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Hans Werner Henze 1926-2012

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Traueransprache am Sarg Hans Werner Henzes
Marino 5. November 2012
Was will der Komponist – wovon träumt er? Ist es sein Wunsch, die Kunst neu zu erfinden, die
Welt zu verändern, mit Meisterwerken unsterblich zu werden? Sind das die Träume, für die ein
Komponist leben will? Hans Werner Henze hat eine andere Antwort gegeben, als er bekannte:
»Meine eigene Musik hat die größte Absicht zu wirken, mitten in die Herzen der Menschen
hinein«.
Ein Bekenntnis, das nicht sentimental klang und keinesfalls unzeitgemäß, wenn er es
aussprach. Und das ihn nicht von ungefähr gerade mit den Komponisten der Vergangenheit
verband, die sich in großen, gemeinschaftlichen, weltumgreifenden Formen mitteilten: von
Monteverdi über Mozart, Beethoven und Verdi bis zu Gustav Mahler. Hans Werner Henze war
einer von ihnen, ein Menschenfreund und Weltenbeweger. Ein Musiker des Diesseits, ein
Zeitgenosse ohne Berührungsängste, leidenschaftlich entflammt für alles, was er begann. Und
was mitten ins Herz zielte.
Ich habe ihn kennengelernt im denkwürdigen Jahr 1968, als in Hamburg sein Oratorium »Das
Floß der Medusa« nicht uraufgeführt wurde. Wenige Monate später war ich sein Schüler, hier in
diesen Räumen, aber der Unterricht glich mehr einer Unterweisung, einer weitreichenden
Anregung zu allen brennenden Fragen der Musik, der Gesellschaft, der Politik.
Später wurde ich sein Nachfolger in München, bei der von ihm begründeten Biennale für
neues Musiktheater. Ich folgte ihm nach, von ihm belehrt, gefördert und ermutigt – wie so viele
junge und mittlerweile auch schon ältere Musiker, die seiner Freundschaft, seiner neidlosen
Zuneigung, seinem Rat und seiner Tat mehr verdanken, als sie je erwidern konnten. Als Vorbild
bleibt er ohnehin unerreichbar.
Hans Werner Henze war mit einer verschwenderischen Begabung gesegnet, in diesem Sinne
maßlos als Künstler und als Mensch und deshalb niemals anfällig für Dogmatik oder Orthodoxie.
Die Animositäten, die eine Zeitlang in der Neuen Musik zum guten Ton gehörten, kamen von
anderen Seiten. Ihm war Rechthaberei und Gehässigkeit fremd, wesensfremd.
Er besaß die Größe, auch Werke zu verstehen und zu loben, die von seinen
grundverschieden waren. Auf das letzte Wort erhob er keinen Anspruch. Aber für einen so
sprachgewaltigen und mitteilsamen Komponisten, einem Musiker mit ausgeprägt
literarischer Phantasie, gab es das sowieso nicht: das letzte Wort. Er hatte immer noch etwas
zu sagen, unerschöpflich, er war nicht am Ende, niemals. Und dies mag auch ein Grund sein,
weshalb mir der heutige Tag wie ein Irrtum vorkommt, wie ein Mißverständnis. Es kann doch
gar nicht wahr sein, daß sich Hans Werner Henze jetzt von uns verabschiedet und fortan in
Schweigen hüllt. Es paßt einfach nicht zu ihm – zu sterben. Und es paßt nicht zu uns, auf ihn
verzichten zu müssen.
Aber der Traum des Komponisten, seine größte Absicht, hatte sich ihm längst zu Lebzeiten
erfüllt: mit seiner Musik die Herzen der Menschen zu berühren und, mehr noch, zu ergreifen und
sogar noch mehr – zu verwandeln. Diese menschenfreundliche Kunst hört niemals auf, sie kann
weder verschwinden noch verstummen. Und deshalb bleiben uns nicht nur die Erinnerungen an
vergangene Begegnungen, Gespräche, Konzerte und Premieren, uns bleibt vor allem die
Gegenwart seiner Musik und seiner Schriften, aus denen der Mensch noch immer zu uns spricht
und die uns seine besten Eigenschaften bewahren: Großzügigkeit, Aufrichtigkeit, Mitgefühl und
Solidarität, Humor und Selbstironie, Neugierde und eine mitreißende Daseinsfreude. Seine Musik
erzählt Geschichten vom Menschen. Geschichten, die uns betreffen und betroffen machen. Nichts
ist vergangen, nichts ist vergeblich. Hans Werner Henze hat keine »Lücke« hinterlassen, sondern
ein reiches, erfülltes, überschwengliches Leben: ein Leben und ein Werk, von dem wir noch hören
werden, solange unser Herz schlägt und die Musik unsere Träume beflügelt.
Peter Ruzicka
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Kategorie
Seele and Geist
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