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Liebe Gemeinde! Was ist eigentlich Familie? Vater, Mutter, Kind

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Evangelische Hoffnungskirchengemeinde Berlin-Pankow
PREDIGT im Gottesdienst am 16.03.2014 in der Hoffnungskirche
(Textgrundlage: Genesis 29, 31-35)
von Vikar Valentin Kwaschik
Liebe Gemeinde!
Was ist eigentlich Familie?
Vater, Mutter, Kind, Oma, Opa…
Ich muss an Familienfotos vom ersten Teil des letzten Jahrhunderts denken.
In der Mitte sitzen die Urgroßeltern mit ihren Geschwistern. Darum eine Vielzahl von
Erwachsenen, Kinder, Enkel und im Vordergrund auf dem Boden sitzen die ganzen
Urenkel. Es passen alle kaum auf das Bild. So reich ist die Familie.
Heute sehen diese Bilder meistens anders aus. Die Familie ist viel kleiner. Die
Familienfotos, die z.B. bei meinen Großeltern an der Wand hängen sind selten
aktuell. Da ist ein Vater abgewandert, eine Freundin dazugekommen, ein Verlobter
wieder gegangen. Familie ist in Bewegung geraten. Und damit auch unser
Familienbegriff.
Mann und Frau ist doch auch eine kleine Familie, oder nicht?! Müssen sie Kinder
haben, um sich Familie nennen zu dürfen? Gehören die Taufpaten vielleicht auch zur
Familie, die engen Freunde, Babysitter, Hausgenossen, der Hamster im
Kinderzimmer, die Familienkutsche vorm Haus…
Manchmal ist Familie das höchste Glück. Ein Bündel von Menschen, die sich
gegenseitig stützen, miteinander das Leben gestalten.
Manchmal ist Familie auch eine Last. Dann sind es vor allem die Menschen, mit
denen man sich ein Leben lang auseinandersetzen muss, weil sie eben dazu gehören.
Jeder wächst in einer Familie auf. Auch wenn sie noch so abwesend ist.
Wir alle haben Wurzeln, die uns tragen oder Kummer bereiten.
Was ist eigentlich Familie? Stützt sie oder hemmt sie mich?
Mit dieser Frage im Hintergrund lade ich sie ein, eine Frau aus dem AT in den Blick zu
nehmen. Eine Schwester, eine Ehefrau, eine mindestens siebenfache Mutter, eine
Erzmutter, ein Familienmensch. Sie lebt ganz füre ihre Familie und hatte dabei nicht
viel zu lachen. Ihr Name ist Lea.
Lea ist die Tochter von Laban, einem Schwager von Isaak.
Sie ist die ältere Schester von Rahel. Sie ist die Große.
Von ihrem Vater wird sie zur Hochzeit mit Jakob gezwungen. Das ist an sich kein
Problem. So war das zu der Zeit. Aber ihr Vater ist ein berechnender Geschäftsmann.
Von vorneherein weiß er, dass er Jakob auch Rahel geben wird, wenn dieser weiter
für ihn arbeitet. Sieben Jahre hat Jakob für Rahel geschuftet. Nun wurde ihm Lea
untergeschoben im wahrsten Sinne des Wortes. Jakob ist so im Liebestaumel für
Rahel, dass er es in der Hochzeitsnacht nicht bemerkt (was für ein Mann!) und wird
nun weitere sieben Jahre für Laban arbeiten. Lea wird zum Mittel zum Zweck. Als
unbeteiligte Frau kommt sie in eine Männerwelt, die von Anfang an schlechte
Vorzeichen hat.
Lea ist die Ältere mit den zärtlichen Augen, aber Jakob liebt die Jüngere mit den
Kurven an den richtigen Stellen.
Schon kurz nach ihrer Hochzeit weiß Lea, dass sie zeitlebens mit ihrer jüngeren
Schwester Rahel das Bett ihres Mannes teilen muss. Was für eine Ausgangslage!
Wie ergeht es Lea damit? (NZB Gen 29,31-35)
Der HERR aber sah, dass Lea zurückgesetzt war, und er öffnete ihren Schoss, während
Rahel unfruchtbar blieb.
