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Ein Muslim zieht ins
Pflegeheim
– Handlungsleitlinie –
Erstellt von Michaela Kops
Iserlohn 2014
Kultursensible Pflegeanamnese
Voraussetzung für eine tragfähige, transkulturelle
Pflegebeziehung mit entsprechender umfassender, exakter
Pflegediagnostik und zielführender Pflegeplanung ist ein
kultursensibles Pflege-Assessment.1
Ein kultursensibles Pflege-Assessment sollte mit den
bereits angewendeten Instrumentarien wie beispielsweise
dem pflegediagnoseorientierten Anamnesebogen verknüpft
werden.
Hierbei
sind
folgende
individuelle,
kulturspezifische
Faktoren
zu
berücksichtigen:
Kommunikation, kulturelle Zugehörigkeit, Migrationsgeschichte,
religiöse
Bedürfnisse,
Gesundheits-,
Krankheits- und Pflegeverständnis sowie soziale
Organisation.2
Die Erstellung einer kultursensiblen Pflegeanamnese stellt
hohe Ansprüche an Empathie und kultursensible
Kompetenzerweiterung. Voraussetzung ist die konsequente
Suche nach Verständnis und Begegnung mit den Patienten
und ihren Angehörigen sowie viel Hintergrundwissen über
Lebensalltag, Herkunftskultur und Lebenswelterfahrungen
der Patienten im Herkunftsland und vor Ort. Hierbei muss
jedoch die Individualität immer berücksichtigt werden. Nur
weil ein Mensch in Ostanatolien geboren wurde muss er
sich nicht stereotyp türkisch verhalten. Es ist festzuhalten,
welchen rein äußerlichen Eindruck dieser spezielle Mensch
1
2
Lenthe 2011, S. 171
Lenthe 2011, S. 171 f.
in Bezug auf seine kulturelle Zugehörigkeit macht und wie
er mit der Situation umgeht.3
Im Folgenden wird in Anlehnung an die Aktivitäten und
existenziellen Erfahrungen des täglichen Lebens (AEDL)
nach Monika Krohwinkel aufgeführt, in welchen Bereichen
es die größten Unterschiede zur Standard-Pflege gibt.
3
Bose & Terpstra 2012, S. 146
_1
Kommunizieren
In der muslimischen Kultur ist es üblich, vor
Betreten einer Wohnung die Schuhe
auszuziehen und die bereitgestellten
Hausschuhe anzuziehen.4 Dies sollte auch in
einem Pflegeheim ermöglicht werden.
Die Begrüßung erfolgt unter Bekannten und Freunden
üblicherweise mit einem Küsschen auf beide Wangen,
während man sich die rechte Hand gibt. Begrüßt ein
Muslim eine wesentlich ältere Person, so deutet dieser
einen Kuss auf den Handrücken der Person an und führt
dann die Hand an die eigene Stirn. Bei formellen Anlässen,
Einkaufen oder Amtsgängen gibt man üblicherweise weder
ein Küsschen noch die Hand. Frauen werden öfter durch ein
leichtes Kopfnicken begrüßt.5
Teilweise wird der Handschlag zur Begrüßung zwischen
unverheirateten und nichtverwandten Männern und Frauen
als Verletzung der Intimsphäre betrachtet.6
Respekt spielt in familiären Beziehungen eine große Rolle,
hierzu gehört es sich den Wünschen und Entscheidungen
der Eltern, des Ehemanns und älteren Verwandten sowie
4
http://www.kemer-tr.info/Tuerkischkurs1.htm
Dilmaç 2012, S. 65 ff.
6
Hax-Schoppenhauer & Jünger 2010, S. 74
5
Personen mit bestimmten Wissen – religiöse Führer,
Lehrer, Mediziner – zu beugen.7
Türkische Redewendungen erleichtern den Kontakt:
• Hallo – Merhaba (Märhaba)
• Guten Morgen –– Günaydin (güneidin)
• Guten Abend - Iyi aksamlar (ii akschamlar)
• Gute Nacht - Iyi geceler (ii gedscheler)
• Wie geht es Ihnen? – Nasilsiniz? (nazilzinis)
• Mir geht es gut – Iyiyim (Ijijim)
• Ja – Evet (ewet)
• Nein – Hayir (Hayir)
• Bitte – Lütfen (Lütfen)
• Danke - Tesekkür ederim (teschekür ederim)
• Wie heißen Sie? - Isminiz nedir? (izminis nedir?)
