesuchen und Bibelstunden das Abhalten von Bibelkränzchen, Andachten und Chorsingen, das Organisieren des Sonntagsschulunterrichts und von Versammlungen für verschiedene Alters-­‐ und Bevölkerungsgruppen. Hinzu kam die Betreuung von Lesezirkeln, das Abfassen von Briefaufträgen, das Schlichten von Ehestreitigkeiten, die Hilfe bei der Kindererziehung sowie in der Wohnungs-­‐ sowie Arbeitsvermittlung.. Einzelne Stadtmissionarsgattinnen organisierten auch Bazare und 5 vergaben kleine Arbeitsaufträge gegen Entgelt. Die Folie zeigt die Zahl der im Einsatz stehenden Stadtmissionare und Stadtmissionarinnen. 5. Kooperation. Die Stadtmission arbeitete von Anfang an mit anderen Institutionen und Personenkreisen zusammen. Dadurch konnte zum Beispiel der immer wieder für Auseinandersetzungen sorgende Punkt der statutarisch nicht vorgesehenen sozialen Unterstützung abgefedert werden. Die Stadtmissionare wirkten nämlich auch als Armenpfleger. Das Projekt Stadtmission hatte angesichts des Ausmasses und des strukturellen Charakters der gesellschaftlichen Defizite und Missstände (z.B. fehlende staatliche Sozialwerke, ungenügende Infrastruktur, mangelnder Arbeitsschutz, u.ä.) geradezu utopische Züge. Die Stadtmissionare und Stadtmissionarinnen konnten den Modernisierungsprozess nicht aufhalten; sie waren nicht mehr als ein Faktor im urbanen Kräftefeld -­‐ aber auch nicht weniger! Umgekehrt lässt sich auch sagen, dass sie auf ihre Weise am grossen Projekt der Moderne, am Gesellschafts-­‐ und Staatsaufbau mitarbeiteten. Obwohl keine ‚Erfolgsbilanzen’ vorliegen, ist doch auf der praktischen Ebene viel Hervorragendes und Innovatives geleistet worden. Mit ihrer Tätigkeit entwickelten die Stadtmissionare und Stadtmissionarinnen Protoformen von Sozialarbeit, wie sie in der Schweiz in professioneller Gestalt erst im 20. Jahrhundert eingeführt wurden. Die Besuche bei marginalisierten und kranken Menschen, das Engagement für Kinder und Jugendliche in den Sonntagsschulen, Mithilfe bei der Arbeitsbeschaffung, die Schlichtung von Ehestreitigkeiten und die Unterstützung von Armen, um ein paar Beispiele zu nennen, bedeuteten in vielen Einzelfällen eine grosse Wohltat. Indem sich die Missionare und Missionarinnen in persönlichen Kontakten benachteiligten Personen zuwendeten, gaben sie ihnen Würde und Ansehen. Die verschiedenen Gemeinschaftsangebote gewährten vielfach eine Art Familienersatz und wirkten der ‚urbanen’ Vereinzelung entgegen. Die pastoral-­‐missionarische Arbeit stiess unter der besuchten Bevölkerung aber auch auf viel Ablehnung, weil sie ‚ideologisch’ aufgeladen war, mit autoritärem Gestus auftrat, der andere Meinungen nicht gelten liess, und als Eindringen in die Privatsphäre verstanden wurde. Die Liberalen betrachteten die Stadtmissionare als Agenten der altbürgerlichen und konservativ gesinnten städtischen Elite, die auf diese Weise versuchte verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Die Stadtmissionare und Stadtmissionarinnen verrichteten ihre Arbeit ein Stück weit auch stellvertretend für die Promotoren der Stadtmission, deren anderweitige Verpflichtungen oder gesellschaftliche Stellung eine persönliche Beteiligung im Missionsdienst nicht zuliessen. Dies wiederum stützte den Vorwurf der Agententätigkeit und der Heuchelei, da die leitenden Herren und Damen selber nicht so evangelisch lebten, wie sie es verkündigen liessen. 