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Im Osten was Neues - AHK Georgien

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Im Osten
was Neues
Zukunftsmärkte Keine Korruption, kaum Bürokratie und Rundum­
service für Unternehmer – Georgien hat in den vergangenen Jahren so
viele Reformen umgesetzt wie kein anderes Land. Das lockt Firmen an
[ Text: Andrzej Rybak ]
Picture Press/Eyevine; Institute/Rob Hornstra
Management
Im Aufbruch Nach dem Zerfall
der UdSSR fanden die Georgier
zu ihrer Identität zurück – und
zur christlich-orthodoxen Religion: Frauen bei einer kirchlichen
Parade (l.); ein selbst gebauter
Altar in einer Wohnung (o.)
Tiflis
Geschäftstüchtig Georgien
steht auf Rang eins des
­„Doing Business Report“ in
der Region Osteuropa und
Zentralasien. Oben: die neu
gebaute Brücke des Friedens
in Tiflis
54
impulse
Mai 2012
G
eorgiens Mittelständler des Jahres
heißt Burkhard Schuchmann. Der war
mal Vorstandschef von Vossloh. Vor
vier Jahren verließ der Westfale die
Welt der Weichen und Lokomotiven, um Winzer
zu werden. Im georgischen Kisiskhevi. Und das
so erfolgreich, dass Schuchmann Wines 2011
vom Wirtschaftsministerium zum „Besten mittelständischen Unternehmen“ gekürt wurde.
Von seinem Château blickt Schuchmann auf
die mächtigen Gipfel des Kaukasus. Und erzählt: „Georgien ist die Wiege der Weinkultur.“
Nicht allein deshalb zog es ihn hierher. „Ich
kenne keinen Platz auf der Welt, wo es für Mittelständler noch einfacher wäre zu investieren.“ Keine Korruption, kaum Bürokratie und
ein Rundumservice für Unternehmer.
Tatsächlich kann weltweit kein Land ­größere
Erfolge beim Abbau von Hürden für Firmen
vorweisen. Im Doing-Business-Ranking der
Weltbank kletterte Georgien seit 2004 fast
100 Plätze nach oben. Der Index zeigt, wie
leicht es in einem Land ist, Geschäfte zu machen. Inzwischen steht Georgien weltweit auf
Rang 16, zwei Plätze vor Deutschland.
Was für eine Entwicklung. Noch in den
­90er-Jahren tobte in Georgien Bürgerkrieg, die
frühere Sowjetrepublik versank im Chaos. In
der Hauptstadt Tiflis gab es keinen Strom, ­keine
Heizung, kaum etwas zu essen. Dann kam der
Frieden und 2003 die unblutige sogenannte
­Rosenrevolution.
Buhlen um Investoren
Seitdem wandelt sich Georgien rasant. In Tiflis
sind die Straßenzüge saniert, entstehen überall
neue Hotels und Bürohäuser, Kunstgalerien und
Nachtklubs. „Wir haben keine Rohstoffe, um die
Investoren zu locken“, sagt Keti Bochorischwili,
Leiterin der Nationalen Investitionsagentur
GNIA. „Wir müssen also bessere Rahmenbedingungen bieten als alle anderen Länder der Region, um einen Wettbewerbsvorteil zu haben.“
Die 29-Jährige gehört zur Generation junger georgischer Politiker, die wissen, wie die westliche
Marktwirtschaft funktioniert. Wie die meisten
vom Präsidenten Michail Saakaschwili eingesetzten georgischen Minister und Topbeamten
hat auch Bochorischwili jahrelang im Ausland
studiert und gearbeitet. „Wir wollen dieses Land
modernisieren“, sagt die GNIA-Chefin. „Das
geht nur, wenn wir ausländisches Know-how
nach Georgien holen.“ Den Investoren wird deswegen der rote Teppich ausgerollt.
WhiteNightPress/R.Esartia
Georgien
So etwas spricht sich herum. Erst langsam,
nun immer schneller. Als Uta Beyer 2009 die
Leitung der Deutschen Wirtschaftsvereinigung
Georgien (DWVG) in Tiflis übernahm, „da wollte sich vielleicht ein deutsches Unternehmen
im Monat über das Land informieren“. Jetzt bekommt sie eine Anfrage pro Tag. Die deutschen
Exporte nach Georgien legten 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent zu.