• Ich heiße… - Adim… (adim)
• Ich verstehe nicht – Anlamiyorum (anlamijorum)8
• Wie möchten Sie angesprochen werden?
• Ist eine Begrüßung mit Handschlag für Sie in Ordnung? Wenn nein,
wie möchten Sie begrüßt werden?
• Brauchen Sie Übersetzungshilfen?
7
8
Zielke-Nadkarni 2011, S. 12
http://www.sy-binna.de/binna/tuerksprache.php
_1
Sich bewegen
_2
Gespräche
mit
türkisch-stämmigen
Muslimen haben ergeben, dass die
jüngere Generation verpflichtet ist, der
älteren Generation Lasten abzunehmen.
Hierbei handelt es sich um Dinge wie
Einkäufe tragen, Schuhe bereitstellen
oder in die Jacke helfen. Bei Besuch bedient der Jüngste die
Älteren.
Alleine zu Hause versuchen die Älteren sich so lange wie
möglich selber fortzubewegen und alles selber zu machen.
Dementsprechend könnte es zu Konflikten in der
Erwartungshaltung vieler Pflegeheime kommen, die nach
dem Prinzip ‚So viel Hilfe wie nötig, so wenig wie
möglich’ arbeiten.
• Erwarten Sie, dass Ihnen alle Aufgaben abgenommen werden?
• Erläuterung des Prinzips ‚So viel Hilfe wie nötig, so wenig wie
möglich’
Vitale Funktionen des Lebens aufrechterhalten
Es gilt ein Alkoholverbot sowie ein
Nahrungsverbot für Schweinefleisch,
einschließlich
aller
vom
Schwein
stammenden Lebensmittel und Produkte.
Diese können jedoch auch in Medikamenten enthalten und
somit verboten sein.9
Gelatine in Kapseln und Alkohol in Hustensaft sind
Sollte
es
kein
entsprechend
nicht
gestattet.10
Ersatzmedikament ohne diese Inhaltsstoffe geben, darf es
genommen werden.11
Während des Fastenmonats Ramadan nehmen Muslime
tagsüber weder Speisen noch Getränke zu sich. Das Verbot
der Aufnahme von Speisen und Getränken kann sich auch
auf die Einnahme von Medikamenten und Infusionen
auswirken. Medikamente sollten daher wenn möglich
abends verabreicht werden.12
• Wissen Sie, ob in denen vom Arzt verschriebenen Medikamente
Alkohol oder Schweineprodukte enthalten sind?
•
9
Wie Handhaben Sie die Einnahme von Medikamenten während des
Fastenmonats?
Beckwermert & Zielke-Nadkarni 2011, S. 23
http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2013/07/481333/sind-die-medikamente-halal-tuerkischer-arzt-fordertmehr-patienten-information/
11
Heine 1997, S. 213 f.
12
Beckwermert & Zielke-Nadkarni 2011, S. 23
10
_3
Sich pflegen
_4
Im Islam besitzt Reinheit einen hohen
Stellenwert, wobei zwischen innerer und
äußerer, sowie kleiner und großer
ritueller Reinheit unterschieden wird.13
Eine kleine Unreinheit geschieht durch
Schlaf, Bewusstlosigkeit und Ausscheidung. Zur Reinigung
reicht
eine
kleine
Waschung.
Samenerguss,
Geschlechtsverkehr, Menstruation und Wochenfluss
verursachen eine große Unreinheit und benötigen eine
große Waschung.14
Bei Muslimen ist es nicht unüblich statt Toilettenpapier den
Intimbereich unter fließendem Wasser mit der linken Hand
zu säubern.15 Bei Bedarf kann hierfür in der
Pflegeeinrichtung eine Wasserkanne in den Toilettenraum
gestellt werden.16
Die Rasur von Scham- und Achselhaaren ist bei Muslimen
grundsätzlich üblich und erfolgt mit der linken, unreinen
Hand.17
Viele Muslime werden sich nach dem Toilettengang,
Kontakt mit Erbrochenem, Schweiß oder Urin waschen
13
Beckwermert, Lewkowicz et al. 2011, S. 28
Beckwermert, Lewkowicz et al. 2011, S. 28
15
Beckwermert, Lewkowicz et al. 2011, S. 28
16
Beckwermert, Lewkowicz et al. 2011, S. 29
17
Beckwermert, Lewkowicz et al. 2011, S. 29
14
wollen. Waschungen erfolgen unter fließendem Wasser. In
der Pflegeeinrichtung vorhandene Waschbecken und
Duschen reichen in der Regel aus, bei beständig Immobilen
Bewohnern empfiehlt sich das Waschen mittels Kanne und
Waschschüssel.