Und Lea wurde schwanger und gebar einen Sohn, und sie nannte ihn Ruben, denn sie
sprach: Fürwahr, der HERR hat mein Elend angesehen; nun wird mein Mann mich lieben.
Und sie wurde wieder schwanger und gebar einen Sohn, und sie sprach: Fürwahr, der
HERR hat gehört, dass ich zurückgesetzt bin, und hat mir auch noch diesen gegeben. Und
sie nannte ihn Simeon.
Und sie wurde wieder schwanger und gebar einen Sohn, und sie sprach: Nun endlich wird
mein Mann mir anhänglich sein, denn ich habe ihm drei Söhne geboren. Darum nannte sie
ihn Levi.
Und sie wurde wieder schwanger und gebar einen Sohn, und sie sprach: Nun will ich den
HERRN preisen. Darum nannte sie ihn Juda. Dann hörte sie auf zu gebären.
Lea flüchtet sich in den Muttersegen und ins Bett ihres Mannes. Sie schenkt einem
Sohn nach dem nächsten das Leben. Aber alle Söhne reichen nicht, um das Herz ihres
Mannes zu öffnen. Jakob liebt Rahel. Dieser kurze Satz umfasst die ganze Misere von
Lea. Ihr Mann liebt eine andere. Noch dazu eine, die mit zur Familie gehört. Vor der
Lea nicht weglaufen kann. Lea sieht Rahel jeden Tag. Sie gehört zum Leben dazu.
Ist das auch Familie? So viel Schmerz und Glück auf ganz engem Raum…
Lea hat die Ehre der Mutterschaft. Sie ist fruchtbar. Nach gängigem Sinne etabliert
sie die Familie. Sie sorgt für Kinder, Nachkommenschaft. Sie sorgt für Zukunft.
In einem Atemzug bringt sie vier Söhne zur Welt. Ihr ganzes Leben dreht sich nur
noch um das Mutterglück. Nichts anderes wird mehr erzählt.
Was bleibt ist die Sehnsuch nach der Liebe ihres Mannes.
Andererseits ändert sich mit jedem Kind etwas bei Lea. Es ändert sich ihr Bezug zu
Gott. In all der Verzweiflung und dem Glück ist Gott ganz nahe. Und in jedem
Namen, den Lea ihren Söhnen gibt, spiegelt sich diese Gottesnähe wider.
Gott sieht, dass Lea nicht geliebt wird und erbarmt sich. Er öffnet ihr den
Mutterschoß. Er schließt ihre eine Zukunft auf. Gott nimmt Anteil an ihrem Leid.
Noch bevor sie überhaupt aktiv geworden ist. Noch bevor sie sich bei Gott beklagt
hat über ihr Leid. Gott ist da. Gott sieht Lea.
Aber Lea sieht es nicht. Lea sieht nur Jakob. Sie sehnt sich nach der Liebe ihres
Mannes. Als Jakob nicht auf Lea und Ruben reagiert, nicht Anteil nimmt am
Kinderglück, beginnt Lea zu Gott zu beten. Sie klagt Gott ihr Leid. Und Gott hört. Hört
ihr zu. So bringt Lea Simeon zur Welt und sagt sich:
Gott hat mich erhört. Gott ist für mich da.
Und was macht Jakob? Jakob hält sich weiter zu Rahel.
Ich frage mich, wie das eigentlich geht, wo er doch ständig mit Lea schläft.
Eine schöne Vorstellung ist das nicht.
Der nächste Sohn, Levi, bringt Leas ganze Hoffnung auf den Punkt: Jetzt wird Jakob
sich ganz an mich hängen. Jetzt wird er mir mal den Vorzug geben. Drei Söhne habe
ich ihm geboren! Wieviel denn noch?
Jakob scheint es nicht um die Nachkommenschaft zu gehen. Seine Liebe zu Rahel ist
unerschütterlich.
In diesem Moment scheint Lea ein Licht aufzugehen.