Von der Dachterrasse seines Büros blickt Michael Hampel auf die Dächer von Tiflis. Überall
sind Kräne und Baugruben zu sehen. Auf
dem anderen Ufer des Mtkvari, der mitten
durch die Millionenmetropole fließt, ragt die
gläserne Kuppel des neuen Präsidentenpalasts
in den Himmel. Das Bauwerk erinnert an das
Berliner Reichstagsgebäude. Hampel freut sich
über den Bauboom. Er ist der Geschäftsführer
von Heidelberg Cement, hat 200 Mio. Euro in
Georgien investiert. Mit drei Zementwerken ist
der Konzern der größte ausländische Investor
im Land. In diesem Jahr hoffen die Deutschen,
ihre Kapazitäten von 1,8 Millionen Tonnen Zement pro Jahr voll auslasten zu können.
„Ich war nicht mal vier Wochen im Land,
da hat mich das Büro des Ministerpräsidenten
angerufen, um sich über meine Fortschritte zu
­informieren“, sagt Hampel. In etwa anderthalb
Jahren habe er vier- bis fünfmal den Assistenten
des Ministerpräsidenten getroffen, der für die
Betreuung ausländischer Firmen zuständig ist.
„Wer Probleme hat, kann innerhalb einer Woche beim Ministerpräsidenten vorsprechen.“
Für die Baustoffbranche ist Georgien das
­ elobte Land. Die Regierung treibt den Bau von
g
Autobahnen und Eisenbahnstrecken, Hafen­
anlagen und Flughäfen an. Georgien soll zur
Logistikdrehscheibe der ganzen Region ausgebaut werden. Außerdem will Tiflis ein Dutzend
neuer Wasserkraftwerke bauen, um den Strom
zu exportieren. Auch nach Europa.
„Besonders im Baustoffsektor gibt es für
deutsche Unternehmen großartige Wachstumschancen“, bestätigt Uta Beyer von der DWVG.
Auch Logistik, Tourismus, Textil- und Nahrungsmittelproduktion boomen. Die Regierung
hat am Schwarzen Meer Touristiksonderzonen
eingerichtet, in denen Investoren auf Jahre von
jeglichen Abgaben befreit sind. Und es gibt weitere Vorteile: „Die Löhne sind niedrig, niedriger
als in der Türkei. Die Leute sind relativ gut
­ausgebildet, zuverlässig und leistungsbereit, sie
­arbeiten, wenn nötig, auch am Samstag. Und
man kann sie auch problemlos entlassen.“
Russland taut auf
Sogar in der Dauerfehde mit dem übermächtigen Nachbarn Russland, der 2008 mit Panzern
bis ins Landeszentrum vorstieß, stehen die Zeichen auf Entspannung. Georgien stimmte dem
WTO-Beitritt Russlands zu und schaffte Einreisevisa für russische Besucher ab. Nun ist die
russische Seite am Zug. Hebt Moskau die Importverbote für georgische Produkte auf, die
seit 2007 gelten, dürfte Georgien einen weiteren Wachstumsschub erleben.
2020
NEUE MÄRKTE
NEU
MÄRKT
2020
impulse-Serie Nach Nigeria,
der Türkei, der Mongolei und
Kolumbien widmen wir uns
im fünften Teil unserer Serie
zu den Märkten der Zukunft
Georgien. Es folgen Indone­
sien, Saudi-Arabien, Kasachs­
tan, Angola, Ägypten sowie
die Drehkreuze Dubai, Singa­
pur und Wien.
Im nächsten Heft, das am
31. Mai erscheint, geht es
nach Indonesien.
Mai 2012
impulse
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Management Märkte der Zukunft
Was Georgien so viel besser als andere Länder macht, lässt sich in Rustavi erleben, einer
Bezirkshauptstadt 30 Kilometer südöstlich von
Tiflis. Zwischen hässlichen Plattenbauten stehen drei gläserne Kuben, in einem befindet sich
die neu eröffnete Public Service Hall. Das Markenzeichen des Dienstzentrums sind freundlich
lächelnde Empfangsdamen, die die Kunden an
die richtigen Mitarbeiter weiterleiten. Ein deutscher Unternehmer kann es kaum glauben:
„Früher waren die Leute Bittsteller, den Launen
der Angestellten ausgeliefert. Heute sind die
Angestellten da, um uns zu dienen.“
Bis 2014 soll es im Land 14
In Deutschland bräuchte man solche Dienstzentren geben,
dafür eine ganze Abteilung für simple Angelegenheiten
ist sogar ein Drive-throughMichael Hampel von Heidelberg Cement freut sich,
Schalter geplant, wie bei
dass eine Mitarbeiterin den Papierkram allein schafft
McDonald’s. „Wir bieten 250
verschiedene Leistungen an
einem Platz, die früher über verschiedene Behörden und Ministerien verteilt waren“, sagt
Givi Chanukvadse, Leiter des öffentlichen
Dienstzentrums. Die Bürger können hier Unternehmen gründen und ins Handelsregister eintragen, Immobilien veräußern und ins Grundbuch schreiben lassen, Geburts- oder Heiratsurkunden erhalten. Innerhalb von wenigen
Minuten werden die Dokumente ausgestellt.