Hierbei
ist
es
wichtig,
auf
gleichgeschlechtliches Pflegepersonal zu achten.18
Die kleine Waschung erfolgt mindestens fünfmal täglich in
folgender Reihenfolge:
1. dreimal Handgelenk und Hände bis zu den Gelenken
waschen, dabei erst die rechte, dann die linke Hand
waschen, auch unter Ringen waschen
2. Wasser in hohle rechte Hand nehmen und damit
dreimal den Mund ausspülen
3. Wasser in die hohle rechte Hand nehmen und dreimal
durch die Nase inhalieren und wieder ausschnauben
4. dreimal Gesicht, Stirn und Kinn waschen
5. dreimal den rechten Unterarm bis zum Ellenbogen
waschen
6. dreimal den linken Unterarm bis zum Ellenbogen
waschen
7. mit den nassen Händen durchs Haar gehen
8. mit nassen Zeigefingern die Ohren auswaschen, mit
nassem Daumen die Rückseite der Ohrmuscheln
bestreichen
9. dreimal den rechten Fuß einschließlich Knöchel
waschen
18
Beckwermert, Lewkowicz et al. 2011, S. 29
_4
10. dreimal den linken Fuß einschließlich Knöchel
waschen.19
_4
Zur rituellen Reinigung großer Unreinheit erfolgt:
1. ein Duschbad, hierbei werden die verschmutzten
Körperregionen gründlich gesäubert
2. Kleine Waschung (s.o.)
3. dreimal Wasser über Kopf und rechte Körperhälfte
gießen
4. dreimal Wasser über Kopf und linke Körperhälfte
gießen.20
Während des Fastenmonats Ramadan wird traditionell
tagsüber keine Mundpflege durchgeführt, da verschlucktes
Wasser oder Zahnpasta das Fasten brechen würden.21
•
•
•
•
•
•
19
Nutzen Sie Toilettenpapier?
Benötigen Sie eine Kanne mit Wasser auf dem Zimmer?
An welchen Stellen rasieren Sie sich?
Wie rasieren Sie sich: Nassrasierer, Trockenrasierer, Fadentechnik?
Wie wichtig ist Ihnen gleichgeschlechtliches Pflegepersonal?
Führen Sie während des Ramadans tagsüber Mundpflege durch?
Yazici 2003, S. 81 f.
Beckwermert, Lewkowicz et al. 2011, S. 28
21
Heine 1997, S. 263
20
Essen und Trinken
Basierend auf den Koran bestehen
unterschiedliche Speisegebote, Trinkund Schlachtvorschriften. Bei der
Versorgung
von
muslimischen
Bewohnern sind die Wünsche des
einzelnen zu erfragen, da die Einhaltung der Vorschriften
sehr unterschiedlich gehandhabt wird.22
Es gilt ein Alkoholverbot sowie ein Nahrungsverbot für
Schweinefleisch, einschließlich aller vom Schwein
stammenden Lebensmittel und Produkte. Diese können
beispielsweise in Fertiggerichten und Soßenpulvern
vorkommen. Pferde- und Eselfleisch sollten vermieden
werden.23
Nahrung wird mit der rechten Hand aufgenommen. Die
linke Hand gilt als unrein und wirkt bei der
Nahrungsaufnahme nur unterstützend. Sollte Nahrung
durch Pflegekräfte angereicht werden müssen, ist hierauf zu
achten.24
Der Ramadan ist der dreißigtägige Fastenmonat. Hierbei
wird zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang auf Essen,
Trinken, Rauchen und Geschlechtsverkehr verzichtet. Dies
22
Beckwermert & Zielke-Nadkarni 2011, S. 23
Beckwermert & Zielke-Nadkarni 2011, S. 23
24
Beckwermert & Zielke-Nadkarni 2011, S. 23
23
_5
_5
kann zu einer Verweigerung der Einnahme von
Medikamenten oder Infusionen führen. Kranke können sich
auf eigenen Wunsch von der Fastenpflicht befreien. Die
erste Mahlzeit nach Sonnenuntergang wird gemeinsam mit
der Familie zelebriert.25
In Gedenken an den Propheten Mohammed wird dabei
häufig mit einer Dattel und einem Glas Milch begonnen.26
Weitere traditionelle Fastenspeisen sind: Honig, süßes
Gebäck,
Schafskäse,
Kaviar,
eingelegte
Oliven,
Marmelade, Früchte, Weiß- oder Fladenbrot sowie
verschiedene Würste.27
Essen hat einen sehr hohen Stellenwert und ist eng mit der
Idee von Gastfreundschaft verknüpft. Beim Essen lassen
sich Muslime häufig viel Zeit und nehmen die Mahlzeiten
gerne in Gesellschaft zu sich. Zwei warme Mahlzeiten sind
in vielen Familien üblich. Brot, Getränke und
unterschiedlich eingelegte Gemüse gehören zu jeder
Mahlzeit dazu. Der Nachtisch ist meist sehr süß.28
Wichtige Begrifflichkeiten in Bezug auf Essen sind:
- schächten: Schlachten des Tieres nach Vorgaben aus
dem Koran. Durch das Schächten der Tiere bluten
diese schnell und vollständig aus.