2. Teil Die Zürcher Stadtmission feierte letztes Jahr ihr 150jähriges Bestehen. Sie ist nur drei Jahre jünger als die Basler Institution. Ein Blick auf die Homepage gibt Auskunft über das heutige Selbstverständnis. Die Grundoption für die Menschen am Rand der Gesellschaft und die Orientierung am Evangelium sind geblieben. Doch inhaltlich liegt der Akzent ganz auf der Diakonie, verstanden als Beratungs-­‐ und Unterstützungsangebot für sozial benachteiligte Menschen. Seit 2008 wird die Stadtmission von Regula Rother, einer gelernten Sozialarbeiterin geführt. Damit steht erstmals keine Person mit theologischem Hintergrund mehr an der Spitze des Werks. Die Verantwortlichen der ZH Stadtmission reflektieren ihr Handeln im Horizont der gegebenen gesellschaftlichen Strukturen. Entsprechend heisst es im Jahresbericht 2012, Zitat: «Mit jeder Handlung stehen wir zwischen dem Auftrag, einen hilfebedürftigen Menschen individuell zu unterstützen, und der Frage, weshalb geht es diesem Menschen schlecht? Welche Strukturen führen dazu, dass Frauen als Prostituierte arbeiten? Welche [Strukturen] verleiten Männer dazu, ohne Geld und ohne ein Wort Deutsch zu sprechen in die Schweiz zu reisen und auf Arbeit und Wohnung zu hoffen?» Gemeint sind europäische Wanderarbeiter, etwa aus Rumänien. 6 Die Zürcher Stadtmission bemüht sich dort Hilfe zu leisten, wo sie aktuell Not wahrnimmt. Sie arbeitet vernetzt, d.h. sie spannt mit anderen Institutionen, mit staatlichen und kirchlichen Behörden zusammen. Gleichzeitig mischt sie sich in gesellschaftliche Debatten ein, etwa im Bereich der Diskussion rund um die neue Prostitutionsverordnung in Zürich. Konkret unterhält die Stadtmission folgende Angebote: Die Angebote der Zürcher Stadtmission (vgl. Homepage) • Im Café Yucca treffen sich Menschen jeden Alters. Wer alleine ist, findet hier in der Zürcher Altstadt Kontakte und Wärme, kann mit andern Gästen reden oder spielen, sich günstig verpflegen. Es gibt jedoch keinen Konsumzwang. • Isla Victoria ist eine Anlauf-­‐ und Beratungsstelle für Frauen, die im Sexgewerbe tätig sind. Hohe Priorität hat die Prävention von HIV und Aids. • Gegenwärtig ist ein neuer Arbeitszweig in Planung, nämlich ein Niedrigpreishotel. Hier sollen Menschen aus dem zweiten Arbeitsmarkt eine Chance erhalten. Mit diesen Angeboten erfüllt die Stadtmission ihrem Selbstverständnis nach «einen diakonischen Auftrag.» Dies sei, so die Auffassung, «nichts anderes als eine Chiffre für Solidarität mit Benachteiligten und tätiger Einsatz gegen soziale Ungleichheit. Gleichzeitig ist die ZH Stadtmission überzeugt, dass solches Tun einem Kirchenverständnis entspreche, wie es «viele Christinnen und Christen verstanden haben wollen.» (Homepage) Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Basler Stadtmission. Auch ihr Leitbild zeugt von einem veränderten Selbstverständnis. Der Leitspruch «Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen» (vgl. Homepage) stammt aus der Präambel der Bundesverfassung und nicht mehr direkt aus der Bibel. Die Basler Stadtmission engagiert sich heute in der Seniorenarbeit, in Freizeit-­‐ und schulergänzenden Betreuungsangeboten für Kinder sowie in einem Beratungs-­‐ und Gesprächsdienst für Menschen, denen es nicht gut geht. Seit 2010 betreibt sie im Auftrag des Erziehungsdepartementes die Tagesschule Volta. Die Geschichte und die aktuellen Angebote der beiden Stadtmissionen zeigen, dass die jeweiligen Akteure auf von ihnen wahrgenommene gesellschaftliche Brennpunkte je spezifisch reagiert haben bzw. reagieren. Dabei wird einerseits ihr eigenes Handeln von christlichen Werten und Grundüberzeugungen getragen; andererseits ist das, was sie tun, christlich profiliert. Lag der Akzent im 19.Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts eher auf der Evangelisation, sind die heutigen Arbeitsfelder diakonisch ausgerichtet. Ausserdem wird deutlich, dass die «christliche Botschaft» nicht nur verschieden gewichtet und verstanden werden kann, sondern dass ihre Deutung immer auch vom gesellschaftlichen Kontext, aber auch von der Grundüberzeugung der Akteure abhängig ist. 3. Teil Wenn nun im Flyer des Grenzgängerforums nach den grossen Herausforderungen der heutigen Zeit gefragt wird und danach, ob wir als Christinnen und Christen Antworten darauf haben bzw. was dabei die gesellschaftliche Relevanz der christlichen Botschaft ist, so möchte ich abschliessend ein paar solcher Herausforderungen benennen. Das Folgende steht nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem bisher