Für einen Pass muss man eine Stunde warten,
eine Firmengründung samt Eintragung ins
Handelsregister kann binnen zwei Stunden
­erledigt sein.
Die staatliche Bürokratie wurde entschlossen
ausgemistet – rund 70 Prozent der Lizenzen und
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impulse
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Drehscheibe im Kaukasus
All das macht es leichter, Mitarbeiter nach Georgien zu entsenden. Der Elektrogerätekonzern
Bosch eröffnete neulich ein Regionalbüro für
den gesamten Südkaukasus in Tiflis. Und die
Commerzbank hat ihren Sitz von Aserbaidschan
nach Georgien verlegt. „Wegen seiner Lage kann
Georgien als Standort für den ganzen Südkaukasus dienen“, sagt Boris Gamrekeli.
Chemie-Ingenieur Gamrekeli ist Geschäftsführer von Caparol. Der Farbenhersteller hat
1998 die ersten Farben nach Georgien verkauft.
2008 eröffnete das Unternehmen aus OberRamstadt ein vollautomatisches Werk neben
dem Flughafen von Tiflis, in dem derzeit 3000
Tonnen Farbe pro Jahr produziert werden. „Wir
hätten diese Menge allein in Georgien nicht
verkaufen können“, sagt Gamrekeli. Doch das
ist gar nicht nötig. „Mit georgischen Ursprungszertifikaten können wir unsere Farben sowohl
nach Aserbaidschan als auch nach Armenien
zollfrei exportieren.“
Visum/Wolfgang Korall; Andrzej Rybak (2); Colourbox
Lebensqualität In der Altstadt von Tiflis eröffnen fast
täglich neue Restaurants. Vor
den Kaffeehäusern stehen
Stühle auf der Straße
90 Prozent der Genehmigungen sind abgeschafft – und es wurde für Transparenz gesorgt.
„Alle öffentlichen Ausschreibungen kann ich online abrufen“, berichtet ein Unternehmer. Außerdem gibt es heute nur noch sechs Steuerarten,
die Steuerbelastung ist die siebtkleinste weltweit. Die Unternehmenssteuer liegt bei 15 Prozent. „Wir haben eine Mitarbeiterin, die sich
um die Steuer kümmert“, sagt Michael Hampel
vom Baustoffhersteller Heidelberg Cement, der
1100 Menschen beschäftigt. „In Deutschland
bräuchte man dafür eine ganze Abteilung.“
Die einst notorische Korruption gehört in
­Georgien der Vergangenheit an. Präsident Saakaschwili hat 2004 rund 40 000 Polizeibeamte
fristlos entlassen, die Gesetzeshüter galten als
besonders korrupt. Dann stellte er junge Leute
ein, die von US-Experten ausgebildet wurden,
und erhöhte deren Gehalt. Sie mussten in neue,
voll verglaste Gebäude umziehen, die staatliche
Transparenz symbolisieren sollen. Der Erfolg
hat selbst die internationalen Experten überrascht: 84 Prozent der Georgier vertrauen heute der Polizei, vor sieben Jahren waren es gerade zehn Prozent. Nur noch in Finnland gelten
die Beamten als weniger korrupt.
Die neue Polizei nahm sofort den Kampf
­gegen die organisierte Kriminalität auf. Mafia­
bosse wurden vor Gericht gestellt, einige flohen
nach Russland. In fünf Jahren ist die Zahl der
bewaffneten Raubüberfälle um 80 Prozent gesunken. „Tiflis ist sicherer als Heidelberg oder
Mannheim“, sagt Hampel. „Hier kann man das
Auto abstellen, ohne es abzuschließen.“
Wegen des Konflikts zwischen Armenien und
Aserbaidschan um Bergkarabach ist die Grenze
zwischen den beiden Staaten geschlossen.
­Georgien fungiert für beide als Vermittler und
Zwischenhändler und profitiert davon, dass es
einen Zugang zum Schwarzen Meer hat.
Trotz aller Fortschritte: Georgien ist immer
noch ein Land im Umbruch. Die Infrastruktur
mutet Geschäftsreisenden viel zu. Der Abbau
der Armut, vor allem auf dem Land, kommt in
manchen Regionen kaum voran. Und Defizite
bei Demokratie und Meinungsfreiheit sorgen
immer wieder für Kritik. „Aber die Richtung,
die das Land eingeschlagen hat, die stimmt“,
sagt Archil Jvania.