25
Beckwermert & Zielke-Nadkarni 2011, S. 23
Lenthe 2011, S. 64
27
Heine 1997, S. 262
28
Beckwermert & Zielke-Nadkarni 2011, S. 23
26
- halal (arabisch: rein, erlaubt): erlaubte Lebensmittel.
Hierzu gehören alle verträglichen pflanzlichen
Lebensmittel sowie Fleisch von geschächteten Tieren.
- haram (arabisch: verboten oder Tabu): verbotene
Lebensmittel. Hierzu gehören alle als schädlich
erachteten
Lebensmittel,
wie
beispielsweise
Schweinefleisch.
- makruh (arabisch: verpönt): in Bezug auf Essen
verpönte jedoch nicht verbotene Handlungen,
beispielsweise im Stehen zu trinken.29
Wie strikt halten Sie das Verbot von Alkohol ein?
Wie strikt halten Sie das Verbot von Schwein ein?
Auf was müssen wir bei der Nahrungszubereitung achten?
Mit welchen Gerichten kann man Ihnen eine Freude machen?
Können Sie uns das Rezept besorgen?
• Darf mit einer Pfanne gebraten werden, in der schon einmal Schwein
zubereitet wurde?
• Fasten Sie im Ramadan?
•
•
•
•
•
29
Zu welchen Uhrzeiten haben Sie üblicherweise gegessen? Wie sieht
bei Ihnen normalerweise ein Frühstück/ Mittagessen/ Abendessen
aus?
Beckwermert & Zielke-Nadkarni 2011, S. 23
_5
_5
Abbildung 1 Erlaubte und verbotene Nahrungsmittel nach muslimischen
Glauben30
30
Bose & Terpstra 2012, S. 27
Ausscheiden
Bei Muslimen ist es nicht unüblich statt
Toilettenpapier den Intimbereich unter
fließendem Wasser mit der linken Hand
zu säubern.31 Bei Bedarf kann hierfür in
der Pflegeeinrichtung eine Wasserkanne
in den Toilettenraum gestellt werden.32
Urinflaschen und -beutel sollten immer abgedeckt sein.
Durch sichtbaren Urin wird die eigene Unreinheit immer
vor Augen gehalten.33
• Nutzen Sie Toilettenpapier? (Siehe: Sich pflegen)
• Benötigen Sie eine Kanne mit Wasser auf dem Zimmer? (Siehe: Sich
pflegen)
31
Beckwermert, Lewkowicz et al. 2011, S. 28
Beckwermert, Lewkowicz et al. 2011, S. 29
33
Beckwermert, Lewkowicz et al. 2011, S. 29
32
_6
Sich kleiden
Im islamischen Glauben gibt es klare
Bekleidungsvorschriften
und
spezielle
Umgangsformen zwischen nicht-verwandten
und unverheirateten Gegengeschlechtern.34
_7
Körperkontakt mit Fremden soll vermieden werden,
Kleidung wird als Sichtschutz betrachtet. Um dem
islamischen Verständnis von Intimität, Schamgefühl und
körperlicher Unversehrtheit gerecht zu werden, wird von
Frauen gefordert, den gesamten Körper mit Ausnahme von
Gesicht und Händen zu verhüllen. Männern wird zur
vollständigen Kleidung geraten, es reicht jedoch aus, sich
vom Knie bis zum Nabel zu bedecken. Damit die Konturen
des Körpers nicht zu erkennen sind, soll die Kleidung
weder eng noch durchscheinend sein.35
Viele muslimische Frauen tragen ein Kopftuch, wenn die
Gegenwart fremder Männer zu erwarten ist. In reinen
Frauengruppen oder innerhalb der Familie wird das
Kopftuch abgelegt.36 Das Binden des Kopftuches ist eine
Kunst für sich, hierzu gibt es im Internet verschiedene
Anleitungen
(z.B.
