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"Ich dachte, die werden schon wissen, was sie tun" - Michaela Steuer

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LEA-SOPHIE IHR ONKEL SUCHT ERKLÄRUNGEN FÜR DEN HUNGERTOD DER
FÜNFJÄHRIGEN
"Ich dachte, die werden schon wissen, was sie tun"
Rico G. über das letzte gemeinsame Weihnachten und die
Veränderung seiner Schwester Nicole G.
Von Hanna-Lotte Mikuteit
Schwerin Am Tag nach ihrem Tod war seine Kerze eine der ersten vor dem Haus in Schwerin, in dem LeaSophie lebte und so elend starb. "Sie war eine ganz Süße, hat sich immer so gefreut, wenn man
mit ihr gespielt hat", sagt Rico G. (29). Er ist ihr Onkel. Trauer und Schmerz lassen seine Augen
dunkel scheinen. "Unser Mäuschen." Weihnachten vor drei Jahren hat er die Kleine zum letzten Mal
gesehen. "Da war sie zwei Jahre alt, saß vor ihren riesigen Paketen und strahlte. Es ging einem das
Herz auf." Ein niedliches blondes Mädchen mit Kulleraugen. Weitere Erinnerungen. Weihnachten
mit Lea-Sophie wird es nie mehr geben. Seit sieben Tagen ist sie tot, verhungert und verdurstet in
der Wohnung ihrer Eltern.
Rico G. hatte es im Radio gehört, dann rief eine Tante an. "Ich habe gedacht, das kann nicht sein.
Wie kann man den Tieren zu fressen geben und sein Kind verhungern lassen?", sagt der
Multimediastudent. "Man möchte sich das gar nicht vorstellen, wie die Kleine gelitten hat. Man will
es nicht, weil man es nicht wahrhaben will." Lea-Sophies Mutter, Nicole G. (23), ist seine
Schwester. "Die eigenen Familienmitglieder in einem so schrecklichen Zusammenhang zu sehen ist
ziemlich surreal", sagt Rico G., der mit seiner Freundin Kerstin, einer
Rechtsanwaltsfachangestellten, in Schwerin zusammenlebt. Sie gibt ihm Trost, hilft ihm bei der
Suche nach Antworten. "Ich würde meiner Schwester das nie zutrauen. Es müssen Umstände
gewesen sein, die sie in die Enge getrieben haben", sagt Rico G. Eigentlich habe er immer guten
Kontakt zu ihr gehabt, so der junge Mann mit der modernen Brille. Beschreibt seine Schwester als
nett und fröhlich. "Aber das hat sich in den vergangenen Jahren geändert, wegen ihrer Beziehung,
denke ich." Stefan T. (26) kam in ihr Leben.
Anfangs feierte man noch zusammen. Aber, erinnert sich Rico G., seine Schwester sei plötzlich
verstockt und zurückhaltend gewesen. Allein mit ihr zu sprechen sei kaum möglich gewesen.
"Stefan war immer in der Nähe." Dieser habe gefühlskalt gegenüber der Kleinen gewirkt. "Da
wurde nie liebevoll gekuschelt oder auch nur gespielt." Der Kontakt zur Familie wurde weniger. "Ich
hatte einfach das Gefühl, ich dränge mich nur noch auf." Zwei Jahre ist es her, dass er zum letzten
Mal mit seiner Schwester gesprochen hat.
"Ich habe mir schon Sorgen gemacht", sagt Rico G., der nicht weit von Nicole und ihrer Familie
wohnt. Gesehen hat er seine kleine Nichte nie, nicht beim Einkaufen, nicht auf dem Spielplatz. Sein
Vater habe ihm dann erzählt, dass da was nicht stimme, dass er das Jugendamt eingeschaltet
habe. Unternommen hat Rico nichts. "Ich hatte Angst, dass wir vielleicht falsche Behauptungen
aufstellen", sagt er heute. "Ich dachte, die werden schon wissen, was sie tun."
Die Wahrheit traf ihn wie ein Schlag. Er hat die Fotos von dem letzten gemeinsamen Weihnachten
rausgeholt, sein Lieblingsbild von Lea-Sophie. Dann haben er und seine Freundin Kerstin eine
weiße Kerze genommen, zwei rote Herzen daraufgemalt und zu dem Haus in der Kieler Straße
gebracht. Es bleibt das Gefühl der Ohnmacht, auch von Schuld. "Aber was hätte man überhaupt
machen können?", fragt Rico G. sich selbst. "Das Jugendamt war ja informiert. Und wie soll man
einem Menschen helfen, der absolut keine Bindung zu einem aufbauen will?"
MITARBEIT: Inken Ramelow, Michaela Steuer
erschienen am 27. November 2007
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