Sie hört auf mit ihrem Unglück zu hadern. Wie anders kommt sie dazu, für ihren
vierten Sohn Gott zu preisen? Sie nimmt ihre Augen von Jakob und wendet sich ganz
Gott zu, der sie durch das Leben führt. In der Zumutung ihres Lebens findet sie zu
einem Lob Gottes.
Wie schwer das doch oft ist! Inmitten der unglücklichen Lebensumstände die
Lichtblicke zu sehen. Manchmal ist es schwer, dass Glück überhaupt zuzulassen.
Muss Lea nicht unglücklich sein? Ist es nicht ihr gutes Recht, verzweifelt zu sein?
Es ist doch verquer, in so einer Situation Gott zu loben!
Als Hauptfrau zur Geburtsmaschine degradiert, ungeliebt und nur ausgehalten…
Andererseits macht sie die Erfahrung, dass Gott ihre eine neue Perspektive eröffnet.
Sie darf ihre Fruchtbarkeit feiern. Und sie kommt zu dem Schluss: Kindergeschrei ist
Zukunftsmusik. Sie kommt zu dem Schluss, dass Gott ihr eine Zukunft
aufgeschlossen hat im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat ihren Mutterschoß
geöffnet. Er hat sein Erbarmen auf sie fließen lassen. Auch wenn sie es nicht gleich
gesehen hat, so ist sie doch Schritt für Schritt darauf zu gegangen.
Während ihre Schwester mit der Unfruchtbarkeit hadert und mit Gott um jedes
Kind kämpft, wird Lea dieser Kampf erspart. Sie lebt ganz aus dem Erbarmen Gottes.
Und findet so auch Wege mit ihrer Schwester und ihrem Mann umzugehen.
Am Ende wird sie in der Höhle der Familie neben Jakob begraben. Für Rahel findet
Jakob eine andere Ruhestätte. Lea aber ist mit ihrer Familie zur Ruhe gekommen.
Und die Nachwelt hat ihr eine große Hochschätzung entgegengebracht.
Schließlich hat sie weitere Söhne geboren und auch eine Tochter. Und aus ihren
Söhnen ist sowohl das Priestertum (Levi) als auch das Königstum (Juda)
hervorgegangen. Aus ihrer Linie ging schließlich auch Jesus hervor, so dass auch wir
aus der Zukunft leben, die Lea für sich gefunden hat.
Lea hat ihren Weg mit Gott gefunden. Sie hat das Leben unter neuen Vorzeichen
gesehen. Inmitten der Männerwelt hat sie ihren Platz eingenommen als Vielfache
Mutter, die – wie ihre Schwester auch – ihren Söhnen Namen geben kann. Mit jedem
Sohn deutet sie ihr Leben vom Erbarmen Gottes her und zeigt damit auch uns, dass
Leben trotz allem gelingen kann.
Denn Gott gedenkt an sein Erbarmen. Gott sieht die Zumutungen mit denen wir
leben müssen. Gott hört unsere Klagen. Mit seinem Erbarmen öffnet er neues Leben.
Im Hebräischen ist das übrigens das gleiche Wort: Mutterschoß und Erbarmen.
Wie Lea ihren Kindern das Leben schenkte, so schenkt Gott uns auch heute eine
Zukunft.
Ich höre diese Sätze, die ich hier sage als ein Zuspruch.
Gott sieht die Zumutungen des Lebens… das ist meine Hoffnung. Nicht immer fällt es
leicht, das so zu sagen. Das kostet Kraft, manchmal auch Ausdauer. Lea hat vier
Kinder zur Welt gebracht bis sie es gesehen und gespürt hat…
Am Anfang habe ich gefragt, was eine Familie ist?
Mit Lea würde ich sage: Familie ist manchmal Last und manchmal Stütze, manchmal
Glück und manchmal eine Herausforderung. Familie ist ein Bündel von Menschen,
die irgendwie miteinander auskommen müssen.
Familie - das sind Menschen, die zusammengehören.
Und: Zur Familie gehören nicht nur Mann, Frau, Kind…, Freunde und Hausgenossen,
sondern immer auch unser aller Vater im Himmel, der mit seinem Erbarmen eine
Zukunft ermöglicht.
Amen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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Seele and Geist
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