http://muslima-augsburg.de.tl/KOPFTUCHBINDEN.htm).
• Welche Kleidung tragen Sie im Normalfall?
• Brauchen Sie Hilfe beim Anlegen der Kleidung bzw. des Kopftuchs?
• Welche Kleidung tragen Sie tagsüber bzw. im Bett?
34
Hax-Schoppenhauer & Jünger 2010, S. 74
Hax-Schoppenhauer & Jünger 2010, S. 74
36
Laabdallaoui & Rüschoff 2010, S. 36 f.
35
Ruhen und Schlafen
Ein gläubiger Muslim betet fünfmal
täglich.37 Die Gebete vor Sonnenaufgang, nach Sonnenuntergang und
nachts können mit dem Ablauf auf
einem Pflegebereich kollidieren. Hier gilt es Absprachen zu
treffen.
Das Bett sollte bei strenggläubigen, vor allem bettlägerigen,
Muslimen in Richtung Mekka ausgerichtet sein.38 Laut
mehrerer Aussagen von Muslimen dürfen die Füße auf
keinen Fall in Richtung Mekka zeigen, da dies als unhöflich
gilt.
• Wann stehen Sie normalerweise auf?
• Wann gehen Sie normalerweise zu Bett?
• Soll das Bett in Richtung Mekka ausgerichtet werden bzw. darauf
geachtet werden, dass die Füße nicht nach Mekka zeigen?
37
38
http://www.islam.de/1641.php
Peters 2006, S. 16
_8
Sich beschäftigen
_9
Traditionell gab es in der Familie klare,
geschlechtsspezifische
Arbeitsbereiche.
Mittlerweile sind diese in den einzelnen
Familien unterschiedlich geregelt. Zu den
traditionellen Aufgaben der Männer gehören
Einkaufen, Schweres zu tragen, Behördengänge und außerhäusliche Angelegenheiten, zu den
Aufgaben der Frau gehören traditionell Kranke pflegen, die
gesamte Hausarbeit, Kinder versorgen, baden und zur
Toilette begleiten, Wäsche waschen, aufräumen, einkaufen,
staubwischen, putzen, bügeln, Behördengänge und
Formulare. 39
Familienbesuche sind häufig Teil der Freizeitbeschäftigung.
Zu den guten Taten eines Muslims gehört es, kranke
Verwandte und Freunde zu besuchen. Die Gesellschaft
anderer wirkt sich den Vorstellungen nach positiv auf den
Bewohner aus, da er von seinem Leiden abgelenkt wird und
das Interesse an der Umgebung behält.40
• Welche Tätigkeiten haben Sie im Haushalt durchgeführt?
• Haben Sie einen Beruf ausgeübt, wenn ja: welchen?
• Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Freizeit?
39
40
Zielke-Nadkarni 2011, S. 12
Heine 1997, S. 215
Sich als Mann oder Frau fühlen und verhalten
Die Wahrung der Intimsphäre ist vielen
Muslimen sehr wichtig, daher sollte die
Intimpflege wenn möglich von gleichgeschlechtlichen
Personen
durchgeführt
werden.41
Auch Körperkontakt in Form von Handschlag oder
tröstender Berührung zwischen unverheirateten und
nichtverwandten Personen kann als Verletzung der
Intimsphäre wahrgenommen werden.42
• Wie wichtig ist Ihnen die Pflege durch eine Person gleichen
Geschlechts?
• Betrachten Sie die Begrüßung mit Handschlag als Verletzung der
Intimsphäre?