Vorgetragenen, sondern soll lediglich ein paar Impulse für die nachfolgende Diskussion liefern. Bei der Vorbereitung des Referates kristallisierten sich in meinen Überlegungen fünf Bereiche heraus: Konsumgesellschaft – Teilgemeinschaften Mit Blick auf die begrenzten Ressourcen der Erde und auf die ökologischen Folgewirkungen, aber auch mit Blick auf die weltweite Armut müssen wir heute sagen, das Credo des unbegrenzten ökonomischen Wachstums und des damit verbundenen Massenkonsum ist an ein Ende gekommen. Vielerorts entstehen Gegenbewegungen und Alternativkonzepte. In Bern beispielsweise lancierte eine Gruppe das Projekt Pumpipume. Es « setzt sich für einen bewussten Umgang mit Konsumgütern und mehr soziale Interaktion in der Nachbarschaft ein. Das Leihen und Ausleihen 7 von Dingen, die man nur selten braucht, soll gefördert werden.» (Homepage) Die Projektbeteiligten gehen davon aus, dass Teilen sinnvoll ist. Als Theologin denke ich da an die jesuanische Lancierung von Teilgemeinschaften im Zusammenhang mit der Geschichte von der Speisung der Fünftausend (Joh). Orientierungskrise – gesellschaftliche Vision Der Philosoph Peter Sloterdijk beklagte in der Sendung NZZ-­‐Standpunkte im April dieses Jahres, dass wir gegenwärtig keine Gestaltungsregierungen mehr haben, sondern nur noch Notstandsregierungen. Ein Grund dafür ist, so scheint mir, dass eine gesamtgesellschaftliche Vision fehlt. Da liesse sich an Jesu Projekt vom Reich-­‐Gottes anknüpfen und zwar im Sinne eines Wohlergehens für alle und einer Integration, die vom Rand her denkt. Individualismus – Solidarität, gesellschaftlicher Zusammenhalt Das liberale Konzept der Freiheit scheint mir von seinem ursprünglichen Wurzelgrund abgekoppelt zu sein. Statt Mitverantwortung zu übernehmen funktionieren viele als kleine GmbH, als Gesellschaft mit begrenzter Haftung, wie es die Schriftstellerin Nora Bossung prägnant formuliert (vgl. NZZ 13-­‐4-­‐13), sei es in der Arbeitswelt, im Privatleben, als Staatsbürger oder in der Freizeitcommunity. Demgegenüber erinnerte Alfred Bodenheimer in seinem Referat an der diesjährigen Delegiertenversammlung des SIG daran, dass sich «die Menschenwürde nicht aus der Abgrenzung des Individuums, sondern aus der Beziehung und Verantwortung des Gegenübers ergibt». (Vgl. NZZ vom 10-­‐5-­‐13) Brüchigkeit der Beziehungen – Freundschaftskultur In einem Bericht über die Begegnung von zwei Maturklassen, die eine von 1963 und die andere von 2013 sagten die jungen Maturi und Maturae auf die Frage der Älteren, was sie heute bedrücke, Krisen gäbe es vor allem im Zusammenhang mit Bezugspersonen. Die Beziehungen sind brüchig geworden, die herkömmlichen Familienstrukturen tragen nicht mehr (vgl. NZZ 11-­‐
5-­‐13). Da böte die jesuanische Freundschaftskultur Orientierung. Beschleunigung, Zerstreuung – Sein im Augenblick, Konzentration Auf die Frage, wie er mit der rasenden Zeit umgehe, sagte der Schriftsteller Lukas Bärfuss im Mai dieses Jahres (in einem Interview vom 24. Mai mit swiss info anlässlich der Antrittsvorlesung seiner Gastprofessur an der Freien Uni): « Schreiben ist eine Möglichkeit der Kontemplation, der Versenkung im Augenblick. So wie auch das Theater. Und das scheint mir schon eines der grössten Glücksversprechen zu sein.» Damit gebe ich das Wort an meinen Kollegen weiter, da es um die Übersetzungsnotwendigkeit der christlichen Botschaft in die Sprache unserer Zeit geht. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Literaturnachweise: Die Ausführungen basieren, wenn nicht anders angegeben, auf der Dissertation der Autorin mit dem Titel: «Wuchern mit dem anvertrauten Pfunde» oder Krisenbewältigung durch Evangelisierung. Die Basler Stadtmission in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Basel 2009 Stadtmission Zürich: http://www.stadtmission.ch Stadtmission Basel: http://www.stadtmission-­‐bs.ch http://www.pumpipumpe.ch Basel, 12-­‐7-­‐13 8 
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