Der Georgien-Chef des Babynahrungsherstellers Hipp ist auch in Deutschland ­aufgewachsen,
wohin sein Vater ins Asyl geflohen war. „In den
90er-Jahren sind die besten Leute vor dem
Krieg ins Ausland geflüchtet“, sagt Jvania. „Nun
kommen einige wieder zurück, um die neuen
Chancen zu Hause zu ergreifen.“
Das Land profitiert von den Erfahrungen, die
die Rückkehrer im Ausland gesammelt haben.
Und die sorgen so dafür, dass es in Georgien
keine Rückkehr zu den alten Verhältnissen
­geben wird. „Egal wer künftig an die Macht
kommt: Das Volk will Demokratie des westli-
chen Typs“, sagt Jvania. „Es ist erstaunlich, dass
sich das Land nach 90 Jahren Sowjetherrschaft
so schnell so tief greifend verändert hat.“
Noch viel weiter in die Vergangenheit zurück
geht Burkhard Schuchmann, der westfälische
Winzer in Kisiskhevi. 250 000 Flaschen füllt er
jedes Jahr ab. Einen Teil davon stellt er nach
­einer uralten Methode her, bei der er riesige
Tonamphoren einsetzt. „Die Qvevri-Weine sind
etwas ganz Besonderes“, sagt er. Die Amphoren, die zwischen 500 und 3300 Liter fassen,
sind bis zum Hals in der Erde eingegraben.
Die Unesco erwägt, die Produktionsmethode
als Kulturerbe der Menschheit anzuerkennen.
„Das dürfte den georgischen Wein weltweit bekannt machen“, schwärmt Schuchmann.
Besuch vom Präsidenten
Letztens, als Schuchmann ein neues Château
eröffnete, das neben acht Hotelzimmern auch
ein Restaurant beherbergt, kam Georgiens
­Präsident Michail Saakaschwili. Dem hat
Schuchmann gleich zum Wandel in seinem
Land gratuliert. Besonders eine von dessen
neuen Regeln hat es Schuchmann angetan:
„Wenn Sie etwas beantragt haben, aber innerhalb von vier Wochen keinen Bescheid bekommen, gilt das als genehmigt.“
Georgian Mittelstand Michael Hampel (o.) steuert
Heidelberg Cement; Weinbauer Burkhard Schuchmann
mit Geschäftsführerin Angeles Tegtmeyer
Handbuch für Georgien
Wo gibt es Informationen für Unternehmer? Wer hilft beim Markteintritt?
Welche Messen lohnen sich? impulse beantwortet die wichtigsten Fragen
Visa
Für einen Aufenthalt in Georgien brauchen
deutsche Staatsangehörige kein Visum.
Erst nach 360 Tagen im Land muss es
beantragt werden. Mit dem eigenen Auto
darf man allerdings höchstens 20 Tage
in Georgien bleiben. Weitere Infos bei der
­georgischen Botschaft in Deutschland.
Der Ost- und Mitteleuropa Verein
informiert über die Region und organisiert
regelmäßig Unternehmerreisen.
Vom 16. bis 21. Mai finden „Deutsche Tage“
in Tiflis statt mit einer Expo deutscher Unternehmen am 16. Mai, organisiert von der
DWVG und der Botschaft. www.dwvg.ge
EU-Georgia Business Council
Die nicht staatliche Organisation mit Sitz
in Brüssel unterstützt Firmen aus der EU
beim Markteintritt. www.eugbc.net
Ein Überblick über weitere wichtige Messen in Georgien findet sich auf der Seite
Organisationen und Netzwerke
Die Deutsche Wirtschaftsvereinigung
Georgien besteht aus 60 deutschen und
georgischen Unternehmen. www.dwvg.ge
Weitere Ansprechpartner finden sich auf
der Plattform www.investmentguide.ge
www.germany.mfa.gov.ge
Die Investmentagentur Georgian National
Investment Agency unterstützt beim
Markteintritt. www.investingeorgia.org
www.o-m-v.org
Messen und Kongresse
Die bedeutende Baumesse Caucasus Build
findet vom 16. bis 19. Mai in Tiflis statt.
www.expogeorgia.ge/_exhibitions/
building2012
www.expogeorgia.ge
Die IHK Aschaffenburg veranstaltet einen
Wirtschaftstag Georgien am 19. Juni.
www.aschaffenburg.ihk.de
Zoll
Teppiche und Antiquitäten dürfen nicht
ohne Genehmigung aus Georgien mitgenommen werden. Infos auch beim Auswärtigen Amt. www.auswaertiges-amt.de
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