41
42
Beckwermert, Lewkowicz et al. 2011, S. 28
Hax-Schoppenhauer & Jünger 2010, S. 74
10
Für eine sichere Umgebung sorgen
Als Ursache eines Unglücks wird
manchmal der sogenannte ‚böse Blick’
gesehen. Um diesen zu vermeiden,
helfen Zaubersprüche und Amulette,
sowie die Hand mit der Handfläche nach
vorne hin auszustrecken und die fünf
Finger zu spreizen.43
11
Gespräche mit türkischstämmigen Muslimen ergaben, dass
ihnen Amulette, Gebetssprüche oder arabische Schriften
mit den Namen Allah oder Mohammed ebenso ein Gefühl
der Sicherheit vermitteln, wie Bilder der heiligen
Pilgerstätte in Mekka.
• Möchten Sie gerne Bilder oder ähnliches anbringen? Brauchen Sie
Hilfe hierbei?
• Verwenden Sie Amulette oder ähnliches gegen den bösen Blick?
43
Clark 2006, S. 193
Soziale Bereiche des Lebens sichern
Bei Muslimen besteht meist ein starkes
Zusammengehörigkeits- und Verpflichtungsgefühl innerhalb der Familie,
welches Pfleger kennen und respektieren
sollten. Häufige, auch unangemeldete
Besuche sind normal.44
12
•
•
•
•
44
Wie viel Besuch erwarten Sie?
Bis zu welcher Uhrzeit erwarten Sie Besuch?
Benötigen Sie weitere Stühle auf Ihrem Zimmer?
Möchten Sie, dass Ihre Familie mit Ihnen gemeinsam Mahlzeiten auf
Ihrem Zimmer einnimmt?
Zielke-Nadkarni 2011, S. 11
Mit existenziellen Erfahrungen des Lebens umgehen
Nach islamischen Glauben sind Körper
und Gesundheit eine Gottesgabe. So
entsteht die Verpflichtung, die eigene
Gesundheit zu bewahren und alle nötigen
Maßnahmen zur Wiederherstellung der
Gesundheit zu ergreifen. Da nichts ohne die Einwilligung
Gottes geschieht, wird Krankheit teilweise als Strafe oder
Prüfung wahrgenommen.45
13
In der Regel erfolgt das Gebet auf sauberem Boden oder
Gebetsteppich und ohne Schuhe. Beim Gebet muss sich der
Gläubige mehrmals hinknien, mit der Stirn den Boden
berühren und sich wieder erheben. Vor jedem Gebet wird
eine kleine Waschung ( AEDL 4 Sich pflegen) durchgeführt.46
Ein gläubiger Muslim betet fünfmal täglich:
- Salat Al-Fajr: vor Sonnenaufgang
- Salat Al-Dhuhr: ungefähr mittags
- Salat Al-'Assr: nachmittags
- Salat Al-Maghrib: nach Sonnenuntergang
- Salat Al-'Isha: nachts.47
Gespräche mit türkischstämmigen Muslimen haben
ergeben, dass die Gebetszeiten im türkischen wie folgt
45
Hax-Schoppenhauer & Jünger 2010, S. 72 f.
Beckwermert, Lewkowicz et al. 2011, S. 28
47
http://www.islam.de/1641.php
46
lauten: 1.Sabah Namazi 2. Öglen Namazi, 3. Ikindi Namazi,
4. Akşam Namazi, 5. Yatsi Namazi.
Das Gebet kann überall dort geschehen, wo sich der
Muslim gerade aufhält. Eine Moschee ist also nicht
zwingend notwendig. Das Gebet erfolgt in Richtung Mekka
(Südosten).48
Der Freitag ist der religiöse Wochenfeiertag für Muslime.
Im Jahr gibt es zwei bedeutende Feste: das Fest des
Fastenbrechens und das große Opferfest. Das
Fastenbrechen beginnt am Ende des Ramadan und dauert
bis zu drei Tage, teilweise werden Geschenke ausgetauscht
und Kinder erhalten Süßigkeiten. Daher wird das Fest des
Fastenbrechens auch Zuckerfest genannt. Das Opferfest
wird etwa 70 Tage nach dem Ende des Ramadan gefeiert
und dauert vier Tage. Bei diesem Fest wird ein Lamm
geopfert, zwei Drittel des Fleisches werden an Verwandte
und Bedürftige verteilt. Bei beiden Festen trifft man sich
am Morgen des ersten Festtages zum rituellen Gebet.49
Sterbende können das Niederknien und Sich-Erheben beim
Beten symbolisch durch das Schließen der Augen
vollziehen. Die Wahrung der Privatsphäre kann
beispielsweise durch einen Sichtschutz gewahrt werden.
