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LERNBERICHT LERNBERICHT – Was Sie erwartet - Theater Ulm

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LERNBERICHT – Was Sie erwartet
Marcus Brauns Stück startet mit einer Konstellation von drei Figuren, die in
familiärer Beziehung zueinander stehen – Der Alte, Die Alte, Das Junge –, und einem
Chor. Der Text ist in erster Linie nach Kriterien der Sprachpoesie komponiert. Er
folgt keiner traditionell linearen Handlung, sondern eröffnet für den Zuschauer
gedankliche Assoziationsräume. Motive wie beispielsweise der Mond oder
Luftballonverkauf werden durch verschiedene Bedeutungszusammenhänge verfolgt
und immer wieder variiert. So entstehen neue Bilder und Ideen, eine Einladung zum
Mitdenken.
Der Zugriff der Inszenierung auf diesen Text bedient sich eines fiktiv biographischen
Ansatzes. So lässt sich das Stück mit seinen 15 Szenen in fünf Bilder strukturieren,
in denen über wichtige Lebensstationen eines Menschen in unserer Kultur Bilanz
gezogen wird.
1. Lernen und Gehorchen: Kindheit
Szenen: 1. Ansprache / Anspruch; 2. Aktion; 3. Lebenslauf
Das erste Bild behandelt, nach einer programmatischen Vorrede, die frühen
Lebensjahre, das Leiden an den abgenutzten Worten, den unzeitgemäßen
Erziehungskonzepten „Alles hier stinkt. Alles hier ist viel zu oft angefaßt worden.“
Bei den immer wieder gleichlautenden Empfehlungen der Eltern stellt sich die
Frage: Wer erzieht wen, wer bildet wessen Weltbild? „Wenn meine Erzeuger mir ihre
Hausaufgaben vorgelesen haben, schicke ich sie spielen. Danach wird wieder
gelernt. Und so weiter.“ In direkten Zusammenhang damit stellt Braun den
Urkonflikt des Künstlers, der sich als roter Faden durch das ganze Stück zieht: Soll
das Junge etwas Anständiges lernen oder Luftballons, „glasiertes Nichts“,
verkaufen?
2. Kämpfen und Lieben: Adoleszenz
Szenen: 4. Deutschaufsatz; 5. Lernen; 6. Spiel
Mit dem Heranwachsen härtet das Wechselverhältnis von Einzelnem und
Gemeinschaft aus. Das
zweite Bild zeigt eine Phase des Experimentierens, des
Überprüfens von Werten: „Warum nimmt mein Herz so großen Anteil an dem
Schicksal des Sepp?“ Spaß an Gewalt und Sexualität als Grenzerfahrung prägen die
Phase, in der der Mensch zum ersten Mal vor wichtigen Entscheidungen steht:
Altruismus oder Individualismus, Religion oder Abstraktion, Militär oder Humor?
„ALTER: Der Rhein fließt bergauf. / ALLE: Sir, ja, Sir, ist schon angekommen, Sir.“
3. Gewohnheit und Orientierungslosigkeit:
Orientierungslosigkeit: Midlife Crisis
Szenen: 7. Meditationen; 8. Liebe
Angekommen und dadurch festgefahren zu sein, davon handelt das dritte Bild. Nach
einer kurzen Übergangsphase konkurrierender Lebenskonzepte entsteht ein Bild der
Alten, die in der beharrlichen Wiederholung von Rollenmustern die Stagnation ihrer
Ideen und Energien erfahren müssen: „Hüte dich mir andere Männer vorzuhalten /
du hast einen Dackel genommen / also Weib verlange nicht daß er bockt / wie ein
Dobermann“.
In der Provinz der eigenen Erinnerung verwurzelt, treiben die gleichbleibenden
Protagonisten den Generationenkonflikt mit umgekehrter Rollenverteilung in die
nächste Runde. Die Wahrheitssuche, das Grundparadigma des Stückes, wird
schmerzhaft relativiert: „Etwas ist wahr, wenn es Denken erspart.“
4. Ekel und Revision: Alter
Szenen: 9. Beliebter forensischer Fall; 10. Ortstermin / Party; 11. Definitionen; 12.
Altern
Die historische Vergangenheit, die
bereits mehrfach mit deutschnationalem
Sprachmaterial in die Gedankenwelt des Stücks hineinragte – „Im Bedarfsfall geht
im Deutschen / einiges nicht wir / Nacht- und Nebelprodukte / als Kinder unserer
Zeit / voraus.“- wuchert nun bis in die Gegenwart. Nationalspezifischer Alzheimer
geht eine fatale Verbindung mit dem Unbehagen in der als krankhaft stagnierend
empfundenen Zeit der Sicherheit ein.
Alternativ zum Revisionismus wird die allenthalben im Stück relativierte
Altersweisheit angeführt, deren Übergang zur Demenz Braun als fließend zeichnet:
„Demenz und Dementi / Altersweisheit ist keine Weisheit, sondern pathologisch
bedingte Anpassungserfahrung.“ Als Relativierung und Nivellierung jeder Wert- und
Wortdefinition kann diese Kombination wie ein Rettungsanker gegen das Nichts
wirken;
in
diesem
Fall
als
Gegenüberstellung
von
pubertären
Tagebuchaufzeichnungen und Verlust des Kurzzeitgedächtnisses, die Wertbegriffe
grundlegend verschiebt: „habe heute Alexandra gefragt / wie lange ihr Orgasmus
dauert / habe irgendwann geheiratet / weiß nicht mehr egal / Kind gekriegt / das
letzte halbe Jahr / war das längste meines Lebens / erinnere mich nämlich an nix“
5. Bilanz
Szenen: 13. Letzte Warnung; 14. Zukunft; 15. Nullen
Die Bedrohung der Kultur durch das Leben überhaupt, und umgekehrt auch des
Lebens durch die Kultur, wird im letzten Bild konkret. Am Ende des Stücks steht ein
entschiedenes Nein: „wir haben keine Verabredung mit der Zukunft“. Eine Reprise
der durchgearbeiteten Motive leitet nicht nur das Ende der politischen Orientierung
(„Zahnräder halten sich gegenseitig in Schach / aber die Zeit schlägt sich nicht auf
unsere Seite / Die Vergangenheit zeugt sich in ihrem komischen Anhang / in dem
leben wir / wir leben im komischen Anhang der Vergangenheit“), sondern auch das
Versiegen der Kultur, den „Endsieg der Schöpfung“ ein – und gleichzeitig,
konsequent dialektisch, dessen Gegenteil: „Bald sprechen wir: Eins / und Null / was
nicht alles / endete mit der Ewigkeit / der flachgelegten Acht -“.
Materialien zu: LERNBERICHT; Originalbeitrag von Daniel Heßler; Erscheinungsort: Internetseite Theater Ulm als PDF-Datei;
Herausgeber: Theater Ulm, Spielzeit 2006 / 2007; Intendant: Andreas von Studnitz; Redaktion: Daniel Heßler; Redaktionsschluß:
2/2007
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Kategorie
Seele and Geist
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