Der Sterbende wird in Blickrichtung Mekka gelagert. Am
Bett darf nur der Koran aufgestellt werden. Nur auf
48
49
Lewkowicz, Zielke-Nadkarni 2011, S. 33
Lenthe 2011, S. 63
13
ausdrücklichen Wunsch des Sterbenden sollte ein
Andersgläubiger ein rituelles Gebet sprechen oder hierbei
anwesend sein. Der Sterbende oder - falls derjenige nicht
mehr in der Lage ist zu beten – Angehöriger / Muslim liest
die Sure 36 Já-Sín. Hierbei hebt er seinen Finger Richtung
Himmel.50
In der Sterbephase nehmen Angehörige, Freunde und
Nachbarn Abschied. Dies führt häufig zu einer höheren
Anzahl an Besuchern als sonst üblich. Traditionell wird der
nahende Tod nicht angesprochen. Dies bedeutet, dass das
Pflegepersonal das Thema Tod zwar mit der Familie, nicht
aber mit dem Sterbenden selbst besprechen sollte. 51
13
Ein Muslim darf nicht durstig sterben. Daher sollte
entsprechend oft zu trinken angeboten werden.52
Am Sterbebett wird keine Trauer gezeigt. Erst nach Eintritt
des Todes wird die Trauer traditionell durch lautes
Wehklagen zum Ausdruck gebracht. Die anderen Bewohner
des Pflegeheims sollten hierauf vorbereitet werden.53
Nach Eintritt des Todes sollte der Körper von
Andersgläubigen nur mit Handschuhen berührt werden.
Dem Toten werden Augen und Mund verschlossen. Die
Arme liegen neben dem Körper, der Kopf weist nach
50
Lewkowicz, Zielke-Nadkarni 2011, S. 33
Lewkowicz, Zielke-Nadkarni 2011, S. 33 f.
52
Lewkowicz, Zielke-Nadkarni 2011, S. 34
53
Lewkowicz, Zielke-Nadkarni 2011, S. 34
51
rechts, das Gesicht zeigt nach Mekka. Die rituelle
Waschung erfolgt im Regelfall durch Angehörige, welche
hierbei die Sure 36 Já-Sín rezitieren. Der Ablauf der
Totenwäsche ist genau festgelegt:
1. Der Tote wird auf ein sauberes Bett gelegt.
2. Kleidung, Schmuck, Zahnprothesen etc. werden
entfernt.
3. Der Schambereich bleibt stets verdeckt.
4. Mund und Nase werden ausgespült.
5. Kopf- und Barthaar werden mit Duftwasser oder Seife
gewaschen.
6. Der Körper wird mit parfümiertem Wasser gewaschen.
7. Der Tote wird durch die Gemeinschaft in ein
Totengewand gewickelt.54
Die
einzelnen
Koransuren
können
http://www.koransuren.de nachgelesen werden.
•
•
•
•
•
54
Haben Sie einen eigenen Gebetsteppich?
Zu welchen Uhrzeiten möchten Sie beten?
Fahren Sie zum Freitagsgebet in die Moschee?
Kommt ein Geistlicher zu Ihnen?
Wünschen Sie einen bestimmten Geistlichen?
Lewkowicz, Zielke-Nadkarni 2011, S. 34
unter
13
Handlungsvorschläge
- Schulung von Mitarbeitern zu den
gängigsten Religionen und Kulturen, evtl.
durch eigene Mitarbeiter
- Erstellung von Handlungsleitlinien und Konzepten zu
den gängigsten Religionen und Kulturen
- Übersetzung der Aufnahme- und Beratungsunterlagen in
verschiedene Sprachen
- Übersetzung
wichtiger
Pflegedokumente
wie
Schmerzprotokoll oder Biografiebogen in verschiedene
Sprachen
- Einen Satz Töpfe und Pfannen in Reserve halten
- Kochbuch zu halalem, koscherem, vegetarischem Essen
etc. besorgen
Literatur
• Beckwermert, C., Lewkowicz, T., Meier, R., Zielke-Nadkarni, A. (2011):
Ausscheidung, Intempflege, Hygiene. In: Zielke-Nadkarni, A., Beckwermert, C.,
Lewkowicz, T., Meier, R.: Kultursensibel pflegen - Grundlagen der Pflege für die
Aus-, Fort- und Weiterbildung, Heft 30. Brake.
• Beckwermert, C., Zielke-Nadkarni, A. (2011): Ernährung. In: Zielke-Nadkarni, A., Beckwermert,
C., Lewkowicz, T., Meier, R.: Kultursensibel pflegen - Grundlagen der Pflege für die Aus-, Fortund Weiterbildung, Heft 30. Brake.
• Clark, M. (2006): Islam für Dummies. Weinheim.
• Dilmaç, E. (2012): Türkisch für Dummies. Weinheim.
• Domenig, D. (2007): Das Konzept der transkulturellen Kompetenz, in: Domenig, D. (Hg.):
Transkulturelle Kompetenz. Bern.
• Gardisi, M. (2011): Erfahrungsbericht Kultursensible Pflege in Lübeck und Umgebung – Ein 3jähriges XENOS-Projekt im Haus der Diakonie Lübeck, in: Perspektiven für die Altenpflege –
Kultursensibilität in: Ausbildung und Praxis. Lübeck.
• Halm, H. (2000): Der Islam – Geschichte und Gegenwart. München.
• Haug Dr., S., Müssig, S., Stichs Dr., A. (2009): Muslimisches Leben in Deutschland im Auftrag
der Deutschen Islam Konferenz. Forschungsbericht 6. Berlin.
• Hax-Schoppenhorst T., Jünger, S. (2010): Seelische Gesundheit von Menschen mit
Migrationshintergrund. Stuttgart.
• Heine, P. (1997): Halbmond über deutschen Dächern. München Leipzig.
• Knossalla, A. (2011): Interkulturalität lernen und Kompetenz entwickeln in der
Altenpflegehilfeausbildung, in: Perspektiven für die Altenpflege – Kultursensibilität in
Ausbildung und Praxis. Lübeck.
• Laabdallaoui M., Rüschoff, I. (2010): Umgang mit muslimischen Patienten. Bonn
• Lenthe, U. (2011): Transkulturelle Pflege. Kulturspezifische Faktoren erkennen – verstehen –
integrieren. Wien.
• Lewkowicz, T., Zielke-Nadkarni, A. (2011): Sterben und Tod. In: Zielke-Nadkarni, A.,
Beckwermert, C., Lewkowicz, T., Meier, R.: Kultursensibel pflegen - Grundlagen der Pflege für
die Aus-, Fort- und Weiterbildung, Heft 30. Brake.
• Peters, Martina (2006): Ausländischer Lebensabend in deutscher Heimat. In: Landeszentrale für
Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (Hg.): Mehr als Tee und Baklava – Die Facetten
der Kultursensiblen Altenpflege. Mainz.
• Von Bose, A., Terpstra, J. (2012): Muslimische Patienten pflegen. Berlin Heidelberg.
• Yazici, S. (2003): Religiöse Grundkenntnisse (Glaube, Gottesdienst, Moral, Biographie). Ankara
• Zielke-Nadkarni, A. (2011): Familien und ihre Traditionen. In: Zielke-Nadkarni, A.,
Beckwermert, C., Lewkowicz, T., Meier, R.: Kultursensibel pflegen - Grundlagen der Pflege für
die Aus-, Fort- und Weiterbildung, Heft 30. Brake.
Internetquellen:
http://www.bmfsfj.de
http://www.duden.de
http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/
http://www.esf.de
http://www.islam.de
http:/www.izdresden.de
http://www.kemer-tr.info
http://www.sy-binna.de
Ein Muslim zieht ins Pflegeheim – was nun? Die
Autorin Michaela Kops stellt in dieser Broschüre
übersichtlich die wichtigsten kulturellen Unterschiede in
den einzelnen AEDLs dar.
Die Broschüre selbst ist Bestandteil der Masterarbeit „Kultursensible Pflege am
Beispiel muslimischer Bewohner eines Pflegeheims“ der Autorin. Eine
Zusammenfassung der Masterarbeit sowie ein Fragebogen auf Deutsch und
Türkisch zur Erfragung der Prioritäten und Vorlieben von muslimischen
Bewohnern kann unter mail@michaela-kops.de erfragt werden.
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Seele and Geist
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